Fotomenschen

Fotomenschen

By Dirk PrimbsHistory
Download on the App Store

Fotomenschen episodes

  • Arbeitende Kinder

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Lewis W. Hine fotografierte über Jahrzehnte hinweg Kinderarbeit in den USA und gehört zu den wenigen Fotografen die wahrscheinlich durch ihre Fotografien Gesetzgeber zum Handeln brachten.

    • Lewis W. Hine (Wikipedia English, Deutsch)
    • Ellis Island (Wikipedia)
    • Sadie Pfeifer, 48 inches high
    • LEWIS WICKES HINE: FOTOGRAF DER VERLORENEN KINDHEIT
    • 26.09.1874 – Geburtstag des Fotografen Lewis W. Hine (WDR Beitrag)
    • Buch: Lewis W. Hine. America at Work (Hardcover, Taschen, 16€)
    • „Alle haben geraucht“ (Die Zeit)
    • Dieser Fotograf beendete das Elend der Kinderarbeit in den USA
    • Unicef – Kinderarbeit weltweit: Die 7 wichtigsten Fragen und Antworten
    • Unicef Foto des Jahres
    • aktiv gegen kinderarbeit

    Tranksript

    Als die Industrialisierung in Ländern wie den USA ankam, brauchte sie vor allen Dingen eins: billige Arbeitskräfte. Und die billigsten Arbeitskräfte, das sind die Kinder armer Familien. Sie sind billig, sie sind schnell, sie trauen sich nicht, zu streiken und es gibt viele. Kein Wunder, dass die Land auf, Land ab im Einsatz sind. Sie sind Minenarbeiter, Fabrikarbeiter, helfen bei Ernten, laufen als Botenjunge und Zeitungskinder durch die Straßen.

    Und die Menschen, die nicht zu den Armen gehören, schauen sich das an und finden nichts dabei, denn sie wissen ja nichts über die Bedingungen, bei denen diese Kinder arbeiten. Ein Zustand, der sich dank der Fotografien eines bemerkenswerten Mannes ändern sollte: Lewis Wickes Hine.

    Ich habe so einige Stunden diese Woche damit zugebracht, mich durch Lewis Hines Bilder zu blättern. Es gibt vom Taschenverlag ein Buch, in dem sein Gesamtwerk abgebildet ist. Geboren wird er im Jahr 1874 in Wisconsin. Als sein Vater stirbt, als er gerade mal 16 war, wird es notwendig, dass er zum Familieneinkommen beiträgt, und so fängt Lewis zu Arbeiten an. Ob da vielleicht sogar schon ein Grundstein für sein späteres Werk gelegt wird, kann man nur spekulieren, aber in jedem Fall weiß man, dass Lewis von Anfang an viel mit der arbeitenden Bevölkerung zu tun hatte, mit Menschen, die nicht immer gut gestellt waren.

    Es ist das Jahr 1900, als er ein Pädagogikstudium in Chicago beginnt und wenige Jahre später an der Ethical Culture School in New York eine Anstellung als Lehrkraft antritt. Hier findet Lewis Hine auch zur Fotografie, damals noch im Kollodium-Nassplatten-Verfahren, und beginnt irgendwann schließlich auch Fotokurse zu geben.

    An seiner Schule sind viele Einwanderer eingeschrieben, hauptsächlich osteuropäischer oder jüdischer Abstammung. Ein Großteil der Einwanderer in der damaligen Zeit kommen durch New York. Und alle mussten Station auf Ellis Island machen, einer kleinen Insel im Hudson River, auf dem die Einwanderungsbehörden der USA sämtliche Formalitäten erledigen. Alle Migranten, die zu der Zeit von der Seite in die USA einreisen, müssen durch diese Insel.

    Und Lewis beschließt, daraus ein Fotoprojekt zu machen. Es entstehen die ersten eindrücklichen Aufnahmen von Einwanderern, Menschen, die sich den Formalitäten unterwerfen, die dort Treppen hochsteigen und in Warteräumen sitzen.

    Das, was Lewis Hine schon damals macht, hat heute einen Namen, nämlich Sozialreportage, aber zu der Zeit gab es das kaum. Niemand machte sich die Mühe, Menschen dabei zu fotografieren, wie sie ihrem Alltag nachgingen. Und schon gar nicht, wenn diese Menschen im Grunde benachteiligte, oft arme Leute aus anderen Ländern sind. Lewis spricht auch mit seinen Fotomotiven, er macht Notizen. Und so wissen wir oft nicht nur, welche Szene eine Aufnahme zeigt, sondern haben auch Details zu einzelnen der Menschen, die darauf abgebildet sind. Name, Alter, woher sie kommen, was sie machen.

    Je mehr Lewis fotografiert, desto mehr beginnt er auch, sich für die theoretische Seite seiner Leidenschaft zu interessieren. Er fängt an, Artikel in Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Das Themenspektrum ist weit: Mal geht es um die Wirkung von Fotografien, mal schreibt er über die pädagogischen Ideen in seiner Arbeit. Und dann wieder äußert er sich zu den sozialen Bedingungen, die er antrifft.

    Es ist diese Zeit, in der er auch den Soziologen Paul Kellogg kennenlernt. Er ist Herausgeber der Zeitschrift namens „The Survey“ und Lewis Hine wird in den folgenden 30 Jahren Bilder in diesem Magazin veröffentlichen. Zu der Zeit, als die zwei Männer sich kennenlernen, arbeitet Kellogg gerade an einer Studie, in der er sich mit den Zuständen in der aufstrebenden Industriestadt Pittsburgh beschäftigt und Lewis Hine soll die Fotografien zu diesem Projekt beisteuern. Kellogg geht es darum, die wirtschaftlichen Faktoren mit der Politik seiner Zeit durch Reportageelemente zu verbinden und da sind natürlich Fotografien einzigartig mächtig.

    Hine fährt also durch die Industrieanlagen Pittsburghs und macht Fotos von den Arbeitern und ihren Familien und wer zu der Zeit in Fabriken fotografiert, konnte gar nicht anders, als auch Kinder beim Arbeiten zu sehen. Und auch die fotografiert Hine.

    Jetzt ist es nicht so, dass Hine als erster Kinderarbeit entdeckt hat. Tatsächlich hat zu der Zeit die USA ein immer deutlicher werdendes Kinderarbeitsproblem. Im Jahr 1910 sind über 2 Millionen Kinder unter 15 Jahren nicht in der Schule, sondern im Beruf. Die Arbeiten sind oft anstrengend und nicht selten auch gefährlich und so kommt es auch immer wieder auch zu bedauerlichen Unfällen. Es gibt kaum eine Gesetzeslage, die die Kinder schützen würde. Und es gibt nur wenige, die für diesen Schutz kämpfen.

    Es ist dieses Klima, in dem das National Child Labor Committee gegründet wird, eine Non-Profit-Organisation, die sich für entsprechende Gesetzgebung einsetzen will und die Macht der Bilder erkennt. Hine hat sich zu der Zeit bereits einen Namen mit seinen Fotografien für die Studie und seinem Projekt auf Ellis Island gemacht und so beschließt das NCLC, einen offiziellen Fotografen anzustellen und wendet sich an ihn. Er sagt zu und die nächsten Jahrzehnte wird Hine kreuz und quer durch die USA reisen und Kinder fotografieren. Und diese Bilder werden in „The Survey“, in Publikationen der NCLC oder auch in Vorträgen und anderen Publikationen von Lewis Hine selbst veröffentlicht.

    Nach und nach greifen auch immer öfter Zeitungen auf Bilder von Lewis Hine zurück. Und als US-Politiker anfangen, erste Gesetzesinitiativen auf den Weg zu bringen, sind es die Bilder von Lewis Hine, die letztlich den Ausschlag geben. Er hat ganze Serien von Aufnahmen, wo kleine Kinder, manchmal nur vier oder fünf Jahre alt, an gigantischen Maschinen arbeiten, wo Kinder zwischen sieben und zwölf in Minen arbeiten, Bilder von Kindern, die ihre Hände in Maschinen gebracht haben und seitdem invalide sind, Fotografien von Zeitungsjungen, die von drei Uhr Nachts bis Abends um elf Zeitungen verkaufen und dafür zehn Cent am Tag verdienen.

    Und Lewis hat nicht nur diese Bilder, er hat auch immer ein paar Zeilen dazu. Er weiß, wer auf dem Bild ist. Lewis schreibt auf, welches Alter die Kinder angeben und welches Alter er schätzt. Inzwischen weiß er, auf welcher Höhe ungefähr jeder Knopf auf seinem Mantel ist und er kann durch Abzählen der Knöpfe grob schätzen, wie groß die Kinder sind und eine grobe Altersangabe machen.

    In manchen Fabriken ist er natürlich nicht willkommen. Die Vorarbeiter sehen es nicht gerne, dass ein Fotograf auftaucht. Und so findet er alle möglichen Wege, um sich seine Fotos zu besorgen. Manchmal gibt er sich als Vertreter für Bibeln aus und sagt, er hat eine Kamera dabei, damit er seine Kundinnen und Kunden beim Bibellesen fotografieren kann, besonders Kinder mit Bibeln wären ihm sehr recht. Oder er stellt sich mit seiner Kamera einfach vor die Fabrik und fotografiert die Kinder beim Kommen und Gehen.

    Lewis Hine macht tausende solcher Aufnahmen. Aber das berühmteste seiner Bilder zeigt die kleine Sadie Pfeifer. Sie ist eines von vielen kleinen Kindern, die in einer Baumwollspinnerei die Maschinen bedienen.

    Was ich sehr interessant fand, war, beim Durchblättern von Lewis Hines Werk, dass er anders als seine Zeitgenossen zu fotografieren schien. Seine Bilder haben meistens einen sehr präzisen Bildaufbau. Ich schätze, daran erkennt man unter anderem auch den Fotolehrer. Aber der Bildaufbau bei Lewis Hine ist im Grunde immer der Gleiche. Je nach Bildmotiv sind zum Beispiel Kinder auf der rechten Seite vor einer an ihm vorbeilaufenden großen Maschine abgebildet, immer ungefähr in derselben Position. Oder kleine Kinder stehen in der Mitte der Aufnahme und schauen direkt in die Kamera, die Kamera ganz offensichtlich leicht unterhalb ihrer Augenlinie, sodass man nach oben schauen muss. Lewis begibt sich grob auf Augenhöhe seiner fotografierten Kinder und dadurch werden die Betrachterinnen und Betrachter dazu gezwungen, sich mit dem Motiv zu identifizieren. Außerdem arbeitet Lewis Hine mit selektiver Schärfe. Die Schärfe liegt präzise auf dem Kind.

    Der Hintergrund und der Vordergrund verschwimmen in aller Regel leicht in der Unschärfe. Man sieht eine gewaltige Maschine mit einem Streifen Schärfe dran und ein arbeitendes oder Pause machendes Kind. So lassen sich diese Aufnahmen kombinieren, nebeneinander stellen, es ist eine schier endlose Aneinanderreihung von Bildern, die den industriellen Komplex in den USA noch mächtiger aussehen lassen.

    Und seine Bilder beeindrucken. Es gibt ja ungefähr zu der Zeit noch einen anderen großen sozialen Fotografien, nämlich Jacob Riis. Die beiden Männer kannten sich sogar. Während Jacob sich mit den Lebensbedingungen der Menschen in New York und in den USA allgemein beschäftigte, ging es Lewis in erster Linie um die Arbeitsbedingungen. Und seine Arbeit zeigt Wirkung. Nach und nach werden entsprechende Forderungen aufgestellt und Gesetzesentwürfe veröffentlicht. Riis ist zu der Zeit der Chef der NCLC Ausstellungsabteilung und macht bis zu elf Fotoausstellungen im Jahr. Und die Ausstellungen touren zum Teil bis zu 60 Städte.

    Im Jahr 1912 gründet die US-Regierung das US Children’s Bureau, 1916 bis 1918 werden dann endlich Gesetze verabschiedet, die Kinder schützen sollen. Allerdings greifen diese Gesetze in die Autonomie der US-Bundesstaaten ein und so kommt es schnell zu Klagen, woraufhin das oberste Gericht der USA diese Gesetze zunächst wieder annulliert.

    Ultimativ dauert es bis in die 30er, bis die USA ordentliche Kinderschutzgesetze verabschieden. Und der Hintergrund ist damals auch ein zynischer: Die Weltwirtschaftskrise schlägt zu. Und die ersten, die durch die Weltwirtschaftskrise ihre Arbeit verlieren und nicht mehr gebraucht werden, sind die Kinder der Armen, dicht gefolgt von den Armen selbst. Und in einer Wirtschaft, in der es sowieso nicht genügend Arbeit gibt, um alle zu beschäftigen, ja, da hat sich das mit der Kinderarbeit auch erstmal erledigt. Und dieser Moment wird dann vom Gesetzgeber auch genutzt. Als die Weltwirtschaftskrise vorbei ist, gibt es in den USA ordentliche Kinderschutzgesetze, auch auf Bundesebene.

    Und Lewis Hine kann von sich behaupten, einen nicht unwesentlichen Anteil an dieser gesamten Bewegung gehabt zu haben. Und das galt natürlich insbesondere deswegen, weil Lewis Hine einen fotografischen Stil und ein Thema gewählt hatte, das so noch nie dagewesen war und die Menschen aufrüttelte. Eltern sahen Kindern in die Augen, die unter entsetzlichen Bedingungen schuften mussten und da war es einfach sehr klar, dass eine Schule ein besserer Ort für ein Kind ist. Die so bebilderten Kampagnen rannten dann offene Türen ein.

    Und so blieb es auch bei Lewis Hine nicht bei den Bildern von Kinderarbeitern, nach mehreren Jahren Fotografie mit sozialem Auftrag fand er ein neues Schaffensfeld: Er wurde vom Roten Kreuz angestellt und nach Europa geschickt. Dort fotografierte er die Bemühungen des Roten Kreuzes, also zum Beispiel in Kriegslazaretten. Und auch hier richtet er seine Kamera auf den Alltag und auf die einfachen Leute, Krankenschwestern, Veteranen, die Familien der verletzten Soldaten, die Kriegsweisen.

    Und was man hier auch nach und nach sieht, ist, dass Hine seinen Blickwinkel verändert. Aus Fotografien, die auf soziale Missstände hinweisen, werden Bilder der Arbeiterklasse.

    Als er dann in die USA zurückkehrt, ist das sein Haupttätigkeitsfeld. Wieder reist er durch die USA und wieder fotografiert er hauptsächlich die einfachen Menschen, aber jetzt die Arbeiter und jetzt auch oft mit einem deutlich positiverem Blick. Seine Bilder werden regelmäßig in Firmenzeitungen abgedruckt oder für Werbekampagnen gekauft. Und irgendwann bekommt er den Auftrag, das im Bau befindliche Empire State Building als offizieller Baustellenfotograf zu begleiten.

    Und hier bringt er alles zusammen, was er in den Jahrzehnten zuvor an Kenntnissen zusammengetragen hatte. Er ist an den Arbeitern interessiert. Im Stil sehen die Bilder sehr vertraut aus. Ich hab ähnliches von Margaret Bourke-White gesehen, oder auch Bilder wie „Lunch atop a Skyscraper“, wo ein Stahlträger mit darauf sitzenden Arbeitern abgebildet ist, sehen sehr ähnlich aus wie Aufnahmen, die Lewis Hine hinterlassen hat. Männer, die auf Stahlträgern in schwindelnder Höhe balancieren. In diesen Aufnahmen gibt es keine Missstände anzuprangern. Hine nutzt seine Ästhetik, um den einfachen Mann bei der Arbeit zu feiern. Und diesem Thema bleibt er dann auch bis zum Ende seines Lebens treu.

    Nach dem Empire State Building gibt es jetzt keine großen Aufträge mehr, aber Hein fotografiert bis zu seinem Lebensende weiter, meistens Portraits. Und weil er nicht besonders geschäftstüchtig ist, geht ihm nach und nach auch das Geld aus. Als seine Frau stirbt, ist er fast mittellos, zieht bei seinen Kindern ein und beschäftigt sich bis zu seinem Tod mit Schreiben und Fotografieren. Und geriet dann erstmal in Vergessenheit.

    So richtig berühmt war er sowieso nie geworden. Seine Arbeit war immer im Schatten anderer Frontfiguren gestanden und so dauert es fast bis in die 70er, bis eine groß angelegte Ausstellung sein Werk nochmal der Öffentlichkeit vorstellt und damit sehr deutlich macht, wie viel Einfluss seine Arbeit auf die Bildarbeit der damaligen Zeit hatte. Die Fotografinnen und Fotografen, die parallel zu ihm oder kurz nach ihm kamen, kannten seine Fotografien ja sehr wohl. Seine Bilder waren Inspirationsquelle, seine Essays waren gelesen worden und so erkennt man seinen Einfluss bis heute. Und bis heute gibt es auch Fotografinnen und Fotografen, die sich mit denselben Themen beschäftigen. Da gibt es Bildbände, in denen einfache Arbeiter portraitiert werden und es gibt Bücher, die sich mit Kinderarbeit beschäftigen.

    Wir haben jetzt gerade, während ich aufnehme, das Jahr 2021 und laut der UNICEF ist dieses Jahr zum ersten Mal wieder mal ein Jahr, in dem die Kinderarbeit global zugenommen hat. 160 Millionen Kinder unter 14 Jahren arbeiten weltweit unter Bedingungen, unter denen Kinder nicht arbeiten sollten. Und damals wie heute gibt es Menschen, die darauf aufmerksam machen und versuchen, mit Fotografien aufzurütteln. Leider ist unsere Welt viel, viel zynischer geworden und deswegen reicht schon lang keine fotografische Arbeit mehr aus, um Regierungen zum Handeln zu bewegen. Was aber nicht heißt, dass es das nicht weiterhin wert ist. Lewis Hine hätte gesagt, es ist es immer wert, dem Menschen zu zeigen, was sonst viel zu einfach wegzuignorieren ist. Und ich finde: Da hat er Recht.

    17 min
  • Weltraumfotografie

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Als die Menschheit sich auf den Weg ins All machte spielte die Fotografie nur eine untergeordnete Rolle. In dieser Episode erzähle ich wie sich das veränderte…

    • Walter Schirra (Wikipedia)
    • Die US Weltraumprogramme Mercury, Gemini und Apollo (Wikipedia-Links)
    • Michael Collins (Wikipedia)
    • Hasselblad (Wikipedia), Hasselblad Webseite
    • Das Foto das John Glenn als sein wichtigstes bezeichnete. Geschossen am 20.02.1962 aus dem Fenster der Mercury 6 Kapsel Friendship 7
    • The camera that went to the moon and changed how we see it
    • Remaking the First Hasselblad in Space
    • Mondlandung (Wikipedia)
    • Donald Pettit (Wikipedia)
    • How NASA turns astronauts into photographers
    • Spheres of Earth – An introduction to making observations of Earth (NASA Kursmaterial)
    • Fotomenschen Episode „Einmal Mond und zurück“
    • Project Apollo Photo Archive auf Flickr
    • Offizielle NASA Bildergallerien

    Transkript

    Als die ersten Astronauten sich anschickten, die Erde zu umrunden oder sich Richtung Mond aufzumachen, da war Fotografie kein Thema. Das können wir uns heute, wo der Anblick der Erde aus dem Weltraum so vertraut ist, eigentlich gar nicht mehr vorstellen.

    Es ist das Jahr 1961. Der damalige US-Präsident John F. Kennedy spricht zum Kongress und kündigt an, dass die USA vor dem Ende der der Dekade den ersten Menschen auf dem Mond landen werden. Eine Mission, mit der er dann auch durch die Nation tourt und die Menschen begeistert. Ein nennenswerter Teil seines Rufs als visionärer Präsident beruht wahrscheinlich auf dieser Idee.

    [Einspieler]

    „But why, some say, the moon? Why choose this as our goal? And they may well ask, why climb the highest mountain? Why, 35 years ago, fly the atlantic?“

    Das gibt eine schöne Perspektive. 35 Jahre vorher war tatsächlich zum ersten Mal mit einem Flugzeug der Atlantik überquert worden. Es sind diese Reden, die unter anderem das starten, was man heute als den Wettlauf in den Weltraum oder im Englischen „The Space Race“ beschreibt.

