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Das erste von einer Handykamera stammende Bild wurde auf einer Entbindungsstation aufgenommen…
(Unter dieser Zeile müsste ein Video sein. Wenn nicht, dann auf nach https://fotomenschen.net)
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Bild: By Philippe Kahn – Released to public domain as noted here, which states, „All images released to the public domain.“, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15288272
Transkript
Mein erstes Handy war ein Telefon von Motorola und das konnte genau ein Ding, nämlich telefonieren, und das noch nicht mal besonders gut. Damit konnte man nicht im Internet surfen, man konnte damit nicht navigieren und fotografieren schon gar nicht. Und damals, im Jahr 1995, vermisste das auch noch niemand.
Damals fotografierte man mit Filmkameras. Der Höhepunkt der Filmfotografie war noch nicht erreicht. Das wurde erst im Jahr 2000 passieren und das, was heute das Internet nennen, war gerade mal zwei, vielleicht drei Jahre alt. Es gab noch kein Google. Es gab noch kein Facebook. Wir hatten ja nichts damals. Entschuldigung.
Und ich verbrachte zu der Zeit jede freie Minute an meinem Computer, um mir selber Programmieren beizubringen. Und zwar mit der Programmiersprache Turbo Pascal der Firma Borland. Die Programmiersprache Turbo Pascal war für die Entwicklung der modernen Programmiersprachen super einflussreich aber eigentlich hat es mit der Geschichte heute nur am Rande zu tun.
Ich erwähne das hauptsächlich aus zwei Gründen: Zum einen wurde die Firma Borland 1982 von Philippe Kahn gegründet und der wird jetzt gleich sehr, sehr wichtig werden. Zum anderen will ich einfach nur unterstreichen, dass ich erstens ein alter Sack und zweitens ein totaler Nerd bin. Ich sympathisiere also mit Philippe Kahn, er wäre zu der Zeit damals einer meiner Helden gewesen. Ich hätte gewusst, wer der Mann ist. Ich hätte gewusst: Philip Khan ist der Typ, der Borland gegründet hat und dann die Firma Starfish Software und dann LightSurf und dann Fullpower Technologies.
Im Grunde war Philippe Kahn ein Vollblutnerd, der verstanden hatte, wie man technologische Entwicklungen zu Geld macht. Und er war ein Bastler, das, obwohl er im Jahr 1997 unsere Geschichte jetzt einsteigt, sein zweites Multimillionen-Dollar-Unternehmen gegründet hatte.
Es ist der 11. Juni 1997. Er und seine hochschwangere Frau sind zu Hause und warten darauf, dass die Wehen einsetzen. Die Tasche fürs Krankenhaus ist gepackt, unter anderem natürlich mit dabei eine Kamera.
Und weil er nun mal ein Techentrepreneur aus dem Silicon Valley ist auch nicht irgendeine Kamera, sondern der heißeste Scheiß, den man zu der Zeit haben konnte. Eine Casio QV-10.
Das ist die Kamera, die die Digitalkamerarevolution gestartet hat. Die erste für Konsumenten erschwingliche Digitalkamera. 800 Dollar war so ungefähr der Kaufpreis. Unglaubliche 320 mal 240 Punkte Auflösung. Das sind ungefähr ein viertel Megapixel. Zum Vergleich: meine Handykamera hier hat 64 Megapixel, das sind 256-mal so viel.
Als die Wehen bei seiner Frau einsetzen greift er also diese Tasche nebst Kamera und weil man ja nie so genau wissen kann, wie lange man dann nun im Krankenhaus eigentlich nur wartet, hat er auch noch seine Arbeitstasche mit seinem Laptop dabei. Muss ich erwähnen, dass auch Laptops damals weder besonders üblich noch besonders klein waren?
Er nahm den Kram jedenfalls mit, weil er zu der Zeit an einem kleinen Projekt arbeitete, mit dem er den Versand großer Dateien vereinfachen wollte. Statt z. B. Bilder als E-Mail-Anhängsel rumzuschicken wollte er an einer zentralen Stelle das Bild ablegen und nur einen Link darauf per E-Mail verschicken.
Kahn greift sich also Tasche, Telefon, Laptop und wirft sich mit seiner Frau ins Auto, um schnellstmöglich ins Krankenhaus zu fahren. Weil er sich nicht an die Höchstgeschwindigkeit hält wird er unterwegs noch aufgehalten und weil der Polizist ihm nicht glaubt, dass er auf dem Weg zur Entbindungsstation ist, bekommt er ein Ticket, aber hey, egal. Jedenfalls sitzt er dann da.
Wer selbst schon mal in der Situation war, weiß es vielleicht. Bei den allermeisten Menschen vergeht zwischen den ersten Wehen und der Geburt einiges an Zeit. Zeit, die es totzuschlagen gilt. Ein Glück, dass er seinen Krempel dabei hat. Vielleicht, so der Gedanke, könnte er irgendwie eine Verbindung zu den Computer bei ihm daheim in der Küche herstellen und von da aus dann ein paar Testdateien verschicken.
Heutzutage hat man Data auf seinem Handy oder WiFi im Krankenhaus. Philippe Kahn und seine Frau hatten ein Handy, eine Kamera und einen Laptop. Laptop und Handy konnte er miteinander verbinden. Aber Kamera und Laptop waren Problem, denn er hatte kein passendes Kabel dabei und Kamera und Handy wäre natürlich noch viel praktischer aber dafür existierte gar kein passendes Kabel.
Und jetzt kommt ein ziemlich unterhaltsamer Twist in dieser Anekdote. Denn woran erkennt man, dass man mit einem Vollblutnerd verheiratet ist? Genau. Wenn der im Kofferraum einen Lötkolben dabei hat. Und woran erkennt man, dass die Frau dieselbe Art von Nerd ist? Genau. Wenn sie ihm dabei zuhört, wie er über das mangelnde Kabel flucht und ihn daran erinnert, dass er doch einen Lötkolben dabei hat und es wird doch genügend Kabel im Auto geben müsste, aus denen man so ein Kabel machen könnte.
Philippe Kahn läuft also runter zu seinem Auto, holt sich den Lötkolben, nimmt den Seitenschneider, schneidet Kabel aus seiner Autostereoanlage heraus und bastelt auf der Entbindungsstation, während seine Frau am Wehenschreiber hängt, ein Verbindungskabel, um Handy, Laptop und Kamera so miteinander zu verbinden, dass er ein Foto aufnehmen, es nach Hause zu seinem Computer schicken und direkt per E-Mail an Freunde und Familie verteilen kann.
Ich meine, bei der Entbindung fotografieren war sowieso der Plan. Das Foto danach an Freunde und Familie weiterzuverteilen auch. Wäre doch cool, wenn man das noch gleich durch die Software daheim durchrutschen lassen kann. So oder so ähnlich war der Gedanke.
Als seine Frau Sonja zur Entbindung gefahren wird, ist alles bereit. Im Kreissaal hat Philippe Laptop, Kamera, Handy und diverse Kabel zur Hand, um das große Ereignis zu dokumentieren. Später in Interviews erzählt er von der kindlichen Freude des Doktors, der von der Apparatur so fasziniert war, dass man ihn daran erinnern musste, dass es da noch eine Entbindung gab, um die er sich kümmern musste.
Und irgendwann ist es dann so weit. Philippes Tochter Sofia kommt am 11. Juni 1997 in Santa Cruz in Kalifornien auf die Welt und er kriegt sie in den Arm gelegt und macht ein Foto von ihr. 15 Minuten später geht dieses Foto an c.a. 2000 Freunde und Familie. Die ist nämlich um den ganzen Erdball verteilt.
Seine Frau ist Südkoreanern, er ist aus Frankreich, sie leben in den USA. Die E-Mail mit dem Foto Sofias geht also um die Welt. Und es bleibt natürlich auch nicht bei dem Bild. Wie sich das für stolze Eltern gehört gibt es diverse Schnappschüsse der müden, aber glücklichen Familie.
Und die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten. Neben den zu erwartenden Glückwünschen kommen dann allerdings auch sehr, sehr schnell hunderte Rückfragen. Denn die Leute sehen, dass die Bilder anscheinend 15 Minuten alt sind, wenn sie bei ihnen in ihren Emailinboxen ankommen und fragen, wie er das denn bitte geschafft hat. Zu der damaligen Zeit musste man ja normalerweise sein Foto mit der Digitalkamera machen, die dann irgendwann an den Computer anschließen, die Bilder übertragen, die übertragenen Bilder in eine E-Mail packen, die E-Mail versenden et cetera. 15 Minuten, das war praktisch Echtzeit. Und als Philippe sieht, was dieser kleine Hack für eine Resonanz hat, geht ihm ein Licht auf.
Interessanterweise ist trotzdem nicht Philippe Kahn derjenige, der die ersten wirklich kommerziell verfügbaren Fotokameras auf den Markt bringt. Der Preis geht an mindestens drei, wenn nicht sogar vier verschiedene Firmen, die alle von sich behaupten können, in irgendeiner Art und Weise die ersten gewesen zu sein. Das Ganze spielt sich dann zwischen dem Jahr 1998 und 2000 ab. Verschiedene Geräte kommen auf den Markt mit verschiedenen Möglichkeiten, die alle mehr oder weniger dieselbe Idee haben, nämlich eine Kamera und ein Telefon zusammenzubringen.
Die Idee der Software hingegen, die führte Kahn und seine Frau zur Gründung ihres nächsten Unternehmens, ein Multimedia Messaging Unternehmen, das dann später von Verisign gekauft werden sollte.
Und bis heute beschäftigt sich dieses Powerpärchen damit, Technologie zu entwickeln. Über 230 Patente werden Phillip Khan zugeschrieben und das Spektrum reicht von Hardwarebasteleien bis hin zu modernsten AI-Tools. Und habe ich schon erwähnt, dass die beiden schon mit Borland einen bleibenden Eindruck auf die Geschichte der IT hinterlassen haben?
Aber ich muss auch zugeben, es ist schon spektakulär cool, die Wartezeit bis zur Entbindung damit zu überbrücken, dass man ein Kameratelefon hin MCGyvert, um dann mit einem Babyschnappschuss in die Geschichte der Fotografie einzugehen. Das ist auch der Grund, warum das Time Magazine völlig zurecht das Bild von Baby Sofia Kahn in der Liste der 100 einflussreichsten Fotografien aller Zeiten führt.
Im Zeitalter von wasserdichten Action Cams die in die Hosentasche passen vergessen wir gerne mal welchen atemberaubenden Aufwand es brauchte um selbst einfache Aufnahmen unter Wasser anzufertigen.
So mussten Pioniere wie der Franzose Louis Boutan ihre komplette Technik selbst konstruieren und dabei nicht nur mit unpraktischen Verfahren sondern auch mit tonnenschwerem Equipment arbeiten.
(Unter dieser Notiz ist kein Video? Auf nach https://fotomenschen.net)
Bild: By Louis Boutan – Spiridon Manoliu’s pictures, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7291742
Sound: By HDVideoGuy, CC-NC, https://freesound.org/people/HDVideoGuy/sounds/156011/
Transkript
Fotografie, es fühlt sich komisch an das in ein Mikro zu sagen aber wenig ist so omnipräsent und banal wie die Möglichkeit ein Bild zu machen. Alles ist und wird fotografiert, es gibt Kameras, die wenn man sie in die Luft wirft auf dem Scheitelpunkt der Flugbahn ein 360° PanoramaFoto schießen, bevor sie stoßfest und sicher auf dem Boden aufschlagen. Es gibt Kameras, die können fliegen und Luftaufnahmen machen, es gibt Kameras, die sind so klein, dass sie in jede nur erdenkliche Öffnung eingeführt werden können und eingeführt wurden und moderne Kameras können bei Dunkelheit praktisch immer noch fotografieren. Und natürlich ist uns allen klar, dass das nicht immer so war, als die Fotografie eingeführt wurde, war die ein sehr aufwendiger und vor allem flüssigkeitsintensiver Prozess.
Die Daguerreotypie oder später auch die Negativ-Verfahren, die mit feuchten Medien arbeiteten, die waren darauf angewiesen, dass der Fotograf das Medium mit dem er arbeitet zunächst einmal vorbereitet, dann mehrere Minuten lang belichtet und nachbereitet. Das heißt diese Verfahren funktionierten dort am besten wo es genau kontrollierte Umgebungsbedingungen gab und eine Dunkelkammer zur Hand war wo man dann schnell nachbearbeiten konnte. Und generell galt: Je heller, desto besser, deswegen waren erste fotografische Studios auch mobil und im freien, Portraits wurden draußen gemacht.
Das änderte sich geringfügig als man lernte Blitze zu erzeugen, zu den Chemikalien mit denen der Fotograf sowieso schon hantierte, die übrigens meist feuergefährlich waren, kam also noch Magnesiumpulver und irgendwelche Brandapparaturen. Wer sich also zu dieser Zeit mit Fotografie beschäftigte war weit mehr als Jemand, der einfach nur gern Bilder machte. Man war wahrscheinlich eine Mischung aus Bastler, Wissenschaftler und Künstler und ich glaube so dürfte man zum Beispiel den Briten William Thompson beschreiben.
Der lebte im Süden Englands und stellte sich irgendwann die Frage, ob es nicht möglich sein müsste mit den brandneuen fotografischen Verfahren auch Brückenschäden unter Wasser zu kommentieren. Zu der Zeit konkurrierten gerade zwei Verfahren auf dem Markt, die Daguerreotypie in der mithilfe von Quecksilberdämpfen ein Bild auf einem Silberplättchen fixiert wurden und das Wet-Plate-Kollodium Verfahren, das funktionierte so, dass man eine Glasplatte mit einer eigens dafür hergestellten Chemikalie beschichtete, die dann lichtempfindlich wurde und bei Belichtung ein Negativbild auf der Platte entstehen ließ. Stellen auf die Sonne fiel wurden also schawrz und Stellen auf die weniger Licht fiel waren durchsichtig, es war also ein Negativ-Verfahren. Der Vorteil solcher Negativ-Verfahren war, damit konnte man beliebig viele Kopien machen, dazu legte man die Glasplatte mit dem negativ auf fotoempfindliches Papier und belichtete durch. Im Ergebnis hatte man dann einen Print, also ein fertiges Foto, beliebig viele, wenn man denn wollte.
Der Prozess war freilich auch einigermaßen aufwendig, wie gesagt, erstmal das Glasnegativ herstellen, das war nicht ewig haltbar, das heißt man musste es zeitnah zum eigentlichen Foto vorbereiten und direkt nach erfolgter Belichtung, die durchaus auch mal etwas länger dauern konnte musste das ganze natürlich entwickelt und fixiert werden. Trotzdem war der Prozess weniger aufwendig als die Daguerreotypie und hatte den Vorteil nicht nur Unikate zu produzieren. Das jedenfalls war das Verfahren mit dem William Thompson beschloß zu experimentieren, er wollte eine Unterwasseraufnahme machen und unterwasser war nunmal weniger Licht als überwasser, deswegen verlängerte sich die Belichtungszeit. Außerdem wollte er nicht mit untertauchen, Tauchanzüge wie wir sie heute kennen gab es noch nicht, also konstruierte Thompson eine Box in der die Kamera untergebracht werden sollte und einen Fernauslöser mit dem er den Verschluss öffnen und wieder schließen konnte.
Es gab keine Erfahrungswerte was Belichtung unterwasser anging und deswegen muss er ziemlich lang rumprobiert haben. Wieder und wieder muss er auf einem Boot ein Glasnegativ vorbereitet, in eine Box gesteckt und an einem Seil ca sechs Meter in die Tiefe gelassen haben. Und irgendwann hatte er es dann, die weltweit erste Unterwasseraufnahme. Sieht relativ unscharf und unspektakulär aus aber bewies immerhin, dass es theoretisch möglich war. Thompson fand das Verfahren jedoch wenig praktikabel und die Methode blieb nicht mehr als ein kleines Experiment. Er beschrieb das Vorgehen in einem Artikel, der dann 1856 in dem “Journal of the Society of Arts” auch veröffentlicht wurde und da endet auch grob die fotografische Geschichte von Thompson. Was ich absolut faszinierend finde ist, dass Thompson seiner Zeit ca 30 Jahre voraus gewesen ist, so lang dauerte es nämlich bis jemand ernsthaft und systematisch versuchte die mit Wasserfotografie verbundenen Probleme zu lösen.
Es gab zwar dazwischen immer wieder mal Experimente, so behauptete ein Franzose er hätte verschiedene Aufnahmen unterwasser gemacht und so weiß man nicht wirklich ob das den Tatsachen entsprach und die Deutschen experimentierten mit Fotografie auf U-Booten aber nichts davon hatte wirklich großen Bestand. Der erste wirklich dokumentierte Unterwasserfotograf, der dann auch unterwasser ernsthaft scharfe Bilder produzierte und , jawohl, auch unterwasser blitzte, war dann der Franzose Louis Boutan. Der war Vollblutwissenschaftler und im Auftrag seiner Regierung ziemlich weit herumgekommen, er hatte in Australien Beuteltiere erforscht, er hatte sich mit Weichtieren beschäftigt und kam im Jahr 1890 ans Rote Meer. Dort lernte er 1886 zu tauchen und was er da sah wollte er dokumentieren. Bis dahin hatte man Meereslebewesen an der Oberfläche fotografiert und diese Aufnahmen waren natürlich nicht vergleichbar mit den Aufnahmen, die man in ihrem natürlichen Habitat, lebendig von ihnen machen konnte oder hoffte machen zu können. Bouton begann also, wie schon Thompson vor ihm, damit ein Gehäuse für eine Kamera zu entwickeln, anders als Thompson aber wollte Bouton selber unter Wasser sein während er die Aufnahmen macht.
