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Kurz bevor wir Menschen fotografisch festhalten konnten kamen massentaugliche Portraittechniken auf die als Vorläufer gelten können. Eine davon ist die nach einem französischen Beamten benannte Silhouette.
Transkript
Ein französischer Adeliger, eine Künstlerin ohne Arme und eine Fototechnik, mit der wir alle aufgewachsen sind, für die es inzwischen eigene Apps gibt. Das ist der Bogen, den ich heute spannen möchte.
Wenn ich als Teenager die Kamera von meiner Familie in die Hand gedrückt bekommen habe, gab es meistens eine ganze Reihe guter Ratschläge, die da mitkamen. Füße nicht abschneiden, das Motiv nach Möglichkeit nicht genau in der Mitte platzieren und, ganz besonders wichtig, nie gegen die Sonne fotografieren. Wenn man nämlich gegen die Sonne fotografiert, riskiert man, dass die hellen Teile sehr sehr hell und die dunklen Teile sehr sehr dunkel sind. Man hat also unter Umständen anstatt das Gesicht eines Familienmitglieds nur noch eine Silhouette auf dem Bild.
Und dieser Effekt war erstmal nicht intuitiv. Wenn wir durch die Welt laufen und uns umschauen sehen wir ja keine Silhouetten, zumindest nicht bewusst, sondern unsere Augen justieren sich je nach Lichtsituation und worauf wir schauen passend, sodass wir eigentlich immer Details wahrnehmen. Die Silhouetten in den Fotos waren also ein Zeichen der Überforderung unserer Filme mit der Lichtsituation. Der Film konnte schlicht den Unterschied zwischen den hellsten und den dunkelsten Teilen des Bildes nicht korrekt abbilden. Wir als Fotografinnen und Fotografen mussten uns durch die Einstellungen an er Kamera, die Wahl des richtigen Films und die Richtung, in die wir fotografierten, entscheiden, ob wir den Effekt nun haben wollten oder nicht. Ja, für Familienschnappschüsse wollte man den Effekt im Allgemeinen nicht haben und eigentlich wussten wir auch alle nicht, was wir hätten tun müssen, um den Effekt absichtlich zu vermeiden, also hat man einfach nicht in die Sonne, sondern mit der Sonne im Rücken fotografiert und gut war.
Ja, und was damals total ungewollt war, versuchte ich dann Jahre später mühsam zu lernen. Ich lief mit einer modernen digitalen Kamera durch die Stadt und versuchte, Passanten gegen das Sonnenlicht zu fotografieren. Ich wollte harte Schatten und ich wollte Silhouetten und ich verfluchte meine Kamera, deren Automatik entweder die korrekte Belichtung für mein Fotoobjekt einstellte oder einfach manchmal zu gut war. Da waren dann die dunklen Stellen immer noch nicht ganz dunkel. Ich hatte also nicht genug unterbelichtet.
Irgendwann hatte ich das Prinzip aber verstanden und wusste, wie ich Silhouetten erzeuge. Das ist was, das mach ich bis heute gern. Als jemand, der gerne auf der Straße und in Deutschland fotografiert, empfiehlt es sich sowieso meistens, dass Menschen auf Fotos nicht erkannt werden können, Silhouetten sind da ein sehr praktikables Mittel und sie sehen gut aus.
Silhouetten kann man nicht nur fotografisch erzeugen. Das deutsche Synonym für Silhouette ist nicht umsonst Scherenschnitt. Hier in Frankfurt kann man manchmal in der Zeil, also unserer lokalen Einkaufspassage mobile Künstler sehen, die mit einer Schere und Papier durch die Straßen laufen und Passanten für wenig Geld einen Scherenschnitt ihres Profils anbieten. Und das Ergebnis fasziniert hauptsächlich deswegen, weil wir sofort denselben Effekt erkennen, den wir von Fotos gewohnt sind. Diese Profile sehen erstaunlich akkurat aus.
Die Technik selbst kommt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Rund um 1750 entstand sie als eine günstige Alternative zur Portraitmalerei. Zu der Zeit gab es große gesellschaftliche Umbrüche. Diese total irre Idee, dass jeder Mensch ein Recht darauf hätte, sein persönliches Glück zu suchen, selbst dann, wenn man nicht einem privilegierten Stand angehört, die war gerade neu in der Welt und es formte sich eine Art Mittelstand, also eine Schicht der Bevölkerung, die sich nach und nach Wohlstand erarbeitete und auch eine gewisse Stellung anmaßte, aber keine Adeligen waren.
Und ganz, wie wir heute versuchen, den schönen und reichen nachzueifern, eiferte man damals den Adeligen nach. Und was machten Adelige unter anderem? Sie ließen Bilder von sich malen. Denn wer so richtig wichtig ist, muss natürlich auch dokumentiert werden.
Der Spaß war aber ganz schön teuer und deswegen sprießten allerlei Alternativen zur Portraitgemäldemalerei aus dem Boden. Je genauer die Person auf dem Bild zu erkennen war, desto besser und je weniger Aufwand in so einem Bild steckte, desto billiger. Und so kamen Schattenmalereien auf.
Es wurden sogar eigene Gerätschaften konstruiert. Man setzte sich in eine Art Stuhl mit einer Trennwand zwischen sich und dem Künstler und einer Lichtquelle auf der anderen Seite. So wurde es möglich, innerhalb von wenigen Minuten einen Schattenriss abzuzeichnen. Wem selbst dafür die Mittel fehlten, der griff dann auf die genauso in der Zeit aufkommenden Scherenschneider zurück.
Frankreich ist damals die Hochburg dieser Technik. Im ganzen Land sind Portraitkünstler unterwegs, die mit der Technik des Schattenrisszeichnens oder dem Scherenschnitt Portraits anfertigen. Aber es gibt auch viele, die die Technik als Hobby für sich entdeckt haben. Und da kommen wir jetzt bei dem Franzosen Étienne de Silhouette an.
Er war ein sehr gebildeter Mann, der in privilegierte Verhältnisse geboren war. Relativ früh bereist er Europa, besonders Großbritannien und studiert die dortige Wirtschaft und das britische Finanzsystem. Und er übersetzt staatsphilosophische Schriften aus dem Englischen und dem Spanischen, immer besonders auch mit Fokus auf deren Finanzsysteme. Dadurch wird er relativ früh zu einem parlamentarischen Berater und der Herzog von Orleans ernennt ihn zu seinem Sekretär.
Von da aus geht die Karriere steil weiter: Die Finanzangelegenheiten der französisch-britischen Kooperation in Kanada oder rund um die Kolonie am Mississippi führen schließlich dazu, dass er am 4. März 1759 auf Empfehlung des Marquise de Pompadour unter König Ludwig den XV. zu einer Art Finanzminister ernannt wird. Und das ist kein leichter Job, denn Frankreich hat gerade den Siebenjährigen Krieg hinter sich und die Finanzen sind, naja, prekär.
Étienne muss also Geld einsparen und er setzt den Rotstift an und führt Steuern ein. Stellt sich raus: Adelige von der Zeit waren von der Steuer befreit, die Kirche übrigens auch, Beamte bekamen üppige Pensionen und es gab noch die ein oder andere Gold- und Silberreserve. Er strich also die Steuerprivilegien, kürzte die Bezüge der Beamten und fing an, die Reserven einzuschmelzen. Man kann sich vorstellen, wie viele Freunde er sich damit gemacht haben muss.
Er wurde also ausführlich kritisiert, gerne auch in Form von Karikaturen. Und weil man von ihm wusste, dass er als Hobby Scherenschnitte hatte und Scherenschnitte als eine Art billiger Abklatsch professioneller Portraits galten, wurde er auch gerne mal als Scherenschnitt dargestellt. Und es dauerte gar nicht lange und die Phrase à la Silhouette wurde als Synonym für Billigware ein geflügeltes Wort.
Wie umstritten und verhasst der Mann war, zeigt sich auch in der Geschwindigkeit, in der er sein Amt wieder los war. Gerade mal 8 Monate später warf man ihn wieder aus seinem Amt. Étienne de Silhouette zog sich auf das Schloss seiner Familie zurück und widmete sich seinen Schriften. Er verschwand aus der Geschichte und starb 8 Jahre später. Sein Name blieb trotzdem ein geflügeltes Wort. Jetzt, weil er ja eine Schattenexistenz führte.
Über die Jahre schliff sich dann der Bezug zur Person ab und nach und nach nannte man Scherenschnitte einfach nur noch Silhouetten.
Die Methode wurde auch weiter perfektioniert: Mithilfe der vorhin schon erwähnten spezialisierten Apparaturen wurden Silhouetten fast schon halbautomatisch gefertigt. In Minutenschnelle war da ein Umriss gezeichnet. Und wer etwas mehr Geduld mitbrachte, konnte diesen Umriss auch noch weiter ausschmücken lassen. Bis in die 1850er Jahre die Daguerreotypie schnell genug geworden war, um Portraits zu erlauben, war die Silhouette die schnellste Form, ein präzises Bild einer Person zu fertigen.
Beides wurde damals auf sehr ähnliche Art und Weise angeboten, sowohl in Europa als auch in Nordamerika reisen Fotografen und Silhouettenkünstler durch die Lande. Sie zogen schlicht von Stadt zu Stadt, schlugen dort immer für eine begrenzte Zeit ihr Lager auf, bewarben ihre Dienstleistungen dann in den lokalen Nachrichten und Anschlagstafeln und zogen weiter, sobald die Nachfrage zurückging.
Eine der berühmtesten Silhouettekünstlerinnen ist Martha Ann Honeywell. Fast 60 Jahre lang reist sie kreuz und quer durch die USA und kommt bis nach Europa. Regelmäßig wird über sie in Zeitungen berichtet. Ihre Auftritte kosten Eintritt und sind trotzdem immer ausverkauft. Das liegt allerdings nicht nur an ihrer zweifellos atemberaubenden Kunstfertigkeit, sondern in erster Linie wahrscheinlich an ihrem Aussehen. Martha Ann Honeywell ist nämlich schwerbehindert auf die Welt gekommen. Ihr fehlen beide Hände und Unterarme und sie hat nur einen Fuß mit drei Zehen.
Ihre Geschichte beginnt in entweder New Hampshire oder New York, so genau weiß man das nicht mehr, als ihre Eltern bemerken, dass die Nachbarschaft zum Teil nur deswegen in ihren Laden zum Einkaufen kommen, um ihre Tochter zu sehen. Daraus konnte sich, so die Überlegung, eine Möglichkeit ergeben, wie ihre ansonsten doch sehr abhängige Tochter später, nach ihrem Tod, einen Lebensunterhalt verdienen könnte.
Und so wird berichtet, dass Martha im Alter von 12/13 Jahren zum ersten Mal vor Publikum Kunsthandwerk durchführt. Zu dem Repertoire gehören Zeichnungen, Stickereien und eben Scherenschnittarbeiten. Die Kalkulation ihrer Eltern geht auf. Die Leute rennen Martha die Bude ein, um ihre Scherenschnitte und Stickereien kaufen und, vor allen Dingen, deren Entstehung beobachten zu dürfen. Und als sie auf Tour geht, taucht fast immer auch Presse auf, sie ist immer auch ein Medienereignis.
Wenige Sekunden, so wird berichtet, braucht Martha, um eine akkurate Silhouette auszuschneiden. Und einer ihrer Hauptacts ist eine Art symmetrisches cutout, in dessen Mitte sie das Vater Unser schreibt.
Über ihre 60 Jahre dauernde Karriere hinweg muss sie tausende solcher 1Silhouetten und Dekostücke gemacht haben. Darum vermutet man auch, dass mehrere hundert davon eigentlich noch erhalten sein müssten. Aber wirklich dokumentiert sind zurzeit gerade mal ein paar dutzend. Denen sieht man aber eine atemberaubende Kunstfertigkeit an. Eine Kunstfertigkeit, die schon beeindruckend wäre, wenn man sie mit Händen an den Tag legt. Wenn man aber weiß, dass mit Mund geschnitten und mit einzelnen Zehen balanciert wurde, kann man nur noch staunen.
Die Geschichte von Étienne de Silhouette oder Martha Ann Honeywell sind eine Art Vorgeplänkel. Menschen haben sich schon immer selbst dargestellt, aber es ist ihre Zeit, in denen das ein Massenphänomen wird. Jede und jeder, die sich es leisten können, wollen ihre Silhouetten ausgeschnitten, ihre Portraits gezeichnet oder gemalt haben. Und als die Fotografie so richtig abhebt werden Gemälde und Silhouetten die Vorlagen, an denen sich Portraitfotografen orientieren.
Der spontane Weihnachtsfrieden an der Westfront des 1. Weltkriegs ist eine (leider) einmalige und ikonische Begebenheit aus dem 1. Weltkrieg die wir dank der aufkommenden Kompaktkameras überliefert bekommen haben…
Musik:
Silent Night (Holy Night) by Alexander Nakarada | https://www.serpentsoundstudios.com
Music promoted by https://www.free-stock-music.com
Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Transkript
Es ist Weihnachten. Und auch die heutige Folge wird von Weihnachten handeln. Von einem Ereignis nämlich, von dem wir durch ein Foto und einen Brief wissen und das man als einzigartig bezeichnen kann.
Wir haben alle davon in der Schule gelernt. Es ist der 28. Juli 1914, als ein folgenschweres Ereignis die Weltgeschichte veränderte. Das Attentat von Sarajewo, bei dem der österreich-ungarische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau ums leben kommen, löst einen Monat später die Kriegserklärung Österreich-Ungarns gegen Serbien aus und ist damit der Beginn des Ersten Weltkriegs.
Was als Regionalkonflikt beginnt, wird sehr schnell ein kontinentaler und schließlich ein Weltkrieg mit Russland, Frankreich, Großbritannien, Deutschland als Kriegsparteien. Aber besonders am Anfang scheint das Ganze relativ schnell voranzuschreiten. Noch im August verspricht Kaiser Wilhelm der II. seinen Soldaten, dass sie schon im Herbst wieder daheim sein würden. Die marschieren zügig voran, bis sie dann in Belgien von britischen Soldaten gestoppt werden. Es werden Gräben ausgehoben und der Stellungskrieg, von dem wir alle in der Schule gelernt haben, beginnt.
Es ist die Westfront, an der erbittert gekämpft wird. Und die Gräben, in denen die Soldaten sich aufhalten, haben noch nicht den „Standard“ (in Anführungsstrichen), den wir dann später im Ersten Weltkrieg sehen werden. Noch rechnet niemand damit, lange aufgehalten zu werden. Der November zieht vorbei, es wird Dezember. Es wird nass in Flandern. Und die Situation für die Soldaten wird sehr schnell sehr unangenehm. Im Prinzip schläft man in Schlammlöchern, die ständig nachgegraben werden müssen. Das Grundwasser liegt in der Region sehr nah an der Oberfläche, das bedeutet, die Gräben sind zum Teil knietief mit Wasser gefüllt. Auf beiden Seiten.
Die Deutschen und die Briten sind sich zum Teil nur wenige Meter gegenüber. Und an den Gräben zu arbeiten bedeutet eigentlich immer, sich dem gegnerischen Feuer auszusetzen. Weil man aber auf beiden Seiten weiß, wie aussichtslos die Lage tatsächlich ist, lässt man sich hin und wieder „gewähren“. Leben und leben lassen. Wenn zum Beispiel mittags Feuer gemacht wird, um Essen zu garen, wird nicht mit Granatenbeschuss auf die Rauchsäulen reagiert, sondern die Soldaten erlauben sich gegenseitig eine kurze Verschnaufpause. Wenn man Gräben nachbessern muss, kann man irgendwann tatsächlich sogar den Kopf über den Graben heben, ohne Angst haben zu müssen, von der gegnerischen Seite erschossen zu werden.
Ja, und es ist Dezember, es wird also irgendwann Weihnachten. Von Zuhause werden Päckchen an die Front geschickt: kleine Geschenke, um das Leben in den Gräben erträglicher zu machen. Es wird Heiligabend und was wäre Heiligabend ohne einen Christbaum?
[Einspieler]
„Soon after dusk on the 24th, the germans put up lanterns on the top of their trenches and started singing. Firing seized on both sides and both, german and english, ventured out on top of their trenches. Am nächsten Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, trafen sich kleine Gruppen von beiden Seiten im Niemandsland zwischen den feindlichen Linien.“
Das sind die Worte des Soldaten Grigg. Er und ein Kamerad namens Turner hatten von dem spontanen Waffenstillstand gehört und waren den Deutschen entgegengegangen. Turner hatte eine Kamera dabei und machte ein paar Schnappschüsse. Und einer davon lag dem Brief bei. 9 Männer schauen ernst in die Kamera. Einer davon mit Pickelhaube und einer Zigarette im Mund. Und dieser eine Mann mit Pickelhaube, dessen Identität unklar ist, ist, was dieses Bild so ikonisch macht, denn durch die Pickelhaube wird klar: Das ist ein deutscher Soldat, die anderen sind Briten. Keiner der Männer lächelt. Keiner berührt den anderen. Aber sie stehen relativ nah beieinander.
Das sind Männer, die noch wenige Stunden vorher erbittert aufeinander geschossen haben und jetzt spontan ihre Waffen niedergelegt haben. In gebrochenem Deutsch und gebrochenem Englisch unterhalten sie sich über ihre Bräuche. Sie singen zusammen, sie tauschen kleine Geschenke aus und sie essen gemeinsam.