    [Einspieler]

    „… we go to the moon in this decade and do the other things, not because they are easy but because they are hard.“

    Und die Amerikaner werfen alle ihre Ressourcen auf das Problem. Am 5. Mai 1961 ist Alan B. Shepard Jr. der erste Amerikaner, der in einer „Freedom 7“ genannten Blechbüchse die Erde umkreist. Diese Kapsel hatte noch nicht mal Fenster, durch die man hätte fotografieren können. Fotografie war auch nicht die Priorität bei diesem Flug, denn es ging eigentlich nur darum, zu zeigen, dass man einen Menschen lebendig in den Orbit und wieder zurückbringen kann. Wobei, den Orbit hat man noch nicht mal angesteuert. Es war gerade mal so Weltall und war tatsächlich auch nur ein Flug von einigen Minuten. 

    Am 20. Februar 1962 macht dann John H. Glenn Jr. den ersten vollen Orbit. Dreimal durfte er die Erde umkreisen und die Kapsel hatte Fenster. Und so überlegte sich John Glenn, eine Kamera mitzunehmen. Er überlegte, ob er sich seine private Leica mit einpacken sollte, entschied sich aber dann doch für eine kompakte Minolta, die war einfach kleiner und leichter. Und mit der machte er einige Farbfotos aus dem Weltall.

    Und so ging dann die Mercury 7-Mission als die Mission ein, von der ein Astronaut aus die ersten Fotografien aus dem All machte. Spannend finde ich daran, dass zu dem Zeitpunkt das Mercury-Programm immerhin schon 4 Jahre alt war, die Idee, zu fotografieren, aber eine Privatidee war. Klar hatten wir inzwischen schon Satellitenfotos vom Mond und von der Erde, aber die spielten in etwa die Rolle einer Temperaturmessung.

    Nach Mercury 7 kommt natürlich Mercury 8. Und diesmal war ein Mann namens Walter Schirra für die Mission mit eingeplant. Der hatte die Bilder der vergangenen Mission gesehen und meinte, das muss doch besser gehen. Bisher war ja mit einer Kompaktkamera fotografiert worden und so wurde ihm der Rat gegeben, sich nach einem Mittelformatsystem umzusehen. Walter Schirra setzte sich also ins Auto und fuhr in Houston in ein Kamerageschäft und ließ sich beraten. 

    Und das System, für das er sich damals entschied, ist bis heute untrennbar mit dem amerikanischen Space Program verbunden. Er kaufte nämlich eine Hasselblad. Die Kamera sollte auch nicht nur innerhalb der Kapsel betrieben werden können, sondern sie sollte auch von Astronauten in Raumanzügen auf Spacewalks oder dann später auf dem Mond eingesetzt werden können. Und so machte man sich daran, zusammen mit dem Techniker Roland „Red“ Williams die Kamera zu modifizieren, damit sie im Weltall tatsächlich funktionieren kann.

    Eine der ersten Dinge, die modifiziert wurden, war die Farbe. Die Originalkamera hatte eine Menge Chrom außenherum und luxuriöses Leder. Und beides konnte man nicht brauchen. Das Leder würde im Vakuum ausgasen und das Chrom würde reflektieren. Also runter mit dem Leder und das Chrom wurde schwarz angemalt. Eigentlich auch ganz witzig in dem Kontext, dass heutige Hasselbladkameras gerne mal in „Space Grey“ verkauft werden. Und „Space Grey“ waren die Kameras nicht, sondern schwarz. 

    Neben Farbe und Belederung gab es aber auch einige funktionale Änderungen. Man kann mit Raumanzughandschuhen nun mal keine kleinen Knöpfe drücken und man kann es auch nicht brauchen, dass man eventuell im Weltall aus Versehen hinten den Film entfernt. Und dann war es auch so, dass auch eine Kamera ein Gewicht hat und es Mechanismen gibt, die man erstens sowieso nicht wirklich braucht und zweitens unnötig als Gewichtsverschwendung empfand. Und so hatten die Hasselblads, die dann später mit dem Apollo-Programm zum Mond fliegen sollten, weder einen Spiegel, noch einen Viewfinder. Wenn man einen Astronautenhelm auf hat, kann man sich sowieso kaum auf einen Viewfinder konzentrieren und deswegen wurde dieser gesamte Mechanismus entfernt und die Astronauten hatten die Aufgabe, die Kamera einfach grob in die richtige Richtung zu halten und auszulösen. 

    Außerdem kann man bei einer Kamera im Weltraum bestimmte Bestandteile überhaupt gar nicht gebrauchen, zum Beispiel würden Fette und Öle wegkochen oder ausdampfen. Und wenn man den Film dann schon nur innerhalb der Kapsel wechseln kann, dann wäre es natürlich auch schick, wenn die Kammer größer wäre und der Film mehr Fotos aufnehmen könnte. Entsprechende Modifikationen gab es dann natürlich auch, zusammen mit später dann auch einem motorisierten Weitertransport. Mussten also die ersten Astronauten noch kurbeln, nachdem sie fotografiert hatten, war dann später eine Automatik am Werk.

    Walter Schirra also flog mit dieser ersten modifizierten Hasselblad ins Weltall und machte Aufnahmen. Und die waren jetzt nicht perfekt fokussiert und zum Glück ist Film tolerant als Medium und deswegen funktionierte auch das Schätzen von Belichtungszeiten ganz gut, aber erst mit der Nachfolgemission, mit Mercury 9 hatte man dann einige der Kinderkrankheiten so ausgemerzt, dass die Bilder derart detailliert und scharf wurden, dass der NASA aufging, eventuell eine eigene fotografische Abteilung zu gründen. 

    Mercury 8 und Mercury 9 brachten tatsächlich einige hundert Bilder mit zurück und ab jetzt gehörte Fotografie zum Training der Astronauten. Also die Bedienung von Kameras. 

    Nach Mercury kam das Gemini-Programm. Hier ging es dann schon eher ans Eingemachte. Das Ziel des Gemini-Programmes war, herauszufinden, wie sich Langzeitaufenthalte im Weltall auf Menschen auswirkt, außerdem perfektionierte man den Wiedereintritt in die Atmosphäre und arbeitete an den verschiedenen Möglichkeiten, im Weltraum verschiedenste Objekte aneinander andocken zu lassen. Gemini hat zehn bemannte Flüge absolviert. Und Walter Schirra war einer der Crewmitglieder. Überhaupt ist Walter Schirra der einzige Astronaut, der von sich behaupten kann, bei allen drei Raummissionen, Mercury, Gemini und Apollo, Crewmitglied gewesen zu sein. 

    Für Gemini jedenfalls wollte man detailliertere Fotos der Erdoberfläche machen und deswegen entschied man sich, anstatt der bisher verwendeten 80mm-Zeiss-Optik, was in etwa einer sogenannten „Normalbrennweite“ entspricht, konnten die Astronauten jetzt auch noch auf ein Teleobjektiv zurückgreifen. Und wenig später gab es dann auch noch extra ein Weitwinkelobjektiv. Alle Optiken jeweils von Zeiss, alle Kameras jeweils von Hasselblad. 

    Gelegentlich fotografierten die Astronauten sich jetzt auch gegenseitig. Von innerhalb der Kapsel durchs Fenster den ersten Amerikanischen Space Walk zum Beispiel. Und der Astronaut Michael Collins darf für sich beanspruchen, das erste Indoorselfie im Weltall geschossen zu haben. Außerdem hat er den ersten schwedischen Satteliten ausgesetzt, als er nämlich bei Gemini 10 einen Space Walk machen durfte und die Kamera mitnahm, verlor er die dann auch prompt und wahrscheinlich verglühte die, aber irgendwie gefällt mir auch die Vorstellung, dass da vielleicht eine Hasselblad immer noch durchs Weltall trudelt.

    1966 dann ist Buzz Aldrin zum ersten Mal auf einem Space Walk und er hat auch eine Hasselblad dabei. Und er ist dann auch der Erste, der diese Kamera dafür benutzt, um sich selbst bei einem Space Walk zu fotografieren. Das erste Selfie in Space, und zwar outdoors, die Erde im Hintergrund, und begründet damit heute eine Tradition unter Astronautinnen und Astronauten. Buzz Aldrin erinnerte auch immer gerne daran, dass er diese Tradition gestartet hätte, eventuell ist das aber auch Ausdruck der Selfie Culture, ist ja auch egal, jedenfalls begründet das auch die Diskussion darüber, was denn das erste Selfie in Space gewesen wäre. War es dann doch Michael Collins innerhalb der Kapsel oder Buzz Aldrin außerhalb der Kapsel? Schwer zu entscheidende Frage. 

    Aber wir wissen natürlich, alles bis jetzt war natürlich Vorgeplänkel für den eigentlichen Run zum Mond. Mit Apollo 11 ist es dann endlich soweit.

    [Einspieler: Startsequenz von Apollo 11]

    Für Hasselblad markiert das Apollo-Programm den Moment, in dem sie ganz offiziell mit der NASA zusammengearbeitet haben. Bis hier hin waren ja im Laden Kameras gekauft worden und dann von der NASA selbst modifiziert. Aber mit Gemini war einfach sehr klar geworden, dass Fotografie ein essenzieller Bestandteil der NASA-Programme werden würde, es wurde eine eigene Abteilung gegründet und es wurde ganz offiziell mit Hasselblad und mit Zeiss, den zwei großen Herstellern, mit denen bisher gearbeitet wurde, Verbindung aufgenommen und zusammengearbeitet. Alle berühmten Mondfotos, die wir heute so kennen, inklusive der berühmten Aufnahme „Earth Rise“ vom Astronauten Bill Anders, über die wir auch schon mal gesprochen haben, wurden mit solchen offiziell modifizierten Hasselbladkameras gemacht. 

    Und schnell wurde auch klar, dass einige der Anpassungen, die im Orbit der Erde essenziell gewesen waren, auf dem Mond anders aussehen mussten. Beispielsweise herrschte dort eine deutlich größere Hitzeeinstrahlung. Die Kamera durfte nicht mehr schwarz sein. Sie musste jetzt doch wieder silbern werden. Ein Polfilter wurde vorne angebracht, ein Motor, der den Film weitertransportierte. Und alles, was Plastik an dieser Kamera war, musste mit Metall ersetzt werden. Letztendlich musste die Kamera präzise funktionieren, und das, obwohl sie mal -150°C im Schatten und im nächsten Moment 120°C in der Sonne aushalten musste. Interessante Herausforderung. 

    Zum Mond reisende Kameras gab es in zwei Varianten. Eine Variante, die innerhalb der Kapsel verwendet wurde und eine Variante außerhalb der Kapsel. Die Kameras außerhalb der Kapsel hatten außerdem noch dieses charakteristische Kreuzgrid. Das hatte den Sinn, dass man sofort auf dem Bild sehen konnte, wo die Mitte war und mit Hilfe der Kreuze sehr genaue Messungen anfertigen konnte. 

    Die Kameras wurden manuell bedient. Es gab da keine Belichtungsautomatik. Um den Astronauten dabei zu helfen, gab es bei jeder Kamera einen Aufkleber, in dem im Prinzip die sogenannte Sunny-16-Rule erklärt war. Im Grunde gab es Basiseinstellungen für die Situation im Schatten, in der Sonne, Richtung Erde. Weder waren die Astronauten Fotografen, noch konnte man mit Raumanzügen filigrane Einstellungen tätigen. Deswegen war es alles sehr, sehr grundlegend. Die meisten Aufnahmen wurden dann mit Blende 11-16 gemacht und es hing dann sehr von der Optik ab, wo denn dann der Schärfebereich war. 

    Ihre Prämiere auf dem Mond hatte die Kamera, die Hasselblad konstruiert hatte, dann mit Apollo 11, am 20. Juli 1969, in der Hand des ersten Manns auf dem Mond, Neil Armstrong. 

    [Einspieler]

    „… it’s one small step for man, but a leap for mankind.“

    Das hatte einen ganz interessanten Nebeneffekt. Dadurch, dass diese Kamera am Commander der Mission hing, nämlich Neil, und nicht an dem mit ihm mitfliegenden Buzz Aldrin, gibt es Unmengen von Fotos von Buzz auf der Mondfläche, aber praktisch keine von Neil. Diese Auslassung fiel der NASA dann auf, als sie entsprechende Pressemitteilungen zusammenstellten, denn sie hatten eigentlich kein gutes Bild von Neils Schritt auf dem Mond, nur einen Kamera-Videomitschnitt, aus dem man ein Bild herausisolieren konnte. Um ein Foto von Neil auf dem Mond zu bekommen, musste man dann auf ein von Buzz Aldrin gemachtes Bild innerhalb der Kapsel zurückgreifen. Denn es gab sowieso ganz allgemein nur sehr, sehr wenige Bilder von ihm. All das zeigt eigentlich nur, wie wenig wichtig den NASA-Technikern war, dass die Menschen der Mission fotografiert werden und dass unsere Astronauten eigentlich keine Fotografen waren. 

    Auf dem Mond wurde dann reichlich fotografiert. Wir kennen ja heute im Wesentlichen die Highlights. Dank dem eingeblendeten Grid lassen die sich auch ganz hervorragend geradestellen und wie bei jedem guten Editing gibt es eine Menge Bilder, die nie an das Auge der Öffentlichkeit gekommen sind, weil sie einfach nicht gelungen sind. Schief in den Boden fotografiert, unscharf, über-/unterbelichtet, gab es alles bei der Mission. Aber die Bilder, die von den Apollo-Missionen zurück gekommen sind, die sind bis heute tief beeindruckend, was ihre Schärfe und ihr Detailreichtum angeht. 

    Die Kameras, die diese Aufnahmen gemacht haben, interessanterweise, liegen nach wie vor an der Landestelle von Apollo 11. Irgendwann in den nächsten Jahrzehnten, wenn wir wieder Menschen auf dem Mond landen werden, werden diese Kameras wahrscheinlich eingesammelt und wieder zurückgebracht werden. Die NASA war nämlich wirklich nervös, ob die Menge Sprit in der Kapsel ausreichen würde, die Männer wieder zurückzubringen. Und so instruierte man sie, zwar Mondgestein mitzubringen, die Kameras aber an der Landestelle zurückzulassen. 

    Man betrat also die Kapsel und machte sich wieder auf den Weg in den Mondorbit. Der dort alleine kreisende Michael Collins nimmt die Kamera, die er hat und macht ein Foto des zurückkehrenden Landers mit der Erde im Hintergrund. Und das ist irgendwie eine ganz nette Überlegung, darüber nachzudenken, dass er dadurch ein Foto alles zu dem Zeitpunkt lebenden und toten Menschen gemacht hat, außer sich selbst. 

    Aus heutiger Sicht, wo wir ja im wesentlichen vielleicht ein paar dutzend Bilder gesehen haben und kennen, haben wir immer das Gefühl, aus der Zeit gibt es gar nicht so viel Bildmaterial und jedes Bild, das wir da kennen, ist ikonisch. Ich rechne damit, dass da demnächst eine massive Bilderflut einsetzen wird. Waren es während den Mercury-, Gemini- und Apollo-Missionen einige tausend Bilder, die gemacht wurden, wird beim nächsten Mondlandeereignis eine Flut über uns hereinbrechen, die ohne Worte sein wird. 

    Und dabei hat die NASA ganz allgemein eine Menge Bilder gemacht. Zwischen 1962 und 2010 wurden insgesamt über 900000 Fotografien veröffentlicht. Die NASA betreibt ein öffentlich zugängliches Flickrset, man kann auf der Website Bilder anschauen, und immer öfter sind diese Aufnahmen nicht nur wissenschaftlich interessant, sondern auch künstlerisch spannend aufgenommen. Der Astronaut Donald Pettit zum Beispiel stellt sich gerne mal selbst als Fotograf und Astronaut vor und hat wunderschöne Aufnahmen mit Langzeitbelichtungen, Sternenläufen und allen möglichen Effekten gemacht. Scott Kelly, der schon als Foto-Nut bekannt war, noch bevor er ein Jahr lang im Weltraum in der International Space Station war, hat in dem ersten halben Jahr weitere 100000 Fotos dem Archiv hinzugefügt. Wir sind also eine fotografierende Spezies, wir alle sind Fotomenschen, unsere Astronautinnen und Astronauten sind da keine Ausnahme und ich persönlich finde ja, Fotos aus dem Weltraum werden einfach auch nicht alt.

    Inzwischen ist es längst nicht nur Hasselblad, die im Weltraum aktiv sind. An Board der ISS wird verwendet, was immer gerade sinnvoll ist. Wo Menschen sind, sind einfach Kameras auch nicht mehr fern. Es ist durch ihre Optiken, durch die wir mitreisen. In den Weltraum, auf den Mond, auf den Mars, und ich freue mich schon darauf, zu sehen, wie das noch alles weitergeht.

    (Walter Schirra, Michael Collins, „Red“ Williams, Neil Armstrong, Buzz Aldrin, Scott Kelly, Donald Pettit, so viele Menschen, alle dadurch vereint, dass sie fotografiert haben, was wenige mit ihren eigenen Augen sehen durften.)

    18 min
  • Schärfe ist nicht alles

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Julia Margaret Cameron ist die vielleicht berühmteste Fotografin des viktorianischen Zeitalters. Sie war erst im Alter von 48 zur Fotografie gekommen und erlangte innerhalb von 16 Jahren durch ihren einzigartigen Bildstil Berühmtheit.

    • Julia Margaret Cameron (Wikipedia)
    • Julia Margaret Cameron (The Met)
    • Complete Photographs (PDF, 321MB)

    Transkript

    Oft wird ja mal von den Vätern der Fotografie gesprochen und dabei gerne übersehen, dass von Anfang an Frauen genauso fasziniert von der neuen Technik waren wie ihre männlichen Zeitgenossen. Verstärkt wird das Ganze noch dadurch, dass es überwiegend männliche Fotografen sind, von denen wir auch heute noch wissen. Nicht nur war es für Frauen oft schwerer als für Männer, mit der Fotografie einen Lebensunterhalt zu bestreiten, es war auch deutlich schwerer, in entsprechenden Kreisen Anerkennung zu finden und zum Beispiel Ausstellungen zu organisieren oder gar veröffentlicht zu werden. Trotzdem gibt es natürlich ein paar Namen, die man finden kann. Und in der Liste all dieser großartigen Fotografinnen sticht eine ganz besonders heraus: Julia Margaret Cameron. 

    Ich finde das gar nicht so einfach, mit modernen Augen auf die Bilder von Julia Margaret Cameron zu blicken. Sie gehört der Gruppe der sogenannten „frühen Piktorialisten“ an, das heißt, ihre Bilder versuchen, einfach nur mehr zu sein als eine Aufzeichnung der Welt. Oft tragen ihre Bilder zusätzliche Bedeutung, arbeiten also mit Allegorien oder Szenen aus Opern, Gedichten oder christlicher Mythologie. 

    Und ganz allgemein versucht Julia, in ihren Bildern eine gewisse malerische Qualität zum Ausdruck zu bringen. Während viele ihrer Zeitgenossen darauf hin optimieren, möglichst präzise, scharfe Portraits zu machen, gilt für ihre Bilder oft das Gegenteil. Sie ist bekannt dafür, dass sie Bilder absichtlich unscharf macht, den Fokus verstellt, Bewegungsunschärfe zulässt, und so weiter. Ihre Bilder sind also von Anfang an keine wissenschaftliche Dokumentation, sondern als Kunst gemeint. Und ihr wird auch von Anfang an vorgeworfen, was man auch heute noch Menschen vorwirft, die Fotos absichtlich unscharf machen, dass sie ihr Handwerk nämlich nicht verstünde, dass es weniger mit Absicht als mit Unfähigkeit zu tun hätte. 

    Ich erinnere mich jedenfalls daran, dass ich verschiedenen Portraits von Julia Margaret Cameron relativ früh begegnet bin. Da beschäftigte ich mich eigentlich noch gar nicht mit der Geschichte der Fotografie. Bilder waren mir begegnet als Beispiele klassischer Fotografie, oder mir war zum Beispiel auch das Portrait von Sir John Herschel, einem berühmten Astronomen der damaligen Zeit, schon mehrmals untergekommen. Ihre Bilder sind oft wirklich schön beleuchtet und der Sepiaton, in den die meisten ihrer Drucke getaucht sind, erzeugt sofort dieses nostalgische Gefühl. 