Und dafür experimentierte er auch mit verschiedenen Tauchverfahren, auch die Taucherei war damals ja noch in Entwicklung. Da gab es alles, von Tauchglocken über einfache Apparaturen, die Schläuche von der Oberfläche mitführten bis hin zu Hartschalenanzügen, also praktisch tragbaren Taucherglocken. Beleuchtung war allerdings ein Problem, die ersten Aufnahmen gelangen im 1893 und brauchten in den gerade mal 3,5 bis 11 Metern Tiefe zwischen 10 und 30 Minuten Belichtungszeit. Das hieß Tiere konnte man so nicht fotografieren, außer sie blieben zufällig gerade mal 30 Minuten am gleichen Fleck aber dann waren sie sehr wahrscheinlich nicht scharf. Bouton begann also mit verschiedenen Blitztechnologien zu experimentieren, eine erste Idee war ei Boot mit einem Glasboden auszustatten und sozusagen von der Wasseroberfläche aus nach unten zu blitzen, der nächste Schritt war dann die gesamte Blitzgerätschaft in ein Tauchfass zu integrieren auf dem oben eine offene Lampe zu finden war, mit der man dann den Lichtblitz erzeugte, das Problem war nur, Chemikalische Blitze erzeugen Rauch und Rauch beschlägt Glas, das heißt die Gläser mussten unterwasser ausgetauscht werden, nachdem sie benutzt worden waren. Und das war schon ein Fortschritt, die allerersten Birnen explodierten bei der Benutzung.
Man kann sagen in den ersten drei Jahren, ging Bouton durch die ganze Palette der Lichterzeugung und kam zum Schluss bei elektrischen Bogenlampen an. 1899 machte er damit dann die letzten seiner Aufnahmen und hat da dann Belichtungszeiten von gerade einmal 5 Sekunden. Aber der Preis für diese technische Leistung war gewaltig, diese Bogenlampen, die wurden von 60 Batterien mit je 25 Amperestunden mit Strom versorgt und waren in ein Gußeisernes Kugelgehäuse eingelassen, das Gesamtgewicht der gesamten Apparatur betrug 1,5 Tonnen aber es lohnte sich, er veröffentlichte das erste Buch über Unterwasserfotografie überhaupt. Das Werk “La Photographie Sous-Marine Et les Progrès de la Photographie”, wo er nicht nur über Unterwasserfotografie sonder über den Fortschritt von Fotografie ganz allgemein schrieb. Später gelangen ihm dann auch noch Nachtaufnahmen aus 50 Meter Tiefe, was seinen Ruf als den Unterwasserfotograf der Zeit zementierte. Seine Bilder wurden dann unter anderem auch auf der Weltausstellung 1900 in Paris ausgestellt, überhaupt schien es bei dieser speziellen Weltausstellung ein Who-is-Who der damals gängigen Fotografen zu geben und die stellten alle bis dahin unmöglich geglaubte Bilder aus, da gab es George Lorenz, der seine spektakulären Luftaufnahmen und Panoramen ausstellte und eben Bouton mit Aufnahmen unterwasser, beide mit eigens dafür entwickelter Beleuchtungstechnik. Wäre Bouton nicht Biologe gewesen, sondern Geschäftsmann und Erfinder wie George Lorenz, ich kann mir vorstellen, die beiden hätten ein ganz großartiges Team abgegeben
Diesmal geht es um die Geschichte die jedes Foto auf unseren Handies mit einem schwedischen Playmate verbindet.
Bildquelle: By Original full portrait: „Playmate of the Month“. Playboy Magazine. November 1972, photographed by Dwight Hooker.This 512×512 electronic/mechanical scan of a section of the full portrait: Alexander Sawchuk and two others[1] – The USC-SIPI image database, Fair use, https://en.wikipedia.org/w/index.php?curid=20658476
Transkript
Na, heute schon ein Foto gemacht? Wahrscheinlich, wenn die Antwort jetzt gerade ja war, waren das Dateien im JPEG Format. Ja und heute werde ich erzählen, was das mit dem Playboy zu tun hat.
Zwei Bildformate dominieren die moderne Technologiewelt. Das JPEG und das GIF. Beide lösen für sich ein ganz bestimmtes Problem besonders gut, nämlich die Frage, wie ganz bestimmte Inhalte am besten platzsparend abgespeichert werden können. Bis es soweit war, dass man an dieser Stelle angekommen war, sind allerdings Jahre von Forschung und Jahre von Tests nötig gewesen. Und die nehmen ihren Anfang irgendwo in den 60er, 70er Jahren. Das ist die Zeit, in der Computer mehr und mehr auch grafische Aufgaben erledigen und damit die Notwendigkeit entsteht, ordentliche, austauschbare Grafikformate zu entwickeln und sich deswegen entsprechende Arbeitsgruppen formen.
Manche Universität leistet sich gar einen kompletten eigenen Arbeitsbereich, der sich mit Signal- und Imageprocessing beschäftigt. So zum Beispiel die University of Southern California. Und wie alle derartigen Gruppen beschäftigten die sich mit zwei Dingen: 1. Bilder bearbeiten, 2. Bilder abspeichern.
Jetzt gab es natürlich ein Problem. Man musste ja mit irgendwas testen. Und anders als heute gab es damals noch keine unendliche Auswahl von Testfotografien. Wenn man also ein Testbild brauchte, um zum Beispiel einen Algorithmus zu prüfen, ja, dann musste man für ein entsprechendes Testbild sorgen, also ein Foto nehmen und es scannen. Ja, und dann gab es da diesen denkwürdigen Tag 1973, an dem genau diese Aufgabe anstand und einer der Mitarbeiter der Arbeitsgruppe in der University of Southern California es für eine gute Idee hielt, den zufällig herumliegenden Playboy zu nehmen und da drin ein geeignetes Bild auszusuchen. Eins mit schönen, gleichmäßigen Flächen, wo die Farben nicht so wild durcheinander sind.
Zum Beispiel dem Centerfold. Wer mit dem Begriff Centerfold jetzt nichts anfangen kann, kein Problem, gemeint ist das doppelseitige Poster in der Mitte jedes Playboys, das das Playmate des Monats in unserem Beispiel des Monats November 1972 zeigt. Miss November 1972 war die Schwedin Lena Söderberg.
Die war zu der Zeit in den USA als au pair für ein Familienmitglied und hatte wie die meisten 21-jährigen chronische Geldprobleme. Weil sie aber wirklich hübsch war, begann sie zu modeln. Katalogfotos, Werbung für Schmuck und später, nachdem sie nach New York umgezogen sein sollte, würde sie auch als Kodak Girl Werbung für Kameras und Fotografie machen. Es war jedenfalls das Jahr 1972, der Anfang ihrer Modelkarriere, in dem sie dann auch einen Fotografen kennenlernte, der Nacktbilder für den Playboy machte. Für welches Magazin der jetzt nun genau diese Bilder machte, war Lena freilich egal. Das Geld war gut und sie hatte sowieso kein Problem damit, sich für ästhetische Fotos auszuziehen. Schweden war auch schon damals etwas entspannter mit Nacktheit als die Amerikaner.
Zurück zu unserer Arbeitsgruppe. Die waren happy mit den Ergebnissen und sie dokumentierten und demonstrierten ihre Arbeit und reichten damit auch in schöner Regelmäßigkeit Lenas Bild weiter. Und so wurde Lena dann, ohne es zu wissen, zum Vorzeigeobjekt in diesem Imaging Lab. Und nicht nur da. Die Algorithmen, die Arbeit, die Leute, die beteiligt waren. Die zogen ja auch weiter.
Jetzt darf er sich das nicht so vorstellen, als würden da dauernd Nacktbilder herumgereicht werden. Die Arbeitsgruppe hatte ja das obere Drittel des Centerfolds genutzt und es war nichts anderes als ein Porträt von Lena. Für den unwissenden Betrachter zeigte das Bild einfach eine junge brünette Frau, die über eine nackte Schulter hinweg Richtung Betrachter blickt.
Und dann kam es so, wie es kommen musste. Wenn immer dasselbe Testbild verwendet wird, wird es irgendwann zu einer Art de facto STANDARD. Und so wurde Lena in Lehrbüchern abgedruckt, in Informatikveröffentlichungen als Beispielbild gezeigt, verwendet, um neue Algorithmen mit den Ergebnissen der alten Algorithmen zu vergleichen und so weiter. Lena wurde eine Art kleine Berühmtheit.
Der Playboy bekam natürlich auch irgendwann mal Wind davon, dass eins ihrer Bilder zirkulierte und ist auch dafür bekannt, normalerweise relativ hart einzuschreiten. Hier war es dann allerdings so, dass es anscheinend so viele Verstöße gab, dass die Rechtsabteilung des Playboy irgendwann aufgab. Ganz offiziell hat der Playboy irgendwann mal beschlossen, dieses Bild nicht zu ahnden, weil es eine Art kulturelles Phänomen wäre und man deswegen beschlossen hatte, das zuzulassen, dass dieses Bild verwendet wird.
Ist wahrscheinlich auch einfach verdammt gute Werbung für den Playboy, kann ich mir vorstellen. Denn in der ganzen Zeit konnte man, wenn man wollte, sehr wohl rausfinden und wissen, woher dieses Bild stammt.
Lena hat es dann irgendwann auch mal erfahren und hatte damit wahrscheinlich auch erst einmal kein Problem. Es wurde ihr auch über die Jahre immer wieder mal Verehrung zuteil und man lud sie ein, z.B. zum 50-jährigen Jubiläum der für Bildverarbeitung zuständigen Arbeitsgruppe im i triple e. Da machten dann Informatiker mit ihrer Selfies und sie bekam eine Plakette überreicht auf der stand „First Lady of the Internet“. Denn sie konnte von sich behaupten, dass das erste überhaupt im Internet kopierte JPEG vermutlich ihr Bild gezeigt hatte. Das ist grundsätzlich jetzt schon mal cool.
Allerdings machten sich dann ab den 90ern auch immer mehr kritische Stimmen Luft, denn man kann ja mal festhalten, dass es ja trotzdem noch ein Centerfold ist. Und stellen wir uns doch mal für einen Moment vor, wie es sich angefühlt haben muss, wenn man als eins von wenigen Mädchen in einer Klasse mit ganz vielen Jungs sitzt, um sagen wir mal zum Beispiel über künstliche Intelligenz oder Bildverarbeitung oder was auch immer zu sprechen und dann feststellt, dass das Foto, das als Beispiel verwendet wird, ein Centerfold, ein Nacktbild also ist. Wenn also eine Horde unter Umständen auch noch pubertierende Jungs Nacktfotos von Frauen googeln, während man selber als Mädchen dazwischen sitzt, kann man sich finde ich auch mal ausgeschlossen fühlen.
Und das ist tatsächlich so ein Hauptproblem. Gerade diese Beiläufigkeit, diese Folgenlosigkeit, mit der so ein Bild jahrzehntelang als Testfoto erhielt, gab dann doch einigen zu denken. Und es war sogar noch 2012 so, dass eine Arbeitsgruppe aus Singapur der Welt schärfstens Farbfoto mit einem Foto von Lena demonstrierte. Deswegen gründete sich irgendwann eine Initiative mit dem Ziel, die Nutzung von Lena als Standardbeispielfoto abzulösen. Es ist ja längst nicht mehr so, dass wir nicht ausreichend Beispielfotos hätten, mit denen man Algorithmen testen kann. Und in immer mehr Szenarien brauchen wir auch diese Vergleichbarkeit gar nicht, die damals ebenso hochgehalten wurde.
Lena selbst unterstützt deswegen die Aktion Losing Lena. Denn sie möchte nicht mit einen Beitrag dazu leisten, dass Frauen und Mädchen sich von der Informatik oder generell den Stem Field Wissenschaften ausgeschlossen fühlen.
Die Welt ist nämlich hoffentlich nicht mehr so chauvinistisch, wie sie unter Umständen in den 70er Jahren noch war. Und auch wenn man Lena jetzt nicht aus der Geschichte streichen muss, finde ich es dann doch wichtig, dass wir Dinge heute vielleicht anders machen würden und vor allen Dingen auch anders bewerten als damals.
1919 findet eine bis heute berühmte Sonnenfinsternis statt die Albert Einstein über Nacht zu einem internationalen Popidol machen sollte.
(Unter dieser Notiz sind keine Videos? Auf nach https://fotomenschen.net)
Image Source: By ESO/Landessternwarte Heidelberg-Königstuhl/F. W. Dyson, A. S. Eddington, & C. Davidson – https://www.eso.org/public/images/potw1926a/, CC BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=80091497
Transkript
Das Bild um das es mir heute geht entsteht am 29 Mai 1919 und zu dem Zeitpunkt kennt Albert Einstein außerhalb der Physiker Gemeinde kein Mensch. Dabei hatte er durchaus schon eine bemerkenswerte Karriere hinter sich. Ursprünglich wollte Einstein offenbar einmal Lehrer werden und zwar für Physik und Mathematik, obwohl er die Mathematik eher lästig fand und während dem Studium hauptsächlich durch Abwesenheit glänzte. Der gebürtige Ulmer lebte und studierte damals in der Schweiz und 1901 während er versuchte sich als Hauslehrer durchzuschlagen wurde er deswegen auch schweizer Staatsbürger. 1903 wechselt er seinen Beruf und wird Angestellter beim Patentamt in Bern.
In dieser gesamten Zeit als Hauslehrer und als Angestellter beim Patentamt hatte sich Einstein mit verschiedenen physikalischen Problemen beschäftigt und deswegen veröffentlicht er 1905 mehrere seiner wichtigsten Papiere überhaupt, da ist nämlich einmal seine Dissertation, dann eine Arbeit zum photoelektrischen Effekt für die er später dann auch noch den Nobelpreis bekommen sollte und zwei weitere Papiere, die man heute zusammengefasst als spezielle Relativitätstheorie kennt mit der berühmten Formel E=mc².
All diese Unterlagen machten ihn jetzt nicht bekannt, legten aber die Grundlage für seine
Karriere als Physiker. Und die bringt ihn 1913 nach Berlin, wo er Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Direktor des Kaiser-Wilhelm Institut für Physik ist. In der Zeit veröffentlicht Einstein seine allgemeine Relativitätstheorie, die auf den Kopf stellt was man bisher als gesichert angesehen hatte, nämlich die newtonsche Gravitationsgesetze.
Unter Newton nahm man an, dass Gravitation so ähnlich funktioniert wie Magnetismus, d.h. der Körper erzeugt ein Feld, dass sozusagen Anziehung erzeugt.
Einstein stellte diese Annahme grundsätzlich in Frage, er behauptete Gravitation ist nichts anderes als der Effekt, den wir beobachten, wenn Masse den Raum krümmt, je größer die Masse, desto größer der Effekt.
Es gab auch mehrere Vorhersagen, basierend auf dieser Erkenntnis, z.B., dass Gravitation auch, wenn sie den stark genug wäre, Licht ablenken würde. Und zwar stärker abzulenken, als es von den newtonschen Gesetzen zu erwarten wäre. Was man also tun müsste wäre, ein sehr massereiches Objekt vor Sternen vorbeiziehen zu lassen und die Position dieser Sterne zu notieren, die würde sich nämlich in der Nähe des Objekts verändern und so könnte man nachprüfen ob die Vorhersagen von Einsteins Theorie mit der Wirklichkeit übereinstimmen.
Jetzt gibt es nur ein Problem, das einzige Objekt im Sonnensystem, dass genug Masse hat um so ein Experiment durchzuführen ist die Sonne und wenn man Richtung Sonne schaut, sieht man leider die umliegenden Sterne nicht mehr. Das ist also der Stand der Dinge 1915, es ist diese Zeit, in der ein Professor der Astronomie, Sir Arthur Stanley Eddington, von den Theorien Einsteins erfährt und sofort erkennt, was die allgemeine Relativitätstheorie denn für Auswirkungen hätte, wenn sie denn wahr wäre. Erfahren hat er von der Theorie durch, sagen wir mal, eine Art Kettenbrief, ein gemeinsamer Bekannter von Eddington und EInstein hatte mehrere Briefe an verschiedene Institute abgeschickt um darauf hinzuweisen welche mögliche Bedeutung diese Arbeit von Einstein haben könnte.
Es ist der Erste Weltkrieg. Auf den Weltmeeren werden Schiffe von deutschen U-Booten versenkt und gerade in Großbritannien hat man zum Teil wirklich anderes im Sinn, als sich die Arbeiten deutscher theoretischer Physiker anzuschauen. Ja manch einer mag schon deswegen nicht draufschauen, weil es ja der Feind ist. Nicht so Eddington. Er glaubt, Wissenschaft ist wichtiger und größer als Politik oder Krieg.
Und so beginnt er mit der Arbeit an einem Versuchsaufbau, mit dem sich die Theorien Einsteins erhärten ließen. Es geht nämlich sehr wohl einen Moment, in dem man Richtung Sonne schauen und gleichzeitig den Nachthimmel sehen kann. Während einer totalen Sonnenfinsternis ist genau das möglich. Und eine Sonnenfinsternis als Kandidat war auch schnell gefunden. Am 29. Mai 1919 wären nämlich in Brasilien und an der Küste Afrikas geradezu perfekte Bedingungen. Allein jetzt gab’s noch ein nicht ganz unwesentliches Problem. Dieses Experiment war ganz schön teuer. Es mussten Teleskope konstruiert, Fotoapparate gebaut, Expeditionen ausgerüstet werden. Und das alles während einem Weltkrieg, während dem es wirklich nicht sicher war, über die großen Ozeane zu schippern. Ein Bekannter von Eddington, nämlich Sir Dyson, war der Leiter der Königlichen Astronomischen Gesellschaft und hilft bei der Sicherung der Finanzmittel. Es werden zwei Expeditionen ausgestattet, eine, um eben in Brasilien Aufnahmen zu machen, die andere fährt an die Küste Afrikas. Und schon während der Vorbereitungen war das ganze Projekt mehrmals auf Messers Schneide, nicht zuletzt auch, weil es fast so aussah, als würden Streiks von Schiffahrtsverbänden in letzter Minute noch dafür sorgen, dass man nicht mehr aufbrechen konnte. Und auch die Überfahrt war eigentlich nur deswegen sicher, weil gerade rechtzeitig ein Waffenstillstand vereinbart worden war. Die Weltpresse verfolgt die gesamten Vorbereitungen aufmerksam. Isaac Newton vs die moderne theoretische Physik, so lässt sich das wohl zusammenfassen. Als dann also Eddington mit den Aufnahmen zurückkehrt und nach wochenlanger Auswertung bekannt geben kann:Jawohl, Einsteins Theorie stimmt. Er hatte recht mit seinen Vorhersagen war das im Rahmen einer Pressekonferenz und eine weltweite Sensation. Die Royal Society bezeichnet das Ganze als Triumph des menschlichen Geistes. Die Times titelt Revolution in Science und der Name Albert Einstein war ab da weltberühmt, und zwar nicht nur bei Physikern.
