Fotomenschen

Fotomenschen

By Dirk PrimbsHistory
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Fotomenschen episodes

  • Beinahe Nobelpreisträgerin

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Rosalind Franklin machte das vielleicht wichtigste Foto des 20. Jahrhunderts und sicherte durch ihre Arbeit 4 Männern Nobelpreise…

    • Die Entschlüsselung der DNA Struktur
    • Desoxyribonukleinsäure (Wikipedia)
    • Oswald Avery (Wikipedia)
    • Rosalind Franklin (Wikipedia)
    • Kristallografie (Wikipedia)
    • James Watson (Wikipedia)
    • Foto 51 (Wikipedia)
    • The most important photo ever taken? (BBC)
    • Maurice Wilkins (Wikipedia)
    • Aaron Klug (Wikipedia)
    • Tragische Entdeckerin (Spiegel)
    • Briefe enthüllen Zwist zwischen Forscher-Rivalen (Spiegel)
    • Wegweisend für die Entdeckung der DNA-Struktur (Deutschlandfunk)
    • Rosalind Franklin im HerStory Pod
    • Rosalind Franklin im Podcast Geschichten aus der Geschichte.fm
    • FotoFemme Podcast

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    Transkript

    Desoxyribonukleinsäure, das ist ein Begriff, den habe ich in der Schule gelernt. Als mir nämlich erklärt wurde, wie das Ding mit der Vererbung funktioniert. Und es wird wohl auch in der Schule gewesen sein, als ich zum ersten Mal ein Bild dieser Doppelwendeltreppe gesehen habe, in der alles enthalten ist, was man über unseren Körper wissen muss. Zum Zeitpunkt dieser Aufnahme ist dieses Wissen gerade mal knapp 70 Jahre alt. Und es fühlt sich an, als wäre es eigentlich schon immer in der Welt gewesen. Wir identifizieren Menschen mithilfe von DNA. Wir beweisen Verwandtschaftsverhältnisse. Wir verfolgen Viren. Wir entwickeln Impfstoffe auf Basis dieses Wissens. Dabei war erst 1943 klar, dass die DNA irgendwas mit Vererbung zu tun haben musste.

    Als nämlich der Wissenschaftler Oswald Avery experimentell nachwies, dass er Eigenschaften zwischen Bakterienstämmen mithilfe von DNA übertragen konnte. In vielerlei Hinsicht eröffnete dieses Experiment ein Rennen. Man wusste jetzt, dass die DNA zuständig für Vererbung war. Man wusste auch, dass man das beeinflussen konnte. Man wusste aber nicht, wie es genau funktionierte und warum. Und das ist jetzt der Zeitpunkt, wo ich eine Frau vorstellen möchte. Rosalind Franklin. Rosalind war 1920 in eine britisch-jüdische Bankerfamilie geboren worden. Akademisches Wissen und Ambitionen standen in der Familie Franklin in hohem Kurs. Und so wurde auch Rosalind relativ früh auf eine hervorragende Schule geschickt. Rosalind war von klein auf als überdurchschnittlich begabt aufgefallen. Sie hatte ein außergewöhnliches Gedächtnis und interessierte sich einfach immer ein bisschen mehr und ein bisschen detaillierter als ihre gleichaltrigen Spielkameraden für Dinge in ihrer Umgebung. Für sie ist schon mit 15 klar, dass sie eine wissenschaftliche Karriere einschlagen möchte. Mit 17 besteht sie die Zulassungsprüfung an der Universität Cambridge. Sie schneidet in der Chemie-Prüfung so gut ab, dass ihr die Universität ein Stipendium gibt.

    Und Rosalind stürzt sich vollends in ihr Studium. Sie hat außerdem eine Eigenart, die sie von ihren Kommilitonen und auch von späteren Kollegen abhebt. Sie liebt Laborarbeit. Für die meisten Wissenschaftler ist die Arbeit im Labor eher nervig. Dinge dauern lange, brauchen viel Aufwand. Aber für Rosalind ist das der Platz, an dem Wissenschaft und wissenschaftliche Erkenntnis wirklich stattfindet. Ihre Arbeit bringt sie in die Kristallografie und die physikalische Chemie. Sie beschäftigt sich also mit der inneren Struktur und dem Verhalten von Atomen und Molekülen. In ihrer Zeit in Cambridge bricht der zweite Weltkrieg aus. Als jüdische Familie verfolgen die Franklins aufmerksam und mit Schock und Schrecken, wie sich Nazi-Deutschland gegenüber ihren Landsleuten verhält, und fangen an, sich in verschiedenen Flüchtlingsorganisationen und auch persönlich zu engagieren. Rosalind forscht in dieser Zeit an der Struktur von Kohle. Arbeiten, die unter anderem zu effizienteren Gasmasken führen.

    Da die Deutschen im Umgang mit Giftgas nicht zimperlich sind, wird ihre Arbeit als lebensrettend angesehen. Es sind auch diese Arbeiten, die die Grundlage ihres Doktortitels in physikalischer Chemie bilden, den sie 1945 verliehen bekommt. Zwei Jahre nach Kriegsende macht sie sich auf den Weg nach Paris. Es ist diese Zeit, in der sie anfängt, sich mit der sogenannten Kristallstrukturanalyse zu beschäftigen. Es gibt verschiedene Methoden, mit denen man auf den inneren Aufbau von Kristallen schließen kann. Eine der erfolgversprechendsten ist die sogenannte Röntgenbeugungsanalyse. Das ist nichts anderes als Fotografie, aber mithilfe von Röntgenstrahlen. Das sind elektromagnetische Strahlen, und ähnlich wie Licht kann man sie verwenden, um ein Filmmedium zu schwärzen. Das heißt, es lassen sich Abbildungen erzeugen. Die Fotos, die da erzeugt werden, basieren auf der Streuung. Röntgenstrahlen prallen sozusagen von Strukturen ab, und diese abgeprallten Strahlen fängt man dann ein.

    Die Muster, die so sichtbar wurden, erlaubten dann Rückschlüsse auf die fotografierten Strukturen. Das war eine höchst aufwendige Methode. Belichtungen konnten über 100 Stunden dauern. Und nachdem man das Bild hatte, fing die Arbeit eigentlich erst an. Dann wurde nämlich aus dem Chemiker ein Mathematiker. Diese Bilder wurden mathematisch analysiert. Und die dazu notwendigen Berechnungen konnten durchaus auch mal über ein Jahr dauern. Und Rosalind ging in all diesen Arbeiten auf. Sie fühlte sich in Paris im Kreis ihrer Kollegen an dem Institut, an dem sie arbeitete, pudelwohl und veröffentlichte in der Zeit diverse Artikel, in der sie die Struktur verschiedener Kohlenstoffverbindungen analysierte. Die Nachkriegszeit in Frankreich war hart. Aber aus Briefen aus der Zeit weiß man, dass Rosalind glücklich war. Trotzdem wird sie von ihrer Familie bekniet, doch wieder nach England zurückzukehren.

    So nimmt sie dann letztlich 1950 ein Stipendium des King’s College in London an, in dem es um den Aufbau einer Kristallogie-Abteilung geht. Und für Rosalind begann jetzt eine wirklich harte Zeit. Ihr war vom Leiter des Instituts zugesichert worden, dass sie eigenständig forschen würde und eine eigene Abteilung leiten würde. Der damals stellvertretende Leiter, Maurice Wilkins, wusste von diesem Arrangement nichts und hielt zunächst Rosalind Franklin für seine Assistentin. Rosalind war aber starrköpfig und fähig. Als sie ihre Arbeit im King’s College antrat, war Maurice Wilkins zwei Monate auf Reisen, und in der Zeit baute sie ein Labor auf, das trotz der begrenzten Möglichkeiten des Instituts schnell zu den besten seiner Zeit gehörte. Rosalind Franklin und Maurice Wilkins arbeiteten beide im Wesentlichen im selben Aufgabengebiet. Der Auftrag war, die Struktur der DNA zu analysieren. Man hatte vor Kurzem entdeckt, dass die Röntgenstrahlen-Diffraktion in der Lage war, Fotos von DNA-Strängen zu produzieren. Rosalind war eine anerkannte Expertin in der Methode. Maurice Wilkins wiederum war in dem Verfahren ein Anfänger. Hinzu kam, dass Rosalind nicht mal eben zimperlich war. Besonders fragile männliche Egos mussten darunter leiden, dass Rosalind den Männern in ihrer Umgebung ihre Meinung ungeschminkt ins Gesicht sagte.

    Hinzu kam noch ein nicht unerheblicher Kulturschock. Rosalind hatte ein außerordentlich reichhaltiges Sozialleben. Sie war belesen in zwei Sprachen, hatte in Paris ausgiebig am kulturellen Leben teilgenommen und war jetzt im King’s College gelandet, wo im Wesentlichen Männer arbeiteten und überwiegend auch keine besonders hohe Meinung von ihren weiblichen Kollegen hatten. Ein jahrelanger Freund Rosalinds schreibt das so: „Wohl belesen in zwei Sprachen war sie ein zivilisiertes, intellektuelles Leben sowie Gespräche über Malerei, Lyrik, Theater und Existenzialismus gewohnt.“ Und jetzt umgaben sie Menschen, die noch nie von Sartre gehört hatten, die hauptsächlich den Evening Standard lasen und denen die Sorte Mädchen gefiel, die sich auf Fachbereichspartys betranken, von Schoß zu Schoß weitergereicht wurden und sich den BH öffnen ließen. Eieiei. Aber Rosalind bleibt am Ball. Sie glaubt sich im Auftrag, die Struktur der DNA entschlüsseln zu sollen, und arbeitet daran. Die Entschlüsselung der DNA lag auch irgendwie in der Luft. Es gab eine ganze Reihe Arbeitsgruppen, die sich genau mit dieser Aufgabe auseinandersetzten.

    Es gab verschiedene Versuche, das Problem anzugehen. Eine sehr beliebte Methode schien zu der Zeit das Bauen von Modellen gewesen zu sein. Statt also Experimente im Labor durchzuführen, baute man Modelle von Molekülketten auf und forschte an denen. Und beide Vorgehensweisen hatten ihre Vorteile. Während Franklin im Wesentlichen Experimente durchführte, konnte man mithilfe von solchen Modellen versuchen, Theorien zu entwickeln und zu überprüfen. Zwei damals noch junge und unbekannte Wissenschaftler, die mit diesem Modellansatz arbeiteten, waren James Watson und Francis Crick. Letzterer hatte zu dem Zeitpunkt noch nicht mal seinen Doktortitel im Kasten. Und beide sahen in der Jagd nach der DNA-Struktur eine Möglichkeit, zu Ruhm zu gelangen. Sie mussten sich allerdings beeilen, das war ihnen klar. Beide standen im engen Austausch mit Maurice Wilkins vom King’s College. Also dem Mann, der mit Rosalind Franklin seinen kleinen persönlichen Machtkampf hatte.

    Rosalinds Arbeit bestand im Wesentlichen darin, Aufnahmen per Röntgendiffraktion zu machen und dann die entstandenen Aufnahmen zu analysieren. Im Mai 1952 macht sie wieder eine solche Aufnahme. 100 Stunden lang wird belichtet. Das Ergebnis ist ungewöhnlich scharf und muss auch für Rosalind sofort als etwas Besonderes hervorgestochen haben. Auf dem Bild ist ein X zu sehen, bestehend aus einzelnen Segmenten. Und kundige Augen erkennen an dieser Aufnahme sofort, dass das Molekül, das fotografiert worden war, eine Doppelhelixstruktur haben muss. Rosalind benennt das Bild Foto 51 und legt es in eine Mappe zur späteren Bearbeitung. Sie ist dabei, ein ausführliches Paper über ihre Erkenntnisse zu schreiben, und dieses Bild wird der finale Baustein sein. Und hier fängt der Teil der Geschichte an, der sich fischig anfühlt. Rosalind Franklin hält diverse Vorträge. Und über einen solchen Vortrag erfährt Maurice Wilkins von den Aufnahmen, die sie in letzter Zeit produziert hat und die Erkenntnisse, die man darin sehen kann. Er weiß auch von der Arbeitsgruppe in Cambridge.

    Er kopiert die Aufnahme und leitet sie an die Arbeitsgruppe weiter. Und für Watson und Crick fällt jetzt alles an den richtigen Platz. Plötzlich wissen sie, wie sie ihr Modell aufzubauen haben. Sie erkennen die Fehler in ihren bisherigen Versuchen und erkennen, dass es nicht nur eine Helix, sondern eine Doppelhelix ist. Weil aber so viele Forscher gleichzeitig an diesem Problem arbeiten, drängt die Zeit. Und es werden mit Hochdruck mehrere Paper geschrieben und Kontakt mit dem anerkannten Wissenschaftsmagazin Nature aufgenommen. Auch Rosalind Franklin wird eingeladen, sich das neu entwickelte Modell anzusehen. Sie weiß nichts davon, dass dieses Modell auf Basis ihrer Arbeit entstanden ist, erkennt aber sofort, dass die Wissenschaftler ganz offensichtlich diesmal die richtige Struktur gefunden haben. Das Paper, an dem sie gearbeitet hatte, kam zu demselben Ergebnis. Und so einigt man sich darauf, sämtliche Forschungsarbeiten gleichzeitig in der derselben Nature-Ausgabe zu veröffentlichen. Crick und Watson erwähnen Rosalind in ihren Texten, aber eher beiläufig als eine inhaltliche Inspiration. Und die Reihenfolge der Paper wird so gewählt, das Rosalinds Paper am Schluss des Magazins landet und deswegen so aussieht, als wäre es einfach nur eine experimentelle Bestätigung der Arbeiten der anderen Arbeitsgruppe gewesen. Kurzum, der Eindruck entsteht, es war die Arbeitsgruppe von Crick and Watson, die die Doppelhelixstruktur entdeckt hatte. Und weil die nicht darauf hinwiesen, welche zusätzlichen Informationen Ihnen vorgelegen hatten, wurde die Arbeit von Rosalind Franklin nicht als so bahnbrechend erkannt, wie sie tatsächlich gewesen war. Rosalind hatte zu der Zeit bereits Schritte eingeleitet, sich vom King’s College zu lösen. Unter der Bedingung, dass sie nicht weiter an der DNA-Analyse arbeiten würde, erlaubte man ihr, zum Berwick College zu wechseln. Ihr war es gerade recht. Sie hatte mit den Kollegen im King’s College mehr oder weniger abgeschlossen, obwohl sie mit einigen, unter anderem auch Mitgliedern dieser Arbeitsgruppen, in positivem Kontakt blieb, und wandte sich jetzt er Erforschung von Viren zu.

    Es mangelte ihr auch nicht an Anerkennung. Als bekannte Kristallogin, Virenforscherin, DNA-Forscherin wurde sie international zu Vorträgen eingeladen und hatte diverse Stipendien in Aussicht, die sie unter Umständen annehmen konnte. 1956 wurde bei ihr Eierstockkrebs diagnostiziert. Unter Umständen ein Ergebnis ihrer jahrelangen Arbeit mit Röntgenstrahlung. Und sie stirbt 1958. 1962 bekommen James Watson, Francis Crick und Maurice Wilkins den Nobelpreis für die Entdeckung der Doppelhelixstruktur der DNA verliehen. Rosalinds Beitrag wird zu dem Zeitpunkt nicht gewürdigt. Die Öffentlichkeit erfährt von dem Zusammenhang erst so richtig, als James Watson sechs Jahre später sein Buch „Die Doppelhelix“ veröffentlicht. Er erwähnt in diesem Buch Rosalind Fanklins Beitrag, lässt aber an Rosalind charakterlich kein gutes Haar. Der beschriebene Vorgang selbst löst natürlich schon Kritik aus. Außerdem wirft man Watson Sexismus vor.

    Es gibt auch Diskussionen, ob man Rosalind Franklin nicht nachträglich noch würdigen könnte, aber der Nobelpreis wird nicht posthum verliehen. James Watson ist inzwischen eine einigermaßen traurige Gestalt. 1997 gibt er ein Interview, in dem er nicht nur nahelegt, dass man per Gentest Homosexualität diagnostizieren kann, sondern gleich auch fordert, dass Frauen im Falle einer solchen Diagnose ihr Baby abtreiben dürfen sollten. Außerdem, so gibt er im selben Interview zum Besten, wären Schwarze mit einer höheren Libido und geringerer Intelligenz als Weiße ausgestattet. Kritik hagelt auf ihn nieder, und er wird von seinen Ämtern suspendiert. Als er beide Aussagen 2017 und 2019 noch mal wiederholt. 2014 macht er dann wieder Schlagzeilen als der einzige lebende Nobelpreisträger, der sich dazu entschließt, seine Medaille beim Auktionshaus Christie’s zu versteigern.

    Damit will er nicht nur seine Geldprobleme ausräumen, sondern auch darauf hinweisen, dass er durch diese Interviews und die Kritik zu einer wissenschaftlichen Unperson geworden sei und sich ja schließlich irgendwie auch um sein Auskommen kümmern müsse. 2019 veröffentlicht PPS eine Dokumentation über James Watson. Und er äußert sich noch mal dazu, dass er Schwarze für weniger intelligent halte und im Wesentlichen deswegen der afrikanische Kontinent ihm Sorge bereite. Das sorgt dann dafür, dass diverse akademische Institutionen ihm seine Ehrentitel aberkennen. Eieiei. Einmal mehr ein Beweis dafür, dass auch Nobelpreisträger strunzeblöd sein können schätze ich. Intelligenz ist halt nicht gleichmäßig verteilt. Aber noch mal kurz zurück zu Rosalind Franklin. Es ist kein Zweifel. Wäre sie nicht frühzeitig dem Krebs erlegen, hätten wir Rosalind als Nobelpreisträgerin begrüßen dürfen. So zumindest die Überzeugung des Forschers Aaron Klug, der zuletzt mit ihr zusammengearbeitet hatte. Und 1982 in seiner eigenen Nobelpreisrede ausführlich Rosalind gedachte.

    Auch wenn immer wieder mal gesagt wird, Rosalind Franklin wurde ihr Nobelpreis gestohlen, ist es dann wahrscheinlich doch ein wenig komplizierter. Sie wusste zwar nicht, in welchem Umfang ihre Arbeit die notwendige Inspiration geliefert hatte, um die Doppelhelixstruktur und den Aufbau der DNA final zu entschlüsseln. Aber der Beitrag der Männer, die letztlich den Preis entgegennehmen durften, wird auch aus heutiger Sicht immer noch als groß genug akzeptiert, um diesen Preis auch verdient zu haben. Einige sagen, Foto 51 wäre das vielleicht wichtigste Bild des 20. Jahrhunderts. Tatsache ist, das Bild selbst sieht nicht besonders aufregend aus. Aufgenommen auf eine kleine Glasplatte ist es nur wenige Zentimeter im Durchmesser. Und auch wenn es für das geübte Auge von ungewohnter Präzision ist, sieht es für den ungeübten Blick erst mal unscharf und verwischt aus. Es zeigt ein X und die Anzahl Segmente, und es erlaubte gleich mehrere wichtige Rückschlüsse. Und ja, wenn wir darüber nachdenken, dass zurzeit während der Corona-Pandemie Impfstoffe auf Basis von Gentechnik entwickelt wurden, dann könnte man vielleicht wirklich sagen, dass dieses Bild die vielleicht folgenschwerste und wichtigste Aufnahme des 20. Jahrhunderts gewesen war.

    18 min
  • Kodak-Momente

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Kodak dominierte die Fotoindustrie über 100 Jahre und ihrem Gründer George Eastman fällt der Verdienst zu Fotografie von einem teuren Experten-Handwerk zu einem Massenphänomen gemacht zu haben.

    • George Eastman (Wikipedia)
    • George Eastman House - Museum für Film und Fotografie
    • Zeitungsartikel über George Eastman
    • George Eastman archive (University of Rochester)
    • Kodak (Wikipedia)
    • Kodak DSC100 (Wikipedia)
    • Kodak Nr. 1 (Wikipedia)
    • Kodak Instamatik (Wikipedia)
    • Steven Sasson (Wikipedia)
    • Wer stellt noch Filme her? (Fotointern.ch)
    • Was vom gelben Riesen geblieben ist (Fotointern.ch)

    Transkript

    George Eastman wird 1854 im US-Bundesstaat New York geboren. Die Eastmans waren eigentlich Farmen. Allerdings hatte der Vater außerdem im nahegelegenen Rochester eine Business-School gegründet. Und es schien auch erstmal gut zu laufen. Als er aber gesundheitliche Probleme bekam, gab die Familie die Farm auf und zog komplett nach Rochester. Und da geschah dann, was niemand erwartet hatte. George war gerade einmal acht Jahre also der Vater stirbt. Und die Familie muss feststellen, dass der Vater nicht vorgesorgt hatte. Über Nacht war die Familie Eastman also praktisch einkommenslos. Die Mutter fängt an Zimmer unterzuvermieten, um die Familie durchzubringen und die Kinder nehmen alle möglichen Jobs an. So auch der kleine George Eastman. Er verdingt sich in allen möglichen Handlangerjobs und mit 14 Jahren gibt er endgültig seine Schullaufbahn auf um als Bürobote bei einer Versicherungsfirma anzufangen. Drei Dollar pro Woche sind nicht genug Geld, um seine Familie über die Runden zu bringen. Also fängt er an, sich in Abendkursen fortzubilden und so bleibt er nicht lange Bote für eine Versicherung, sondern schafft es, sich einen Job in einer Bank zu sichern.

    Er ist 23 als er in Rochester in ein Fotogeschäft geht, um sich dort eine Kamera zu kaufen. Ihm war aufgefallen, dass viele seiner Kunden in irgendeiner Form mit Immobilien zu tun hatten und er dachte sich: Das wäre vielleicht ein Feld, in dem auch er tätig werden könnte. Er möchte Fotos von Grundstücken und Gebäuden machen können und dafür eine Kamera kaufen. 1877 wird in Rochester und überhaupt in den Vereinigten Staaten überwiegend im Kollodium-Nassplatten-Verfahren fotografiert. Dabei wird eine Glasplatte mit einer Chemikalie bestrichen, sodass sie lichtempfindlich wird und in noch nassem Zustand belichtet. Direkt danach muss diese Platte dann entwickelt werden, wodurch auf dieser Glasplatte ein Negativ sichtbar wird. Dieses Negativ kann man dann benutzen, um Drucke anzufertigen. Wer so fotografiert muss einiges herumschleppen. Die Kameras sind einigermaßen groß und müssen auf hölzernen Stativen angebracht werden. Die Fotografie findet auf den noch nassen Platten statt. Die muss man also vorbereiten können und weil es ja lichtempfindliches Material ist, muss das im Dunklen geschehen. Und deswegen braucht man als Fotograf ein Dunkelzelt, in dem die gesamte Vor- und Nachbereitung stattfindet. Wer also fotografiert, schleppt nicht nur die Kamera und die Glasplatten, sondern auch eine Auswahl an Chemikalien und ein Zelt mit. Hinzukommt, dass der Prozess nicht so ganz trivial ist. Und so stellt auch George Eastman fest, dass er das auf Anhieb erstmal so gar nicht hinbekommt. Er bezahlt einen lokalen Fotografen, ihn im Kollodium-Nassplatten-Verfahren zu unterweisen, aber seine Ergebnisse bleiben durchwachsen. Trotzdem vertieft er sich in sein Hobby.

    Er hatte in einem internationalen Fotografie-Magazin von einem alternativen Verfahren gelesen. Es gab die Möglichkeit statt mit Nassplatten mit trockenen Platten zu fotografieren. Bei diesem Verfahren nahm man sozusagen Wachspapier und machte es durch eine spezielle Beschichtung lichtempfindlich. Dieses Papier ließ sich dann wie die Glasplatten einsetzen, nur musste man im Anschluss die belichtete Schicht abziehen und dann wie vorher mit den Glasplatten eben entsprechende Bilder erzeugen. George haut sich die Nächte um die Ohren um dieses Verfahren zu meistern. Es funktioniert für ihn auf jeden Fall schonmal viel besser als das Nassplattenverfahren und hatte natürlich den Vorteil, dass man diese trockenen Platten daheim vorbereiten konnte und kein Zelt und keine Chemikalien mehr mitschleppen musste, wenn man fotografieren wollten. Er experimentiert und verfeinert seine Technik und erkennt, dass es für diese Art von Negativpapier einen Markt geben muss. 1880 gründet er deswegen die Eastman-Dry-Plate-Company. Seine Kunden sind Fotografen, die mobil sein müssen, die es eben leid sind, Zelt und Chemikalien herumzuschleppen. Da hilft es auch, dass im Grunde die Kameras dieselben sind. Man steckt einfach statt der Glasplatte diese Papierplatten ein. Das war es.

    1884 legt George Eastman noch ein weiteres Patent nach. Ihm war die Neuerung eines Erfinders aufgefallen. Der Erfinder William Walker hatte Papierfilm genommen und gerollt. Mithilfe einer entsprechenden Halterung konnte man jetzt ein Magazin konstruieren, indem ein Rollfilm eingelegt wurde und einfach nach jeder Belichtung weitergedreht wurde. Eastman kauft die Rechte an dieser Technik und meldet Rollfilm auf Papierbasis zum Patent an. Nicht nur, dass Fotografinnen und Fotografen jetzt kein Dunkelzelt mehr mitschleppen mussten. Sie mussten noch nicht einmal ständig Platten nachlegen. Sie konnten einfach weiterdrehen. Das war natürlich einerseits großartig, andererseits blieb trotzdem der große Erfolg immer noch aus, denn die Bildqualität, die konnte nicht mithalten. Und professionelle Fotografen wussten das. Und deswegen war Eastman zu der Zeit zwar schon ein führender Hersteller von Dry-Plate-Papierfilmen, aber der Markt, den er ansprechen konnte, war überschaubar, denn außer den professionellen Fotografinnen und Fotografen fotografierte kaum jemand. Amateure gab es, aber nicht in ausreichender Menge. Aber Eastman gibt nicht auf. Jetzt hatte er schon das Dunkelzelt abgeschafft. Er hatte das Medium selbst leichter handhabbar gemacht. Als nächstes war die Kamera dran.

    Die Überlegung: Wenn die Kamera leichter zu handhaben und zu transportieren wäre, dann würden unter Umständen auch mehr Fotos unterwegs gemacht und damit gäbe es auch mehr Bedarf an seinen Filmen. Und so stellt Eastman 1886 die erste von seinem Unternehmen selbst konstruierte Kamera, die Eastman-Detective-Camera, vor mit fest integrierten Rollfilmmagazin und kleiner Baugröße, also im Vergleich kleiner Baugröße, sodass man diese Kamera einfach mal so mitnehmen und unterwegs benutzen konnte. Die Brennweite entsprach so ungefähr 33 Millimeter, was ein relativ gutes Sichtfeld für Schnappschüsse und Reportage-Fotografie wäre. Und auch sonst musste man an der Kamera praktisch nichts einstellen. Man zog an einem Drahtseil, um den Verschluss aufzuziehen und drückte einen kleinen Knopf um auszulösen. Das war es dann auch schon. Dann drehte man den Film weiter. Dieser Mechanismus des Drehfilms und die Kamera selbst gewann Preise und wurde mit Aufmerksamkeit bedacht, aber kommerziell war sie ein Flop. Sie war zu teuer, die Bildqualität stimmte nicht um professionelle Ansprüche zu befriedigen und die Produktion dauerte zu lange. Aber im Grunde war schon bei dieser Kamera vieles da, was später dann zum Erfolgsrezept werden musste. George Eastman muss ungefähr zu der Zeit erkannt haben, dass er versucht, den falschen Markt zu gewinnen. Statt seine Produkte an professionelle Fotografinnen und Fotografen zu verkaufen, musste der Markt größer werden. Was, wenn jede Familie fotografieren könnte? Nein, jeder Mensch fotografieren könnte?

    Wir befinden uns im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts und Fotografie ist zwar allgemein bekannt, wird aber von Spezialisten betrieben. Man geht zu besonderen Anlässen zum Portrait-Fotograf und Bilder fertigen zu lassen ist nicht nur aufwendig, sondern auch teuer. Wer selbst fotografieren will, braucht teure Ausrüstung, teure Chemikalien, eine Dunkelkammer und das notwendige Wissen. Ganz zu schweigen von dem praktischen Wissensschatz, den man nur durch Erfahrung sammeln kann. Welche Mischung funktioniert besonders gut? Wie bestreiche ich eine Glasplatte gleichmäßig? Und so weiter. Eastman hatte schon einige dieser Probleme gelöst. Trockenplatten machten vieles leichter. Rollfilm und eine einfach Kamerakonstruktion, die wenig Einstellungsmöglichkeiten erforderlich macht, auch. Inzwischen konstruierte Eastman auch Filme, die man auch bei Tageslicht einlegen konnte, weil sie einseitig lichtdicht beschichtet waren. Und er experimentierte mit Rollfilmen in Metallkapseln. Und das ist der Moment, wo ihm ein Licht aufgeht. Um Fotografie universell verfügbar zu machen fehlen zwei Dinge: Erstens, eine bezahlbare Kamera und zweitens, jemand, der die komplette Nachbearbeitung übernimmt.