    Und dann ist da die Unschärfe. Und mit der tu ich persönlich mich wirklich schwer. Es mag ja vielleicht noch sein, dass Julia Margaret Cameron in der Lage gewesen wäre, präzise, scharfe Bilder zu machen, aber beim Blättern durch ihr Gesamtwerk fällt schon auf, dass sie das weit seltener versucht hat, als andere Fotografinnen und Fotografen aus der Zeit. Und das will ich jetzt vielleicht einfach mal als Stilmittel akzeptieren, allerdings sorgt das für mich zumindest auch dafür, dass ich viele ihrer Bilder einfach nicht genießen kann. Ich schaue die mir an und wünschte, sie wären schärfer. 

    Was ich aber rundheraus bewundern kann, ist, dass Julia Margaret Cameron damals eine einzigartige Fotografin war und eine Fotografin, die sich in kürzester Zeit einen Namen gemacht hatte. Egal, ob man ihre Werke jetzt nun furchtbar oder großartig fand, man konnte Julia Margaret Cameron, kaum, dass sie einmal angefangen hatte, zu arbeiten, eigentlich nicht mehr ignorieren, wenn man zu der damals doch schon recht aktiven fotografischen Szene gehörte. Und dabei ist besonders interessant, dass Julia Margaret Cameron eigentlich sehr spät überhaupt erst mit der Fotografie anfing. Nämlich schon 48. Aber kaum, dass sie für dieses Medium Feuer gefangen hatte, brannte die Flamme lichterloh. Über 1200 Negative sind von ihr noch erhalten. In den gerade mal 16 Jahren, die sie fotografiert hat, ist das eine bemerkenswerte Menge. 

    Geboren wird Julia im Jahr 1815 in Kalkutta. Indien ist damals noch englische Kolonie und Julia wird als eine von zehn Geschwistern geboren. Ihr Vater war Brite, ihre Mutter Französin, die Mutter war allerdings zum Teil auch indischer Abstammung und so hatten alle Kinder der Familie einen verhältnismäßig dunklen Hautton, dunkle Augen und dunkle Haare. 

    Julias Familie war das, was man privilegiert nennen könnte. Als Angestellter der Regierung kam ihr Vater weit in der Welt rum und manche Reisen waren in der damaligen Zeit tatsächlich einigermaßen üblich, so hatten britische Angestellte in Indien oft unter dem Klima zu leiden und fingen sich allerlei unangenehme Krankheiten ein. Um die dann auszukurieren, zog man auch gerne nach ein paar Jahren Dienst in Indien mit der gesamten Familie nach Südafrika. So auch Julias Familie. Und hier in Südafrika trifft die damals 21-jährige Julia ihren späteren 20 Jahre älteren Ehemann, Charles Hay Cameron. Charles war zu der Zeit schon ein leitender Beamter in der britischen Kolonialverwaltung und so traf man sich nicht nur in Südafrika, sondern auch bei der Rückkehr nach Kalkutta wieder und zwei Jahre später kam es dann auch zu Hochzeit. 

    Es ist aber nicht nur ihr späterer Ehemann, den Julia zu der Zeit in Südafrika trifft. Sie lernt außerdem den wahrscheinlich berühmtesten Wissenschaftler der damaligen Zeit, Sir John Herschel kennen und freundet sich mit ihm an. Sie wird ihn später ihren Lehrer und Hohepriester nennen. Und Sir John Herschel ist unter anderem eine der wichtigsten Figuren in der Entwicklung der Fotografie. Er ist fasziniert von den lichtempfindlichen Eigenschaften verschiedenster Chemikalien und forscht an Mitteln und Wegen, wie er die Aufnahmen des Sternenhimmels festhalten könnte. Und so inspiriert Herschel später auch zum Beispiel Henry Fox Talbot und inspiriert Anna Atkins, von der wir auch schon in diesem Podcast erzählt haben, dazu, der Welt erstes fotografisches Buch zu machen. 

    Überhaupt, finde ich, ist es sehr auffällig, dass die Welt damals fotografisch gesehen recht klein war. Die ersten Pioniere und Pionierinnen dieses noch ganz jungen Mediums schienen sich alle untereinander zu kennen. Als sich die beiden Sir John Herschel und Julia Margaret Cameron kennenlernen, existiert die Fotografie noch gar nicht. In Frankreich forscht Louis Daguerre an einer Möglichkeit, Bilder permanent zu fixieren und in Großbritannien ist Henry Fox Talbot daran, beide sind aber noch mehrere Jahre vom Durchbruch entfernt.

    Julia und ihr Mann jedenfalls ziehen wieder zurück nach Kalkutta und die Dinge stehen hervorragend. Der neu berufene Gouverneur Indiens verzichtet darauf, seine Frau mitzubringen und Julia, die sowieso kein Problem hat, in den gehobenen Gesellschaftsschichten der damaligen britischen Kolonien frei zu navigieren, wird mit gerade mal 30 Jahren zur offiziellen Hostess des Gouverneurs. Fünf Jahre lang wird sie also in seinem Auftrag Feste planen, Besuch empfangen, wichtige Gäste unterhalten und damit eine Unmenge von Persönlichkeiten kennenlernen, die sie auch später noch weiter begleiten werden. 

    Weil es ihrem Mann Charles allerdings im indischen Klima zunehmend schlechter geht, beschließt das Paar, nach England zurückzukehren. Was in Indien funktioniert hat, funktioniert natürlich auch in London und so dauert es nicht lang, bis Julia Margaret Cameron mit der gebildeten Elite in London nicht nur befreundet ist, sondern sich ständig mit ihnen trifft. Tea parties, offizielle Veranstaltungen, man kennt sich, man begegnet sich. 

    Der Lebensunterhalt der Camerons kommt damals unter anderem von Rücklagen ihres Mannes Charles, aus der Rente, die er sich erarbeitet hatte und aus einer Kaffeeplantage auf Sri Lanka. Und als Gutsbesitzer auf Sri Lanka muss man natürlich hin und wieder mal seine Ländereien besuchen, dort eventuell anstehenden Verpflichtungen nachkommen und so war Charles relativ oft unterwegs. 

    Es war wieder mal so eine Gelegenheit und gleichzeitig Julias 48er Geburtstag, als eine ihrer Töchter dachte, es wäre doch ganz gut, ihrer Mutter zum Geburtstag ein wenig Ablenkung zu schenken. Es darf angenommen werden, dass diese Idee nicht aus der leeren Luft entstand. Julia hatte sich wohl schon mal von Freunden zeigen lassen, wie diese faszinierende neue Technologie funktionierte. Sie hatte ja mitbekommen, wie die Fotografie erfunden und veröffentlicht wurde. Immerhin war sie schon 24, als Daguerre seine nach ihm benannte Daguerreotypie der französischen Akademie der Wissenschaften vorstellte. Und durch Herschel bekam sie natürlich auch die großen Sprünge mit, die Henry Fox Talbot dann machte. Außerdem kannte Julia Margaret Cameron Fotografen wie Oscar Rejlander oder Lewis Carroll und hatte sich vermutlich besonders von Rejlander zeigen lassen, wie man denn Negative richtig druckt. 

    Aber egal wie, so genau überliefert ist das alles nicht, fest steht nur, ihre Tochter dachte, eine Kamera wäre genau das richtige Hobby für ihre Mutter. Und wir reden da natürlich immer noch von einem Verfahren, wo auf sogenannten „Wet Plates“ fotografiert wurde, also Glasnegative, die man sich selber anfertigte, indem man eine bestimmte Chemikalie auf Glas strich, um dann das noch nasse Negativ in einer Kamera zu belichten und noch bevor es getrocknet ist, entsprechend zu fixieren und zu bearbeiten. 

    Und meine Herren, was war die Tochter richtig gelegen. Ihre Mutter war Feuer und Flamme. Ein Glasgewächshaus, das eigentlich als Hühnerstall benutzt wurde, wurde ausgeräumt und wurde Julias offizielles Fotostudio. Und ab hier waren weder Bedienstete, noch Verwandte, noch Freunde vor ihrer Kamera sicher. Julia hatte ein sehr erlesenes Netzwerk und diverse zur Viktorianischen Zeit in Großbritannien berühmten Maler oder Poeten saßen irgendwann mal Modell für sie. 

    Und sie machte Fotos, die sonst keiner so machte. Die Malerei im Viktorianischen Zeitalter war von den sogenannten Präraffaeliten geprägt. Das war eine Gruppe britischer Maler, die zur damaligen Zeit die Renaissancemalerei Italiens wiederentdeckt hatte. Die Gemälde waren kräftig koloriert, hatten viele Details und vor allen Dingen auch viel Symbolik. Und Julia nahm diesen Stil auf und versuchte, entsprechend zu fotografieren.

    Es dauerte nicht lange und sie hatte den Ruf der ungeduldigen Perfektionistin. Besonders oft mussten Teenager und Kinder in ihrer Umgebung darunter leiden, denn Spaß hat es sicher nicht gemacht, mehrere Minuten lang in einer Position auszuhalten, damit die Frau Mama oder die Herrin des Hauses ihr Bild in den Kasten bekommt. In relativ vielen ihrer Bilder sind Teenager oder Kinder zu sehen und ich finde es irgendwie witzig, dass die eigentlich irgendwie immer genervt aussehen. Ich versuche, mir dann auszumalen, wie diese Fotositzungen wohl abgelaufen sein müssen.

    Fängt Julia am Anfang noch aus Leidenschaft und als Hobby mit der Fotografie an, reicht ihr das schnell nicht mehr. Sie nutzt ihr Netzwerk, um Ausstellungen zu organisieren und ihre Bilder werden verglichen und diskutiert. Julia Margaret Cameron dürfte die erste Fotografin sein, die das, was wir heute „Close Ups“ nennen, gemacht hat. Manche ihrer Portraits sind aus nächster Nähe aufgenommen worden, man kann jedes Detail im Bild sehen, also, in den scharfen Teilen des Bildes. Und das ist für die damalige Zeit alleine schon ungewöhnlich genug. Allegorien in Bildern, auch das ist nicht besonders häufig, und absichtliche Unschärfe, ja, das gab es praktisch nie. Und trotzdem stellt Julia aus und trotzdem macht sie sich einen Namen und trotzdem ist sie zur damaligen Zeit in kürzester Zeit eine berühmte und etablierte Fotografin. 

    Sie nimmt diverse Aufträge an, illustriert Gedichte, aber so richtig kommerziell wird ihre Fotografie nie. Und das, obwohl ihre Familie so ganz allmählich in finanzielle Nöte gerät. Es ist schwer zu sagen, ob sie vielleicht die Hoffnung hatte, mit der Fotografie letztlich irgendwann ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, denn 1875, auf dem Höhepunkt von Julias Karriere, beschließen sie und Charles relativ plötzlich, ihr Zuhause in England zu verlassen und zurück nach Sri Lanka zu reisen. Dort wird sie nur noch sehr, sehr wenig fotografieren und vier Jahre später dann auch sterben. 

    Es ist das Jahr 1879, als sie stirbt, und angeblich war „beauty“, das englische Wort für Schönheit, das letzte Wort, was sie gesagt haben soll. Ein recht passendes letztes Wort für eine Frau, die ihr ganzes Leben versucht hat, Schönheit festzuhalten und mit Fotografie auszudrücken.

    Wenn man sich mit der Geschichte der Fotografie beschäftigt, führt um Julia Margaret Cameron einfach kein Weg außen herum. Sie hat nicht nur das „Close Up“ und die künstlerisch inspirierte Fotografie mit erfunden, einige der berühmtesten Portraits der damaligen Zeit stammen aus ihrer Kamera. Und es war ihre Leidenschaft für Kunst, Schönheit und die Fotografie, die der Fotografie als Kunstform den Weg geebnet hat.

    15 min
  • Die letzte Landung

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Am 13. September 1962 wollte der Fotograf Jim Meads eigentlich ein Familienfoto mit Kampfjet aufnehmen, schoss dann aber ein legendäres Bild mit dem niemand hätte rechnen können.

    • Dieser Mann hat nie vergessen, was er hier sah
    • The Story Behind an Unbelievable Photograph
    • Punktlandung (Spiegel Geschichte)
    • Zeitungsbericht im Eugene Register-Guard

    Transkript

    Einer der besten Ratschläge, den man Fotografinnen und Fotografen geben kann, ist, die Kamera immer dabei und bereitzuhaben, denn man weiß eigentlich nie, wann sich die Gelegenheit zu einem spektakulären Foto ergibt.

    Als Jim Meads am 13. September 1962 mit seinen zweijährigen und dreijährigen Söhnen unterwegs war, hatte er die Kamera allerdings nicht zufällig dabei, sondern hatte die Absicht, ein spektakuläres Familienfoto zu machen. Der Brite wohnte in der Nähe eines Flughafens der Airforce und die arbeitete zu der Zeit an einem Hochgeschwindigkeitskampfjet. Sein Nachbar war der Pilot Bob Sowray und der hatte ihm gesteckt, dass er am darauffolgenden Tag eine dieser Wundermaschinen testfliegen durfte.

    Und die English Electric Lightning F1 war ein big deal, das war zu der Zeit die einzige Kampfmaschine in Großbritannien, die schneller als Mach 2 fliegen konnte, also zweifache Schallgeschwindigkeit beherrschte. Außerdem konnte dieses Kampfflugzeug praktisch vertikal starten, sobald sie also eine gewisse Flughöhe erreicht hatte, konnte sie die Nase in den Himmel drehen und wie eine Rakete an Höhe gewinnen.

    Jim Meads wusste also, diese Maschine würde am darauffolgenden Tag in seiner Nachbarschaft starten und landen und da wollte er ein Familienfoto mit seinen zwei Jungs, die damals zwei und drei waren, machen. Kleinkinder, die mit offenem Mund ein landendes Kampfflugzeug bestaunen, wenn man das richtig macht, stelle ich mir das süß vor.

    Er stapft an jenem 19. September 1962 also mit Kamera und Kindern querfeldein, um möglichst nah an das Flugfeld zu kommen. Es war inzwischen zu ein paar Änderungen gekommen und es war nicht mehr sein Nachbar, der am Steuer dieses Flugzeugs sitzen würde, sondern ein hoch respektierter, berühmter Testpilot, der einen Vorführflug mit dieser Maschine jetzt nun machen sollte.

    Während sich der Testpilot auf dem Startlandefeld bereitmacht und Jim mit seinen Kindern über den Acker stapft, mäht ein dritter, Mick Sutterby, zu dem Zeitpunkt 23 Jahre alt, die Wiese, über die Jim versucht, in die Nähe der Startlandebahn zu kommen. Er hatte einen Hilfsjob angenommen und hatte den Auftrag, die Wiesen rund um den Flughafen zu mähen. Und die Familie, die da über diese Wiese stapfte, die war nicht nur im Weg, sondern Mick wusste auch: Die hatten da eigentlich nichts verloren. Also nahm Mick sich vor, die Familie zu verscheuchen, sobald er in die Nähe kam. Er hielt sowieso gerade mit seinem Traktor in die Richtung, passte also.

    Während er das so dachte, hob hinter ihm die Lightning ab und Jim, der Fotograf, machte sich bereit fürs Foto. Es war ein Prototyp, eine von gerade mal 20 Maschinen, die zu der Zeit in Großbritannien getestet wurde. Trotzdem rechnete der Testpilot George Aird eigentlich nicht mit Problemen. Er hatte gerade seine ersten Vorführmanöver abgeschlossen und wollte mit dem Flieger zur Landung ansetzen, als aus seiner leckenden Treibstoffleitung austretendes Kerosin Feuer fing und relativ schnell die Steuersysteme verbrannte. George hoffte, dass er den Flieger trotzdem noch herunterbringen könnte.

    Er war in 30 Metern Höhe, als er endgültig die Kontrolle über die Maschine verlor und sie sich erst in die Höhe und dann mit der Nase Richtung Boden richtete. 30 Meter Höhe, 200 Stundenkilometer, die Nase auf den Boden gerichtet, ganz schlechte Kombination für einen Kampfpiloten. George Aird war trainiert und er reagierte genau richtig: Er zog sofort den Schleudersitz.

    Jim war zu der Zeit eigentlich schon ready. Er hatte seine Kinder drapiert, er hatte die Kamera im Anschlag, als er sah, dass irgendwas schiefgeht. Allerdings bemerkte er auch, dass Mick Sutterby mit seinem Traktor auf sein Bild zufuhr und eigentlich schon im Begriff war, die Komposition zu ruinieren.

    Und dann geht alles ganz schnell. Die Maschine beginnt, seltsam zu klingen und zu rauchen, geht in Trudeln über und als Mick das auf seinem Traktor hört, richtet er sich auf, sieht sich um und blickt auf eine unglaubliche Szene.

    Jim hingegen hatte die Kamera sowieso schon in der Hand. Sein Bild zeigt einen direkt auf den Boden zusteuernden Kampfjet, den ungefähr in 30 Metern Höhe gerade aus der Maschine geschleuderten Kampfpiloten, einen Traktor und den auf dem Traktor entsetzt zum Flieger schauenden Mick.

    Was für eine Aufnahme. Mick erzählt später, dass es gar nicht zu einer Explosion gekommen war, als die Maschine auf dem Boden aufschlug, es hat nur ein lautes „Wuff!“ gemacht und dann war es um die Maschine geschehen.

    George Aird hatte auch Glück. Eigentlich war die Höhe nicht mehr ausreichend, um sicher auszusteigen. Er durchschlug das Dach eines Gewächshauses, wurde beim Aufprall bewusstlos und wachte dann durch die einsetzende Sprinkleranlage auf. Er hatte zwar zwei gebrochene Beine, aber die würden heilen. Er sagt später, dass er zuerst gedacht hat, er wäre im Himmel, denn aus seiner Perspektive war er von lauter Pflanzen umgeben und blickte in den Himmel, aus dem es irgendwie nass zu regnen schien, denn die Sprinkleranlage hatte gerade eingesetzt.

    Und Jim hatte ein sensationelles Foto geschossen, zwar ohne seine Söhne, aber dafür mit einem abstürzenden Kampfjet, Sekunden vor dem Aufprall, und dem, was Fotograf*innen „Foreground Interest“ nennen würden, also dem Traktor mit dem verdutzt zurückschauenden Mick im Bild. Alles Zufall, Glück, aber eine großartige Komposition und ein toller Schnappschuss.

    Den Jim dann erstmal niemandem zeigen durfte. Die British Army konfisziert das Bild, zumindest so lange, wie der Absturz untersucht wird, hat er niemandem davon zu erzählen und dieses Bild auch niemandem sonst zu zeigen.

    Als er das Bild letztlich dann zurückbekommt, versucht er, es an die Presse zu verkaufen. Die Zeitung „Daily Mail“ lehnt den Kauf des Bildes ab, das wäre ja wohl offensichtlich eine Bildmanipulation, das kann niemals echt sein. Aber Jim lässt sich nicht entmutigen und fragt andere Zeitungen an und schließlich kauft der „Daily Mirror“ für knapp umgerechnet 22000 Euro die Rechte an dem Bild.

    Das war also ein Familienschnappschuss, der sich durchaus gelohnt hat. Und ich vermute mal, Jim hat dieser Aufnahme einen Ehrenplatz in seinem Familienalbum eingeräumt.

    8 min
  • Der fallende Mann

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Der Terroranschlag vom 11. September 2001 ist vermutlich der meistfotografierte Anschlag aller Zeiten und es gibt eine Unmenge ikonischer Aufnahmen dieses Tages. Aber ein Bild sticht heraus und war zur Zeit seiner Veröffentlichung so kontrovers dass es danach mehrere Jahre im Giftschrank der Presseagenturen verschwand.

    • Richard Drew (Wikipedia)
    • Terroranschläge am 11. September 2001 (Wikipedia)
    • Richard Drew (The Digital Journalist)
    • The Falling Man (Wikipedia)
    • The Falling Man – an unforgettable story. (Esquire)
    • Richard Drew Interviews im B&H Photography Podcast

    Transkript

    Wenn ich gerade hier so sitze und in dieses Mikrofon spreche, sehe ich bequem das Display meines Telefons. Es zeigt mir das aktuelle Datum, es ist der 11. September 2021 – 20 Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center. Das Datum ist natürlich offensichtlich etwas Besonderes: Überall laufen gerade Dokus und die meisten von uns wissen ganz genau, wo sie waren, als sie von den Anschlägen erfahren haben. Ich bin da keine Ausnahme, ganz besonders deswegen nicht, weil ich näher an diesen Türmen war, als mir lieb war, ich war nämlich in Queens. In Sichtweite der zu dem Zeitpunkt schon brennenden Türme.