Solche spontanen Waffenruhen gibt es verschiedene an der gesamten Front. Nicht die ganze Front versinkt in Waffenruhe, es gibt immer wieder Stellen, an denen weitergekämpft wird. Aber es gibt mehrere spontane Waffenruhen, von denen wir wissen. Es gibt mindestens ein Fußballspiel, das spontan am 26. zwischen britischen und deutschen Soldaten stattfindet. Wer jetzt nun gewonnen hat, ist nicht überliefert und wahrscheinlich auch nicht wichtig. Es werden Knöpfe und Mützen ausgetauscht, als Souvenirs, als Andenken, als Tauschwährung.
Und das Ganze ist so bemerkenswert, dass es zu einer weltweiten Sensation wird. Speziell die britische Presse berichtet ausführlich darüber. Und ich finde, es zeigt auch, wie idiotisch Kriege sind.
Den Befehlshabern bleiben diese Ereignisse freilich nicht verborgen. Zwar lässt man die Soldaten über die Weihnachtsfeiertage gewähren, trifft dann aber trotzdem Maßnahmen, um zukünftige spontane Waffenruhen zu verhindern und tauscht die jeweiligen Befehlshaber auf beiden Seiten aus.
Heute wissen wir, wie erbittert und jahrelang dieser Krieg weiter toben wird. Mit seinen knapp 25 Millionen toten spottet dieser Konflikt jeder Beschreibung und im Grunde kennt der Erste Weltkrieg am Ende nur Verlierer.
Aber diese Geschichte vom spontanen Weihnachtsfrieden und die Bilder, die von diesem Ereignis erhalten geblieben sind, sind absolut bemerkenswert. Und bleiben leider auch einzigartig. Derartiges hat sich, soweit wir das wissen, später dann nicht mehr wiederholt.
Seit Kameras klein genug sind, sind sie überall, wo Menschen sind. Deswegen zeichnen Kameras auch die schönsten, aber eben auch die grausamsten Momente unserer Geschichte auf. Von der Geschichte heute wissen wir nur, weil Soldaten heim geschrieben und Bilder mitgeschickt haben. Und diese Bilder zeigen, wie kompliziert wir Menschen manchmal sind. Da verbrüdern sich Todfeinde für wenige Stunden und nutzen die Gelegenheit, ein gemeinsames Erinnerungsfoto zu schießen. Menschheit in a Nutshell.
Posthum entdeckte Fotograf:innen scheinen ein Ding zu sein… wie lange noch?
Transkript
Für die heutige Episode habe ich mich mit Fotografinnen und Fotografen beschäftigt, deren Arbeit erst nach ihrem Tod bekannt geworden ist. Und die wahrscheinlich zu ihren Lebzeiten nicht zugestimmt hätten, wenn man ihre Arbeiten verbreitet hätte. Das waren keine Künstlertypen. Sie entwickelten nicht selber und hätten selbst ihrem Hobby kaum Bedeutung beigemessen. Heute würden sie wahrscheinlich mit einem IPhone fotografieren und ein Album mit Bildern füllen, das sie vielleicht mit ein paar Freunden teilen. Das war es aber dann schon.
Meine Großelterngeneration ist vermutlich die erste Generation, für die es normal war, mit Babyalltagsfotos aufzuwachsen. Es sind Kameras wie die Kodak Brownie, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf den Markt kommen, die so einfach zu bedienen sind, dass man nichts von Fotografie verstehen muss, um Fotos damit zu machen.
Und es mangelte ja nie an der Fotobegeisterung. Schon bei der Vorstellung der Daguerreotypie waren Tags danach dutzende von begeisterten Wissenschaftlern damit beschäftigt, ihre eigenen Daguerreotypien aus ihren eigenen Dachfenstern zu schießen. Die Idee, Bilder festhalten zu können, war von Anfang an magisch, aber nicht jedermann und jederfrau hatte Lust (oder die Fähigkeiten), sich eigene Kameras zu bauen, eigene Linsen zu besorgen oder die Chemie zu meistern, die notwendig war, um zum Beispiel im Kollodium-Nassplattenverfahren zu fotografieren.
Und deswegen war die Fotografie am Anfang oder in den ersten Jahrzehnten ihrer Existenz eine Beschäftigung für Menschen mit Zeit, Geld, technischem Sachverstand oder dem Beruf Fotograf. Bilder zu machen war also möglich, aber es war einigermaßen aufwändig, weswegen zwar jede Familie vermutlich Familienbilder hatte, aber die eben dann gezielt vom Fotografen anfertigen ließ.
Mit der Erfindung des Rollfilms und einfacher Kameras wie der Kodak Brownie änderte sich das. Man konnte daheim fotografieren. Man konnte den ganzen Kram in ein spezialisiertes Geschäft schicken und fertige Bilder zurückbekommen. Und damit wurde der Alltag zum Fotoobjekt.
Und wenn ich das alles so erzähle, dann wird dadurch hoffentlich eins klar: Warum fotografiert wird, hängt immer auch von den technischen Möglichkeiten ab. Am Anfang wurde viel aus wissenschaftlichem Antrieb und zu Dokumentationszwecken fotografiert. Oft ging es den Fotografinnen und Fotografen auch darum, herauszufinden, wie Dinge denn aussahen, wenn man sie mit einem fotografischen Verfahren auf Papier oder Glasplatte bannte.
Und relativ früh gab es auch einen Zwiestreit zwischen der Malerei und der Fotografie. Maler rümpften die Nase, denn es war in ihren Augen ja völlig aufwandsbefreit, ein Foto zu machen, während sie sich ja Stunden, manchmal Tage mit ihren Gemälden beschäftigten. Für Maler waren Fotografien oft nichts anderes als Hilfsmittel um bessere Gemälde malen zu können.
Fotografen wiederum versuchten, das Gegenteil zu beweisen. Sie versuchten, zu zeigen, dass es mehr brauchte als einfach nur die Beherrschung der Technik, um sinnvolle, gehaltvolle Fotografien zu erzeugen. Und ganz zu Anfang sprechen wir auch von einer Zeit, in der die Bilder, die Menschen schon mal gesehen hatten, oft gemalte Bilder waren. Und entsprechend sahen dann auch künstlerische Fotografien ein bisschen so aus, als würden sie versuchen, wie Gemälde auszusehen.
Mit Rollfilm und Kameras wie der Brownie kam die Fotografie in die Hände von jederfrau und jedermann. Und damit änderte sich dramatisch, wie die Bilder aussahen. Bilder, die gestellt waren und an die Malerei der damaligen Zeit erinnerten wurden verdrängt von Alltagsschnappschüssen, von Perspektiven, die keiner absichtlich so geplant hätte.
Und mit diesen Aufnahmen änderten sich unsere Sehgewohnheiten. Und der Grund, warum Menschen fotografierten. Mehr und mehr wurden Fotos zu einer Art visuellem Tagebuch. Fotos wurden jetzt nicht nur zu wichtigen Anlässen gemacht, sondern zum Beispiel auch, um den Urlaub zu dokumentieren. Und auch hier sehen wir die Entwicklung in der Technik, gespiegelt von der Entwicklung in unseren Sehgewohnheiten und den Fotografiegewohnheiten.
1914 wird die Firma Leica gegründet. 1920 die Firma Rollei. Und beide Firmen sind berühmt für ihre Kameras. Besonders die Leica begründet das, was wir heute „Kleinbildformat“ nennen. Kleine, kompakte Kameras, Präzisionsgeräte, die es zum ersten Mal möglich machten, Reportagen zu fotografieren, die Kamera immer dabei zu haben und auf kleine Rollen Film Alltagsszenen festzuhalten. Unauffällig.
Tausende Fotografien entstehen in der damaligen Zeit. Und Magazine beginnen, Fotoessays abzudrucken. Unsere Urgroßeltern sehen diese Bilder. Die sind praktisch omnipräsent. Jedes wichtige Ereignis wird über solche Bilder kommuniziert. Und natürlich fangen dann die Hobbyfotografinnen und Fotografen an, einen ähnlichen Stil an den Tag zu legen. Die Kameras von Leica und anderen konkurrierenden Herstellern werden zu Verkaufsschlagern. Noch nie war es so einfach, Bilder zu erzeugen, noch nie war es so einfach, so ein Ding immer dabei zu haben, und so werden die Menschen zu Fotojournalisten. Zu Fotojournalisten, die Reportagen ihrer eigenen Lebensgeschichte festhalten. Und es beginnt die Blütezeit eines Fotogenres, das bis Heute zu einem der wichtigsten Bereiche der Fotografie zählt: der Street Photography, der Straßenfotografie.
Der Fotografie nämlich, in der man mit einer Kamera (oder heute mit dem Smartphone) Alltagsszenen festhält. Da ist es dann von den fotografischen Vorlieben abhängig, was genau festgehalten wird. Manche Fotograf*innen sind darauf spezialisiert, skurriles und lustiges festzuhalten. Andere fotografieren besonders dramatische Ereignisse gerne. Wieder andere gehen auf die Suche nach besonderen oder originellen Szenen in der Menge. Es gibt das Subgenre der Straßenportraits, es gibt Szenen, in denen es eigentlich nur auf die Geometrie oder das Spiel mit Licht und Schatten ankommt.
Egal wie, es fängt damit an, dass Kameras so handlich, schnell und günstig zu haben sind, dass man sie wirklich immer dabei haben kann und nicht nur Spezialpersonal mit diesen Kameras herumläuft, sondern eben auch, in Anführungsstrichen, „ganz normale Menschen“.
Hinzu kommt, dass es einen enormen Spaß macht, mit den Kameras der damaligen Zeit zu fotografieren. Ich habe hier mehrere alte Kameras. Und manchmal habe ich das Gefühl, ich müsste den Film, den ich gerade vollfotografiert habe, nicht mal unbedingt entwickeln lassen, um Spaß an dem Hobby zu haben.
Und so geht es tausenden. Die Welt wird geflutet mit Bildern. Das ist ein Trend, der bis heute anhält. Schon in meiner Jugend hatte ich das Gefühl, dass ich mehr Bilder im Haus habe, als ich jemals bei klarem Verstand anschauen wollen würde und auch nur anschauen könnte.
35mm Rollfilm war damals das hauptsächliche Medium der Wahl. 36 Aufnahmen pro Rolle konnte man machen und 2003 war Peak Rollfilm. Da wurden weltweit 930 Millionen Rollen Film verkauft. Fotografiert wurde da fast alles. Was es allerdings eher seltener gab, war, dass Leute ihr Essen fotografierten. Das kam schon mal vor, aber ich erinnere mich sehr gut daran, dass meine Eltern eigentlich nur dann Essen fotografiert haben, wenn es einen besonderen Anlass gab. Zum Beispiel ein Buffet zum Anlass eines 60. Geburtstags. Oder das Weihnachtsessen. Ich kann mir immer noch verwackelte Fotos von Gänsepastete anschauen, wenn ich das will, ich muss nur ein altes Fotoalbum aus dem Schrank nehmen. Aber es war die Ausnahme. Heute gibt es Leute, die machen praktisch nichts anderes, als jeden Tag ihre Mahlzeiten auf Instagram hochzuschießen.
Und wo wir schon beim Thema sind: Wir leben in einer Welt, in der es diverse soziale Netzwerke gibt und fast alle haben gemeinsam, dass sie eine besondere Betonung auf das Tauschen von Bildern legen. Allerdings gibt es den Fotokönig unter den sozialen Netzwerken: Instagram. Instagram sieht pro Sekunde 995 neue hochgeladene Bilder. Und das sind, ich erspar dir die Rechnerei, aufs Jahr gesehen in etwa genauso viele Fotos wie die Menschheit 2003 insgesamt auf Rollfilm gepackt hat. Nur, dass Instagram eine von mehreren Plattformen ist. Und nur, dass bei den meisten Kanälen für jedes hochgeladene Foto es wahrscheinlich 20 andere in den Galerien und Fotoalben ihrer Besitzer auf den Smartphones fliegen.
Und wieder folgen unsere Fotografiegewohnheiten der Technik. Meine Eltern hätten ihre Fotos niemals fremden Menschen gezeigt. Die waren der Familie vorbehalten. Sicherlich, Familie musste dann auch mal durch einen Diasabend durch oder sich mit einem Fotoalbum auf die Couch setzen und erzählen lassen, was so besonders an dem speziellen, verwackelten Berg Panorama war, das man dort eingeklebt hatte, aber es wäre niemandem auch nur im Entferntesten in den Sinn gekommen, beliebigen Leuten Bilder unter die Nase zu halten, in der Erwartung, dass die Begeisterung zeigen.
Das ist aber die Welt, in der wir heute Leben. Immer weniger Menschen fotografieren nur für sich selbst. Sie fotografieren auch für ein Publikum. Klar sind das dann oft Freunde und Bekannte, aber speziell auf Medien wie Instagram zeigen wir die Bilder dann auch wildfremden. Und wer in den letzten 20 Jahren geboren wurde, hat einen praktisch lückenlosen Schatz an Fotos auf der Festplatte, vom Babyalter bis zum letzten Frühstück.
Und das bringt mich wieder zurück zur Eingangsfrage: „Warum fotografieren wir?“. Immer öfter wird fotografiert, um das Leben zu dokumentieren. Um sich an Alltag zu erinnern. Um vielleicht auch festzuhalten, wie wir uns über die Jahre verändern, mit wem wir welche Erlebnisse geteilt haben.
Das ist allerdings auch eine Art der Fotografie, die endet mit uns. Ich habe vor kurzem Mal einen Artikel über digitale Amnesie gelesen. Da wurde darauf hingewiesen, dass unmengen persönlicher Bilder regelmäßig verloren gehen, weil Menschen nicht mehr wissen, wo sie sie abgespeichert haben. Da gibt es Bilder, die nur auf Handys liegen und bei Verlust des Handys verloren gehen. Da gibt es Bilder, die auf Cloudaccounts synchronisiert sind und wenn der Fotograf oder die Fotografin sterben mit ausbleiben von Zahlungen vollautomatisch gelöscht werden. Oder passwortgeschützte Bildsammlungen, an die niemand mehr rankommt. Oder Bildersammlungen, die auf Computerfestplatten liegen, die irgendwann ausgemustert werden. Wir produzieren so viele Bilder, dass sie fast schon ihren Wert verloren haben.
Und die Welt teilt sich plötzlich in zwei Lager: Die nämlich, die versuchen, mit ihren Fotografien Publikum zu erreichen und unter Umständen Geld zu verdienen und die, die einen Berg an Fotografien erzeugen, die uns kollektiv egal sind. Natürlich gab es auch in den letzten Jahrzehnten immer schon Berge von Fotos, die uns kollektiv egal waren. Was interessieren auch die Bilder von Oma und Opa beim Skifahren? Oder besagtes Buffet vom 60järigen Geburtstag des Großonkels?
Aber eigentlich erstreckte sich das früher nur auf die Alltagsfotografie. Aber da gab es ja auch noch diese Anderen. Diese Fotografinnen und Fotografen, die Fotografie als Hobby betrieben. Die eben nicht nur ihren Alltag, sondern auch die Menschen um sich herum, die Szenen, die sie sahen, fotografierten und festhielten. Manchmal nur des Fotgrafierens willens.
[Einspieler]
„You know these moments on antique’s rows shows when someone discovers that the painting they bought at a flea market is worth 100000 dollars? Well, this next story is kind of like that. Except, the chicago man who found this unexpected treasure also found himself with a huge responsibility because he may have discovered one of the finest street photographers of the mid 20th century. A chicago nanny by the name of Vivian Maier.“
Wenn man einfach mal beliebige Leute fragt, ob sie berühmte Fotografen benennen können, dann gibt es wenige Namen, die da immer wieder aufkommen. Da wäre einmal Helmut Newton, es gibt ja in heutigen Buchhandlungen kaum noch Fotobildbände, aber Helmut Newton mit seinen Nacktfotos ist da garantiert vertreten, das könnte vielleicht einer der Gründe dafür sein, warum ihn auch noch viele kennen, oder an Sam Adams, der tatsächlich durch seine Schwarz-Weiß-Landschaftsfotografien absoluten Kult- und Berühmtheitsstatus erreicht hat. Aber schon der verblasst nach und nach. Die heutige Generation hat den Namen vermutlich schon nicht mehr gehört.
Und dann gibts da noch Vivian Maier. Und die hauptsächlich aus zwei Gründen: Ein Mal fasziniert uns die Geschichte. Vivian Maier war nämlich schon längst tot, als ihre Bilder entdeckt wurden und sie war eine Nanny, also ein Kindermädchen, die in ihrer Freizeit fotografiert hatte, und nie auch nur ein Bild veröffentlicht hatte. Das Ganze war ein Zufallsfund und die Bilder stellten sich heraus als spektakulär gut. Aber spektakulär gute Fotos werden täglich irgendwo gefunden, ohne dass wir uns dafür interessieren. Im Fall von Vivian Maier kam noch dazu, dass die Medien fasziniert waren von der Geschichte. Es gab also ausreichend Berichte und sogar ein Dokumentarfilm wurde gedreht.
Ja, und deswegen kennen den Namen auch noch so ein paar.
Vivian Maier heißt eigentlich Vivian Dorothy Maier und wird am ersten Februar 1926 in New York geboren. Und man weiß verdammt wenig über sie. Ihr deutsch klingender Name kommt daher, dass ihr Vater aus Österreich eingewandert war. Ihre Mutter war aus Frankreich und ihre Eltern hatten sich in New York kennengelernt. Der Vater verlässt die Familie als Vivian 4 ist. Vivians Mutter arbeitet als Haushaltshilfe und Kindermädchen für die wohlhabenden Familien New Yorks. Dadurch haben Vivian und ihre Familie regelmäßigen Umgang mit gebildeten und reichen Kreisen, sind sich aber jederzeit bewusst, dass sie dort nicht dazugehören.