Praktisch über Nacht wurde er zu einem internationalen Celebrity. All das, inklusive der Vorbereitungen des Experiments, passiert übrigens unter Abwesenheit Albert Einsteins. Tatsächlich hatte nur der gemeinsame Freund, der in den Niederlanden lebte und damit in einem neutralen Land Kontakt zu beiden. Aber Einstein verfolgte das Ganze tatsächlich eher aus der Distanz. Für Eddington war das Ganze wenig überraschend einer der großen Momente seiner Karriere. Er würde später zu einem der führenden Experten zur Allgemeinen Relativitätstheorie und schrieb das erste Lehrbuch zum Thema. Seine wachsende Bekanntheit nutzte Einstein, um die ganze Welt zu bereisen. Er besuchte Lehrveranstaltungen und hielt Vorträge, bekam Ehrendoktorwürde und akzeptierte schließlich von der Princeton University einen Lehrauftrag. Für eine Weile würde er halbjährlich wechseln zwischen Berlin und New Jersey und jeweils dort dann lehren. Inzwischen wusste man auch so einiges über Einsteins Ansichten. Er war Sozialist und Pazifist und hatte das bei mehreren Gelegenheiten wörtlich und schriftlich niedergelegt. Damit war natürlich dem NS-Regime ein Dorn im Auge. Die zwang ihn wie andere aus der Akademie der Wissenschaften auszutreten und leiteten schließlich eine Straf Ausbürgerung ein. Ab jetzt hatte Einstein seinen Wohnsitz in den USA, das Land, in dem er dann irgendwann auch die Staatsbürgerschaft anstrebte und bekam. Zeit seines Lebens forschte er an den großen Themen der Wissenschaft und äußerte sich immer wieder auch politisch. Als Wissenschaftler fühlte er sich mitverantwortlich für die großen Themen der Zeit. In der Öffentlichkeit prägte sich nach und nach das Bild von ihm als dem prototypischen schrulligen Professor ein. Einstein spricht ein ganz furchtbares Deutsch Englisch.
[Einspieler:]
.”The common language of science. The first step to what’s language was to link accoustical or otherwise commutable science to sense impressions. Most likely all sociable animals have arrived at this primitive kind of communication.”
Außerdem kleidet er sich einigermaßen nachlässig und hat meistens wirre Haare. Bei öffentlichkeitswirksamen Auftritten macht ihn das natürlich auch zu einem beliebten Pressefoto Objekt. Und da sind wir jetzt bei dem anderen berühmten Foto, das mit daraus gestreckten Zunge. Es ist Albert Einsteins 72. Geburtstag und er ist auch so einigermaßen genervt von der Presse um ihn herum. Diverse Fotografen und Journalisten wollen sich mit ihm unterhalten und Fotos von ihm und es soll mal hier posieren und da posieren. Und die meiste Zeit ist er einigermaßen mürrisch unterwegs. Der Abend neigt sich dem Ende zu und Einstein macht sich auf den Weg nach Hause. Das Auto ist umlagert von Fotografen, unter ihnen auch der Agentur Fotograf Arthur Sasse ruft “Professor Please smile for your birthday picture.” Und Albert Einstein dreht sich ihm zu, streckt die Zunge aus und schaut dann wieder weg. Im Originalfoto sitzt er bereits im Auto mit seinen zwei Begleitern, Misses Aydelotte und Mister Aydelotte links und rechts von sich. Wahrscheinlich dachte Einstein, er würde den Shot von Arthur Sehers ruinieren. Der war allerdings schnell genug, im Gegensatz zu all seinen Kollegen und schickte auch später einen Druck an Einstein. Im Grunde hätte da die Geschichte vorbei sein können. Aber Albert Einstein fand dieses Bild so lustig, dass er anfing, Nachdrucke davon zu bestellen und als Postkarten und Poster und Bilder zu verschenken. Nachdem Einstein sowieso schon den Ruf weg hatte. Schrullig bis bizarr zu sein, passte dieses Bild perfekt und trat jetzt den Siegeszug durch die Presse an. Das Bild ist heute so berühmt wie damals eine der großen Fotoikonen der Menschheit.
[Einspieler:]
“This picture of Einstein sticking out his tongue selling for almost 75.000$ this week. It’s one of just 9 prints.”
Es existieren noch neun original Abzüge dieses Bildes. Und wer zufällig 75 000 Dollar übrig hat, kann ja mal sein Glück versuchen. Halten wir also fest Das berühmteste Bild von Einstein mag das mit der Zunge sein, aber das Bild, das Einstein über Nacht zum weltweiten Celebrity gemacht hat, war ein Foto einer Sonnenfinsternis. Und das finde ich jetzt mal wirklich sehr cool.
Eadweard Muybridge war nicht nur talentierter Entertainer, Weltreisender, Buchhändler, Fotograf und freigesprochener Mörder sondern auch der Mann der uns Hochgeschwindigkeitsaufnahmen und Bewegtbild brachte.
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Murder in Motion: The Strange Life of Photographer (and Murderer) Eadweard Muybridge
Image Source: Library of Congress
Music: CC-BY-NC, Countryside Summer Joyride by Kara Square
Sound Effects: Gallopp, CC0, by very.marengere / Destruction, CC-BY, by InspectorJ
Transkript
Heute geht es um fliegende Pferde. Und um den letzten Fall, in dem in Kalifornien ein geständiger Mörder trotz seiner Tat freigesprochen wurde.
Wir befinden uns im Kalifornien der 1850er Jahre. Der Goldrausch tobt durch das Land. Und das ursprünglich mal ziemlich provinzielle San Francisco war innerhalb von gerade mal 10 Jahren von knapp 400 auf über 55000 Einwohner angewachsen.
Und wer zu der Zeit an die Westküste der Vereinigten Staaten zog, der wollte ins Nirgendwo. Ans Ende der Welt. Dort, wo noch wirklich der Wilde Westen herrschte. Man wollte sein Glück finden, vielleicht mit ein bisschen Glück Gold. Auf jeden Fall sein Glück in die eigenen Hände nehmen.
Und hier treffen wir den Buchhändler Eadweard Muybridge, oder wie er eigentlich mal bei seiner Geburt im Londoner Vorort Kingston hieß, Edward James Muggeridge. Er war mit c.a. 21 Jahren nach Amerika ausgewandert. Bei seinem ersten Stopp in New York lernt er einen Porträtfotografen kennen, der ihm die Daguerreotypie und andere Verfahren nahebringt und sich dann auf den Weg an die Westküste macht.
Muybridge folgt ihm dann zwei Jahre später, wo besagter Freund inzwischen ein Porträtstudio betreibt, und Muybridge eröffnet eine Buchhandlung, in der er dann unter anderem auch Porträts oder Landschaftsbilder verkauft. Die Geschäfte laufen gut und so holt er seine zwei Brüder nach. Die sollen sich um seine Geschäfte kümmern, während er sich auf dem Weg nach Europa macht, um dort Bücher einzukaufen. Er macht sich auf den Weg, verpasst aber leider sein Schiff und fasst den Plan, per Kutsche nach St. Louis zu reisen und dann mit der Eisenbahn zurück nach New York, von wo aus er dann in die alte Welt übersetzen könnte.
Und es ist genau diese Strecke, auf der dann ein folgenschwerer Unfall passiert. Eben noch saß er in einem Pferdewaggon und das nächste, was er weiß, ist, dass er neben dem zerbrochenen Gefährt auf der Straße wach wird, mit einer schweren Kopfverletzung. Er kam tatsächlich gerade noch so mit dem Leben davon und er hat monatelang damit zu kämpfen, dass er Schwindelanfälle hat und doppelt sieht.
Trotzdem beendet er wenige Wochen später seine Überfahrt nach London, wo er sich dann auch in ärztliche Behandlung begibt. Es ist ein Arzt, der ihm empfiehlt, möglichst viel Zeit an der frischen Luft zu verbringen. Das sei gesund und therapeutisch. Und weil Edward nicht einfach nur in der Botanik unterwegs sein will, sucht er sich ein Hobby.
Und das ist die Landschaftsfotografie. Er hat die Grundlagen der Fotografie vermutlich von seinem Freund in New York vermittelt bekommen aber jetzt studiert er das Medium ausgiebig und wird in dieser Zeit in London zu einem voll ausgebildeten, fähigen und kompetenten Landschaftsfotograf.
Man muss sich ja vor Augen halten, dass Fotografen in der damaligen Zeit, wir sprechen von den 1870er Jahren, nicht nur Fotografie beherrschen mussten, sondern eigentlich Künstler, Techniker, Bastler und Chemiker in einem sein mussten. Man hat damals überwiegend auf sogenannte Wetplates fotografiert, das heißt, man hatte Glasplatten dabei, die mit einer chemischen Lösung bestrichen wurden, um die Silberpartikel aufzubringen, dann in einer Kamera belichtet wurden und dann innerhalb von wenigen Minuten auch durch entsprechende chemikalische Bäder entwickelt und fixiert werden mussten.
Das heißt, Fotografen bauten nicht nur ihre eigenen Kameras und ihre eigenen Objektive, sie hatten auch immer ihr eigenes Entwicklungslabor zur Hand.
Als Muybridge jedenfalls 1867 nach San Francisco zurückkehrt, beherrscht er Fotografie und sein Equipment gut genug, um sich als Fotograf selbstständig zu machen. Und es ist eine Zeit, in der sieht man in der Geschichte der Fotografie zwei große Trends. In Europa werden große Prachtbauten und Straßenzüge fotografiert.
Und in den USA? Da entdeckt man die Wunder der Natur. Bisher hauptsächlich von Malern dargestellt, ziehen Fotografen los, um die Landschaften der Sierra Nevada und die Landschaften des späteren Yosemite Nationalparks zu dokumentieren. Diese Landschaften sind überwiegend unerschlossen und die Technik ist unhandlich, wie eben schon beschrieben. Man reist praktisch mit seinem eigenen Chemielabor.
Und Muybridge fotografiert die gesamte Küste. Im Auftrag der unterschiedlichsten Institutionen fotografiert er nicht nur Landschaftswunder, sondern auch Schiffe, Leuchttürme, die Küstenlandschaft ganz allgemein und macht sich sogar durch Stereoskopien, also 3D Ansichten der Landschaften einen Namen.
Stereoskopien waren damals der große Hit. Sie wurden in riesigen Stückzahlen produziert und waren so wie heutzutage vielleicht Fernsehen und Filme überall zu finden.
Muybridge wurde durch seine Stereoskopien so bekannt, dass er den Auftrag erhielt, an eine Expedition nach Alaska teilzunehmen, was ihn zu der Selbstvermarktung als offizieller Fotograf der US-Regierung oder als Leiter fotografische Untersuchungen der Pazifikküste brachte. Ja, Bescheidenheit war jetzt nicht so unbedingt seine große Stärke.
Überhaupt hatte Muybridge ein Talent zur Selbstvermarktung. Muybridge war jedenfalls viel unterwegs. Hätte man ihn in der Zeit jedoch gefragt, wo seine Heimat oder sein Wohnort wäre, hätte er jederzeit San Francisco angegeben.
Und da ist es auch Anfang der 70er Jahre, dass er in einem Fotostudio zwei schicksalhafte Begegnungen hat. Einmal lernte dort die 21-jährige Flora Downs kennen, die in erster Ehe unglücklich verheiratet ist. Er bezahlt ihre Scheidung und heiratet sie. Vier Jahre später sollten die beiden einen Sohn bekommen. Außerdem begegnet er in diesem Jahr dem Eisenbahnunternehmer und Politiker Leland Stanford. Ja, das ist der Stanford, von dem die berühmte Universität ihren Namen hat und der unter anderem auch Gouverneur von Kalifornien war.
Stanford ist Pferdenah und deswegen nimmt er aktiv an einer zu der damaligen Zeit hochkochenden Diskussion unter Pferdemenschen teil. Der Frage nämlich, ob Pferde, wenn sie im vollen Galopp sind, zu irgendeinem Zeitpunkt alle vier Hufe in der Luft haben. Zu der Zeit gab es die feste Annahme, ja fast schon Überzeugung, dass das der Fall wäre. Aber beweisen oder sehen konnte das freilich niemand. Denn Pferde im Galopp sind so schnell unterwegs, dass man keine Chance hat, das mit bloßem Auge wahrzunehmen. Aber vielleicht könnte man die ja irgendwie fotografieren.
Und so gab Stanford den Auftrag an Muybridge genau das zu versuchen. Für die damalige Zeit hatte das gleich mehrere Schwierigkeiten. Erstens musste man die Belichtungszeit von Minuten auf Millisekunden drücken, also, das Papier, auf das belichtet wurde, möglichst empfindlich machen, zweitens musste man im richtigen Moment auslösen und drittens durfte die Belichtung natürlich auch nicht mehr als Millisekunden möglich sein. Ein Hochgeschwindigkeitsverschluss musste also konstruiert werden.
Muybridge schritt mithilfe der Ingenieure aus Stanfords Eisenbahnunternehmen zur Tat, konstruierte den ersten elektronischen Zentralverschluss überhaupt und schoss ein leider heute verlorenes Bild von Stanfords Rennpferd Occident, in dem tatsächlich verwaschen, aber immerhin zweifelsfrei zu sehen war, dass alle vier Hufe in der Luft waren. Es wird übrigens behauptet, dass Stanford damit eine Wette entschieden hat und es um 25000 Dollar ging. Die Behauptung wird hin und wieder als urban myth, auf jeden Fall als nicht beweisbar beschrieben.
Muybridge jedenfalls ging in dieser Aufgabenstellung auf. Er wollte nicht nur Pferde in der Luft, sondern den gesamten Bewegungsablauf festhalten. Er verbrachte jede freie Minute mit dieser Aufgabe.
Seine junge Frau freilich, die hatte dafür wenig Sinn. Sie ging ins Theater, in Konzerte, nahm am gesellschaftlichen Leben teil und fand kreative Verwendung für muybridges Geld. Dem war das einerlei, aber ihm entging auch nicht, dass seine Frau gerne flirtete und dass es diverse Verehrer gab. Einer, der ihm schon vorher unangenehm aufgefallen war und den er in seine Schranken verweisen musste, war der Minenangestellte Harry Larkyns.
Als er kurz nach der Geburt seines Sohnes Florado Helios ein Bild von seinem Sohn, auf dem hinten mit der Handschrift seiner Frau „Little Harry“ geschrieben stand, fand, kam ihm allerdings Zweifel an seiner Vaterschaft. Er wendet sich an die Hebamme seiner Frau, die gleichzeitig eine Vertraute war, und stellt sie zur Rede. Und wie so oft erfährt er da Dinge, die er eigentlich gar nicht erfahren wollte. Sie bestätigte die Affäre und Muybridge nahm seinen Revolver und machte sich auf den Weg zu Larkyns.
Das war ein Trip, der wahrscheinlich mehrere Stunden gedauert hatte. Er musste erst eine Fähre, dann einen Zug und dann eine Kutsche nehmen. Auf dem Weg zu Larkyns reinigte er den Revolver und gab mehrere Testschüsse ab. Es darf also davon ausgegangen werden, dass er in vollem Bewusstsein seine Tat plante.
Muybridge fand Larkyns beim nächtlichen Kartenspiel und sagte dann wohl, er hätte was von seiner Frau auszurichten, bevor er ihn erschoss. Er ließ sich dann widerstandslos abführen und gab bei seiner Festnahme ein umfassendes Geständnis ab.
Muybridge saß vier Monate in Untersuchungshaft, bevor er vor Gericht gestellt wurde. Seine Frau hatte zwischenzeitlich die Scheidung eingereicht und war der Meinung, dass die Höchststrafe angemessen wäre. In Kalifornien gab es auf Mord zu der damaligen Zeit nur eine angemessene Strafe, nämlich Tod durch Hängen.
Einer seiner Verteidiger versuchte, ihn vor dem Strang zu bewahren, indem er ihn als mental instabil darstellte. Als Nachwirkungen des Unfalls sei er verwirrt, sei er manchmal gewalttätig, aufbrausend. Und auch wenn von Muybridge bekannt war, dass er all das sein konnte, war sein Auftreten vor Gericht allerdings so eloquent, dass kein Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit herrschen konnte. Überhaupt wäre eine Verurteilung wegen geistiger Unzurechnungsfähigkeit nicht unbedingt besser gewesen. Das hatte damals dazu geführt, dass er in ein sogenanntes Irrenhaus gesteckt worden wäre. Lebenslang in so einer Anstalt eingesperrt zu sein, war damals wahrscheinlich ein ähnlich dramatisches Schicksal wie dem Tod ins Auge zu sehen. Muybridges Aussichten sahen also wirklich, wirklich schwarz aus. Entweder Exekution oder lebenslang Irrenhaus.
Es kam zu einem Schlussplädoyer, was in der Zeitung der damaligen Zeit, dem San Francisco Chronicle, als eines der eloquentesten, das man je in Kalifornien gehört hat, beschrieben worden ist. Und wie wir alle aus einschlägigen Filmen und Romanen wissen, muss man ja in den USA in so einem Fall vor allen Dingen die Jury überzeugen.