    Aber ich verkneife mir jetzt mal, hier im Podcast darüber zu sprechen, was ich an dem Tag erlebt hab. Erstaunlicherweise habe ich auch keine Fotos davon in meinem Archiv. Ich habe nicht fotografiert. Stattdessen möchte ich allgemein über die Fotografie vom 11. September und speziell über ein ganz besonderes Bild sprechen: Eine Aufnahme, die so kontrovers war, dass sich Bildredakteure nach ihrer Veröffentlichung dafür entschuldigten und mehrere Jahre lang stillschweigend die Absprache trafen, dieses Bild nicht mehr einzusetzen.

    [Einspieler]

    (Tagesschau Intro)

    „Kurz vor neun Uhr Ortszeit in New York: Ein US-Passagierflugzeug stürzt auf einen der Türme des World Trade Centers. Wenig später rast eine zweite Maschine in den anderen Turm. Beide Gebäude stürzen kurze Zeit später nacheinander in sich zusammen. Gegen zehn Uhr stürzt ein Flugzeug auf das Gelände des Pentagon in Washington. Das Verteidigungsministerium geht teilweise in Flammen auf.“

    Ich kann jetzt natürlich eine Menge Plattitüden absondern. Ich kann erklären, wie diese Anschläge selbstverständlich die Welt verändert haben. Die größten Anschläge auf amerikanischem Boden. Die Amerikaner waren auf ihrem eigenen Grund und Boden angegriffen worden, das war etwas, das ihnen bis dahin komplett erspart geblieben war. Und die Bilder haben sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt. Wir haben gar keine Schwierigkeiten, uns an das World Trade Center als Gebäude zu erinnern und wir haben natürlich Bilder von den rauchenden oder den einstürzenden Türmen vor Augen. Dann ist da natürlich noch diese Aufnahme von dem schräg stehenden metallischen Fassadenstück, vor dem die Feuerwehrleute wie kleine Miniaturfiguren aussehen. Es gibt Bilder von den rauchenden Türmen in der Skyline aus Entfernung oder Aufnahmen von Menschen, die vor den plötzlich durch die Straßen rauschenden dunklen Rauch- und Staubwolken davonrennen.

    Ich glaube, man kann auch davon ausgehen, dass die Anschläge vom 11. September zu den best dokumentierten Anschlägen unserer Zeit gehören. Das liegt unter anderem auch an der Stadt, in der die stattfanden: New York. Zu jedem gegebenen Zeitpunkt tobt in New York das Leben und zu jedem gegebenen Zeitpunkt ist New York voll mit Pressefotografen und Journalisten, nicht zuletzt auch, weil die großen Fotoagenturen natürlich Büros und Hauptquartiere in dieser Stadt haben. Als das erste Flugzeug den ersten Tower trifft, greifen in der ganzen Stadt hunderte von professionellen Fotografinnen und Fotografen zu ihrem Equipment und stürmen auf die Straße, wenn sie nicht sowieso schon in Sichtweite auf die Anschläge sind.

    Vor einigen Wochen kam hier bei mir ein Päckchen an. Ich hatte bei einer Aktion mitgemacht, bei der Holger Dankelmann, seines Zeichens Podcaster und Fotograf, Fotobildbände in einer Art Kettenbrief rumschickte. Die Idee war, ein Päckchen mit Bildbänden zu bekommen, dort dann einzelne Bücher rauszunehmen, dafür andere Bücher beizusteuern und es wieder zum nächsten Empfänger auf die Reise zu schicken. Als das Paket bei mir ankam, enthielt es unter anderem einen Bildband der Fotoagentur Magnum, in der die Magnumfotografinnen und -fotografen ihre Aufnahmen vom 11. September zusammengetragen hatten. Und dann waren natürlich noch Unmengen von Touristen in der Stadt, die auch alle fotografierten.

    2001 war eine Zeit im Umbruch. Nicht alle fotografierten auf Film. Manche hatten schon digitale Kameras, zumindest, wenn sie Fotografen bei Bildagenturen wie Associated Press waren. Generell gab es aber noch beides: Film und Digital existierte nebeneinander. Der Fotograf Richard Drew war einer der Digitalpioniere. An diesem Morgen hatte er von Associated Press den Auftrag bekommen, im Rahmen der auch gerade stattfindenden Fashion Week ein Fashion-Event zu dokumentieren. 

    Das Ganze hatte gerade angefangen, er hatte die ersten Fotos gemacht, als die Telefone anfingen zu klingeln und er von seinem Büro kontaktiert wurde, mit der Nachricht, es hätte einen Terroranschlag in der Stadt gegeben und es gäbe jetzt eine Änderung seiner Pläne, er soll nämlich los und die Ereignisse dokumentieren. Er nimmt also die Fashion Week Karte aus der Kamera, steckt die nächste Karte ein und macht sich auf den Weg zum World Trade Center.

    Richard Drew war ein Veteran. Er war zu dem Zeitpunkt über 50 Jahre alt und man kannte ihn als einer von vier Fotografen, die bei der Ermordung Robert Kennedys zufällig fort gewesen waren. Er war außerdem Pulitzer-Preisträger und seit seinen 20ern immer als Pressefotograf unterwegs. So jemand fragt nicht, ob er etwas fotografieren soll, so jemand macht sich auf den Weg, um mit seiner Kamera History in the Making zu dokumentieren.

    Ich habe verschiedene Interviews von Fotografinnen und Fotografen zu dem Ereignis gehört. Sie alle sagen in etwa dasselbe. Es sind nämlich Momente wie diese, für die sie Fotografinnen und Fotografen geworden sind. Ereignisse, die dokumentiert werden müssen, die geradezu danach schreien, dokumentiert zu werden. Da gibt es die, die sich auf die Menschen am Boden konzentrieren und die Emotionen und die Gefühle einfangen. Da gibt es diejenigen, die auf die Türme draufhalten oder die Rettungskräfte bei ihrer Arbeit fotografieren.

    Richard stellt fest, dass er sowieso schon sehr nah am Geschehen ist und macht sich auf den Weg Richtung Türme. Dabei fotografiert er alles, was ihm vor die Kamera kommt. Er schlängelt sich durch die Straßen Manhattans immer näher an das World Trade Center heran und vermeidet dabei besonders, die Einsatzkräfte zu blockieren oder in die Arme der Polizei zu laufen, aus Angst heraus, er könnte dann abgewiesen und weggeschickt werden. Und er kommt ziemlich nah an die Gebäude heran, er hat einen unverstellten Blick auf die Gebäude. Was ihm beinahe das Leben kostet, als der erste Turm anfängt, in sich zusammenzustürzen.

    Es ist ein zufällig auch in der Nähe stehender Passant, der die Gefahr schneller erkennt als Richard, ihn packt und in eine Seitenstraße zieht. Richard läuft zunächst ein Stück weg vom Ort des Geschehens, aber nur, um in einem Bogen wieder an den Sicherheitskräften vorbei in die Nähe der Türme zu gehen. Er rechnet damit, dass auch der zweite Turm in sich zusammenstürzen wird.

    Und er nimmt seinen Auftrag ernst. Er ist als Fotojournalist vor Ort und hat die Verpflichtung, die Ereignisse festzuhalten. Als Polizisten in seine Richtung laufen, versteckt er sich geistesgegenwärtig zwischen Büschen und läuft, kaum, dass sie an ihm vorbei waren, weiter Richtung Terroranschlag. Er ist so weit weg von den Türmen, dass er nicht sehen kann, was am Boden geschieht. Es ist mindestens eine Häuserfront zwischen ihm und dem Geschehen, aber er hat freien Blick auf die World Trade Center Türme.

    Und da spielen sich schreckliche Szenen ab. Es gibt Videoaufnahmen und Fotografien von Menschen, die aus den Türmen springen oder herausgerissen werden, das weiß man nicht so genau. Durch die Brände, die in den Hochhäusern herrschen, mag es zum Teil stürmische Verhältnisse geben. Oder die Menschen werden von kleineren Explosionen und Druckwellen aus den Fenstern gedrückt. Manche sehen vielleicht auch die Ereignisse kommen und denken sich, dass ein selbstbestimmter Sprung besser ist, als abzuwarten, was passiert.

    Richard fotografiert auch hier. Mit Serienbildaufnahmen. Und es ist eine solche Aufnahme aus einer Fotoreihe bestehend aus neun Bildern um 9:41 Uhr und 15 Sekunden, die bis heute als sein berühmtestes Bild gilt. Es ist eine ungewöhnlich ruhige Aufnahme. Sie zeigt die Fassade des World Trade Centers, gleichmäßige, nach oben ziehende Linien, und einen Menschen, der parallel zu ihr Richtung Boden fällt. Man sieht nicht den Boden, man sieht nicht, woher dieser Mensch kommt, man sieht, dass er erstaunlich ruhig zu sein scheint. Später gibt es Versuche, herauszufinden, wer dieser Mann war, und man glaubt, im Wesentlichen auf zwei mögliche Personen eingegrenzt zu haben, wer auf diesem Bild eventuell zu sehen ist.

    Die Aufnahme wird von der New York Times auf Seite sieben gedruckt, andere große Tageszeitungen am nächsten Tag veröffentlichen vollflächige Abdrucke dieses Bildes auf der Rückseite ihrer Zeitungen. Und sie alle ernten einen Aufschrei der Empörung. Dieses Bild zeigt schließlich jemanden im Augenblick des Todes, jemanden, der fällt, jemanden, der dem sicheren Ende entgegenfällt, die letzten Sekunden. Es gibt das Gerücht, dass Menschen, die aus so großer Höhe abstürzen, während dem Sturz wahrscheinlich das Bewusstsein verlieren oder sterben, aber das weiß niemand. Auch die Vorstellung, dass die Person eventuell selbstbestimmt gesprungen ist, ist kontrovers. Man hat ja zwei Personen als mögliche Identität identifiziert und einer davon stammt aus einer hochreligiösen Familie, einer Familie also, die es unvorstellbar findet, dass der Familienvater eventuell den Freitod gewählt haben soll. Eine Todsünde nach streng religiösen Ansichten.

    Und der Aufschrei ist auch noch aus anderen Gründen wirklich seltsam. Wir reden hier immerhin von amerikanischem Bildjournalismus. Das sind dieselben Zeitungen, die überhaupt gar kein Problem damit haben, zerbombte Städte in anderen Ländern abzudrucken und durch deren Arbeit Bilder wie zum Beispiel das berühmte „Napalm Girl“ weltbekannt wurden. All diese Bilder sind selbstverständlich im allgemeinen Interesse. Kaum, dass das Bild aber jemanden zeigt, der eventuell ein Nachbar gewesen sein könnte, kaum, dass das Bild eine Aufnahme zeigt, in die sich die Betrachterinnen und Betrachter hineinversetzen können und sich die Frage stellen können, wie sie in einer ähnlichen Situation gehandelt hätten, kaum, dass es jemanden von uns zeigt, bricht das Bild angeblich mit ethischen Konventionen.

    Und wenn man darüber nachdenkt, wird noch etwas anderes auffällig. Es gibt nämlich vom 11. September keine Bilder von Opfern. Direkt am Ort der Einsturzstelle wird das natürlich damit erklärt, dass die unter Tonnen von Material vergraben sind und zum Teil einfach auch nicht mehr sichtbar, aber das sind ja auch nicht die einzigen Opfer. Wir machen uns keine Vorstellung davon, wie viele Opfer es auch am Boden gegeben hat. Herabstürzende Bauteile, die in Autos eingeschlagen sind. Umstehende Gebäude, deren Fronten eingedrückt wurden. Menschen, denen Dinge während dem Chaos um diese Terrorstelle herum etwas zugestoßen ist. Und da ist es schon interessant, dass eine ganze Reihe professioneller Fotografinnen und Fotografen Ground Zero Fotos gemacht haben und trotzdem kaum entsprechend explizites Material zu sehen ist.

    Aber es gibt diese Videos und es gibt dieses eine Bild, „The Falling Man“. Seit diesem Foto wird Richard Drew praktisch zu jedem größeren Jubiläum von 9/11 zu Interviews gebeten und er erzählt immer wieder, wie es zu diesem Bild kam. Die neun Fotos, die er gemacht hat, von denen acht chaotisch aussehen und dieses eine Bild zeigt jemanden in einer vermeintlich völlig ruhigen Position. Ein Foto, das die Menschen nachdenklich machte und aufwühlt und wegen seiner Einfachheit so beeindruckend ist.

    Im 9/11 Memorial, der Gedenkstätte also, wurde dem fallenden Menschen ein eigener Raum gewidmet. Dort werden Fotos und Videos von ihnen gezeigt und um die zu sehen, muss man den Kopf in den Nacken legen, sodass man ähnlich steht, wie man gestanden hätte, wenn man diese Aufnahmen selbst gemacht hätte. Ein sehr eigentümliches Gefühl und ein Gedanke, der mich aufwühlt. Während ich mir ein völlig ruhiges und scheinbar gewaltloses Bild ansehe.

    Die Bilddokumentation vom 11. September ist faszinierend, besonders, wenn man sie mit dem vergleicht, was wir von anderen Krisenherden und Kriegs- oder Terrorschauplätzen kennen. Da wird, finde ich, sehr schnell deutlich, dass in den meisten Krisen die Dokumentierenden, also die Fotografinnen und Fotografen, unbeteiligt sind. Und dass sich die Perspektive und die Fotografien dramatisch ändern, sobald die Menschen direkt betroffen sind. Vielleicht gilt das aber auch nur für die einzigartigen Umstände beim 11. September, bei dem die Leute nicht nur direkt betroffen waren, sondern auch die Umstände an sich ausgesprochen ungewöhnlich waren. Vielleicht stimmt ja, was Richard Drew in einem Interview gesagt hat, dass es deswegen so wenig Bilder von Opfern gab, weil es so wenig sichtbare Opfer gab.

    Umso interessanter finde ich dann eben auch die Aufregung um dieses Bild, „The Falling Man“. Bis heute wird kontrovers diskutiert, ob das Bild überhaupt veröffentlicht werden sollte. Und es ist gerade wegen seiner Einfachheit auch ein aufwühlendes Bild. Aufwühlender als viele der ikonischen und manchmal auch viel dramatischeren Aufnahmen, die man sonst so vom 11. September 2001 sehen kann.

    Interessant ist an dem Bild aber auch, dass es zwar von einem Profi gemacht wurde, aber im Grunde ohne bestimmte Planung. Er selbst sagt, er hat einfach draufgehalten. Er hat die Kamera in Richtung der Türme gehalten und der Rest passierte über die Serienbildfunktion seiner Kamera und den Zufall, durch den er ein Bild in genau dem richtigen Moment eingefangen hatte. Die acht anderen Bilder zeigen dieselbe Person, aber nie in einer derartigen Komposition. Nie so ruhig, nie so vermeintlich schwebend vor der Fassade, nie so in Einklang mit den stürzenden Linien. Er sagt in einem Interview, da war kein „Decisive Moment“ im Spiel. Wegen seinem Job war er vor Ort. Durch sein Training hat er seine Kamera benutzt. Aber nichts an dem, wie er die Kamera benutzt hat, war in irgendeiner Form besonders.

    Und die Kontroverse, die sah er gelassen. Er war nie im Kreuzfeuer. Der Ärger richtete sich auf die Bildredakteure, die sein Bild für Zeitungen ausgewählt hatten. Und Richard sagt, er versteht das schon irgendwie. Die Tatsache, dass die Menschen sich selbst in diese Situation denken konnten, ändert einfach, wie sie diese Bilder wahrgenommen haben. Ich frage mich allerdings seitdem, ob sie das eigentlich sollten, ob wir da nicht ganz offensichtlich mit zweierlei Maß messen.

    16 min
  • Die Erfindung der Actioncam

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Bei dem Wort „Actionkamera“ denkt man unweigerlich an die Marke GoPro und YouTube wäre nur halb so voll würden alle mit GoPro-Kameras aufgezeichneten Videos entfernt werden. In dieser Folge geht es um die Gründungsgeschichte.

    • GoPro (Wikipedia)
    • Nick Woodman (Wikipedia, Englisch)
    • Nick Woodman Net Worth
    • Die geniale GoPro Geschichte in 800 Worten
    • Nick Woodman: Das Genie hinter dem 4-Milliarden-Dollar-Erfolg von GoPro
    • Das Erfolgsgeheimnis von Mister GoPro
    • GoPro steigt aus dem Drohnen-Geschäft aus

    Transkript

    Nick Woodman ist ein Jahr älter als ich. Und war so ein richtiger kalifornischer Sunnyboy, irgendwie ist er eigentlich immer noch ein kalifornischer Sunnyboy, und wie man das so macht, als waschechter Kalifornier beschäftigt man sich mit Surfen, startet Unternehmen und versucht, mit Technologie die Welt zu verändern, man schafft es vielleicht auch so ein kleines, kleines Bisschen.

    Nick war in eine Familie mit Geschäftssinn geboren worden. Sein Vater war ein Investmentbanker, Mutter wie Vater waren gut in die Investmentszene im Silicon Valley vernetzt, die Szene also, in der Millionen an US-Dollar locker sitzen, wenn jemand mit einer guten Geschäftsidee ums Eck biegt. Oder eine schlechte Idee ziemlich gut aussehen kann.

    [Musikalische Einlage: Kara Square – Hanging Eleven]

    Nick studierte Visual Arts und Creative Writing, also weder Engineering, noch irgendein Businessthema. Und ich glaube, man kann sagen, er war von Beruf am Anfang so. In die Fußstapfen seiner Eltern tretend versuchte er sich aber auch relativ früh damit, Unternehmen zu gründen, startete zum Beispiel EmpowerAll.com, ein Unternehmen, wo er Elektronikteile verkaufen wollte. Und später dann ein Unternehmen namens FunBug, bei dem es darum ging, Geldpreise mit Spielen zu gewinnen. Beides floppte eher so.

    Wenn er nicht an seinen Startupideen arbeitete, verbrachte Nick jede freie Minute auf seinem Surfbrett. Nicht immer wirft er dieses Surfbrett in die Kalifornischen Gewässer: 2000 ungefähr ist er in Australien und in Indonesien auf Surftrip. Und er hätte gerne Fotos davon. Er beneidet die ganzen Profisurfer, die professionelle Kameramänner mit wasserdichtem Equipment bei sich haben, die dafür sorgen, dass sie in den Wellen gut aussehen. Amateure werden oft von Hobbyisten fotografiert und die haben dann einfache Filmkameras, die weder wasserfest sind, noch dafür geeignet, nah ranzuzoomen, ja, und deswegen sehen Surffotos von Privatleuten einfach selten spektakulär aus.

    Nick knipst ganz gerne mal mit den damals üblichen Point-And-Shoot-Kameras herum und hat eine Idee. Er nimmt eine einfache Kodak Kamera, bastelt ein einigermaßen dichtes Gehäuse außenherum und konstruiert ein kleines Harness, mit dem er diese Kamera an den Arm schnallen kann. Die Kamera liegt am Arm an, kann aber bei Bedarf aufgestellt werden und natürlich ist Auslösen und Bedienen ein Problem – Wenn man in den Wellen ist, hat man ja vielleicht nicht gerade die Muße, Zeit und den Überblick, um kleine Tasten zu drücken oder Rädchen zu verstellen. 

    Und trotzdem sind die Ergebnisse sofort beeindruckend. Die Leute sind begeistert. Was eigentlich als ein kleiner Hack für sich selbst beginnt, wird schnell zu einer ausgewachsenen Geschäftsidee, denn Nick erkennt: Das könnte man verkaufen. Nick konstruiert einen Prototypen und fängt an, Geld zusammenzutragen. Will er das Ganze professionell betreiben, braucht es eine Anschubfinanzierung. 