Dieser Lebensstil, dieses „sich um die Kinder anderer kümmern“ wird dann später Vivians Leben bestimmen. Das ist ihr Beruf. Sie wird eine Nanny werden. 1949 bringt sie der Tod ihrer Großmutter nach Frankreich, wo sie sich ein Mal um die Nachlassformalitäten kümmern muss und dort ihre Liebe zur Fotografie entdeckt. Sie wird nie wieder aufhören zu fotografieren. Über 100000 Bilder wird sie innerhalb von 40 Jahren machen.
Vivian Maier heiratet nicht, zieht aber diverse Male um. Der Großteil ihrer Fotografien wird in Chicago und New York gemacht. Aber allgemein gehört Fotografie zu ihrem Alltag. Jeder freie Tag ist mit Fotografie gefüllt. Anfangs hauptsächlich mit einer Rolleiflex, einer Kamera, die für die damaligen Verhältnisse unglaublich leicht und leistungsfähig war und auf Rollfilm belichtete. Ihre Bilder werden meistens nicht belichtet, sie bleiben unbelichtet, sie sammelt sie in Kartons.
Überhaupt sammelt Vivian so einiges in Kartons. Von ihr ist bekannt, dass sie obsessiv Zeitungen behält und sie in ihrer Wohnung stapelt und ihr Leben in Kartons verpackt. Man würde vermutlich heute von jemandem mit Messisyndrom sprechen. Sie hat nie besonders viel Geld gemacht und war auch nie verheiratet, immer alleinstehend, kinderlos. Über ihre Familie weiß man nicht viel, ihr Bruder ist verschollen, es wird vermutet, dass er nach einer Drogenkarriere vermutlich obdachlos war und irgendwo unerkannt verstorben war.
Zwischen Ende der 90er und den ersten Jahren des neuen Jahrtausends war Vivian Maier dann auch selbst einige Jahre obdachlos. Drei ehemalige Schützlinge beschließen, ihr unter die Arme zu greifen und sich um sie zu kümmern. Sie stellen ihr ein Appartement zur Verfügung und bezahlen ihre Rechnungen. 2008 rutscht Vivian Maier auf Glatteis aus und zieht sich eine Kopfverletzung zu, von der sie sich nicht mehr erholt. Im Frühjahr 2009 stirbt sie dann praktisch mittellos und ohne familiären Beistand mit 83 Jahren in einem Pflegeheim.
Würde die Geschichte jetzt hier enden, hätten wir nie von Vivian Maier gehört und nie von ihr erfahren. Aber wer vorhin beim Einspieler aufgepasst hat, weiß ganz grob, wie es weitergeht. Als sich abzeichnete, dass Vivian kein Geld mehr hatte, um sich eine Wohnung zu leisten, lagerte sie große Teile ihrer Fotografien und ihres Hausstands überhaupt ein. Und diese Bilder, die waren noch eingelagert, als Vivian starb. Solche Dienstleister lagern ein, solange Rechnungen bezahlt werden. Und sobald die Zahlungen ausbleiben, werden die Hausstände versteigert. Und der Nachlass landet in den Händen verschiedener Männer:
Ron Slattery ersteigert für 250 US-Dollar eine eigentlich eher kleine Position von ungefähr 1.200 unentwickelten Filmen. Er fängt an, die Aufnahmen zu entwickeln und macht einige der Bilder von Vivian Maier in einem Internetblog zugänglich.
Und dann ist da der Makler John Maloof, Vorsetzender des Jefferson Park historical society clubs in Chicago, der als Hobbyhistoriker an einem Buch über die Gegend arbeitet und auf der Suche nach geeignetem historischen Bildmaterial ist. Er gibt knapp 400 Dollar aus und hat 30.000 Abzüge und Negative. Stellte sich heraus, dass er die Bilder für sein Buchprojekt nicht verwenden konnte, und deswegen begann er, nach und nach einzelne dieser Bilder auf EBay zu versteigern. Das war wenig lukrativ und irgendwann wurde er mal von jemandem mit Fotosachverstand darauf hingewiesen, auf was für einem Schatz er da eigentlich saß.
Maloof fing also an, den Bestand von Vivian Maier nach und nach aufzukaufen. Es dauerte nicht lang und er bekam Kontakt zu einem dritten Mann. Jeffrey Goldstein, der insgesamt über 17.500 Negative und 2.000 Abzüge und eine ganze Reihe von Filmen aus dem Nachlass gekauft hatte.
Nicht lange und Maloof sah sich als eine Art „Nachlassverwalter“ von Vivian Maier. Er nahm es sich zur Aufgabe, diese Fotografin der Welt bekannt zu machen. Er fängt an, Teile des Nachlasses aufzukaufen, bei Auktionen mitzubieten, beginnt ein Internetprojekt, beginnt ein Filmprojekt, das unter anderem zu der Dokumentation „Vivian Maier – A photographer found“ führt.
Mit der Bekanntheit von Vivian Maier und dem plötzlichen Erfolg und der Sichtbarkeit wird auch schnell klar, dass da wirklich Geld zu holen ist und so fangen dann diverse Parteien auch an, sich munter untereinander zu streiten, wer denn nun die Urheberrechte hätte, und so läuft seit 2014 ein in den USA ein Rechtsstreit darüber, wer denn jetzt nun die Rechte an dem Nachlass haben soll.
Und ich finde, das ganze Thema wirft eine ganze Reihe spannender Fragen auf:
Erstens: Wem gehören eigentlich die Fotos von Vivian Maier? Man kann jetzt natürlich sagen: Maloof hat uns eine Fotografin geschenkt. Die Bilder sind großartig. Ich habe hier ein Bildband mit Aufnahmen aus ihrem Nachlass und die sind spektakulär gut. Sie ist genau dem Hobby nachgegangen, das ich eingangs umschrieben habe. Mit einer kleinen, kompakten Kamera hat sie das Leben in ihrer Umgebung fotografisch festgehalten. Sie war Hobbystreetphotographer und sie hat ein unglaubliches Auge für Szenen auf der Straße gehabt. Wunderschöne Portraits, liebevoll gestaltete Szenen und ihre Bilder wecken eine Zeit zum Leben, die unglaublich ikonisch ist.
Gleichzeitig hat sie selbst diese Bilder aber nie veröffentlicht und wäre sie noch am Leben könnte man vermuten, dass sie eventuell einer Veröffentlichung nicht zugestimmt hätte. Freilich könnte sie vielleicht berühmt und reich sein aber das schien irgendwie nie ihr Antrieb.
Würde Vivian Maier heute leben, würde sie wahrscheinlich nicht mit einer Rolleiflex auf Film fotografieren, sondern schlicht und ergreifend hobbymäßig mit ihrem Telefon ihr Leben festhalten. Und damit wäre nach ihrem Tod auch schlicht und ergreifend ihr Cloudaccount und ihr Telefonaccount geschlossen worden und die Bilder wären weg.
Und das bringt mich zu einer zweiten Beobachtung: Ausgehend von Vivian Maier habe ich nämlich recherchiert und habe mir die Frage gestellt: Gibt es das eigentlich öfter? Und die Antwort ist: Jawoll. Das gibt es öfter. Man könnte sogar sagen, fast regelmäßig.
Da gibt es ein Mal den großen Bereich der professionellen Fotografie. Stirbt jemand, dessen Beruf Fotografie war, geht meistens sein Werk an seine Erben über und waren diese Bilder ausreichend bekannt oder der Fotograf ausreichend prominent wird da meistens dann auch Geld daraus gemacht, das heißt, das Werk wird noch weiter kuratiert, noch weiter veröffentlicht.
Aber die meine ich gar nicht, sondern ich meine eine andere Art der nachträglichen Entdeckung. Menschen nämlich, die als Hobby Fotografie haben aber eigentlich von ihrer Umwelt nicht als Fotografen gesehen werden und nach ihrem Tod dann entdeckt werden, meistens durch ihre Erben. Und das gibt es regelmäßig.
Ich folge auf Instagram zum Beispiel jemandem, der die Negativsammlung seines Großvaters geerbt hat und die jetzt nach und nach auf Instagram veröffentlicht, eine Stiftung gegründet hat, vorhat, Bücher zu produzieren und behauptet, dass die Bilder von der Qualität eines Henri Cartier-Bresson oder einer Vivian Maier seien. Und ja, die Bilder sind schön. Sie sind faszinierend. Sie zeigen jemanden, der eine reichhaltiges Leben mit vielen Reisen hatte und der seine Reportagekamera genutzt hat, um sein Leben zu dokumentieren. Der Mann war Physiker, hat beim MIT gearbeitet, war dann in der Schweiz, um beim Zern zu arbeiten und hatte ein interessantes Leben mit vielen interessanten Fotos.
Oder wie wäre es mit der russischen Vivian Maier, Masha Ivashintsova? Masha lebte in St.Petersburg oder damals, wie es noch hieß, Leningrad und dokumentierte ihr Leben, das Leben auf der Straße und das Leben ihrer berühmten Freunde. Sie selbst sah sich nicht selbst als Fotografin, sie sah sich als jemand, der Fotografie als tägliches Hobby betrieb. Für sie war Fotografie wie Tagebuch schreiben. Sie hatte ihre Kamera praktisch permanent und ständig in der Hand und fotografierte ihre Umgebung. Der Gedanke, ihre Bilder zu veröffentlichen, kam Masha nie, denn sie war von berühmten Fotografen, Poeten und erfolgreichen Männern umgeben und hielt ihr eigenes Talent im Vergleich für so gering, dass eine Veröffentlichung sich gar nicht lohnen würde.
Geboren im Jahr 42 lebt sie durch eine durchaus turbulente und aufregende Zeit hindurch. Sie war ursprünglich in eine adelige Familie geboren worden, die aber während der bolschewistischen Revolution alles verloren hatten. In Leningrad lernt sie Künstler und Dichter kennen und landet im künstlerischen Untergrund. Sie arbeitet als Theaterkritikerin, als Buchhändlerin und nimmt Jobs im Sicherheitsdienst oder als Aufzugsmechanikerin an. Sie malt, dichtet, fotografiert, aber immer nur für sich selbst. Wegen ihrem unangepassten Lebenswandel wird sie von der UDSSR irgendwann in eine Nervenheilanstalt zwangseingewiesen, um sie für die Gesellschaft gefügiger zu machen. Diese Zeit prägt und bricht sie fast.
Als sie im Jahr 2000 im Alter von 58 Jahren stirbt, hinterlässt sie als Familie nur ihre Tochter, die sich um ihren Nachlass kümmert. Beim Renovieren ihrer Wohnung findet sie auf dem Dachboden einen Karton mit 30000 Rollen unentwickelten Films. Sie selbst kümmert sich nicht ums Entwickeln, das ist eine Arbeit, die ihr Mann übernimmt. Der weist sie dann auch irgendwann darauf hin, welche Schätze er in diesen Aufnahmen gefunden hat. Nach und nach sichten sie die Aufnahmen und als klar wird, welche Qualität diese Bilder haben, gründen sie ein Internetprojekt und eine Stiftung.
An einer Dokumentation über das Leben von Masha wird zurzeit gearbeitet. Und ich freue mich schon darauf. Denn im Vergleich klingt Mashas Leben fast noch interessanter als Vivians. Aber auch hier stellt sich natürlich die Frage: Gäbe es solche Bilder, hätte Masha im Zeitalter des Internets und von Instagram fotografiert? Vermutlich nicht. Vielleicht hätten wir die Bilder aber auch schon längst wahrgenommen, wir hätten sie gesehen, weil in Instagram im Hier und Jetzt fotografiert wird und natürlich Bilder auch sofort auftauchen können. Auf der anderen Seite haben viele dieser Aufnahmen ihre Relevanz ja erst in Rückschau: Dadurch, dass auf die Zeit, in der Masha fotografiert hat (oder auch Vivian) aus dem Jahr 2020 heraus ganz anders blicken.
Ich glaube ja, wir erleben jetzt die letzten so entdeckten Fotografinnen und Fotografen. Das wird jetzt aufhören. Denn keiner fotografiert mehr auf Film. Niemand wird mehr auf dem Dachboden 30000 Rollen unentwickelten Film finden. Und wenn, werden wir die nicht mehr entwickeln können. Und so wird nach und nach dieses Genre des unbekannten Starfotografens aufhören. Die Faszination für alte Fotos wird bleiben, aber wir werden nur noch kuvertierte Bilder sehen, keine Zufallsfunde mehr. Nur Bilder, die mal jemand ausgesucht hat. Entweder, weil die dann im Internet veröffentlicht wurden und irgendjemand Kopien gemacht hat oder weil die Fotografinnen und Fotografen sowieso schon bekannt waren und es geschafft haben, zu Lebzeiten ein Publikum aufzubauen.
Die elektronische Welt wird kurzlebiger. Menschen schreiben keine Briefe mehr, handgeschriebene Tagebücher werden seltener, Fotografie auf Film wird in 10 bis 20 Jahren auch ausgestorben sein und mit dem Verschwinden von solchen physikalischen Spuren werden auch Zufallsfunde wie Vivian oder Masha nach und nach der Vergangenheit angehören.
Julius Neubronner war ein Frankfurter Apotheker und liebte Fotografie. Anfang des 20. Jahrhunderts wird er berühmt durch seine einzigartigen Luftaufnahmen…
Themenpate:
Hier folgen noch ein paar Videos. Wer die nicht sieht schaut einfach bei https://fotomenschen.net vorbei:
Transkript
Heute beschäftigen wir uns mit Luftaufnahmen. Ein guter Freund von mir macht das als Hobby: Aufnahmen von atemberaubender Schönheit. Und wenn der arbeitet, klingt das ungefähr so: [Drohne ist zu hören]. Das hat zugegebenermaßen den akustischen Scham eines Zahnarztbesuchs aber so klingen moderne Drohnen nun mal. Mit der heutigen Episode werden wir uns aber in eine Zeit begeben, in der klang das noch so: [Taubengegurre, Gegacker und Metallteile sind zu hören].
Die heutige Episode handelt hauptsächlich in meiner Wahlheimat: im schönen Frankfurt. Und im Umland Frankfurts. Und handelt am Anfang des 20. Jahrhunderts. Und das ist eine Zeit, in der in Frankfurt eine Menge in Bewegung ist. Frankfurt war damals schon wie heute eine Bankenmetropole und ist Hochtechnologiestandort. 1909 zum Beispiel wird in Frankfurt die erste Fluggesellschaft der Welt gegründet.
Und auch fotografisch war Frankfurt auch von Anfang an ganz weit vorne mit dabei. Daguerres Vorstellung der Daguerreotypie hatte eine Begeisterung ungeahnten Ausmaßes ausgelöst und in Frankfurt eröffnete ein Portraitstudio nach dem anderen und Privatleute kauften oder bauten sich Kameras, mit denen sie ihre eigenen Experimente durchführen konnten. Inzwischen fotografierte man auf Papier oder auf Glasplatte und die Belichtungszeiten waren deutlich kürzer geworden.
Einer der vielen begeisterten Frankfurter Fotohobbyisten war Julius Neubronner. Er stammte aus einer Apothekerfamilie, die eine Apotheke im Stadtteil Kronberg betrieb. Die Mutter stammte aus einer Schauspielerfamilie, der Vater hatte Kontakte zu dem bekannten Maler Anton Burger und alles in allem war die Familie Neubronner dann doch recht gut vernetzt, könnte man sagen.
In diese Familie wird Julius jedenfalls am 8. Februar 1852 geboren. Noch als Teenager entdeckt er seine Faszination für die damals noch sehr junge Fotografie. Er findet eine Kamera, die damals sein Vater noch von Hand gebaut hatte, schafft es aber nicht, damit irgendwelche Bilder zu produzieren. Letztlich pumpt er sich von einer Dienstmagd das Geld, um die erste wirklich funktionierende Kamera zu erstehen. Das Problem war nur: Seine Eltern wussten davon nichts und als die Arbeitgeber der Dienstmagd kündigten, musste Julius plötzlich einen nicht unerheblichen Geldbetrag aufbringen. Das Ganze wird damals Gegenstand eines Gerichtsverfahrens.
Man kann also sagen, das Erste, womit Julius so richtig aktenkundig wird, ist seine Leidenschaft für die Fotografie. Er schlägt trotzdem zunächst mal eine Apothekerlaufbahn ein.
Als Kaiser Friedrich III. im Dreikaiserjahr 1888 stirbt, beschließt seine Witwe, in der Nachbarschaft von Kronberg ein Witwenschloss zu errichten. Und Julius hatte nun ganz schlagartig den Rang eines Hofapothekers. Es ermöglicht ihm unter anderem, eine zweite Niederlassung näher an diesem Witwenschloss zu errichten, wodurch seine Apotheke nicht nur für die Versorgung der Kaiserin verantwortlich war, sondern sich auch noch um das eben so in der Nähe liegende Lungensanatorium Falkenstein kümmerte.
Seine Kunden jedenfalls hatten meist wenig Geduld, manche Dinge waren ja auch mal dringend, und deswegen begann Neubronner, auch mit Brieftauben zu experimentieren. In 75g-Häppchen lieferten die Zutaten aus dem entfernten Frankfurt an, oder Bestellungen, die er dann vorbereiten konnte, noch bevor der Bote zur Abholung eintraf. Es war so ungefähr 1903, als ihm zum ersten Mal der Gedanke kam, dass man ja mit Brieftauben nicht nur Medikamente, Rezeptbestellungen oder Zutaten schicken könnte, sondern vielleicht auch eine Kamera, wenn sie denn nur klein genug wäre.