    Wenig später kommt er mit einer neuen Kamera auf den Markt, die Kodak Nummer eins. Kodak ist dabei in Kunstwort. Georges Lieblingsbuchstabe ist der Buchstabe K. Ja, George hatte Lieblingsbuchstaben. Und er hat wohl relativ lange herumexperimentiert, um ein Wort zu finden, das einfach auszusprechen und zu merken ist, auch in unterschiedlichen Sprachen ähnlich klingt, noch nicht existiert und als Produktname für seine neue Kamera herhalten kann. Die Kodak Number One ist eine spektakulär einfache Kamera. Es ist eine sogenannte Boxkamera, sieht einfach aus wie eine Hutschachtel oder Schuhschachtel: Vorne mit einer Öffnung für das Objektiv, an der Seite einen Zugmechanismus, um den Verschluss aufzuziehen, ein Auslöser und ein Drehmechanismus um den Rollfilm ein Bild weiterzudrehen. Hundert Bilder sind schon vorgeladen. Hundert Bilder ist ein Vorrat, der reicht für damalige Verhältnisse monatelang. Und der Clou: Es ist keinerlei Spezialwissen notwendig. Hat man die hundert Fotos vollgeknipst, nimmt man die Box, schickt sie an Kodak und bekommt eine frisch geladene Kamera und die Abzüge wieder zurück. Das Ganze dauert je nach Wetterlage in Rochester, dem Firmensitz der Kodak-Company, fünf bis zehn Tage, denn die Filme werden dort mithilfe von Sonnenlicht ausbelichtet und mehr Sonne, schnellere Entwicklungszeiten. Die Kamera ist erfolgreicher als die Eastman-Detective-Camera, aber auch weit von einem kommerziellen Erfolg entfernt. Sie ist immer noch relativ aufwendig zu konstruieren und eigentlich auch immer noch zu teuer um wirklich ein Massengeschäft zu werden. Außerdem ist die Ausbelichtung der Filme immer noch relativ aufwendig. Die belichtete Schicht muss vom Papier abgezogen und auf Glasplatten übertragen werden und dann erst kann man mithilfe des Sonnenlichts die Drucke erzeugen. Aber die technische Entwicklung eilt auch hier Eastman zur Hilfe.

    Er hört von Experimenten, Filme auf Basis des durchsichtigen Celluloids zu fertigen. Er kauft die entsprechenden Rechte und fängt an, Celluloid basierende Filme zu produzieren. Prozesse und Kameratechnik werden nach und nach besser. Die Kodak Number two, die Kodak Number three, die Kodak Number four, alle zeigen kleine Entwicklungsschritte hin zu dem, was bis heute als der Moment gilt, indem die Privatfotografie praktisch erfunden wurde: Die Kodak Brownie. Sie kommt zur Jahrhundertwende auf den Markt und ist im Grund dieselbe Art von Kamera, wie ich sie eben schon beschrieben habe. Kodak hat sich auch allgemein inzwischen einen Namen gemacht. You press the Button. We do the Rest, ist der Slogan. Und der wird jetzt kombiniert mit einer Kamera, die unerreicht günstig ist: Ein Dollar. Auf heutige Verhältnisse umgerechnet sind das 20 Dollar. Und damit kann diese Kamera wirklich jeder Haushalt kaufen. Jedes Kind soll fotografieren können, so der Gedanke. Und diese Kamera erzeugt einen Boom. Innerhalb eines Jahres verkauft Kodak über 150.000 dieser Kameras, mehr als in der zwölfjährigen Firmengeschichte zuvor. Kodaks Marketing bewirbt die Kamera hauptsächlich in den Händen von Kindern, Frauen oder Familienvätern. Und sie wird zum geflügelten Begriff, so wie man heute googelt, statt eine Suchmaschine zu bedienen, hat man damals gekodakt.

    Ein neues Wort kommt auf: Der Schnappschuss. Denn mit diesen Boxkameras kann man nicht mehr richtig zielen. Die haben keinen Sucher. Man richtet sie grob in die richtige Richtung und drück ab. Interessanterweise sind besonders am Anfang die Bilder dann auch oft rund und nicht rechteckig. Das ist einmal mehr ein Beweis dafür, dass unsere heutigen Sehgewohnheiten einfach auch nicht mehr sind als das: Gewohnheiten. Die Kamera ist billig. Man muss nichts wissen, um damit fotografieren zu können und so entstehen mit der Kodak Brownie nicht nur neue Genres, sondern auch ein komplett neuer Bildlook. Familien fangen an, Erinnerungsfotos zu schießen und Schnappschüsse ihrer Lieben aufzubewahren. Fotoalben werden gebaut. Und bei Anlässen wie Hochzeiten oder Geburtstagen wird gewissermaßen Reportage fotografiert. Es ist die Geburt der Hochzeitsfotografie. Bis zur Brownie ist man zu einem formellen Portrait zum Fotografen gegangen im Studio. Mit der Brownie hat jeder die Möglichkeit, selbst zu fotografieren was wichtig erscheint. Die Menschen beginnen damit, Fotoreportagen ihres Alltags und der großen Ereignisse in ihrem Leben zu machen: Geburt, Tod, Hochzeiten, Geburtstage, Freude und Trauer, Urlaube, Ausflüge und Alltag.

    Es ist eine Demokratisierung der Fototechnik und es gibt nichts mehr, das nicht fotografiert werden könnte. You press the Button. We do the Rest. Aber George Eastman ruht sich auf diesem Erfolg nicht aus. Er ist in den folgenden Jahren aggressiv damit beschäftigt, überall auf der Welt Filialen zu gründen, sich die Rechte an der Kodak zu sichern und beschützt auch den Markennamen aggressiv. Schließlich ist es ja so, dass die Grundidee und das Prinzip relativ einfach kopierbar war und so gab es auch bald alternative Angebote am Markt. Was schwer einzuholen war, war die Qualität, die Kodak liefern konnte. Man hatte einfach einen mehrere Jahrzehnte lange Wissensvorsprung rund um Abläufe aber auch technisch. Eastman hatte systematisch Patente und Techniken eingekauft und er nutzte diese rechtliche Situation jetzt um Konkurrenten aus dem Markt zu klaren, wenn notwendig. Besonders bei denen, die versuchten, den Namen Kodak in irgendeinem Zusammenhang zu verwenden, kannte er kein Pardon. Umgekehrt war er allerdings auch nicht immer zimperlich, sich Rechte anderer anzueignen. Kodak hat mit mehreren Rechtsstreitigkeiten zu kämpfen. Mal sind es Patentrechtsverletzungen, mal geht es um Antitrust, also das ausnützen einer Monopolstellung.

    Als die Weltwirtschaftskrise zuschlägt, ist es auch für Kodak fast vorbei. Menschen, die Probleme haben, genügend Essen auf den Tisch zu bringen, geben auch weniger Geld für Hobbies wie Fotografie aus. Aber Eastman bringt seine Firma durch diese Krise und wieder hilft die technische Entwicklung. Bewegtfilme sind in den Startlöchern. Der Anfang des Kinos. Und einer der großen Pioniere des Bewegtfilms, Thomas Alva Edison investiert in Systeme auf Celluloidbasis. Und Kodak ist das einzige Unternehmen, das weltweit in der Lage ist, in ausreichender Menge Celluloid basierenden Film zu produzieren. Statt in Einzelaufnahmen wird plötzlich in Kilometern abgerechnet. Kodak wird weltweit zum größten Lieferanten jeglichen Filmmaterials und zum größten Kamerahersteller. Eastman beginnt auch früh damit, sich für Farbfilm zu interessieren. Kodak verdient sich den Ruf als eines der innovativsten Unternehmen der Welt. Und seine Forschungsabteilungen arbeiten daran, dem Markt nach Möglichkeit immer einen Schritt voraus zu sein. Das ist auch die Zeit, in der ein später ikonischer Film, der Kodachrome, entwickelt wird und auch die Kameratechnik immer weiter vorangetrieben wird. Eastman ist inzwischen einer der reichsten Männer der Vereinigten Staaten, das klassische amerikanische Ideal vom Paketboten zum Millionär. Und er sieht sich nicht mehr als Unternehmensgründer, sondern kümmert sich um seine Legacy. Kodak wird eines der ersten Unternehmen überhaupt, das seine Mitarbeiter zum Teil in Unternehmensanteilen bezahlt, eine Krankenversicherung und eine Rentenversicherung anbietet und sich auch sonst recht umfänglich um seine Angestellten kümmert. Eastman sieht sich als Philanthrop und er sieht als sein wichtigstes philanthropisches Projekt sein Unternehmen Kodak, aber er wird auch sonst tätig.

    Er gründet nicht eine, sondern gleich zwei Universitäten, die sich hauptsächlich der Förderung schwarzer Studenten verpflichten. Unter dem Decknamen Smith investiert er Millionen in das MIT. Er gründet Hospitäler und Zahnarztkliniken in Großbritannien, in Schweden und in den USA. Die meisten dieser Spenden geschehen anonym oder unter einem Decknamen. Er sucht keine Publicity, sondern versucht noch zu Lebzeiten aus seinem immensen Reichtum auch noch Gutes zu schaffen. Er ist so ungefähr Mitte 70, als sich seine Gesundheit rapide verschlechtert. Eine Erkrankung der Wirbelsäule sorgt dafür, dass jede Bewegung Schmerzen verursacht. Eastman war Zeit seines Lebens ein eher scheuer Zeitgenosse und hat nie geheiratet. Seit dem Tod seiner Mutter lebt er alleine in einem immens großen Anwesen und es zeichnet sich ab, dass er bald auf Hilfe angewiesen sein wird. Soweit wollte er es allerdings nicht kommen lassen. Und deswegen setzt er seinem Leben am 14. März 1932 im Alter vom 77 Jahren durch Schuss in das Herz ein Ende. Auf seinem Nachttisch hinterlässt er eine kurze Nachricht: „To my friends: my work is done. Why wait?“

    Beerdigt wird er auf dem Gelände seines Unternehmens. Noch heute kann man dort den Eastman Memorial Park besuchen. Und mit dem Unternehmen ging es weiter bergauf. Kodak ist Markführer und Qualitätsführer in Sachen Film und der weltgrößte Hersteller von Amateurkameras. Außerdem betreibt Kodak die größten Entwicklungslabore der Welt. Eastman hatte immer fest daran geglaubt, Entwicklungsvorreiter zu sein und Kodak bleibt diesem Motto treu. Kodak verdanken wir nicht nur Meilensteine der Filmentwicklung, sondern auch Kameramarken, die bis heute ikonisch sind: Die Starmatic, die Instamatic. Der Kodak-Moment wird zum geflügelten Wort. Wenn etwas besonders erinnerungswürdig ist, dann ist es ein Kodak-Moment. Unser nächster Stopp ist im Jahr 1975, das Jahr in dem der junge Ingenieur Steve Sasson bei Kodak arbeitet und den Auftrag bekommt, eine Kamera zu konstruieren, die nicht auf Film aufnimmt, sondern elektronisch.

    Das Ergebnis war die erste Digitalkamera der Welt und die war so beeindruckend, so ein Game-Changer, dass Kodak sie verschwinden ließ. Kodak hatte zu der Zeit über 90 Prozent Marktanteil bei Rollfilmen und die Angst der Manager und Entscheider bei Kodak war, dass eine Kamera, wie die, die sie eben konstruiert hatten, genau diesen Markt kannibalisieren würde. Sie verfolgten die Entwicklung also nicht weiter und so blieb es an ihren Wettbewerbern, diesen Bereich auszubauen. Es sind Sony-, Canon- und Nikon-Kameras, die die ersten Digitalkameras am Markt werden. Und auch, wenn Kodak irgendwann das Kodak-Digital-System entwickelt, 14 Jahre nachdem sie das Patent für die erste Digitalkamera der Welt bekommen hatten, sind sie nicht mehr die Ersten am Markt. Noch nicht einmal die Besten und es ist leider schon jetzt klar, dass sie einer zum Tode verurteilten Industrie angehören. Ein paar wenige Jahre geht es trotzdem noch aufwärts.

    1969 erreicht Kodak einen Wert von 31 Milliarden US-Dollar und einen Umsatz von 16 Milliarden mit Rollfilmen. Kodak erkennt zu der Zeit, dass sie einen Fehler gemacht haben und versucht ihn wieder gutzumachen. Sie nutzen ihren Namen, um Digitalkameras zu bauen. Kameras, die durchaus beliebt werden beim Kunden, aber leider sind diese Kameras nicht profitabel. Aber, so überlegt man sich bei Kodak, es gibt ja eine unumstößliche Wahrheit: Fotos müssen irgendwann in Alben geklebt werden oder zumindest in Boxen verschwinden und deswegen wird es immer Ausdrucke brauchen. Wir wissen es heute besser. Damals konnte man sich nicht vorstellen, dass eine Digitalkamera eben mehr ist als einfach nur ein anderes Medium auf das fotografiert wird. Kodak investiert all seine Energie in Drucktechnik. Der schnelle Ausdruck in Kodak-Qualität wird zu einer der großen strategischen Prioritäten. Digitalkameras die man direkt an Drucker ansteckt. Und Kodak hofft damit seinen verlorenen Grund wieder wettzumachen. Wir wissen es heute besser. Myspace, Flickr, Instagram, Facebook: Nur ein verschwindend geringer Buchteil der heutigen Fotografie wird wirklich ausgedruckt und der Absturz lässt sich nicht mehr aufhalten. 2008 ist Kodak nur noch auf Platz sieben der größter Kamerahersteller hinter Kanon, Sony und Nikon. Im Januar 2012 meldet die einst stolze, marktführende Firma, die George Eastman seinerzeit gegründet hatte, offiziell Konkurs an. Heute ist Kodak nur noch ein kleiner Dienstleister für andere Unternehmen. Außerdem gibt es diverse Ableger, so zum Beispiel das Kodak-Alaris-Werk, das immer noch Filme produziert für den immer mal wieder totgesagten, aber durchaus noch aktiven, verbleibenden Filmmarkt da draußen. Es stellt sich heraus: Auch heute werden noch Kinofilme auf Film produziert, zum Teil auch große Produktionen. Tended war ein schönes Beispiel dafür. Und solche und andere Bedürfnisse werden von diesen Ablegerwerken noch gestellt.

    25 min
  • Feuerball und Bleiballon

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Der Absturz der Hindenburg markiert das Ende der Passagierluftschifffahrt und die erste Live-Berichterstattung direkt von einem Katastrophenschauplatz. Das Foto das der Fotograf Sam Shere an jenem Tag aus der Hüfte schoss ging ins kollektive Gedächtnis der Menschheit ein und wurde die Vorlage für eines der meistverkauften Rockalbumcovers aller Zeiten.

    • LZ129 – Hindenburg (Wikipedia)
    • Zeppelin (Wikipedia)
    • Starrluftschiff (Wikipedia)
    • Herbert Morrison (Wikipedia)
    • Paul von Hindenburg (Wikipedia)
    • Ferdinand von Zeppelin (Wikipedia)
    • Led Zeppelin (Wikipedia, offizielle Webseite)
    • Bilder von Sam Shere (Google Image Search)
    • Sam Shere auf Hindenburg Wiki
    • International Center of Photography – Crash of the Hindenburg
    • Iconic Photos – The Hindenburg Disaster, story of Sam Shere’s picture
    • Time Magazine – 100 Photos – Hindenburg Disaster
    • When the designer of this iconic album cover met Led Zeppelin
    • DW – Reportage von Herbert Morrison über die Brandkatastrophe … – MP3-Stereo
    • The first aviation disaster caught on film
    • Life Magazine – The photography of Sam Shere
    • Die Katastrophe von Lakehurst beendete vor 80 Jahren die Zeppelin-Ära

    Transkript

    Bei berühmten Fotos stellt sich immer die Frage „Warum sind die eigentlich so berühmt?“. Manchmal ist es der ikonische Moment, der sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat und durch das Foto eigentlich nur noch festgehalten wird. Manchmal ist es aber auch Popkultur, die Schuld daran ist, dass wir ein Ereignis nicht vergessen. Manchmal ist es beides. Und so einen Fall haben wir heute.

    Es ist der 4. Mai 1937 als sich das Luftschiff mit der Kennung LZ 129 majestätisch in Frankfurt in die Höhe hebt. LZ steht für Luftschiff Zeppelin, benannt nach dem Erfinder des Konstruktionsprinzips Graf Ferdinand von Zeppelin. Und LZ 129 ist der Stolz der deutschen Luftfahrt und das modernste und größte Zeppelin der Welt. War es am Boden vertäut, war es knapp 45 Meter hoch und 269 Meter lang. Und damit war LZ 129 fast genauso groß wie die Titanic. Benannt hatte man LZ 129 nach dem 1934 verstorbenen Paul von Hindenburg, dem einzigen, je durch Direktwahl gewählten deutschen Staatsoberhaupt. Und an jenem 4. Mai 1937 brach sie zu ihrer 56. Reise auf. Das Ziel waren die USA.

    Die Hindenburg war Teil der deutschen Luftfahrtflotte und Verbindungen in die Vereinigten Staaten gehörten mit zum Angebot. Wollte man in die USA reisen, musste man damals noch meist mit einer Schiffsverbindung vorliebnehmen. Konnte man es sich aber leisten, war es möglich mit einer Luftschifffahrt deutlich Zeit zu sparen und mit wesentlich mehr Komfort zu reisen. 400 Dollar oder ungefähr 1000 Reichsmark kostete die einfache Strecke damals. Das sind umgerechnet auf heutige Verhältnisse in etwa 7000 Euro. Dafür reiste man allerdings auch mit allem Komfort. Passagiere hatten abgetrennte Schlafkabinen, mehrmals am Tag wurden warme Mahlzeiten serviert, es gab einen Lese- und einen Raucherraum. Reisegeschwindigkeit war ungefähr hundert km/h und man fuhr in etwa in 200 Metern Höhe majestätisch über die Landschaft. Und Zeppeline wie die Hindenburg wurden offen bewundert. Deutschland war Vorreiter in dieser Technologie. Im ersten Weltkrieg hatte man Zeppeline sogar für Luftangriffe eingesetzt, hatte sich dann aber vollständig auf zivile Anwendungsfälle konzentriert. S

    o hatte die Hindenburg an jenem 4. Mai nicht nur 72 Passagiere an Bord, sondern auch noch ein Auto, für jeden Passagier ungefähr 20 Kilo Gepäck und mehrere, über anderen deutschen Hauptstädten abzuwerfende Postpakete. Aber die Zeppeline der Deutschen wurden nicht nur wegen ihrer Größe und wegen ihrer Transportfähigkeiten bewundert, sondern auch deswegen, weil die Luftschifffahrt als hoch gefährlich galt. Um nämlich überhaupt aufsteigen zu können, wurden Luftschiffe mit Gas gefüllt. Gas, das leichter als Luft war. Zwei Gase kamen ganz besonders in Frage. Einmal Wasserstoff und zum zweiten Helium. Während man Wasserstoff einfach herstellen konnte war die Produktion von Helium aufwendig. Zu dieser Zeit hatten schon die USA praktisch ein Monopol auf die Fähigkeit, Helium in großen Mengen zu produzieren. Und weil Helium eben zum Beispiel für die Luftschifffahrt so kritisch und wichtig war, hatten die USA beschlossen, Helium mit einem Exportverbot zu belegen. Aus diesem Grund wurden die Luftschiffe der Italiener, Franzosen und Deutschen mit Wasserstoff betrieben. Aber Wasserstoff ist hochexplosiv. Alle hatten deswegen auch schon schwere Luftfahrtunglücke gesehen. Nur die Deutschen schienen überlegene Konstruktionsprinzipien zu haben. Die Konstrukteure der Zeppeline waren sich ihrer Sache sicher. Wasserstoff war zwar hoch gefährlich, wenn man aber die richtigen Vorsichtsmaßnahmen ergriff war das Risiko beherrschbar. Man glaubte fest daran, dass Luftschiffe die Zukunft des interkontinentalen Verkehrs darstellten.

    Lufthäfen wurden gebaut und Großstädte wie zum Beispiel New York bereiteten sich darauf vor, an Luftschiffnetze angeschlossen zu werden. So hatte zum Beispiel das berühmte Empire State Building keine Antenne auf dem Dach, sondern einen Mast, um Luftschiffen das Andocken zu ermöglichen. Starten, landen und andocken war allerdings nicht trivial bei den Dingern, denn die waren doch recht anfällig für Seitenwinde. Außerdem brauchte es eine ganze Menge Personal, um ein Zeppelin nach unten zu ziehen und vertäuen zu können. Wollte ein Luftschiff wie die Hindenburg landen, brauchte es am Boden um die 150 Mann Personal. Ankerseile wurden abgeworfen und Gas wurde abgelassen, um das Schiff nach und nach schwerer werden zu lassen. Vor allen Dingen war es wichtig, dass man die Vorder- und die Rückseite unter Kontrolle bekam, um zu verhindern, dass das Schiff sich unkontrolliert drehte oder gar aufsteigen konnte. Sieht man sich historische Aufnahmen einer Zeppelinlandung an, sieht es aus, als würden die Bewohner Liliputs versuchen, Gulliver zu bändigen. Und das Ganze war dabei überhaupt nicht routiniert.

    Luftschiffe waren immer noch selten genug, dass sie sogar die lokale Presse auf den Plan riefen, wenn ihre Ankunft angekündigt worden war. Am 6.5.1937 standen deswegen in Lakehurst in New Jersey Dutzende Journalisten auf dem Landefeld und warteten gespannt, dass die Hindenburg einschweben würde. Und die ließ wirklich auf sich warten. Schlechtes Wetter über dem Meer hatte dafür gesorgt, dass die Hindenburg einen Umweg über den Pol hatte nehmen müssen. Zusätzlich sorgte schlechtes Wetter über nur Jersey dafür, dass sie fast zehn Stunden lang in der Nähe der angepeilten Landestelle kreisen musste, bevor man überhaupt daran denken konnte zu landen. Das Wetter war gewittrig und ein Zeppelin ist ein fliegender Wasserstofftank und damit anfällig für Blitze jeglicher Art. Während die Hindenburg kreist tut sich ein weiteres Problem auf. Die Crew entdeckt, dass das Schiff aus der Balance gerät. Das Heck wird schwerer. Das deutet darauf hin, dass das hinterste Segment ein Wasserstoffleck hat, also Gas entweicht. So was kommt schon mal vor. Es gibt historische Aufnahmen, wo Zeppelin- Crews die Lecks in der Hülle bei fliegenden Zeppelinen in schwindelerregender Höhe flicken. Jetzt aber ist an Flicken gerade nicht zu denken. Erstens ist das Wetter nicht gerade ideal, zweitens möchte man den Zeppelin auf den Boden bekommen und landen. Also lässt der Kapitän stattdessen Wasser ab. Ballast. Ein Vorgang, den am Boden der Radiomoderator Herbert Morrison beobachtet und kommentiert.
    [Einspieler]

    Das ist eine heute berühmte Radioreportage. Morrison beschreibt wie das Ankerseil abgeworfen wird
    [Einspieler].

    Und jetzt kommt eine Minute, die Radiogeschichte geschrieben hat, denn das ist der Augenblick, in dem es passiert. …[Einspieler].

    Morrison wird sich wieder fangen. Er wird die Reportage weiterführen, er wird Rettungskräfte interviewen und Überlebende vors Mikrofon holen. Das ist das erste Mal, dass es eine live Radioreportage von einer Katastrophe gegeben hat. Aber er ist auch nicht der einzige Journalist, der Zeuge dieses Ereignisses wird und seine Arbeit macht. Ungefähr zwei Dutzend Pressefotografen halten drauf und mindestens drei Kameracrews zeichnen die Ereignisse auf. Einer der Fotografen ist Sam Shere. Er ist im Auftrag von National News Foto vor Ort und versucht, mit seiner Speed Graphic Kamera die Ereignisse festzuhalten. Gerade als sich die Hindenburg im Anflug befindet hat er noch zwei Platten in seiner Kamera. Als sich dann die Ereignisse überschlagen hält er einfach drauf, macht ein Foto – aus der Hüfte, ohne auch nur durch den Sucher zu schauen. Auch wenn er damit nur eins von Dutzenden Bildern aufgenommen hat, ist es dann doch das Foto, das wie kein anderes für das Hindenburg- Desaster stehen soll.

    Durch seine Veröffentlichung bei Life Magazin, als Titelblatt der New York Times, als Aufmacher in unzähligen Zeitungen prägt diese Aufnahme unsere Erinnerung dieses Absturzes. Man sieht die Hindenburg, wie sie gerade beginnt zu fallen, das Heck steht schon in Flammen, ein gewaltiger Feuerpilz steht über dem Schiff. Im Hintergrund sieht man noch das eben abgelassene Wasser den Boden vernebeln. Man sieht das Entsetzen des Bodenpersonals und die ersten Menschen, die panisch die Flucht ergreifen. Das Schiff selbst ist dramatisch durch die Explosion beleuchtet und man kann den Titelschriftzug deutlich erkennen. Same Sheres selbst sagt: “I had two shouts in my big speed graphic, but I didn´t even have time to get up to my literally shot from the hip. It was over so fast. There was nothing else to do.“

    Der Absturz der Hindenburg war nicht deswegen so besonders, weil er so dramatisch war, sondern weil er festgehalten worden war. Er markiert das Ende der Luftschiffära. Das Schwesterschiff der Hindenburg, LZ 130, wurde zwar noch fertiggestellt, würde aber keine Passagiere mehr transportieren. Wenig später war die Ära der sogenannten Stahl-Luftschiffe ganz allgemein zu Ende. Heute ist kein einziges Schiff dieser Bauart mehr in Benutzung. Zwei Jahre nach Absturz der Hindenburg stellt auch Deutschland den Betrieb der Stahl-Luftschiffe endgültig ein. Was aber erhalten blieb war der Spitzname Zeppelin, basierend auf der generellen Form dieser Schiffe. Die Zigarrenform, die wir auch heute manchmal bei ähnlich geformten Ballons sehen. Diese Verbindung zwischen Ballon und diesen Luftschiffen steht als Namenspate für eine der erfolgreichsten Bands aller Zeiten – Led Zeppelin. Was würde ich jetzt gerne Musik von dieser Band einspielen. Tja… GEMA…

    Der Name der Band Led Zeppelin soll angeblich auf einem Scherz basieren. Und zwar hatte der Schlagzeuger der Band The Who gesagt, dass eine Band, die sich um den E-Gitarristen Jimmy Page formen würde, abstürzen würde wie ein bleierner Ballon. Ein Lead Balloon. Irgendwie wurde dann aus Lead Balloon und der Idee eines Absturzes Led Zeppelin. Wenn wir schon von abstürzenden Ballons reden, dann sind wir bei dem ikonischen Debütalbum einer der bekanntesten und erfolgreichsten Rockband aller Zeiten, das nichts anderes zeigt als Sam Sheres spektakuläres Katastrophenbild der abstürzenden Hindenburg. Beziehungsweise eine stilisierte Version davon. Jimmy Page höchst selbst erklärt es so: „The idea was to use the impact of this but use it…

    Led Zeppelin war ein recht kraftvolle Rockband. Es ging ihm darum, den Impact, besonders auch des ersten Albums auch visuell darzustellen. „Fact is, that it was the right thing to do, because it is really iconic image and plus it is Led Zeppelin first album. „

    Sie haben auch mit diesem Wortwitz gespielt, statt einem bleiernen Ballon eher eine Rakete. „I am sure, that the people know that phrase going down like a Lead Balloon and it was a play on the words if you like. „

    Der Designer George Hardy bekommt 60 Pfund und den Auftrag, ein Album-Cover aus diesem Bild für die junge, gerade gegründete Band Led Zeppelin zu gestalten. Weder er noch Led Zeppelin waren damals übermäßig bekannt. In beiden Fällen wird sich das ändern. George Hardy hat uns einige der ikonischsten Album-Cover aller Zeiten gestaltet. Zum Beispiel Pink Floyds Dark Side of the Moon oder Technical exzessiv für Black Sabbath. Bei diesem ersten Album dachte er sich zunächst nicht viel. Deswegen wurde der Entwurf dieses Covers nach getaner Arbeit mit anderen Arbeiten verstaut. Vor ein paar Jahren jedoch zieht er in seinem Studio diesen Entwurf wieder heraus und beschließt, ihn versteigern zu lassen. Das Auktionshaus Christie’s nimmt den Originalentwurf dieses Covers in seinen online Katalog auf, da durch die Pandemie im Jahr 2020 keine persönlichen Auktionen stattfinden. Die Erwartung ist, dass man dieses Album für schätzungsweise 20.000 bis 30.000 Dollar wird verkaufen können. Verkauft wird es dann am 18. Juni 2020 für 325.000 Dollar und macht damit wieder Schlagzeilen.