    Eine erste Idee tut sich noch während seiner Reise auf: In Bali begegnet ihm ein Strandverkäufer, der kleine Schmuckstücke verkauft und Nicks Freundin ist ganz hin und weg davon, wie toll diese Armbänder aussehen. Die Dinger wird man ihm daheim in Kalifornien aus den Händen reißen, denkt sich Nick, und zwar für weit mehr als die zwei Dollar, die der Strandverkäufer aufruft. Er fragt den Strandverkäufer, wie viele dieser Armbänder er ihm verkaufen könnte und fliegt mit 200 dieser Armbänder nach Hause. Dort machen er und seine Freundin sich dann auf den Weg die Kalifornische Küste herunter und verkaufen diese Bänder für 60 Dollar das Stück. Unterm Strich verdienen sie damit über 10000 Dollar. 

    Mit diesen 10000 Dollarn Anschubfinanzierung taucht er jetzt bei seinen Eltern auf, zeigt denen den Prototypen, zeigt ihnen diese 10000 Dollar, die er selber beisteuert und bittet um Unterstützung. Sein Vater wirft 200000 Dollar in den Ring. Seine Mutter trägt weitere 30000 dazu bei. 

    Und mit 240000 lässt sich schon etwas anfangen. Nick kauft sich eine Nähmaschine, um die Harnesse zu konstruieren und macht einen Deal mit einem chinesischen Zulieferer, um Kameras zu fertigen. Sowohl die Kamera als auch das wasserfeste Gehäuse als auch das Harness sollen von dem neu gegründeten Unternehmen geliefert werden. Es folgen Verkaufsauftritte beim Fernsehsender QVC und war das Produkt am Anfang noch eine Spielerei für Hobbyisten, erregt es relativ schnell das Interesse von Semiprofis und ernsthaften Amateuren. 

    Und er entwickelt weiter. Die Bedienung muss vereinfacht werden, das Gehäuse muss kleiner werden, die Kamera muss kleiner werden, Film will ja weitergedreht werden und auch dafür braucht es natürlich eine entsprechende Mechanik und so wird relativ schnell klar, dass die Zukunft dieser Kamera digital sein wird.

    Und so ist schon das dritte offizielle Produkt des Unternehmens eine Digitalkamera, eine digitale Actionkamera. Wir reden natürlich die ganze Zeit von dem einen Unternehmen, das jeder und jedem einfällt, wenn die Rede von Actionkameras ist. Ich würde sogar so weit gehen, dass eigentlich niemand Actionkamera sagt. Ähnlich, wie wir „Tempo“ statt „Taschentuch“ und „Uhu“ statt „Klebstoff“ sagen, sagt man inzwischen „GoPro“ statt „Actionkamera“. 

    Was ursprünglich mal mit einer kleinen Knipse anfing, wurde relativ schnell zu einer ganzen Produktpalette. Spezielle Harnesse, Gehäuse, Kameras in unterschiedlichen Ausrüstungsstufen und natürlich blieb es nicht beim Fotografieren. Video wurde zur wichtigsten Funktion der GoPro Hero Kameras, die ab da dann die meistverkauften Produkte des Unternehmens waren. Und diese GoPro Hero hatte eigentlich auch nichts mehr mit den Kameras zu tun, die Nick ganz am Anfang verkaufte. 

    War er Anfang der 2000er aus einem VW Bus damit beschäftigt, Kameras im Wert von 3 Dollar für 30 Dollar zu verkaufen, überblickte er 2012 ein Unternehmen, das pro Quartal über 2 Millionen Kameras umsetzte. Digitalkameras, die Videostreaming über WiFi konnten, die praktisch unerschütterlich waren und die radikal veränderte, wie die Welt sich selbst und ihre Helden auf Video aufnahm. 

    Im Dezember 2012 dann gab das asiatische Unternehmen Foxconn bekannt, in das Unternehmen GoPro einsteigen zu wollen und kaufte fast 9% der Anteile. Der Wert des Unternehmens stieg damit schlagartig auf über 2,2 Milliarden US-Dollar und Nick Woodman, der Hauptanteilseigner des Unternehmens war, war damit über Nacht zum Milliardär geworden. 

    Jetzt gab es kein Halten mehr. Das Unternehmen sollte wachsen. Eine Entertainmentsparte wurde ins Leben gerufen, zu den Kameras als Kerngeschäft wollte man eben auch noch Medien verkaufen. Es ist die Zeit, in der HBO und Netflix und alle möglichen anderen Streaminganbieter um Marktanteile ringen und da wollte man bei GoPro nicht nebendran stehen. Und produzierten GoPro Nutzer nicht am laufenden Band Videomaterial? Das musste man doch irgendwie nutzen können… 

    Ja, konnte man nicht. Die nächste Idee war, eine GoPro Drohne auf den Markt zu bringen. Actionfilmer filmen ja auch gerne mal aus der Luft. Und Mitte der 2010er begannen Drohnen, der heiße Scheiß im Hobbyfilmbereich zu werden. Nur dachte da niemand so richtig an die GoPro Drohnen und so floppte auch diese Geschäftsidee. 

    Es ging auf und ab und irgendwann musste Nick Woodman anfangen, Einsparungen einzuleiten und Leute auf die Straße zu setzen. Während er sich selbst zum bestbezahlten CEO der Branche machte und über 200 Millionen Dollar auszahlte, wurde er an anderer Stelle zum schlechtesten CEO des Jahres gewählt.

    Außerdem besannte man sich aufs Kerngeschäft: Actionkameras. Die wurden durchgehend immer gut verkauft. Auch heute noch verkauft GoPro über 600000 Kameras pro Quartal. Das muss ihnen erstmal jemand nachmachen. Und wenn man den Meldungen und Pressemitteilungen glauben darf, war sowohl 2020 als auch bisher 2021 gar kein so schlechtes Jahr für die Branche. Wobei da natürlich die Frage besteht: Was meine ich denn mit Branche? Kameras oder Personal Electronics, sprich Hobbyspielzeug, das zufällig auch noch Videos und Fotos machen kann? Und die Rede ist natürlich von Letzterem.

    Heute ist Nick Woodman 46 Jahre alt und nur noch knapp 300 Millionen US-Dollar schwer. Und ganz egal, was man jetzt von ihm hält oder ob man ihn und seine Kameras jetzt nun gut oder schlecht findet, es war revolutionär, die Menschen in die Lage zu versetzen, sich in jeder noch so spektakulären Situation filmen zu können. Vom Urlaub über den Kindergeburtstag bis hin zum Weltrekordversuch wird heutzutage fast alles in irgendeiner Form auch immer noch mit einer GoPro aufgezeichnet. Und das ist echt nicht schlecht für jemanden, der eigentlich beim Surfen nur die Idee hatte: Wäre es nicht cool, wenn ich mich selber fotografieren könnte, während ich auf dem Surfbrett stehe.

    Ich selbst besitze keine GoPro Kamera. Aber ich gebe zu, dass seit ich einen YouTube Kanal angefangen habe, immer wieder darüber nachdenke, ob ich mir nicht eine zulegen möchte. Denn die Dinger sind schon konkurrenzlos klein und vielseitig. Man muss nur mal eine B-Roll Aufnahme von dem berühmten YouTuber Peter MCKinnon anschauen, wo er zeigt, wie er Kaffee macht, indem er in eine Karaffe Wasser schüttet, heißes Wasser auf eine Kamera drauf. Macht das mal mit einer eurer Spiegelreflexkameras! Oder schnallt euch mal die Dinger beim Mountainbiken um den Bauch.

    Aber egal wie, die Geschichte ist einerseits sehr typisch für das Silicon Valley. Es ist fast schon der klassische American Dream. Kalifornischer Sunnyboy hat Geschäftsidee, setzt die um, wird zum Multimilliardär, ja, oder inzwischen -millionär, und verändert die Welt und wie wir die Welt sehen mithilfe von Technologie. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch eine Geschichte von Arroganz, Selbstüberschätzung und zwischendurch auch einer gehörigen Portion Geldgier. Es fällt schon auf, an wie vielen Stellen Nick Woodman sich selbst einen ordentlichen Aufpreis gegönnt hat. Da werden Armbänder für 2 Dollar eingekauft und für 60 Dollar verkauft. Oder Kameras für 3 Dollar produziert und für 30 Dollar verkauft. Oder man macht sich selbst zum bestbezahlten CEO der Welt, während man Leute an die Luft setzen muss, weil die eigenen Geschäftsideen dann doch nicht ganz so vielseitig ausbaubar sind, wie man das so dachte. Es gibt eben kein schwarzweiß, da ist eine Menge Graustufe dazwischen. Interessant ist die Geschichte aber allemal. Denn zumindest ich wusste vor dieser Recherche relativ wenig über das Unternehmen, dessen Kameras gefühlt überall zu haben sind.

    Medien:

    • Hanging Eleven, Kara Square feat. Blue Wave Theory (dig.ccmixter), CC-BY
    • Picture by cellanr – https://www.flickr.com/photos/rorycellan/15468680845/, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36296116
    14 min
  • Eisenstaedts Ode an die Freude

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Der Fotojournalist Alfred Eisenstaedt hat über 2500 Fotoreportagen produziert, war 90 mal für Titelbilder des Life Magazins verantwortlich und machte einige der berühmtesten Fotografien des 20. Jahrhunderts. Umso schöner dass einige seiner ikonischsten Aufnahmen pure Freude zeigen, wie zum Beispiel das Bild „Drum Major“ aus dem Jahr 1950.

    • The Happiest Photo Ever Made
    • Ode to Joy
    • Drum Major (Wikipedia – Englisch, Deutsch)
    • Eisenstaedt’s Ode to Joy
    • Fotomenschen Folge 56 – Gewollte Romantik

    Transkript

    Von dem Bild, über das ich heute sprechen möchte, wird manchmal behauptet, es sei das fröhlichste Foto, das jemals gemacht worden wäre. Der Fotograf Alfred Eisenstaedt selbst nannte es einfach „Drum Major“. Weil es einen Drum Major zeigt. Unter anderem.

    Andere betiteln das Bild „Ode to Joy“, also „Ode an die Freude“.

    Alfred Eisenstaedt sind wir hier im Podcast schon mal begegnet, nämlich in Folge 34, „Gewollte Romantik“. Denn er ist der Fotograf, der am Time Square das berühmte Foto eines eine Krankenschwester küssenden Seemanns machte. 

    Eisenstaedt war der Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Er war 14, als er seine erste Kamera, eine Eastman Kodak Faltkamera, geschenkt bekam. Das war im Jahr 1912. Am Anfang sah es so aus, als würde Alfred in die Fußstapfen seines Vaters treten und auch eine kaufmännische Laufbahn einschlagen, aber er hörte auch nie auf, in seiner Freizeit zu fotografieren und reichte seine Aufnahmen auch bei diversen Magazinen und Zeitungen ein. Er war 16, als er die ersten Aufnahmen verkaufte und ab da war eigentlich klar, dass er freier Fotograf werden würde.

    Es ist das Berlin der 20er Jahre, in dem er sich dann seinen Namen macht. Zu der Zeit werden mehr und mehr Illustrierten gegründet und Alfred Eisenstaedt hat ein Händchen dafür, Fotos zu machen, die kleine Geschichten zu erzählen scheinen. Genau die Art Material, die in diesen Illustrierten reißend Absatz finden. Er selbst sieht sich als dokumentarischer Fotograf. Neben allgemeinen Alltagsszenen fotografiert er auch berühmte Persönlichkeiten seiner Zeit. Er macht Portraits von Marlene Dietrich, George Bernard Shaw, Richard Strauss oder auch von Diktatoren wie Mussolini oder Hitler. 

    Als die Lage in Nazideutschland zu gefährlich für ihn wird, immigriert er in die USA, tritt einer Stelle bei Associated Press an und wird dort relativ schnell zum Starreporter. Er ist quirlig, umtriebig, hat ein ständig wachsendes, sehr durchmischtes Portfolio und findet im Handumdrehen Aufträge bei so Namen wie Vogue oder Life Magazine. 90 Mal macht er Titelblätter für das Life Magazine und ist damit einer der ganz großen Fotografen der Branche. 

    Er reist um die Welt. Er macht Kriegsreportagen, fotografiert berühmte Persönlichkeiten wie zum Beispiel John F. Kennedy im Alltag und das Material ist gefragt. Eisenstaedt ist der Autor von über 2500 Bildreportagen. Er ist ein Profi, der seine Kamera gefühlt permanent in der Hand hält. 

    Je mehr man fotografiert und je mehr man rumkommt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass einzigartige und interessante Aufnahmen entstehen und da ist natürlich Alfred Eisenstaedt auch keine Ausnahme. Er hat viele sehr berühmte, sehr ikonische und auch sehr schöne Aufnahmen gemacht, aber das meiner Meinung nach beste Bild in seinem Portfolio, da lehne ich mich jetzt mal aus dem Fenster, entsteht in Michigan im Herbst des Jahres 1950. Alfred Eisenstaedt ist zu der Zeit on assignment. Es geht um eine landesweit berühmte Marschkapelle, die Michigan University Marching Band. 

    Marching Bands oder Marschkapellen sind eigentlich eine Einrichtung, die das britische Militär erfunden hat und die dann in Europa in verschiedenen Militäreinheiten üblich waren. Der Grundgedanke war, Trommler auf dem Kampffeld zu haben, die dann Kommandos geben konnten und so den kämpfenden Einheiten Orientierung verschaffen. Zu Trommeln kamen Trompeten und Glockenspiele und zack, war sie geboren, die militärische Marschkapelle, heutzutage meistens zu irgendwelchen Ehrenanlässen eingesetzt. 

    In den USA spaltete sich dann aber aus dem militärisch geprägten Kapellen ein weiterer Trend ab und Universitäten formten ihre eigenen Marschkapellen. Deren Aufgaben sind dann nicht mehr militärisch, was die aber regelmäßig machen, ist zum Beispiel bei ja auch von Universitäten dominierten Sportveranstaltungen das Publikum anzuheizen, ähnlich wie die Cheerleader. 

    Die Idee dieser Marching Bands ist dann, in großen Gruppen musizierend nach einer vorgegebenen Choreografie zu marschieren. Da werden Formationen abgegangen, da werden Buchstaben abmarschiert und der Dirigent und Anführer ist der sogenannte Drum Major. Der oder die Drum Major hat dann üblicherweise einen großen, länglichen Pelzhut auf und einen metallischen Stab in der Hand, um damit zu dirigieren. Das Ganze ist natürlich einigermaßen akrobatisch, das heißt, dieser Stab wird durch die Luft gewirbelt und geworfen, gefangen, gedreht und natürlich hüpft, springt oder dreht sich auch der oder die Drum Major dabei. Auftritte von Marching Bands folgen vorgegeben Choreografien und vom Drum Major werden ausladende, dramatische Schritte und Sprünge erwartet. 

    An jenem Herbsttag 1950 jedenfalls fotografiert Alfred Eisenstaedt all das, was man so zu sehen erwartet, wenn man das Training einer berühmten Marching Band besucht. Am nächsten Morgen, erfährt er, trainieren speziell die Drum Major und das will er natürlich aufnehmen.

    [Einspieler]

    „Another picture will be remembered when I’m in heaven is that picture I took at the University of Michigan. I had to do a story on the brass band and I wanted to photograph the drum major rehersing in the morning.“

    Er haftet sich speziell an die Fersen des Head Drum Major und folgt ihm kreuz und quer über den Rasen.

    [Einspieler]

    „When I run after and I photographed it and while I was running, all the boys from the faculties paraded with him.“

    Er ist in vollständiger Drum Major Uniform, inklusive dem pelzigen Hut und er übt den hohen, dramatischen Schritt wieder und wieder. An der Seite der Wiese spielen einige Kinder und werden auch auf den Drum Major aufmerksam. Sie sind schätzungsweise acht bis zwölf Jahre alt und finden lustig, was sie sehen. Und beginnen, ihn nachzuahmen. Als er bei seiner Runde wieder mal näher an ihnen vorbeikommt, beschließen sie, ihm einfach nachzulaufen und nachzumachen. Und als Alfred Eisenstaedt seine Kamera hochhebt und abdrückt, ist der Drum Major im vollen Ausfallschritt mit sieben Kindern, die in unterschiedlichen lachenden, fröhlichen Posen hinter ihm herlaufen zu sehen.

    [Einspieler]

    „People think this was a posed picture. This was never posed, not posed at all. This is a natural picture. People imitated me later, but this was not posed.“

    Das ist ein Bild, bei dem zumindest ich sofort grinsen muss. Und es war dann dieses Bild, das aus einer im Magazin geplanten Reportage die Titelstory machte. 

    Drum Major machen viel mehr als einfach nur akrobatische Schritte und ein Orchester zu dirigieren, sie sind außerdem Verbindungsglied zwischen den Musikern und der Leitung der Universität oder ihrer Einheit, sie sind oft Public-Relation-Person, sie erarbeiten Choreographien, es ist eine anspruchsvolle Position, auf die man echt stolz sein kann. 

    Natürlich gibt es Marschkapellen und auch die Rolle des Drum Majors auch bei uns, aber ich wäre dann trotzdem relativ überrascht, wenn ich zu Beginn eines Fußballspiels ein mehrere Dutzend Personen großes Orchester auf dem Spielfeld auflaufen sehen würde. Und ich wäre noch verdutzter, wenn die dirigierende Figur plötzlich irgendwelche Sprünge macht oder übertrieben große Schritte. Aber es ist cool, anzuschauen und ohne Frage macht es Spaß, den Drum Major dabei zuzusehen, wie sie ihre Mannen und Frauen anfeuern. 

    Und das Foto von Alfred Eisenstaedt fängt das wie kein anderes perfekt ein. Das Foto zeigt keinen Drum Major und Kinder, es zeigt Freude. Und auch das finde ich bemerkenswert. Alfred Eisenstaedt hat sein ganzes Leben lang fotografiert und er hat viele ikonische Bilder geschaffen, aber die Bilder, die am meisten herausstehen, zeigen Momente der Freude.

    11 min
  • Das Leben der Anderen

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Soziale Fotografie ist heute sehr verbreitet aber zum Ende des 19. Jahrhunderts war das Genre unbekannt. In dieser Zeit arbeitet der Polizeireporter Jacob Riis. Er schreibt gegen das soziale Elend New Yorks an und beginnt irgendwann zur Illustration zu fotografieren… Herauskam eines der wenigen Fotobücher das wirklich für sich reklamieren kann die Welt verändert zu haben.

    • Jacon Riis (Wikipedia Deutsch, Englisch)
    • How the Other Half Lives (Digitalisat der Havard Library)
    • Making of an American (Biografie, Digitalisat der Havard Library)
    • Jacob Riis (International Center of Photography)
    • Pioneering Social Reformer Jacob Riis Revealed “How The Other Half Lives” in America
    • Jacob Riis Photographs Still Revealing New York’s Other Half (NYTimes)
    • Wie können sie das rechtfertigen?

    Transkript

    Wir glauben ja gerne, dass Fotografie die Welt verändern kann, aber in Wahrheit fällt es dann doch sehr schwer, Beispiele zu finden, wo das wirklich und nachweislich geschehen ist. Heute geht es um so ein Beispiel; um einen Mann mit einer unglaublichen Lebensgeschichte, in der alles vorkommt: Vollständiger Absturz ins Elend, Aufstieg zu Reichtum und Einfluss, eine Jahrzehnte überdauernde Liebesgeschichte, innovative Fotografie und Bilder, die die Welt verändert haben.

    Der Mann, von dem ich heute erzähle, ist einer der Gründerväter der Straßenfotografie und der sozialen Fotografie. Er war ein Reporter, er selbst hätte sich nicht als Fotograf beschrieben, er hätte gesagt, er ist in erster Linie ein Autor, ein Journalist, ein Beobachter der Menschen. Es dauerte 50 Jahre, bevor man in als das erkannte, was er eigentlich war: Ein Fotograf, dessen Stil ein ganzes Genre geprägt und für grundlegende Veränderung gesorgt hatte.

    Dabei dauert es tatsächlich relativ lang, bis er selbst zu seiner Berufung gefunden hatte. Jakob Riis wurde 1848 als drittes Kind von 15 in Dänemark in einen Lehrer- und Journalistenhaushalt geboren. Sein Vater wünschte sich für ihn, dass er eine akademische Laufbahn oder doch wenigstens eine Karriere als Autor anstreben würde, aber der junge Jakob hatte praktischeres im Sinn und wollte Zimmermann werden. Ein lokaler Zimmerer stellte ihn als Lehrling an und so schien die Laufbahn als Handwerker schon mal gesetzt. Seine Familie wusste auch, dass es keinen Sinn machte, ihn umzustimmen zu versuchen. Er war ein recht eigenwilliger junger Mann.