Gesagt, getan. Julius Neubronner war sowieso film- und fotoenthusiastisch. Zwischen 1902 und 1920 nahm er unter anderem dutzende Filme auf. Er konnte also gut einschätzen, was technisch machbar war. Das Problem bei der Fotografie via Brieftaube war das Gewicht der Materialien. Jetzt sind Kameras nicht unbedingt superschwer. Wenn man sie aufs Wesentliche reduziert und leichte Materialien wählt, kommt man unter 100g. Das Problem wird dann eher ein mechanisches: Wie bringt man einen Zeitauslöser unter und findet sich ein Weg, mit dem man vielleicht mehr als eine Aufnahme machen kann?
Neubronner war auch nicht der Erste, der Tauben mit Film in die Luft schickt. Rund um 1870, zum deutsch-französischen Krieg, transportiert beispielsweise die Pariser Taubenpost pro Flug bis zu 50000 auf Mikrofilm belichtete Telegramme. Und 1889 sitzt der Chef des Ballon-Korps (ja, sowas gabs), Alexander von Kowanko, mit einer Kamera und einer eigens dafür gebauten Dunkelkammer in einem Ballon, um damit Luftaufnahmen zu machen, die er dann an Ort und Stelle entwickelte und fixierte, um sie dann anschließend per Brieftaube zu Boden zu schicken.
Um die Jahrhundertwende gab es also diverse Versuche, Luftaufnahmen zu machen. Es gab Menschen, die aus Ballons fotografierten, es gab Luftschiffe, und Männer wie George Lawrence konstruierten Drachen, von denen aus sie ihre Aufnahmen machen konnten. Aber jedes dieser Verfahren hatte seine eigenen Nachteile: Entweder waren sie sehr aufwändig (wer hat schon ein Luftschiff zu Hand) oder sehr langsam (z.B. Ballons) oder je nach Anwendungsfall auch zu auffällig. Wer Militäraufklärung betreiben möchte, will vielleicht nicht mit einem Zeppelin über dem Schlachtfeld herumfliegen.
Kurz gesagt: Julius Neubronner versucht, alle Vorteile auf ein System zu bringen, indem er Brieftauben trainiert, ein Gewicht bis zu 75g zu tragen und eine Kamera konstruiert, die genau diese 75g auch einhält. Brieftauben haben übrigens gar keine Lust, 75g Gewicht herumtragen. Auch, wenn man sie darauf trainiert hat. Und das hat fotografisch einen Vorteil, denn das bedeutet, eine Brieftaube macht nicht viele Umwege, sondern fliegt ihren heimatlichen Taubenschlag direkt an.
1903 hatte er die Idee, 1907 hatte er ein erstes Patent eingereicht. Das kaiserliche Patentamt hielt seine Idee erst mal für Humbug und für undurchführbar, aber als er dann 1908 Bilder vorweisen konnte wurde ihm sein Patent genehmigt.
1909 nimmt Neubrunner dann an der internationalen fotografischen Ausstellung in Dresden teil und kurz danach auch noch bei der ersten internationalen Luftschifffahrtsausstellung in Frankfurt, wo er dann seine Taubenfotografie vorführte. Die Tauben kamen an, mit ihren Fotos im Gepäck und Neubronner entwickelte und druckte sie an Ort und Stelle, sodass Besucher sich Postkarten mit den Luftbildern mitnehmen konnten.
Wer sich mit Brieftauben auskennt, der weiß, da gibt es ein Problem. Die wechseln ihren Taubenschlag nicht mal eben so. Im Grunde wollen die immer wieder an denselben Ort. Und die sind da ganz schön festgelegt. Neubronner versuchte, dieses Problem mit einem mobilen Taubenschlag in den Griff zu bekommen. Und der sieht auch auf Fotos einigermaßen bizarr aus. Nämlich wie eine Kutsche mit einem Teil, der fest montiert ist, in dem sich die Dunkelkammer befindet, und einem per Hebebühne in die Luft abhebbaren Teil, der dann den Taubenschlag enthält.
Das heißt, Neubronner hatte richtig erkannt: wenn die Tauben immer an denselben Ort zurückfliegen, dann werden vielleicht die Luftaufnahmen relativ langweilig und eintönig. Man muss also den Taubenschlag bewegen können. Und dieser bewegliche Taubenschlag, der war ein wichtiger Bestandteil seiner Brieftaubenfotografie.
Im Ersten Weltkrieg gab es dann auch Experimente, ob man nicht die Luftaufklärung via Brieftaube damit durchführen konnte. Weil Brieftauben haben auch noch den Vorteil, dass sie von Schlachtgetöse relativ unbeeindruckt sind.
Neubronner konstruierte nicht nur diesen Taubenschlag, sondern baut auch gleich mehrere verschiedene Kameraarten. Machte das erste patentierte Modell gerade mal zwei Bilder, kamen dann Modelle dazu, die bis zu 12 Aufnahmen machten. Und mein persönlicher Favorit ist eine Kamera, mit der sich Stereoaufnahmen produzieren ließen. Also 3D-Bilder aus der Perspektive einer fliegenden Brieftaube.
Die weitere Entwicklung wurde durch den Ersten Weltkrieg erst mal verlangsamt und gestoppt. Man versuchte, die Brieftaubenfotografie zur Luftaufklärung zu nutzen, scheiterte aber an diesem mobilen-Taubenschlagproblem. Und so waren Brieftauben auch im Ersten Weltkrieg hauptsächlich für die Kommunikation und weniger für die Aufklärung im Einsatz.
Das war aber noch nicht das Ende dieses Genres. 1930 experimentiert das deutsche Militär wieder mit Brieftauben. Diesmal versucht man, das Problem mit dem Taubenschlag anders in den Griff zu bekommen: Man trainiert Schäferhunde. Die sollen eben nah an das Zielgebiet laufen und dort die Tauben mit ihren Kameras fliegen lassen. So richtig erfolgreich war auch dieses Experiment nicht. Aber wie so oft: die Experimente mit der Brieftaubenfotografie, die gehen bis in die Neuzeit. 1970 hat anscheinend die CIA noch Experimente mit aus Flugzeugen ausgesetzten Tauben durchgeführt.
Und heute, in Zeiten der GoPro, ist das natürlich völlig banal, einer Taube irgendeine kleine Actionkamera umzuhängen und sich dann an den Luftaufnahmen zu erfreuen, aber es macht auch niemand mehr, denn eine kleine, ferngesteuerte Quadcopterdrohne ist einfach viel, viel effizienter und dann eben auch noch kontrollierbar.
Julius Neubronner ist trotzdem ein Pionier der Luftfotografie und ausgestopfte Exemplare seiner Tauben samt Modellen der Kameras findet man in den verschiedensten Museen, nicht zuletzt im online begehbaren CIA-Museum oder zum Beispiel im Schweizer Fotoapperatemuseum, die außerdem noch ein Archiv von c.a. 1000 Aufnahmen aus der Zeit haben.
Auf YouTube findet man keine Taubenaufnahmen. Aber man findet die Amateurvideos, die Neubronner gemacht hat. Da kann man ihm beim Spielen mit seinen Enkeln oder beim Spaziergang mit seiner Familie oder beim Zaubern mithilfe von Fototricktechnik beobachten. Denn eigentlich war Neubronner ein Fotonerd. Filme und Fotos waren eine Leidenschaft. Und der ging er bis zu seinem Tod nach.
Die eine Hälfte der Geschichte hatten wir bereits erzählt: Daguerre der der Welt die Fotografie schenkt. Die andere Hälfte erzählen wir heute – wie nämlich am Ende ein britisches Verfahren den Durchbruch schaffte…
(Unter dieser Zeile müsste ein Video sein. Wenn nicht, dann auf nach https://fotomenschen.net)
Transkript
Die Briten und die Franzosen verbindet eine Hassliebe. Ja, und die zieht sich auch durch die Geschichte der Fotografie und ist vielleicht der Grund, dass das erfolgreichste aller Fotografieverfahren und die Erfindung des Fotobuches in Großbritannien statt in Frankreich stattfand. Und das, obwohl doch Frankreich der Welt die Fotografie zum Geschenk gemacht hatte.
Die Geschichte der Fotografie wird ja gerne mal folgendermaßen erzählt: Da gab es diese Gruppe an Franzosen, Niépce, Bayard und Daguerre. Die hatten alle grob zur selben Zeit die Ideen zu unterschiedlichen Verfahren, den Einfall von Licht auf diversen Medien festzuhalten. Daguerre war dann der, der von den dreien den größten Geschäftssinn besaß und gleichzeitig auch das beeindruckendste produzierte, nämlich das Fotografieren auf Metallplatten, und zwar in einer bis dahin nie gesehenen Detailtiefe. Dieses Verfahren wurde dann der französischen Akademie der Wissenschaften vorgestellt, die französische Regierung kaufte es und machte es der Welt zum Geschenk.
Der ganzen Welt? Aber nein. Da gab es eine Insel, nicht allzu weit von Frankreichs Küste entfernt, die Großbritannien genannt wurde. Und in Großbritannien hatte Daguerre noch vor dieser Vorstellung vor der Akademie der Wissenschaften ein Patent eingereicht, mit der Idee, durch Lizenzgebühren Einnahmen erzielen zu können.
Vielleicht war der Gedanke aber auch ein anderer. Denn, wenn man es mal nüchtern betrachtet, hatte Daguerre es ja geschafft, dass der französische Staat sein Verfahren lizenziert, abgekauft und dann weiter verschenkt hatte. Vielleicht wollte er was Ähnliches in Großbritannien schaffen. Aber egal, was die Motivation gewesen sein mag, Tatsache war: Daguerreotypie durfte man überall auf der Welt umsonst anwenden, außer eben in Großbritannien.
Die Briten brauchten es aber nicht, denn die Briten hatten ihre eigenen Erfinder und ihre eigenen, in Anführungsstrichen, Väter und Mütter der Fotografie. Und im Vergleich waren die Briten auch wesentlich wissenschaftlicher unterwegs.
Daguerre selbst war ja Maler und Bastler, wenn man so möchte. Er verdiente sein Geld mit großen begehbaren Gemälden, Dioramen, und suchte nach Methoden, um ähnlich faszinierendes Bildmaterial zu erzeugen. Hippolyte Bayard war Beamter. In Großbritannien hingegen sind es Astronomen, Botaniker und Chemiker, die nach und nach die verschiedenen Puzzleteile zusammensetzen, aus denen ein fotografischer Prozess besteht.
Was sind denn diese Puzzleteile?
Nummer eins: Irgendein Licht empfindliches Medium muss her.
Nummer zwei: So toll, wie es ist, wenn Licht sich auf dem Medium verewigt, irgendwie muss man diese Reaktion wieder stoppen können.
Nummer drei ist die Erkenntnis, dass man mit einer Camera obscura und einer Linse Licht bündeln und damit die Belichtungszeit drücken kann und gleichzeitig Kontrolle über den Bildausschnitt bekommt. Und
Nummer vier ist dann die Vervielfältigung. Daguerres Bilder waren Einzelstücke, Silberplättchen mit einem fertig fixierten Bild. Wollte man davon Drucke anfertigen, war der Prozess, der dafür notwendig wurde, sehr, sehr aufwendig und bedeutete einen signifikanten Qualitätsverlust.
Das Verfahren, das in Großbritannien hingegen zur selben Zeit entwickelt wurde, das produzierte vielleicht nicht ganz so hochauflösende Fotos wie die Daguerreotypie, aber dafür produzierte man eben Bilder auf Papier statt auf Silber und statt dem fertigen Foto hatte man ein Negativ, das man hinterher im Anschluss beliebig oft reproduzieren konnte. Und das war mit Sicherheit auch einer der Gründe, warum das später dann den Siegeszug durch die Welt antreten sollte.
Tatsächlich war es so, dass die Daguerreotypie gerade mal 15 Jahre in Europa und vielleicht 30 bis 40 Jahre in der neuen Welt, in den USA, erfolgreich war. Danach waren es die Erfindungen aus Großbritannien, die letztlich den Grundstock dafür legten, wie wir bis ins Jahr 2005 hauptsächlich fotografierten.
Und drei Namen sind aus dieser Geschichte nicht wegzudenken. Einmal war da der berühmte Astronom John Herschel, der hatte ein Verfahren entwickelt, um seine astronomischen Beobachtungen automatisch festhalten zu können, das Cyanotypie genannt wurde. Es produzierte tiefblaue Bilder, hatte aber den Vorteil, supereinfach in Anwendung zu sein. Man tränkte ein Papier in Chemikalien, wodurch es lichtempfindlich wurde und setzte es dann Licht aus. Sterne sind Lichtpunkte, aber man kann natürlich auch andere Gegenstände auf dieses Papier legen und das Papier dann zum Beispiel in die Sonne packen.
Das Ergebnis nannte man damals photogenic drawing oder Lichtzeichnungen. Es war dann auch John Herschel, der irgendwann anfing, von Fotografien zu sprechen.
John Herschel war im regen Austausch mit den Wissenschaftlern der damaligen Zeit. Er gehörte zu einem erlauchten, hoch aktiven Kreis von Wissenschaftlern und Gelehrten. Zu seinen engeren Freunden gehörte John Children, seines Zeichens Botaniker, unter anderem Vorsitzender der botanischen Gesellschaft in London und einer der Mitarbeiter des gerade mal frisch gegründeten British Museums.
John Children hatte eine Tochter, Anna.
Anna hatte ihre Mutter nie kennengelernt, da die kurz nach ihrer Geburt gestorben war. Aber sie war wirklich sehr eng mit ihrem Vater und der gab seine Faszination für Biologie und speziell Botanik an seine Tochter weiter. Und so lief schon die kleine Erna durch die Botanik und katalogisierte Farne und Blumen. Und wie damals nicht unüblich war der Bleistift und die Zeichnung eines ihrer Hauptwerkzeuge.
Cyanotypie kam da gerade recht und schnell stellte sich raus, dass sogar mehr möglich war. Manche Teile der Pflanzen waren teildurchlässig und das sah man natürlich dann auch auf den Cyanotypes. Und Anna schritt zur Tat. Systematisch begannen sie, Farne und Pflanzen in ihrer Umgebung zu sammeln, zu katalogisieren und Cyanotypien zu fertigen. Sie sammelte die Bilder und begleitende Texte in eigenen Alben und begann, die regelmäßig herauszugeben. Zwischen 1843 und 1851 veröffentlichte sie dreizehn Teile. Später dann gab es eine Gesamtausgabe, in der es dann 14 Seiten Text und 389 Seiten gefüllt mit Cyanotypien gab. Anna brach auch mit einigen Konventionen der damaligen botanischen Wissenschaftswelt. Sie nahm eigene Katalogisierungen, eigene Typisierungen vor und sortierte die Pflanzen anders.
Überhaupt waren diese Alben (heute würde man sie Fotobücher nennen) deutlich künstlerischer, als man von wissenschaftlichen Arbeiten damals erwartete. Viele der Cyanotypien sehen auch mit heutigen Augen immer noch fantastisch aus. Und es ist keine Übertreibung zu sagen, dass Anna Atkins mit diesen ersten Alben nicht nur Wissenschaftsgeschichte und Kunst geschaffen hat, sondern das Fotobuch als Medium überhaupt erfunden hat.
Und sie war die erste Frau, die fotografisch gearbeitet hat, und zwar parallel zu all den sogenannten Vätern der Fotografie. Einer, der sie als Einfluss auch erwähnt, ist der dritte Name, auf den es uns heute ankommt. Willhelm Henry Fox Talbot.
Talbot verdankt seiner Mutter eine privilegierte Kindheit. Sie ist eine hochgebildete Frau, deren Geschäftssinn es zu verdanken ist, dass sich der Schuldenberg, den ihr ihr erster Mann bei seinem Tod hinterlassen hatte, in ein beeindruckendes Vermögen verwandelt hatte. Sie und ihr zweiter Ehemann bereisen mit dem kleinen Willhelm Henry nicht nur die Welt, sondern sorgen auch dafür, dass eine fundierte, wissenschaftliche Ausbildung erhält.
Talbot ist auch einer dieser unglaublich beeindruckenden Universalgelehrten. Er ist Botaniker, Ethymologe, beschäftigt sich mit der Geschichte des assyrischen Reiches und seit 1833 arbeitet er an verschiedenen fotografischen Verfahren, die er zunächst photogenic drawing nennt. Also Zeichnen mit Licht. Ganz ähnlich John Herschels Cyanotypie. Es wird also ein Papier empfindlich gemacht und es werden Gegenstände draufgelegt. Für Talbot ist das allerdings nur ein erster Schritt. Eigentlich möchte er mit einer Camera Obscura arbeiten. Die hatte er für verschiedenste Zwecke schon als Zeichenhilfe benutzt. Er hatte eine Camera Obscura genommen, die auf eine Platte ein Bild projizierte und versucht, dieses Bild abzuzeichnen.
Und er versuchte einfach, diese zwei Methoden zu kombinieren. Die photogenic drawings hatten damals noch den Nachteil, dass die Empfindlichkeit anhielt und dass sie sehr lange belichtet werden mussten. In einer Camera Obscura dauerte es zum Teil Stunden, bis ein Bild sichtbar wurde und dann war das Problem, dass das Papier ja immer noch empfindlich war. Es würde also weiter nachdunkeln. Man musste irgendwie dafür sorgen, dass dieser Prozess gestoppt wurde. Und dann waren die Bilder auch nicht wirklich detailreich oder scharf. Das war alles relativ verwaschen.
Aber Talbot war Wissenschaftler. Er arbeitete es systematisch an dem Problem. Und in seiner Korrespondenz mit seinem Freund Herschel fand man dann auch die eine oder andere Lösung. So entdeckte er dank Herschel beispielsweise verschiedene Möglichkeiten, um den Belichtungsprozess zu stoppen.