    17 min
  • HerStory - Frauen und Fotografie

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    In dieser Sonderfolge habe ich Jasmin vom Podcast HerStory zu Gast. Wir unterhalten uns über großartige Frauen in der Geschichte der Fotografie, machen uns Gedanken darüber ob sich deren Wirken in Phasen einteilen lässt und spüren der Frage nach ob Frauen anders fotografieren als Männer.

    Erwähnte Fotografinnen:

    • Anna Atkins (Wikipedia|Bilder)
    • Julia Margaret Cameron (Wikipedia|Web|Bilder)
    • Bertha Wehnert-Beckmann (Wikipedia)
    • Letizia Battaglia (Wikipedia|Web|Bilder)
    • Anna Moneymaker (Web|Bilder)
    • Gerda Taro (Wikipedia|Web|Bilder)
    • Margaret Bourke-White (Wikipedia|Web)
    • Anita Augspurg (Wikipedia|Web)
    • Dorothea Lange (Wikipedia|Migrant Mother)

    Buchempfehlung (kein Affiliate-Link):

    Meisterinnen des Lichts: Große Fotografinnen aus zwei Jahrhunderten

    Mehr starke Frauengeschichten? Auf zum HerStory Podcast! Außerdem kann man Jasmin auf Mastodon, Twitter, ihrem Blog und Instagram finden.

    Transkript

    [Intro] Willkommen beim Fotomenschen Podcast! Du hörst die Stimme von Dirk Primbs und normalerweise würde ich an dieser Stelle die Geschichte, die nach dem Jingle folgt, kurz anteasern. Heute ist es aber anders, denn das hier ist eine Sonderfolge, eine Folge, in der der Bogen etwas weiter größer sein wird. Und vor allem eine Folge, in der ich nicht alleine vor dem Mikro sitzen werde.

    Ich freue mich riesig über die Gesprächspartnerin, die ich heute hier am Mikro begrüßen darf. Ich bin ja wie gesagt nicht alleine in dieser Folge, sondern ich habe mir Verstärkung geholt. Ich wollte nämlich schon etwas länger mal über die Rolle von Frauen in der Fotografie sprechen. Und mit wem kann man sich da besser drüber austauschen als mit einer Podcasterin, deren Podcast sich mit den Geschichten von beeindruckenden Frauen auseinandersetzt.

    Wer diesem Podcast und vielleicht auch den dazugehörigen Social Media Kanälen schon ein bisschen folgt, wird sich es denken können; die Rede ist natürlich vom HerStory Pod, und ich freue mich eben ganz besonders, die Stimme und Macherin dieses Podcasts hier zu begrüßen. Magst du uns vielleicht selber noch ein bisschen Kontext geben?

    [Jasmin] Ich bin Jasmin, ich bin Journalistin, hauptberuflich, und beschäftige mich da eigentlich mit Wirtschaft, Politik und auch vielen Geschichtsthemen und habe eben Geschichte schon immer so als ein Steckenpferd gehabt und habe daraus eben dann letztes Jahr die endgültige Entscheidung getroffen, nachdem ich schon länger darauf herumgedacht hatte, fiel dann endlich mal der Hammer, dass ich gesagt hab, so, jetzt mache ich damit auch mal etwas in der Freizeit und daraus ist dann HerStory entstanden, weil sich da eben meine Geschichtsliebe sehr überschnitten hat mit einem Thema, das mir wirklich immer häufiger begegnet, eben, wie sichtbar sind Frauen, nicht nur heute, sondern wirklich auch in der Geschichte und ja, die Rolle, die Frauen heute in der Gesellschaft haben und die Sichtbarkeit, die sie bekommen oder nicht bekommen, glaube ich, hängt auch viel damit zusammen, wie das historisch schon gelaufen ist und deswegen schaue ich da eben auf Frauen in der Geschichte und springe da nach Möglichkeit quer durch die Zeiten und quer durch die Kontinente und ja, knöpfe mir jede alle zwei Wochen eine neue Frau vor, die ich dann vorstelle.

    [Dirk] Genau, und das hat auch uns beide so ein bisschen zusammengebracht, weil HerStory ist natürlich ein, ich würde jetzt mal sagen, verwandtes Format, weil es da eben auch um die Geschichten von Menschen geht und, wie ich von dir ja weiß, immer wieder auch mal gerne um die Geschichten von Fotografinnen, denn die sind in diesem gesamten Bild, spielen die eine besondere Rolle, weil ich irgendwann den Eindruck hatte, Männer werden überbetont in der Geschichte der Fotografie, also es ist sehr, sehr einfach, sehr viele männliche Geschichten zu finden und es ist nicht der Mangel an Fotografinnen oder Fotopionierinnen, sondern es ist eher eine Darstellungsfrage, so kam es mir vor und so kamen wir dann zusammen.

    [Jasmin] Und ich glaube, weshalb du bei mir mit dem Podcast auch so, mit Fotomenschen auch so ins Schwarze getroffen hast, war, dass ich ja auch eine langjährige Liebe zur analogen Fotografie schon pflege und eben auch selbst immer wieder mal die Kamera in die Hand nehme. Als ich dann irgendwann Fotomenschen entdeckt habe, dachte ich so, ach, schön, weil ich nämlich auch, ich habe null Interesse daran, dass mir jemand die neuste Sony erklärt, das brauche ich nicht, weil ich mit digitaler Fotografie, mich damit wirklich auch wahnsinnig wenig beschäftige, muss ich sagen, ich finde, die analoge Technik, die hat für mich viel mehr Reiz, das ist immer eine Diskussion für sich alleine und die Geschichten dahinter, die finde ich unheimlich spannend. Also auch die männlichen Geschichten, ich blende die da nicht aus und ich finde, du hast da eben, du hast da nicht nur so eine Herangehensweise, dass du sagst, ich guck mir jetzt nur Fotografinnen und Fotografen an, sondern du guckst ja auch hinter die Geschichte von bestimmten Fotos und Formaten als solchen und da findest du immer einen schönen neuen Blick auf das Thema und deswegen, ja, so bin ich dann hängengeblieben bei deinem Podcast und dann hast du ja auch schon mal über Gerda Taro gesprochen, die ich ja vor kurzem auch als Episode hatte, und da haben wir uns beide, glaube ich, gleichzeitig einen Keks gefreut, dass wir eine Fotografin da so somatisieren konnten. Genau.

    [Dirk] Ja, das, also ich, weil du es gerade auch so schön erwähnt hast, ganz am Anfang wurden mir regelmäßig berühmte Fotografinnen und Fotografen vorgeschlagen, als Themen, und ich versuche immer, so ein bisschen wählerisch zu sein, welche Leute ich reinnehme, weil, nur weil jemand Fotograf war und vielleicht damit erfolgreich war, ist die Person noch nicht wirklich interessant. Ich brauche zwei Sachen: Einmal muss die Person natürlich interessant sein in dem Kontext der Fotografie aber gleichzeitig müssen diese Geschichten auch in irgendeiner Form für mich findbar und verwertbar sein, da muss ich sagen, da sind natürlich so Figuren wie Gerda Taro atemberaubend. Also ich weiß noch, als ich die entdeckt habe und deren Leben versucht habe, zu erfassen, war ich bis ins Mark beeindruckt, was für eine Person ich da gefunden habe, eine Anfang 20-jährige, die wirklich bis heute Nachwirkungen hat, ohne, dass man ihren Namen so richtig kennt. Das war der 2. Aspekt, der mich dabei so überrascht hat, dass zwar irgendwie von 5 Fotografen, die mir vorgeschlagen werden, ist einer immer Robert Capa, warum auch immer scheint der einen Namen wie Donnerheil zu haben, und alleine dann festzustellen; ohne Gerda Taro kein Robert Capa und im Grunde fand ich ihre Geschichte fast noch interessanter, hätte die nicht so abrupt geendet, wäre die wahrscheinlich auch noch facettenreicher geworden. Und das ist das Thema, wegen dem wir uns auch zusammengefunden haben, ich habe das Gefühl, die Geschichten von Frauen in dem Medium fühlen sich ein bisschen anders an, als das, was mir über Männer aufgedrängt wird und da dachte ich halt, hast du vielleicht einen Expertenblick drauf.

    [Jasmin] Na ja, ich bringe vielleicht ein bisschen mehr geschichtlichen Blick auf verschiedene Epochen, sodass man bestimmte Sachen vielleicht ein bisschen einordnen kann oder denen noch ein bisschen Kontext geben kann und wir haben ja neulich dazu schonmal, bevor wir auf Aufnahme gedrückt haben, haben wir ja mal ganz kurz geschnackt und sind bei dem Thema ja an so einer Art, ich will es nicht Kategorisierung nennen, vielleicht so Gruppierungen kamen uns irgendwie in den Sinn, wie man die Frauen so ein bisschen zusammenfassen kann, also das fand ich eigentlich ganz schlau, diese Idee kam damals von dir und vielleicht kannst du mal kurz sagen, was so dein Ausgangsgedanke war, wie du die gruppiert hast.

    [Dirk] Ich habe versucht, eine Beobachtung in eine Art Struktur zu fassen, und zwar die, dass am Anfang der Fotografie scheinen mir sehr viele sehr privilegierte Menschen mit einem ausgeprägten Technikfimmel zu stehen. Also gerne auch mal Adelige, Menschen, die Freizeitreichtum haben, also die Möglichkeit, sich auszuleben und nicht davor zurückschrecken, ja dann doch ein sehr technisches Verfahren am Anfang nutzbar zu machen. Und bei dem Blick in die Bücher, die ich so habe und die Geschichten, die ich so habe, fiel mir auf, dass die Männer wie die Frauen da sehr ähnlich herangehen, also es sind eigentlich oft sehr wissenschaftlich ausgebildete Frauen, auch Frauen, die, würde ich sagen, für das klassische weibliche Rollenmodell, dass man im Kopf hat, manchmal, überraschen, also ich habe hier zum Beispiel ein Buch von einer Countess aus Irland, die ihrem Mann dabei geholfen hat, das größte Teleskop Irlands zu bauen und unter anderem die Schweißarbeiten übernommen hat und dann in ihrer Freizeit auch noch fotografiert hat. Und das ist halt so eine Rolle, in der diese Frauen waren, die überrascht, aber die erstmal dadurch auffällig ist, dass sie chronisch unterreportet wird, das heißt, ich habe eine Menge Ehepaare gehabt, wo beide fotografiert haben, aber nur der Mann irgendwie in den Geschichten auftauchte und in den Berichten auftauchte und deswegen habe ich so vorgeschlagen, die erste Phase, die Pionierphase dieser Zeit, da sind sehr viele technisch etablierte Frauen und deren Beschäftigung mit der Fotografie wird eigentlich gar nicht groß bewertet, sie wird nur nicht berichtet, also das findet einfach irgendwie statt und findet aber keinen Niederschlag in den verschiedenen Werken, die ich gefunden habe. Das geht so weit, dass manche Fotografien auch falsch zugeschrieben werden. Das war so der erste große Block.

    Und dann fällt mir so auf, so rund um die Jahrhundertwende, also vom 19. ins 20. Jahrhundert passieren 2 Sachen, das eine; die Fotografie wird so eine Alltagsbeschäftigung für viele, also es ist die Zeit der Kodak Brownie, die im Prinzip Werbung damit macht, dass es so einfach ist, dass jeder fotografieren kann, und damit fangen die Leute an, in ihrer Freizeit zu fotografieren und die Brownie wird zum Beispiel auch gezielt an Frauen vermarktet. Da kommt so ein Frauenbild mit, dass technische Sachen nichts für Frauen sind, „you press the button, we do the rest“ war der Slogan der Brownie und das war so eine Freizeitbeschäftigung für Frauen wie Fahrrad fahren, also sowas, was nicht, ich mache jetzt auch hier keinen Witz, sondern Fahrrad fahren galt als so eine liederliche Freizeitbeschäftigung, wenn man so gar nichts anderes zu tun hat, und Fotografieren war so in einer Reihe damit, dass man gesagt hat, da kann man doch wenigstens die Kinder noch irgendwie fotografieren und Hobby braucht ja jede, und in der Zeit tauchen Frauengestalten in der Fotografie auf, wo ich den Eindruck habe, die lehnen sich gegen die Gesellschaft auf und nehmen sich, was ihr recht ist.

    Die moderne Frau darf natürlich auch geschäftlich aktiv sein, aber immer dann, wenn die Frauen das dann gemacht haben, haben die in entsetzte Männergesichter geguckt und die Fotografinnen, die mir dann begegnen, sind eben Frauen wie Margaret Bourke-White zum Beispiel oder, ja, auch Gerda Taro fällt in dieses Feld, die dann manchmal auch gleich ins Extrem gehen, Kriegsreporterinnen sind oder Reportagereporterin, Margaret Bourke-White, die die einzige Fotografin on Staff im Fortune Magazine und Life Magazine war, die zum Teil bewundert wurden, dafür, dass sie etwas gemacht haben, in Anführungsstrichen, die „normale Frau“ macht sowas ja nicht und das ist so eine Zeit, die scheint so eine Weile lang anzuhalten, also es gibt mehrere Jahrzehnte, wo Fotografinnen gleichzeitig ein politisches Statement damit machen, dass sie professionelle Fotografinnen sind, so wirkte das zumindest auf mich.

    Und das fasert dann jetzt dann zum Ende des 20. Jahrhunderts in eine dritte Phase aus, wo die mehr oder weniger in demselben Umfeld unterwegs sind, also ich habe jetzt letztens zum Beispiel Statistiken gesehen; eigentlich gibt es genauso viele Fotografinnen wie Fotografen, aber es gibt halt dann ganze Branchen, in denen anscheinend Frauen unterrepräsentiert sind. Aber sie sind auf Augenhöhe, also es würde niemand mehr auf die Idee kommen, zu hinterfragen, warum eine Frau als Kriegsfotografin unterwegs ist, oder dass eine Frau Wildlife fotografieren kann und deswegen scheint es mir so zu sein, dass die Fotografinnen, die mir jetzt begegnen, sind dann mehr an dem Medium selbst interessiert. Also es ist weniger das politische Statement im Vordergrund, sondern mehr das, was sie damit machen, wie sie sich ausdrücken.

    Ja, und das waren so die drei großen Bögen, die wir diskutiert haben. Jetzt die Frage: Wie sehr hast du das wiedergefunden, als du dich auf die Folge so ein bisschen mit vorbereitet hast?

    [Jasmin] Also ich glaube, gerade bei so den ersten beiden Gruppen würde ich schon d’accord gehen, bei denen, je länger ich auf der dritten Gruppe herumgedacht habe, also, wir haben auch ursprünglich, als wir das erste Mal gesprochen haben, habe ich mir so ein paar Keywords aufgeschrieben und die erste Gruppe war so ein bisschen so die Early Adopters, also sozusagen die Pioniere, die dann wirklich mit dieser Technik die Pionierarbeit leisten, als zweite Gruppe hatte ich dann die Unabhängigen, die in die Emanzipation gehen und wie du sagst, das politische Statement und die dritte, da habe ich mir als Keyword aufgeschrieben, ich weiß gar nicht mehr warum; Künstlerinnen, also weil sie eben mit dem Medium experimentieren, sich künstlerischer damit ausdrücken und das dritte Medium finde ich, je länger man, oder die dritte Gruppe, je länger ich auf der herumdenke, umso mehr zerfasert die für mich so ein bisschen, weil eben zum Beispiel sowas wie wie kriegt man Kriegsfotografinnen in die Gruppe von, also dann kann man es nicht mehr Künstlerin nennen, dann muss man wirklich sagen, da trifft es wahrscheinlich besser, was du gesagt hast, das sind die Frauen, die das Medium, die versuchen, zu zeigen, was man mit diesem Medium alles machen kann und damit kann ich eben sowohl in der [?] sitzen und Wildlifefotografie machen als auch in Kosovo die Konflikte und die kriegerischen Auseinandersetzungen fotografieren.

    Diese frühen Frauen, die sich mit der Technik auseinandersetzen und die oft im Gespann eines Ehepaars da, die auch aktive Rollen übernehmen, das hängt halt glaube ich auch ganz viel damit zusammen, wie natürlich das gesellschaftliche Rollenbild in dieser Zeit ist. Also die Frau ist dem Mann in der Ehe untergeordnet in so ziemlich allen Gesellschaften, gerade im europäischen Rahmen, in dieser Zeit, das ist ja auch eine Zeit, in der Frauen nicht mal das Wahlrecht haben, solche Geschichten, insofern glaube ich ist es schon im damaligen Rahmen so, dass man die Frau aus dieser Betrachtung ganz oft in so eine Assistentinnenrolle drängt. Was da aber auch mit reinspielt, wenn du sagst: „privilegiert“, ich glaube, da hängt natürlich auch mit zusammen, dass die Technik an sich ja damals auch nicht so einfach zum einen zu bekommen ist und zum anderen zum handlen, also die ganz frühen Fotografieverfahren, da sprechen wir ja noch von Nassplattenverfahren und solchen Geschichten, die sind irgendwie klobig und da brauchst du Chemie und da brauchst du eben auch eine gewisse, ich sage mal, eine gewisse chemische Grundbildung, um diese Platten überhaupt vorzubereiten und dann entwickeln zu können, sprich, ich sage mal eine einfache Bauersfrau hätte dann natürlich zum einen nicht die Grundbildung für, sozusagen, zum anderen die Materialien nicht und zum Dritten die Zeit auch gar nicht, also eine Frau, die damit beschäftigt ist, einfach ein ganz normales Leben zu führen, ihre Kinder zu erziehen, es sind ja damals auch noch alles noch wesentlich größere Familien als die heute oft ein-Kind-Familie, die haben ja noch ganz, ganz andere Sorgen, sozusagen, als überhaupt genügend Freizeit zu haben, sich so einer Beschäftigung anzunehmen und insofern glaube ich, dass eben, dass wir deshalb auf diese Frauen stoßen, die, ja, in ihren Häusern oder Appartements eigene Dunkelkammern sogar haben können und eben wirklich das in so einem, wie du schon sagst, „privilegierten Rahmen“ zu betreiben, wobei ich da auch „privilegiert“ ausdrücklich nicht als Abwertung verstehen würde, sondern das sind einfach die Frauen, die in der Zeit die Möglichkeit haben, sich mit diesem Medium auseinanderzusetzen. Und da entstehen auch schon wirklich ganz spannende Sachen, also da ist ja zum einen die, die kennst du ja glaube ich auch, die Anna Atkins, die ja wirklich mit der Fotografie jetzt nicht, die sagt nicht, ich setze jetzt hier meinen Mann, mein Kind, wen auch immer vor die Kamera, sondern die nutzt das Verfahren, um damit ein botanisches Buch zu produzieren und das sind ganz, ganz faszinierende Aufnahmen, die die da macht und dann gibt es aber auch schon relativ früh diese Frauen, zum Beispiel die Julia Margaret Cameron, die ja diese sehr inszenierten Bilder macht und, also die inszeniert Frauen und die hat auch manchmal so kleinere Gruppenbilder wie Mann mit Kind oder Mann, Frau, Kind, die in sehr romantischen Posen inszeniert werden, die zeigt auch häufig Kinder in so Engelsposen, so richtig mit Engelsflügelchen und solchen Geschichten, also die nimmt zum einen dieses Medium, ich müsste jetzt mal, ich weiß gar nicht, ob du das aus dem Kopf weißt, ob das auch noch Nassplattenfotografie ist?

    [Dirk] Ja, ja. Gerade Julia Margaret Cameron wurde am Anfang auch belächelt, weil die speziell am Anfang auch die Technik so lala im Griff hatte, die war ja schon deutlich über 40, als sie von einer ihrer Töchter ihre erste Kamera geschenkt bekommt und sich da Hals über Kopf hereingestürzt hat und gerade so am Anfang war das technisch auch alles nicht so einwandfrei, auch mal gerne daraufgekleckst und so, aber trotz allem ein recht aufwändiges Verfahren und mit privilegiert meinte ich übrigens etwas, das gilt auch für die Pioniere in der Männerwelt der damaligen Zeit, also mal ganz generell kann man 2 Sachen beobachten; die ersten Fotografinnen und Fotografen sind in aller Regel hochgebildet und haben die Zeit und das Geld, sich damit zu beschäftigen, das heißt, das sind entweder Menschen aus einem wissenschaftlichen Umfeld oder Familien aus einem adeligen Umfeld, die überhaupt auch nur den Luxus haben, sich fotografisch betätigen zu können, und deswegen wahrscheinlich auch oft diese Ehepaarsituation, also der eine bringt das nach Hause, die andere nimmt es auf, manchmal ist es auch so, dass die Männer aufgehört haben und die Frauen dann weitergemacht haben, auch das sieht man hin und wieder, aber mit Privileg meinte ich tatsächlich auch einfach die Freiheit zu haben und die Ausbildung zu haben, auch das ist ja damals nicht selbstverständlich, wie du sagst, so als Bäuerin hast du wahrscheinlich keine mathematische Grundausbildung gehabt, wie es jetzt, oder wissenschaftliche Grundausbildung, wie es eine

    Anna Atkins von sich behaupten konnte, die Korrespondenz mit jemandem wie John Herschel geführt hat, der einer der Geistesgrößen der damaligen Zeit überhaupt war, das ist ein sehr enger Kreis von Menschen gewesen am Anfang, die kannten sich auch, zwei Drittel von denen kannten sich alle untereinander, also es ist gerade so am Anfang hast du das Gefühl, es ist so eine Gruppe, aus der das alles entsteht.

    [Jasmin] So eine Clique, ja?

    [Dirk] Ja genau.

    [Jasmin] Ja, und ich glaube im Übrigen, das kann man ja auch übertragen auf beinahe jedes Feld, wo es eine technologische Neuerung gibt, dass nur ein Teil der Gesellschaft in der Lage ist, sich damit auseinanderzusetzen, weil sie zum einen die Mittel und zum anderen die Zeit dafür haben und es sind eben oft die, die den akademischen Hintergrund haben oder eben den adeligen Hintergrund, der ihnen die entsprechenden Freiheiten verschafft. Genau. Und da hast du völlig recht, das trifft natürlich auf die Männer genauso zu, insofern da, zumindest was das den wirtschaftlichen Hintergrund, sage ich mal, anbelangt und den gesellschaftlichen Hintergrund, da sind die eigentlich sehr gleich in dieser Gruppe und wen ich aber unbedingt noch erwähnen wollte, weil da hatte ich gestern so einen Moment, da wollte ich wieder, als ich gestern nochmal vorbereitet habe, das war wieder einer meiner Momente, wo ich am liebsten auf die Tischplatte gehauen hätte und gesagt hätte: „Warum kenne ich die nicht“, jetzt bin ich gespannt, ob du von ihr schonmal gehört hast, Bertha Wehnert-Beckmann, sagt dir die was?

    [Dirk] Ne. Erzähl mehr.

    [Jasmin] Das ist die erste Berufsfotografin Deutschlands, und da denke ich mir wieder: „Warum kennen wir die eigentlich nicht?“, also die hat halt ein eigenes Fotolabor eröffnet, die hat ursprünglich auch mit ihrem Mann, meine ich, gearbeitet, und sie haben Daguerreotypie betrieben und 1845 haben die ihr Fotoatelier in Leipzig eröffnet. Der Mann ist dann relativ kurz danach verstorben und sie ist dann in die USA gegangen, hat sich dort noch so ein Stück weit weitergebildet und war da eben auch tätig und hat da so Leute wie Millard Fillmore vor die Linse bekommen, also US-Präsident, hat aber auch so die Promis der Zeit vor dem Objektiv gehabt, zum Beispiel die damals sehr berühmte Opernsängerin Jenny Lind, die hat ihr wohl auch Modell gesessen und dann kam sie aus den USA wieder nach Leipzig zurück und hat dort eben dann alleine ihr Atelier wiedereröffnet und geführt und das war dann das erfolgreichste Atelier, eigentlich, in Leipzig, also das war da die erste Adresse, wenn man Fotos braucht, dann ging man zu Bertha Wehnert-Beckmann, und da denke ich mir auch so, warum kennen wir die heute nicht? Also, wir haben die im eigenen Land, das ist hier also eine Pionierin und wenn da hörende aus Leipzig zuhören und am Ende sagen, ja Moment, wir haben doch hier den Bertha Wehnert-Beckmann-Platz oder sonstige Bereiche, zumindest in Leipzig, in denen an sie erinnert wird, dann würde ich mich da sehr darüber freuen, aber insgesamt finde ich so im gesamtdeutschen Rahmen und auch im fotografischen Rahmen, ich beschäftige mich jetzt nicht erst seit gestern mit Fotografie und trotzdem ist sie mir gestern dann erst untergekommen und das finde ich überraschend. Das ist aber auch ein Mal mehr… Ich finde es auf der einen Seite überraschend, dass ich sie erst jetzt finde, anderseits überrascht es mich gar nicht. Muss ich aus sagen, also weil es eben oft so ist, wie du eingangs gesagt hast: Die Frauen werden einfach nicht reportraitiert. Also die werden dann mehr oder minder… Also inwiefern das absichtlich passiert, dieses Vergessen, das ist auch so eine Frage, auf der man rumdenken müsste, weil ich habe ja gesagt, durch diese Zeit werden Frauen durch eine bestimmte Linse betrachtet, in einem bestimmten Rollenbild, was damals einfach nicht hinterfragt wird, und deswegen ist es wesentlich leichter, diese Frauen dann zu vergessen. Einfach, weil es auch damals schon den Zeitgenossen nicht auffällt: Ja Moment, eigentlich, die Frau ist doch als eigenständige Künstlerin, als eigenständige Fotografin irgendwie auch erwähnenswert, das ist nicht nur die Frau, die dem hier irgendwie die Chemie gereicht hat, sondern die hat da auch eigene Leistung vollbracht.

    Und ja, die zweite Gruppe, die finde ich auch total spannend, also die Frauen, die sich dann diese Profession wählen, um sich damit zu emanzipieren, und da gibt es einfach auch ein sehr schönes, deutsches Beispiel, das ist die Frauenrechtlerin Anita Augspurg, die damals in München mit ihrer damaligen Lebensgefährtin Sophia Goudstikker ein Atelier führte und das ist damals das Atelier in München, das Atelier Elvira und da entstehen im Prinzip alle wichtigen Fotos der Frauenbewegung. Also das an und für sich sagt schon ganz, ganz viel darüber aus, wo die Fotografie in dieser Zeit steht. Und 1887 ist das, als sie dieses Atelier haben und die Sophia Goudstikker, die ist mit dem, was sie tut ebenso gut, dass sie Hoffotografin in Bayern wird, also das ist eben hier nicht mal nur so eine Frau, der man eben die Kodak Brownie gibt und sagt, ja hier, musst nur noch ein Knöpfchen drücken und dann musst du dir keine Gedanken machen, sondern die weiß ganz genau, wie es läuft, ich finde, so eine Marketingstrategie, ich habe im Hauptberuf gerade eine Story gemacht, darüber, wie Frauen von Unternehmen betrachtet werden und wie Unternehmen für Frauen Marketing machen, und sowas, wo man dann irgendwie sagt, du musst nur noch auf ein Knöpfchen drücken, dich um nichts anderes mehr kümmern, weil verstehst du eh nicht, da sitze ich ja gleich auf der Palme, also…

    [Dirk] Ich meine, das ist ja vor allen Dingen auch wirklich, also, was mir halt auch so aufgefallen ist, gerade in dieser Periode, die Frauenfiguren, die ich da gefunden habe, die fotografisch tätig sind, sind auch überwiegend dann bis ins Mark beeindruckend. Also, ich finde es sehr entlarvend, dass es dann auch wirklich die Geschichten, die man findet, immer solche Frauen sind. Nehmen wir mal, vorhin, Margaret Bourke-White, von der ich es hatte, die hat ihren Zugang zur Fotografie gefunden, indem sie angefangen hat, Industriebauten zu fotografieren, die ist in Stahlwerke gegangen und hat da fotografiert, in einer Zeit, in der die Kameratechnik das eigentlich nicht hergegeben hat, und dann hat sie angefangen, Phosphorraketen da drin zu zünden, damit sie das Licht hinbekommt, sie ist mit ihrem Equipment in dem Stahlwerk herumgeklettert, zu einer Zeit, als das Gerücht herumging, Frauen werden Ohnmächtig, wenn sie so großer Hitze ausgesetzt werden, ist die da mit ihrem doch sehr technischen Material unterwegs gewesen und hat Fotos geschaffen, die ihr danach alle Türen geöffnet haben. Also, eine Kodak Brownie hat die wahrscheinlich noch nicht mal in die Hand genommen, die hat einen technischen Sachverstand an den Tag gelegt, der damals auf der Höhe der Zeit war. Und dasselbe gilt für viele von diesen Frauen und das, bei mir, als ich mich dann irgendwann damit beschäftigt habe, kam dann irgendwann die Frage auf: Haben wir nur noch die Frauen durch diesen Filter, durch diesen Wahrnehmungsfilter gelassen, die dann so oben auf dem Olymp waren, dass das praktisch nicht mehr ignorierbar war, was sie da abgeliefert haben, das war so die eine Frage, und die zweite Frage: Gab es vielleicht in der Masse an Fotografen und Fotografinnen einfach auch immer noch dasselbe Spektrum, aber in Rückschau, weil diese ganzen geschichtlichen Berichte, die entstehen ja in Rückschau und werden ja von anderen geschrieben als den Zeitgenossen, also einer Margaret Cameron der war wahrscheinlich egal, ob man ihr jetzt ihren Werken, ach ne, der war es ja gerade nicht egal, die wollte Fotografie als Kunst etablieren, aber sagen wir mal, eine Anna Atkins war es egal, ob die Leute später mal sagen: Das war die Frau, die das erste Fotobuch gemacht hat, aber diesen Frauen war es wahrscheinlich nicht egal. Die haben versucht, sozusagen für diese Sichtbarkeit sich nach vorne zu kämpfen und in Rückschau frage ich mich, ob es diese Phasen überhaupt wirklich auch gab oder ob das Phasen sind, die dadurch entstehen, dass die Gesellschaft sich in ihrem Blick auf die Akteure verändert hat und dann immer andere Sachen festgehalten haben.