    Er war bekannt für ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl und ein großes Herz. Es gibt eine überlieferte Anekdote vom damals gerade mal 12 Jahre alten Jakob, dass er einmal sein gesamtes erspartes Geld einer armen Familie angeboten hatte, wenn die im Gegenzug ihr heruntergekommenes Zuhause reinigen und aufbessern würden. Die entschieden sich, das Geschäft anzunehmen und hielten sich an die Abmachung. Als Jakobs Mutter von der Geste erfuhr, machte sie sich spontan auf den Weg und half der Familie bei den Arbeiten.

    Aber zurück zu Jakob, den 16-jährigen Zimmereilehrling. Wer weiß, was später passiert wäre, hätte er sich nicht in die damals 12-jährige Tochter seines Meisters verliebt. Sie war der Verbindung eigentlich nicht abgeneigt, aber, wie man sich vorstellen kann, war weder sein Meister noch seine Familie sonderlich begeistert. Um die Situation zu bereinigen, schickt ihn sein Vater für die verbleibenden drei Jahre seiner Ausbildung in das weit entfernte Kopenhagen. Da, so hofft er, wird sich sein Sohn die Flausen aus dem Kopf schlagen und wenn er zurückkommt mit abgeschlossener Ausbildung seinen Weg gehen, wie von ihm erwartet.

    Wieder hat man die Rechnung ohne Jakob gemacht, der kommt mit 19 zurück, wilder entschlossen den je, die jetzt 15-jährige Tochter zu heiraten. Sein ehemaliger Meister ist jetzt so wenig begeistert, wie er drei Jahre zuvor begeistert war und lehnt ab.

    Und so beschließt Jakob in seinem Kummer und seinem Ärger, das zu tun, was gar nicht wenige junge Männer gemacht haben: nämlich in die neue Welt aufzubrechen. Er ist 21, als er sich auf den Weg in die Vereinigten Staaten macht. In seinem Gepäck hat er 40 Dollar, die seine Freunde für ihn gesammelt haben, die Überfahrt hat er aus eigener Tasche bezahlt, das waren ungefähr 50 Dollar. Und als kleines Abschiedsgeschenk steckt ihm die Frau seines ehemaligen Meisters noch etwas ganz Besonderes zu: eine Strähne von seiner großen Liebe Elisabeth. Stellt sich heraus: Nicht nur die Tochter wäre eigentlich zugeneigt gewesen, auch die Mutter hatte eigentlich nichts gegen die Verbindung. Trotzdem ist Jakob jetzt schonmal auf dem Weg und er hat natürlich auch den Anspruch, allen zu zeigen, wozu er imstande ist und sein Glück zu machen in der neuen Welt.

    Jakob kommt 1870 in New York an. Es ist eine Welt im Umbruch. Nicht nur sind Millionen Menschen aufgebrochen, um in den USA ihr Glück zu versuchen, der amerikanische Bürgerkrieg hat außerdem noch dafür gesorgt, dass die Menschen vom Land in die Städte gezogen sind. Die Städte sind die Orte, an denen die Industrialisierung für Möglichkeiten und Arbeit sorgen und manche Stadt verachtfacht in dieser Zeit ihre Bevölkerung.

    Jakob kommt auch in Zustände, die wir uns heute, glaube ich, gar nicht mehr vorstellen können: 1880 gibt es in New York in der Lower East Side einen Distrikt, in dem 334000 Menschen auf einer Quadratmeile untergebracht sind – die dichtest besiedelte Meile der Welt. In und um New York bilden sich Slums der übelsten Sorte. Unterkünfte, in denen 10 bis 15 Menschen in einem einzelnen kleinen Zimmer schlafen müssen, sind die Norm. Die Polizei betreibt Armenunterkünfte, Menschen, die auf der Straße eingesammelt werden, werden dorthin zwangseingeliefert, müssen dann da in ähnlich beengten Verhältnissen schlafen und hinterher 5 Cent pro Übernachtung abdrücken. 5 Cent ist für die damals oft mittellosen, armen Menschen ein Heidengeld. Denn hätten die diese 5 Cent, dann hätten die auch noch billiger schlafen können. Es gibt sogenannte 2-Cent-Kneipen, in denen man für 2 Cent einen Teller Suppe und das Recht, die Nacht dort im Sitzen zu schlafen, kaufen kann.

    Jakob landet in diesem Viertel an. Er hat 40 Dollar, ist also zunächst mal ordentlich versorgt und er hat ein Empfehlungsschreiben für den dänischen Botschafter in der Tasche, sollte er Hilfe brauchen. Die ersten 20 Dollar sind leicht investiertes Geld, er kauft sich nämlich sofort einen Revolver, um sich gegen menschliche oder tierische Angreifer wehren zu können. Die anderen 20 Dollar sollen ihm über die Zeit helfen, die er braucht, um Arbeit zu finden. Jakob versucht sich als Stahlarbeiter und als Zimmerer, lernt aber schnell, dass es für Immigranten zwar viel harte Arbeit, aber wenig Bezahlung gibt.

    Als er davon hört, dass Frankreich Preußen den Krieg erklärt hätte, versucht er, für Frankreich in den Krieg zu ziehen und sich einziehen zu lassen; erfolglos.

    Ab hier beginnt eine kleine Odyssee für Jakob: Er versucht sich als Farmhilfe, er arbeitet als Steinmetz für ein lokales Maurerunternehmen und versucht, jede Gelegenheit zu nutzen, doch noch für Frankreich in den Krieg ziehen zu dürfen. Irgendwann hört er von Plänen einer Gruppe Freiwilliger von New York aus in den Krieg aufzubrechen und macht sich damit dann auch selbst wieder auf den Weg zurück in die große Stadt. Zu der Zeit schläft er mehr unter freiem Himmel als unter einem Dach. Er ernährt sich von Fallobst, er ist auf Almosen angewiesen und obwohl er versucht zu arbeiten verdient er kaum genug, um sich gelegentlich mal eine Unterkunft leisten zu können. Als er zurück in New York ist, stellt er fest, dass das Gerücht zwar stimmte, er aber zu spät gekommen war. In New York war es auch schwerer, einfach unter freiem Himmel zu schlafen und so schließt Jakob erste Bekanntschaften mit den von der Polizei betriebenen Unterkünften. Er ist so angewidert von den Zuständen, die er vorfindet, dass er sich wenig später wieder auf den Weg macht.

    Seine wenigen Besitztümer hatte er sowieso nach und nach verkauft: Die Waffe hat er zum Beispiel schon lange nicht mehr. Und mit dem letzten Seidentaschentuch, das er noch in seiner Tasche fand, kauft er sich eine Fährkarte und macht sich auf den Weg nach Philadelphia. Auf dem Weg dahin nimmt er jede Arbeit, die sich bietet und er schafft es nach Philadelphia, wo er dann mit dem Empfehlungsschreiben, das ihm seine Eltern mitgegeben hatten, vor dem dänischen Konsul vorstellig wird, der ihn aufnimmt und zwei Wochen lang wieder aufpäppelt.

    Es ist diese Zeit, in der er dann tatsächlich sowas wie ein ordentliches finanzielles Standbein aufbauen kann. Er arbeitet als Zimmermann und fängt an, so viel Geld zu verdienen, dass er sich es leisten kann, nebenher als Autor zu experimentieren. Er schreibt Artikel, die er bei lokalen Zeitungen und Magazinen einreicht, allerdings mit wenig Erfolg. Seine Themen finden nicht viel Anklang, seine Schreibe ist oft zu polemisch. Er kehrt also zurück nach New York City. Dort versucht er, mit allem möglichen Fuß zu fassen und ist einigermaßen erfolgreich als Vertreter für Bügeleisen.

    Die Geschäfte laufen gut. Nicht lange und er hat Angestellte und Vertretungen in mehreren amerikanischen Bundesstaaten. Er ist der Hauptvertreter einer Bügeleisenmarke im Bundesstaat Illinois und auch in Pennsylvania ist er aktiv. Allerdings ist Jakob auch chronisch gutmütig und gutgläubig und so dauert es auch nicht lange, bis er an die falschen gerät und von Geschäftspartnern komplett über den Tisch gezogen wird.

    Außerdem ereilte ihn eine Hiobsbotschaft. Elisabeth, die junge Frau, deren goldene Locke er seither in einer Schachtel immer am Herzen trägt, ist verlobt. Jakob ist am Boden zerstört und macht das, was er da anscheinend immer macht, nämlich nach New York zurückkehren. Wieder ist er ohne Finanzmittel, wieder ist er arbeitslos, wieder ist er in New York.

    Allerdings hat er inzwischen Übung in der Kunst des Artikelschreibens und in New York gibt es Bedarf an Menschen, die schreiben können. Er bewirbt sich auf eine Stellenausschreibung als Redakteur beim Long Island Newspaper und kriegt den Job. Es ist ein relativ hoch dotierter Job und es ist schon fast verdächtig, dass ein Newcomer wie er diesen Job einfach so bekommt. Kaum hat er die Stelle, stellt er fest, warum das so ist: Der Besitzer der Zeitung ist ein derart ausbeuterischer und unehrlicher Geselle, dass alle anderen Kandidaten abgelehnt hatten oder ihm davongelaufen waren. Und so hält es auch Jakob gerade mal zwei Wochen in dieser Stelle.

    Jetzt ist er wieder arbeitslos. Äußerlich aussehend wie ein Landstreicher, aber immer noch ganz gut vernetzt, wird ihm zugetragen, dass die New York News Association nach einem Trainee suchen würde. Jakob wäscht sich dürftig in einem Pferdetrog und macht sich auf den Weg zu dem Interview und obwohl er aussieht wie ein Landstreicher, schafft er es, die zuständigen zu überzeugen und bekommt diese Stelle. Das ist tatsächlich ein roter Faden durch die gesamte Biografie von Jakob: Wann immer er die Gelegenheit bekommt, mit Menschen zusammenzutreffen, scheint er sie davon zu überzeugen, dass sie ihr Vertrauen in ihn setzen können. Ganz egal, wie er aussah.

    Jakob hatte ein besonderes Talent, zwischen den verschiedenen Schichten hin und her zu wechseln und gleichermaßen über die Reichen wie über die Ärmsten der armen schreiben zu können. Er arbeitet hart und es zahlt sich für ihn aus. Nach und nach baut er sich ein kleines Vermögen auf, kann auch schnell seine Schulden zurückzahlen und gewinnt Routine in der Arbeit eines Journalisten. Die Zeitung, bei der er arbeitet, macht ihn schnell zum Hauptredakteur, allerdings steht sie auch kurz vor dem Bankrott. Und Jakob kämpft dagegen an, wie alle anderen, die bei dieser Zeitung arbeiten.

    Es ist diese Zeit, in der sich einerseits nach und nach finanzielle Stabilität für ihn einstellt, andererseits die Firma, bei der er angestellt ist, auf den Bankrott zusteuert, als ihn die Nachricht ereilt, dass daheim in Dänemark zwei seiner älteren Brüder, seine Tante und der Verlobte seiner Elisabeth gestorben waren. Jakob will nach Dänemark zurückkommen, um seine Brüder zu betrauern, aber er sieht natürlich auch die Gelegenheit, Elisabeth endgültig für sich zu gewinnen und macht ihr einen Antrag, schriftlich, per Post.

    Und um zu zeigen, dass man ihm vertrauen kann und dass man auf ihm eine Existenz aufbauen kann, beschließt er, mit seinen Ersparnissen die kurz vor dem Bankrott stehende Zeitung zu kaufen und in die schwarzen Zahlen zu führen. Das schafft er zwar nicht, aber seine Zeitung ist so unbequem, dass ihm Lokalpolitiker anbieten, die Zeitung von ihm zurückzukaufen, und zwar für knapp den fünffachen Betrag, den er dafür investiert hatte. Und so war Jakob durch glückliche Fügung praktisch über Nacht zu kleinem Reichtum gekommen, der es ihm erlaubte, sorgenfrei nach Dänemark zu fahren und dort seiner Elisabeth ganz regulär den Hof zu machen. Die beiden heiraten und als das Geld dem Ende zuneigte, zogen sie wieder zurück nach New York, wo Jakob sich auf die Suche nach einer Anstellung bei einer lokalen Zeitung machte.

    Es ist der New York Tribune, der ihn schließlich als Polizeireporter einstellt. Sein Büro ist gegenüber der Polizeistation, die für den damals größten Slum der Welt, die Slums von New York City, zuständig war. Jakob begleitet die Polizisten auf ihren Einsätzen und er sieht alles, was man nur an menschlichem Elend, an Gewalt und an Verbrechen zu Gesicht bekommen kann.

    Und er schreibt dagegen an. Er selbst war ja oft genug als obdachloser unterwegs und hat deswegen einen persönlicheren Zugang zu vielen der Themen als so mancher seiner Leserinnen und Leser. Und eigentlich macht er sich auch keine Illusionen. Die Menschen, denen es damals gut geht, die interessiert nicht, wie es den ärmeren geht. Sie wissen nichts darüber, sie erfahren kaum etwas darüber und Artikel, die Jakob schreibt, egal, wie blumig die Sprache, egal, wie leidenschaftlich die Worte, dringen nicht durch diesen Panzer.

    Anfangs wird er in seinem Schreibstil einfach nur noch melodramatischer und eindringlicher. Als er damit anscheinend nichts bewirken kann, denkt er über Zeichnungen und Skizzen nach, allerdings ist er kein besonders guter Zeichner, deswegen gibt er die Idee besonders schnell wieder auf.

    Die fotografische Technik der damaligen Zeit, wir reden von den 1880ern, ist nicht geeignet, um bei schlechten Lichtverhältnissen Straßenszenen festzuhalten. Jakob ist oft nachts oder in der Dämmerung unterwegs und würde sehr gerne fotografieren, aber die Bilder sind meistens vollkommen unbrauchbar. All das ändert sich, als er 1887 von einer Erfindung der Deutschen Adolf Miethe and Johannes Gaedicke liest. Die hatten nämlich sogenanntes Blitzlichtpulver entwickelt. Das war eine Magnesiumpulvermischung, die in Patronen gefüllt wurde und mit einer Vorrichtung, die wie eine Pistole aussah, abgefeuert wurden und einen hellen Lichtblitz produzierten. Damit konnte man endlich auch nachts oder bei Dämmerung fotografieren.

    Und er bringt mehrere dazu, mit ihm zusammen mit Blitzlichtpulverpatronen und Kamera bewaffnet in die Slums von New York einzudringen und Fotos zu machen. Und das Vorgehen war nicht ganz ungefährlich: Im Allgemeinen lief er durch die Stadt und wann immer er etwas fotografieren wollte, näherte er sich vorsichtig der Szene, löste den Blitz aus und lief dann so schnell er konnte mit seinem ganzen Equipment davon.

    Wegen dem Risiko und den nächtlichen Arbeitsstunden blieben seine Freunde nicht lange bei der Stange und so war Jakob gezwungen, selbst zu lernen, mit den fotografischen Gerätschaften umzugehen, besonders, weil sehr, sehr deutlich wurde, dass seine Fotos eine Wirkung entfalteten, die seine Artikel nie gehabt hatten. Die Menschen sahen Bilder von Armut, die ihnen so bisher nie gezeigt worden waren. Mitglieder des Mittelstands oder der gehobenen Klassen gingen nicht in die Slums, sahen sich nicht an, wie Arbeiter lebten. Sie sahen weder den Dreck, noch das Elend, noch die Gewalt und die Brutalität, die in diesen Vierteln ihren Wohlstand mit sicherte.

    Und Jakob bleibt nicht nur bei seinen Artikeln. Er verkauft Abzüge seiner Fotografien, er macht Lichtbildschauen, wo er mit einem Projektor auf einer Leinwand unter freiem Himmel Bilder projiziert. Er hält Vorträge, er schreibt Bücher. Es gibt mehrere Dinge, die er ganz konkret geändert sehen möchte. Er will, dass einzelne dieser Slumgebiete abgebaut und umgeformt werden. Er schlägt vor, Unterkünfte für die Armen zu bauen und die Slums zu Parks umzuwandeln. Und ganz besonders sind ihm die von der Polizei betriebenen Unterkünfte ein Dorn im Auge. Die Zustände dort sind fast noch elender als irgendwo in den Slums und eigentlich dienen die nur der Unterdrückung der Armen.

    Es ist diese Zeit, als er den gerade frisch ernannten Polizeipräsidenten kennenlernt, ein Mann namens Theodore Roosevelt. Der hatte nämlich das Buch entdeckt, das als ein Meilenstein der sozialen Reportage und sozialen Fotografie gilt und vielleicht eines der wenigen Beispiele ist, wo Fotografie tatsächlich zu echten Änderungen beigetragen hat. Das Buch trägt den Titel „How the Other Half Lives“. Es ist eine Mischung aus Artikeln von Jakob Riis und Fotografien und Zeichnungen, die auf Fotografien basieren.

    Jakob macht sich bei seinen Fotografien nicht viele Gedanken um Komposition, oft sieht er ja gar nicht, was er fotografiert. Eines seiner berühmtesten Bilder wird in einem dieser Zwei-Cent-Lokalen aufgenommen. Dort hat er zwei Cent bezahlt, die ihn zum Schlafen und Suppe essen in einem überfüllten, stickigen Raum berechtigten. Er hat sich dort hingesetzt und als dann alle eingeschlafen waren, richtet er im Dunkeln auf dem Tisch die Kamera aus, öffnet das Objektiv und feuert die Blitzlichtpistole. Man sieht, wie beengt dieser Raum ist. Das Licht wird von der Decke reflektiert, es sieht fast so aus, als würde die Cholera in diesem Raum wabern. Und man sieht die Männer, die außenrum zum Teil verschreckt, zum Teil eben gar nichts mitbekommend auf den Tischen schlafen. Solche und andere Bilder, die ohne erkennbare künstlerische Komposition daherkommen, sind manchmal gerade deswegen besonders eindrücklich.

    Roosevelt wurde jedenfalls durch dieses Buch auf ihn aufmerksam, tritt mit ihm in Kontakt und die beiden Männer formen eine Freundschaft, die ihr gesamtes Leben halten wird. Später wird Jakob für Roosevelt eine Kampagnenbiografie schreiben und Roosevelt wird sagen, dass er manche Dinge nie gemacht hätte, hätte er nicht die Bilder von Jakob Riis gesehen. Eine der Maßnahmen, die er noch als Polizeipräsident ergreift, ist, die Polizeischlafunterkünfte schließen zu lassen. Der Bundesstaat New York folgt dem Beispiel der Stadt New York und diesem Beispiel folgt wiederum der Rest des Landes. Und auch sonst nutzt Roosevelt seinen Einfluss, um der Sache, für die Jakob Riis kämpft, zu helfen, und sorgt dafür, dass die wichtigste Forderung von Jakob Riis tatsächlich Wirklichkeit wird. Die elendsten der Elendsviertel werden umgebaut. Die Menschen dort bekommen die Möglichkeit, in günstigere Wohnräume umzuziehen und der Slum wird dem Boden gleich gemacht und durch einen Park ersetzt.

    Jakob schreibt mehrere Bücher, einige davon beschäftigen sich ausschließlich mit den sozial benachteiligten Menschen seiner Zeit. „How the Other Half Lives“ ist das berühmte, aber es gibt auch noch „Children of the Poor“, das ist eine Art Fortsetzung mit besonderem Blick auf die Kinder und Familien. Jakob zeugt mit Elisabeth vier Kinder, eine Tochter und drei Söhne, und seine Familie bleibt eine Aktivistenfamilie. Sein jüngster Sohn steigt in seine Fußstapfen, wird auch ein Reporter und Aktivist, ein anderer geht zurück nach Dänemark und wird dort Director of Public Information in Kopenhagen und kämpft während des Ersten Weltkrieges gegen den steigenden Antisemitismus in der Region.