Irgendwann kam dann der große Durchbruch. Als Talbot nämlich entdeckte, dass das Licht seine Spuren auf dem Papier schon hinterlassen hatte, obwohl man es mit bloßem Auge noch nicht sehen konnte. Das sogenannte latente Bild, das man dann chemisch hervorholen konnte, sorgte dafür, dass die Belichtungszeiten von Stunden zu Minuten und schließlich zu Sekunden wurden. Nach und nach wurde auch der Detailgrad besser und letztlich hatte Talbot ein Verfahren, das er Calotypie nannte, mit dem man Fotos produzieren konnte, die wir auch heute noch als Fotos gelten lassen würden.
Inzwischen drangen Gerüchte nach England, ein Franzose hätte eine Möglichkeit entdeckt, die Bilder der Camera Obscura festzuhalten. Talbot machte sich Sorgen, dass das eventuell dasselbe Verfahren sein könnte, an dem er jetzt schon jahrelang arbeitete und trug eilig seine Ergebnisse zusammen und stellte sie der Royal Academy of Sciences vor.
Seine bisherigen Entdeckungen hatte er der Welt jeweils zum Geschenk gemacht. Diese Methode ließ er allerdings patentieren, eigentlich weniger aus eigenem Antrieb, sondern eher auf Zureden seiner Freunden und Verwandten. Es kostete also Lizenzgebühren, wollte man Calotypie verwenden.
Als Daguerre dann sein Verfahren vorgestellt hatte war wahrscheinlich erstmal die Erleichterung groß. Allerdings war die rechtliche Situation etwas seltsam, denn Daguerre hatte ja in Großbritannien ein Patent angemeldet und Harvard hatte auch sein Verfahren entsprechend sichern lassen. Und so war es ein wirklich teurer Spaß, wenn man in Großbritannien Bilder produzieren wollte. Oder auch sonst in der Welt. Entweder waren die Silberplatten und die Apparaturen, die notwendig waren, um Daguerreotypien zu fertigen teuer oder Lizenzgebühren für Calotypien oder Daguerreotypien, je nachdem wo man denn nun war, trieben die Kosten in die Höhe. Und natürlich hielten die Entdecker ihre jeweiligen Entdeckungen für die bessere Methode.
Talbot produziert ein Fotobuch, eigentlich gedacht als eine Art Broschüre, mit der er für seine Methode Werbung machen wollte und erklärte darin, was zur Entwicklung der Calotypie geführt hatte, welche Einflüsse ihn dahin gebracht hatten und welche Anwendungsgebiete es gab. Dieses (wahrscheinlich) zweite Fotobuch der Geschichte erwähnt dann auch Anna Atkins Arbeit, denn Talbot war ja selber auch Botaniker und das fotografische Dokumentieren von Pflanzen war dann auch eine der Beispiele, die er in seinem Buch aufführte. Und überhaupt ein Buch zu produzieren war sehr naheliegend, denn der Buchdruck oder generell der Druck war natürlich das eine herausragende Merkmal, die eine Stärke, die die Calotypie gegenüber der Daguerreotypie hatte.
Weil der Spaß aber durch die Lizenzgebühren nicht ganz billig war, gab es eine Menge Leute, die versuchten, eine alternative Methode zu finden. Und so dauerte es gerade mal bis zu dem Jahr 1850, bis mit dem sogenannten „Wet Collodium Prozess“ eine Methode auf den Markt kam, die die Vorteile der Calotypie mit ein paar der Vorteilen der Daguerreotypie zu kombinieren schien. Die Methode war von einem scheuen Briten namens Frederick Scott Archer entwickelt worden und benutzte Glas statt Papier als negativträger. Scott Archer wollte kein Geld damit verdienen. Er meldete kein Patent an. Damit fühlten sich die Fotografen der Zeit im Recht, dieses Verfahren einfach anwenden zu können.
Talbot sah das anders. In seinen Augen war das Verfahren identisch zu der Calotypie, nur dass eben statt Papier Glas verwendet wurde. Und so zog er gegen einen der Fotografen wegen ausstehenden Lizenzgebühren vor Gericht. Das Gericht hingegen sah das anders. Es urteilte, dass Talbots Patent für fotografische Verfahren auf Papier Gültigkeit hätte und der Wet Collodium Prozess wäre ja auf Glas und damit was anderes. Und das markiert dann auch das Ende der Daguerreotypie und im Großen und Ganzen der Fotografie auf Papiernegative. Aber im Grunde muss man sagen: Das Gericht hatte keine Ahnung oder hat absichtlich nicht hingesehen.
Denn das Verfahren ist sehr wohl sehr ähnlich zu dem von Talbot. Aber für die Fotografie an sich war das natürlich ein Segen. Ab jetzt konnte man frei von Lizenzgebühren hochwertige Negative produzieren und davon hochwertige Abzüge fertigen. Ab hier war die Entwicklung dann auch vorgezeichnet. Aus dem wet plates wurden dry plates und das Glas als Negativ wurde irgendwann von Zelluloid als negativ abgelöst und damit, mit Rollfilm also, fotografieren Analogfotografen noch heute. Aber auf Silber fotografiert seit knapp 150 Jahren so gut wie niemand mehr.
Wenn man sich mit der frühen Geschichte Fotografie beschäftigt, gibt’s eine Menge erste Male. Und auch wenn Daguerre der erste war, der ein kommerziell erfolgreiches fotografisches Verfahren etabliert hatte, es ist die Arbeit von Talbot, Atkins, Scott Archer und John Herschel, die tatsächlich bis heute noch Bestand hat. Wer sich ein Buch über die Filme von Quentin Tarantino kauft, hat einen Nachfolger der Arbeit von Anna Atkins in der Hand. Und Quentin ist dafür bekannt, dass es seine Filme auf Zelluloid aufnimmt, also nicht digital. Und das ist Technologie, die sich zu Archer und Talbot zurückverfolgen lässt. Festhalten lässt sich jedenfalls, dass rund um die 1850er Jahre die Idee der Fotografie „Public Domain“, also, für jeden zugänglich wurde. Also eigentlich, könnte man sagen, hat Scott Archer die Fotografie der Welt zum Geschenk gemacht.
Ikonische Fotografien werden manchmal durch spontane Eingebung und einzigartige Persönlichkeiten geboren. Als am 30. Dezember 1941 der Kriegs-Premierminister Sir Winston Churchill auf den damals noch unbekannten jungen Fotografen Yousuf Karsh traf war genau so ein Moment. Für Churchill wurde diese Aufnahme zur definierenden Charakterstudie und für Karsh war sie der Beginn einer jahrzehntelangen Karriere.
(Unter dieser Zeile müsste ein Video sein. Wenn nicht, dann auf nach https://fotomenschen.net)
Bild: Von digitalisiert von: BiblioArchives / LibraryArchives – Flickr: Sir Winston Churchill, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41991931
Transkript
Man nannte ihn den „Lion of the West“ oder den „Bulldog of the West“. Er war wahrscheinlich damals der Leader of the free World. Sir Winston Churchill, der britische Premierminister, der Großbritannien und in einem gewissem Sinne eigentlich die Alliierten durch den Zweiten Weltkrieg führte. Und dieses Image hat eine Menge mit einer ganz bestimmten berühmten Fotografie zu tun, dem Foto von Churchill nämlich, das ganz oben steht, wenn man bei der Google-Bildersuche nach Winston Churchill sucht.
Winston Churchill ist einer dieser gigantischen Persönlichkeiten, der ich unmöglich gerecht werden kann. Zu dem Zeitpunkt, zu dem unsere heutige Episode stattfinden wird, war Winston Churchill gerade ein Jahr Premierminister, und er hatte sich hervorgetan als unnachgiebig gegenüber dem Hitlerregime. Er hatte sich jeglichen Verhandlungen rundheraus verweigert und hatte stattdessen eine Anti-Deutschland-Allianz zwischen der Sowjetunion, den USA und Großbritannien geschmiedet.
Zu dem Zeitpunkt bereits 67 Jahre alt, hatte er eine politische Karriere mit allen Höhen und Tiefen, eine Offizierskarriere und eine Karriere als Autor verschiedener Werke hinter sich. Viel später, im Jahr 1953, würde Sir Winston Churchill übrigens den Nobelpreis für Literatur bekommen. Er war also wortgewaltig. Das zeichnet sich auch ab, wenn man sich mit ihm beschäftigt und diese unendliche Menge an Churchillzitaten durchblättert.
Im Dezember 1941 befindet Churchill sich auf Nordamerikareise. Kanada ist seit 1939 mit Deutschland im Krieg. Die USA waren erst kürzlich eingetreten und Churchill bespricht Pläne und trommelt die Unterstützer zusammen. Und am 30. Dezember macht er Halt im kanadischen Ottawa.
[Einspieler]
„Members of the Canadian Parliament! Hear Mr.Churchill’s Speech during which he pays Tribute to canadian soldiers on active service.“ „In two months, when the invasion season returns, the canadian army may be engaged in one of the most prideful battles the world has ever seen. We’ll not ask if the rules of the game should me modified, if any, we shall never descend to the german and japanese level. But if anybody likes to play rough we can play rough, too.“
Die Rede war ein voller Erfolg, immer wieder unterbrochen von tosendem Applaus und Gelächter. Winston Churchill wusste genau, wie man ein Publikum abholt. Er bereitete seine Reden ausführlich und detailliert vor. Und so hat er nicht nur eine oder zwei, sondern wahrscheinlich dutzende historischer Reden gehalten. Und immer wieder mal wird gesagt, dass Churchills Reden signifikant dazu beigetragen hatten, dass während den harten Kriegsjahren die Alliierten und natürlich ganz besonders die Briten immer wieder zu ihrem Durchhaltewillen zurückfanden.
Diese Rede in Ottawa jedenfalls, am 30. Dezember 1942, lief großartig. Churchill war mit sich zufrieden. Er trat von dem Rednerpult ab und entspannte sich mit einer Zigarre und einem Glas Johnnie Walker, beides Vorlieben, für die er bekannt und berühmt war. Es gibt kaum ein Foto von Churchill, wo er nicht eine Zigarre oder ein Whiskyglas oder beides in der Hand hält. Das wusste auch der junge kanadische Fotograf Yousuf Karsh, der beauftragt worden war, ein Foto von Churchill zu machen.
Yousuf Karsh hatte sich zu dem Zeitpunkt in Kanada bereits einen Namen als Porträtfotograf gemacht. Er war als Jugendlicher als Flüchtling aus Syrien nach Kanada ausgewandert und hatte dort dann das Fotografenhandwerk im Fotostudio seines Onkels gelernt.
[Einspieler]
„I came from Armenia after the massacre of the Armenians by the Turks. I came to Canada with the hope that an Uncle of mine, Nakash, would help to facilitate my being as a physician but I end up being a photographer and I’m very happy about it.“
Ja, eigentlich wollte er also Arzt werden, aber hat sich dann spontan in die Fotografie verliebt und blieb dabei. Karsh war besonders gut darin, Porträts von Menschen zu machen, die gleichzeitig kleine Geschichten erzählten. Man sah mehr als einfach nur ein Foto eines berühmten Menschen. Seine Porträts zeigten immer auch die Persönlichkeit, den Menschen, die Umstände, in denen das Bild entstand.
Zu dem Zeitpunkt dieser Churchillrede in Ottawa war Karsh eben schon bekannt für seine Porträts und hatte verschiedenste Celebrities vor der Kamera gehabt. Deswegen dauerte der technische Aufbau auch gar nicht lang. In einem Nebenraum hatte er Belichtung und Kamera bereits stehen und wartete darauf, dass jemand Churchill vorbeibringen würde. Der wusste nichts von dem Ganzen. Er war zwar gut gelaunt, aber im Grunde ließe sich auch ungern fotografieren. Und deswegen war das auch keine willkommene Überraschung, als man ihm im Nebenraum mitteilte, dass er noch für ein Porträt posieren sollte.
„Meinetwegen, wenn’s sein muss. Der Fotograf hat fünf Minuten.“, soll er gesagt haben. Er kommt also in den Raum, mit seiner Zigarre in der Hand, stellt sich vor die Kamera und schaut den Fotografen an. Der versucht es erst höflich, sagt „Sir, we prepared an ash tray for you.“, denn er wusste, dass er nicht schon wieder ein Foto mit Winston Churchill mit Zigarre in der Hand machen wollte. Winston Churchill ignoriert das, und es ist der Moment, für den Yousuf K. später berühmt wird.
Er nimmt nämlich sein Belichtungsmesser und geht vor zu Winston Churchill, misst kurz nochmal das Licht nach, nimmt ihm dann die Zigarre aus dem Mund, geht zurück zur Kamera und drückt ab. Und der Blick, den Churchill in diesem Bild hat, ist unbezahlbar. Und Yousuf Karsh hatte bekommen, was er fotografieren wollte. Ein Porträt von Churchill, wo Churchill unnachgiebig, grimmig, willens, das Notwendige zu tun aussieht und eben nicht das typische Churchillporträt, wo er mittelmäßig gut gelaunt mit Zigarre in der Hand in die Kamera schaut. Er ging dann nicht auf den Fotografen los, übrigens, sondern verstand durchaus, was der Sinn der Aktion gewesen war. Er wollte das aber auch nicht so stehen lassen.
[Einspieler]
„And after this defined image he gave me he straightened up, he said: „You can take another one.“
Es gibt also noch ein zweites, deutlich freundlicheres Porträt aus demselben Fotoshooting. Berühmt wurde Yousuf allerdings für das erste.
[Einspieler]
„What is extraordinary about this photograph, it was a symbol of the determination and the British Bulldog. And one of your former commentator colleges, when he saw the saw this portrait of Churchill, he said: „Ah. He is the man who marshalled the english language and sent it into battle when we had little else.““
Es gibt eine Art Standardwerk, das berühmte Persönlichkeiten listet, das „Who is Who“. Und das „Who is Who“ des 20.Jahrhunderts listet 100 berühmte Persönlichkeiten. Als Yousuf Karsh 2002 stirbt, hat er mehr als die Hälfte dieser Persönlichkeiten porträtiert und ist selbst der einzige Fotograf, der auf dieser Liste geführt wird. Hemingway, der Papst, die britische Königsfamilie oder eben Winston Churchill. Seine Portraits zeigen nicht nur Berühmtheiten, sondern geben uns das Gefühl, den wahren Menschen in der Aufnahme erkennen zu können. Und selbst wenn das natürlich manchmal nur eine Illusion ist, gibt es doch nur sehr wenige, die diese Kunst bei Porträts so virtuos beherrschten wie Yousuf Karsh. So gesehen schon ganz gut, dass in der British Bulldog nicht gleich an Ort und Stelle verschlungen hat.
Die polizeiliche und forensische Fotografie gehört zu den großen Bereichen der Fotografie überhaupt. Tatortbilder, Beweisfotos und Portraits Verdächtiger gehören heute zum Alltag was aber längst nicht schon immer so war.
Bild: Von Alphonse Bertillon (1853-1914) – Michel Frizot, Serge July, Christian Phéline, Jean Sagne : Identités : de Disderi au photomaton, éditions Photo Copies – Centre National de la Photographie, Paris, 1985, p.61., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10074659
Transkript
In einer Welt, in der jeder und jede von uns Fotograf sein kann und auf jeden Fall schon fotografiert hat, ist es schwierig, die rein professionellen Ecken ausfindig zu machen, in denen Fotografie nur noch Mittel zum Zweck ist. Die sogenannte forensische Fotografie ist so ein Bereich.
Vom Beginn der Fotografie an war eins völlig klar: Es gab unendlich viele Anwendungsfälle dieser neuen Kulturtechnik. Schon die Väter der Fotografie (es waren alles Väter) schlugen die unterschiedlichsten Richtungen ein. Wir hatten die wissenschaftliche Anwendung, also das systematische Dokumentieren z.B. von Gegenständen oder Architektur, aber gleichzeitig hatten wir den Versuch, Aufnahmen zu schaffen, die wie klassische Gemälde aussahen. Und wo wir schon bei klassischen Gemälden sind: Da wissen wir ja, oft sind da Nackte drauf zu sehen. Und auch das zog natürlich sofort in die Fotografie ein, genauso wie es relativ früh Versuche gab, über fotografische Verfahren Geld zu fälschen.
Wie es so oft ist: Eine neue Technologie wird eingeführt. Es herrscht eine gewisse Gesetzlosigkeit und die wird zunächst von den Menschen der Gesellschaft ausgenutzt, die von Gesetzlosigkeit Vorteile haben. Ihnen dicht auf der Spur: Die Polizeiarbeit.
Allerdings ist die Polizeiarbeit zu der Zeit noch sehr, sehr jung. 1839, als die Daguerreotypie, also das erste kommerziell erfolgreiche fotografische Verfahren der Welt zum Geschenk gemacht wird, ist die Polizeistation in London gerade mal zehn Jahre alt. Die ganze Disziplin der Kriminalistik hat gerade mal 40 Jahre auf dem Buckel.
Denn die erste Polizeidienststelle überhaupt geht auf einen Parlamentsbeschluss der Stadt Glasgow aus dem Jahr 1800 zurück. Damals hat man sich eingestanden, dass das bisherige System von Freiwilligen, unbezahlten Konstablern oder Söldnern nicht dazu geeignet ist, um wirklich Recht und Ordnung durchzusetzen. Und so beschloss man, einen neuen Berufsstand zu schaffen. Und es funktionierte zwar so gut, dass es überall nachgemacht wurde, aber es war natürlich weder abgestimmt noch überall auf demselben Qualitätsniveau.
Aber zwei Probleme hatten alle Polizeidienststellen gemeinsam: Erstens mussten sie Menschen finden können und zweitens mussten sie zur Aufklärung von Verbrechen Beweise dokumentieren und Hinweise festhalten können.