    [Jasmin] Ja, ich glaube, ein Stück weit hast du da schon recht, weil das natürlich auch eine Frage ist, die man mit Blick auf Geschichte und Geschichtsschreibung generell stellen kann, also für jeden Akteur, nicht nur für Fotografinnen und Fotografen, sondern wirklich für jede und jeden, wie sich der Blick auf Ereignisse und Personen im Laufe der Zeit verändert, wann immer wir als Gesellschaft einen Wandel durchmachen und für neue Dinge sensibilisiert werden, gehen wir zurück und gucken uns Ereignisse und Personen der Vergangenheit an und gucken; gibt es da eigentlich eine ganz neue Dimension, die wir bisher noch nicht wahrgenommen haben, und dann wird Geschichte auch, im Idealfall wird Geschichte vollständiger wahrgenommen, im schlechtesten Fall wird sie ein Stück weit umgeschrieben, weil man anfängt, umzudeuten. Also ich glaube, ich würde mir da jetzt nicht anmaßen, da ein Urteil fällen zu wollen, ob wir bestimmte Fotografinnen und Fotografen vielleicht anders sehen sollten, anders sehen müssten, ich würde aber sagen, dass die Gefahr besteht, dass wir eben durch bestimmte Linsen gucken, durch bestimmte Brillen gucken und nach bestimmten Dingen suchen und dann Figuren so ein bisschen überfrachten, im schlimmsten Fall. Weil ich glaube schon, dass du recht hast: So eine Anna Atkins, die war von der Technik begeistert und die wollte mit dieser Technik etwas machen, was ihr persönlich wichtig war, die hat sich damit aber nicht zur Pionierin für alle Frauen erklärt. Das war dann in dieser 2. Gruppe in den Frauen dann so ein bisschen anders, also Anita Augspurg und Sophia Goudstikker, Anita Augspurg hat am Ende auch über diesen Beruf als Fotografin quasi ein Handbuch geschrieben und die Idee dahinter war, Frauen zu zeigen, Frauen waren ja damals wirklich eigentlich nur auf den Lehrerinnenberuf beschränkt, das war so die einzige Profession, die ihnen offenstand, in der sie wirklich Geld verdienen konnten, und abgesehen davon war es mit Emanzipation halt noch ziemlich Essig. Und die Anita Augspurg hat dann dieses Handbuch geschrieben, hat den Beruf auch nicht beschönt, also so, wie sie die Fotografie beschreibt, mit den Chemikalien und so weiter, was man da noch so, eben so „auf sich nehmen muss“, in Anführungsstrichen, sie beschönigt das nicht, das klingt jetzt auch nicht unbedingt immer so einladend, diesen Beruf jetzt zu ergreifen, aber sie sagt trotzdem: Das hier ist ein Feld, in dem ihr, seht her, wir haben es geschafft, ihr könnt das auch und das ist zumindest ein neues Feld, ein weiteres Feld, das ihr euch erschließen könnt, damit ihr eben nicht immer nur die Lehrerin sein müsst, und da schwingt dann auch schon die Idee mit, oft war es ja so, die Frauen haben erst so ein Lehrerinnenberuf ergriffen und wenn sie dann geheiratet haben, dann war Schluss mit Berufstätigkeit, dann fiel man wieder in dieses Hausfrauen- und Muttermuster zurück, oder in dieses Muster wurden sie zurückgedrängt und ja, Anita Augspurg, die hat ja, die hat sich in sowas halt nie hereindrängen lassen und hat ihr Leben sowieso, also die hat ja Frauen geliebt, die hat ihr Leben auf allen Ebenen anders gelebt, als das die Gesellschaft es damals von ihr erwartet hat, und ist damit für uns heute und für die Frauenbewegungen eine der wichtigsten Figuren geworden und hat da wahnsinnig viel Pionierarbeit geleistet. Also bei ihr, glaube ich, die kann man mit Blick darauf vielleicht gar nicht überfrachten oder im Gegenteil, man muss ihr da wirklich wahnsinnig viel Respekt zollen und auch Sophia Goudstikker, und ja, also ich glaube, so bei der einen oder anderen Frau ist die Frage, gilt für Männer da auch genauso, ist die Frage aber durchaus berechtigt: Fangen wir da vielleicht wirklich an, das so ein bisschen durch eine, in Anführungsstrichen, „Rosa Brille“ zu sehen, weil wir bestimmte Dinge sehen wollen, suchen wir nach bestimmten Dingen, die uns in unserer heutigen Überzeugung bestätigen und dann legen wir einen Fokus darauf und übersehen vielleicht andere Dinge und nimmt man dadurch das Werk einer Fotografin nicht vollständig wahr, tut man ihr damit vielleicht Unrecht.

    [Dirk] Mir fiel das zum Beispiel bei Gerda Taro auch auf: Es gibt unglaublich viele verschiedene Lesarten, wie man das denn jetzt nun beurteilt. Also, ich habe jetzt zum Beispiel das Narrativ gehört, Gerda Taro wäre eigentlich mindestens so gut wie Robert Capa, wenn nicht besser gewesen, Robert Capa wäre praktisch auf der Ebene eines mittel talentierten Landstreichers gewesen, wenn sie ihn nicht neu erfunden hätte und ihm mal gesagt hätte, er solle sich mal die Haare kämmen und ansonsten hat dann Robert Capa ihr Werk einfach in seinem aufgehen lassen und da wird es jetzt mal lange notwendig, dass man mal Gerda die Bühne gibt, die sie verdient hat. Das Gegenmodell ist: Zu der Zeit war das normal, dass man, wenn man als Team unterwegs war unter Umständen alles in einen Pool geworfen hat und der, der die besten Preise aufrufen konnte, dessen Name wurde dann da herangehängt und das war zu der Zeit unter Umständen dann halt einer der Männer und Robert Capa war der coolstklingende Name. Da wird so das kollaborative Element herausgenommen. Es wird so getan, als wenn Gerda Taro gar keine Wahl gehabt hätte. Ich hatte dann auch immer das Gefühl, man hat in dieser Erzählung mehr darüber erfahren, was die Leute, die diese Erzählungen vorangetrieben haben eigentlich dachten als darüber, was sie wirklich war, weil wenn ich mir so angucke, welche Geschichten ich so gefunden habe, ist die von Gerda Taro ja fast noch die respektvollste, weil es ja immerhin ein Center of Photography gibt, in der die Nachfahren von Robert Capa versuchen, ihr immer noch einen Namen zu geben, wo es Leute gibt, die werden dafür bezahlt, die Bilder von Gerda Taro zu identifizieren und separat auszustellen, da gab es andere Beispiele, wo das längst nicht so lief. Und ich habe immer das Gefühl, es kommt immer darauf an, welches Etikett die Leute heranhängen wollen, wie die Geschichte erzählt wird.

    [Jasmin] Da würde ich dir recht geben und da finde ich auch, dass Gerda Taro dann ein sehr gutes Beispiel ist, weil, da hast du vollkommen recht, es ist da sehr leicht, da in so eine Art Übersprungshandlung zu fallen, also, wenn man eben heute behauptet, dass Robert Capa einfach ihre Bilder als seine Bilder ausgegeben hat, dann ist das schlichtweg falsch. Also es gab damals eine Abmachung zwischen den beiden und, wie du schon sagtest, Capa hat sein Profil zeitlich relativ kurz irgendwie ein, eineinhalb Jahre vor Taros Bekanntheit angefangen, aufzubauen und ja, sie hat ihm dabei geholfen, seine Bilder zu verkaufen, hat ihm da dann ein paar Tipps gegeben, aber man könnte jetzt nicht behaupten, es würde Robert Capa heute nicht geben (oder es hätte ihn nie gegeben), wäre Gerda Taro nicht dagewesen. Das würde ich nicht behaupten, weil die Bildsprache, die hat er ja alleine entwickelt, also klar, er hat sich mit Gerda Taro ausgetauscht, später, als die sich dann kannten, aber hat schon fotografiert, er war ja schon vorher in Berlin, bevor er nach Paris kam und Gerda Taro auch getroffen hat, er war auch schon ein Weilchen in der Fotografie unterwegs und hat diese Bildsprache in Frankreich mitentwickelt, kurz bevor die dann eben nach Spanien gegangen sind, um da den Spanischen Bürgerkrieg zu dokumentieren und da tut man dann ihm auch wieder ein bisschen Unrecht, wenn man dann sagt, ja ne, also Gerda, ohne die starke Frau dahinter, hätte er es ja nie geschafft, also das finde ich halt mittlerweile auch nicht mehr das richtige Framing, dann zu sagen, hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau, ne, erstens steht die nicht dahinter, sondern wenn dann steht die daneben und zweitens ist es halt nicht immer so einfach. Und in diesem Fall war es halt auch so, das sagen eben auch Zeitgenossen, dass die, die hatten eben eine Partnerschaft, nicht nur romantisch, sondern im Business haben die sich wirklich als Partner verstanden und weil eben Capa damals eben schon den Namen hatte und da irgendwie 150 Fr schon pro Bild irgendwie aufrufen konnte, was wesentlich mehr war, als die Konkurrenz und Gerda Taro zu diesem Zeitpunkt noch keine Aufnahme veröffentlicht hatte, haben die gesagt, wir verkaufen das unter dem Namen, für den wir mehr Geld bekommen, ist ja logisch, weil die mussten sich ihr Equipment und so weiter finanzieren, also du hast da völlig recht, es gibt auch manchmal einen Blick darauf, wie Leute etwas dann umdeuten wollen, weil man dann so eine Art Übersprungshandlung hat, weil man dann denkt, ach Mensch, die Frau ist irgendwie so lange ignoriert worden, dann müssen wir sie jetzt mit allen Mitteln nach vorne holen, und damit tut man aber Gerda Taro dann auch wieder Unrecht, also da blendet man auch wieder Teile ihres Selbstverständnisses aus, ihrer Persönlichkeit und auch ihrer Partnerschaft und ihrer Beziehung mit Capa. Das passiert aber, glaube ich, immer wieder und das ist relativ leicht, da hereinzufallen, weil man, ich glaube, wenn man so eine Frau entdeckt, dann ist man auch schnell so fasziniert und so begeistert, dass man denkt, Mensch, ich muss jetzt der ganzen Welt von der Frau erzählen und dann besteht immer die Versuchung, dass man vielleicht das eine oder andere erstmal ausblendet oder erstmal übergeht und eben versucht, das so ein bisschen in so ein Narrativ zu drängen. Und das ist eine Versuchung, der man immer widerstehen muss, finde ich, was aber nicht immer leicht ist, also es ist ein Balanceakt, definitiv.

    [Dirk] Was mir da auch aufgefallen ist, es ist rund um die Zeit, in der Gerda Taro oder auch Margaret Bourke-White oder so unterwegs sind, ist es leichter, hochpolitische Frauen zu finden, die fotografieren. Also es gibt da eine ganze Reihe von Frauen, mir fällt da noch Tina Modotti ein, zum Beispiel, die zum Teil auch einen aktiven revolutionären Background haben. Also, die sozusagen Profirevolutionärinnen sind, die nicht nur jetzt versuchen, der Frauenbewegung zu dienen, sondern die sich auch im Kontext der gesellschaftlichen Umwälzungen der damaligen Zeit verstehen, und die die Fotografie wählen, weil die Fotografie ein, ich glaube, wir können uns davon heute gar keine Vorstellung mehr machen, wir haben die Fotografie so allgegenwärtig, dass wir sie ein Stück weit schon entmachtet haben, aber zu der damaligen Zeit war das richtige Foto immer noch ein unglaublich mächtiges Werkzeug, um deiner Sache Aufmerksamkeit zu verschaffen. Das war ja auch mit ein Antrieb, warum Gerda Taro fotografiert hat, aber eben nicht nur. Also, es gab eine ganze Reihe von Fotografinnen, die ich gefunden habe, die ganz eindeutig die Fotografie gewählt haben, weil es eine der mächtigsten Ausdrucksformen war, die sie finden konnten, und, weil man, vielleicht kommen wir da ja auch noch darauf, das ist so einen Verdacht, der da aufkommt, weil man Fotos zunächst mal auch nicht unbedingt sofort ansieht, wer sie gemacht hat und vielleicht dann eben auch neutraler darauf blickt, als wenn man zunächst mal mit der schaffenden Person ein Urteil verbindet, das war so ein Verdacht, der sich dann bei mir irgendwann einstellte, dass ich mir gedacht habe, wenn so ein Bild in einem Magazin abgedruckt wird, Bildmagazine waren ja zu der Zeit noch ein Riesen Verbreitungskanal, dann war es sekundär, ob das eine Fotografin oder ein Mann war, es ging erstmal um das Bild und das Bild hatte unter Umständen eine unglaubliche, gewaltige Wirkung und ja, also mir schien das so eine Hochzeit zu sein, gerade so die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts scheint so eine Menge von diesen Fotografinnen hervorgebracht zu haben.

    [Jasmin] Ja. Ich glaube, da ist etwas dran, weil, was du gerade ansprichst, das ist natürlich ein Unterschied, also nicht jede Frau will zum Beispiel in einem schreibenden Beruf gehen und will dann einen Kommentar schreiben oder ein Meinungsstück oder einen Essay, in dem sie zu bestimmten Dingen aufruft, sage ich mal, ob das jetzt für bestimmte Rechte protestieren, für bestimmte Frauenrechte protestieren, oder sich gegen den Krieg aussprechen ist. Und da ist natürlich ein Foto, also gerade, wenn es um sowas wie Krieg geht, ein Medium, das sofort auf dem Punkt ist, sofort in your face, wenn du das Magazin aufschlägst und du siehst eben das Foto von einer flüchtenden Mutter, wo sich ein Kind an den Rockzipfel klammert, oder von Bombenopfern, die in den Trümmern liegen, das ist so viel schneller und hat eine so starke Wirkung, da musst du nicht 50 Worte schreiben oder 5 Zeilen, um eine Szene zu beschreiben, sondern jeder hat sie direkt vor Augen. Du hast dann eben nicht den Namen einer Frau über einem Meinungsstück stehen, in dem sie sagt, Krieg ist scheiße, sondern du hast ein Foto, das du als allererstes siehst, das diese Meinung, diese Aussage sofort transportiert. Und den Fotocredit, heutzutage liest den schon kaum noch jemand, glaube ich, und wie viele den damals wahrgenommen haben, ist eben auch die Frage. Und das kann für die eine oder andere Frau auch, kann ich mir vorstellen, einer der Gründe gewesen sein, warum sie sich in diesem Medium so wohlgefühlt haben, weil man da eben wirklich seine Meinung mir bestimmter Bildsprache, mit bestimmten Motiven ausdrücken konnte, eine Message ausdrücken konnte, unabhängig davon, ob man jetzt Frau oder Mann ist. Und ich finde das einen sehr interessanten Gedanken, ob Frauen das damals aktiv so für sich gewählt haben, wie bewusst ihnen das war, oder ob das so eine Art side effect war. Das verbindet sich jetzt wieder schön mit der Frage, auf der wir gerade herumgedacht haben: Gucken wir durch die Brille heute und sagen ah ja, die haben sich da ein Medium gewählt, weil sie damit eben so schön unabhängig sein konnten und ganz andere Nachrichten oder ihre Stimme ganz anders hörbar, oder in dem Fall, sichtbar machen konnten, oder ging es denen damals wirklich einfach nur darum, zu sagen, ich will hier Zeugin sein, bei Gerda Taro, glaube ich, war das eigentlich eher ihre Motivation, sie wollte Zeugin sein, sie wollte, dass diese Fotos jah ausdrücken, was in diesem Kampf gegen den Faschismus aus dem Spiel steht, ich glaube aber nicht, dass es für sie eine Rolle gespielt hat, ich bin jetzt hier eine Frau, von der dieses Foto dann veröffentlicht wird.

    [Dirk] Wir reden ja jetzt im Moment auch praktisch per Definition von Frauen, die Karrierefotografinnen waren, in irgendeiner Form, also Journalistinnen oder Modefotografie oder künstlerische Fotografie auf einem sehr professionellen Level betrieben haben. Wenn wir jetzt mal kurz zu der Zeit der Brownie zurückgehen, die ja an Frauen vermarktet wurde, angenommen, die waren erfolgreich damit, dass sie die Kodak Brownie in die Hände von überwiegend Frauen gegeben haben, weil was es ja definitiv in der Zeit gab, war ein explosionsartiger Anstieg der Privatfotografie, also wir hatten gerade so den Rollfilm entwickelt, es gab soetwas wie die Brownie, plötzlich konnte man sozusagen beim Geburtstag des kleinen Zwuckels nebenher fotografieren und das hat die Bildsprache radikal verändert. Kurz danach kommen dann Reportagekameras wie die Leica, die so etwas wie Kriegsfotografie auch noch einmal auf den Kopf gestellt haben, und wenn ich jetzt mal kurz die Annahme treffe, dass der Einfluss, über den wir die Bildsprache entwickelt haben, die wir heute kennen, also diese Alltagsfotografie; Schnappschüsse, Familienfotos, die ja auch wie so eine Pendelbewegung ja auch mit der journalistischen Fotografie Hand in Hand gehen, also der eine Stil informiert über den anderen Stil, also man versucht, im Privatleben so Fotos zu machen, die so aussehen, als könnte man sie in einem Magazin drucken und die Magazine versuchen, so Fotos zu machen, dass der Normalsterbliche die Bildsprache versteht, wenn ich also kurz mal die Annahme treffe, die Brownie wäre unglaublich erfolgreich, was sie ja war, und zwar auch darin, dass es hauptsächlich Frauen waren, die damit fotografiert haben, könnte man natürlich sagen, es gibt so diesen unsichtbaren Einfluss, dass die ganze Bildsprache, die dann damals entstand, dann dominiert wurde von Frauen, die Fotos gemacht haben aber damit kein Geld verdienen wollten, sich damit nie einen Namen damit gemacht haben, aber diesen kollektiven Bildschatz nach vorne getragen haben, den wir eigentlich alle mit uns herumtragen, also wir können ja nicht unbeeinflusst ein Foto angucken, also wenn du durch deinen Instagram Feed das allererste Mal auf Instagram stoßen würdest und da hereinschauen würdest, schaust du ja mit einer Vorprägung darauf und die sitzt nun mal auf 200 Jahren Bildsprache, die sitzt auf mehr als 200 Jahren, Fototechnisch gesehen jetzt mal, so gesehen, wir reden ja jetzt nur von diesem ganz kleinen Subset der Leute, die tatsächlich so weit nach vorne gegangen sind, dass sie damit Geld verdienen wollten, eine Aussage treffen wollten und dann ja, vielleicht versucht haben, politisch aktiv zu sein mithilfe von Bildern.

    [Jasmin] Ja, und das ist natürlich ein Bereich der Fotografinnen, der noch völlig unterbeleuchtet ist, weil man da ja in Privatarchive steigen müsste und in Familienboxen kramen, sozusagen, wenn die Fotos noch so weit zurückreichen, dass man sieht; wer hat damals die Fotos gemacht, war das der Ehemann oder war das die Ehefrau und welche Fotos sind da entstanden, aber ich glaube das wäre auch ein totaler Schatz, sich da mal wirklich hereinzugraben und zu gucken: Was ist die Bildsprache?

    [Dirk] Da drängt sich ja sofort dann die Frage auf: Würde man den Unterschied sehen? Mal angenommen, du bekommst den Fotoschatz von Familie Müller in die Hand und du kriegst die vor dir auf den Tisch geschüttet, könntest du anhand der Fotos erkennen; welche hat die Frau Müller und welche hat der Herr Müller geschossen?

    [Jasmin] Ich glaube, vielleicht wenn man schummelt? Wenn man guckt: Wer ist auf den Fotos, wer fehlt, aber davon abgesehen: Das ist eine total spannende Frage und ich weiß nicht, ob man die abschließend beantworten kann. Ich glaube, zum Teil könnte man Annahmen treffen, weil zum Beispiel gerade wieder in der ersten Gruppe der Frauen werden ja am Anfang auch oft bestimmte Stile der Fotografie begrenzt, wo man sagt, hier, du kannst schöne Stillleben fotografieren, du kannst ein schönes Portrait machen von Familienangehörigen, also bestimmte Stile, Reportagen und so weiter, die werden Frauen erst mal ein Stück weit verschlossen. Aber gibt es den, wenn man jetzt mal herauszoomt, gibt es den weiblichen Blick?

    [Dirk] Das ist auch so eine Dauerdiskussion, gerade im Moment auch, also fotografieren Frauen anders als Männer und fotografieren sie andere Dinge als Männer?

    [Jasmin] Ja, es gibt so einen Fotoband, der vor kurzem herauskam, wo, ich habe vergessen wie der heißt, es ging irgendwie so in die Richtung „der weibliche Blick“, und da gibt es vorne einen Essay darin, ich glaube „Frauen fotografieren Frauen“, der hat so einen relativ simplen Namen, man weiß aber sofort, in welche Richtung es geht und im Essay vorne darin wird unter anderem auf ein Bild von Hillary Clinton eingegangen, die gerade irgendwie am Tisch sitzt und die hat, glaube ich, ein Dokument in der Hand, an dem sie ganz konzentriert arbeitet und dann wird da irgendwie ein Vergleich gezogen mit Madonna und dem Kind, wo ich denke, uff, jetzt gehen wir auf eine Ebene, wo ich einfach nicht mehr folgen kann, wo wir wieder, da kommen wir auch wieder auf die vorherige Frage zurück, will man Dinge krampfhaft in gewisser Weise durch eine Brille sehen, also, es wird ja gerne behauptet, der weibliche Blick komme mit mehr Empathie, man sehe mehr das Menschliche, oder Frau sehe mehr das Menschliche, taste sich eben näher an die menschlichen Geschichten heran und zeige da vielleicht auch mehr Zärtlichkeiten in den Fotos und ich finde, bei manchen Beispielen, auf die man da so stößt, würde ich einfach nicht d’accord gehen, also was Leuten zum Beispiel ganz häufig einfällt, ist Dorothea Lange mit migrant mother. Es ist natürlich ganz einfach zu sagen, ja, Dorothea Lange hat eben hier diese Mutter, der die Depression in dieser Zeit ins Gesicht geschrieben steht und Dorothea Lange hat dieses Foto gemacht und dieses Foto konnte nur eine Frau machen, da bin ich mir nicht so sicher. Klar, sie hat diesen Blick dafür gehabt, sie hat die Frau ausgewählt, hat sich ihr genähert, hat mit ihr gesprochen, hat dann dieses Foto gemacht, nichtsdestotrotz, da vergisst man aber auch: Dorothea Lange war in einer ganzen Gruppe von Fotografinnen, die damals von der Regierung losgeschickt wurden, um diese Zeit zu dokumentieren und da gab es eben nicht nur Dorothea Lange, sondern da gibt es ganz viele andere Fotografinnen und Fotografen, die ähnliche Fotos machen und Dokumentation betrieben haben und es ist nun eben so, dass das Foto von Dorothea Lange sehr einprägsam ist, es ist ja auch ein besonderes Foto, es ist sehr bewegend, aber ich würde mich glaube ich nicht auf die Aussage versteifen wollen, dass dieses Foto nur eine Frau machen könnte. „Der weibliche Blick“… Ich finde das eine ganz spannende Frage und ich finde auch, da fällt man eben schnell wieder in so ein Muster, dass man dann eben auch bestimmte Dinge der Frau zuschreibt, wo ich sage, ich weiß auch nicht, ob ich mit diesen Rollenbildern, mit diesen Idealen so einhergehe und so d’accord gehe. Ne, nicht nur eine Frau kann ein sensibles Bild machen und kann einen Frauenkörper ehrlich und ungeschönt abbilden, das kann auch ein männlicher Fotograf, also ich weiß nicht, ob du bei dieser Frage zu einem Schluss gekommen bist oder überhaupt zu einem Schluss kommen kannst?

    [Dirk] Ich glaube nicht, dass man zu einem Schluss kommen kann, aber ich habe Gedanken dazu. Also es gibt ja im Film den Begriff des Male Gaze. Gemeint ist eine Kameraführung, die praktisch eine Frau objektiviert. Also der Klassiker, den man heute immer weniger sieht, aber der natürlich in gerade speziell so Filmen aus den 70er / 80ern fällt mir das ganz, ganz deutlich auf. Der Klassiker: Wenn die Kamera der Frau, die vorbeiläuft, hinterherfährt und praktisch von den Füßen unten von den Schuhen an über den Hintern hoch zum Rücken schwenkt, das ist ein Standard Kameramove gewesen und das ist ein Beispiel gewesen, würde ich sagen, für den typischen sexistischen männlichen Blick im Film, also wo man einfach da die Frau zu einem Objekt macht und sie eben entsprechend darstellt. Und ich glaube, dieses Konzept kann man umdrehen und ich kann mir vorstellen; so im Grunde gibt es solche Prägungen in beide Richtungen, also ich vermute mal, die Menge an Männern, die glauben, wenn ich eine Frau nackt in Schwarz Weiß auf einem Fabrikboden fotografiere, habe ich Kunst geschaffen, die ist größer als das Äquivalent bei Frauen, aber es gibt diese Gruppe in beiden Lagern, ja, also es ist mal so ganz grundsätzlich und dann kannst du natürlich so eine Schicht darauflegen und kannst sagen, wir leben in einer männlich geprägten, sexistischen Gesellschaft, entsprechend positionieren, verkaufen, vertreiben sich bestimmte Bilder mehr und ich kann mir vorstellen, dass wir deswegen diesen Male Gaze öfter finden, aber, und das ist jetzt ein großes Aber, unabhängig davon, ob eine Frau oder ein Mann hinter dieser Kamera steht. Ich glaube, das ist so ein ganz grundsätzliches Missverständnis, dass Menschen gerne glauben, wenn sie Teil einer Gruppe sind, schließt es aus, dass sie gegen diese Gruppe handeln, also nach dem Muster: Wenn ich eine schwarze Hautfarbe habe, kann ich nicht Rassist sein. Blödsinn. Genauso wenig sind Frauen vom Sexismus frei, nur weil sie selber Frau sind und auf sexistische Männer deuten können, was es aber ,glaube ich, schon gibt, ist, ich glaube Frauen haben Zugang zu anderen Situationen und Gesellschaftsbereichen als Männer. Also wenn du als Frau in bestimmten Situationen bist, hast du vielleicht mit einer anderen Interaktion zu tun als Mann und ich kann mir vorstellen, dass das zu anderen Bildern führt. Also so gesehen: Ich glaube, es ist weniger der Verdienst des Geschlechts, dass es einen Unterschied gibt, ich glaube, eine Frau bedient die Kamera exakt genauso wie ein Mann und wenn eine Frau in derselben Situation ist, macht sie dieselben Fotos. Ich glaube, deine gesellschaftliche Prägung, dein Aufwachsen, deine Bildung, welche Vorlieben du vom Motiv her hast, haben einen viel größeren Einfluss darauf, als jetzt die Tatsache, ob du Brüste hast oder nicht. Das wäre mein Verdacht. Aber es ist natürlich eine glühende Diskussion, wo Leute auch mit sehr viel mehr akademischem Wissen darüber diskutieren als ich und sich da auf beiden Seiten dieser Diskussion wiederfinden, also gerade im journalistischen Bereich gibt es ja auch eine Inklusionsdebatte, im Moment, um einfach auch darauf hinzuweisen, dass, gerade bei Black Lives Matter, glaube ich, war das sehr ausgeprägt, dass man festgestellt hat: Dadurch, dass der Beruf des Fotojournalisten sehr männlich geprägt ist und obendrein auch sehr weiß geprägt ist, haben sehr viele weiße Männer die Black Lives Matter Proteste begleitet und dann war so im Prinzip so ein bisschen… Das geht noch über das Bild, glaube ich, hinaus, das geht dann einerseits darum: Hätten vielleicht schwarze oder Frauen das anders fotografiert ist vielleicht die eine Frage, aber die andere Frage ist: Sollten nicht die Betroffenen die Stimme haben und das Recht haben, selber ihre eigene Bildsprache zu benutzen, um darüber zu berichten, das ist sozusagen noch eine viel größere Schicht darüber, die über das eigentliche Foto da noch ein Stück weit hinausgeht, also eher so die Frage, die Worte an sich sind vielleicht nicht unterschiedlich, aber wer sollte denn das Recht haben, sie auszuwählen und auf Papier zu bringen und ich glaube, das ist so da eine Diskussion, die führenswert ist, immer dann, wenn man es auf das technische oder auf das Bild selber reduziert, springt das meiner Meinung nach zu kurz, also ich glaube einfach, verantwortungsvolle Männer machen genauso gute, empfindsame und auf den Punkt treffende Fotos wie Frauen und trotzdem sollte vielleicht manchmal die Frau die Kamera in die Hand gedrückt bekommen und den Auftrag, einfach, weil sie einen anderen Zugang vielleicht hat oder andere Auswahl treffen würde.