Und das gelang in diesem Fall. Die Jury wählte den dritten Weg. Statt Todesstrafe wegen Mordes oder Wegsperren wegen Unzulänglichkeit entschied man sich für sogenannten entschuldbaren Totschlag. Oder in anderen Worten: Man war der Meinung, dass Muybridge schon recht hatte, dass er den Liebhaber seiner Frau über den Haufen geschossen hat.
Damit geht Muybridge als der letzte Fall in die kalifornische Geschichte ein, indem jemand trotz zugegebenen und zweifelsfrei festgestellten Mordes freigesprochen wurde. Muybridge ist also wieder auf freiem Fuß, aber in seinem Leben ist jetzt erst einmal der Wurm drin. Seine junge Frau stirbt wenige Monate später, sein Sohn, von dem er nicht sicher weiß, ob es überhaupt sein Sohn ist, kommt ins Waisenhaus, für das er die Kosten trägt und er verkauft sein Geschäft und macht sich auf den Weg nach Zentralamerika, um dort die Plantagenarbeiten zu fotografieren.
Die Fotos aus dieser Zeit haben eine sehr beunruhigende Bildsprache. Manche davon sehen richtig gruselig aus, auch wenn an den Motiven selber erst einmal nichts auszusetzen ist. Er versteht sein Handwerk, er weiß, wie man fotografiert. Aber die Erlebnisse stecken noch in seinen Knochen. Und das sieht man auch seinen Bildern an.
Er fotografiert im Auftrag der Pacific Mail Steamship Company. Seit die erste transkontinentale Eisenbahnverbindung eröffnet wurde, hatten die Sorge, dass ihr Handelsmonopol fallen könnte und sie nutzten die Fotografien als Marketingkampagne.
Muybridge findet sich neu und veröffentlicht über 400 Fotos unter dem Namen Eduardo Santiago Muybridge und vermarktet die nach seiner Rückkehr nach San Francisco ausgiebig. Sie sind so gut, dass sie ihm mehrere Ehrungen und unter anderem eine Goldmedaille einbringen.
Er knüpft also an vorherige Erfolge an. Es sieht gut aus in seinem Leben und in seinen Geschäften. Zeit, wieder zu den Pferden zurückzukehren. Er war ja unzufrieden mit dem Ergebnis. Ein verwaschenes Bild, auf dem ein Pferd mit vier Hufen in der Luft abgebildet war, war nicht genau das, was er gerne produziert hätte. Was er nämlich machen wollte, waren Serienaufnahmen, mehrere scharfe, einzelne Aufnahmen, auf denen man die verschiedenen Stadien des Bewegungsablaufs eindeutig und klar sehen kann.
Auch Stanford ist weiterhin an Board. Auf seinem Gelände wird eine eigens dafür angelegte Anlage konstruiert. Der Boden und die Rückwand, an der vorbeigaloppiert werden soll, wird extra hell getüncht, damit möglichst viel Licht Richtung Kamera geworfen werden kann. Außerdem wird ein Serienauslöser konstruiert. In den Weg gespannte Schnüre lösen insgesamt 24 Kameras nacheinander aus. Und die Rechnung geht auf. Muybridge macht mehrere Testläufe und als er sicher ist, dass es funktionieren wird, lädt er am 15. Juni 1878 eine Reihe von Journalisten ein, vor deren Augen er erfolgreich ein Pferd im Galopp fotografiert. Die versammelten Augenzeugen sind hin und weg.
Sie vergleichen Muybridges Leistung mit der Erfindung des Telefons. Und auch, wenn uns das heute bizarr erscheint. Eigentlich muss man sich nur mal vor Augen halten, wie wenig man damals tatsächlich über diesen Bewegungsablauf wusste. Man wusste also, die Pferde hatten die Hufe alle vier in der Luft. Aber man wusste nicht, wie genau dieser Bewegungsablauf aussah.
Muybridge würde später in seinem Leben Vorträge halten, in denen er berühmte Kunstwerke zeigte und die Fehler in den dort dargestellten Bewegungsabläufen beschrieb. Damit hat er sich vermutlich nicht nur Freunde gemacht aber man konnte auch nicht abstreiten, dass er recht hatte. Seine Erfindung der Hochgeschwindigkeitsserienaufnahme hatte eine Analyse überhaupt erst möglich gemacht.
Muybridge nahm diese Aufnahmen und reiste damit durch die Welt. Er war immer schon ein hervorragender Entertainer und wusste, wie man sich selbst vermarktet. Und so beschrieb er vor jedem Publikum, das sich dafür interessierte, seine Erkenntnisse.
Damit diese Darstellung besser zur Geltung kam, entwickelte er ein Gerät, mit dem sich der Bewegungsablauf wie eine Animation an die Wand projizieren ließ. Das sogenannte Zoopraxiscope. Und es war noch nicht einmal nur gezeichnet, sondern das waren fotografierte Bewegungsabläufe. Es ist keine Übertreibung, Muybridge deswegen als den Vater des modernen Films zu bezeichnen. Stopmotionfilme und Tricktechnik.
Die Herausforderung war, das Muybridge nicht der einzige mit Geschäftssinn war. Er hatte ja mit Stanford gepartnert und Stanford gab in dieser Zeit dann Bücher heraus, in denen er sich vollumfänglich Credit für diese Fotos gab. Und damit wurde Muybridge in Zweifel gezogen. Plötzlich glaubte man nicht mehr, dass die Bilder wirklich von ihm waren. Dieser Stanford schien ja auch glaubwürdig machen zu können, dass er die Bilder geschaffen hätte. Zur Hilfe kommt eine Universität, die University of Pennsylvania. Die beauftragen Muybridge nämlich mit Bewegungsstudien.
Muybridge hatte bisher eigentlich nicht wissenschaftlich gearbeitet. Er war irgendwie ein Zwischending zwischen Fotograf, Bastler und Künstler. Aber eigentlich war er in erster Linie Entertainer. Er wusste einfach, was sich gut vermarkten ließ und hatte weder im Sinn, gezielte Studien zu machen noch wissenschaftlichen Anspruch. Die University of Pennsylvania wollte das ändern.
Sie beauftragten Muybridge mit Bewegungsstudien vor einem definierten Hintergrund mit definierten Abläufen. Muybridge fotografierte also seine Bewegungsabläufe jetzt mit einem sorgfältig konstruierten Apparat vor einem Raster in einem eigens konstruierten Studio. Innerhalb von zwei Jahren entstanden so über 20000 Aufnahmen: Tiere im Laufen, Menschen beim Sport, Alltagshandlungen vor der Kamera, am Anfang meistens eher selbst und dann die verschiedensten Models, immer öfter auch gutaussehende nackte junge Damen, deren einzelne Bewegungsschritte er dann als einzelne Drucke nebeneinander und untereinander wie an einem Raster anordnete.
Es ist die Anekdote mit dem fliegenden Pferd und die Tatsache, dass er ein geständiger Mörder mit Freispruch war, für die er am bekanntesten ist, aber den meisten Einfluss auf die Fotogeschichte und den Grundstein für das, was wir heute Film und Tricktechnik nennen, die hat er dargelegt.
Er lernte in der Zeit übrigens auch Edison kennen und Edison sollte später dann mal behaupten, er hätte das Bewegtbild erfunden, eine Behauptung, in der sich natürlich schon wieder Geschichte wiederholt hat, Muybridge als der eigentliche Urheber musste zusehen, wie jemand anders seine Lorbeeren abgriff. Er selbst nahm es gelassen.
Berühmt für verschiedenste fotografische Disziplinen kehrte er nach Europa zurück, wo er unter anderem auf der Weltausstellung in Paris eine ganze Halle hatte, in der er seine verschiedensten fotografischen Arbeiten ausstellen konnte. Und letztlich dann in seinen Heimatort Kingston, wo er dann 1906 an Prostatakrebs stirbt. Uns bleibt der elektronische Verschluss, das bewegte Bild, Bewegungsstudien ganz allgemein, Panoramafotografie und die auch heute immer noch sehr beeindruckenden Landschaftsaufnahmen des Pacific Northwest.
Die spanischen Soldaten nannten sie „die kleine Blonde“ und meinten das mit tiefem Respekt, denn die gerade mal 1,50m große Gerda Taro lief nur mit einer Leica bewaffnet an vorderster Front neben ihnen her in der unerschütterlichen Überzeugung mit ihrer Kamera die Welt verändern zu können.
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Bücher:
Das Mädchen mit der Leica: Roman
Gerda Taro, Fotoreporterin: Mit Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg. Die Biografie
Dokumentation:
The Mexican Suitcase
Episodenbild: Von Anonym – icp.org, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4236537
Transkript
Der Spanische Bürgerkrieg von 1936 bis 39 war eine Art Generalprobe für den Zweiten Weltkrieg. Es war der erste Großkonflikt, bei dem auch Fotografen mit tragbaren Kleinbildkameras teilnahmen. Diese Kameras waren ein relativ neues Phänomen. 1914 bringt Leica die erste Kamera dieser Art auf den Markt und die neue Möglichkeit, gleichzeitig am Geschehen teilhaben zu können und es trotzdem festzuhalten, revolutioniert buchstäblich die Fotografie. Neugegründete Nachrichtenmagazine wies Time-Magazin sorgen außerdem dafür, dass die von Fotojournalisten geschossenen Fotos Essays ein Millionenpublikum finden. Es ist auch die Zeit, in der der Faschismus sich überall in Europa ausbreitet und besonders natürlich auch durch das Wirken der Nazis in eine Menge Menschen, insbesondere jene jüdischer Abstammung innerhalb Europas auf der Flucht. Und besonders Intellektuelle und Künstler zieht es natürlich in Europas Hauptstädte und da zuallererst Paris. Es ist dieses Paris, indem man zu der Zeit Picasso, Ernest Hemingway, Willy Brandt und so manchen anderen damals oder heute großen Namen antreffen kann. In Paris findet man zu der Zeit auch eine Menge Schriftsteller, Journalisten und Fotografen.
Oder anders formuliert: Es gibt eine Unmenge an Menschen, die versuchen, mit einer Schreibmaschine oder einer Kamera irgendwie über Wasser zu bleiben.
Eine von ihnen war die 23 jährige Gerta Pohorylle, die war wie viele deutsche Juden vor den Nazis auf der Flucht, hatte sie doch in Leipzig Flugblätter gegen die Partei Hitlers verteilt und war dort mit den Behörden in Konflikt geraten. Und bevor man sie dann endgültig festsetzte, hatte sie sich nach Frankreich abgesetzt. Die blonde Gerda sah so ein bisschen aus wie Natalie Portman, sprach drei Sprachen fließend und war gleichzeitig Charmebolzen und Energiebündel. Sie erledigte Schreibarbeiten für französische Medienhäuser und Fotoagentur und lernte über diese Arbeit und den damit kommenden Bekanntenkreis den Fotografen Endre Ernő Friedmann kennen. Wie Gerta war er wegen den Nazis aus Deutschland weggegangen. Wie sie war er ein mit20er und auch ihm sagt man ein gewinnendes Wesen und unglaublich viel Charme nach. Gerda und Endre teilen bald Tisch und Bett miteinander und versuchen ihr Glück gemeinsam. Er als Pressefotograf, sie als seine Agentin. Das Problem nur Auch wenn die Franzosen nicht so radikal wie die Deutschen zu der Zeit waren, waren sie trotzdem der vielen Migranten und Flüchtlinge einigermaßen überdrüssig. Und wenn man versuchte, ohne Aufenthaltsgenehmigung mit einem fremdartig klingenden Namen gute Aufträge zu ergattern oder ordentliche Preise zu erzielen, da hatte man es schwer. Und so hatte Gerda damals zwei großartige Ideen. Der erste Gedanke Zwei Fotografen produzieren mehr Bilder als einer. Endre hatte ihr inzwischen beigebracht, mit seiner Leica zu fotografieren. Und Gerda war Feuer und Flamme. Sie hatte die Fotografie schon immer gemocht. Selber zu fotografieren hieß damals übrigens nicht nur Fotos zu machen, sondern besonders für die mit wenig Geld. Hieß das auch im eigenen Labor zu entwickeln. Oder besser gesagt im eigenen Badezimmer. Der zweite Gedanke hatte mit den niedrigen Honoraren zu tun. Damals gab es nämlich eine Zweiklassengesellschaft. Die Fotografen, deren Namen man kannte, machten weit mehr Geld als die namenlose Heerscharen Pressefotografen, die irgendwie versuchten, von der Hand im Mund zu leben. Und zur letzteren gehörte Gerda Andres. Es war einfach auch sehr offensichtlich, dass sie gar keine andere Wahl hatten, als Fotos für niedrige Preise zu verkaufen. Ein wohlklingender Name musste also her. Und so beschloss Gerda, dass sie sich als Agentin für den amerikanischen Star Fotograf Robert Capa ausgeben würde.
[Einspieler:]
“Friedmann klingt zu jüdisch, also wird aus Endré Friedmann, Robert Capa in Anlehnung an den Hollywood-Regisseur Frank Capra. Und aus Gerta Pohorylle wird Gerda Taro, eine Verneigung vor Greta Garbo. Die beiden glauben fest, dass ihre neuen Namen der Schlüssel zur Verwirklichung ihrer Träume sind. Gerda weiß mittlerweile genau, was die Fotoagenturen wollen. Sie ist bereit, alles für ihren Geliebten zu tun.”
Dieser Teil der Geschichte wird übrigens gerne mal falsch erzählt. Da wird behauptet, Gerda hätte praktisch Endres umgestaltet zu Robert Capa Das mag später mal dann so der Fall gewesen sein, aber am Anfang war die Idee tatsächlich die, dass beide Fotos schießen und dann als angebliches Werk von Robert Capa vermarktet würden. Und die Rechnung ging auf schon die Honorare der ersten Aufträge für Robert Capa waren dreimal so hoch wie alles, was Endres und Gerd vorher einfahren konnten. Das ging auch eine ganze Weile gut aber natürlich passierte dann, was passieren musste. Der ganze Schwindel flog auf. Und das war auch der Moment, in dem Endre endgültig zu Robert Capa wurde. Gerta und Endre waren talentierte Fotografen und deswegen hatte sich Robert Capa inzwischen einen ordentlichen Namen gemacht. Die Aufträge kamen also auch weiterhin rein. Inzwischen war das Jahr 1933 und die Welt hielt den Atem an. Als der spanische General Franco beschloss, die demokratisch gewählte Regierung in Spanien mit einem Militärputsch abzusetzen. Und es war damals weit mehr als einfach nur eine Regierung, die zu kippen drohte. Der Spanische Bürgerkrieg wurde gesehen als der Vormarsch des Faschismus. Die intellektuelle Elite in Europa ging davon aus, dass, wenn Franco erfolgreich sein würde, nichts mehr den Faschismus aufhalten könnte. Und viele von ihnen beschlossen deswegen nach Spanien zu reisen, einmal um das spanische Volk zu unterstützen. Es war ja tatsächlich so, dass die Bürger Spaniens sich gegen den Faschismus zur Wehr setzten oder wenigstens doch zu dokumentieren. Und auch Gerda und Robert machten sich auf den Weg. Wir machen uns da heute glaube ich, gar keine Vorstellung mehr, von wie mächtig damals Fotografie gewesen sein muss. Foto Magazine wie das Time Magazine waren gerade erst gegründet worden. Die Menschen waren noch nicht von endlosen Fotos und Videos abgestumpft. Vom Krieg hatte man gelesen und gehört. Ganz selten mal was davon gesehen.
Gleichzeitig fand in Spanien Unglaubliches statt. Hitlers Luftwaffe bombardierte Städte, um Franco zu unterstützen und es wurde auf das Verbissenste gekämpft. Im Ersten Weltkrieg gab es Millionen Opfer, aber das waren alles Soldaten. Im Spanischen Bürgerkrieg gab es über eine halbe Million Tote und die meisten davon Zivilisten. Und zwischen ihnen: Journalisten, Künstler, Intellektuelle und eben auch Fotografen. Es ist diese Zeit, wo sich Gerda und Robert einen Ruf wie Donnerhall erarbeiten. Sie gehen dahin, wo der Kampf wirklich tobt, an die Front. Sie laufen mit den Soldaten über die Schlachtfelder. Sie fotografieren nicht nur aus der Ferne das Geschehen, sondern von mittendrin. Von Robert Capa ist ein Zitat überliefert: “If you pictures and good enough,, you aren’t close enough.”- Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran.
Und damit meint er nicht nur physikalisch nah genug, sondern auch emotional nah genug. Und Gerta ist fast noch besser in dieser Disziplin als Robert. Ein blondes, ein Meter fünfzig großes Persönchen, dem spanische Soldaten Respekt zollen für ihren Mut. Auch hier fotografieren sie beide unter dem Namen Robert Capa. Die Bilder werden gemeinsam vermarktet. Ihr Ziel ist es, mit den Fotos die Öffentlichkeit aufzurütteln. Das Schicksal der Spanier bekannt zu machen und unter Umständen den Verlauf des Krieges zu beeinflussen. Sie machen Fotos, wie sie die Welt noch nie gesehen hat. Es gibt mindestens drei große Kunstwerke, die man auf den Spanischen Bürgerkrieg zurückführen kann. Ernest Hemingway schreibt nach den Eindrücken des Spanischen Bürgerkriegs den Roman “Wem die Stunde schlägt”. Picasso, geprägt von der Bombardierung der Stadt Guernica, erschafft ein Gemälde, das schon bei der ersten Ausstellung ein Millionenpublikum anzieht und als eine der großen Anti-Kriegsikonen der Menschheit beschrieben wird. Und Robert Capa hält einen spanischen Milizionär in der Sekunde, in der er erschossen wird, fest und wird mit diesem Bild weltberühmt.