Die ersten Kriminalisten versuchten sich da meistens im Karteikartensystem. Je nachdem, wer mit einem jeweiligen System angefangen hatte, waren die dann gerne mal alphabetisch nach Tatort, nach Jahreszahl, nach Namen der Verdächtigen, was auch immer, sortiert und in dem Berg an Daten, den ein durchschnittlicher Polizeialltag produzieren kann, eigentlich nicht mehr auffindbar. Wenn es um die Fahndung von Menschen ging, kam noch dazu, dass die Beschreibung von Personen nicht standardisiert war. Man blickte also recht früh hoffnungsfroh auf die ersten fotografischen Aufnahme- und dann auch später Druckverfahren.
Die Daguerreotypie war da relativ unhandlich, denn sie produzierte Einzelstücke auf Metall, noch dazu Einzelstücke auf Metall, die relativ empfindlich waren und gut gelagert werden wollten. Trotzdem fingen vor allen Dingen in den USA relativ früh Porträtstudios an, ihre Dienste auch in der Nähe von Polizeistationen anzubieten.
Als er Mitte der 1850er Papierbasierende Negativverfahren die Fotografie eroberten, also die Möglichkeit auftauchte, Fotos zu machen und beliebig oft zu vervielfältigen, hob auch die Zusammenarbeit zwischen Fotografen und Polizeidienststellen ab. So fing man zum Beispiel in den USA an, Alben von Tatverdächtigen anzulegen. Die sahen besonders anfangs allerdings noch verdammt ähnlich aus wie klassische reguläre Porträts aus derselben Zeit.
Erst nach und nach bürgerten sich bestimmte Konventionen ein. Zu dem anfangs fast ausschließlichen Frontalporträt kam eine Seitenaufnahme, manche der Verdächtigen hielten Schilder mit weiteren Informationen hoch oder man achtete darauf, dass die Hände im Bild waren, weil man glaubte, an den Händen Verdächtige zusätzlich identifizieren zu können. Es bildeten sich also einzelne Konventionen raus.
Verdächtige fotografieren war ein Ding. Aber was war mit der Tatortfotografie? Die gab’s anfangs nicht. Die ersten Tatortfotos sind deshalb auch nicht von Polizisten gemacht worden, sondern von Privatleuten oder Reportern. Die Polizei konzentrierte sich auf das schriftliche Festhalten der Beobachtungen. Zum Teil lag das daran, weil Gerichte der damaligen Zeit Fotografien als Beweise eher skeptisch sahen.
Das sollte sich allerdings mit einem Ereignis ändern, das die Welt erschütterte.
Am 14. April 1865 wird der 16. Präsident der Vereinigten Staaten, Abraham Lincoln, bei einem Theaterbesuch von einem bekannten Schauspieler von hinten in den Kopf geschossen. Er stellt sich schnell raus: Das Ganze war eine Verschwörung und eine landesweite Suche nach den Tätern kommt in Gang.
Und für uns ist dieser Moment deswegen wichtig, weil die Behörden zu dem damaligen Zeitpunkt zum ersten Mal verfügen, dass nicht nur die Verdächtigen mit Fotografien gesucht werden sollen, sondern auch gleichzeitig der Tatort und später dann auch die Hinrichtung der Täter fotografisch festgehalten werden soll. Hatte man bisher die Fotografie nur gelegentlich als eines von vielen Werkzeugen in der Polizeiarbeit benutzt, war es ab jetzt ein Standardwerkzeug, immer noch sehr unterschiedlich eingesetzt, aber sowohl im Polizeialltag als auch dann später vor Gericht deutlich akzeptierter als vorher. Schließlich hatte man jetzt weltweit davon gehört, dass die Fotografie eine wichtige Rolle spielte in der Aufklärung dieses Verbrechens.
Ob Alphonse Bertillon von der Ermordung Lincolns gehört hatte, kann ich nur spekulieren. Er war zu dem Zeitpunkt gerade mal zwölf Jahre alt. Er war der mittlere Sohn eines Akademikerhaushalts, sein Vater war anerkannter Arzt, Statistiker und Präsident der anthropologischen Gesellschaft in Paris. Und wäre damit nicht in einer Familie mit Beziehungen und Geld gelandet, wahrscheinlich hätten wir nie von ihm gehört. Denn aus der Zeit berichtet man von zahllosen Schulverweisen und davon, dass er in erster Linie faul, starrsinnig und jähzornig gewesen sei.
Trotzdem schafft er es irgendwann, seinen Abschluss zu machen und bekommt nach einem kleinen Zwischenspiel als Sprachlehrer in England von seinem Vater eine Stelle als kleiner Schreibtischbeamter bei der Polizei in Paris vermittelt.
Und in dieser Position hat er mit dem Karteikartensystem der Pariser Polizei zu tun, die, so erkennt er sofort, absolut ungeeignet sind, um damit irgendwas praktisch anzufangen. Das Problem war nicht, dass es keine Fotos gab, die gabs. Das Problem war, dass die in alphabetischer Reihenfolge abgelegt waren und damit konnte man sie natürlich schlecht wiederfinden. Außerdem war die Sprache, in der eine Aufnahme beschrieben wurde, nicht standardisiert. Man könnte mich z.B. als großgewachsenen, in unrasierten Mittelblonden Mann beschreiben und damit hat dann jede und jeder von uns ein Bild im Kopf aber garantiert keine ausreichende Beschreibung, um mich in der Menge wiederzufinden.
Bertillon schlägt also vor, dieses Ablagesystem zu ändern. Statt alphabetischer Reihenfolge schlägt er Messungen vor. Verdächtige sollen nicht einfach nur fotografiert werden, sondern auf eine genau vorgegebene Art und Weise fotografiert werden. Und während sie fotografiert werden, sollen bis zu 11 verschiedene Messungen vorgenommen werden. Die Annahme dabei: Es gibt bestimmte Eigenschaften, die ändern sich auch über die Jahre hinweg nicht mehr. Und selbst dann, wenn man nur genügend solche Merkmale festhält und sammelt, dann hat man irgendwann eine so kleine Fehlerwahrscheinlichkeit, dass man Menschen ausreichend genug beschrieben hat.
Die Körpermaße, die er zur Messung vorschlägt, sind Körperlänge, Armspannweite, Sitzhöhe, Kopflänge, Kopfbreite, Länge des rechten Ohres, Breite des rechten Ohres, das wurde dann später durch die Jochbeinbreite ersetzt, Länge des linken Fußes, Länge des linken Mittel- und Kleinfingers und Länge des linken Unterarms. Er legte genau fest, wie diese Messungen vorgenommen werden mussten und wie sie festgehalten wurden. Außerdem wurde fotografiert und für diese Fotografien definierte Bertillon genau, in welcher Lichtsituation, mit welchem Hintergrund diese Aufnahmen stattzufinden hatten.
Bertillon war derjenige, der zum ersten Mal eine Messskala in den Hintergrund packte. Bertillon war derjenige, der definierte, welche Aufnahmen in welcher Reihenfolge welche Details zu zeigen hatten. Und wenn man diese Liste von 11 Messungen vor Augen hat, dann kann man das Ganze auch für ganz schön durchgeknallt halten.
Und genau das tat sein Chef. Er riet ihm doch mal im lokalen Sanatorium für geistig Kranke nachzufragen, ob die ihm helfen könnten und drohte ihm mit Rauswurf, sollte er nochmal mit der Idee um die Ecke biegen.
Sein Vater hingegen sah sich die Methode an und als ausgebildeter Statistiker verstand er, worum es seinem Sohn dabei ging. Als Bertillon ein Wechsel der Vorgesetzten ins Haus stand, war seine Chance gekommen. Sein Vater intervenierte und sorgte dafür, dass sein Sohn die Erlaubnis erhielt, seine Methode in praktischen Versuchen zu testen.
Er bekam zwei Mitarbeiter und einen Raum. Und drei Monate Zeit. Im November 1882 begann er mit dem Vermessen und Dokumentieren der ersten Verdachtsfälle. Im Februar 83, kurz vor Ende des Testlaufs, hatte er 1800 Karteikarten angelegt, die nach diesen statistischen Kriterien sortiert waren und nicht mehr nach Alphabet. Seine Kritiker beobachteten das Ganze mit Erheiterung und hielten es für unmöglich, dass er mit dem System auch nur einen Verdächtigen identifizieren konnte.
Und fast sah es so aus, als würden sie Recht behalten. Es war tatsächlich schon Februar, als Bertillon mit seinem System erfolgreich den ersten rückfälligen Straftäter anhand seiner Körpermaße identifizieren konnte. Das war so überraschend, dass man erstmal die Testphase verlängerte. Er sollte weitere Monate daran arbeiten und er bekam weiteres Personal zugeteilt. Bis zum Ende des Jahres hatte er 49 Identifizierungen nachgewiesen und mit wachsendem Datenbestand wurde das System immer erfolgreicher. 1888 gründete die Pariser Polizei dann den ersten polizeilichen Erkennungsdienstlich überhaupt und beförderte Bertillon zu seinem ersten Leiter.
Das System wurde nach ihm Bertillonage genannt und bestand nicht nur aus den Anweisungen, wie denn die Fotografien oder die Messungen vorzunehmen wären, sondern auch eigens dafür konstruierte Apparaturen. So gab es eine fotografische Apparatur, nur um diese, wie man heute ja sagt, Mugshots aufzunehmen. Und das Verfahren trat einen weltweiten Siegeszug an. In den USA, in Deutschland, in Spanien, in Russland, überall wurde das Verfahren eingeführt und angewendet.
Allerdings hatte das Verfahren natürlich auch Nachteile. Die Genauigkeit, die hing davon ab, wie präzise die Messungen vorgenommen wurden. Und so war die Erfolgsquote außerhalb der Pariser Dependance sehr, sehr unterschiedlich.
Und dann gab es auch nach und nach konkurrierende Verfahren. In Bertillons System wurden Verdächtige mithilfe der Maße identifiziert und dann per Fotobeweis überführt. Aber es gab die Diskussion, ob dieser letzte Fotobeweis nicht vielleicht durch Fingerabdrücke ersetzt werden konnte. Die waren nicht nur einfach zu erfassen, sondern hatten auch den Vorteil, dass man sie oft an Tatorten fand.
Und wo wir schon beim Bereich der forensischen Fotografie sind: Es gab inzwischen einen kompletten spezialisierten Bereich der Beweisfotografie, in der unter anderem natürlich Fingerabdrücke oder Abdrücke jeglicher Art eine große Rolle spielten. Bertillon zweifelte an, dass Fingerabdrücke geeignet wären, denn er glaubte nicht, dass man sie systematisch ablegen und damit auch wiederfinden konnte. Da sollte er sich natürlich geirrt haben, wie wir heute wissen.
Noch zu seinen Lebzeiten trat die Bertillonage immer mehr in den Hintergrund und wurde nach und nach von Fingerabdrücken als biometrisches Erkennungsmerkmal abgelöst.
Was aber erhalten blieb, waren die präzisen Methoden von Alphonse Bertillon. Er hatte nicht nur fotografische Apparate konstruiert, sondern eben auch definiert, dass Fotos im Polizeibetrieb aus einem genau definierten Abstand zu machen wären, dass Skalen mit ins Bild gelegt werden mussten, und zwar nicht nur bei Mugshots im Hintergrund, sondern auch zum Beispiel bei Tatortfotografien. Und so sind selbst moderne Ablage- und Fotosysteme immer noch von Prinzipien beeinflusst, die damals Alphonse Bertillon ins Leben rief. Und insbesondere die Mugshots, die würde er auch heute immer noch wiedererkennen.
In Vorbereitung für die heutige Episode bin ich dann auch im Internet unterwegs gewesen und habe nach berühmten Mugshots gesucht. Und es ist schon erstaunlich, wie viele Berühmtheiten irgendwann mal mit der Polizei in Kontakt kamen und da dann polizeiliche Aufnahmen hinterlassen mussten. Da gibt’s Aufnahmen von Fred Astaire, von Jane Fonda, von Mick Jagger oder von Bill Gates.
Besonders das Bild von Bill Gates finde ich witzig. Da war er in New Mexico festgenommen worden, weil er mit einem Porsche ohne Führerschein zu schnell gefahren war. In dem Foto, das die Polizei von ihm machte, grinst er frech in die Kamera und verewigte diese Aufnahme dann später in dem Microsoft E-Mail-Programm Outlook: Legt man dort nämlich einen neuen Kontakt an, wird einem links als Platzhalterbild eine Silhouette genau dieses Mugshots gezeigt.
Die Fotografie machte im 19. Jahrhundert zuvor unsichtbares sichtbar und hielt fest was man verloren glaubte. War es da nicht auch vorstellbar, Verbrechen anhand der letzten „Aufnahme“ ihrer Augen aufklären zu können?
Bildquelle: By Wilhelm Friedrich Kühne (March 28, 1837 - June 10, 1900) – The College of Optometrists, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25926283
Soundquelle: soundsnap.com
Transkript
Unsere Folge beginnt mit einem Mordfall, in Chicago. Es ist ein kalter und winterlicher Februar Abend, als die 20 jährige Teresa Hollaender sich auf den Heimweg macht. Zusammen mit einem Freund und einer Freundin nimmt sie erst die Straßenbahn und geht dann ein kurzes Stück über den Friedhof Richtung Elternhaus. Es ist dunkel und kalt und deswegen ist da zu der Zeit auch wirklich niemand unterwegs. Deswegen gibt es für die nachfolgenden Geschehnisse auch keine Zeugen. Als ihre Eltern anfangen, sich Sorgen zu machen, macht sich der Vater auf den Weg, nach seiner Tochter zu suchen und geht den Weg ab, den sie normalerweise einschlagen würde. Und natürlich findet er sie auch mit einem Holzknüppel zu Tode geprügelt. Außer ihre Leiche und dem Knüppel gibt es aber keine weiteren Zeugen, weil Teresa mit weit aufgerissenen Augen gefunden worden war. Macht der ortsansässige Augenoptiker einen ungewöhnlich klingenden Vorschlag? Es gäbe nämlich die Theorie, so teilt er den Behörden mit, dass sich der letzte Blick im Augenblick des Todes praktisch einbrennt und man mit fotografischen Verfahren dieses Bild wieder zum Vorschein bringen konnte. Im Falle von Teresa war man sich ziemlich sicher, dass die vermutlich als letztes ihren Mörder gesehen haben musste. Und deswegen genehmigte die Staatsanwaltschaft in diesem Fall, das Auge des Opfers zu öffnen und eine Aufnahme anzufertigen, in der Hoffnung darauf, Hinweise auf den Mörder finden zu können.
Ein Bild wird gemacht. Und als es zu ersten Festnahmen und dann einem Prozessauftakt kommt, wird viel über dieses Bild gemunkelt. Man hätte den Mörder da drinnen gesehen oder doch zumindest genügend Hinweise, um den Angeklagten mit vier befreundeten Anthony Patras verurteilen zu können. Naja, kam dann doch anders. Anthony Petras wird nicht nur einmal, sondern gleich zweimal angeklagt und beide Male freigesprochen. Als dann später ähnliche Morde geschehen, für die dann Petras auch noch ein Alibi hatte, war der Verdacht dann endgültig ausgeräumt. Und das Foto, das wirklich gemacht worden war, zeigte leider überhaupt gar nichts Verwertbares. Aber es zeigte etwas und das ist jetzt vielleicht die Stelle, an der ich eins aufklären muss. Es ist tatsächlich wissenschaftliche Erkenntnis, dass unsere Augen, da sie ja chemisch funktionieren, Bilder festhalten. Und jawohl, man kann diese Bilder fotografisch fixieren. Und im Jahr 1914, als Teresa erschlagen worden war, da war das tatsächlich schon ein relativ alter Hut. Die Geschichte der sogenannten Orthographie, so nennt man diese Disziplin nämlich, beginnt im Jahr 1878 mit dem deutschen Forscher Wilhelm Friedrich Kühne. Der forscht in Heidelberg und war Physiologe und Enzym Forscher, und in der Eigenschaft begann er 1877, sich mit der chemischen Beschaffenheit der Retina auseinanderzusetzen.
Ein Jahr zuvor hatte, ein Physiologe namens Franz Boll, die These aufgestellt, dass es ein Sehpigment gäbe, das unter Einfluss von Licht verblassen würde. Und das, so meinte Boll, geht eigentlich nur bei lebendigen Organismen, und sobald der Tod eintritt, kommt dieser Prozess zum Erliegen. Mit dieser Frage beschäftigte sich jedenfalls Wilhelm Kühne und experimentierte zu dem Zweck mit entnommenen Retinas. Und da tauchte natürlich die Frage auf, ob sich der Ablauf bei lebendigem Gewebe und totem Gewebe unterscheiden würde. Und zu diesem Zweck untersuchte Wilhelm Friedrich Kühne Hasen. Er fixierte Versuchstiere, sodass die gezwungen waren, ein Fenster in seinem Labor anzusehen, bevor er sie tötete und die Retina untersuchte, und stellte dabei dann fest, dass sich tatsächlich das Bild dieses Fensters in der Netzhaut eingebrannt hatte. Konkret ist es so, dass Sehpurpur unter Lichteinfall zerfällt und dann eine gewisse Zeit braucht, um sich wieder aufzubauen. Wie gesagt, dem Mann ging es eigentlich nicht wirklich ums Fotografieren oder um das Festhalten von Bildern in toten Augen. Er hat sich mit dem Mechanismus des Sehens an sich befasst, aber die Phantasie der Menschen war natürlich sofort grenzenlos angeregt. Denn seine Erkenntnisse demonstriert er unter anderem eben mit Aufnahmen dieser Hasen Retinas, in denen man die Fenster Muster sehen konnte. Wilhelm Kühne zog thematisch weiter. Der Verdauungstrakt und Diabetes waren Themen, mit denen er sich weiter beschäftigte. Aber mit seinen Erkenntnissen in der Welt dauert es natürlich nicht lange, bis die ersten die Frage stellten, ob man nicht in den Augen von Toten die Bilder ihrer Mörder sehen konnte.