    [Jasmin] Und ich glaube, um da noch kurz an deine Punkte anzuknüpfen, ich glaube, also was du sagst, in bestimmten Situationen haben Frauen jetzt auch wieder zwei Dinge, also zum einen haben sie vielleicht Zugang zu Situationen, zu denen Männer keinen Zugang hätten und gleichzeitig gibt es natürlich auch Situationen, in denen Frauen vom Zugang ausgeschlossen sind. Und das finden wir zum Teil dann in anderen Kulturen, weil es auch mit Religion zu tun hat, da könnte eine Frau in bestimmten männlichen Gruppen nicht fotografieren, aber sie kann zum Beispiel mit betenden Frauen fotografieren und hat da Zugang, den ein männlicher Fotograf nicht hätte. Aber ich glaube, du hast völlig recht: Eine Frau bedient eine Kamera genau so wie ein Mann sie bedient und das finde ich auch eine wahnsinnig spannende Beobachtung, an der meiner Meinung nach viel daran steckt, wir sind alle geprägt und sozialisiert von der Geburt an in der Gesellschaft, in der wir uns bewegen, wir können uns über die kritische Gedanken machen, aber natürlich gibt es immer irgendwelche Dinge, die uns gar nicht bewusst sind, wie die uns prägen, wenn wir auf die Welt schauen, wenn wir uns in dieser Welt täglich bewegen und das gilt dann auch, wenn ich meine Kamera vors Auge hebe und bestimmte Dinge, bestimmte Situationen damit abbilde und da kann ich als Frau genau so in eingefahrene Muster fallen und die so ein Stück weit bedienen, wie ein Mann das tun kann. Aber das heißt eben nicht, dass Frauen auch immer mal etwas aufbrechen können, also mir fallen zum Schluss auch noch zwei Namen noch ein, die ich einmal noch droppen würde, das wäre einmal die Letizia Battaglia, die in Italien auch einen Fotojob seit Jahrzehnten macht, den man bei Frauen vielleicht nicht unbedingt sehen will, die hat nämlich ganz lange die Mafia fotografiert und, also nicht die Mafia selbst, sondern die Auswirkungen der Mafia, also die hat eben auch genau solche schockierenden Bilder aufgenommen mit Mafiatoten in irgendwelchen kleinen italienischen Lokalen oder in den Straßen, wie man die oft von männlichen Fotografen kennt, und dann, weil du News angesprochen hast, was ich auch total spannend finde, ist, dass eine der, was mir immer wieder auffällt, wenn ich in der New York Times bin und mir da die Newsfotografie anschaue, gerade auch alles, was rund um Washington, Capitol und so weiter und sofort ist, der Name, auf den ich immer wieder stoße, ist, das scheint quasi eine von deren Hauptfotografinnen zu sein, das ist Anna Moneymaker, was ich einen wunderschönen Nachnamen finde, wo ich mich frage, ob das ein Pseudonym ist, aber ich finde es super und der kommt mir ganz, ganz oft unter und da ist mal eine Frau ganz weit vorne mit dabei und ist eben auch in deren Newsfotografie ganz vorne mit dabei und in dem Zusammenhang fällt mir auch noch ein, dass bei diesen Capitol Riots, da haben ja am Ende auch wieder über den AP Fotografen gesprochen, der in der Kammer geblieben ist und dort die Fotos gemacht hat. Letzten Endes gab es auch Frauen, die draußen mitten in dieser Horde mit ihren Fotoapparaten standen und sich in dieser Horde, in dieser gewaltbereiten Horde bewegt haben, auch offen als Presse gekennzeichnet, also wirklich unter psychischer Gefahr und die das genauso auf sich genommen haben, wie die männlichen Kollegen, die an diesem Tag reportiert haben, also das möchte ich nochmal als Wort zum Sonntag zum Schluss loslassen.

    [Dirk] Ja, absolut. Eine Erkenntnis, glaube ich, die man herausnehmen kann, ist, im Grunde ist Fotografie tatsächlich eine sehr demokratische Tätigkeit, die offensichtlich von beiden Geschlechtern ausgeübt werden, wir haben da eine unterschiedliche Wahrnehmung darauf und sie bekommen unterschiedlichen Zugang zu manchen lukrativen Sparten der Fotografie, das, finde ich, ist auch ziemlich offensichtlich, wenn man sich so die Verteilung anguckt, aber im Grunde ist es auch eine Praxis, die in aller unserer Hände ist. Also ich finde halt auch die Tatsache, dass inzwischen jeder und jede eine Kamera in der Hand hält, ganz regelmäßig, mehrmals am Tag, ist ein sehr demokratisierender Faktor.

    [Jasmin] Ja, absolut, da würde ich dir zustimmen.

    [Dirk] In jedem Fall, wir werden es nicht abschließend bearbeiten können, aber das hat einen Riesen Spaß gemacht, Jasmin. Und das war ja nur an der Oberfläche kratzen. Vielen lieben Dank!

    [Jasmin] Ja, absolut. Also, ich danke dir, ich fand es auch total spannend, den Austausch von Gedanken da zu dem Thema mal zu haben und man könnte noch so wahnsinnig viele weitere Frauen nennen, über die sprechen und sich mit ihrem Werk beschäftigen, da müssen wir, glaube ich, vielleicht irgendwann nochmal eine Anschlussfolge machen, ein Anschlussgespräch vereinbaren.

    [Dirk] Vielleicht auch mal an einzelnen Persönlichkeiten. Also ich finde, wir haben jetzt eine wirklich schöne Liste von Frauen, deren Arbeit es wirklich wert ist, sich genauer anzuschauen, zusammengetragen und vielleicht konnten wir ja auch den Blick auf eben zum Beispiel die Pressefotografin Frau Moneymaker oder auch ähnliche Beispiele, die es bei uns sicherlich auch in unserer Alltagspresse gibt, ein bisschen schärfen, dann würde ich sagen, drücken wir jetzt mal aufs Knöpfchen. Vielen lieben Dank dir!

    [Jasmin] Genau. Ganz lieben Dank für die Einladung, es war ja deine Idee, ich finde, eine grandiose Idee, die sehr viel Spaß gemacht hat, also das können wir sehr gerne wiederholen.

    1 hr
  • Der seltsame Fall des William Mumler, Geisterfotograf

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    William Mumler machte eine Aufnahme die als erste Geistfotografie überhaupt gilt und den Trend der spiritistischen Fotografie begründete. Außerdem machte er weltweit Schlagzeilen als er für seine Arbeit wegen Betrugsverdacht vor Gericht gestellt aber freigesprochen wurde…

    • Geisterfotografie (Wikipedia)
    • Geistewesen (Wikipedia)
    • William H. Mumler (EN, Wikipedia)
    • P.T. Barnum (Wikipedia)
    • Amerikanischer Bürgerkrieg (Wikipedia)
    • Die berühmtesten Geisterfotos, die jemals gemacht wurden
    • Ist dieses Überwachungskamera-Video der Beweis, dass Geister existieren? (Pro7)
    • Geisterbeschwörung in der Fotografie (kwerfeldein)
    • Jeder Sechste glaubt an Geister (Süddeutsche Zeitung)
    • Spiritualism (EN, Wikipedia)
    • How did early photographers remember the dead? They took photos with ghosts
    • Photographing Lincoln’s Ghost (BackStory Radio)
    • Meet Mr. Mumler, the Man Who “Captured” Lincoln’s Ghost on Camera

    The Strange Case of William Mumler, Spirit Photographer (Fesler-Lampert Minnesota Heritage Books) (Fesler-Lampert Minnesota Heritage Books (Hardcover)) (English Edition)

    Transkript

    Fotografie heißt zeichnen mit Licht. Denn das Grundprinzip ist ein empfindliches Medium, auf dem Licht seine Spuren hinterlässt. Das Licht, das wir verwenden, ist meistens sichtbar, aber nicht immer. Infrarot, Ultraviolett, elektromagnetische Wellen, Röntgenstrahlen, es gibt unzählige Strahlen, die wir fotografieren können, die uns ohne die Fotografie aber völlig verborgen bleiben würden.

    Und es gibt noch etwas, das wir fotografieren können: die Zeit. Abläufe, die so schnell sind, dass sie unseren Augen verborgen bleiben würden, lassen sich mit Hochgeschwindigkeitsaufnahmen festhalten. Sind Abläufe zu langsam, um sie wahrzunehmen, greifen wir zur Zeitrafferaufnahme.

    Es muss wie ein Wunder gewesen sein, als die Fotografie im 19. Jahrhundert entdeckt wurde und plötzlich unsichtbares sichtbar gemacht hat. Und weil es ja ein technisches Verfahren war, konnte man ihre Ergebnisse auch kaum anzweifeln. Die Fotografie zeigte die Wirklichkeit, so wie sie denn nun mal war. Und so wie die Fotografie bewiesen hatte, dass Pferde im Galopp komplett zu schweben scheinen, so waren dann plötzlich auch Fotografien im Umlauf, in denen man die Geister verstorbener sah. Und warum bitte sollten ausgerechnet die nicht echt sein?

    Die heutige Geschichte findet statt in den USA der 1860er Jahre, nämlich in Boston und in New York. Allerdings gibt es Ausläufer der Ereignisse, die bis in die heutige Zeit reichen und die überall spielen könnten. Denn es geht um Geister und um Fotografie von Geistern. Und überhaupt an Geister zu glauben ist etwas sehr verbreitetes. In Deutschland geben in Umfragen etwa 1/6 der Menschen an, an Geister zu glauben. Und damals, in den 1860ern in den USA gab es 1/3 Geistgläubige.

    Damit man an Geister glauben kann, muss man eine Sache als gegeben annehmen. Nämlich, dass wir nicht nur aus Körper bestehen, sondern in uns eine Art Lebensenergie steckt. Eine Seele. Irgendetwas, was übrig bleiben kann, obwohl unser Körper gestorben ist.

    Wenn ich da erstmal daran glaube und dann auch noch zusätzlich daran glaube, dass Geister mit uns kommunizieren wollen, dann ist nur ein ganz kleiner Schritt notwendig, um auch zu glauben, dass man Geister fotografieren können muss.

    Aber warum sollten sie das wollen, fragt man sich. Und da sind wir bei einer der Kernthesen des sogenannten Spiritualismus. Der Spiritualismus war eine praktisch religiöse Bewegung, die ab 1840 überwiegend in englischsprachigen Ländern auf dem Vormarsch war. Die Grundidee war: Es gibt Geister und die wollen mit uns in Kontakt treten. Es wurden Bücher über das Thema geschrieben, es gab Fachmagazine und eine wachsende Szene an Dienstleistern.

    Und ab 1860 ist es die Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs. Es gab also auch eine wachsende Zahl an Toten, mit denen man hoffte, noch ein letztes Gespräch führen zu dürfen. Es ist auch eine Zeit faszinierender technologischer Entwicklungen. Die Elektrizität wird nutzbar gemacht. Die Fotografie wird erfunden. Es wird also ganz normal, dass wir von unsichtbaren Phänomenen umgeben sind, die plötzlich Auswirkungen auf unsere Realität haben können.

    Wie schon bei der Folge über Feenfotografie, finde ich, lohnt es sich, das alles im Hinterkopf zu behalten. Manches, was heute vielleicht leichtgläubig wirkt, ist aus damaliger Sicht vollkommen nachvollziehbar gewesen.

    Wir sind also im Jahr 1860. In Boston. In einer wirklich schweren Periode der amerikanischen Geschichte. Der ungefähr 28-jährige Schmuckgraveur und Hobbyfotograf William H. Mumler versucht, ein ordentliches Portraitsetup aufzubauen. Er richtet seine Kamera ein, drapiert einen Hintergrund, stellt einen Stuhl hin und macht eine Testaufnahme. Er setzt sich also so ungefähr 2 Sekunden auf den Stuhl, steht dann auf, deckt die Linse wieder ab, entnimmt die belichtete Glasplatte und geht mit ihr ins Labor.

    William fotografiert im zu der Zeit sehr verbreiteten Kollodiumnassplattenverfahren. Dabei wird eine Glasplatte genommen, mit einer Tinktur lichtempfindlich gemacht, dann in einer Kamera untergebracht, noch während sie feucht ist belichtet und auch direkt, noch im feuchten Zustand, entwickelt. Das Verfahren war im Vergleich zur Daguerreotypie deutlich billiger und es hatte den Vorteil, dass man Negative erzeugte. Also eine Vorlage, aus der man dann die endgültigen Bilder beliebig oft drucken konnte.

    William ging also mit der belichteten Glasplatte in seine Dunkelkammer und entwickelte das Bild. Und sehr zu seiner Überraschung war im fertigen Ergebnis eine weitere Person zu sehen. Obwohl er eigentlich allein in seinem Studio gewesen war, sah man auf dem Bild nicht nur ihn, sondern auch noch den Umriss einer jungen Frau.

    Und William dachte zuerst an einen Entwicklungsfehler. Sowas kann nämlich durchaus passieren. Wenn die Glasmatte zum Beispiel mehrfach benutzt wurde, also das Vorgängerbild abgekratzt und abgeschabt wurde, aber bei der Reinigung eben nicht sorgfältig genug vorgegangen worden war. Oder man irgendeinen Fehler gemacht hatte und versehentlich dieselbe Glasplatte zweimal benutzt hatte. Dann entstanden ja unter Umständen auch solche Schattenaufnahmen. Doppelbelichtungen eben.

    Die Wendung kam aber, als er sich die Aufnahme nochmal genauer ansah und in der zusätzlichen Gestalt seine 12 Jahre vorher verstorbene Cousine erkannte.

    Diese Anekdote ist deswegen so wichtig, weil diese Aufnahme allgemein als die erste sogenannte Geisterfotografie überhaupt gilt. William H. Mumler hatte an diesem einen denkwürdigen Tag ein ganzes Genre erfunden. Denn nachdem er seine Cousine in der Aufnahme erkannt hatte, gab es kein Halten mehr.

    William stand der spiritualistischen Szene relativ nahe, seine Frau war ein anerkanntes Spirituistenmedium. Sie hielt also regelmäßig Seancen oder nahm für Geld Kontakt zu verstorbenen auf. Und sie wird wahrscheinlich auch dann den Entschluss mit ermutigt haben, ein Fotostudio zu eröffnen. Ein Fotostudio, in dem man eben nicht nur von sich, sondern auch noch von verstorbenen, die einem am Herzen lagen, Bilder anfertigen lassen könnte.

    Und der Laden brummte. Nicht nur, dass der Glaube an Geister weit verbreitet war, auch das Bedürfnis, seine Lieben noch ein weiteres Mal sehen zu können und vielleicht sogar ein Erinnerungsfoto zu bekommen, das sorgte dafür, dass der Dollar locker saß.

    Und William nahm horrende Preise. 10 Dollar kostete so eine Portraitsitzung mindestens. Auf heutige Verhältnisse übertragen waren das 300 Dollar pro Sitzung. Seine Frau war immer mit anwesend. Allerdings behauptete William, es war schon hauptsächlich seine Anwesenheit, die dafür sorgte, dass die Geister sich auf den Glasplatten einfanden.

    Eine Sitzung begann immer mit einem ausführlichen Gespräch. William muss gut darin gewesen zu sein, seinen Kundinnen und Kunden zusätzliche Informationen zu entlocken. Wer ihnen denn nahestünde. Wer denn wahrscheinlich auf den Aufnahmen auftauchen würde. Das waren alles wichtige Fragen.

    William machte sich jedenfalls einen Namen. Und so fanden sich nach und nach auch prominente Kundinnen und Kunden bei ihm ein. Über seine Fotografie berichtete die spiritistische Fachpresse und nach und nach tauchten auch andere Fotografen im ganzen Land auf, die behaupteten, Geister fotografieren zu können.

    Allerdings gab es nicht nur Gläubige, sondern auch viele Skeptiker. Sogar solche, die sich selbst als Spirituisten bezeichneten, hatten Fragen und wollten ganz sicher gehen, dass hier kein Schwindler am Werk wäre. William war sich seiner Arbeit so sicher, dass er auch Leuten vom Fach erlaubte, ihn dabei zu beobachten, wie er die Fotografien anfertigte. So bescheinigten ihm mehrere Fotografen, dass sie nicht wussten, wie er diese Geistererscheinungen auf die Glasplatten gebannt bekam. Was es aber auch gab, waren vereinzelte Stimmen, die behaupteten, sie hätten in den sogenannten Geistern, also in den Erscheinungen von Toten, Menschen wiedererkannt, die ihnen gerade noch auf der Straße begegnet seien. Und dann gab es noch den Verdacht, dass Geistfotografen in die Wohnungen ihrer Kundinnen und Kunden einbrachen und dort Bilder entwanden, aus denen sie dann später die Geistererscheinungen montieren konnten.

    Und regelmäßig werden Geistfotografen und Medien auch als Schwindler entlarvt. Aber es ist ein erfolgreicher und wachsender Markt.

    P.T. Barnum, seines Zeichens Zirkuspionier, Politiker und jemand, der Zeit seines Lebens mit Freakshows und allen möglichen seltsamen Darbietungen durch die Lande tourt, schreibt 1866 ein Buch mit dem Titel „Humbugs of the World – An account of humbugs, delusions, impositions, quackeries, deceits and deceivers“. P.T. Barnum gilt als Experte auf dem Gebiet: Mit seinen Freakshows, Zirkusdarbietungen und Entertainmentshows hat es schließlich auch selbst so einiges abgeliefert, was das Publikum verblüfft und überrascht hat.

    Und er prangert in dem Buch in einem ganzen Kapitel die Geistfotografie an. P.T. Barnum prangert vor allen Dingen an, das hier mit dem Leichtglauben von Trauernden Geld gemacht werden soll. Er wendet sich auch unter anderem an William Mumler, um von dem mehrere Aufnahmen mit Geistern zu erstehen und die in seiner eigenen Ausstellung, in der er eben die im Buch erwähnten quackeries ausstellt, neben nachgemachte Geistbilder von Fotografenhand zu hängen. Da hängt dann unter anderem auch eine Aufnahme von ihm mit dem Geist von Abraham Lincoln, der ihm über die Schulter schaut.

    Ungefähr zu der Zeit, als Barnum dieses Buch herausbringt, zieht Mumler nach New York City und eröffnet auch dort ein Fotostudio für Spiritphotography. New York City hat zu der Zeit ein Betrugsproblem. Die Stadt ist notorisch bekannt dafür, dass man auf Schritt und Tritt das Risiko eingeht, über den Tisch gezogen zu werden. Und der Bürgermeister beschließt, dagegen systematisch vorzugehen.

    William ist inzwischen über die Grenzen des Staates hinaus bekannt. Er verdient hervorragendes Geld mit seinen Geisterfotografien und hat mit mehreren Aufnahmen inzwischen auch schon Coups gelandet. Mit prominenten Portraitierten und prominenten Geistern.

    In diese Zeit fällt auch seine vielleicht berühmteste Geistaufnahme: Er selbst behauptete ja immer: An dem Tag, als er diese Aufnahme gemacht hat, wusste er gar nicht, wer seine Kundin gewesen war. Sie war eine Frau in Trauerkleidung, wie so viele seiner Kundinnen. Sie kam in seinen Laden und wollte eine Aufnahme mit sich und ihrem toten Ehemann haben. Dass er es mit der Witwe von Abraham Lincoln zu tun hatte und dass der Geist Abraham Lincoln sein sollte, das ging ihm angeblich erst auf, als er Aufnahme in der Dunkelkammer entwickelte. Moment! Abraham Lincoln? Haben wir das nicht schonmal gehört?

    Genau! P.T. Barnum hatte in seinem Museum ein nachgemachtes Geistbild. Da blickte Abraham Lincoln ihm über die Schulter. Und da stellt sich schon wirklich die Frage, ob William Mumler erst auf die Idee gekommen ist, dass er auch mal Abraham Lincoln fotografieren könnte, weil es P.T. Barnum schon gemacht hatte oder ob diese Idee einfach so naheliegend war, dass es sich von ganz allein ergab. Oder war es vielleicht der Zufall, der Mary Todd Lincoln in Mumlers Studio trieb, der dazu führte, dass Mumlers berühmtestes Foto ausgerechnet ein Echo auf das Bild von P.T. Barnum war, mit dem der nachweisen wollte, wie einfach es ist, Geistfotografien zu faken.

    So eine Aufnahme macht auf jeden Fall Wirbel. Lincoln auf einer Aufnahme. Wow. Und deswegen berichtet man inzwischen auch nicht nur in spiritistischen Blättern über ihn, sondern sowohl die fotografische Fachpresse als auch die Tagespresse ist von ihm fasziniert und schreibt Artikel über das Phänomen der Geistfotografie.

    Als William dann 1869 verhaftet und vor Gericht gestellt wird, verfolgt nicht nur die ganze Stadt, sondern die gesamte englischsprachige Welt die Ereignisse. Alle 5 großen New Yorker Tageszeitungen drucken komplette Zeugenaussagen, Protokolle der Gerichtsverhandlungen und zusätzliche Artikel ab. Die spiritistische Fachpresse beschäftigt sich währenddessen mit der Frage, ob Geister überhaupt fotografiert werden können. Und die fotografische Presse setzt sich mit der Frage auseinander, über welche Techniken man denn solche Fotos produzieren kann.

    William wird vor ein Polizeigericht gestellt. Das ist ein Gericht, dass ohne Jury verurteilt. Der Prozess dauert 3 Wochen und hat unter anderem eben auch als Sensation P.T. Barnum als Experten und Zeugen der Anklage geladen.

    Die Anklage lautet auf Betrug. Insgesamt werden 9 Verfahren von der Anklage vorgetragen, mit denen Bilder mit Geistern auf Glasplatten erzeugt werden können, die alle nichts, aber auch gar nichts mit einem echten Kontakt zur Nachwelt zu tun haben. P.T. Barnums Aussage ist dann ein echtes Highlight des gesamten Prozesses. Seine Antworten sind schnippisch, unterhaltsam, es kommt zu viel Gelächter im Saal und er betont den Unterschied zwischen gut gemachtem Entertainment, in dem das Publikum vielleicht manchmal nicht so genau weiß, was es sieht und wie es passiert und Betrug, um sich selbst zu bereichern, bei dem man Menschen zu ihrem Nachteil ausnutzt. Ein Argument, das vorgebracht wird, sind die horrenden Preise, die William verlangt. William begründet die freilich damit, dass Geister nun mal keine Lust darauf haben, zu einem Massengeschäft zu werden und deswegen hohe Preise sicherstellen, dass es ein überschaubarer, kleiner Kundenkreis bleibt. Ja, und das ist eine Möglichkeit, das zu begründen.

    Spannend ist jedenfalls, wie schnell sich dieser Prozess gleich auf mehreren Ebenen abspielt. Da ist einmal der Vorwurf des Betrugs. Und wenn man die Berichterstattung aus dem Gerichtssaal liest, dann drängt sich der Eindruck auf, niemand zweifelt eigentlich daran, dass Mumler seine Kunden ausnimmt. Allein schon die insgesamt 9 verschiedenen Verfahren, die gezeigt werden, mit denen sich solche Geistaufnahmen erzeugen lassen oder Beispiele wie die von P.T. Barnum gebrachte Aufnahme mit Abraham Lincoln, die sehr, sehr ähnlich aussieht wie die von der Witwe von Abraham Lincoln, die zeichnen da schon ein deutliches Bild.

    Natürlich gibt es trotzdem auch Zeugen, die fest daran glauben, dass William wirklich Geister fotografiert. Aber meistens geht es um eine ganz andere Frage, nämlich die, ob man ihm nachweisen kann, dass sein Prozess betrügerisch ist. Und da ist es jetzt nun mal so, dass es verschiedene anerkannte Fotografen gibt, die aussagen, dass sie ihm beim Erstellen der Geistfotos beobachten durften und nicht wissen, wie er es gemacht hat.

    Und da gibt es noch eine weitere Ebene, nämlich Religion. Spiritualismus ist im Kern eine religiöse Bewegung. Es geht darum, zu glauben, dass es Geister gibt und zu glauben, dass man mit denen in Kontakt treten kann. Und ich nehme mal an, dass die Ankläger nicht damit gerechnet haben, dass sie plötzlich im Gerichtssaal die Bibel vorgelesen bekommen, in der ganz eindeutig von Geisterscheinungen die Rede war, und sich mit der Frage auseinandersetzen mussten, ob sie wirklich als Gericht behaupten wollen, dass es keine Geister gibt und damit ein Drittel der amerikanischen Bevölkerung vor den Kopf stoßen.

    William Mumler wird zu der Überraschung vieler am Ende von einem drei Wochen dauernden Prozess freigesprochen. Heute würde man sagen wegen Mangel an Beweisen. Der Richter ist erkennbar unglücklich. Er sagt im Endeffekt, er ist nicht der Richtige, um die theologischen Fragen, die aufkamen, zu entscheiden, er ist auch sicher, dass man Geistfotografien auf die verschiedensten Arten erzeugen kann, die denen von William Mumler täuschend ähnlich sind, aber es fehlte der zweifelsfreie Nachweis, dass erstens die Personen auf den Bildern eben keine Geister waren und zweitens William getrickst hatte. Und so wird er freigesprochen.

    Seine Karriere ist allerdings ab jetzt nicht mehr zu retten. Er wendet sich von der Geistfotografie ab und macht überwiegend ganz herkömmliche Portraits. Außerdem beschäftigt er sich mit verschiedenen fotografischen Verfahren zur leichteren Entwicklung, zum Herstellen von Negativen und hinterlässt uns das sogenannte Mumlerverfahren, ein Verfahren, das heute keine Rolle mehr spielt, aber das ein echter Beitrag zur Fotografie war.

    Er stirbt 1884. Und in seiner Grabrede wird Geistfotografie kaum erwähnt. Die Disziplin an sich war aber nach wie vor in Verbreitung. Bis 1920 konnte man ohne Probleme einen Fotografen finden, bei dem man sich mit irgendwelchen verstorbenen Angehörigen fotografieren konnte. Sir Arthur Conan Doyle, der Autor von Sherlock Holmes, schrieb noch Anfang des 20. Jahrhunderts ein ganzes Buch über Geistfotografie und war einer der prominentesten Anhänger der Disziplin.

    Und ja, auch heute machen immer wieder mal angebliche Geistaufnahmen Schlagzeilen. Die sehen freilich viel moderner aus. Ich finde das immer sehr, sehr entlarvend, wenn man von Geistern- oder Feenfotos die ersten mit den aktuellen Exemplaren vergleicht. Offensichtlich werden Geister moderner darin, wie sie fotografiert werden wollen und inzwischen fotografiert man Geister auch lieber mit Digitalkameras als leuchtende Artefakte.

    Aber die Zeiten, wo man 300 Dollar dafür nehmen konnte, ein Foto von einem Geist zu bekommen, die sind vorbei. Fotomanipulation ist so allgegenwärtig, dass wir Geistfotos nicht mal glauben würden, wenn sie denn jetzt plötzlich echt wären. Aber es gibt sie noch. Und bei der Recherche habe ich auch verschiedene Websites gefunden, die über die Geschichte der Geisterforschung berichtet haben, Bilder von William Mumler gezeigt haben und es ganz eindeutig ernst meinten, wenn sie diese Bilder als unerklärbare Phänomene und Beweise für die Existenz von Geistern anführten.

    22 min
  • Mehr als nur Politikerfotos

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Der offizielle Fotograf des amerikanischen Präsidenten hat einen echten Knochenjob und macht Fotos wie sie kein Staatschef sonst bekommt.