Um dieses Bild sollte später noch viel gestritten werden. Und ich glaube, das verdient mal eine eigene Episode. Tatsache aber ist auch hier fotografierten Endre und Gerta gemeinsam. Und beide fotografieren längst nicht mehr, um damit Geld zu verdienen, sondern sind eigentlich Aktivisten in diesem Krieg. Gerda sagt einmal:” Wenn du mal daran denkst, wie viele Menschen wir kennen, die in diesem Krieg gestorben sind, dann ist es unsolidarisch, noch am Leben zu sein.” Ihre Bilder Strecken sind gefragt und unter dem Namen Robert Capa wird ein Fotoessay nach dem anderen veröffentlicht. Und auch Gerda kennt man zu der Zeit durchaus. Sie ist nicht nur eine von wenigen Krieg’s Fotografen. Sie ist die einzige Kriegsfotografin. Und mit ihren zu dem Zeitpunkt gerade mal knapp 27 Jahren nötigt ihr Mut jedem Respekt ab. Sie war auch längst nicht immer mit Robert gemeinsam unterwegs. Manche Einsätze bestritten die beiden auch getrennt voneinander allein. So auch im Juli 1937.
[Einspieler:]
“The News tells that Franco is preparing a major offensive and he intends it to be his decisive blow. He believes his attack will end this savage spanish war.”
Sie waren an die brunete Front geeilt, wo eine Offensive der republikanischen Armee gegen die Nationalisten tobte. Sie fotografierte diese Offensive, unter anderem auch die verheerenden Luftangriffe der deutschen Legion Condor. Wie immer ist sie ganz vorne mit dabei. Als die Situation brenzlig wird, beschließt sie, mit einem Rotkreuz Fahrzeug aus der Gefahrenzone zu fahren. Sie darf sich hinten auf ein Trittbrett stellen und zusammen mit einem Kollegen versucht sie, in Sicherheit zu kommen. Es ist dieser Moment, in dem sich ein weiterer Luftangriff von Legion Condor ankündigt. Der LKW kommt ins Schlingern. Gerda fällt von dem Trittbrett und wird von einem republikanischen Panzer überrollt. Sie kommt schwerverletzt ins Krankenhaus, wird dort noch notoperiert und stirbt aber in der Nacht. Ihre letzten Worte sind überliefert, als “wo sie meine Kameras”. Die waren freilich tatsächlich verschollen. Aber die Fotos, die sie an den Tagen und an diesem Tag geschossen hatte, die wurden tatsächlich wenige Tage später veröffentlicht. Und so war Gerda Taro nicht nur die erste Kriegsfotografin überhaupt, sondern auch gleichzeitig die erste Fotografin, die im Krieg im Einsatz ums Leben kam. Gerade drei Jahre vorher hatte Endre Friedmann ihr das Fotografieren und Entwickeln von Bildern beigebracht und ihr damit das Werkzeug in die Hand gedrückt, mit dem sie die Kriegsfotografie und Fotojournalismus für immer verändern sollte. Robert Capa erfuhr von ihrem Tod im Wartezimmer eines Zahnarztes aus der Zeitung. Und so wie ihr Tod Nachrichtenwert hatte, war auch ihre Beerdigung alles andere als gewöhnlich.
[Einspieler:]
“Gerda wird nach Paris überführt und an ihrem Geburtstag auf dem Pierre Lachaise beigesetzt. Sie ist 27 Jahre alt geworden. Der Trauerzug wird zu einer gigantischen Demonstration gegen den Faschismus.”
Robert Capa sollte ab da nicht mehr aufhören, Kriege zu fotografieren. Den spanischen Bürgerkrieg fotografierte er bis zu seinem Ende. Und später sollte er uns die berühmtesten Fotos des Zweiten Weltkriegs überhaupt, die verwaschenen, verwackelten Bilder von der Landung in der Normandie bescheren. Fotos übrigens, für die er beinahe gestorben wäre. Aber auch die Geschichte, will ich zu einem anderen Anlass erzählen. Wir bleiben noch ein bisschen länger bei Gerda. Die hatte nämlich zusammen mit Robert und zusammen mit einem Fotografen, den wir als Jim kennen, nämlich David Seymour, tausende von Fotos im Spanischen Bürgerkrieg geschossen. Und als Robert und Jim zum Ende des Kriegs hin überstürzt das Land verlassen mussten, packten die diese negative ,4500 an der Zahl, in drei Boxen und gaben sie in die Hände eines befreundeten Generals zur Aufbewahrung. Und wie das mit Kriegen so ist, schließlich fing ja dann auch der Zweite Weltkrieg an. Sie sorgen für Verwirrungen und Dinge gehen verloren. Und so waren auch diese drei Boxen komplett verschollen. Unter ihnen Aufnahmen wie die von dem Tag, an dem der gefallene Soldat fotografiert wurde und unzählige andere Ereignisse. Mexiko hatte damals großzügig Spanier auf der Flucht aufgenommen und ihnen die Möglichkeit gegeben, komplett überzusiedeln. Und das war ein Angebot, das viele Spanier angenommen hatten. Heute ist es so, dass praktisch jeder Spanier und eine große Zahl Mexikaner Familiengeschichte mit dem Spanischen Bürgerkrieg verbindet. Wie wir jedenfalls heute wissen traten auch diese drei Boxen, die zur Aufbewahrung abgegeben worden waren, eine Reise nach Mexiko an und waren dann dort einfach weiter verschollen, lagen auf einem Dachboden, bis sie 2007 endlich wieder auftauchten. Robert Capas Bruder hatte das International Center for Photography gegründet, dass sich unter anderem damit beschäftigt, das Erbe von Gerda Taro und Robert Capa zu verwalten. Freilich kennt Gerda kaum jemand, jeder hingegen kennt Robert Capa. Taros Biografin sagt, das hat im wesentlichen drei Gründe, Erstens sie ist eine Frau, Zweitens sie war Jüdin, Drittens sie starb und die Bilder die sie mit Robert gemeinsam veröffentlicht hatte ließen sich nichtmehr unbedingt zweifelsfrei zuordnen.
Das kam damals sowieso öfter vor. Insbesondere natürlich auch, wenn Negative zusammengeworfen werden oder verschütt gehen. Das Mexican Suitcase, wie man die drei Boxen, die 2007 auftauchten, inzwischen nennt, hat da allerdings wirklich Licht ins Dunkel gebracht. Denn viele von den Negativen lassen sich nun Gerda oder Robert Capa zuordnen. Die beiden haben auch relativ oft dieselben Szenen fotografiert und so ist es nochmal ein zusätzlicher Informationsgewinn. Die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven beobachten zu können. Das International Center Photography hat sich jetzt zur Aufgabe gemacht, die Fotos in dem Mexican Suitcase regelmäßig auszustellen. Und natürlich sind da dann Gerdas Bilder, soweit man sie zuordnen kann, eindeutig gekennzeichnet. Über 80 Jahre nach ihrem Tod, für Robert Capa war Gerda Taro die Liebe seines Lebens. Gerda Taro sollte die einzige längere Beziehung, die er eingehen würde, bleiben. Und auch er sollte Jahrzehnte später im Einsatz sterben. In Indochina fotografierte er den Vietnamkrieg und stirbt durch eine Antipersonenmine, als er versucht, mit seiner Kamera in der Hand näher an die Szene, die er fotografieren wollte, zu kommen.
Che Guevara ist ein Held der Linken und gilt vielen als das Sinnbild der Entschlossenheit. Er war im Laufe seines Lebens ein Taugenichts, wurde dann Revolutionär, später dann wichtigster Minister in der Regierung Kubas, schließlich wieder Revolutionär und war unter anderem für seinen Versuch bekannt den dritten Weltkrieg anzuzetteln um dadurch eine sozialistische Weltrevolution zu ermöglichen… Kein einfacher Mensch und ein Bild, das inzwischen ein Eigenleben entwickelt hat.
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Bild: Von Alberto Korda – Museo Che Guevara, Havana Cuba, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6816940
Transkript
“Natürlich ist es immer Glück”, sagte Henri Cartier-Bresson, einer der berühmtesten Fotografen des 20. Jahrhunderts, bekannt für seine spontanen Schnappschüsse im öffentlichen Straßenleben von Paris, New York oder wo immer er sich gerade aufhielt. Er glaubte an den sogenannten decisive Moment, den Augenblick, in dem alles zusammentrifft und der Fotograf nur noch festhalten muss, was sich ihm und seiner Kamera bietet. Und genau so schoss auch Alberto Díaz Gutiérrez am 5. März 1960 das berühmteste Foto des 20.Jahrhunderts.
Orientieren wir uns erst einmal. 1960, was war das für eine Zeit? Wir befinden uns mitten im Vietnamkrieg. Der dauerte nämlich von 1955 bis 75. Das heißt, es war absolut noch kein Ende in Sicht. Und dieses andere berühmte Bild, das von Nick Ut, dem Mädchen, das vor einem Napalmangriff davonläuft, von dem immer wieder mal behauptet wird, es hätte zum Ende des Vietnamkriegs beigetragen, ja, dieses Bild wurde noch gar nicht geschossen. In den USA ist Dwight D. Eisenhower Präsident und Richard Nixon sein Vize. Ja, und Deutschland wird von Konrad Adenauer regiert. Wir befinden uns in der Nachkriegszeit und der große Konflikt, der die Ängste der Menschen dominiert, ist der Kalte Krieg.
Und wir leben in revolutionären Zeiten. Im Jahr 1959 hatte die kubanische Revolution erfolgreich das Regime von Batista niedergeschlagen und es gab den Verdacht, dass es sich eigentlich um eine marxistische Revolution gehandelt haben könnte. Und wenn es eine Bedrohung gab, vor der die Amerikaner zu der Zeit wirklich, wirklich Angst hatten, dann war es der Vormarsch der Sowjetunion. Die USA hatten ein Waffenembargo über Kuba verhängt und die CIA Zentrale in Miami war mit praktisch nichts anderem mehr beschäftigt als Agenten nach Kuba einzuschleusen und dort Anschläge zu verüben. Und es ist genau diese Gemengelage, die zu den folgenden Ereignissen führen.
[Einspieler]
4. März 1960. La Cubre, ein französischer Frachter, explodiert im Hafen von Havanna.
Das Schiff war in einem der Docks im alten Havanna vertäut worden, direkt hinter der Altstadt in der Bucht. Und es flog in die Luft. Es gab zwei Explosionen. Über 100 Leute wurden getötet. Niemand wusste wirklich, wie viele. Sie waren unkenntlich verbrannt.
Die kubanische Regierung war sich sofort sicher. Das war ein Anschlag der Amerikaner. Das ist ein Vorwurf, der bis heute zwar immer noch plausibel erscheint, aber tatsächlich nie bewiesen wurde.
Die Explosion hat in der Nähe der Stützpunkte der revolutionären Medienanstalten stattgefunden. Es gab also sofort eine direkte Übertragung in alle Welt und das prominente Personal der kubanischen Revolution war natürlich auch sofort vor Ort. Wobei damals außerhalb Kubas tatsächlich eigentlich nur Fidel Castro so richtig bekannt war.
Und der ließ sofort Staatstrauer anordnen, noch gleich am 5. März und eine große Kundgebung ansetzen. Eingeleitet von einem Trauermarsch, einer Bestattungszeremonie und dann einer Rede mitten in Havanna, die in alle Welt übertragen werden sollte. Fidel Castro war schon damals berühmt für seine Reden und auch berühmt dafür, dass die unglaublich lang waren. Zwischen Kuba und den USA tobte er Medienkrieg und natürlich war das auch eine der ganz großen Gelegenheiten, um diesen Medienkrieg weiter voranzutreiben. Fotografen, Kameraleute, Pressemenschen aus aller Welt waren vor Ort.
Und Prominenz war anwesend. Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir waren zufällig in der Stadt auf Einladung der Regierung und waren damit natürlich auch prominente Teilnehmer dieser Kundgebung.
Unter all diesem Medienrummel gab es einen Fotografen, der war besonders, der genoss das Vertrauen und die Freundschaft Fidel Castros. Er arbeitete für eine revolutionäre Tageszeitung in Kuba, aber im Grunde war er so etwas wie der Privatfotograf von Fidel. Wo immer Castro war, war auch dieser Fotograf. Sein Name, Alberto Díaz Gutiérrez oder wie er eigentlich bekannt geworden war, Korda. Und Korda hatte praktisch freien Zugang. Ihn kannte jeder, eigentlich als Fashionfotograf gestartet war Korda sozusagen der Starfotograf der kubanischen Revolution.
Er selbst hat es in einem Interview mal so formuliert: Er hätte mit der Fotografie begonnen, um schöne Frauen kennenzulernen und hat dann eine wunderschöne Revolution gefunden. Und die hatte nun mal ihre Stars, auch wenn man außerhalb von Kuba eigentlich nur Fidel wirklich kannte.
Aber es gab natürlich auch die lokalen Stars, die Revolutionsführer, die Kommandanten, die auch die Regierung stellten und allen voran mit am bekanntesten auf Kuba war Ernesto Che Guevara.
Am nächsten Tag marschierten Che Fidel, Raúl Sartre und Simone de Beauvoir, die gerade in Havanna waren und auch teilnahmen, die Straße an den Docks entlang, hielten sich an den Händen und wurden dabei fotografiert.
Che war nicht nur einer der bekanntesten Mitglieder der Regierung, sondern auch eins der mächtigsten. Er führte das Industrieministerium und die Landesbank und war schlicht und ergreifend damit betraut, die kubanische Wirtschaft zu verstaatlichen.
Und dann gab es diesen Moment, als sie an einer Bühne stoppten und zur Menschenmenge sprachen, die sich versammelt hatte.
Korda war ein fantastischer Fotograf, der aus der Welt der Werbefotografie kam. Er schoss einige Fotos von der Bühne, als er ganz plötzlich fühlte, das waren seine eigenen Worte, er fühlte, dass er ganz unerwartet das Bild von Che vor seiner Linse hatte. In der reflexartigen Reaktion eines Fotografen drückte er unverzüglich ab und schoss das Foto.
Ihn durchfuhr eine Art Schauer und er erstarrte. Das Bild, das er aufgenommen hatte, ist dieses unglaublich berühmte Bild von Che, auf dem er aussieht, als würde er in die Geschichte selbst schauen. Mit diesem Blick des unbeirrbar Revolutionären, der über die Gegenwart hinaus sieht. Es wirkt wie das Bild eines Heiligen. Man sieht Macht, Energie, Entschlossenheit und zur gleichen Zeit große physische Schönheit wie bei einer prophetischen Verkündigung.
Da war sie nun, die Aufnahme, die später weltberühmt werden sollte. Zu dem Zeitpunkt freilich war sie das noch nicht. Das Bild war einigermaßen unscharf und es gab prominentere Fotografierte, die bei derselben Kundgebung eben auch anwesend gewesen waren. Das Bild wird freilich trotzdem in der lokalen Presse verwendet. Der Siegeszug um die Welt, den die Aufnahme später antreten sollte, der war nicht einmal im Ansatz absehbar. Guerillero Heroico, wie Korda sein Bild genannt hatte, zeigte zu der Zeit schlicht und ergreifend einfach nur einen Minister auf Kuba, der zugegebenermaßen charismatischer als viele andere war und vielleicht auch einen etwas ungewöhnlichen Lebenslauf vorweisen konnte, aber so spannend zu dem Zeitpunkt wahrscheinlich auch noch nicht war.
Und das ist jetzt, glaube ich, ein ganz guter Moment, um einfach mal ganz kurz zu beschreiben, wer Che eigentlich war. Che ist eigentlich nur ein Spitzname. Sein eigentlicher Name war Ernesto Guevara und er war ein Argentinier. Dort hatte er als Sohn einer bürgerlichen, gut gestellten Familie Medizin studiert, dieses Studium auch abgeschlossen, und hatte sich relativ früh der kubanischen Revolution unter der Leitung Fidel Castros angeschlossen.
Wofür er wirklich bekannt war waren mehrere Eigenschaften. Einmal war Che Guevara jemand, der sehr meinungsstark war. Er hatte eine Vision, er hatte eine konkrete Vorstellung davon, wie Dinge zu sein haben, und er verfolgte sie mit aller Energie, die ihm zur Verfügung stand. Es wird ihm nachgesagt, dass er als Anführer der Revolutionäre unglaublich charismatisch gewesen sei. Die Leute wären an seinen Lippen gehangen und ihm praktisch blind gefolgt. Da mag es auch eine Rolle gespielt haben, dass sehr, sehr viele der Soldaten in seinen Kampfgruppen wohl unglaublich jung gewesen sein sollen. Junge Teenager, oder wenn man es mal so formulieren will, Kindersoldaten.
Che war jedenfalls bekannt dafür, dass er mit einem an Selbstmord grenzenden Mut immer ganz nach vorne rannte und in erster Reihe mitkämpfte. Genauso war er allerdings auch bekannt dafür, dass er launisch sein konnte und gnadenlos war. Liest man Beschreibungen seines Lebens von Fans durch, dann erkennt man, dass er praktisch schon mit zehn schwere Literatur gelesen hat und brillant war.
Liest man dieselben Beschreibungen von Menschen, die ihn kritischer sehen, dann tauchen Anekdoten auf, wie z.B. dass er dafür bekannt war, nur einmal in der Woche seine Kleidung zu wechseln und sich nur sehr, sehr selten zu waschen. Und wenn man seine Taten während der Revolution und danach ansieht, dann kann man eigentlich gar nicht anders, als festzustellen, dass Che Guevara viel, viel Blut an den Händen hatte. Während der Revolution exekutierte er Verräter zum Teil selbst. Nach der Revolution war er dafür zuständig, die Prozesse, die oft auch in Todesurteile mündeten, von Handlangern des Battistaregimes zu überblicken. Und da dann eben auch die Exekution anzuordnen.
Und in seinen Schriften kann man nachlesen, dass er fest davon überzeugt war, dass ein dritter Weltkrieg notwendig war, um die sozialistische Revolution weltweit voranzutreiben. So Kleinigkeiten wie dass er Russland besuchte und da ein Blumenkranz am Grab Stalins niederlegte, unterstreichen dieses Bild tatsächlich einfach nur noch.