    1905 wird seine Frau Elisabeth nach fast 30 Jahren Ehe plötzlich krank und stirbt überraschend. Für Jakob markiert das das Ende seiner Zeit in New York. Er heiratet erneut 1907 und zieht mit seiner neuen Frau nach Massachusetts auf eine Farm in Barre. Dort wird er dann bis zu seinem Tod 1914 bleiben.

    Es wird fast 50 Jahre dauern, bis man ihn als den einflussreichen Fotografen anerkennt, der er war. In Rückschau stellt man fest, seine Fotos haben eine Handschrift, auch wenn er selbst sich nie Gedanken um Bildkompositionen gemacht hat, hatte er doch ein Auge für die Fotografie und die Bilder sind eindrücklich, bleiben im Gedächtnis. Und waren prägend fürs Medium: Viele, die nach ihm kamen, eiferten ihm nach. Das zu der Zeit noch junge Medium der Straßenfotografie nimmt dann einige der ästhetischen Entscheidungen von Jakob auf und deswegen sehen die Bilder auch heute noch einigermaßen modern aus. 

    Und in später über ihn veröffentlichen Papern wird darüber spekuliert, dass einige der durch seine Fotos inspirierten Sozialreformen in der Region wahrscheinlich tausenden von Menschen das Leben gerettet und für das Einrichten von sanitären Anlagen und besserer Wasserqualität gesorgt haben. Alles Indizien dafür, dass Fotografien eben doch manchmal verändern können, wie Menschen ihre Welt wahrnehmen.

    Jakob Riis schwankte während seines Lebens mehrmals zwischen Obdachlosigkeit und Reichtum hin und her, verlor aber nie seinen moralischen Kompass. In mancherlei Hinsicht ist seine Lebensgeschichte fast schon typisch für die Immigranten der damaligen Zeit, aber gleichzeitig auch etwas sehr Besonderes, weil er eben mehrmals ganz am Boden ankam und dann trotzdem wieder die Energie fand, sich nach oben durchzukämpfen. Und er war ein Mann, dem es nicht darauf ankam, seine Verdienste aufgezählt zu bekommen. 

    Heute weiß man, dass seine Bilder unter anderem dafür gesorgt haben, dass die Wasserversorgung von New York deutlich hygienischer wurde und damit wahrscheinlich aller Einwohner Leben besserten. Es waren seine Artikel, die Politiker vor sich hertrieben, es waren seine Fotos, die für die notwendige Aufmerksamkeit sorgten und er sorgte für ein Bewusstsein für die weniger privilegierten Menschen der Gesellschaft der damaligen USA, das es vorher so nicht gegeben hatte.

    23 min
  • Das erfolgreichste Foto der Welt

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Das Bild mit dem Titel „Bliss“ (Wonne) des Fotografen Charles O’Rear dürfte das meistgesehene Bild aller Zeiten sein. Man schätzt dass etwa die Hälfte der Menschheit bewusst oder unbewusst diese Aufnahme wahrgenommen haben dürften.

    • The Story Behind the World’s Most Famous Desktop Background
    • Bliss (Wikipedia, deutsch / englisch)
    • Windows XP (Wikipedia)
    • Charles O’Rear (Wikipedia)
    • Charles O’Rear Profil auf „The Photo Society“
    • »Mein Bild ist berühmter als die Mona Lisa« (SZ Magazin)
    • Lufthansa Hires The Photographer Of Windows XP Wallpaper To Take New Pictures, And He Proves Himself Once Again
    • Microsoft Paid ‘Bliss’ Photog $100K+ and ‘Autumn’ Photog $45 (Petapixel)
    • „Bliss“ parodies

    Dieses Video auf YouTube ansehen

    Episodenbild: By Original scan of Charles O’Rear’s photograph, Fair use, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=4705583

    Transkript

    Ich habe hier mehrere Bücher um mich herum, die sich mit einer Frage beschäftigen. Der Frage nämlich, welche Bilder sind die berühmtesten Bilder aller Zeiten. Da ist zum Beispiel vom Time-Magazine das Buch, das die 100 einflussreichsten Bilder aller Zeiten aufführt. Und der Taschenverlag hat ein Buch herausgegeben, namens Foto-Icons, indem berühmte Fotos und ihre Geschichten gelistet werden. Aber selbst zwischen diesen Bildern gibt es ganz eindeutige Unterschiede. Da gibt es Aufnahmen, die sogar meine Teenager kennen. Dann gibt es berühmte Bilder, die eigentlich nur in bestimmten Kulturkreisen verbreitet sind. Wenn es also Unterschiede zwischen diesen Bildern gibt, was wird dann wohl das berühmteste Bild aller Zeiten sein? Die Mondlandung? Napalm-Girl? Marilyn Monroe über dem Schacht der U-Bahn? Oder vielleicht ganz was anderes? (Musik wird abgespielt)

    Jetzt gibt es wahrscheinlich unterschiedliche Kriterien für erfolgreiche Fotografie. Aber halten wir doch einfach mal fest, ein berühmtes Foto sollte von vielen Menschen wiedererkannt werden. Und da dürfte es schwerfallen, das Bild des Fotografen Charles O’Rear zu schlagen. Denn angeblich hat das Bild Bliss, fast die Hälfte der Menschheit schon mal gesehen. Und falls du jetzt mit dem Namen Bliss nichts anfangen kannst, keine Sorge, ich kläre das gleich auf. Festzuhalten bleibt auf jeden Fall, dass Charles keine Ahnung hatte, was für ein Bild er da machte, als er im Januar 1989 mit seinem Auto durch die hügelige Landschaft von Kalifornien fuhr.

    Genaugenommen war er im Napa Valley unterwegs. Und das Napa Valley hatte seit mehreren Jahren mit einer wachsenden Insektenplage zu kämpfen. Normalerweise ist das Nappa Valley in Kalifornien das Weinanbaugebiet der USA. Aber als Charles an jenem Tag durch die Hügellandschaft fuhr, war dort weit und breit nichts von Weinstöcken zu sehen. Über 50.000 Hektar Feld, waren brach, also wurden nicht bebaut. Und man hatte die kompletten Anlagen abgeräumt. Wo also normalerweise, so weit das Auge reicht, Rebstöcke zu sehen waren und entsprechende Infrastruktur verbaut war, war jetzt einfach nur eine grüne, hügelige Graslandschaft zu sehen. Der kalifornische Winter ist relativ regenreich. Und es war Januar, und es hatte gerade viel geregnet, und deswegen war das Grün auf den Hügeln saftig, wie nie. Charles war eigentlich Pressefotograf.

    Er hatte Auftragsarbeiten für National Geographic und für die Los Angeles Times erledigt, und zwischendurch fotografierte er auch gerne mal für bekannte, etablierte, große Stock-Agenturen, wie zum Beispiel …#00:02:47#. An jenem Januar war er allerdings privat unterwegs. Er wollte seine in San-Francisco lebende Freundin besuchen fahren. Wusste aber, er würde durch diese Hügellandschaft kommen, und hatte deswegen vorsorglich seine Mittelformatkamera eingepackt. Mittelformatkameras sind relativ große Kameras. Die Filme, die man dort einlegt, haben mehr Fläche. Und deshalb sind die Bilder in aller Regel detailreicher und schärfer. Und deswegen sagt Charles, das Bild wäre auch garantiert nicht so erfolgreich geworden, hätte er es mit einer anderen Kamera aufgenommen. Der Film, den er eingelegt hatte, war bekannt dafür, sehr kontrastreich und sehr scharf zu sein. Er hatte ja vor, eine grüne Hügellandschaft, mit weißen Tupfwolken und kräftig blauem Himmel einzufangen.

    Und genau das ist das Bild, das er macht. Er rollt durch die Landschaft, sieht die ungewöhnlich leergeräumten Hügel, und da sieht er die Szene vor sich, die hinterher zu seinem erfolgreichsten Foto werden sollte. Er fotografiert eine Wiese entlang, auf der kleine, gelbe Blumen als Farbtupfer zu sehen sind. Einen Hügel hinauf. Auf dem Hügel sieht man die Schatten der über ihn hinwegziehenden, weißen Tupfwolken, auf kräftig blauem Himmel. An der Aufnahme ist auffällig, wie minimalistisch sie eigentlich ist.

    Es gibt kein herausstechendes Motiv, außer der Landschaft selbst. Farblich ist die Palette auf blau, grün und ein paar gelbe Tupfer reduziert. Es ist ausgewogen und hat sehr, sehr wenig Spannung. Und genau diese Eigenschaften machen diese Aufnahme zu dem perfekten Standard-Bildschirmhintergrund für eins der meistverkauften Betriebssysteme aller Zeiten. (Ton wird abgespielt) Aber das weiß Charles noch nicht. Damals, im Januar 1998, macht er dieses Bild. Entwickelt es nach, nach einem schönen Aufenthalt in San-Francisco, digitalisiert das Bild und lädt es zur damals größten und etabliertesten Fotoagentur der Welt, (?Chorbes) hoch. (?Chorbes) befindet sich zu der Zeit im Besitz von Bill Gates. Dessen Unternehmen, Microsoft, ist 1998 bereits damit beschäftigt, die nächste Betriebssystem-Version zu schaffen. Der Nachfolger von Windows 2000. Und dieses System war ein Paradigmenwechsel.

    Manche Bedienelemente waren anders. Die Oberfläche selbst, polarisierte. Und man hatte beschlossen, dass selbstverständlich zu dem neunen Look, auch neue Standard-Hintergründe gehören. Und so war ein Team von Designern, auf der Suche nach dem perfekten Bildschirmhintergrund, in die Archive von (?Chorbes) abgetaucht. Und dort fanden sie die Aufnahme, die Charles hochgeladen hatte. (?Chorbes) vertrat Charles für eine ganze Reihe von Bildern, und kontaktierte Charles eben mit einem Angebot von Microsoft, dieses Bild aufzukaufen. Und damit meinten die nicht nur die Rechte an dem Bild, sondern alles. Das Negativ, sämtliche Nutzungsrechte. Sie wollten die volle Kontrolle über diese Aufnahme. Warum gerade dieses Bild, weiß Charles auch nicht.

    B1: I have no Idea, what die Engineers at Microsoft were looking for. I called them Engineers. Was it a Engineering Staff? Was it a creative Staff? I don’t know. Whoever it was, I am only guessing, were they looking for an Image that was peaceful? Were they looking for an Image, that had no Tension?

    I: Ich schätze mal, das hat eine Rolle gespielt. Außerdem war es halt auch noch ganz eindeutig so, dass dieses Bild zur neuen Designsprache von Windows XP passte. Die primären Farben in dieser Aufnahme sind identisch mit den primären Farben, die in Windows XP voreingestellt waren. Microsoft beschließt also, dieses Bild haben zu wollen und alle Rechte besitzen zu wollen. Also wird ein Preis verhandelt. Dieser Preis ist bis heute unbekannt. Aber er war deutlich jenseits der 100.000 Dollar. Und zu der Zeit, sagt man, war dieses Bild wahrscheinlich das zweitteuerste Foto, das je verkauft worden war. Es war so teuer, dass sich FedEx weigerte, die Negative von Kalifornien nach Seattle, zum Hauptsitz von Microsoft, fliegen zu lassen. Und deswegen stieg Charles O’Rear letztlich selbst mit seinen Bildern in den Flieger und machte sich auf den Weg zur Firmenzentrale, um das Negativ höchstpersönlich zu überreichen. Was für eine coole Vorstellung. Als jemand, der selbst fotografiert, finde ich, Bilder brauchen ein Publikum. Fotos sind nochmal schöner, wenn andere sie sich anschauen können. Sicherlich, manchmal reicht man selbst als Publikum. Aber die meisten von uns wollen Bilder zeigen. Ich zeige Bilder, wenn es hochkommt, mal einem paar Dutzend, vielleicht ein paar hundert Menschen. Charles flog zurück, in dem Wissen, dass sein Bild, Millionen Menschen zu Gesicht bekommen werden. Das ist schon ziemlich cool. Aber wie omnipräsent die Aufnahme tatsächlich werden würde, das war ihm zu dem Zeitpunkt auch noch nicht klar.

    I: I have seen it in the Situation Room of the White House, maybe a News Photograph. I have seen it in Shots in the Kremlin, where they would have Interviews. I don’t remember, if it was with Putin, or whoever might have been in there. And there, in the Background, was Windows XP.

    B: Er hat Bliss schon in Aufnahmen aus dem Weißen Haus, wie auch in Aufnahmen aus dem Kremlin gesehen. Charles sagt, wer in den letzten 20 Jahren aufgewachsen ist und in eine Schule gegangen ist, hat diese Aufnahme wahrscheinlich gesehen und wird sich für den Rest des Lebens daran erinnern. Vielleicht nicht bewusst, aber wenn man diesem Bild begegnet, dann weiß man, man hat es schon mal gesehen; man kennt es. Der Computerraum in der Schule war damit ausgestattet. Die Eltern hatten das System daheim. Und ich persönlich kann sagen, ich habe es viele, viele Male installiert, und dann sofort weggeklickt. Aber auf jeden Fall erstmal angeschaut. Jahre später, nachdem Windows XP auf den Markt gekommen ist, wird Charles von einer Gruppe Ingenieure aus Seattle angerufen. Sie haben gewettet. Es gibt nämlich eine Diskussion, ob das Bild eigentlich in Photoshop entstanden sein, oder irgendwo in Seattle aufgenommen worden war, oder wo es denn jetzt nun her wäre.

    Sie rufen ihn an und lernen dabei, dass dieses Bild tatsächlich in Kamera so entstanden ist. Dass es diesen Hügel wirklich gibt. Dass er nicht in Seattle, sondern in Kalifornien steht. Man weiß, dass Microsoft die Originalaufnahme leicht zugeschnitten hat. Nichts Dramatisches, nur um das Bildverhältnis ordentlich anzupassen. Immer wieder mal kann man außerdem von der Behauptung lesen, Microsoft hätte die Sättigung hochgedreht. Tatsächlich weiß man aber inzwischen von einer Analyse des Original-Negativs, dass die Farben tatsächlich im Negativ so zu sehen waren. Es ist einfach ein Effekt von dem eingesetzten Fujifilm. Das, was wir heute am Rechner machen, nämlich die Farbsättigung hochdrehen, Filter auf das Bild legen und so weiter, hat man damals einfach schon durch die Auswahl des Films gemacht. Und so ist es eben auch bei Bliss. Auf dem Negativ war das Grün wirklich so grün, und das Blau wirklich so blau. Charles lebt immer noch in der Nähe dieses Hügels.

    Seine damalige Freundin ist jetzt seit mehreren Jahrzehnten seine Ehefrau. Und er beschäftigt sich auch fotografisch weiter mit der Landschaft, rund um sein Heim. Elf Bücher kann man kaufen, in denen er Fotografien und Texte beigesteuert hat. Alle beschäftigen sich mit den Weinanbaugebieten von Kalifornien. Keine der Aufnahmen, die man dort sieht, sind so minimalistisch wie das Bild, das Charles an Microsoft verkauft hat. Und natürlich wurden diese nicht von annähernd so vielen Leuten gesehen. Ob das jetzt die Aufnahmen erfolgreicher oder weniger erfolgreich macht, das überlasse ich jetzt mal dir. (Musik wird abgespielt) Fotomenschen. Wer weiß schon, welchen Einfluss dieses Bild auf unser kollektives Bildgedächtnis genommen hat.

    Ich habe hier in meinem Bildarchiv eine Landschaftsaufnahme, in der ich gemähte Wiesen vor einem weißbetupften, krachend blauem Himmel fotografiert hatte. War dieses Bild vielleicht inspiriert von Bliss? Ohne dass ich es gemerkt habe? Charles selbst hat übrigens einmal in einem Interview gesagt, die meisten Fotografen werden berühmt für Bilder, die sie gemacht haben. Er aber hätte dieses Bild nicht gemacht. Er war nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort und hat den richtigen Moment dokumentiert. Das Bild war schon vor ihm da. Und als er das Bild gemacht hat, wusste er nicht, was daraus einmal werden würde. Und das finde ich jetzt wirklich spannend. Wäre ich nämlich in Charles Schuhen gestanden und würde dieses Foto heute machen, ich hätte es daheim beim Sichten meiner Speicherkarten einfach gelöscht. Und zwar, weil es, meiner Meinung nach, zu wenig gezeigt hätte.

    Charles hat es einfach mit hochgeladen, zu seinen anderen Bildern, und darauf vertraut, dass Menschen, die daran interessiert sein würden, es dann auch finden würden. Das stellt irgendwie die Frage, ob wir selbst eigentlich immer beurteilen können, welche unserer Bilder denn nun gut oder gelungen sind, und welche nicht.

    14 min
  • Blind fotografieren

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Fotografie heißt übersetzt „Mit Licht zeichnen“. Aber heißt das man muss dafür auch sehen können?

    „The mind is the essence of your sight. It’s really the mind that sees.“ (John Dugdale)

    Artikel zum Thema:

    • Deutschlandfunk – Wie Blinde fotografieren
    • Goodlive – Ein blinder Fotograf: Die Geschichte von Pete Eckert
    • FotoTV – Hannes Wallraven – ein erblindeter Fotograf erzählt
    • kwerfeldein – Pete Eckert - Ein blinder Fotograf
    • The Guardian – The work of blind photographers - in pictures
    • BBC – How a blind photographer sees the world
    • National Geographic – Blind Photographers Push the Envelope of Expression
    • NY Times – Visions of a Blind Photographer
    • TIME – The Art and Heart of Blind Photographers
    • fstoppers – Seeing Without Seeing - The Fascinating Story Of The Blind Photographer
    • Hindustan Times – Visually impaired photographer Pranav Lal’s journey of expression
    • TAZ – Zart und unheimlich leuchten
    • Better Photography – Sonia Soberats
    • Petapixel – The Surreal Light Painting Photography of a Blind Photographer
    • DW – Die blinde Fotografin Silja Korn

    Weiterführendes:

    • Retinopathia pigmentosa (Wikipedia)
    • Sonifikation (Wikipedia)
    • Photosounder
    • DNA Sonification
    • EMOP Berlin Ausstellungen – Blinde Fotograf*innen
    • Flickr – The Seeing With Photography Collective
    • Seeing With Photography Collective auf Instagram

    Hörempfehlungen:

    • Wie siehst Du das? Der Podcast über Sehen und Nichtsehen (Apple Podcasts link)
    • Photography Daily #53 – The ‚Blind Photographer!‘ (Interview mit Ian Treherne)

    FotografInnen:

    • Susanne Emmermann
    • Ian Treherne (Webseite, Instagram)
    • Pete Eckert (Wikipedia, Webseite)
    • Pranav Lal (Twitter, Webseite)
    • Nivi Morales (Instagram)
    • Sonia Soberats (Flickr)
    • Kurt Weston (Webseite, Instagram)
    • Silja Korn (Webseite)
    • Evgen Bavčar (Wikipedia)
    • Bruce Hall (Wikipedia)
    • Michael Richard (Wikipedia)
    • John Dugdale (Wikipedia)

    Dieses Video auf Vimeo ansehen

    Dieses Video auf Vimeo ansehen

    The Blind Photographer: 150 extraordinary photographs from around the world

    Transkript

    I: Es ist eine (?Binse), dass Menschen, die einen Sinn verlieren, diese Fähigkeit über die anderen Sinne ausgleichen. Wenn wir also unser Augenlicht verlieren, dann hören wir wahrscheinlich besser und tasten mehr. Und darum überrascht es uns auch überhaupt gar nicht, dass es blinde Musiker gibt, oder taube Maler. Aber blinde Fotografinnen? (Musik wird abgespielt) Fotomenschen. Vielleicht mal gleich vorneweg: Der Begriff blind ist schwierig. Denn wir meinen damit ja meistens Menschen, die nicht richtig sehen können, und da gibt es ein Spektrum. Ich selbst weiß jetzt nicht genau, was die richtige Terminologie ist. Ich werde also öfters mal blind sagen. Unteranderem auch deswegen, weil in praktisch allen Artikeln und Büchern, die ich gefunden habe, für die heutige Folge, der Begriff blind, ganz selbstverständlich benutzt wurde.