    • Inside the Capitol: A Photographer’s View of American Exceptionalism Under Siege
    • Capitol riot: Five startling images from the siege
    • Pressesprecher des Weißen Hauses (DE, Wikipedia)
    • Chief Official White House Photographer (EN, Wikipedia)
    • Yoichi Okamoto – LBJ’s Photographer (EN, Wikipedia)
    • Cecil W. Stoughton – Kennedy’s Photographer (DE, Wikipedia)
    • Shealah Craighead – Trump’s Fotografin (DE, Wikipedia)
    • Pete Souza – Obama’s Fotograf (DE, Wikipedia)
    • Biden Names White House Photographer, Deputy Press Secretary
    • The Oldest Known Photographs of a U.S. President
    • „Picturing the Century: 100 Years of Photography from the National Archives“: Part I and Part II
    • The Most Iconic Photos of American Presidents Taken in the Last Century
    • Lyndon Johnson Liked Taking His Advisors Out For Joyrides That Ended With This Terrifying Prank
    • Daniel Biskup, „KanzlerInnen-Fotograf“ (Wikipedia)
    • President Lyndon Johnson howls with his dog while his grandson looks on, 1968
    • Adam Schulz – Biden’s Presidential Photographer
    • Jesco Denzel, „Kanzlerinnenfotograf“
    • Konrad R. Müller (fotografierte alle Kanzler von Adenauer bis Merkel)
    • Instagram – Adam Schulz (Biden)
    • Instagram – Shealah Craighead (Trump)
    • Instagram – Pete Souza (Obama)
    • Instagram – The White House
    • HerStory – Der Podcast über starke Frauen der Geschichte – Gerda Taro
    • Scheiße gebaut? Der Jugendrechtspodcast
    • Pavido inside
    • Studio Kreativkommune

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    Episodenbild: By Pete Souza – White House Flickr Account, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18890184

    Transkript

    Als es in den letzten Tagen der Trump-Präsidentschaft zum Sturm aufs Kapitol kam, wurden wir mit Fotos dieses Ereignisses praktisch überschwemmt. Aber obwohl tausende von Handyaufnahmen und Videos von diesem Ereignis existieren müssen, waren die Bilder, die wir gesehen haben, von herausragender Qualität.

    Ich fand das wirklich auffällig. Da war ein geschulter Blick und professionelles Equipment am Werk. Eine kurze Recherche bringt dann zum Vorschein: Es waren Pressefotografen, die diese Bilder gemacht haben. Dass das Profis waren, erkennt man auch an der unglaublichen Nähe, aus der viele dieser Aufnahmen entstanden sind. Da waren Menschen am Werk, die darauf trainiert waren, für den Moment bereit zu sein, die ihre Technik aus dem Schlaf beherrscht haben und die den richtigen Augenblick nicht nur sofort erkennen, sondern ihn auch mit schlafwandlerischer Sicherheit in Millisekunden festhalten zu wissen.

    Pressefotografen haben den Auftrag, Geschichte zu dokumentieren. Ihre Bilder sollen darstellen, was passiert ist, wie es sich angefühlt hat, dabei zu sein und manchmal werden die Fragen, die solche Bilder beantworten, erst lange nach den Ereignissen gestellt.

    An wenigen Orten ist die Ereignisdichte so hoch wie im Schlepptau des amerikanischen Präsidenten, weshalb der auch auf Schritt und Tritt von Kameras umgeben ist. Da sieht man manchmal Szenen, die ich auch schon immer bizarr fand. Zwei Staatschefs treffen sich zum Beispiel, sitzen sich gegenüber, die Presse wird ins Oval Office gelassen. Und 30 Fotografinnen und Fotografen machen in schneller Abfolge ungefähr dieselben 20 Bilder. Nicht nur, dass die alle dasselbe Bild machen, es hat auch noch denselben Aufbau wie buchstäblich hunderttausende vor ihnen. Nicht, dass die Fotografinnen und Fotografen da viel Wahl hätten: Ihnen wurde genau zugewiesen, von wo aus sie fotografieren dürfen.

    Mit einer Ausnahme. Eine Person mit Kamera bewegt sich völlig frei kreuz und quer durch den Raum und macht Fotos, ganz wie es ihr beliebt. Als die Presse den Raum verlassen muss, bleibt sie zurück und fotografiert weiter. Wenn das weiße Haus wenige Stunden später eine offizielle Pressemitteilung herausgibt und Fotos dazupackt, werden diese Bilder anders aussehen als alle anderen Aufnahmen von diesem Tag. Und nicht nur das: Es werden auch noch Aufnahmen dabei sein, bei denen war gar keine Presse anwesend. Manchmal sind sogar ganz private Schnappschüsse dabei. Schnappschüsse, die es erlauben, der Präsidentenfamilie sozusagen bei ihrem Alltag über die Schulter zu schauen.

    Da gibt es also jemanden mit ungebremsten Zugang. Jemand, der oder die jeden Schritt des Präsidenten fotografieren darf und festhält. Das ist der Fotojournalistentraum schlechthin. Und den schauen wir uns heute mal ein bisschen genauer an.

    Die Tatsache, dass eine Behörde wie das weiße Haus, denn nichts anderes ist das weiße Haus, eine offizielle Abteilung für Fotografie unterhält, ist jetzt nicht besonders überraschend, finde ich. Sowas gibt es tatsächlich in praktisch jeder Behörde und auch das Kanzleramt unterhält einen Bereich für Presse, in dem natürlich auch ein paar Fotografinnen und Fotografen angestellt sind.

    Deren Aufgabenfelder sind vielseitig. Zum Beispiel ist es in öffentlichem Interesse, dass die Arbeit der Staatslenker und Staatslenkerinnen dokumentiert wird. Wichtige Meetings, wichtige Ereignisse sollen festgehalten werden. Und da ist es natürlich oft praktisch, nicht auf die externe Presse angewiesen zu sein. Einmal kann man so eine konsistente Qualität sicherstellen und dann sind natürlich gut gemachte Fotografien eine hervorragende Methode, um das eigene Image zu kontrollieren. Ganz zu schweigen von Gelegenheiten, bei denen es einfach nicht praktikabel ist, einen Pressecore einzuladen bzw. die Ereignisse sich vielleicht auch mal überschlagen und man froh ist, überhaupt einen Profi mit Kamera zur Hand zu haben.

    Auch der Chief Official White House Photographer hat natürlich all diese Aufgaben und diese Motivation. Warum sein Job dann doch ein anderer ist, wird allerdings auch schnell klar, wenn man sich anschaut, wie unterschiedlich die Amerikaner im Vergleich zu uns das Amt ihres Staatschefs sehen. Im Grunde wählen die nicht den Präsidenten. Die wählen die First Family. Die ziehen dann mit ihrem ganzen Hausstand in das weiße Haus ein.

    Und im Grunde arbeitet auch die ganze Familie dann im Auftrag des Landes mit. So hat die First Lady in der Regel ein eigenes Büro, einen eigenen Staff und einen eigenen Bereich im weißen Haus, in dem ihre Mitarbeiter arbeiten.

    Beim Einzug in das weiße Haus legt der Präsident all jene Positionen neu fest, die über reine Logistik hinausgehen. Es mag also sein, dass Gärtner, Koch und Bedienstetenpersonal von vorherigen Administrationen berichten können. Aber alle Rollen mit einer Außenwirkung oder Entscheidungsgewalt werden vom Präsidenten neu besetzt.

    1929 ernennt der 31. Präsident, Herbert Hoover, zum ersten Mal einen offiziellen Pressesprecher. Dessen Aufgabe war, der Öffentlichkeit die Politik des weißen Hauses nahezubringen und bei Ereignissen zu briefen. Offizielle Fotografie überließ man damals noch Militärfotografen oder eben journalistisch aktiven Pressefotografen.

    Es dauerte noch über 30 Jahre und 4 weitere Präsidenten, bis mit John F. Kennedy der erste wirklich medienaffine Präsident im weißen Haus einzieht. Er ist der Erste, der sich und seine Familie offensiv in den Medien inszeniert und damit auch der Erste, der den Sinn hinter einem vom weißen Haus angestellten Fotografen erkennt und den ersten offiziellen White House Photographer anstellt.

    Diese neu beschaffene Rolle ist Teil des Pressecores und der Fotograf Cecil W. Stoughton hat in vielerlei Hinsicht die Aufgabe, diese Rolle komplett neu zu erfinden. Das war gar nicht so einfach, denn Kennedy wollte sich zwar inszenieren, aber dabei nicht unbegrenzten Zugang geben. Stoughtons berühmtestes Bild ist daher auch ironischerweise kein Foto von Kennedy, sondern der Moment, in dem Lyndon B. Johnson an Board von Air Force one nach dem Tod Kennedys seinen Amtseid ablegt.

    Lyndon B. Johnson hat zu dem Zeitpunkt schon einen Lieblingsfotografen: Yoichi Okamoto ist ein New Yorker Fotograf und hat Lyndon B. Johnson als Vizepräsident schon bei mehreren Gelegenheiten fotografiert und durch seine ungewöhnliche Bildkomposition beeindruckt. Als Lyndon B. Johnson Präsident wird, fragt er ihn, ob er nicht sein persönlicher Fotograf werden möchte und ihn begleiten will, Okamoto sagt zu, aber unter der Bedingung, unbegrenzten Zugang zu bekommen. Und es ist dieser unbegrenzte Zugang, der Okamoto eigentlich zum ersten echten Chief White House Photographer macht.

    Ich hatte ein echtes Problem, in Deutschland ein Äquivalent zu finden. Es gibt eine unüberschaubare Anzahl von Kanzlerinnen und Kanzlerfotografen, es gibt natürlich auch offiziell beim Presseamt eingestellte Fotografinnen und Fotografen, aber niemand folgt der Kanzlerin auf Schritt und Tritt. Fotografen im Kanzleramt haben da im Wesentlichen einen Job zu tun. Die sind nicht persönliche Fotografen der Kanzlerin, sondern sie sind angestellte der Pressestelle. Und werden wahrscheinlich auch nicht ausgetauscht, sollte ein neuer Kanzler einziehen im Kanzleramt.

    Im White House arbeiten bis zu 12 offizielle Fotografen. Deren Aufgaben sind vielseitig; zu jedem gegebenen Zeitpunkt finden im Weißen Haus diverse Veranstaltungen parallel statt. Da hat vielleicht die First Lady eine Reception und der Präsident trifft einen Staatschef. Gleichzeitig gibt es vielleicht eine Gruppe, die ins weiße Haus eingeladen wurde und sich im Rosegarden trifft, und so weiter. Da gibt es Händeschütteln zu fotografieren, es gibt persönliche Erinnerungsaufnahmen, es gibt offizielle Pressefotos, die gemacht werden. Das Weiße Haus produziert tausende von Fotos täglich.

    All diese Aufgaben werden von der Pressestelle koordiniert. Ein Fotograf hat dann immer die Aufgabe, beim Präsidenten zu sein. Und meistens ist das immer derselbe Fotograf. Denn wenn man die ganze Zeit ungebremst anwesend sein darf, egal wie heikel die Gespräche, die geführt werden, da braucht es eine ganz besondere Vertrauensbeziehung, eine Beziehung, die man dann eben auch in den Bildern sehen kann.

    Wie wichtig die Arbeit des Chief White House Photographers ist, sieht man auch an der Menge an Fotos, die produziert werden. Kennedys Fotograf macht in etwas mehr als 3 Jahren knapp 8000 Aufnahmen. Pete Souza, der Fotograf, der Obama durch 2 Amtszeiten hindurch begleitete, fügte dem Nationalarchiv über 2000000 Aufnahmen hinzu. In einer durchschnittlichen Woche wurden 8000 Bilder direkt aus dem Alltag des Präsidenten gemacht. In ereignisreichen Wochen konnte diese Zahl allerdings auch auf über 20000 anschwellen.

    Souza fotografiert die Obamas händchenhaltend genauso, wie Barack Obama bei der Schneeballschlacht mit seinen Kindern, bei Reden, Wahlkampfveranstaltungen, hitzigen Diskussionen im Oval Office oder bei Meetings mit Politikern im Roosevelt Room. Er ist so allgegenwärtig, dass ihn niemand mehr beachtet. 150 Mal fliegt er mit Airforce One. Er fotografiert Obama, kurz bevor er seinen Amtseid ablegt und fotografiert ihn, als er am letzten Tag das Oval Office verlässt.

    Natürlich sind nicht alle Bilder so glamourös, wie diese herausragenden Meilensteine. 5% der Fotos sind einfach Greetingshots. Egal, wohin der Präsident kommt, irgendwer begrüßt ihn. Und Gruppenfotos oder Handeschüttelfotos sind von unschätzbarem Wert für die Leute, die auf diesen Bildern sind.

    Und alle Aufnahmen gehen direkt ins Nationalarchiv. Sie sind als Zeitdokumente von unschätzbarem Wert. Fotografen im Kanzleramt, Fotografen im weißen Haus, Fotografen in jeder Behörde sind sich ihrer Verantwortung bewusst, ein Archiv für die Nachwelt zu produzieren. Das ist mehr als einfach nur Pressefotografie. Man ist in einer Position, in der man history in the making festhalten darf. Es ist eine ungewöhnliche Art der Fotografie, denn es geht oft nicht in erster Linie um die Personen auf den Bildern, ganz egal, wie berühmt sie auch sein mögen, sondern es geht um die Gründe, die sie zusammenbringen. Außer natürlich die Person auf dem Bild ist der Präsident selbst.

    Und da haben wir noch einen Unterschied zwischen Kanzlerfotografien und den Aufnahmen des amerikanischen Präsidenten. Denn von letzterem ist immer auch noch der Versuch dabei, die Menschen hinter dem Amt zu zeigen.

    So gibt es von Lyndon B. Johnson Fotos, wie er im Oval Office mit seinem Hund zusammen heult. Das hat er wohl öfters mal gemacht. Beim ersten Mal ist der Secret Service, so geht die Anekdote, wohl mit gezogenen Waffen ins Oval Office gestürmt.

    Von Kennedy gibt es Aufnahmen, wie er mit seinen Kindern spielt.

    Aufnahmen, die ein Echo in Obamas Bildern finden, wenn der mit dem zum Teil sehr jungen Nachwuchs seiner Staffer spielt.

    Und es gibt zum Teil wirklich bizarre Aufnahmen. Zum Beispiel habe ich ein Bild gefunden, wo George W. Bush anlässig des traditionellen Ostereiersuchens im Garten des weißen Hauses einen Menschen im Hasenkostüm umarmt. Es gibt auch ein Bild, wo man Obama und einen Hasenkopf von hinten sieht, das Obama mit den Worten „Die vier berühmtesten Ohren Washingtons“ kommentierte.

    Oder das Foto von Lyndon B. Johnson in einem schwimmfähigen Cabrio. Richtig gehört: LBJ besaß nämlich eines der wenigen in Serie produzierten Amphibienfahrzeuge. Das Ding sah im Wesentlichen aus wie ein Cabrio, also wie ein ganz normales Auto. Besuchte man nun Lyndon B. Johnson auf seiner privaten Ranch, konnte es passieren, von ihm zu einer Spritztour eingeladen zu werden. Um die Ranch zu besichtigen, zum Beispiel. Auf dem Gelände gab es einen Hügel, an dessen Ufer ein kleiner See angelegt war. LBJ würde also mit diesem Auto auf der einen Seite auf den Hügel hochfahren und auf der anderen Seite dann panisch behaupten, die Bremsen hätten versagt und dann ungebremst auf den See zufahren. Es soll Kabinettsmitglieder gegeben haben, die dann aus dem Auto gesprungen sind. Aus Angst, sie könnten vom untergehenden Auto mit heruntergezogen werden.

    Ich finde jedenfalls die Vorstellung schön, dass ein Präsident solche Streiche spielt und ich finde es auch lustig, dass der Streich durchaus auch andersrum laufen kann. Pete Souza:

    [Einspieler]

    „Christmas at the White House is pretty fun. And this last year, for some reason, they put 4 snowmen in the rosegarden.“

    Das Weiße Haus dekoriert natürlich zu besonderen Anlässen und Weihnachten ist so ein Anlass. Und Pete erzählt, dass beim letzten Weihnachtsfest während Obamas Amtszeit irgendwer auf die Idee gekommen war, 4 riesengroße Schneemänner in den Garten des Weißen Hauses zu stellen.

    [Einspieler geht weiter]

    „It never snowed all december.“

    Tja, geschneit hat es aber nicht.

    [Einspieler geht weiter]

    „Every day the president would walk from the White House residence along the promenade and there would be the 4 snowmen. So Brian Mosteller and I, Brian was the director of oval office operations, he and I had this great idea that every day, we’d move the snowman one foot closer to the oval office.“

    Also Pete und der Director of Oval Office Operations beschließen, diese Schneemänner jeden Tag Stück für Stück näher an das Oval Office zu bewegen.

    [Einspieler geht weiter]

    „So, the day we decided we want do this, we went out there after he’d gone home for tonight and realized that they’re too heavy to pick up.“

    Aber die waren zu schwer.

    [Einspieler geht weiter]

    „So Brian, being the resourceful guy that he is, the day before we went to Hawaii for Christmas vacation he got the White House grounds Crew to help him move all 4 of the snowmen so each of them was peeking out of a different window of the Oval Office.“

    Ja, ich schätze mal, es hat Vorteile, wenn man Director of Oval Office Operations ist. Sie gehen also her und bewegen diese 4 Schneemänner am letzten Arbeitstag des Präsidenten, bevor der nach Hawaii in den Urlaub fliegt, so ans Oval, dass durch jedes Fenster ein Schneemann schaut.

    [Einspieler geht weiter]

    „My job that day was, when the president walked over from the residence, was to distract him, so he wouldn’t look in the rose garden like he did earlier on in the morning. Which is because he would see that the snowmen were missing. So, remember that picturer of him, dancing with [?]? So he walks over, I distract him, he doesn’t see that the snowmen are missing and he’s standing right where he’s dancing in that photo, talking to [?] before he walked into the Oval Office. And then he looked, just glancing into the Oval Office and there was this guy, looking right at him and he just started cracking up. So we pranked him pretty good.“

    Pete hat während Obamas Amtszeit eine ganze Reihe wirklich sehr schöner Aufnahmen gemacht. Und die zeigen das Menschliche in diesem Amt. Und es sind Reportagefotos. Und Fotos, die ich so von deutschen Politikern bisher noch nicht gesehen habe. Schon gar nicht von Kanzlern oder Kanzlerinnen. Aber das ist vielleicht auch der Unterschied zwischen jemandem, der angestellter Fotograf für offizielle Gelegenheiten ist und den Auftrag, einen Menschen, ein Leben und sein Wirken zu dokumentieren.

    18 min
  • Die beste Fotografin der Welt

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Margaret Bourke-White meisterte gleich mehrere Fotogenres und wurde durch ihre Furchtlosigkeit und ihr Talent zu einer Fotografin mit Celebrity-Status.

    • Margaret Bourke-White (Wikipedia)
    • Frau unter Feuer (Spiegel)
    • In schwindelnder Höhe, vor grausigem Abgrund (FAZ)
    • Badass Ladies of History: Margaret Bourke-White

    Portrait of Myself (English Edition)

    Transkript

    1942, eine junge, gutaussehende Frau schleppt mehrere große, schwere Kisten vollgestopft mit Kameraequipment an Board eines Militärschiffs. In ihrer Tasche: Die hochoffizielle Genehmigung, dass sie im Auftrag des Life Magazine an der hochgeheimen Invasion in Nordafrika teilnehmen darf. Als [?] journalist. Als Fotografin will sie die Landung der Truppen festhalten.

    Diese Genehmigung überhaupt zu bekommen, hat sie Monate hartnäckiger Arbeit gekostet und es ist ein absolutes Novum. Noch nie wurde offiziell eine weibliche Fotografin in den Krieg geschickt. Es gibt sowieso kaum weibliche Fotografinnen. Geschweige denn weibliche Fotojournalistinnen.

    Der Großteil der Truppen kommt mit dem Flugzeug als Truppentransporter. Margaret Bourke-White wollte eigentlich auch in so einem Flugzeug sitzen, wurde aber in letzter Minute von einem diensthabenden Offizier davon abgehalten. „Unsere Flugzeuge haben keinen Platz für eine Frau! Nehmen Sie das Schiff.“

    Ja, scheiße. Damit war es das wohl gewesen mit dem Auftrag, die Landung der Truppen zu dokumentieren, denn das Schiff braucht natürlich deutlich länger. Ihre männlichen Kollegen haben dieses Problem nicht, die fliegen selbstverständlich mit den Truppen mit. Aber sie lässt sich nicht entmutigen. Sie wird halt mit dem arbeiten, was sie vorfindet.

    Die Tage auf See ziehen sich endlos. 2 Tage noch, dann wird sie auch endlich da sein, so wie ihre Kollegen. [Dumpfes Knallgeräusch]

    Das Torpedo ist ein Volltreffer. Margaret greift in Panik noch schnell ihre Schwimmweste, versucht noch, eine Kamera mitzunehmen, aber die Dinger sind groß und schwer und so lässt sie sie zurück. Sie rennt zu dem ihr zugeteilten Rettungsboot und sieht dann, zusammen mit den anderen 16 Insassen zu, wie sich das Kriegsschiff, das sie an die Küste bringen sollte, langsam neigt und in den Fluten versinkt. Sie wird später in ihre Biografie schreiben, dass sie nie mehr Angst hatte, als in diesem Moment und außerdem grenzenlos bereute, keine kleineren Kameras mitgenommen zu haben. Was für großartige Bilder hätte sie machen können? Was für eine Killerreportage wäre das geworden? Jetzt, mit Rettung ungewiss und deutlicher Verspätung, wer weiß, ob da überhaupt noch etwas daraus wird? Solche oder ähnliche Gedanken müssen ihr durch den Kopf gegangen sein, als britische Kampfflugzeuge die Schiffbrüchigen aufspürten und die Rettung veranlassten.

    Und dass da nicht nur Soldaten, sondern auch eine Frau mit an Board gewesen war, eine Fotoreporterin noch dazu, war sofort eine Sensation. Als Margaret Bourke-White dann endlich an ihrem Ziel ankam, war die Geschichte schon auf dem Weg um die Welt und sie eine Berühmtheit. Die furchtlose amerikanische Kriegsreporterin, die einen Torpedoangriff überlebte, um davon berichten zu können. Das war eine Nachricht, die allen anderen die Schau stahl. Eine ihrer männlichen Kollegen begrüßt sie grimmig: „Ich sitze hier stundenlang rum und warte darauf, dass ich endlich mal zur Action darf und dann kommt da diese Tussi daher und hat auch noch das Glück, einen Torpedoangriff zu überleben.“

    Aber nicht nur das, eigentlich wollte Margaret Bourke-White ja sowieso da hin, wo die Action ist. Es ging ja um die US Airforce. Also musste man ihrer Meinung nach mindestens ein Mal auch bei einem Angriff mitgeflogen sein. Bisher hatte man ja dafür die Genehmigung verweigert. Aber nach dem überstandenen Torpedoangriff hat der Befehlshaber ein Einsehen:

    [Einspieler]

    „Maggy, do you still want to go on a bombing mission?“

    Er fragt sie, ob sie immer noch an einem Einsatz teilnehmen will.

    [Einspieler geht weiter]

    „I do, but I don’t want to make a pest of myself, begging.“

    Aber sie will nicht immer betteln, sagt sie.

    [Einspieler]

    „Well, if you’ve been torpedoed, you might as well go through everything. And he reached for the telephone and called the 97 bomb group. They were stationed then in the garden of [unverständlich] in the middle of the Sahara desert. And he told them I had permission.“

    „Jetzt hast du ein Torpedo überlebt, jetzt kannst du den Rest auch sehen“, sagt er und greift zum Telefon und erteilt die notwendigen Genehmigungen. Und so geht Margaret Bourke-White aus dieser Anekdote mit der Genehmigung heraus, einen Bombenangriff begleiten zu dürfen. Mit Kamera. Für Life Magazine.

    Und als ob sie zu dem Zeitpunkt nicht schon berühmt genug wäre, gilt sie jetzt als Sensation. Die erste amerikanische, akkreditierte Kriegsreporterin überhaupt. Die erste Frau, die bei einem Bombenangriff teilnehmen darf. Und die erste Fotografin, die einen Torpedoangriff überlebt. Und wie sie da hingekommen ist und was sie dann ab da noch alles gemacht hat, das erzähle ich gleich.

    Wem die Geschichte in ihren Grundzügen bekannt vorkam, der ist vielleicht Filmfan. Alfred Hitchcock drehte nämlich den Film „Lifeboat“ mit einer Geschichte, die ganz eindeutig von dieser Anekdote inspiriert war. Und ich glaub, wer sich mit der Geschichte Margaret Bourke-Whites beschäftigt, der kann wahrscheinlich gar nicht anders, als einen Film drehen zu wollen, da gibt es so viel zu entdecken, so viele firsts, so viele Stationen, die ungewöhnlich sind.

    Geboren wird sie 1904 in der Bronx in New York. Sie hat eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder und erbt von ihrem Vater die Leidenschaft für Technologie, speziell Großtechnologie hat es ihr angetan, aber der Vater ist auch Hobbyfotograf und hat diverses Equipment daheim. Ihre Eltern verbindet eine Leidenschaft für die Natur und der unerschütterliche Glaube, dass man alles erreichen kann und vor nichts Angst haben sollte.

    Von ihrem Vater übernimmt sie das Interesse an Technologie und die absolute Disziplin. Von ihrer Mutter, so schreibt sie später selber, lernte sie, sich nicht mit dem einfachen Ergebnis zufriedenzugeben. Außerdem haben die Eltern den Ehrgeiz, ihren Kindern jegliche Ängste zu nehmen und so wächst Margaret mit Reptilien und Klettereien in großer Höhe auf.

    Zunächst sieht es so aus, als ob die Reptilien ihre Zukunft werden würden. Sie will Reptilienkunde studieren und schreibt sich in der Columbia University ein. Der Vater stirbt, kaum dass sie ein Jahr lang studiert hatte und sorgt dafür, dass die Familie deutlich weniger Finanzmittel zur Verfügung hat. Für sie ist das der Beginn einer kleinen Odyssee durch verschiedene Universitäten und nebenbei der Beginn ihrer Fotokarriere, denn sie beginnt, kleinere Aufträge entgegenzunehmen und damit ihr Einkommen aufzubessern.

    Nach 7 verschiedenen Universitäten und diversen Kursen erwirbt sie an der Cornell University den Bachelor of Arts und zieht letztlich nach Cleveland, Ohio, wo sie dann auch ihr erstes offizielles Fotostudio eröffnet. Architektur und große Industrieanlagen haben es ihr angetan. Das war eine Liebe, die sie von ihrem Vater übernommen hatte.

    Industrieanlagen fotografieren kann unglaublich öde sein, aber Margaret hat ein Händchen für die perfekte Perspektive. Sie findet Wiederholungen und Muster. Sie schafft es, ungewöhnliche Positionen einzunehmen und vor allem hat sie ein ungewöhnliches Talent, mit den doch in Industrieanlagen sehr schwierigen Lichtverhältnissen umzugehen.

    Als einer ihrer ersten Klienten gewinnt sie die Otis Steel Company. Sie überzeugt den Chef, ihr die Genehmigung zu erteilen, in seinen Werken fotografieren zu dürfen. Der rechnete wahrscheinlich damit, dass sie als Fotografin zwei, drei Mal auftauchen würde und Aufnahmen machen und dann irgendwann mit einem Portfolio bei ihm auftauchte, mit der Hoffnung, er wird es ihr abkaufen. Er erteilt ihr also die Genehmigung und geht auf eine Europareise.

    Womit er wahrscheinlich nicht gerechnet hatte, war, dass Margaret Bourke-White besessen von dem perfekten Foto war und in dem halben Jahr, in dem er auf Reisen war, praktisch jeden Tag in seine Fabriken fuhr, um dort Aufnahmen zu machen. Hier beschreibt einer ihrer Assistenten, wie sie typischerweise vorging:

    [Einspieler]

    „She would take a picture over and over and over again, to the point of absolute boredom. Especially with me, working with her. But also the people who had to sit still for it.“

    Sie war Perfektionistin und irgendwann war ja auch klar, dass gerade in Stahlwerken die Lichtverhältnisse so anspruchsvoll waren, dass sie spezielles Filmmaterial und künstliche Beleuchtung brauchte. Und so fing sie an, Magnesiumfackeln mit in die Fabriken zu bringen, um zu beleuchten. Hatten die Stahlarbeiter anfangs Angst, eine Frau würde vielleicht in Ohnmacht fallen, wenn sie der Hitze ausgesetzt war oder sich in Gefahr bringen, wurde schnell klar, dass Margaret Bourke-White mit einer schlafwandlerischen Sicherheit in diesen Werken herumkletterte und für das richtige Bild vor genau gar nichts Angst hatte.

    Es entstehen fantastische Aufnahmen. Aufnahmen, die auch heute noch modern aussehen. Und sie wird diese Aufnahmen nicht nur verkaufen, sondern es sind diese Aufnahmen, die ihr dann die ersten Türen öffnen.