Gleichzeitig sei Che Guevara aber ein durch und durch ethischer Mensch gewesen und er war eben wild entschlossen zu tun, was notwendig war. Er hatte die Theorie, dass es nur sehr wenige Menschen brauchte, um ein Land in eine erfolgreiche (was immer da erfolgreich heißt) Revolution zu stürzen.
Und so legte er irgendwann alle seine Ämter auf Kuba nieder und setzte sich ab, um im Kongo genau diese Sache voranzutreiben. Richtig verstanden, im Kongo.
Das Problem freilich war, dass Che Guevara zu dem Zeitpunkt dann schon allmählich bekannt wie ein bunter Hund war und in die Geheimdienste der Welt auf Schritt und Tritt folgten. Deswegen konnte er im Kongo viel weniger an vorderster Front kämpfen, wie er sich das vielleicht ausgemalt haben könnte, sondern musste sich im Hintergrund halten. Und da war dann wohl eher so eine Art Revolutionsconsultant.
Überhaupt war im Kongo die Revolution noch viel unorganisierter, als die auf Kuba schon gewesen war. Und in seinen Tagebüchern notiert er deswegen auch das ein oder andere an Beobachtungen, was man heute vielleicht mal als rassistisch oder zumindest doch sehr abfällig bezeichnen könnte.
Der Kongo war aber nicht der einzige Stopp für Che Guevara. Später dann versuchte er, genau das Gleiche auch nochmal in Bolivien zu erreichen.
Auch dort ging es ihm darum, eine Revolution in Bolivien auszulösen. Und sowohl im Kongo als auch in Bolivien war die größere Idee, dass sobald diese Länder erst erstmal in der Revolution untergegangen wären, der Kampf sich auf die benachbarten Länder und schließlich auf den ganzen Kontinent ausdehnen würde. Von ihm ist der Satz überliefert, dass er nicht nur ein Vietnam, sondern zwei, drei, fünf, viele Vietnams anzetteln möchte, sodass zum Schluss sozusagen die sozialistische Weltrevolution als Dritter Weltkrieg daherkäme.
Es ist auch bekannt, dass er die Stationierung von Atomwaffen auf Kuba sehr begrüßte und hoffte, mit Hilfe dieser Atomwaffen den Krieg in die USA tragen zu können. Er soll rasend gewesen sein, als sich diese Pläne letztlich zerschlagen haben.
Bolivien jedenfalls sollte Sheets letzter Revolutionsversuch bleiben. Er wird gefasst und im Land hingerichtet. Kleines, süffisantes Detail: an seinem Arm trug er eine Rolex.
[Einspieler]
Am 9. Oktober 1967, einen Tag nach seiner Festnahme, wird er erschossen. Sein Leichnam wird zur Schau gestellt. Die Presse verewigt ihn Christus gleich. Um Fingerabdrücke zu erstellen, werden Che Guevara die Hände amputiert und eingewickelt in die Tageszeitung an die CIA verschickt. Wie eine Siegestrophäe.
Wait. What?
[Einspieler geht weiter]
Wahrer Sieger aber ist der Mythos.
Er wurde zum Symbol des revolutionären Kampfes weltweit, und das war absolut wahr. In den USA. In Frankreich. Das war überall wahr.
Und jetzt kommen zwei Ereignisse zusammen. Einmal war es so, dass ein findiger Geschäftsmann, nämlich der kommunistische italienische Verleger Giacomo Feltrinelli, auf der Suche nach einem guten Bild von Che Guevara war, in Erwartung, dass mit dem Ende der Revolution in Bolivien unter Umständen eine schöne Gelegenheit auftauchen könnte, Geld mit so einem Bild zu verdienen.
Er wollte also ein Symbolbild. Ja, und er stößt auf Korda, dessen Aufnahme, und lässt sich von Korda die Aufnahme übergeben. Korda hat damals keinen Vertrag oder Ähnliches mit ihm abgeschlossen, hat ihm einfach das Bild gegeben. Und Feltrinelli reist mit diesem Bild im Gepäck ab.
Und kaum dass bekannt war, dass Che Guevara hingerichtet worden war, nutzt er dieses Bild, um Geld damit zu verdienen. Ein anderer Mann, der versucht, die Ereignisse für sich zu nutzen, ist Fidel Castro. Der sucht nach einer Möglichkeit, seinen Mitstreiter zu ehren, aber auch die mediale Schlacht damit weiter voranzutreiben und stößt auf dieselbe Aufnahme.
Zu der Zeit war Che schon ein globales Symbol für den Widerstand. Die Jugend sah ihn als einen Guerillakämpfer, der als ihr Idol herhalten kann. Jemand unangepasstes mit festen Überzeugungen bereit, zum Äußersten zu gehen, um für diese Überzeugungen zu kämpfen. Dieses Bild von Che Guevara plus die Ereignisse, die zu seinem Tod führen, sind die perfekte Mischung.
Und so sieht man kurz nach seinem Tod die Aufnahme, die Korda berühmt machen sollte. Überall. Auf Demonstrationen, auf T-Shirts, auf Magazinen, auf Plakatwänden, als Graffiti, schlicht allgegenwärtig.
Feltrinelli wurde reich mit diesem Bild. Korda hatte keinen Vertrag und hat keinen Cent an Lizenzgebühren eingenommen und nimmt das allerdings mit sozialistischer Gelassenheit. Allein die Tatsache, dass Che vor allerlei kommerzielle Karren gespannt wurde, gefiel ihm nicht immer. So behauptete Daimler Benz, revolutionäre Technik einzusetzen und machte Che Guevara zu einem Kampagnengesicht.
Ich selbst weiß sogar, wann ich Che zum ersten Mal gesehen habe. Also genau dieses Bild, Guerillero Heroico. Das prangte nämlich als Aufkleber auf meinem allerersten Auto. Das hatte da nicht ich hingeklebt, sondern das war schon so, als ich das Auto gebraucht kaufte. Und ich fand es nett, sah gut aus und ließ es da ohne wirklich zu wissen, wen ich denn da als Konterfei durch die Gegend fuhr und auch heute hab ich ein Chebildnis hier im Haus.
Naja, nicht ganz Che, sondern John Bellucci, genauso dargestellt wie das berühmte Bild des berühmten Revolutionsführers und ich amüsiere mich über die Ironie, die da drinsteckt.
Jedenfalls ist dieses Bild tatsächlich unsterblich. Selbst wenn die Leute, die das Konterfei von Ernesto Che Guevara durch die Gegend tragen, längst nicht mehr wissen, wofür dieser Mann kämpfte und wofür er stand und welche Ideen er vertrat. Ich habe Artikel gefunden von 2019, wo es ein Skandal gab, dass der Fanclub der Eintracht Frankfurt Che Guevara Flaggen im Stadion geschwenkt hat. Man kann in keine moderne Stadt laufen ohne nicht irgendwo ein Graffiti von Che zu sehen und es gibt kaum eine Demonstration linksorientierter Aktivisten, bei denen Che Guevara nicht als Frontfigur herhalten muss.
Wer sich aber mit dem man näher beschäftigt, stellt fest, die Wahrheit ist kompliziert. Mir fiel auf jeden Fall auf, dass auf den allermeisten Aufnahmen ein lächelnder Che zu sehen ist. Auch bei den TV-Auftritten wirkt er immer latent amüsiert. Es könnte sowieso nichts erschüttern. Und als hätte er alles schon mal irgendwie gehört. Und irgendwie strotzt die Geschichte von Che und die Geschichte von Korda und die Geschichte diese Aufnahme nur so vor Ironie.
Korda, der 2001 an Herzschlag in Paris stirbt, laut seiner Tochter mit einer 22 jährigen Prostituierten im Zimmer, der hätte sich nicht denken können, damals, bei dieser Kundgebung, dass er das berühmteste Foto des 20. Jahrhunderts geschossen hatte. Und Che würde sich sicher sehr, sehr wundern, wenn er noch am Leben wäre. Dass sein Bild, ausgerechnet sein Bild, nicht nur das Logo der Linken und Revolutionäre geworden ist oder ganz Kuba pflastert, sondern gleichzeitig eine Ikone des kapitalistischen Westens, mit dem sich jeder vom Punk bis zum Nazi schmückt, aber trotzdem keines der Ziele, für die Che gekämpft hat und zum Schluss auch starb, näher an die Umsetzung gekommen ist. Speziell das heutige Kuba würde Che glaube ich sehr sehr verwundern.
Es gibt Menschen, die glauben Feen und andere Naturgeister existieren wirklich und so wundert man sich nicht, dass irgendwann auch Beweisfotos auftauchten, die ihre Existenz belegten… Aber was hat das mit Sherlock Holmes zu tun?
(Unter dieser Notiz sind keine Videos? Auf nach https://fotomenschen.net)
Bildquelle: archive.org
Sound: „Eh surprised“ by owly-bee
Transkript
Es gab mal eine Zeit vor Photoshop da war es ganz klar, dass alles, was ich fotografieren lässt auch wirklich existiert. Das fängt bei Urlaubsfotos an und hört bei kriminalistischen Beweisbildern auf. Und manchmal zeigen Fotografien neben schier unglaubliches. Zum Beispiel Feen.
Feen sind Naturgeister. Kleine, meistens weibliche Figuren, die oft als wunderschön beschrieben werden, magische Kräfte haben, sich sichtbar und unsichtbar machen können und in der einen oder anderen Form fast überall auf der Welt in Sagen vorkommen.
Name und Grundidee leitet sich wohl schon von den römischen Schicksalsgöttinnen ab aber das, was wir heute unter Feen verstehen ist wahrscheinlich im Wesentlichen aus keltischen Volkssagen entstanden. Und wie das oft so ist, der Übergang zwischen Sage und Literatur und angenommener Wirklichkeit ist manchmal fließend.
So gibt es auf Island ein staatlich anerkanntes Feenmedium, eine Frau, die sich damit beschäftigt z. B. bei Straßen sicherzustellen, dass man nicht aus Versehen die neue Autobahntrasse quer durch ein Feenwohngebiet zieht. Und natürlich sind auch die einschlägigen spirituellen Regalmeter in der Buchhandlung unseres Vertrauens, gefüllt mit Literaturen nicht nur zu Feen, sondern auch Einhörnern, Engeln und was sonst noch alles gibt. Und da sind natürlich auch oft mal Bilder darin zu sehen, die angebliches oder tatsächliches zeigen.
Freilich sind wir uns heute alle bewusst, dass mit Photoshop jeder noch so absurde Bildeindruck erzeugt werden kann. Wir glauben solchen Fotos also nur begrenzt.
Anders war das im Jahr 1917. Zu der Zeit war Deutschland noch ein Kaiserreich und in Großbritannien herrschte King Edward the seventh über ein Viertel der Welt. Die Fotografie war zu der Zeit schon 100 Jahre alt und jeder Haushalt, der so ein bisschen was auf sich hielt, hatte sehr wahrscheinlich eine Kamera im Haus. Ja und was immer diese Kamera festhielt, war natürlich die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.
[Einspieler]
“Das Jahr 1917. Zwei Mädchen in England fotografieren sich gegenseitig. Das Ergebnis: eine Sensation. Die Bilder gehen um die Welt, denn sie zeigen fabelhafte Wesen.”
Die beiden Mädchen sind die 16-jährige Elsie Wright und die damals gerade mal 9-jährige Frances Griffiths, die bei Elsie zu Besuch war. Die beiden Mädchen spielen viel gemeinsam und meistens halten sich bei einem nahegelegenen, kleinen Bach auf. Als die Eltern fragen, was denn an dem Bach so faszinierend wäre, geben die Mädchen zur Antwort, dass da Feen wohnen. Der Vater glaubt das jetzt nicht so ganz aber er willigt ein, ihnen seine Kamera zu leihen, damit sie Fotos machen können.
Ja und die beiden kommen tatsächlich mit Aufnahmen von Feen wieder also Bilder, auf denen sie zu sehen sind und kleine Wesen mit Flügelchen. Der Vater denkt sich nicht viel dabei, hält das ganze für einen geschickten Trick und damit ist das Thema auch erstmal durch.
Zwei Jahre lang ist das Thema dann erst mal durch. Solange nämlich bis Elsies Mutter anfängt, zu regelmäßigen Treffen der lokalen theosophischen Gesellschaft zu gehen.
Solche Gruppen waren damals relativ weit verbreitet. Die Menschen waren damals auf der Suche nach allerlei spirituellen Wahrheiten. Indische Spiritualität mischte sich mit was man aus heutiger Sicht einfach nur Okkultismus nennen kann und nicht alles, was damals als Lehrmeinung vertreten wurde, war notwendigerweise wissenschaftlich begründet.
Das war ja auch eine Zeit, in der ständig Wunder wahr zu werden schienen. Man konnte mit Menschen reden, die nicht da waren, riesige Maschinen wurden konstruiert, Naturgewalten, die als unbeherrschbar galten, wurden nach und nach eingehegt und man hat nicht mal eine Augenbraue hochgezogen, wenn anerkannte Denker wie z. B. CG Jung sich offen mit Tarot und anderen okkultistischen Praktiken auseinandersetzen.Einfach unter der Annahme, es könnt ja was dran sein.
Philosophen jedenfalls sahen die Welt als eine Vielgötter- und Vielgeisterwelt an und da fiel natürlich Elsies Mutter dieser Fotoscherz wieder ein, den sie immer irgendwie auch für möglicherweise echt gehalten hatte. Sie geht also heim, sucht die Fotos raus, geht zum nächsten Treffen und legt dem Gruppenleiter die Bilder vor. Und fragt, ob das vielleicht ein Beweis für die Existenz von Naturgeistern sein könnte.
Der ist sich nicht sicher und holt sich deswegen Rat bei einem Fotografen. Ja, und der schaut doch darauf und sagt: „Ich wüsste beim besten Willen nicht, wie ich so ein Foto künstlich herstellen sollte. Das müssen echte kleine Wesen mit Flügelchen sein.“ Wer sich die Fotos anschaut, wird mir wahrscheinlich zustimmen, dass das kein besonders kompetenter Fotograf gewesen sein kann.
Aber für die Mitglieder dieses Schwurbelzirkels war das natürlich eine absolute Sensation. Ab jetzt wurden Vorträge gehalten, in denen diese Bilder als Beweise gezeigt wurden.
Ein solcher Vortrag wird es wohl auch gewesen sein, den damals Sir Arthur Conan Doyle, der Mann, der Sherlock Holmes erfunden hat, auf dieses Feenphänomen aufmerksam machte. Freilich könnte man sagen, Sir Arthur Conan Doyle wollte eigentlich, dass das Ganze die Wahrheit zeigt. Aber er wollte natürlich auch den Anschein vermeiden, dass er sich sehr, sehr leicht überzeugen lässt. Deswegen gab er die Bilder einen Gutachter der Firma Kodak.
Kodak war damals schon einen riesen Name. Die hatten die Kodak Brownie erfunden, die erste Schnappschusskamera, die praktisch in jedem Haushalt zu finden war, kann man mal so sagen, mit Rollfilm und Knipsmechanismus, mit dem wirklich auch jedes Kind umzugehen wusste, das heißt, wenn die es nicht wussten, wer dann.
Und das Gutachten fiel durchwachsen aus. Also im Endeffekt wussten die jetzt spontan auch nicht, wie diese Aufnahmen entstanden sein könnten, aber schlossen aus, dass es echt ist, mit der Begründung; wenn es keine Feen gibt dann müssen diese Aufnahmen ja wohl auch fake sein. Ja, und Sir Arthur Conan Doyle dachte sich dann:
[Einspieler]
“Once you’ve eliminated the impossible, whatever remains, however improbable, must be the truth.”
Und er wollte mehr Fotos von Feen. Er stattete die Kinder mit Kameraequipment aus und besuchte sie regelmäßig, bis die dann endlich noch ein Bild produzierten.
Übrigens war die Fotografie von Feen nicht das einzige Fotoprojekt, mit dem sich Sir Arthur Conan Doyle beschäftigte. Es sind z. B. auch Spiritfotografien, also Geistfotografien von ihm erhalten, die er von einem damals anerkannten Medium machen ließ.
Es war also durchaus so einiges an Fotogeschwurbel unterwegs, das einfach dadurch auch in der Welt blieb, weil die Menschen zu der Zeit kein Verständnis dafür hatten, wie Fotografien tatsächlich entstanden und welche Möglichkeiten der Manipulation es auch gab.
Schließlich veröffentlicht Conan Doyle einen Artikel in seinem Hausmagazin, dem Magazin, das auch Sherlock Holmes seinerzeit begründete, The Strand Magazine. “Epochales Ereignis! Feen fotografiert!”, stand da zu lesen.
Und das war der Startpunkt einer Kontroverse. Die Welt teilt sich auf in Leute, die das für eine Sensation und Leute, die das für absoluten Humbug hielten.
Conan Doyle ließ sich jedenfalls nicht beirren und irgendwann, nach mehreren Artikeln, schrieb er sogar ein Buch über den Fall. 1922 erschienen es in den Läden. “the coming of the fairies”. Sir Arthur Conan Doyle blieb bis zu seinem Tod von dieser Geschichte überzeugt. Er starb in dem sicheren Wissen, es gab Feen und die waren damals fotografiert worden.
Es gab auch immer wieder mal Wellen, in denen diese Bilder als Beweis und Diskussionsmaterial herhielten. 1940, in den Fünfzigern, in den Sechzigern, immer wieder gingen diese Bilder durch die Medien. Es wurden mehrere Bücher veröffentlicht und die beiden Mädels bestanden auch lange Zeit darauf, dass diese Fotografien authentisch und echt seien.
Heute wissen wir das besser. Und zwar aus ganz vielen Gründen. Aber wirklich überraschend ist, dass es bis 1978 gedauert hat, bis jemand sich ernsthaft damit beschäftigt hat, den Beweis zu führen, dass diese Bilder nicht echt sein können.