Wilhelm sah das skeptisch und der Hauptgrund für seine Skepsis war die Belichtungszeit, die es brauchte. Klar hat der Sehpurpur praktisch so eine nach Regenerationszeit und jawohl, man kann das nutzen, um ein Bild sozusagen zu fixieren. Aber man müsste seinen Mörder schon erstaunlich lange erstaunlich ruhig anschauen. Der müsste auch so ein bisschen ruhig halten, um ein Bild von ihm auf der Netzhaut festhalten zu können. Und dann müsste das Auge idealerweise in weniger Minuten entnommen und untersucht werden. Denn der Effekt hält eben auch nicht lange an. Aber es gab eine Menge Unwissen. Denn die Frage, wie lange denn ein Bild im Auge des Menschen erhalten bleibt und ob man denn nun das letzte Bild wirklich sehen könne, kann man ja nicht mal eben so beantworten. Man kann ja nicht wild irgendwelche Leute umbringen, um in die Augen zu entnehmen und zu untersuchen. Außer man sucht sich einen zum Tode Verurteilten. Das ist der nächste Stopp unserer heutigen Folge. Der 16. November 1880. Da wird nämlich der 31 jährige wegen Kindsmord verurteilte Ehrhard Gustav Reif zur Guillotine geführt. Seine Hinrichtung ist ein wissenschaftliches Experiment. Er soll nämlich nicht nur für seine Tat büßen, sondern die Behörden haben genehmigt, dass sein Auge eben genau auf die Frage hin, was die Retina im Augenblick des Todes denn nun wirklich festgehalten hatte, untersucht werden darf und was man damals erkennt, ist, das Bild ist wenig brauchbar. Der Eindruck auf der Netzhaut hält ungefähr 5 Minuten. Es ist sehr schwer zu fotografieren und zu fixieren und im Allgemeinen auch nicht identifizierbar, einfach zu verwaschen. Man sieht aber zweifelsfrei, dass etwas da ist.
Jetzt leben wir ja in einer Zeit, in der es dramatische Erkenntnis, Gewinne und Entwicklungen gab. Die Industrialisierung brachte praktisch jeden Tag ein neues Wunder und deswegen wurde man von solchen Erkenntnissen auch nicht entmutigt. Die Forensiker bei den verschiedenen Polizeibehörden, die rieben sich schon die Hände, denn man hatte die Hoffnung, dass es irgendwann vielleicht ja dann Mittel und Wege geben könnte, wie man den einen oder anderen Mord mit einem gezielten Foto aufklären könnte.
Und so fängt man, so wird zumindest überliefert, auch während den Ermittlungen im Jack the Ripper Fall an, die Augen einzelner Mordopfer fotografisch festzuhalten. Wie wir wissen, hat auch das nicht viel gebracht. Was diese Beispiele allerdings zeigen, ist, dass das Verfahren an sich für möglich gehalten wurde. Theresa und Jack the Ripper sind nur prominente Beispiele für eine ganze Reihe von Fällen, in denen man versucht hat, Hinweise über solche Aufnahmen zu bekommen. Und das Ganze ist natürlich auch verständlich, denn es ist ja wirklich schwer auseinanderzuhalten, was jetzt gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis und was vielleicht dann doch nur Wunschdenken ist. Das hindert aber weder die Presse noch die Kriminalistik, noch die phantastische Literatur der damaligen Zeit wild mit der Idee zu spielen. Tatsächlich ist die Idee auch heute immer wieder in Filmen und Büchern zu sehen. Was seinerzeit Jules Verne begann, setzt heute Doctor Who fort, heute freilich mit gesicherter Erkenntnis. 1975 wird nämlich der Augenarzt Evangelos Alexandre des an der Heidelberger Universität Augenklinik vom Kriminologen gebeten, das Ganze doch nochmal systematisch und konkret zu untersuchen. Er entwickelt dann auch ein Verfahren, wie man Bilder der Iris tatsächlich fixieren kann. Man sieht also was. Und jawohl! Das hängt von dem ab, was wir vor unserem Auge wahrgenommen haben. Allerdings tritt er auch gleichzeitig den Beweis an, dass das nie dafür taugen wird. Forensische Untersuchungen durchzuführen. Damit nehme ich irgendetwas wirklich ausreichend sichtbar wird, muss es Kontraststark, möglichst hell und möglichst über einen längeren Zeitraum bewegungsunfähig sein. Dann kann man das freilich fixieren und sich angucken und wiedererkennen. Aber für Mordfälle oder eigentlich jede Art der praktischen Anwendung ist das Verfahren der Optographie leider oder Gott sei Dank völlig ungeeignet.
Die fotografische Karriere von Lennart Nilsson beginnt mit Celebrityfotos und endet mit Aufnahmen von Viren und Zellen. Seine Aufnahmen kennen wir alle.
(Unter dieser Zeile müsste ein Video sein. Wenn nicht, dann auf nach https://fotomenschen.net)
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Bild: lennartnilsson.com
Transkript
Als der Schwede Lennart Nilsson 2017 im Alter von 95 Jahren starb, hatte er nicht eine, sondern mindestens drei erfolgreiche Fotografenkarrieren hinter sich. Erfolgreicher Kriegsfotograf, Celebrityreportagefotograf, Fotojournalist, Makrofotograf, Produzent eines der meistverkauften Fotobücher der Erde und einer von 116 Fotografen, deren Werke mit der Raumsonde Voyager auf die Reise ins unendliche Weltall geschickt wurden.
Woher wissen wir, wie der Coronavirus aussieht und wie fotografiert man so ein Ding? Das ist der Einstieg zur heutigen Folge. Aber auch wirklich nur das. Nur der Einstieg.
Ich hab es jetzt praktisch schon vorweggenommen. Wir wissen, wie der Coronavirus aussieht, weil wir eine Aufnahme davon haben. Ob man das ein Foto nennen kann, könnte man jetzt diskutieren. Denn die Aufnahme an sich wird nicht mit Lichtwellen gemacht, sondern unter dem Rasterelektronenmikroskop. Und das heißt, die Bilder, die wir dann haben, sind sozusagen Aufnahmen einer Aufnahme. Aber so eng wollen wir es gar nicht nehmen.
Eine normale Aufnahme funktioniert ja so, dass wir eine Camera obscura, also einen dunklen Kasten haben, vor den heutzutage meistens ein mehr oder weniger kompliziertes Linsensystem, das man Objektiv nennt, geschraubt wird. Und durch diese Öffnung wird ein Bild in den Kasten, auf den Sensor oder Film projiziert. So ein Sensor besteht aus einzelnen Punkten, die lichtempfindlich sind. So ein Film enthält Salzkristalle, die lichtempfindlich sind. Und je nachdem wie viel Licht auf den Sensor oder diese Salzkristalle fällt, wird das Bild als unterschiedlich hell oder dunkel wahrgenommen.
Ein Rasterelektronenmikroskop funktioniert ganz grundsätzlich anders. Die Objekte sind so klein, dass wir sie mit Licht nicht ausleuchten können. Stattdessen wird bei einem Rasterelektronenmikroskop ein gebündelter Elektronenstrahl erzeugt und auf unser Fotoobjekt geschossen. Wenn der Elektronenstrahl nun auf die Oberfläche trifft, werden sogenannte Sekundärelektronen weggesprengt. Die kann man nun einsammeln. Dieser Strahl nun tastet jetzt die gesamte Oberfläche wie an einem Raster ab. Deswegen auch Rasterelektronenmikroskop. Und jedes Mal, wenn er stehenbleibt, sammelt eben der Detektor die Elektronen, die wegspritzen, sozusagen, ein und berechnet daraus die Helligkeit. So entsteht das Bild im Rasterelektronenmikroskop.
Und diese Aufnahmen sind super faszinierend. Sie zeigen Dinge, die wir noch nie vorher gesehen haben, haben aber trotzdem eine durchgehende Schärfe und wirken fotorealistisch und dreidimensional auf uns. Außerdem sind diese Aufnahmen schwarzweiß. Immer. Farbe ist schließlich eine Wellenlängenänderung im reflektierten Licht und das, was wir da sehen, hat ja kein Licht reflektiert.
Rasterelektronenmikroskope sind außerdem relativ große Apparaturen. Das liegt unter anderem daran, dass man die Objekte, die man fotografieren möchte, in einem Vakuum lagern muss. Und da braucht es dann eine Vakuumpumpe. Dann muss natürlich dieser Elektronenstrahl erzeugt werden und er muss gebündelt werden, also mit einer Art magnetischer Linse geformt werden.
Ja, und all diese Gerätschaften brauchen nicht nur eine Menge Strom, sondern auch einiges an Platz und sind deswegen auch etwas aufwändiger. Aus all diesen Gründen findet man Rasterelektronenmikroskope hauptsächlich in der Forschung; in der Materialforschung, in der Biologie, überall dort, wo man eben kleinste Strukturen sichtbar machen möchte.
Aber auf diesen Anwendungszweck sind die nicht beschränkt. In der gesamten Geschichte der Fotografie oder der bildgebenden Verfahren war es immer auch so, dass neben Technikern und Wissenschaftlern sofort auch Amateure und Künstler zu den neuen Technologien griffen und damit zum Teil Spektakuläres schufen.
Und damit sind wir jetzt beim Fotomenschen heutigen Folge. Lennart Nilsson. Das ist nämlich der Mann, dem wir die ersten Aufnahmen des Aids-Virus und 2003 im zarten Alter von 81 Jahren das erste Bild des Sars-Virus verdanken. Und Lennart ist kein Wissenschaftler, sondern Fotojournalist. Da hatte ich nun mal meine Antwort.
Allerdings war Lennart dann der Jackpot. Als ich nämlich nach Bildern von ihm suchte, erwartete ich mikroskopische Aufnahmen. Womit ich aber nicht rechnete, waren Aufnahmen des schwedischen Königshauses, Fotos von der Eisbärenjagd in Spitzbergen, Insekten in Großaufnahme. Reise und Kriegsfotografie oder die Bilder, für die er eigentlich berühmt ist, nämlich spektakuläre Farbaufnahmen von ungeborenem Leben.
Und die Bilder kamen mir verdammt bekannt vor. Ein kurzer Blick ins Bücherregal, stimmt. Da steht ein Buch, das heißt „Ein Kind entsteht“. Ich glaube, dieses Buch haben verdammt viele Eltern daheim. Witzigerweise hatte ich dieses Buch überhaupt nicht mehr auf dem Radar. Ich habe über dieses Buch noch nicht einmal als Fotobildband nachgedacht denn es ist ja eigentlich für werdende Eltern gemacht und soll illustrieren, wie sich das Kind nach und nach entwickelt. Aber natürlich ist das ein Bildband, sogar einer der meistverkauften Bildbände der Welt. Und es sind Fotos, mit denen Lennart Nilsson Fotogeschichte geschrieben hat. Bis heute gibt es wenige Aufnahmen, die technisch besser sind als das, was er da abgeliefert hat.
Er war zwar nicht der erste, der Nahaufnahmen von Embryos gemacht hatte, aber keiner hatte diese technische Perfektion mit atemberaubender Bildästhetik kombiniert.
Das Ganze war 1965 im Auftrag des Live Magazines entstanden. Denen hatte Lennart ursprünglich eine Bildstrecke über Embryos angeboten und die Bildredakteure des Live Magazines sind hielten die Vision für großartig aber eigentlich im Grunde nicht umsetzbar.
Was er dann allerdings lieferte, verschlug ihnen die Sprache und Live Magazine produzierte eine Ausgabe mit einem Fotoessay und legte eine der Aufnahmen auf das Titelblatt und wurde so zur meistverkauften Ausgabe ihrer Firmengeschichte. Die Hefte wurden von den Regalen gerissen. Bis zu diesen Aufnahmen hatte die Öffentlichkeit keine Vorstellung davon, wie ein Embryo im Mutterleib aussah.
Zu dem Zeitpunkt war Lennart Nilsson eigentlich schon ein etablierter Fotograf: Mit seinen Fotoessays war er regelmäßig im berühmten Fotomagazin vertreten, sein Buch über schwedische Celebrities verkaufte sich gut aber es waren diese Aufnahmen, die für ihn eine lebenslange Passion werden sollten. Was mit diesem Artikel im Life Magazine begann wurde zu einem über 10 Jahre dauernden Fotoprojekt, mit dem das Buch „Ein Kind entsteht“ bestückt wurde.
Und das Thema zieht sich ab jetzt wie ein roter Faden durch sein weiteres Schaffen. Ihm hatte es das Leben an sich, die Schönheit des Lebens von den kleinsten Zellen bis zu den großen Strukturen angetan. Und immer wieder macht er scheinbar Unmögliches möglich. In der Dokumentation „The Miracle of Life“ verfolgt man, wie in einem Dokumentationsfilm, die Entstehung des Lebens, vom Spermium bis zur Geburt, nicht in Fotos, sondern in Bewegtbild.
Über die Jahre wird Lennart mit allen möglichen Preisen bedacht und er erhält Ehrendoktorwürden. Das schwedische Karolinska Institute macht ihn zum Ehrendoktor der Medizin, in der technischen Universität Braunschweig wird ihm der Ehrendoktor in Philosophie überreicht, er wird der erste Preisträger des später renommierten Hasselblad International Awards und seine Dokus gewinnen Emmy Awards. Bis heute gehören seine Embryofotos zu den meist vervielfältigten.
Und wäre ich Lennart Nilsson gewesen, dann hätte mich eine Kopie meiner Aufnahmen ganz besonders stolz gemacht. Die Aufnahme nämlich, die sich inzwischen in circa 19 Millionen Kilometern Entfernung an Bord der Voyager Raumsonde befindet.
Das Voyager-Programm ist ein Sattelitenforschungsprogramm der NASA. 1977 startete die erste von zwei Sonden und das Ziel war einfach, Daten über das Sonnensystem zu gewinnen und dann geradeaus in den interstellaren Raum zu fliegen. Und weil wir ja nicht so wirklich wissen, ob wir alleine im Weltraum sind und unsere Sonden vielleicht irgendwann mal auf andere Lebensformen stoßen, hat man eine Nachricht mit an Bord gepackt.
Auf einer Kupferplatte, die von Gold überzogen wurde, wurden Bilder und Audioaufnahmen zusammen mit einer eingravierten Bedienungsanleitung, nennen wir es mal so, mit an Bord gegeben. Ein Forscherteam wählte Musik und Bilder aus und 116 Fotografien gingen auf die Reise. Unter ihnen eines der Embryobilder von Lennart Nilsson.
Noch bevor man den Begriff „Fotografie“ kannte wurden Aufnahmen des Monds gemacht und einige der ersten Bilder waren derart gut, dass sie über 100 Jahre unübertroffen blieben… bis man hinflog um aus der Nähe zu fotografieren.
Videos (falls der Podclient die Videoeinbettungen nicht zeigt, einfach auf https://fotomenschen.net vorbeisurfen):
Bildquellen:
Audioquellen:
Transkript
Die Geschichte der Fotografie beginnt mit einem Wettlauf, obwohl die einzelnen Prinzipien auf denen Fotografie basierte zum Teil schon mehrere Jahrhunderte bekannt waren, kommt innerhalb von weniger als zehn Jahren alles so zusammen, dass mehrere fotografische Verfahren gleichzeitig oder mehr oder weniger gleichzeitig entwickelt werden.
Zum Teil kennen sich die, sagen wir mal, Väter der Fotografie auch untereinander und befinden sich im Austausch. Ein besonderer Tag ist dann der 19 August 1839, das ist der Tag an dem Louis Daguerre sein nach ihm selbst Daguerreotypie genanntes Verfahren der französischen Akademie der Wissenschaften vorführt, die dann beschließt, diese Weltverändernde Technologie der Welt zum Geschenk zu machen. Louis Daguerre war zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Jahre damit beschäftigt dieses Verfahren auszufeilen und er hatte viele, viele Experimente hinter sich. Man kann wohl sagen, dass er so ziemlich alles versucht hatte zu fotografieren, was er mit seinen eigenen Augen sehen konnte. Der Mond ist das zweithellste Objekt in unserem Himmel und natürlich hatte er versucht Aufnahmen davon zu machen.
Dabei stellte er allerdings etwas fest, was auch heutige Fotografen immer wieder feststellen: Schöne Aufnahmen vom Mond sind gar nicht trivial anzufertigen. Einmal ist es so, dass der Mond wirklich, wirklich hell ist, wenn man also nicht aufpasst nimmt man einen hellen Fleck auf, statt der detaillierten Kraterlandschaft, die man sich vielleicht vorgestellt hat, außerdem ist der Mond wirklich weit, weit weg und damit sind Besitzer von Teleskopen im Vorteil. Teleskope waren damals allerdings schwer zu bekommen, Astronomen schliffen sich ihre Linsen und bauten ihre Gerätschaften oft selbst. Erste Daguerrotypisten waren aber nicht immer notwendigerweise Astronomen, Daguerre selbst war Maler und Geschäftsmann, er hatte sein Geld mit Dioramen, also großen begehbaren Bild Illusionen gemacht. Damit war er handwerklich geschickt und offensichtlich auch ein begabter Mechaniker und Chemiker aber die Astronomie und das Schleifen von Linsen war jetzt vielleicht nicht sein Hauptsujet und darum klappt die Aufnahme des Mondes auch nicht. Wir haben die Aufnahme nicht mehr, dass wir uns ein eigenes Bild machen könnten, Zeitgenossen berichten davon, dass es ein verwackelter heller Fleck war und mehr nicht.