    Und ihre Arbeit ist auf vielen Ebenen vollkommen ungewöhnlich. Einmal ist es so, dass in den 1930er Jahren Frauen sowieso kaum mit Kameras unterwegs waren. Es ist die Zeit der Kodak Brownie, die Kodak Brownie wird speziell für Frauen beworben und zeichnet sich dadurch aus, dass man nichts einstellen muss, nichts wissen muss, „You press the button, we do the rest“ war der Slogan der Kodak Company.

    Und hier kommt Margaret Bourke-White, eine attraktive, junge, kleine Person und hantiert nicht nur mit Maschinen, um Fotos zu machen, sondern fotografiert auch noch bevorzugt riesige Industrieanlagen. Stahlwerke. Häfen. Schlachthöfe. Und sie ist energiegeladen und furchtlos. Und zielstrebig. Sie nötigt den Männern, die mit ihr zu tun haben, absoluten Respekt ab. Sie nimmt sich Dinge heraus und sie will erfolgreich sein. Ihre Aufnahmen sind jedenfalls außergewöhnlich genug, dass nicht nur die Otis Steel Company ihre Bilder kauft, sondern sie Ausstellungen damit bestreitet und weit über die Grenzen ihres Heimatbundesstaates bekannt wird.

    Sie geht zurück nach New York, um dort ein Studium zu eröffnen und bekommt dort den Auftrag, das gerade im Bau befindliche Chrysler Building zu fotografieren. Auch diese Arbeiten sind ein absoluter Erfolg. Sie macht Aufnahmen, die von den Perspektiven her absolut ungewöhnlich sind; Sie klettert draußen am Dach herum und liebt die Architektur des Gebäudes. Besonders die 4 gigantischen Gargoyles, die am Dach angebracht sind, haben es ihr angetan.

    Sie beschließt: Sie will eine der wenigen Mieterinnen in diesem Gebäude werden. Mindestens ihr Studium möchte sie im Chrysler Building haben, wenn möglich dort auch wohnen. Sie setzt sich das so sehr in den Kopf, dass sie sich als Hausmeisterin für das Gebäude bewirbt. Das ist allerdings eine Stelle, die jemandem anders zugeschlagen wird. Überhaupt sieht es eine Weile danach aus, als wenn sie noch nicht mal ihr Studio dort mieten darf, denn die Vermieter sind skeptisch: Sie ist eine junge, hochgradig attraktive, bekannte Frau. Da wird es doch mit dem Teufel zugehen, wenn die nicht irgendwann mal heiratet, Kinder kriegt und plötzlich keinen Job mehr hat und dann auch die Miete nicht mehr bestreiten kann.

    Zumindest dieses Problem hatte sich allerdings erledigt, als Margaret Bourke-White das Angebot erhält, das neu gegründete Fortune Magazine als Fotografin zu begleiten. Sie war die einzige Frau in der gesamten Belegschaft und Fortune würde als neu gegründetes Bildmagazin die Geschichte der jungen, aufstrebenden Industriekultur in Amerika und weltweit begleiten. Ein Job wie für sie geschaffen.

    Sie bekommt also ihr Studio mit Blick auf die Gargoyles und eine Terrasse, auf der sie eigentlich nichts zu suchen hat, auf der sie aber praktisch Besuche empfängt und in einem abgetrennten Bereich zwei kleine Alligatoren hält. Es gab ja mal eine Zeit, da wollte sie Expertin für Reptilien werden. Diese Liebe hat sie nie so richtig abgelegt.

    Es gibt diverse Anekdoten, wo Margaret auf Geschäftsreisen nicht nur ihre Kamera, sondern auch noch Reptilieneier, die zum Schlüpfen bereit waren, von irgendwelchen Eidechsen oder anderen Tieren, dabei hatte.

    Schlafen darf sie nicht in diesem Studio. Aber sie ist besessen von ihrer Arbeit und so verbringt sie jede freie Minute und oft Tag und Nacht mit Blick über New York City. Und sie fotografiert auch viele Male diesen Blick. Es gibt ein sehr bekanntes Foto von ihr, wo sie raus auf die Terrasse und einen der Gargoyles geklettert war, um eine Aufnahme von Manhattan zu machen, die man sonst nirgendswo so machen konnte. Ihr Assistent, in der Sicherheit des Studios, hält die Kamera auf sie und hält damit ein ikonisches Bild von ihr fest. Und dieses Bild zeigt sie in ihrem Element. Furchtlos und bereit, alles für das richtige Bild zu tun.

    Als Mitherausgeberin, Fotografin und Autorin des Fortune Magazins reist Margaret Bourke-White jetzt um die Welt. Sie besucht Deutschland und fotografiert da die IG Farben und in Hamburg den Hafen. Und sie ist die erste westliche Fotografin, die die Genehmigung erhält, in der Sowjetunion die dort neu gebauten Industrieanlagen zu fotografieren.

    Die Sowjetunion sah sich im Wettlauf mit den USA und hatte einen mehrere Jahrzehnte andauernden Vorsprung aufzuholen. Margaret fotografiert Großbaustellen, Dämme, Kraftwerke, gigantische Industrieanlagen und zunehmend auch die Arbeiterinnen und Arbeiter.

    Inzwischen ist die Mitte-30-jährige eine weltweite Celebrity. Man kennt sie. Sie ist regelmäßig im Radio, um Interviews zu geben und bekannt für ihren extravaganten Lebenswandel. Wenn sie nicht gerade unterwegs ist, weiß sie, wie man sich das Leben angenehm macht. Und sie wird zu einem Vorbild für Mädchen und junge Frauen. Nicht lange und sie steht für die moderne amerikanische Frau. Die weiß, was sie will, die alles erreichen kann. So wird zumindest behauptet.

    1936 ist auch das Jahr, in dem ein weiteres ikonisches Magazin gestartet wird: das Life Magazine. Margaret Bourke-White schreibt die erste Titelgeschichte und macht das erste Titelbild des Life Magazines.

    1936 ist in der Mitte der Great Depression, also der Weltwirtschaftskrise. Die Not ist unter der arbeitenden Bevölkerung groß in den USA. Und Margaret sieht das. On assignment for fortune and life kommt sie im gesamten Land herum und ihre Fotografie wandelt sich: Die berühmte Industriefotografin wird zu einer gefeierten Fotojournalistin.

    1941 reist sie im Auftrag des Life Magazine nach Moskau. Sie ist die einzige westliche Reporterin in der Stadt, als die Deutschen ihren Luftangriff auf Moskau beginnen. Als die Sirenen losheulen und sich alle in Sicherheit bringen, greift sie sich ihr Stativ und ihre Kamera und rennt auf das Dach der Botschaft, von wo aus sie einen hervorragenden Blick auf den Kreml hat. Sie vermutete, das würde das Hauptangriffsziel der deutschen Streitkräfte sein. Und sie würde fotografieren, was immer fotografierenswertes zu sehen war.

    Heraus kommen einzigartige Kriegsaufnahmen. Und Margaret fotografiert nicht nur in der Nacht, sondern auch am nächsten Tag. Die Spuren der Zerstörung. Und ist die einzige Reporterin, die diese Aufnahmen machen konnte und in die westliche Welt zurückbrachte.

    Als Amerika sich dazu entschließt, in den Zweiten Weltkrieg einzutreten, ist es für Margaret der Startschuss, um eine Akkreditierung als Fotojournalistin anzustreben. Und die amerikanischen Behörden stellen sich erst mal quer. Es ist schon ungewöhnlich genug, dass eine Frau eine bekannte Fotojournalistin ist. Und auch, wenn akzeptiert ist, dass Margaret Bourke-White weiß, mit Risiko umzugehen, ist es dann trotzdem noch ein Riesenschritt, sie offiziell als Kriegsfotografin anzuerkennen. Fotografie als Männerdomäne. Krieg als Männerdomäne. Kriegsfotografie als Machomännerdomäne.

    Margaret ist zwar nicht die einzige Frau, die im Krieg fotografiert, aber sie ist die einzige Amerikanerin und sie ist die einzige, die es schließlich schafft, offiziell als Fotojournalistin mit den Truppen mitgesendet zu werden.

    Das ist der Punkt, an dem sie sich aufmacht, um die Invasion in Nordafrika zu begleiten, einen Torpedoangriff überlebt und die Genehmigung bekommt, bei einem Bombenangriff mitzufliegen. Und auch von dieser Reise wieder einzigartige Aufnahmen mitzubringen.

    1945 verliert Deutschland den Krieg. Und Margaret ist wieder unterwegs. Im Gefolge von General George S. Patton reist sie durch Deutschland und ist bei der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald und des Zwangsarbeiterlagers Leipzig-Thekla dabei. Sie macht mehrere berühmte Fotos zu diesen Gelegenheiten. Ihr Bild „Die lebendigen Toten von Buchenwald“ von 1945 ist eine der berühmtesten und beeindruckendsten Fotografien des 20. Jahrhunderts.

    In ihrer Biografie beschreibt sie ausführlich, wie es sich angefühlt hat, das von den Nazis angerichtete Leid zu sehen und diese Menschen zu fotografieren und die Leichenberge. Sie ist dankbar für die Kamera. Sie hält sie nicht nur beschäftigt, sondern ist wie ein Schild, das sie vor sich halten kann, um das Bild, das sich ihr bietet, aushalten zu können.

    Auch nach dem Sieg der Alliierten fotografiert Bourke-White weiterhin für die Truppen. Im Herbst 45 erhält sie den Auftrag, die Zerstörung deutscher Städte mit Luftbildern zu dokumentieren.

    Zu dem Zeitpunkt gilt Margaret bereits in mehreren Disziplinen als eine der besten Fotografinnen, wenn nicht die beste Fotografin der Welt. Moderne Architekturfotografie, Industriefotografie, Kriegsfotografie, Reportagefotografie, zwischendurch Werbefotografie und Portraits berühmter Persönlichkeiten gehören zu ihrem Portfolio. Berühmte Menschen ihrer Zeit wie Franklin D. Roosevelt, Stalin, Winston Churchill oder Marlon Brando wurden von ihr portraitiert.

    1946 reist sie im Auftrag des Life Magazines nach Indien. Das Land ist in politischer Aufruhr. Sie hat den Auftrag, Gandhi zu fotografieren und zu interviewen. Gandhi hat wenig Lust, sich von ihr interviewen zu lassen, so lässt es ihr ausrichten, er würde sie nur als Fotografin zulassen, wenn sie lernen würde, ein Spinnrad zu bedienen. Also lernt Margaret Bourke-White, wie man ein Spinnrad bedient. Sie macht eines der bekanntesten Fotos ihrer Karriere, wenige Stunden vor der Ermordung Mahatma Gandhis fotografiert sie ihn, wie er schweigend vor einem Spinnrad sitzt.

    Spätere Reportagereisen wird Margaret dazu nutzen, um zum Beispiel die Teilung Indiens zu dokumentieren. Sie bereist auch Südafrika während der Apartheid und nimmt am Koreakrieg als Korrespondentin teil. Korea ist auch das Land, wo ihr zum ersten Mal auffällt, dass ihre Gelenke, Arme und Beine steif sind.

    Daheim lässt sie sich untersuchen und bei ihr wird Parkinson diagnostiziert. Es ist diese Krankheit, die sie dann Mitte der 60er dazu zwingt, ihren Beruf aufzugeben und sich zurückzuziehen. 1963 erscheint ihre Autobiografie und ist über Wochen hinweg auf den Bestsellerlisten der New York Times.

    Sie stirbt 1971 im Alter von 67 Jahren. Sie war zwar einmal kurz verheiratet, aber Familie hatte sie nie gegründet und deswegen hinterließ sie auch keine Kinder und keinen trauernden Ehemann. Sie war Wegbereiterin für eine ganze Generation junger Reporterinnen und Fotografinnen.

    Ihre Fotografie prägte mehrere Genres, nicht nur eines. Die meisten Fotografen versuchen, ein Genre wirklich gut zu beherrschen. Margaret Bourke-White schien zu meistern, was immer sie sich in den Kopf gesetzt hatte. Sie hatte eine Gabe, Menschen zu sehen und sie im Bild festzuhalten, wie kaum eine andere und ihre Karriere in einer der turbulentesten Zeiten der Menschheitsgeschichte bot ihr wieder und wieder die Gelegenheit, ikonische Aufnahmen zu machen. Und sie ergriff jede einzelne davon.

    22 min
  • Baumelbeine und Höhenrausch

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Die ersten Bilder der Menschheit wurden aus Dachfenstern gemacht und auch heute haben Aufnahmen aus der Vogelperspektive nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Kombiniert man das dann noch mit Jugendkultur, Social Media und moderner Kameratechnik hat man ein eigenes Fotogenre, das Rooftopping…

    • Roofing (Wikipedia)
    • The lure of tall buildings: A guide to the risky but lucrative world of ‘rooftoppers’
    • The Birth of ‚Rooftopping‘: Tom Ryaboi & Almost (I’ll make ya) Famous
    • Tom auf Instagram
    • Celebrity Interview - Roof Topping: Standing on the Edge with Tom Ryaboi
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    Transkript

    Jugendkultur, Influencertum, Social Media und eine Welt, in der Aufmerksamkeit mit barem Geld aufgerechnet werden kann, das sind die Zutaten zu unserer heutigen Episode.

    Ich gehe schon die ganze Woche schwanger mit diesem Podcastthema. Ganz zu Anfang dachte ich, ich würde über das berühmte Foto „Lunch atop a Skyscraper“ sprechen. Das ist dieses berühmte Bild, das bei der Errichtung des Rockefeller Centers in New York gemacht wurde, bei dem 11 Stahlarbeiter auf einem offensichtlich frei in der Luft hängenden Stahlträger sitzen und Brotzeit machen. Und das ist eine faszinierende Geschichte, aber ich werde sie ein andermal erzählen.

    Von da aus gings weiter mit der Frage, seit wann wir eigentlich Fotos aus Hochhäusern schießen. Die allerersten Bilder, die die Fotogeschichte überhaupt kennt, sind aus Dachgeschossfenstern gemacht worden. Dachgeschossfenstern in Paris, freilich. Und die lassen sich natürlich nicht mit den Stahlträgerkonstruktionen, die in den 1850ern in den USA aufkommen, vergleichen.

    Natürlich kamen Fotografen in der damaligen Zeit relativ früh auf die Idee, Fotos aus der Luft machen zu wollen. Drachen, Fesselballons und hohe Gebäude genauso wie Berge waren beliebte Aussichtsplattformen. Aber der erste Fotograf, der sich einen Namen damit machte, dass er systematisch zum Beispiel in New York aus der Vogelperspektive in den Central Park und ähnliche Landmarken fotografierte, war Alvin Langdon Coburn, der das in seiner gerade mal 20 Jahre dauernden Fotografenkarriere rund um 1900 ausführlich machte.

    Bei der Suche nach dem ungewöhnlichen Fotomotiv wollte die Menschheit schon immer hoch hinaus. Wir mögen diese Bilder, diese Aufnahmen, die so ein leichtes Kitzeln in der Magengrube produzieren, wenn wir uns vorstellen, wie es wohl wäre, an der Stelle zu stehen, an der die Kamera steht und in den Abgrund zu schauen, den die Kamera uns zeigt.

    Es gibt ikonische Fotografien, die sich durch die gesamte Fotogeschichte hindurchziehen. Fotos, wo Fashionfotografie an den Stahlträgern des Eiffelturms gemacht wurde. Oder die Aufnahme von Margaret Bourke-White, die unerlaubterweise im Chrysler Building raus auf die an der Fassade angebrachten riesigen Gargoyles kletterte und von da aus Manhattan fotografieren wollte und dabei von ihrem Assistenten fotografiert wurde.

    Mit dem Aufkommen der Reportagekameras, der kleinen, portablen Kameras und vor allem auch des Rollfilms wurde Fotografie zu einem Volkssport. Die Menschen nahmen ihre Kameras überall hin mit. Insbesondere im Urlaub auf irgendwelche Aussichtspunkte.

    Und diese Bilder sind so omnipräsent, dass wir sie alle schon mal gesehen haben. Der Blick über den Central Park wird bevorzugt vom Rockefeller Center aus geschossen. Da sieht man dann das Empire State Building und hat einen unverbauten Blick über einen der größten städtischen Parks der Welt. Oder die Straßen von Dubai, gesehen von der Dachterrasse des Burj Khalifa. Man muss ein Ticket ziehen und Fotografinnen und Fotografen machen das natürlich dann auch gerne. Für dieses eine Foto, das niemand so schön schießen kann wie man selbst.

    Hier in Frankfurt gibt es einen Standardshot für Fotografen vom Lindner Hotel aus, erkennbar an den vergoldeten Dachzinnen. Kostet 25€. Also, wenn man das Bild selber machen will. Wenn man es als Postkarte haben will, dann natürlich höchstens 2.

    Wir kennen also alle diese Motive. Wir wissen, wie die entstehen. Wir waren manchmal sogar schon selbst an diesen Orten und wir wissen: Die Fotografin war sicher meistens hinter einem eigens dafür angebrachten Zaun oder einer Glasscheibe und wir erkennen den Profi daran, dass er nicht einfach nur eine Szene fotografiert, wie sie sich nun mal zu irgendeiner gegebenen Zeit gerade dargeboten hat, sondern zu einer ganz bestimmten Zeit zum Fotografieren gegangen ist. Etwa bei Nacht, bei Abendrot, wenn die Stadt im Nebel versinkt.

    Trotzdem sind solche Fotos natürlich beliebt. 2004 erscheint das erste Social Network mit reinem Fotobezug auf der Bildfläche: Flickr. Menschen können dort ihre Fotos teilen und anderen zeigen. Ein bisschen markiert das übrigens auch den Beginn des Influencertums. Denn was damals sofort offensichtlich wird, ist, dass beeindruckende Aufnahmen Aufmerksamkeit auf sich ziehen. 2007 wurden monatlich über 30000000 Aufnahmen auf Flickr hochgeladen. Und es gab Zeiten, da waren auf Flickr über 90000000 Fotografinnen und Fotografen registriert.

    Das ist auch das Jahr, in dem sich Tom Ryaboi seine erste digitale Spiegelreflexkamera kauft und auf Flickr registriert. Am Anfang geht der auf alles los, was in seiner Umgebung fotografierenswert erscheint, besonders die Straßen von Toronto haben es ihm angetan, seiner Heimatstadt.

    Dort geht er einem Hobby nach, das es seit knapp den 90er Jahren gibt und das „urban exploration“ heißt. Da geht es um Orte, die verlassen oder verboten sind. Stillgelegte Fabrikhallen, U-Bahntunnel, verlassene Einkaufszentren, man klettert über Absperrungen und Zäune, schleicht sich nachts in Ecken der Stadt, in denen man nichts verloren hat. Und in baufälligen Gebäuden rumzuklettern ist auch nicht ganz ungefährlich. Belohnt wird man meistens mit spektakulären Aufnahmen. Stillgelegte Weltraumbahnhöfe, verlassene Malls oder vor sich hin rottende Vergnügungsparks haben einfach ihren Reiz.

    Tom kennt also diese Szene, aber eigentlich interessiert ihn fast noch mehr ein anderer ungewöhnlicher Blick: Er möchte Toronto von oben sehen. Der Gedanke: „Wenn schon fotografieren, dann doch so fotografieren, dass man ein Bild hat, das niemand anders so machen kann“.

    Und als Hobbyfotograf kennt man diesen Gedanken. Es gibt verschiedene Wege, wie ich ein Foto machen kann, das niemand sonst hat. Entweder, ich fotografiere etwas, zu dem nur ich Zugang habe oder ich benutze eine Technik, die wenig Verwendung findet, Infrarot, Fischauge, oder ich finde eine Perspektive, die selten ist. Und welche Perspektive ist wohl seltener als der Blick von Orten aus, die für die Öffentlichkeit gesperrt sind.

    Tom war also auf der Suche nach einer originellen Perspektive, als er an einer Hochhausbaustelle vorbeikommt. Es schien niemand da zu sein und die Absperrung war kein echtes Hindernis. Das Haus war auch noch nicht besonders hoch, 15, 16 Stockwerke vielleicht, aber für Herzklopfen und für eine großartige Perspektive hat es auf jeden Fall trotzdem gereicht. Für Tom war das auf jeden Fall nur der Anfang. Er war wie besessen von den Hochhäusern seiner Stadt. Abend für Abend griff er sich seine Kameraausrüstung und die Fotos veröffentlichte er auf Flickr.

    Und andere taten es ihm gleich: „Urban exploration“ war der Anfang, Rooftopping war der richtig coole shit. Shanghai, Hongkong, Toronto, New York, überall wo es Hochhäuser gab, gab es junge Menschen, die versuchten, mit ihrer Kamera im Gepäck auf die Dächer von Wolkenkratzern zu kommen. Der Reiz war das Verbotene und der Reiz war es, das Ganze zu dokumentieren und zu veröffentlichen. Wie Graffitikünstler wollten die Rooftopper zwar Spuren hinterlassen, aber trotzdem natürlich anonym bleiben. Berühmt werden, ohne dass man wusste, wer sie waren.

    Im Stil waren die Fotos immer noch sehr ähnlich zu dem, was man bis dahin oft aus solchen hohen Höhen gesehen hatte. Skylineshots, Nachtaufnahmen von Hochhäusern und so weiter. Wer es sich leisten konnte, hatte nicht nur eine Spiegelreflexkamera, sondern auch teure Optiken dabei. Je weitwinkliger, desto besser.

    Und es ist so ein Objektiv und so eine Kamera, die Tom und eine Freundin an einem Sommertag mit auf einen der höchsten Wolkenkratzer im financial District Torontos nahmen. Sie machen verschiedene Fotos und Aufnahmen davon, wie sie ganz nah an der Kante sitzen und beginnen, mit Weitwinkelobjektiven ihre über dem Abgrund baumelnden Füße zu fotografieren. Abends kehren sie gut gelaunt nach Hause zurück und Tom setzt sich an seinen Computer und bearbeitet die Aufnahmen des Tages.

    Ein Bild gefällt ihm besonders. Es zeigt den Blick auf seine Schuhe, ein Bein frei über dem Abgrund baumelnd, unter ihnen die Straßen von Toronto. Er hellt das Bild leicht auf, bearbeitet die Farben, dreht am Kontrastregler, irgendetwas fehlt noch… Er spiegelt das Bild. Plötzlich guckt man nicht mehr an sich selbst die Beine herunter, sondern es sieht so aus, als würde man eigentlich schon über dem Abgrund schweben und auf die Beine, kurz vor dem Absturz, blicken. Er ist zufrieden mit dem Ergebnis und postet das Bild auf Flickr. Als Titel schreibt er dazu: „I’ll make ya famous“ und geht ins Bett.

    Als er am nächsten Morgen aufsteht, stellt er fest, dass sein Bild über Nacht ein Internetphänomen geworden war. Über 25000 Views auf Flickr und Reddit. Schon in der ersten Nacht. In den ersten zwei Tagen über 50000 Views. Diskussionen kamen auf, ob das Bild denn echt sein könnte oder gephotoshoppt war. Wenige Tage später lief seine E-Mail Inbox voll mit Anfragen von BBC, RTL, National Geographic USA und vielen anderen mehr. Mit der Aufmerksamkeit ergaben sich natürlich auch sofort Karriereoptionen. Menschen boten ihm Jobs an und er begann, Lizenzgebühren dafür zu verlangen, dass sein Foto vervielfältigt werden durfte und er begann, Fotos und Videos zu produzieren, die mehr von seinen Rooftopabenteuern zeigten. Ohne freilich zu verraten, wer er denn war. „Rooftopper“ nannte er sich. Und eine Weile bestand sein Leben daraus, Sicherheitskräften und der Polizei zu entgehen.

    Es ist nämlich eine Straftat, unerlaubt auf irgendwelche Hochhausdächer zu klettern. Die gesamte Szene ist also damit beschäftigt, vor den Behörden davonzulaufen. Und damit ist das auch praktisch ausschließlich eine Jugendszene. Und kaum jemand klettert auf Rooftops ohne Kameras und ohne fotografischen Hintergrund.

    Was Tom begonnen hatte, fand dann Massenweise Nachahmer. In Shanghai alleine gibt es eine Community von über 300 Rooftoppern. Und war die erste Generation Rooftopper noch damit zufrieden, einfach einen spektakulären Blick mit Füßen im Bild einzufangen, reicht das heute schon längst nicht mehr. Die Fotos wurden immer spektakulärer und immer akrobatischer. Rooftopper klettern auf Masten, um sich dort dann freihändig hinzustellen, während eine Drohne sie umkreist und filmt. Sie machen Klimmzüge am Dachsims, frei hängend über dem Abgrund. Sie schlagen Rad und Purzelbaum an der Hauskante oder springen meterweit von Sims zu Sims. Alles immer für den spektakulären Shot.

    Hunderttausende Follower geben ihnen recht. Gar nicht wenige von denen verdienen ihren kompletten Lebensunterhalt damit, dass sie regelmäßig für eine wachsende Fangemeinde spektakuläre, atemberaubende Fotos produzieren. Fotos, die davon leben, dass sie nicht nur beängstigend aussehen, weil wir uns immer auch vorstellen, wie es wäre, wenn wir in diesem Bild jetzt da stehen würden, sondern oft auch den Kitzel des Illegalen mitbringen.

    Und was 2007 noch relativ sicher begann, hat dann auch bald die ersten Todesopfer gefordert. Denn mit der Anzahl Nachahmern stieg natürlich auch die Anzahl derer, die nicht sportlich genug waren oder sich überschätzten. Und so findet man im Netz inzwischen auch Videos von Klimmzugmachern, die es nicht mehr aufs Dach schaffen. Und die Wikipedia führt eine Liste von durch Selfies verursachten Todesfälle. Und da sind Rooftopper oder Menschen, die zum Beispiel im Gebirge in den Abgrund stürzen, während sie versuchen, ein spektakuläres Foto von sich zu machen, eine der größten Gruppen.

    Ich konnte nicht herausfinden, was aus Tom jetzt geworden ist. Er hat irgendwann mal einen Großteil seiner Fotos aus den entsprechenden Kanälen entfernt und hat das Feld anderen überlassen. Aber er geht definitiv in die Geschichte der Fotografie als derjenige ein, der als erstes weltweit mit einem Foto von über dem Abgrund baumelnden Beinen bekannt geworden ist. Und das ist eine dieser Standardaufnahmen, die jede Rooftopperin und jeder Rooftopper heute mindestens macht, aber eigentlich nicht mehr spektakulär genug ist.

    Die Szene splittet sich inzwischen in verschiedene Untergruppen auf: Es gibt die Akrobatischen, die wilde Stunts am Abgrund machen, aber es gibt auch künstlerischere Fotografien. Alles, was es so an Bildgebender Technik gibt, wird verwendet, um originelle, nie gesehene Bilder zu machen, oder schon gesehene Bilder noch spektakulärer auszugestalten.

    Professionelle Rooftopper verdienen ihr Geld, wie alle Influencer, mit Product Placements, mit Werbung mit speziellen Produkten, die ihren Namen oder ihren Brand weitertransportieren, alles, was eben dazu geeignet ist, um aus Aufmerksamkeit Geld zu machen.

    Und interessant ist, dass in dieser Branche offensichtlich auch eine Menge Frauen unterwegs sind. Es gibt viele Rooftopperinnen, gerade unter den berühmten. Oder Pärchen, die gemeinsam um die Welt jetten und Hochhäuser erklimmen.

    So wie zum Beispiel Lucinda Grange, die außerdem noch durch einen ungewöhnlichen Bildlook heraussticht. So lässt sie sich zum Beispiel im kleinen Schwarzen auf dem Chrysler Building auf einem der Gargoyles fotografieren. Oder schleicht sich an bewaffneten Sicherheitskräften vorbei und klettert auf die Pyramiden von Gizeh.

    Die Szene ist also längst noch nicht an ihrem Ende angekommen. Ganz im Gegenteil. Sie wird bunter und bunter. Und was als reine Jugendbewegung begann, wird vielleicht sogar nach und nach zu einer eigenständigen Kunstform.

    Konnte Tom noch einigermaßen unbehelligt auf die Hochhäuser Torontos kommen, ist es inzwischen übrigens so, dass Sicherheitskräfte schon beim geringsten Verdacht, man könnte ein Rooftopper sein, einschreiten. Mein Sohn Benjamin und ich sind mal in der Frankfurter Innenstadt von Sicherheitskräften gestellt worden, als wir auf der Suche nach einer öffentlichen Parkgarage, aus der wir vielleicht fotografieren konnten, versehentlich in einen Privatbereich der Commerzbank gekommen waren. Wir waren eigentlich nur hineingegangen, und als uns klar wurde, dass wir nicht mehr auf öffentlichem Grund waren, auch wieder herausgegangen und trotzdem sahen wir uns plötzlich zwei grimmig schauenden Sicherheitsbeamten gegenüber. Die meinten dann mit Blick auf unsere Kameras, dass wir ja Rooftopper sein könnten, auch wenn ich schon ein bisschen alt für dieses Hobby wäre. Danke auch, Jungs.