Und dieser Beweis hatte mehrere Bausteine. Einmal hat sich z. B. der Bühnenmagier und Skeptiker James Randi damit beschäftigt und gezeigt, woran man sehen kann, dass diese Bilder nicht echt sein können. Beispielsweise sieht man auf den Fotos den Bach, an dem die Mädchen gespielt haben. Und dieser Bach ist, weil das ganze ja eine Langzeitbelichtung war, verwischt. Gleichzeitig sind aber die Feen erstaunlich scharf zu sehen. Für kleine Wesen, die die ganze Zeit rumflattern und nicht auf der Stelle bleiben ist es schon erstaunlich.
Der finale Nagel in den Sarg der Geschichte war aber, als man 1978 die Vorlagen für die Feen fand, in einem Kinderbuch namens “princess Mary’s Gift Book”. Da waren sie abgedruckt und von dort hatten die Mädchen die Feen auch ausgeschnitten, um kleine Feenfigürchen vor der Kamera rumwedeln zu lassen. Über all die Jahre jedenfalls kochte die Diskussion immer wieder hoch und über all die Jahre wurden immer wieder auch die zwei Cousinen dazu befragt, ob das nun Fake sei, wie sie es denn gemacht hätten und als dann irgendwann mal auch feststand, dass es tatsächlich keine echten Aufnahmen sein können, mussten sich die beiden natürlich beschimpfen lassen, dass das ganze ja Betrug gewesen sei und ob sich nicht schämen würden.
Hier zum Beispiel ein Originalton von Elsie, ausgestrahlt in der BBC:
[Einspieler]
“It was very embarrassing, because, I mean, two village kids and a brilliant man like Conan Doyle, we could only just keep quiet.”
Was sie da sagt, kann ich mir gut vorstellen. Wenn jemand wie Conan Doyle so massiv Wirbel macht, ja, dann gehst du als so ein Mädel vielleicht eher vorsichtig ran und widersprichst ihm auch nicht so richtig frontal. Die beiden sind ja nicht herumgelaufen und haben das Ganze beworben, sie haben es nur nie abgestritten.
Wobei, das stimmt auch nur zum Teil. Elsie hat irgendwann offen zugegeben, dass das Ganze eigentlich gestellt war. Francis hingegen, die jüngere der Beiden, damals 9 Jahre alt, war absolut überzeugt davon, dass sie mindestens mal einen Gnom, vielleicht aber auch die Feen gesehen hat. Sie gab zu, dass die Bilder der Feen zum Teil, also, getürkt waren, aber das hieß ja jetzt nicht, dass alle Bilder gefaket waren und das hieß auch nicht, dass es gar keine Feen gäbe, sondern nur, dass es eben diese Bilder waren.
Hinzu kommt, dass die Leute eigentlich an diese Feen glauben wollten. Hier nochmal Elsie:
[Einspieler]
“The people keep insulting me, don’t you feel ashamed that you’ve made all these poor people look fooled, they believed in you. But I don’t because I wanted to believe.”
Ja. Sie sagt, sie schämt sich nicht dafür, dass die Leute ihr geglaubt haben, denn die Leute ließen ihr gar keine andere Chance, sie wollten es ja glauben. Und sie belegt das ganz anschaulich mit einem der fünf berühmten Bilder.
[Einspieler]
“Look at this photograph. … .That leg doesn’t belong to that fairy. And somebody pointed it out in the newspaper.”
Ja, man sieht eigentlich sofort, dass mit dieser speziellen Fee irgendwas nicht stimmt. Der Fuß ist falsch. Und damals hat das jemand auch dann angemerkt. In einem Artikel zu den Feen.
[Einspieler]
“And one of the dear believers said: “Well fairies aren’t like humans, they haven’t got bodies like we have, like, the skeleton, the arms and legs, they sort of put it together with swords and sometimes it doesn’t come out right.”
Ja, und dann ist dann sofort jemand herbeigesprungen und hat erklärt, ja, Feen sind nunmal nicht so wie Menschen, die haben keine Knochen und so, die Gestalt ist sozusagen aus Gedanken materialisiert und manchmal stimmt das dann halt einfach nicht. Eine sehr bequeme Erklärung für so einen anatomischen Fehler.
[Einspieler]
“We didn’t have to tell a lie about it at all because always someone came out and justified.”
Ja, da hat sie sicherlich recht. Die Menschen wollen so etwas glauben und das ist auch heute noch so. Immer wieder tauchen Fotos auf, die als Beweis für Bigfoot, Nessie oder auch ganz banale Dinge wie welche Menschen zu welcher Zeit an welchem Ort angeblich gewesen sein sollten herhalten müssen. Es gibt Fotos von Außerirdischen und es gibt Fotos von Geistern. Und für jedes Bild gibt es auch eine Gruppe an Menschen, die das unbedingt glauben wollen. Aber über Feen. Über Feen sind wir doch jetzt drüber, oder?
[Einspieler]
“The Fairymania they inspired seems like another age. However, a hundred years on, belief has not disappeared. A professor of arts, John Hyatt, took these pictures of, what he thought, were insects. When he displayed them people from around the world were convinced; he’d photographed fairies.”
Richtig gehört. Es gibt einen Kunstprofessor da draußen, der hat Fotos von Feen gemacht. Und der stellt die nicht nur aus, sondern von überall in der Welt schicken Menschen ihre eigenen Feenfotos ein. Die sehen jetzt freilich irgendwie anders aus als die Cottingley fairies damals: Ein bisschen kunstvoller, verwischt, Bewegungsunschärfe, sie sind kleiner aber irgendwie, irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass das zwar moderner, aber eigentlich immer noch genau das Gleiche ist.
Und wie damals, wie in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, finden sich auch heute Menschen, die da unbedingt dran glauben wollen.
Ohne Fotografie keine Modebranche, ohne Models keine Mode, ohne Business keine Models? Heute besuchen wir die Anfänge einer Branche mit Milliardenumsätzen…
(Unter dieser Notiz sind keine Videos? Auf nach https://fotomenschen.net)
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Bildquelle: Von Arnold Genthe – Dieses Bild ist unter der digitalen ID agc.7a15137 in der Abteilung für Drucke und Fotografien der US-amerikanischen Library of Congress abrufbar.Diese Markierung zeigt nicht den Urheberrechtsstatus des zugehörigen Werks an. Es ist in jedem Falle zusätzlich eine normale Lizenzvorlage erforderlich. Siehe Commons:Lizenzen für weitere Informationen., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1748122
Transkript
Es ist schwer zu ignorieren, wenn man Fotomenschen spricht, dass es eine ganze Branche gibt, die im Grunde nichts anderes macht, als Fotografie zu produzieren.
Na, schon eine Ahnung? Genau: Mir geht es heute um die Modebranche, eine Branche, mit der ich persönlich so gar nichts am Hut habe und eine Branche, die auch ein Fotogenre hervorgebracht hat, die Fashion Fotografie, mit der ich zumindest nicht viel anfangen kann. In Sachen Fotografie schränke ich das so ein bisschen ein, weil es gibt natürlich Modefotos, die nichts anderes sind als Studiofotografie mit Konzept. Aber das ist mir für heute auch erstmal egal.
Wir reden nämlich gar nicht über die Fotografinnen und Fotografen in der Modebranche, sondern über alle anderen, die da irgendwo damit beschäftigt sind, Bilder für die Massen zu produzieren. Nichts anderes ist die Modebranche meiner Meinung nach: im Grunde arbeitet da eine Heerschar von Menschen an genau einem Ziel: Bilder zu produzieren von Mode, um Menschen dazu zu bringen, auch in der nächsten Modesaison Geld für Lifestyle auszugeben. Denn Mode erstreckt sich ja nicht nur auf Kleidung, sondern auf so viel mehr.
Am unteren Ende der Skala haben wir da natürlich den Fließbandbetrieb, mit dem praktisch Katalogbilder für Webseiten produziert werden, und am oberen Ende der Skala haben wir dann die Stars und Sternchen und das Celebritypersonal, das Veranstaltungen wie die Fashionweek bestückt. Und irgendwann zu diesem Personal zu gehören, das ist der Traum vieler. Wer möchte nicht einen Job haben, der einen regelmäßig um die Welt jetten lässt, mit den Reichen und Superreichen zusammenbringt und dabei auch noch Geld wie blöd verdienen.
Das ist der Traum, den die Fernsehshow Germany’s next Topmodel vermarktet. Heidi Klum und ihre Mädchen.
Da wird regelmäßig gecastet, es werden peinliche Spielchen gemacht und im Endeffekt die Wichtigkeit der Fotografie nur noch weiter betont. Wir sehen in jeder Folge diverse Fotoshootings und weiter im Rennen ist nur, wer von der Moderatorin Heidi Klum ein Foto überreicht bekommt.
GNTM ist dabei eine wirklich interessante Konstruktion. da ist nicht nur Heidi Klum als Moderatorin und als Hauptjurorin unterwegs, nein, auch der späteren Modelvertrag der identifizierten Talente wird von der Heidi Klum Model Agency vertrieben und Heidi betreibt nicht nur diese eine Sendung, sondern sie hat noch drei andere Sendungen nach ganz ähnlicher Machart, wo sie als Moderatorin und als Jurorin teilnimmt und eben auch kräftig mitverdient. Man könnte sagen, die einzige die sich mit Germany’s next Topmodel ihren Traum verwirklicht ist Heidi Klum, aber das mal nur so am Rande erwähnt.
Na und, möchte jetzt einwerfen, vielleicht ist der Deal ja trotzdem fair, weil für die teilnehmenden Mädels ist ja die Karriere trotzdem möglich. Vielleicht werden die ja alle Supermodels. Vielleicht sollte man GNTM mehr als so eine Art, naja, Talentschmiede sehen.
Fragen wir doch mal jemanden, der das wissen muss: Karl Lagerfeld, seines Zeichens Designer und Star der Szene. Karl. Wie ist denn das?
[Einspieler]
Moderator: “Ich zeige Ihnen eine junge Dame, ein Foto einer jungen Dame, und Sie sagen mir freundlicherweise, ob diese Dame, mal sehen, wo wir es kriegen, da kriegen wir es eingeblendet, ganz klein, da oben können Sie es ein bisschen größer sehen, ob diese Dame Chancen hätte im internationalen Modelbusiness.”
Karl: ”Das kann man aus solchem, nicht sehr gutem Bild nicht unbedingt sagen.”
Moderator: ”Das ist die Siegerin der letzten Staffel von Germany’s next Topmodel”
Karl: “Erst mal muss sie sich bewegen, damit man sehen kann, was ihre Figur ist, wie sie damit umgeht, und das Gesicht und ist sie gut geschminkt, ist sie gut frisiert, ist sie nicht billig geschminkt, wissen Sie, bei so Wettbewerben, das ist halt, nun wirklich, das hat mit richtiger Mode nichts zu tun. Wissen Sie, das gehört in der Mode und auch für die Musik, das sind Berufe, das ist nicht, weil sie sagen, ich möchte das werden, dass sie es werden, das ist eine Sache, die total auf Ungerechtigkeit basiert ist. Sie können nicht sagen, oder eine Mutter sagt: ‘Meine Tochter soll die neue Claudia Schiffer werden’. Ne! Das gibt es nicht. Der Wille genügt da nicht. Wenn da etwas ist, wo ein Potential ist, kann das passieren, aber das ist ein ziemlich seltener Fall.”
Moderator: “Und Mode ist ungerecht, sagen Sie? Heißt das nur für die Models oder heißt das, dass Mode auch ungerecht ist für die… “
Karl: “Nein nein nein nein. (…) Sie können nicht sagen, ich werde jetzt Designer und das muss klappen und wenn das nicht klappt ist die Welt schuld und nicht Sie, das ist etwas, wo man keine Regeln kennt, wo man was bringen muss und das ist etwas, was jedem logischen Konzept entgeht.”
Moderator: “Aber dass Sie einer der größten Stars dieser Branche sind, das ist gerecht.”
Karl: “Ja gut äh, die haben sich an mich gewöhnt.”
(Gelächter aus dem Publikum)
Halten wir also fest: es ist sicherlich kein Zufall, dass Heidi erfolgreich ist mit dem Konzept. Und ja, Heidi hat es vielleicht auch ein bisschen mit ihrem Staat als Modelgesicht zu tun gehabt, aber danach wahrscheinlich einfach nur mit dem wirtschaftlichen Buisnesstalent ihrer Familie und ihr selbst. Die TeilnehmerInnen, die sind dann einfach mal Schwungmasse.
Gesichter, hübsche Gesichter zugegeben, die vor Kameras posieren.
Aber war das eigentlich schon immer so? Die Frage stellte ich mir und hab mal angefangen in der Geschichte des Genres zu graben. Irgendwann muss es ja das erste Model vor der Kamera gegeben haben. Und irgendjemand muss ja auch diesen unsäglichen Laufsteg erfunden haben, über den seit Jahrzehnten irgendwelche mehr oder weniger prominenten Modeidole staksen. Allein dass man so ein Ding Catwalk nennt im Englischen finde ich schon eine echte Zumutung, aber da bin ich vielleicht auch Kind meiner Zeit.
Es wird schwer zu datieren sein, wer zum ersten Mal auf die Idee gekommen ist, Frauen in neue Kleidung zu stecken, um sie vor potenziellen Käuferinnen und Käufern herumlaufen zu lassen. Die Idee, die muss ja Jahrhunderte alt sein. Man weiß aber erstaunlicherweise relativ genau, wer das wahrscheinlich zum ersten Mal professionalisiert und in eine Form gebracht hat, die wir heute wiedererkennen würden.
Um diese Person zu treffen, müssen wir nach London und zwar ungefähr in das Jahr 1890. Es ist zu der Zeit als das Modeatelier ‘the Maison Lucile’ die feine Gesellschaft Großbritanniens im Sturm erobert. La maison lucille war spezialisiert auf romantische und feminine Mode.
Ihre Besitzerin war die alleinerziehende Lucy Christiana Sutherland. Gerade frisch nach erster Ehe geschieden, hatte sie eine Schneiderei eröffnet, um sich und ihre Tochter versorgen zu können.
Und Luciles Mode war fantasievoll und manchmal gewagt. Beispielsweise wird die Erfindung des geschlitzten Rocks auf sie zurückgeführt.
Um ihre Kollektionen an die Frau und den Mann zu bringen, hatte Lucile relativ früh damit begonnen, Modeschauen zu organisieren, also zwanglose treffen, bei denen sie Getränke und Snacks reichte und sich die zukünftigen Kundinnen und Kunden in die jeweiligen Stücke anschauen konnten. Und weil es einfach viel, viel besser ist, wenn jemand diese Stücke auch vorführt und damit anschaulich macht, wie gut man darin aussehen könnte, war Lucile dann auch tatsächlich die erste, die einen Catwalk konstruierte, professionelle Models anheuerte und ihre Mode direkt vorführen ließ.
Ihre Models rekrutierte Lucille unter Tänzerinnen. Einige davon waren tatsächlich für ihren Tanz bekannt, sie waren also schon Celebrities oder Prominenz, bevor sie über den Catwalk von Lucille stapften.
Sie hatte inzwischen ihren zweiten Ehemann kennengelernt, Sir Cosmo Edmund Duff-Gordon the fifth, der seinerzeit dann dafür sorgte, dass Lucille ordentlich finanziert war und nach und nach in die gesamte High Society der damaligen Zeit eingeführt wurde. Das und die Tatsache, dass die Tänzermodels natürlich auch die Mode von Lucy trugen, sorgte dafür, dass Lady Duff-Gordon, wie sie jetzt hieß, in aller Munde war und ihre Mode sich praktisch wie von selbst verkaufte.
So war sie nicht nur eine der ersten Modedesignerinnen und die Erfinderin des Catwalks, sondern baut ihr Modeimperium weiter aus und war auch das erste Modelabel, das Niederlassungen in London, Paris, New York und Chicago eröffnete.
Man kann mit Fug und Recht sagen, dass Lady Duff-Gordon eine echte Powerfrau war und damals in höchsten Kreisen verkehrte.
Da schlug sich auch nieder, dass sie selbstverständlich 1912 als First Class Passagierin an der Jungfernfahrt der Titanic nach New York teilnahm. Sie wurde gerettet, kam zurück und baute ihr Imperium weiter aus.
Auf sie geht zurück, dass bei diesen Modenschauen dann auch Musik und Tanz mit integriert wurde und ganz allgemein aus dieser Verkaufsveranstaltung eigentlich fast schon sowas wie eine Art Modetheaterstück wurde. Wie gesagt, eine echte Powerfrau.
Interessant ist, dass zu der damaligen Zeit Fotografie bei diesen Veranstaltungen noch keine große Rolle gespielt zu haben scheint. Es gibt zwar Aufnahmen von einzelnen dieser Models, es gibt auch ein paar Filme, die man im Netz dazu findet, aber für Lucy war einfach viel, viel wichtiger, dass die Käufer im Raum waren und nicht, dass das Ganze gefilmt und verteilt wurde.
Fashionfotografie und Mode verkaufen waren damals noch zwei verschiedene Dinge: Wenn man sich schon fotografieren ließ und vielleicht sogar hauptsächlich des Äußeren willen, dann war das damals in erster Linie eine Inszenierung. Und um die Anfänge dieser Idee zu beobachten, müssen wir uns von London verabschieden und nach Paris reisen.
Und da treffen wir dann die Konkubine Napoleons des dritten, Virginia Oldoini. Wie der Name schon nahelegt ist sie Italienerin, genau genommen Contessa di Castiglione.
Und Virginia war skandalträchtig. Schon ihre Ankunft in Paris war ein Skandal. Sie sah atemberaubend aus und war praktisch sofort die gespiele Napoleons des 3. und am königlichen Hof. Das gefiel jetzt ihrem damaligen Ehemann nicht so wirklich. Virginia freilich war das egal.
Virginia war damals der Star am Hof. Sie sprach vier Sprachen fließend und ist überliefert als eine unglaublich charmante und energiegeladene Gastgeberin. Außerdem war sie bekannt für ihre extravagante Kleidung. Einmal kam sie gekleidet als Queen of hearts. Jedes Mal kam sie auf jeden Fall anders gekleidet und ihre Kleidung, ja über die, sprach man. Und ahmte sie nach.