    Und um das gleich vorwegzunehmen, jawohl, es gibt wahrscheinlich tausende von blinden Fotografinnen und Fotografen da draußen. Es gibt sogar Vereine, die Menschen beibringen, mit der Kamera umzugehen und zu fotografieren. Die erste Geschichte, die mir begegnet ist, ist von dem Inder, Pranav Lal. Er konnte noch nie sehen. Er wurde blind geboren. Und trotzdem wurde er bekannt als Indiens blinder Fotograf. Denn seine Bilder gingen durch die Presse und die Medien. Fast alle seine Aufnahmen entstehen im Freien. Die Natur ist sein Motiv. Und Pranav fotografiert mit Hilfe von Technologie. Zunächst einmal fotografiert er mit modernen, digitalen Kameras. Wichtig ist, sagt er, dass die Kamera einen ordentliche Auto-Fokus hat. Aber wie weiß Pranav, was er denn fotografiert? Dafür hat er ein zweites System für sich entdeckt. 2001 entdeckte er eine Software namens Voice. Die setzt etwas um, das nennt sich (?Soundification). Soundification ist das Darstellen beliebiger Daten durch Töne.

    Wenn wir uns Daten anschauen, schauen wir uns diese wahnsinnig gerne als visuelle Graphen an. Und diese Graphen sind aber nichts anderes als eine Krücke. Sie helfen uns, einen Zusammenhang zu erfassen. Je nachdem, welchen Diagrammtyp wir verwenden, mag dieser Zusammenhang dann offensichtlicher und weniger offensichtlich sein. Allerdings sagt ja niemand, dass Daten visuell aufbereitet werden müssen. Daten können auch als Töne aufbereitet werden. So klingt zum Beispiel die menschliche DNA: (Töne werden abgespielt) Und inzwischen gibt es so einiges an Software, die auf die verschiedensten Arten auch Bilder in Töne umwandeln kann. Das kann für ungeübte Ohren auch erstmal recht anstrengend wirken. Aber hier zum Beispiel die Sonifizierung meines Podcast-Logos, mit einer Software namens Photosounder: (Töne werden abgespielt)

    Spannend ist dabei insbesondere, dass mit etwas Übung, Menschen, die diese Software verwenden, durchaus unterscheiden können, ob sie eine dunkle, eine helle, eine Szene mit vielen Objekten, eine Szene mit wenigen Objekten sehen. Und genau so ein System macht sich Pranav zu eigen. Er hat sich ein System gebaut, bestehend aus einer Action-Cam, die er mit einem Stirnband am Kopf trägt. Einer Verbindung zu einer Software, die die Bilder, die die Action-Cam aufnimmt, direkt sonifiziert. Und sogenannten Bone-Conducting-Headphones. Also Kopfhörer, die über Knochenschall funktionieren, um diese Töne dann hören zu können. Und so läuft er durch die Gegend und hört seine Umgebung. Klingt die Umgebung nun interessant, dann nimmt er die Kamera, die er dabeihat, und hält sie grob in dieselbe Richtung. Also buchstäblich vor seine Stirnkamera, und drückt ab.

    Moderne Kameratechnik sorgt jetzt dafür, dass scharfgeschaltet ist und die Belichtung stimmt. Pranav sorgt dafür, dass eine Szene fotografiert wurde, die ihn angesprochen hat. Und seine Mitmenschen sind davon fasziniert, wie oft dort wirklich ansprechende Kompositionen und interessante Bilder rauskommen. Sicherlich sind die Bilder nicht immer gelungen, aber bei wem sind sie das schon. Und Pranav kann mit dieser Kamera jetzt alles erleben und tun, was wir sehende Fotografinnen und Fotografen auch können. Er kann Szenen festhalten. Er kann sie sich wieder und wieder anschauen, oder anhören. Er kann mit anderen über die Aufnahmen sprechen. Er kann Bilder identifizieren, die bestimmte Stimmungen bei ihm auslösen, oder die bestimmte Stimmungen bei den Betrachterinnen und Betrachtern auslösen. Moderne, blinde Fotografinnen und Fotografen sind dabei auch nicht auf Soudification angewiesen. Es gibt auch andere Systeme, die im Endeffekt den einen Sinneseindruck in einen anderen umwandeln. So habe ich zum Beispiel mal ein Gerät gesehen, das aus einer kleinen Action-Kamera und einer Platte bestand, die die Bilder in kleine Druckpunkte umgewandelt hat.

    Man brachte diese Platte einfach immer an derselben Stelle am Körper an, und sie modellierte sozusagen die Umrisse, die die Kamera sieht, auf die Haut. Also drückte sie mit kleinen, beweglichen Stiften auf die Haut. Unser Gehirn ist faszinierend und wahnsinnig leistungsfähig. Und Menschen, die mit solchen Gerätschaften unterwegs sind, können nach einer Weile auf die Art und Weise, Gegenständen ausweichen, ohne sie sehen zu müssen. Sie können Türen identifizieren und öffnen, Hindernissen ausweichen, und dergleichen mehr. Und natürlich wird so etwas unter Umständen auch von Fotografinnen und Fotografen benutzbar. Okay, mag einem da in den Sinn kommen, das ist nett. Aber für kommerzielle Fotografie ist so etwas wahrscheinlich nicht wirklich verwendbar, oder?

    Und bei Pranav stimmt das. Der betreibt das Ganze in erster Linie als ein Hobby. Aber ich habe eine ganze Reihe von professionellen Fotografinnen und Fotografen entdeckt, die Portrait-Arbeiten abliefern, die in der Werbeindustrie fotografieren, und dabei wenig oder gar kein Augenlicht besitzen. Ein Beispiel ist der britische Fotograf Ian …#00:05:40#. Er leidet an einer Augenkrankheit namens Retinopathia pigmentosa. Menschen, die an dieser Krankheit leiden, verlieren über die Zeit ihre Fotorezeptoren. Betroffene sehen also zunächst ganz normal, verlieren diese Fähigkeit aber dann über die Jahre. Wie der Verlauf genau aussieht, ist unterschiedlich. Den meisten fällt im Teenageralter irgendwann auf, dass sie irgendwas nicht mehr wirklich wahrnehmen können. Also zum Beispiel stark nachtblind sind, oder einen ausgeprägten Tunnelblick haben, oder Kontraste nicht richtig wahrnehmen können. Und mit den Jahren wird es immer schlechter, bis sie schließlich gar nichts mehr sehen. Ian trifft es besonders hart, denn er wird tatsächlich mit einer ausgeprägten Hörschwäche geboren.

    Er kann hohe Frequenzen nicht wahrnehmen, deswegen hatte er schon als Kind regelmäßig Hörhilfen getragen. Trotzdem bemerkt seine Familie nicht, wie Ian nach und nach immer weniger sieht. Er selbst ist es, dem als Vierzehnjähriger auffällt, dass er beim Spielen mit seinen Freunden im Wald eigentlich gar nicht weiß, wo er hinläuft, und seine Familie dann überzeugt, mit ihm zum Augenarzt zu gehen. Die diagnostizieren seine Krankheit, und ab jetzt weiß er, dass er wahrscheinlich mit 40 nichts mehr sehen wird. Im Augenblick hat er noch ungefähr fünf Prozent seines Augenlichts. Bei Ian ist es so, dass er einen Tunnelblick entwickelt. Das heißt, es gibt in der Mitte seines Seefeldes einen kleinen Streifen, in dem er immer noch alles sehen kann. Ian sieht es also auf sich zukommen. Und als Teenager weiß er natürlich noch nicht wirklich, wie er damit umgehen wird.

    Aber wie er älter wird, und diese Krankheit sich immer weiter ausdehnt, stellt er fest, dass er sein Leben nicht davon definieren lassen möchte. Wie viele seiner Altersgenossen, ist Ian zu dieser Zeit begeistert vom Kino. Aber seine Begeisterung geht weit über das hinaus, was seine Altersgenossen teilen. Er interessiert sich für die Kinematographie, für die Kameraführung, für die Einstellungen, für die Farben, die er sieht, für die Kontraste. Und darüber kommt er dann irgendwann auch zur Fotografie. Er möchte festhalten, was er sieht. Er möchte festhalten, wie es sich verändert, was er sieht. Und er möchte ein Werk schaffen, das beeindruckend ist. Und so beschließt er, Fotograf zu werden. Sein Genre? Portrait. Sein Arbeitsumfeld variiert. Aber hauptsächlich arbeitet er in seinem eigenen Studio, wo er die Lichtbedingungen und die Posen seiner Models, detailliert kontrollieren kann. Ian lässt sich Zeit. Ian muss sich Zeit lassen. Er arbeitet intensiv mit seinen Models.

    Unterhält sich lange mit ihnen. Spürt in sich hinein. Sieht sehr genau hin. Denn es ist ja nicht viel, was er wahrnehmen kann. Und auch das ist eine Binse. Je mehr Zeit wir uns mit unseren Fotografien lassen, je mehr wir darüber nachdenken, was wir tun und warum wir es tun, desto besser werden sie in aller Regel. Und bei Ian ist es nicht anders. Er fotografiert viel schwarz-weiß. Er spielt mit Dunkelheit in seinen Aufnahmen. An den Bildern sieht man den Könner. Und die Fotografie ist nicht fertig, nachdem er sie aufgenommen und am Rechner bearbeitet hat, sondern erst, wenn sie gedruckt ist und in einem handgefertigten Rahmen, gerahmt.

    Bei Ian kommt das physikalische Objektbild und das, was er sieht und empfindet, zusammen. Und er sieht seine Zeit jetzt, als Fotograf, er noch fünf Prozent sihet, als Vorbereitung für die Zeit, wenn er gar nichts mehr sieht. Und er hat zumindest bisher nicht vor, dann mit dem Fotografieren aufzuhören. Denn während er eigentlich angefangen hatte, weil er das Gefühl hatte, es tickt eine Uhr und es muss in der Zeit, in der er noch sehen kann, möglichst viel passieren, hat er inzwischen für sich entdeckt, dass die Fotografie viel mehr für ihn eröffnet. Er sagt, Fotografie erlaubt ihm, an der Welt teilzuhaben, unabhängig davon, ob er sie sehen kann, oder nicht. Hier in seinen eigenen Worten.

    B1: Well, I think without the Camera, I think, yeah, I will be quiet cutoff. I think, having the Camera is the sort of Thing, that allows me to sort of, you know, be involved in other Peoples Worlds.

    I: Er sagt, ohne Kamera wäre er irgendwann von der Welt abgeschnitten. Aber mit der Kamera darf er sozusagen an anderer Leute Welten teilhaben. Wir haben also verschiedene Aspekte inzwischen schon beisammen, die wir als Sehende natürlich auch mit der Fotografie verbinden. Nämlich die Möglichkeit, uns auszudrücken und über das Bild mit anderen in Kontakt treten zu können. Die Möglichkeit, die Kamera dafür zu benutzen, in andere Lebenswelten einzutauchen, die Welt erfahren zu können. Trotzdem ist es oft so, dass Menschen, wenn sie ihre Sehkraft verlieren, zunächst denken, alles Visuelle ist außer Reichweite. Waren sie vorher Fotografinnen und Fotografen, hören sie damit auf. Waren sie vorher begeisterte Kinogänger oder in Gallieren zu Besuch, ist das zunächst einmal außer Reichweite. Weil das aber nicht immer so sein muss, und weil es, besonders auch in unserer digitalen Welt, Möglichkeiten gibt, kamen mit den 2000er Jahren, weltweit an verschiedensten Stellen, Initiativen und Vereine auf. Und es tauchen Bildbände und Ausstellungen auf. So konnte man letztes Jahr, im Rahmen des europäischen Monats der Fotografie, im F3 in Berlin, eine Ausstellung von Fotografinnen und Fotografen besuchen, und sah dort sogenannte Lichtmalereien.

    B2: Mein Name ist Susanne Emmermann und ich fotografiere eigentlich schon immer. Aber nachdem ich anfing zu erblinden, 92, dachte ich, das ist verloren. Und habe mich dann langsam wieder herangetastet. Und ja, bis hin zum Workshop 2017, indem wir dann mit dem (?Light-Painting), was wir jetzt praktizieren, angefangen haben.

    B3: Ja, mein Name ist Gerald (?Pirner). Ich war zunächst begeisterter Bildseher. Habe mich mit Malerei beschäftigt. War sehr intensiver Kinogänger. Dann kam meine Erblindung. Und dann war erstmal vollkommen Schluss mit allen möglichen Bildern. Und ich habe mich dann erst langsam wieder, über mein Schreiben, an die Bilder herangetastet. Habe dann, vor einigen Jahren, angefangen zu fotografieren. Jetzt irgendwie auch tatsächlich ohne Light-Painting zunächst. Bin vom Spüren ausgegangen. Kam dann, über den Film von Frank (?Amann), an das Light-Painting heran. Und fotografiere im Light-Painting Stil jetzt seit drei, vier Jahren, oder sowas.

    B4: Mein Name ist (?Silvia Korn) und ich habe vor meiner Erblindung auch schon fotografiert. Mein Vater hat uns Kinder dort herangeführt. Er hat uns gefilmt und fotografiert. Und dann bin ich mit zwölf blind geworden und habe auch geglaubt, dass ich das nicht mehr machen könnte. Und 2004 habe ich das dann wieder aufleben können, durch eine Fotografin, die blinde Menschen gesucht hat und mit ihnen fotografieren wollte. Und da hat sie mir gezeigt, wie man auch blind fotografieren kann. Und seit dem Tag an, habe ich erstmal fotografiert. Und dann habe ich auch mit Light-Painting, 2017, 2016 oder 2017 angefangen zu fotografieren. Und bin auch sehr begeistert, dass wir diese Möglichkeit jetzt haben.

    I: Light-Painting, das ist eine Technik, die von blinden Fotografinnen und Fotografen öfter angewandt wird. Die Idee ist simpel. Es ist eine Langzeitaufnahme. Das heißt, die Kamera wird in einem dunklen Raum auf ein Motiv gerichtet und belichtet ab jetzt. Und man geht mit verschiedenen Lichtquellen, zum Beispiel Taschenlampen, oder auch farbigen Reflektoren, und ähnlichem. Die Kamera zeichnet all diese Lichtbewegungen auf. Weil es aber eine Langzeitbelichtung ist, wird der Fotograf oder die Fotografin im Bild nicht sichtbar, das Motiv aber sehr wohl. Und dabei entstehen wirkmächtige Aufnahmen, die fast schon an Gemälde erinnern. Menschen, die nicht richtig oder gar nicht mehr sehen können, machen viele Dinge langsamer als wir Sehenden.

    Sie müssen genauer hin spüren, sie müssen ihre Umgebung erfassen, sie müssen Dinge ertasten. Und Lichtmalerei gibt ihnen die Möglichkeit dazu. Es ist fast schon als würde man eine Skulptur abgehen. Und so können die Künstlerinnen und Künstler übersetzen, was sie spüren und ein Abbild ihres Erlebnisses schaffen. Und die Werke sehen großartig aus. Die sehen so toll und einzigartig aus, dass VW, im Jahr 2018, den blinden Fotografen Pete Eckert, vielleicht inzwischen der berühmteste Fotograf dieses Genres, damit beauftragte, eine Werbekampagne für den Volkswagen Arteon zu produzieren. Auch Pete leidet an Retinopathia pigmentosa. Er war ausgebildeter Bildhauer als ihn die Diagnose ereilte. Und, wie so viele andere, dachte auch er, alles, was ihn an den visuellen Künsten bis hierhin fasziniert hatte, wäre jetzt vorbei. Aber er konnte irgendwie nicht davonlassen, Kunst schaffen zu wollen.

    Und deswegen brachte er sich bei, wie er blind eine Drehbank bedienen kann, und fing an, Holzuhrwerke zu schaffen, oder kleine Skulpturen. Es dauerte nicht lange, und das war irgendwie nicht mehr genug. Es dauerte einfach auch zu lange, bis auf diese Art, Kunst geschaffen wurde. Und es gab keine Chance, dass er jemals seinen Lebensunterhalt damit verdienen würde. Und das war sein erklärtes Ziel; Er wollte mit seinen Leidenschaften, Geld verdienen. Irgendwann passiert dann, was passieren musste: Ihm fiel eine alte Kamera in die Hand. Alte Kamera, in dem Fall eine Kodak aus den 50er Jahren, haben die angenehme Eigenschaft, dass sie sehr haptisch sind. Dort sind verhältnismäßig große und wenige Bedienelemente dran.

    Und die kann man bedienen lernen, ohne sie sehen zu müssen. Seine Frau hilft ihm dabei, die grundsätzliche Funktionalität zu verstehen. Aber er stößt trotzdem schnell an Grenzen, und wendet sich an einen lokalen Foto-Fachbetrieb. Und die bringen ihm, in schier endloser Geduld, verschiedenste Techniken bei, die er auch als Blinder beherrschen kann. Beziehungsweise entwickeln diese Techniken zusammen mit ihm. Auch hier mündet das Ganze in Ausstellungen, in Fotobücher und eben in eine Kampagne für Volkswagen, in dem er, mit Hilfe von Lichtmalerei, wirklich eindrückliche Bilder und Videos schafft. Und auch bei Pete ist der Antrieb ein sehr ähnlicher, wie bei sehenden Zeitgenossen mit Kamera. Er braucht die Bilder selbst nicht sehen können, um zu wissen, wie sie auf andere in seiner Umgebung wirken, wenn diese sie sich anschauen.

    Wie andere professionelle Fotografinnen und Fotografen auch, hat er Assistenten, die ihm dabei helfen, die Belichtungstechnik und die Kamera selbst auszurichten. Aber das Bild schafft er, in dem er sich um sein Motiv herumtastet und mit verschiedenen Lichtquellen malt. Oft schafft er das Bild schon fertig im Kopf, noch bevor er überhaupt zur Tat schreitet. Die Tatsache, dass er früher mal sehen konnte, hilft ihm dabei natürlich ungemein. Ein stückweit, so sagt er, macht er eigentlich mit der Kamera dasselbe, was er als Bildhauer auch mit der Drehbank machen würde, nur in viel kürzerer Zeit. Und was ich ganz allgemein sehr beeindruckend finde, wenn ich mir die Bilder von ihm oder anderen blinden Fotografinnen und Fotografen anschaue, ist die Kreativität, die dort durchsticht. So mancher von uns fotografiert ja eigentlich nur, was uns sowieso im Alltag begegnet und hält dann vielleicht sogar einfach mit der Vollautomatik drauf. Daran ist auch überhaupt gar nichts auszusetzen.

    Aber diese Fotografinnen und Fotografen, die sich herantasten, daran, was eine Fotografie für sie bedeutet, schaffen dort zum Teil Bilder, die anders sind als alles, was ich sonst so zu sehen bekomme. Sie drücken sich aus. Sie zeigen ihrer Umgebung ihre Welt. Und das, glaube ich, ist im Kern alles, worum es bei Fotografie überhaupt gehen kann. (Musik wird abgespielt) Fotomenschen. Zur heutigen Folge gibt es wirklich viel Material, was man sich anschauen kann. Ich habe so einiges an Videos und weiterführenden Links aufgeführt. Ich habe eine größere Auswahl von Fotografinnen und Fotografen in den Notizen zur Sendung hinterlegt und möchte damit möglichst viel Anlass und Gelegenheit schaffen, um in diese faszinierende Welt einzutauchen.

    Als mir dieser erste Fall eines sehbehinderten Fotografen begegnet ist, dachte ich noch, das ist eine Kuriosität. Und je mehr ich mich dann damit beschäftigt habe, desto mehr wurde mir klar, dass so mancher von diesen Menschen näher an der Essenz des Fotografierens ist als viele Sehende, die mit Kameras durch die Gegend laufen. Wenn die Fotografie ein Weg ist, sich auszudrücken, wenn die Fotografie ein Weg ist, die Welt zu erfahren und ihr näher zu kommen, wenn sie eine Möglichkeit ist, über sich selbst und die Umgebung nachzudenken, ja, dann ist die Fotografie praktisch das perfekte Werkzeug. Und wir alle tun es. Es ist auch das ein Klischee, das Zitat, dass wir als Fotografinnen und Fotografen zuerst einmal uns selbst fotografieren.

    20 min

About Fotomenschen

From the publisher's feed

Ein Geschichts- und Geschichtenpodcast über Fotografierende, Fotografierte und alle anderen.

More shows like Fotomenschen

Geschichten aus der Geschichte by Richard Hemmer und Daniel Meßner

Geschichten aus der Geschichte

187 Listeners