    Mir aber egal, ich ziehe jetzt Coolnessfaktor daraus, dass ich beim Sicherheitsteam der Commerzbank als potenzieller Rooftopper registriert bin. Sie ließen uns nämlich auch wissen, dass beim nächsten Mal, wenn sie uns auf den Kameras erkennen würden, sofort die Polizei gerufen werden würde. Geil, oder? Fast so gut, wie wirklich da raufgestiegen zu sein.

    17 min
  • Wenn Präsidenten Elche reiten

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Theodore Roosevelt hatte ein schier unglaubliches Leben mit einer Dichte an Ereignissen die ihresgleichen sucht. Außerdem hinterließ er eine Spur aus Fotografien, unter anderem eine Aufnahme in der er auf einem Elchbullen durch einen See schwimmt…

    • Photo Of The Day: The True Story Behind That Picture Of Teddy Roosevelt Riding A Moose
    • 5 Unbelievable Times Teddy Roosevelt Cheated Death
    • Theodore Roosevelt (Wikipedia)
    • Roosevelt Pursues the Boat Thieves
    • Presidential Photographers

    Transkript

    Ich habe einen Lieblings-USPräsidenten und das ist nicht Barack Obama. Es ist ein Mann, dessen Leben so bizarr vollgepackt ist, kein Drehbuchautor hätte sich getraut, so eine Geschichte vorzuschlagen. Und die meisten Stationen sind fotografisch belegt, denn Präsident Theodore Roosevelt fotografierte nicht nur selbst, sondern war außerdem noch eine fotogene Berühmtheit in einer Zeit, in der die Kameratechnik in großen Sprüngen nach vorne schritt und nach und nach die Presse das Medium für sich eroberte.

    Er wird am 27. Oktober 1858 in eine reiche Familie in New York City geboren und er bekam den Namen seines Vaters. Und Theodore Roosevelt Senior war ein niederländischer, in die USA ausgewanderter, erfolgreicher Geschäftsmann. Der reist viel durch die Welt und nimmt seinen Sohn mit. Und so lernt klein Theodore Italienisch, Französisch, Deutsch, Englisch kann er sowieso schon, ein bisschen Niederländisch.

    Aber es war auch von Anfang an klar, dass klein Theodore talentierter als die Meisten seiner Altersgenossen und erfolgreicher als seine Altersgenossen war. So schreibt er mit 9 sein erstes Buch, ein Buch über Zoologie. Das ist übrigens ein Alter, in dem ich eine leere Arzneimittelflasche genommen habe, mit Wasser gefüllt hatte und dann behauptete, ich hätte eine neue Medizin gegen praktisch alles namens Dirkinium erfunden.

    Teddy Roosevelt schreibt mit 9 eben wie gesagt ein Buch. Und dieses Buch ist nicht nur über Zoologie, sondern enthält und dokumentiert Forschungen, die er angestellt hat, die sogar das Feld der Zoologie weiter brachten. Waren jetzt keine großen Sachen, aber hey, er war 9.

    Und er macht das, obwohl er nicht ganz gesund ist. Er hat eine Krankheit, die hin und wieder dazu führt, dass er Atemnot bekommt. Das hindert ihn aber nicht daran, im Alter von 11 Jahren der jüngste Mensch zu sein, der den Mont Blanc bestiegen hat.

    1876 tritt er ein Studium in Harvard an. Ihn interessieren besonders die naturwissenschaftlichen Themen. Später wird er noch ein Studium der Rechtswissenschaften an der Columbia University antreten und abbrechen. Aber bleiben wir erstmal in Harvard. Da schreibt er nämlich ein Buch über Seekrieg und Seetaktik, das bis in die heutige Zeit Gültigkeit hat.

    Es ist auch diese Zeit, in der ungefähr sein Vater stirbt. Und wäre das nicht tragisch genug, stirbt wenige Jahre darauf seine Mutter und gerade mal 11 Stunden nach seiner Mutter verstirbt seine Frau am Kindbett.

    Verständlicherweise reicht das dicke, um Theodore aus der Bahn zu werfen. Er schmeißt erstmal alles hin und beschließt, auf Reisen zu gehen, um seinen Kopf freizubekommen. Wohin? Der wilde Westen ist vielleicht gar nicht so schlecht. North Dakota.

    Kurz nach dem Tod seines Vaters hatte Theodore damit begonnen, sich in der Politik zu engagieren und ein Mal Politiker, immer Politiker. Auch in der Wildnis von North Dakota braucht man schließlich Amtsträger und so wird er 1886 zum Sheriff von Billings County ernannt. Theodore Roosevelt hatte Geld. Und so hat er dort auch mit einer Ranch und entsprechenden Cowboys einen wahrscheinlich ganz ordentlichen Hausstand gehabt.

    Der frisch gebackene Sheriff hat auch gleich seinen ersten Fall in der Hand. Und der betrifft ihn auch direkt selbst: Es ist Frühjahr. Der Winter ist noch nicht weg. Es hat noch deutliche Minusgrade und der little Missouri ist nach wie vor mit Eisschollen bedeckt. Gleichzeitig ist der Missouri eine wichtige Verkehrsstraße. Und so hat auch Teddy Roosevelt mehrere Boote.

    Und unsere Geschichte beginnt damit, dass ihm eines dieser Boote von drei Dieben gestohlen wird. Als Sheriff will man das natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Und so nimmt Theodor mit zwei seiner Bediensteten die Verfolgung in einem anderen Boot auf. Es geht flussabwärts, direkt in die Wildnis. Es ist eine Region, in der Berglöwen jagen. In der zweistellige Minusgrade sind. Und das einsetzende Frühjahrestauwetter sorgt für reißende Strömung und hohe Wasserstände.

    Theodore und seine Männer haben Gewehre dabei und etwas Werkzeug und zur Zerstreuung hat Theodor noch geistesgegenwärtig eine Ausgabe von Anna Karenina in seine Tasche geworfen. Die wird er dann im folgenden auch ausreichend brauchen, denn er hat viel Zeit an der Hand.

    Das Erste, was nämlich passiert, ist, dass ihn dieses zweite Boot, mit dem sie die Verfolgung aufgenommen haben, von denselben Dieben auch noch gestohlen wird. Die wiegen sich auch in Sicherheit, denn Theodore und seine zwei Begleiter sind so weit ab von jeglicher Zivilisation, dass an einen Fußmarsch zurück nicht zu denken ist. Es ist eigentlich fast sicher, dass die in der Wildnis erfrieren werden. Wenn die Berglöwen sie nicht vorher bekommen.

    Allerdings hatten die Diebe da die Rechnung ohne Theodore gemacht. Der schafft es nämlich, mit seinen zwei Cowboys zusammen genügend Holz zusammenzutragen, dass sie sich selber ein Boot bauen können und mit diesem Boot nehmen sie dann nochmals die Verfolgung der Diebe auf. Und überraschen die. Die haben nämlich jetzt nicht mehr damit gerechnet, ihrem Sheriff nochmal zu begegnen.

    Mit den Dieben im Schlepptau sind die jetzt auch ziemlich langsam, früher hat man ja gern mal kurzen Prozess gemacht, speziell der Sheriff könnte ja sogar rechtlich einwandfrei einfach an Ort und Stelle die Erschießung anordnen, aber Roosevelt beschließt, mit ihnen so nicht nur den Rückweg anzutreten, sondern sie in die nächstgrößere Stadt zu bringen. Und um das kurz in Perspektive zu setzen: Das war eine acht-Tagesreise mit den Booten zurück und dann ein 36-Stunden-Gewaltmarsch zur nächsten größeren Stadt. Immer, wenn sie Pause machten, las Roosevelt in Anna Karenina. Und, weil Roosevelt unter anderem auch eine Kamera mitgenommen hatte, gibt es Fotos von diesen drei Dieben und Sheriff Theodore Roosevelt, wie er mit Gewehr im Anschlag Wache hält.

    Wer mir 9 sein erstes Buch schreibt, in Harvard ein Militärbuch verfasst und danach von New York in den Westen reist, um dort Sheriff zu werden, ja, den hält es nicht lang. 4 Jahre später befindet sich Roosevelt wieder an der Ostküste. Dort hat es ihn in die Navy verschlagen. Und in die nationale Politik. Es ist das Jahr 1898, als sich die USA an der Schwelle zum Krieg mit Spanien befinden.

    Ja, und Theodore Roosevelt hat mal wieder Lust auf Veränderung. Er legt seine Position als Secretary of the Navy nieder und schließt sich einem Kavallerieregiment namens „Rough riders“ an. Die sind eine wilde Mischung aus reichen Playboys, irgendwelchen Schlägertypen und ehemaligen Cowboys. Er kämpft an den verschiedensten Schauplätzen, wird unter anderem auf Kuba mehrmals beinahe getötet und wird vom Schicksal in die Schlacht von San Juan Hill, eine der wichtigsten Schlachten in dieser Auseinandersetzung, gespült. Es ist diese Schlacht, die ihn endgültig berühmt machen wird. Obwohl ich mich frage, ob der nicht einfach nur versucht hat, sich selbst umzubringen.

    Als ihm nämlich die Sache nicht schnell genug vorangeht, springt er auf ein Pferd, schreit seinen Kameraden zu, dass sie ihm folgen sollten und reitet im vollen Galopp auf die gegnerischen Reihen zu. Der Gegner feuert aus allen Rohren auf ihn, verfehlt ihn aber, während er bemerkt, dass ihm bis auf zwei, drei Nasen niemand hinterher geritten ist. Er dreht also um, reitet zurück, schreit seine Kameraden an, sie sollten ihm doch gefälligst folgen, reitet mit dem Pferd dann in Stacheldraht, wodurch er gezwungen wird, abzuspringen und stürmt dann ein zweites Mal zu Fuß, diesmal mit mehreren seiner Mitkämpfer im Schlepptau, denselben Hügel hinauf. Auf dem Hügel angekommen erschießt er gleich auch den ersten gegnerischen Soldaten, ja, und ganz allgemein war diese Überraschungsoffensive dann doch recht erfolgreich. Eine Aktion, die ihm dann später eine medal of honor einbringt.

    Es gibt übrigens Berichte, wonach Theodore Roosevelt zu der Zeit Malaria gehabt haben soll, also vielleicht ist er ja im Fieberdelirium da raufgerannt, wer weiß das schon.

    Nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg arbeitet er weiter an seiner politischen Karriere und wird am 4. März 1901 Vizepräsident der Vereinigten Staaten. Gerade mal 6 Monate später wird ein Attentat auf den Amtsinhaber MCKinley verübt und macht damit Theodore Roosevelt mit gerade mal 42 Jahren zum bis dahin jüngsten Präsidenten. 8 Jahre, also two terms, bleibt er in dieser Position.

    Damals war es übrigens noch nicht Gesetz in den USA, dass man sich nur zwei Mal als Präsident aufstellen lassen durfte. Er verzichtet zunächst auf eine dritte Kandidatur und überlässt seinem Konkurrenten William Taft das Feld. 1912 entscheidet er sich aber um. Weil aber seine eigene Partei, die Republikaner, seine Kandidatur diesmal nicht unterstützen, tritt Theodore Roosevelt nicht als Kandidat der Republikaner oder der Demokraten, sondern der Progressiven an.

    In den USA haben die Parteien ja Maskottchen. Die Republikaner haben einen Elefanten und die Demokraten haben einen Esel als Maskottchen. Die progressive Partei, für die Theodore Roosevelt antrat, hatten auch ein Maskottchen: Einen Elchbullen. Und da sind wir jetzt bei einem sehr ungewöhnlichen Foto angekommen: Die Aufnahme zeigt Theodore Roosevelt, wie er einen doch beeindrucken großen Elch reitet, während der offensichtlich durch einen Fluss oder See schwimmt. Und das ist ein Bild, das in den USA jedes Kind kennt. Dagegen verblasst doch Putin, der oben ohne auf einem ganz ordinären, eigentlich nicht mal besonders großen Pferd sitzt, oder?

    Die Aufnahme wird am 8. September 1912 im New York Tribune veröffentlicht. Zusammen mit zwei anderen Aufnahmen: Das eine Bild zeigt den Kandidaten der Republikaner, William Howard Taft, wie er einen Elefanten reitet, das zweite Bild zeigt den Kandidaten der Demokraten, Woodrow Wilson, auf einem Esel, und das dritte zeigt Theodore Roosevelt mit dem Moose, also dem Elch. Es war also ein Wahlkampffoto.

    Und es war leider auch nicht echt. Auch wenn echte Theodore Roosevelt Fans es immer noch glauben wollen, dass er wirklich auf einem Elch ritt, war es eine Fotomanipulation. Das Fotostudio „Underwood & Underwood“ nahm dazu ein Bild von Theodore Roosevelt auf einem Pferd und ein Foto eines schwimmenden Elches und kombinierte die geschickt. Wer sich das linke Bein genau ansieht, kann an den Wellen erkennen, dass es eine Manipulation ist.

    Es ging turbulent zu damals. Roosevelts Partei sorgte für eine Spaltung der Republikaner. Und es war ein harter Wahlkampf. Die Kandidaten eilen von Redetermin zu Redetermin. Und damals hat man noch wirklich lang und ausführlich gesprochen.

    Wir befinden uns jetzt mental bei einer solchen Wahlkampfveranstaltung. Theodore Roosevelt nimmt noch ein Bad in der Menge und soll eine Rede halten. Wir alle kennen doch diese Filme, oder? Wo der Held von einem Bösewicht angegriffen wird. Im letzten Augenblick, alles scheint schon gewonnen zu sein, kommt jemand und schießt ihm in die Brust. Der Held geht zu Boden, alle um ihn rum verzweifeln und gerade, als wir fast schon glauben, dass er vielleicht doch gestorben ist, stellt sich raus, dass die Kugel von einem Zigarettenetui, einer Münze, einer Bibel oder was auch immer zufällig in der Tasche unseres Helden steckte, aufgefangen war. Und wir verdrehen die Augen. Ein Film, der sich sowas leistet, kann das nicht ernst meinen.

    Außer es ist eine Doku über Theodore Roosevelts Leben. Denn genau das passiert an diesem schicksalshaften Tag. Theodore Roosevelt hat ein Stahlbrillenetui und eine gefaltete Version seiner Rede, 50 Seiten immerhin, in seiner Brusttasche und beide nehmen genug Wucht aus der Patrone, dass die zwar in seinen Brustkorb eindringt, ihn aber nicht umbringt. Ja, und was uns nicht umbringt, härtet ab, würde ich sagen, und deswegen, richtig, lässt sich Roosevelt auch nicht von seiner Rede abhalten. Mit der Kugel im Brustkorb steigt er aufs Rednerpodium und hält, wie geplant, seine 90-minütige Wahlkampfrede.

    [Einspieler]

    „I believe again, that the american people are, as of all, capable of self control and the learning by their mistakes.“

    Und erst danach macht er sich auf den Weg ins Krankenhaus, wo die Ärzte beschließen, die Kugel an ihrem Platz zu lassen. Das ist beeindruckend.

    Er gewinnt die Wahl übrigens diesmal nicht. Es wird ein anderer Roosevelt sein, der später dann drei Terms hat, ein Enkel. Ich könnte jetzt hier noch viel, viel länger erzählen, was Roosevelt noch alles erreicht hat. Zum Beispiel, dass er der erste Amerikaner war, der den Friedensnobelpreis bekommen hat. Dass er einer der vier Präsidentenköpfe an Mount Rushmore ist. Dass natürlich der Stoffteddy den Namen ihm zu Ehren trägt.

    Aber für den Zweck des Fotomenschen Podcast bleibt einfach mal festzuhalten, dass Theodore Roosevelt nicht nur beeindruckend als Persönlichkeit war, sondern auch der Präsident, der als erster umfassend mit Fotografie spielte. Es gibt von jeder wichtigen Station seines Lebens gute und detaillierte Fotografien. Er selbst fotografierte auch. Und bis heute kennen viele Amerikaner Bilder, die entweder Theodore Roosevelt zeigen oder von ihm gemacht wurden. Und das ist über hundert Jahre später eine reife Leistung.

    15 min
  • Fliegende Katzen im Wasserschwall

    ====> 30x Fotogeschichte(n) - Ein Lesebuch für Fotograf*innen mit und ohne Kamera <====

    Philippe Halsman schaffte es 101 mal mit seinen Fotografien auf das Titelblatt des Time Magazines und wurde berühmt durch Portraits springender Prominenter, surreale Fotografien und seine Kollaboration mit dem Surrealisten Salvador Dali.

    • Philippe Halsman (Wikipedia)
    • Leda Atomica (Wikipedia)
    • In Voluptas Mors
    • Behind the scenes of In Voluptas Mors (Huff. Post)
    • Silence of the lamps and In Voluptas Mors
    • Philippe Halsman’s Jumpology

    Transkript

    Ein Eimer Wasser, ein Stuhl, drei Katzen und ein springender Maler sind die Zutaten für eins meiner absoluten Lieblingsbilder. Und ein guter Grund, um über das Werk eines Fotografen zu sprechen, dessen Arbeit sich anschauen sollte, wer wirklich originelle Portraits machen möchte.

    Philippe Halsman wurde am 2. Mai 1906 als Sohn einer Rektorin und eines Zahnarztes in Riga in Litauen geboren. Wie es sich für eine wohlhabende jüdische Familie gehört, genießt er eine umfassende Ausbildung, zu der mehrere Sprachen, Verständnis für Kunst und Reisen ins europäische Nachbarland gehören. Er hat gute Noten und freie Auswahl, welche Uni er denn nun besuchen möchte und er entscheidet sich für ein Elektroingenieursstudium an der TU Dresden. Als er da 1924 sein Studium aufnimmt, hat er schon solide Kenntnisse in der Fotografie. Er begann 1921, mit der Kamera seines Vaters Freunde und Familie zu fotografieren. Und während er in Dresden studiert, verdient er sich als Fotograf ein kleines Zubrot.

    Es ist das Jahr 1928, als sein Leben eine dramatische Wendung nimmt: Bei einer gemeinsamen Wanderung in den Alpen kommt sein Vater tragisch ums Leben und Philippe wird dafür vor Gericht gestellt und mit einer Teilschuld zwei Jahre in das Gefängnis gesteckt. Das ist eine Geschichte, in der zum ersten Mal deutlich wird, welchen illustren Bekanntenkreis die Familie Halsman und Philippe Halsman speziell zu der Zeit schon hatte: Das sind Leute wie Albert Einstein und Thomas Mann, die sich für seine Freilassung stark machen und erreichen, dass er 1931 nach Paris zu seiner Familie reisen kann.

    Paris ist es auch, wo er dann sein erstes, wirklich ernsthaft betriebenes Fotostudio eröffnet, 1932 in Montparnasse. Und es war von Anfang an die Portraitfotografie, die es ihm angetan hatte. Dabei ging es ihm nicht nur darum, Menschen abzulichten, er strebte an, etwas über die Psychologie, über das innerste des Portraitierten darzustellen. Dafür sei es wichtig, schreibt er später, dass das Bild absolut technisch einwandfrei ist. Es muss scharf bis ins Detail sein und so kamen die kleinen Reportagekameras, die damals zunehmend in Mode kamen, nie für ihn infrage.

    Er fotografierte im Groß- und Mittelformat. Er ging sogar so weit, dass er seine eigene Kamera konzeptionierte und sich eigens anfertigen ließ. Das ist übrigens etwas, das liest man hauptsächlich von den Fotografen des 19. Jahrhunderts, denn damals hat mancher sich eine Kamera selbst gebaut, weil es die nun Mal nicht von der Stange zu kaufen gab. Die Fotografinnen und Fotografen, die das im 20. Jahrhundert noch machen, tun das nicht, weil es grundsätzlich nicht genügend Auswahl am Markt gäbe, sondern, weil sie Anforderungen haben, die mit dieser Auswahl nicht abgedeckt werden können.

    Philippe Halsman wird über seine Karriere hinweg mehrere Kameras konstruieren und die sind selbstverständlich heute teure Sammlerstücke.

    Aber zurück zu seinen Fotografien: Er erarbeitet sich schnell den Ruf, einer der besten Portraitfotografen Frankreichs zu sein und Magazine wie die Vogue beauftragen ihn, damit Titelbilder und Fotostrecken zu produzieren. Seine Bilder unterscheiden sich deutlich von dem, was damals fotografisch üblich war. Zum Beispiel war die Mode damals ein leicht weicher Fokus auf dem Bild und das Spiel mit Unschärfe, während Philipe Halsmans Bilder von Vorne bis Hinten detailreich und knackscharf fotografiert waren.

    Als Hitler seinen Vormarsch in Europa begann, bemühte sich Philippe Halsman um Visa für sich und seine Familie und bekam die zunächst auch für seine Frau und seine Kinder. Als Hitler Frankreich überfiel, stand seins noch aus und so floh er in den Süden von Paris und tauchte zunächst unter. Wieder sind es seine Freunde; Thomas Mann, Albert Einstein und First Lady Eleanor Roosevelt, die ihm ein Notfallvisum beschaffen und die Ausreise in die USA ermöglichen.

    Dort setzt er seine fotografische Arbeit fort, was ihm ultimativ einen Auftrag für das Live Magazine einbringt. Das Live Magazine wird ihn Zeit seines Lebens begleiten. Er wird 1979 als Rekordhalter sterben: 101 Mal Titelblatt des Time Magazines.

    Und darunter sind Bilder, die wir vermutlich alle wiedererkennen. Und das liegt unter anderem daran, dass seine Portraits in der Regel überraschen. Da haben die Portraitierten Posen, die wir so noch nie gesehen haben oder Accessoires wurden fotografiert, die wir nicht in einem Portrait erwarten würden, oder Philippe Halsman spielt mit Technik.

    Er war ein Meister der Beleuchtung und der Trickfotografie. In einer Zeit, in der es kein Photoshop gab, in der die meisten Tricks in Kamera stattfinden mussten.

    Und jetzt zu dem Bild mit den Katzen und dem Wasser und dem Maler. Die Rede ist von einem Bild, das den Titel „Dalí Atomicus“ trägt und das vielleicht berühmteste Portrait des Malers Salvador Dalí ist.

    Dalí und Halsman verbindet zu dem Zeitpunkt, als dieses Foto gemacht wird, schon eine jahrelange Freundschaft. Dalí ist Maler, Halsman ist Fotograf. Dalí interessiert sich nicht fürs Fotografieren und Halsman hat kein Interesse daran, Maler zu sein. Aber beide zusammen werden über Jahre hinweg eine produktive Kollaboration pflegen, die zu mehreren Büchern und herausragenden Fotografien führt.

    Die Bildidee stammt aus einem Gemälde von Salvador Dalí, „Leda Atomica“. Leda ist die mythologische Königin von Sparta und das Bild zeigt sie mit einem Schwan auf einem Podest, das in der Luft schwebt. Die Gegenstände, die man in der Luft sieht, schweben alle. Und das war die Kernidee, mit der Philippe und Salvador spielten, als sie dann das Gemälde „Dalí Atomicus“ planten. Wer das Bild nicht kennt: Ich packe eine Kopie davon in die Notizen zur Sendung. Und es ist wirklich wert, sich das kurz anzuschauen.

    Ich versuche, es trotzdem mal zu beschreiben: In dem Bild sieht man mehrere schwebende Gegenstände, drei fliegende Katzen, einen frei in der Luft stehenden Schwall Wasser und einen schwebenden Salvador Dalí, der an einer schwebenden Leinwand malt. Das einzige, was sich berührt, sind die Katzen und das Wasser.

    Und das Bild entstand in über acht Stunden und in mehr als 26 Aufnahmen. Seine Tochter beschreibt das Ganze so:

    [Einspieler]

    „My father took invisible wires and hung the aisle, the little stool and the picture of Leda Atomica’s and my mother held the chair.“

    Ja, wir befinden uns in einem Studio in New York. Und nicht nur war Dalí und drei Assistenten, sondern die ganze Familie damit beschäftigt, dieses Bild zu erzeugen. Verschiedene Möbelstücke waren mit dünnen Drähten, also „invisible wire“, so aufgehangen, dass sie in der Fotografie so aussehen würden, als ob sie frei schwebten. Von der Seite her war ein Stuhl, der ins Bild ragte und dann war die Idee, dass von Links her ein Schwall Wasser durchs Bild geht, während von Rechts drei Katzen ins Bild fliegen und Salvador Dalí musste natürlich springen,

    [Einspieler geht weiter]

    „Philippe would count to four: ‚one, two, three‘ and the assistants threw the cats and the water and on ‚four‘ Dalí jumped.“

    Die Assistenten waren für das Werfen der Katzen und das Wasser zuständig. Halsman würde zählen: „Eins, zwei, drei“, Wasser und Katzen wurden geworfen und auf „vier“ sprang Dalí in die Höhe.

    [Einspieler geht weiter]

    „My job at the time was to catch the cats and take to the bathroom and dry them off with a big towel. My father would run upstairs, where the dark room was, developed the film, printed, run downstairs, and he said: not good, bad composition, this was wrong, that was wrong, it took 26 tries to do this.“

    Halsman drückte ab und während seine Assistenten und seine Familie sich damit beschäftigten, die garantiert nicht begeisterten Katzen zu fangen und wieder zu trocknen und den Boden zu reinigen, rannte Philippe schnell in die Dunkelkammer, entwickelte das Bild, betrachtete das Ergebnis und kam zurück, mit weiteren Instruktionen.

    Es gibt ein ganz fantastisches Buch, das heißt Magnum Contact Sheets, in dem man die komplette Serie, die von Philippe Halsman für dieses Bild gemacht wurde, abgebildet ist, mit den Notizen. Und da sieht man mal den Stuhl, der leider das Gesicht von Salvador Dalí verdeckt. Oder die Katzen, die den Wasserstrahl verfehlen. Oder der Wasserstrahl, der leider Dalí und nicht die Katzen trifft, und so weiter.

    Mindestens 26, vielleicht auch 28 Versuche waren notwendig, bis das finale Bild, das berühmt werden sollte, im Kasten war. „Dalí Atomicus“. Die armen Katzen.

    Philippe und Salvador Dalí haben nicht nur dieses originelle Portrait von ihm gemacht, sondern es gibt eine ganze Bandbreite von Salvador-Dalí-Portraits aus Philippes Kamera. In einer Fotoreihe, die er „Dalí’s Mustache“ nannte und für die er auch einen Bildband herausgab, fotografiert er 36 Mal Portraits von Salvador Dalís Bart. Und jedes sieht ganz grundsätzlich anders aus. Und ja, auch wenn man immer Salvador Dalí sieht, geht es ganz eindeutig um diesen Bart.

    Dann gab es auch noch ein Bild, das einen handfesten Skandal auslöste und nicht weniger ikonisch ist. Das Bild ist lateinisch „Voluptas Mors“ betitelt und das übersetzt sich grob in das Wort „Todesvergnügen“ oder „Vergnügen des Todes“. Und es zeigt einen in Frack und Zylinder posierenden Salvador Dalí im Vordergrund und einen aus nackten Frauen geformten Totenschädel im Hintergrund. Speziell dieser Totenschädel ist so ikonisch, dass er auch diverse Male kopiert wurde oder weitere Verwendung gefunden hat. Zum Beispiel in dem Filmposter vom „Schweigen der Lämmer“. Wer sich die Totenkopfmotte dort ansieht, wird feststellen, dass die Designer als Totenkopf genau diese 7 nackten Frauen aus „Voluptas Mors“ genommen haben.

    Philippe Halsman war auf jeden Fall ein origineller Fotograf. Seine Bilder überraschen unter anderem auch deswegen, weil er oft Menschen fotografierte, die schon viele tausende Male fotografiert worden waren. Er tourt während seiner Karriere um die Welt und fotografiert das Who’s who der damaligen Gesellschaft. Es gibt berühmte Portraits von Albert Einstein, von Thomas Mann, von Churchill, der Windsource und die meisten seiner Aufnahmen haben das gewisse Etwas.

    In seinen Portraitsitzungen hatte er außerdem ein kleines Ritual: Wenn die Arbeit nämlich getan war, bat er seine Models, kurz nochmal für ihn in die Luft zu springen. Halsmans „jumping portraits“ begründen nicht nur einen Trend, der sich bis heute fortsetzt, sie sind auch eine Bildreihe, die immer noch sehenswert ist. Oder wer hat schonmal den Duke und die Duchess von Windsor in die Höhe springen sehen? Und auch ein weiteres ikonisches Portrait stammt aus dieser Reihe, nämlich Marylin Monroe, die mit Enthusiasmus und Begeisterung im vollen Schwung in die Höhe springt.

    Diese Portraits sind faszinierend und ja, sie sind anders. Und Philippe Halsman erklärt das so, dass man beim Springen nicht mehr daran denken kann, wie man für die Kamera aussehen möchte. Man ist mit Springen beschäftigt. Und da kommt dann eben ein kleines Stück vom wahren Selbst zum Vorschein, das man in dem Augenblick fotografieren kann. So behauptet Philippe. Und wir? Wir glauben ihm das jetzt einfach so.

    14 min

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