Während ihrer Affäre mit Napoleon dem dritten war sie außerdem auch des Öfteren, naja, will ich mal sagen, Geheimdiplomatin in Charme-Offensive, wurde sie doch regelmäßig an andere Königshöfe eingeladen oder auch mal für, naja, sagen wir mal, besondere Verhandlungen losgeschickt. Es gab diverse Konflikte in Europa und der eine oder andere, so sagt man, ist vielleicht auch durch ihr Wirken im Hintergrund anders ausgegangen.
Damals jedenfalls, wir reden von der Mitte des 19. Jahrhunderts, hatte natürlich jeder kaiserliche und königliche Hof, der was auf sich hielt, einen Hoffotografen: da macht er Hof Napoleons III natürlich auch keine Ausnahme. Und die schönste Frau am Hof, die saß natürlich auch irgendwann vor der Kamera.
1856 saß sie für den Hoffotografen Pierre-Louis Pierson Modell und das war der Anfang einer Leidenschaft, die sie bis zu ihrem Tod verfolgen sollte. Mit Pierson machte sie über 400 Porträts und interessant ist an diesen Bildern, dass überliefert ist, dass sie die treibende Kraft hinter diesen Aufnahmen ist. Das heißt der Fotograf, der hat einfach nur die Aufgabe, den technischen Teil im Griff zu haben. Und er darf natürlich die Kulisse aufstellen. Sie ist die Regisseurin. Sie ist diejenige, die die Kleidung auswählt, die Szenerie beschreibt, die Bildidee beschreibt und dirigiert. Und sie ist bekannt als absolute Perfektionistin. Aufnahmen wurden so oft wiederholt bis auch das kleinste Detail sitzt.
Und manche der Aufnahmen waren für die damalige Zeit auch frivol. So gibt es Aufnahmen ihrer nackten Füße. Auf Bildern wo ihre nackten Füße also vom Knie abwärts zu sehen sind, ja, da sieht man dann meistens ihren Kopf nicht. Das ist ja fast schon Pornografie!
Über die Jahre werden ihre Aufnahmen dann immer dunkler und skurriler. So lässt sie sich durchaus auch mal in einem Sarg fotografieren oder in Trauerkleidung. Es sind jedenfalls dramatische, gestellte und manchmal auch Konzeptfotografien, die damals entstehen.
Und sie sind für die Zeit ungewöhnlich. Es geht um das Äußere, um die Inszenierung, um die Kleidung, die sie trägt oder eben nicht trägt, um die Person, die sie darstellt und wie die am besten Szene zu setzen ist. Und so ist sie als Erfinderin der Fashion Fotografie in die Geschichte eingegangen.
Interessant finde ich ja das Fashion Photography und die Fotografie von Mode während Modenschauen zwei sich ergänzende aber dann doch unterschiedliche Disziplinen zu sein scheinen. Man kann natürlich Fashion Fotograf sein und sich überhaupt gar nicht für Models auf dem Laufsteg interessieren. Und umgekehrt.
[Einspieler]
Karl Lagerfeld: “Ja, wissen Sie, Heidi Klum, ich kenn sie nicht. Ich finde, dass die deutsche Vogue tolle Bilder von ihr gemacht hat, so gut kann ich sie mir gar nicht vorstellen. Dieser junge Fotograf, wie heißt er, Francesco Carrozzini, hat unglaublich tolle Bilder von dieser Heidi Klum gemacht, die ich nicht kenne. Auch Claudia kennt die auch nicht. Die war nie in Paris, die kennen wir nicht.”
Die war nie in Paris, die kennen wir nicht. Damit bezieht sich Karl Lagerfeld auf eine der Big Four. Mit Big Four sind die vier großen Fashion Weeks gemeint: New York, Paris, London und Mailand. Und, Heidi? Naja, die ist eben nie über eine dieser vier Laufstege gelaufen und schon gar nicht über den in Paris. Sie macht halt “nur” Werbung. Aber zumindest laut Joop hat sie was es braucht.
[Einspieler]
Joop: Nacher, in diesem Modelberuf, ist fast keiner schön genug, um die große Karriere zu machen. Guck mal: Heidi musste schon so schön sein, wie sie ist, um so weit zu kommen.
Das, glaube ich, ist ein Irrtum. Mit Schönheit hat es nur am Rande was zu tun. Vielleicht war das mal ein Türöffner für Heidi, aber dann, dann ist es Geschäftssinn und Durchhaltevermögen, das für Heidi, für Lucille oder auch für Virginia den Unterschied gemacht hat. Und Heidi, was sagst du dazu?
[Einspieler]
Heidi: “Ich habe heute leider kein Foto für dich.”
Na Gott sei Dank.
Mark Reay ist Model, Schauspieler und Fotograf in New York und lebt ein überraschendes Doppelleben.
Notizen zur Sendung:
(Unter dieser Notiz sind keine Videos? Auf nach https://fotomenschen.net)
Dieses Video auf Vimeo ansehen
Episodenbild: homme-less.com
Transkript
Vor einigen Monaten hab ich einen Podcast entdeckt, der auch eine absolute Hörempfehlung ist, namens unter freiem Himmel. Dort erzählt ein ehemals Obdachloser, wie leicht es auch in Deutschland ist, die Obdachlosigkeit zu geraten. Da spricht er freilich von Obdachlosen, wie wir sie alle kennen. Menschen, denen man schon von weitem ansieht, dass sie Probleme haben. Was aber, wenn es noch eine weitere Art von Obdachlosigkeit gäbe? Was, wenn jemand oberflächlich gesehen alles im Griff zu haben scheint, Beruf, teure Elektronik, einen gepflegten Anzug trägt, aber nachts dann unter freiem Himmel schlafen muss?
Der österreichische Dokumentarfilmer Thomas Wirthensohn hat 2014 mit dem Film “Homme less” eine Dokumentation veröffentlicht, die genauso einen Fall beschreibt; er folgt zwei Jahre lang Mark Reay, einem Mann, der aussieht wie George Clooney und in New York versucht, mit Schauspielerei, Modelling und Fotografie durchzukommen.
Nun ganz im Ernst: Man sieht Mark Reay nicht an, dass er auf der Straße lebt. Das ist ihm auch wichtig. Von dem wenigen Geld, was er im Monat zur Verfügung hat, investiert er 120 Dollar Monat für Monat für seine Mitgliedschaft im Fitnessstudio. Das sichert ihm nicht nur einen Platz im Spind, wo er seine Habseligkeiten unterbringen kann, es sorgt auch dafür, dass er sich regelmäßig im Warmen körperlich betätigen kann. Das hält ihn gesund und außerdem gibt es im Fitnessstudio natürlich Duschen und die Möglichkeit, Sachen zu waschen, sodass Mark auch tagsüber immer aussieht, wie aus dem Ei gepellt.
Und Mark ist ein gutes Beispiel für die Art von Geschichten, die wir uns gerne gegenseitig erzählen. Wäre er erfolgreich, wäre er das klassische Beispiel für eine inspirierende Stargeschichte. Der Mann, der schon früh wusste, dass er Fotograf und Schauspieler werden wollte. Den nichts aufhielt. Der dranblieb. Der früh dann schon aufbrach, um Europa als Backpacker zu bereisen, dort dann erste Modeljobs annahm und fotografieren begann und dann den großen Durchbruch erlebte und jetzt als Millionär in Kalifornien lebt.
Naja, dieser letzte Teil, der hat halt nie stattgefunden. Mark modelte zum Beispiel für Brands wie Versace, aber wer nicht als Kampagnengesicht gebucht wird, der verdient tatsächlich in der Branche wenig mehr als die Spesen. Dafür hat er dann einen relativ teuren Lifestyle mit Menschen, die wesentlich mehr Geld ausgeben, als sie einnehmen.
Aber besonders am Anfang ging das schon. Er kam immer so bei plus minus null raus. Das war auch die Zeit, in der Mark anfing, die Schauspielschule zu besuchen, in seine Karriere zu investieren, erste Rollen als Extra bei irgendwelchen Produktionen annehmen konnte und anfing zu fotografieren. Das war eigentlich in erster Linie ein Hobby. Zwar hatte er Zugriff auch Models und war natürlich auch immer wieder Mal auf Veranstaltungen, auf denen es interessant ist, zu fotografieren, aber im Wesentlichen hatte er Spaß an der Kamera, bis er irgendwann mal auf die Idee kam, und das scheint eine sehr amerikanische Idee sein; damit muss man doch auch irgendwie Geld verdienen können.
Mark überlegte sich einige coole Fotoprojekte: Dinge, von denen er glaubte, damit könnte der große Durchbruch in Reichweite kommen, und eine der Ideen, die er hatte, war, nach Südfrankreich zu reisen, dorthin, wo die reichen und Superreichen Urlaub machen und seine Dienste als privater Fotograf anzubieten. Die Idee wäre sozusagen, die Superreichen nehmen ihn mit auf einen ihrer Urlaubstrips und er würde für die Urlaubserinnerungen sorgen.
Klingt großartig, muss ich sagen. Praktisch Luxusurlaub und gleichzeitig dem Hobby Fotografie nachgehen, was könnte da nur schiefgehen. Naja, so ziemlich alles.
Als Mark seine Ersparnisse endgültig verbraucht hatte, war dann in der Nähe von Saint-Tropez das Ende seiner Finanzen erreicht und da schlief er dann zum ersten Mal unter freiem Himmel.
Damals hat er auch entdeckt, dass das Äußere einen riesen Unterschied macht: solange er darauf achtet, dass er ordentlich aussieht, konnte immer noch am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Manchmal kaufte er sich billigen Roséwein im Supermarkt, schlich sich dann mit dem Wein in der Tasche in eine der fancy Bars in Saint-Tropez, klaute sich ein Glas vom Tresen, setzte sich einfach an irgendeinen Tisch und trank dann Wein mit den Reichen und Superreichen, ohne dass irgendjemand jemals auf die Idee gekommen wäre, er gehörte da irgendwie nicht hin.
Und das ist natürlich auch ein Rezept dem er in New York folgt: Sein Äußeres ist schon wichtig. Und sieht ja einem Anzug niemand an, dass er auf der öffentlichen Herrentoilette gewaschen wurde.
Lassen wir es uns doch mal kurz von ihm selbst erzählen:
[Einspieler]
Mark: “Like, I’m really in touch with the… Kinda the basics of life and uh… I mean but I also like the finer things. I mean, these shoes, I think they’re really beautiful and they look like money, but I got them for just under 200 bucks. But at least I give the impression like I’m doing okay, I’m well off and uh.. You know… I am doing okay, I’m physically fit and most of the time I’m happy, uh… (sighs) Most of the time.“
Das Absurde ist ja, wenn man sich diese Dokumentation ansieht; Mark hat ja durchaus Einkommen. Er fotografiert für ein Magazin als Staff Photographer auf Veranstaltungen wie der Fashion Week, er wird eingeladen zu allen möglichen sozialen Ereignissen, manchmal als Fotograf, manchmal als Teilnehmer, weil man ihn halt kennt, er fotografiert Models auf der Straße, er fotografiert für Stock Agencies, er selbst hat immer wieder Engagements als Schauspieler und modelt auch durchaus selber noch. Aber die 30000 $, die da im Jahr so grob für ihn zusammenkommen, reichen nun mal nicht, um sich in New York tatsächlich auch ein Dach überm Kopf zu gönnen und es ist anscheinend diese Karriere, die in da dann festhält.
Vermutlich hat er das Gefühl, er kann einfach nichts anderes oder er will einfach nichts anderes, er will einen Lebensstil pflegen können, der ihn in der Stadt bleiben lässt und er möchte fotografieren, schauspielern und modeln. Das ist irgendwie auch eine sehr, sehr amerikanische Idee, dieses pursue your dreams. Da kommt er dann später auch mal selber darauf.
Wenn er dann müde genug ist, vom Bilder editieren bei Starbucks, fotografieren auf der Straße oder bei den verschiedenen Terminen, die er einzuhalten hat, ja, dann versucht er, sich zu seinem Schlafplatz durchzuschlagen. Ein Freund gab ihm mal einen Wohnungsschlüssel, um, während er im Urlaub war, seine Wohnung zu benutzen und diesen Schlüssel hat er noch. Und diesen Schlüssel benutzt er nicht, um bei dem Freund in der Wohnung zu schlafen, sondern, in dem Mietshaus aufs Dach zu kommen. Dort hat er sich eine Ecke zurechtgelegt, in der er unter einer Plane Nacht für Nacht schläft.
[Einspieler]
Mark: “So I’m a little nervous right now because I’m about to enter my friend’s building.” (he quietly walks into the building. He waits for a little while and listens.) (whispers) “I don’t hear any footsteps so that’s good. So the thing is I have a key to this building because it’s my friend’s place and he gave me a key to use to get into his apartment when he’s away on long trips to… “ (he opens a door) “Here comes the money” (he walks faster and opens the door to the rooftop) “I hate when that happens, when I’m on the fourth floor and I hear someone leaving, then I have to run down all these steps and then I have to climb back up again.. “
Über sechs Jahre hat er da oben gelebt, bevor dieser Dokumentarfilm in die Kinos kam. Und dieses Leben, ich weiß gar nicht, ich würde ihn so viel fragen wollen.
Eine Frage, die ich ihm stellen wollen würde, ist, ob ihn Optimismus, also der unverbesserliche Glaube, dass es irgendwann mal funktionieren muss, bei diesem Leben gehalten hat, oder Verzweiflung. Also konnte er nicht anders oder hatte das Gefühl nicht anders zu können oder wollte er nicht anders. Ich meine im Film kommt er manchmal tatsächlich auch recht depressiv rüber, wobei da auch viel Zweckoptimismus mitschwingt.
Wir werden einfach auch von unserer Umgebung dahin gedrängt, selber Verantwortung für uns zu übernehmen. Wir sind die Schmiede unseres Glücks. Wenn alles super funktioniert, dann haben wir natürlich dafür gesorgt, dass es funktioniert. Wenn es schiefgeht, ja, dann haben wir es auch irgendwie selbst versaut. Folge deinen Träumen. Bleib einfach dran. Zusammen mit dieser unerschütterlichen Annahme, es muss immer alles irgendwie auch in Geld verwandelbar sein.
Ich bin ja leidenschaftlicher Podcaster und leidenschaftlicher Fotograf und bei beiden wurde ich immer wieder mal gefragt, ob ich damit nicht auch Geld verdiene oder wenn ich schon nicht Geld verdiene irgendwann mal Geld verdienen will. Nein will ich nicht, aber ich habe natürlich auch eine Luxussituation. Ich habe ein geregeltes Einkommen. Ich verdiene Geld. Ich kann es mir leisten, als Liebhaberei in Mikrofone zu sprechen und meine Kameras spazieren zu tragen.
Für Mark ist es sicherlich nicht so einfach. Da ist sein ehemaliges Hobby die vielleicht einzige Möglichkeit, hin und wieder mal ein bisschen Geld zu verdienen oder zu versuchen, seinen Traum wahr werden zu lassen.
Hier noch ein letztes Mal Mark im Originalton. Vielleicht eine der Stellen, die mir am stärksten in Erinnerung geblieben sind.
[Einspieler]
Mark: “You know, Joseph Campbell I’m a big fan of and he talks about [Unterständlich] and how to live your life better and his mantra for living well is ‘follow your bliss and when you do that, if you’re on the right path, unseen hands will open closed doors for you’. So, I follow my bliss, several, you know, professions and those unseen hands have yet to open the lucrative doors. And being a little cynical, I am, I kind of amended his phrase. ‘Follow your bliss but be prepared to live your nightmare’.”
Ja. Joseph Campbells Originalzitat war geringfügig anders. Ich glaube die Idee ist ähnlich, Joseph Campbell sagte nämlich „Wenn du auf den richtigen Weg bist, werden dir unsichtbare Hände zu Hilfe kommen”.
Und das ist natürlich 1A Survival Bias. Wir interessieren uns nicht für die Leute, die es nicht schaffen, wir konzentrieren uns auf die, die es schaffen. Und natürlich hat ein Joseph Campbell immer das Gefühl gehabt, auf dem richtigen Weg zu sein und für ihn haben sich durch unsichtbare Hilfe Türen geöffnet.
Und das bezieht sich auf alle Aspekte im Leben. Für jeden weltbekannten Musiker gibt es tausende und abertausende, die vielleicht sogar bessere Musiker wären aber nicht bekannt geworden sind, denen des Leben irgendwelche Steine in den Weg gelegt hat.
Dieser Spruch stimmt vielleicht einfach gar nicht. Vielleicht stimmt dieser Spruch nur für die, die es durch irgendwelche absurden Zufälle nach oben geschafft haben und dann in Rückschau das Gefühl haben, alles lief wie am Schnürchen.
Mark hat nicht sehr viel online über sich. Ich habe nach der Dokumentation mal geguckt, was ich noch alles finden kann, ich habe ein paar Interviews gefunden, die jetzt allerdings im jüngsten Fall schon mehr als drei Jahre alt sind, aber zumindest damals schien Mark von dem Dach runter zu sein. Der Film hat seiner Geschichte natürlich eine gewisse Aufmerksamkeit gegeben und ich glaube, dass das wahrscheinlich endlich auch mal eine dieser unsichtbaren Hände waren, die ihm geholfen haben.
Und mich lässt das ganze eben mit einer Frage zurück: sind solche Geschichten amerikanische Geschichten oder gibt es das bei uns vielleicht auch? Kann man eventuell auf der Straße Menschen begegnen, die ganz normal und vielleicht sogar fröhlich aussehen, deren Leben aber unter freiem Himmel stattfindet, weil sie sich kein Dach über dem Kopf leisten können? Und dann noch diese andere Frage: warum glauben wir eigentlich, es müsste alles immer irgendwie auch zu Geld machbar sein?
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