Kaum war das Verfahren allerdings in der Welt wurde überall natürlich damit experimentiert, die älteste noch erhaltene Aufnahme unseres Trabanten stammt aus New York, Henry Draper machte dieses Bild und es ist heute zwar noch erhalten aber in einem wirklich traurigen Zustand, da kann man gerade mal noch erkennen, was da fotografiert worden war. Allerdings muss der Detailgrad bei unbeschädigten Bild nach wie vor sehr beeindruckend gewesen sein. Die schönsten Aufnahmen aus der Zeit stammen aus dem Jahr 1850 und wurden von John Whipple angefertigt. Es sind nicht die einzigen Aufnahmen, die wir aus diesem groben Zeitraum kennen aber sie zeigen den Mond in seiner ganzen Schönheit und in einem atemberaubendem Detailreichtum. Überhaupt ist ja das Besondere an der Fotografie, dass sie ihre erste EInführung mit der Daguerreotypie hatte, eine Technik, die auch bis heute Rekord Auflösungen möglich macht und einen Detailgrad zeigt, der eigentlich kaum einzuholen ist. Und was uns die Aufnahme auch zeigt ist,dass von Anfang an Astronomen von den aufkommenden fotografischen Verfahren fasziniert sind, sogar die Bezeichnung Fotografie stammt aus der Feder eines der berühmtesten Astronomen der Geschichte: John Herschel. Der war der Erste, der eine Aufnahme, die mit Licht gemacht wurde als Fotografie bezeichnete, also als “Zeichnen mit Licht”. Von Anfang an also fotografierten wir den Himmel und immer wieder aufs neue den Mond, von den ersten wirklich scharfen Aufnahmen, die Daguerrotepisten angefertigt hatten wurden dann auch Mondkarten und wissenschaftliche Papiere gefertigt. Und mit den Karten, die zu der Zeit entstanden waren, arbeitete man sogar noch in den 1960er Jahren und das war natürlich die Zeit, in der wir versucht haben zum Mond zu kommen.
[Einspieler]
“ But why, some say, the moon? Why choose this as our goal? And they may well ask why climb the highest mountain? Why, 35 years ago, fly the Atlantic?We choose to go to the moon. We choose to go to the moon in this decade and do the other things, not because they are easy, but because they are hard, […]”
Und wir? Wir werden die Generation sein, die den nächsten Menschen auf dem Mond zujubeln darf und wir werden Bildmaterial haben in nie geahnter Auflösung und das interessante ist, so wie die Apollo Mission damals am Anfang auf Daguerreotypie zurückgreifen musste, obwohl die Technologie zur damaligen Zeit schon andere Mittel kannte, so müssen wir heute bei der Planung der nächsten Mondmission zum Teil auf Bildmaterial zurückgreifen, dass in den 1960ern entstanden ist.
Wir sind also im NASA-Headquarter, es ist klar, der Wettlauf zum Mond hat begonnen, die NASA weiß, die Mission ist, noch vor den Russen eine Raumsonde auf dem Mond zu landen und damit die technologische Überlegenheit zu demonstrieren. Nur wo, ist die Frage. Und zur Planung stehen ausschließlich Aufnahmen zur Verfügung, die von der Erde aus gemacht worden waren und das reichte nunmal nicht. Vorhang auf für die fünf sogenannten “Lunar Orbiter Missionen”, fünf Satelliten, die 1966 und 67 nacheinander zum Mond geschickt wurden, immer mit dem Auftrag den Mond zu umkreisen und dabei Aufnahmen der Oberfläche zu machen. Jede einzelne dieser Missionen kostete ein Vermögen und es war nicht vorgesehen, dass diese Satelliten wieder zurückkamen. Stattdessen umkreisten sie den Mond in immer engeren Bahnen und stürzten irgendwann ab. In dieser Zeit machten sie Aufnahmen der Oberfläche…auf Film. Und dieser Film musste an Bord der Raumsonde jeweils entwickelt werden, wofür ein eigen von Kodak bereitgestelltes Verfahren zum EInsatz kam, und dann als entwickeltes Bild abgescannt und als Datenpakete zurück an die Erde gefunkt werden.
Auf der Erde speicherte man die Daten auf Band, was man allerdings auch noch haben wollte, war natürlich das eigentliche Bild und deswegen wurden diese einzelnen Pakete jeweils auf handelsüblichen 35mm Filmen belichtet. Man hat also so eine Art Lichtkanone gehabt, mit der man so getan hat, als würde man dieses Bild nochmal fotografieren, nur eben auf handelsüblichem Film, der musste dann natürlich nochmal entwickelt werden und dann hatte man ja nur diese einzelnen Bildausschnitte, die hat man dann aneinander geklebt. Das Besondere an diesen Aufnahmen war jedenfalls, dass noch nie ein menschliches Objekt so nah an der Mondoberfläche fotografieren konnte, deswegen war der Detailgrad unübertroffen, außerdem kannte die Menschheit bis dahin den Mond nur von einer Seite, die Rückseite war uns völlig unbekannt, noch nie hatte ein Mensch die Rückseite des Mondes gesehen und diese Aufnahmen waren die ersten Bilder dieser bisher unbekannten Seite. Und obwohl die zusammengestückelten Aufnahmen Streifen hatten und wirklich nicht besonder eindrücklich aussahen, wurde ein Bild aus der Reihe dieser Aufnahmen sofort weltberühmt:
Ein Blick von der Mondoberfläche aus, an den Horizont gerichtet und am Horizont aufgehend – die Erde
Dieses Bild wurde so berühmt, dass es sogar Briefmarken damit gab, noch nie hatten wir unseren eigenen Planeten aus dem Weltall gesehen. Es war die erste einer Reihe von Aufnahmen, die uns unseren Platz im Universum zeigte. Zum Zeitpunkt der Aufnahme wärmten sich die Beatles gerade für ein Konzert auf, in Vietnam wurde gekämpft und der Menschheit wurde bewusst, dass es langsam ernst wird, dass wir wirklich versuchen langsam auf dem Mond zu landen. Und weil es ein Wettlauf mit den Russen war, galt es keine Zeit zu verlieren, die größte Rakete, die die Menschheit je gebaut hat, und das stimmt übrigens bis heute, und es wurden Menschen auf die Reise zum Mond geschickt, zunächst mal nur um ihn zu Umkreisen und heil wieder auf der Erde zu landen.
[Einspieler]:
“The engines are on 4…3…2…1…0…We have …We have commenced…We have lift off. Lift off at 7:51am Eastern standard time[…]”
Und da treffen wir jetzt einen anderen Fotomenschen, den Astronauten Bill Anders.
Hatte die NASA anfangs noch keinen Gedanken daran verschwendet ihren Astronauten Kameras mitzugeben, gehörte es zur Zeit von Apollo 8 bereits zum Standard-Training der Astronauten Kameras im Weltraum richtig zu bedienen.
Ich werde irgendwann eine eigen Folge rund um diese Kameras machen aber nur ganz grundsätzlich, man hatte sich für Hasselblad als Partner entschieden und es gab eigens für das Space Program modifizierte Kameras und sowohl Farb- als auch Schwarz/Weißfilme, damit die Crew von Apollo 8 Aufnahmen der Landestelle und der Mondoberfläche machen konnte.
[Einspieler]:
“Houston, what does the moon look like from 60 miles over-
ok Houston, the moon is essentially grey, no colour[…]”
Drei Tage hatte der Flug zum Mond gedauert und ich frage mich, wie sich das angefühlt haben muss, nie war jemand so weit weg von zuhause.
[Einspieler]:
“It was the fourth orbit when we finally came to a position where we saw the Earth”
Das war die Stimme von James Lovell, dem dritten Astronauten an Bord, drei Umkreisungen hatten sie hinter sich und waren bei ihrer vierten, als sie die Erde am Horizont aufgehen sahen. Und dass ist auch der Moment in dem Bill Anders zur Kamera greift und die Aufnahme der Erde macht, die bis heute unter dem Namen “Earthrise” bekannt ist und eine der berühmtesten Aufnahmen aus dem Space Program überhaupt ist.
Nicht der erste “Earthrise” der fotografiert worden war aber der erste in Farbe und der erste von Menschenhand. Und wir haben Aufnahmen dieses Augenblicks:
[Einspieler]:
“Oh my god, look at that picture over there. It’s the Earth coming up… wow that’s pretty. You got a colour film Jim? – And then Anders asked me for colour film and Anders does take several pictures and I say 2/15 at F11[…]”
Die NASA wird eine dieser Aufnahmen auswählen um sie zu veröffentlichen und der Anblick der Erde wie sie am Horizont des Mondes aufgeht, so ähnlich freilich wie diese schwarz-weiß Aufnahmen aber dann doch noch viel viel prägnanter. Es wird daheim nicht nur sofort zur Ikone, sondern wird von vielen auch als Geburtsstunde der Umweltbewegung vermutet. Es war einfach so klar wie klein unsere Heimat im Vergleich zu allem anderen tatsächlich war. Bevor wir unsere Geschichte fertig erzählt haben, haben wir noch zwei Stopps. Und einer davon ist nochmal auf dem Mond. Das Apollo Programm sollte noch mehrere Erfolgreiche Missionen hinter sich bringen. 12 Menschen betraten den Mond, immer auch mit Kameras dabei. Hier ein bisschen Audio von der Apollo 17 Mission, das ist die Mission, wo man dann auch mit Rover auf der Oberfläche herum gecruised ist.
[Einspieler]:
”I was strolling on the Moon one day…merry month of May…When much to my surprise, a pair of bonny eyes…,sorry about that guys but today may be december”
Und auf dieser Mission wurde natürlich auch ein berühmtes Foto geschossen, sonst hätte ich es ja nicht erwähnt, und zwar das Bild “Blue Marble”. Auch Blue Marble hat wahrscheinlich schon jeder von uns gesehen, das ist die Erde in Großaufnahme, in komplettaufnahme, in ihrer totalen, das Bild bei dem Astronauten immer gerne darauf hinweisen, wie dünn die Atmosphäre im Vergleich zum Rest des Planeten ausfällt, wie zerbrechlich die Erde dort wirkt. Apollo 17 sollte das letzte Mondlandeprogramm sein, wir haben Satelliten zum Mond geschickt, wir sind um ihn herum gekreist, wir haben Sonden überall im Sonnensystem verteilt aber zum Mond sind wir bisher noch nicht zurückgekehrt. Zurück also zur Erde, ich sprach ja von den Lunar Orbiter Missionen, den Missionen also mit denen die ersten hochauflösenden Aufnahmen aus der Nähe gemacht worden waren, die Rohdaten dieser Missionen befanden sich auf riesigen Bändern, die in noch riesigeren, schrankgroßen Abspielgeräten abgespielt werden mussten und das Zeug brauchte gefühlt erstmal niemand mehr und es nahm außerdem eine Menge Platz weg, als das
Apollo Programm also eingestellt wurde beschloß die NASA also den ganzen Krempel einzulagern.
Man hatte keine Verwendung mehr dafür aber wer weiß das schon so genau. 20 Jahre lang, über 1500 Bänder, in Maryland bei Spezialisten, sowas kostet eine Menge Geld und meisten gibt es Verträge, die meisten irgendwann einmal enden und so auch hier, 20 Jahre lang war alles eingelagert gewesen, als es wieder zurück an NASA ging und die Frage auftauchte: Was nun tun mit dem ganzen Krempel? In NASA’s Jet propulsion laboratory wurde die Archivistin Nancy Evans damit betraut genau diese Frage zu beantworten. Wir haben 1986 und eigentlich weiß niemand mehr so wirklich wie die Daten auf den Bändern abgespeichert waren und die Geräte hatten auch schon so ihre Probleme, Nancy hätte also auch beschließen können den ganzen Krempel entsorgen zu lassen aber wie sie selber sagt: das konnte sie einfach nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren. Ihr kam ein Zufall zur Hilfe, denn es stellte sich zur selben Zeit heraus, dass die NASA die Originalaufnahmen, also die Bilder, die die Techniker zusammengeklebt und benutzt hatten um die Mondlandung zu planen nicht mehr auffinden konnte.
Die NASA lagerte also die Bänder ein, immerhin etwas, und Nancy kümmerte sich nun um die Geräte, die waren schon auf dem Gebrauchtmarkt verschwunden und die Geräte, die die NASA speziell benutzt hatte, die gab es tatsächlich kaum, denn außer der NASA benutzte dieses spezielle Format so gut wie niemand. Nancy machte sich trotzdem auf die Suche und fand Geräte und lagerte die in ihrer heimatlichen Garage ein und da lagerten die bis ungefähr 2007, Nancy war inzwischen keine Archivarin mehr, sie hatte eine alternative karriere angestrebt, auf ihrem Pferdehof kümmerte sie sich um Tiere, sie hatte ein Buch veröffentlicht zum Thema Veterinärakupunktur und hatte ihre NASA Vergangenheit praktisch hinter sich gelassen.
Und das ist der Moment, in dem Dennis Wingo sich bei ihr meldet. Dennis Wingo betreibt eine Firma, Skycorp, und er war schon seit seinem Studium besessen davon, die verschollenen Apollo Aufnahmen zu finden. Und als er Nancy gefunden hat muss sich das wie der Jackpot angefühlt haben, denn Nancy hatte die Geräte mit denen sich die Bänder, die bei der NASA eingelagert waren entziffern lassen würden. Jetzt musste man freilich die Formate nochmal verstehen und die Geräte mussten gangbar gemacht werden aber alles das traute sich der selbsternannte “Techno-Archaeologist” zu, wenn es denn noch Sponsoren geben würde, die ihn dabei unterstützen. Jetzt muss man eines verstehen, das Kamera Equipment an Bord der Lunar Orbiter war tatsächlich Top of the Pops, das waren hochwertige, großformatige Aufnahmen, die
tatsächlich auch erstaunlich hochauflösend gescannt worden waren. Die Tatsache, dass die Öffentlichkeit von dem Lunar Orbiter Programm nur so minderwertige Bilder gesehen hatte lag nicht daran, dass das Ausgangsmaterial so schlecht war, sondern lag daran, dass es mit sehr begrenzten Mitteln für einen sehr begrenzten Zweck ausbelichtete.
Könnte man das Material mit modernen Mitteln nochmal analysieren, würde sich wesentlich bessere Ergebnisse erzielen lassen, so die Hoffnung. Aber Behaupten kann man viel, man muss ja erstmal liefern, es gab also wenig Hoffnung, ohne einen Beweis erbracht zu haben, irgendeine finanzielle Unterstützung zu bekommen. Aber wo NASA dann schon gewillt war zu helfen, war dabei einen Platz für das Projekt für das Projekt zu finden, gegenüber des NASA Geländes hatte ein McDonald’s gerade seine Pforten geschlossen und so wurde dem frisch gegründeten Projekt angeboten, doch alle Gerätschaften und Bänder dorthin zu bringen, das Team war begeistert, die neue Basis wurde eben mal in “McMoon” umgetauft und nach einigen Renovierungsarbeiten und umbauten war der Ort fertig um den neu gegründeten Projekt ein Zuhause zu bieten. Trotzdem gab es natürlich immer noch nicht unlimited Funding, das ganze war am Anfang aus eigener Tasche und zum Teil aus Spenden finanziert und so gab es einen gewissen Erfolgsdruck. Und da schlug dann der Zufall zu, schon wieder, denn eines der ersten Bilder, das das Team unter die Lupe nahm, stellte sich als die berühmte Aufnahme des Erdaufgangs heraus. Und da lohnt sich wirklich ein Blick in die Notizen zur Sendung um die beiden Aufnahmen mal zu vergleichen: die Aufnahme, die 1967 der Weltöffentlichkeit gezeigt wurde und da schon Begeisterung auslöste und die Aufnahme, die die Technik von 2008 produzieren konnte, ein Unterschied wie Tag und Nacht. Und das war ein so überzeugendes Ergebnis, dass sie den Auftrag bekamen auch die restlichen Bilder zu bearbeiten. Und die brachten sogar neue wissenschaftliche Erkenntnisse, hier Dennis Wingo in seinen eigenen Worten:
[Einspieler]:
“We had three questions in our project: Can you bring the tapes back, we did it, can you refurbish the drives, we did it, is the data any better than what we already had from a parallel film record, we answered all of those in the affirmative. We put it together like this, we assembled the final image, now this was our next image…this was called the image of the century by the live magazine.”
Das Lunar Orbiter Image Recovery Project, wie es sich nennt, operiert immer noch aus McMoon heraus, die grobe Erfassung aller BIlddaten war 2014 abgeschlossen und sind jetzt im sogenannten NASA Planetary DAta System für die Forschungs Öffentlichkeit verfügbar. Und mit Ausnahme der Aufnahmen, die wir direkt von der Oberfläche des Mondes gemacht haben, bestehen diese Bilder immer noch den Test der Zeit, selbst moderne Digitalkameras haben keine höhere Auflösung und manchmal sogar eine schlechtere dynamic Range, also ein schlechteres Verhältnis zwischen den hellsten und dunkelsten Punkten auf der Aufnahme. Und hätte Nancy Evans die Geräte zum lesen der Bänder nicht in ihrer Garage eingelagert, dann wären die Daguerreotypien aus dem Jahr 1850 immernoch die ungeschlagenen Auflösung Könige. Selbst die Aufnahmen, die wir auf dem Mond stehend von unserem Heimatplaneten gemacht haben, wären nicht besser.
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