Heimlich gefilmt und online bloßgestellt: Ein TikTok-Trend zeigt, wie schnell Smart Glasses zur Grenzüberschreitung werden. (Bildquelle: fizkes via Getty Images / Bearbeitung: GIGA)
Immer mehr Frauen werden ohne ihr Wissen in intimen Situationen gefilmt. Landen die Aufnahmen im Netz, beginnt für Betroffene häufig ein mühsamer Kampf um ihre Rechte.
Die Schattenseite der Smart Glasses: Wenn neue Technik missbräuchlich genutzt wird
Smart Glasses zählen zu den großen Techniktrends. Die Modelle von Meta und Ray-Ban wirken auf den ersten Blick wie normale Brillen, bieten aber deutlich mehr Funktionen – vom Telefonieren über Musikhören bis hin zu Foto- und Videoaufnahmen.
Doch die Technik hat eine problematische Seite, wie das Reporterteam „team.recherche“ in der SWR-Dokumentation „Heimlich gefilmt – online gedemütigt“ zeigt. Smart Glasses werden zunehmend genutzt, um Frauen unbemerkt zu filmen. Die Aufnahmen tauchen später im Netz auf, oft versehen mit dem Hashtag #rizz.
„Rizzfluencer“ verbreiten intime Clips
Verbreitet sind solche Clips im Umfeld sogenannter „Rizzfluencer“. Dabei handelt es sich um selbsternannte Dating-Coaches und „Pickup-Artists“, die sich auf Plattformen wie TikTok als besonders charmante Verführer inszenieren. „Rizz“ steht dabei umgangssprachlich für Charisma oder Flirt-Ausstrahlung.
Ihre Videos zeigen oft scheinbar spontane Begegnungen und Flirts, zunehmend auch mit versteckter Kameratechnik. Einige Creator nutzen dafür Smart Glasses mit integrierter Kamera. Die Brillen wirken wie normale Alltagsmodelle, können jedoch unauffällig Gespräche und Begegnungen filmen.
Problematisch wird es, wenn diese Aufnahmen ohne Wissen oder Zustimmung der gefilmten Frauen entstehen. So entstehen Inhalte, die später viral gehen – oft ohne dass Betroffene überhaupt erfahren, dass sie Teil eines Videos geworden sind.
Wie „Rizzfluencer“ Schutzfunktionen bei Smart Glasses umgehen
Eigentlich blinkt bei vielen Smart Glasses während der Aufnahme ein LED-Licht, das andere auf die Kamera aufmerksam machen soll. Hersteller haben diese Funktion bewusst integriert, um Transparenz zu schaffen und Missbrauch zu verhindern.
Meta geht noch einen Schritt weiter und benachrichtigt den Nutzer, sollte die Aufnahme-LED verdeckt sein. Im Netz kursieren allerdings zahlreiche Anleitungen, wie sich diese Signale verdecken oder umgehen lassen.
Der Hersteller Meta gibt Hinweise zur verantwortungsvollen Nutzung der Smart Glasses, sieht die Verantwortung letztlich jedoch beim Nutzer, der selbst für sein Verhalten und die Einhaltung der Gesetze verantwortlich sei. Allerdings geht der Konzern gegen Angebote vor, die gezielt Schutzmechanismen der Geräte umgehen (Quelle: Tagesschau).
Heimliche Aufnahmen sind kein neues Phänomen
Der Eindruck eines neuen TikTok-Hypes täuscht. Heimliche Aufnahmen mit versteckten Kameras existieren seit Jahren. Neu ist, wie leicht solche Inhalte dank Smart Glasses entstehen und sich über soziale Netzwerke verbreiten lassen.
Zudem haben sich online zahlreiche Communities gebildet, die Tipps zum verdeckten Filmen austauschen – teilweise sogar in intimen Situationen. Das Problem wächst also nicht erst jetzt, sondern entwickelt sich schon seit längerer Zeit.
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Warum das Recht hinterherhinkt
Viele Betroffene fühlen sich rechtlich allein gelassen. Nicht jede heimliche Aufnahme erfüllt automatisch einen Straftatbestand. Entscheidend sind Ort, Situation und die spätere Nutzung oder Veröffentlichung des Materials – genau diese Grauzonen sorgen häufig für Unsicherheit.
Das führt dazu, dass sich Betroffene zwar verletzt fühlen, strafrechtliche Konsequenzen aber nicht immer eindeutig greifen. Gerade bei neuen Technologien wie Smart Glasses zeigt sich, wie langsam Gesetze auf digitale Entwicklungen reagieren können.
Strafbar sind Aufnahmen in der Regel nur dann, wenn es um besonders geschützte, vor Einblick abgeschirmte Bereiche geht. Öffentliche Orte wie Bars, Strände oder Feste fallen meist ebenso wenig darunter wie Schwimmbäder und Saunen.
Daher spricht sich Dr. Stefanie Hubig, Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz, für eine Anpassung des Zivil- und Strafrechts aus, um Menschen vor digitaler Gewalt zu schützen. In einer Pressemitteilung betont sie, warum schnelles Handeln notwendig ist:
Zitat:
„Digitale Gewalt ist ein Massenphänomen. Während Deepfakes und Cyberstalking längst Alltag geworden sind, hinkt unser Recht der digitalen Realität hinterher. Im Zeitalter von KI, hochauflösenden Smartphonekameras und sozialen Netzwerken ist es einfacher als je zuvor, Menschen in aller Öffentlichkeit zu demütigen, zum Sexualobjekt herabzuwürdigen und in ihrer Intimsphäre zu verletzen. Millionen Menschen sind betroffen, besonders häufig Frauen – und die Zahlen steigen rasant.
Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz Dr. Stefanie Hubig, Pressemitteilung Nr. 18/2026 vom 17.04.2026
Strafrecht und Zivilrecht – der wichtige Unterschied
Strafrecht und Zivilrecht verfolgen unterschiedliche Ziele. Strafrecht bedeutet: Der Staat verfolgt mögliche Straftaten und verhängt Strafen. Zivilrecht dagegen hilft euch, eigene Rechte durchzusetzen – etwa Löschung, Unterlassung oder Schadensersatz einzufordern.
Das geplante Gesetz gegen digitale Gewalt soll beide Bereiche stärken. Strafbarkeitslücken sollen geschlossen werden und Betroffene zivilrechtlich leichter gegen Täter und Plattformen vorgehen können – etwa durch bessere Auskunftsansprüche und gerichtliche Anordnungen.
Das geplante Gesetz gegen digitale Gewalt
Der Entwurf des Bundesjustizministeriums reagiert auf digitale Gewalt wie pornografische Deepfakes, Stalking, Doxing oder nicht einvernehmliche Inhalte. Ziel ist, Täter leichter identifizierbar zu machen und Betroffenen schnellere rechtliche Wege zu eröffnen (Quelle: BMJV).
Für Frauen, die heimlich gefilmt oder digital bloßgestellt werden, könnte das ein wichtiger Schritt sein. Die Debatte zeigt aber auch: Technik entwickelt sich schneller als Recht – und bis neue Regeln greifen, bleibt der Schutz oft lückenhaft (Quelle: ZDFheute).
Kritik am Gesetzesentwurf
Ob das Gesetz in seiner heutigen Form verabschiedet wird, bleibt umstritten. Verbände kritisieren vor allem, dass Maßnahmen wie temporäre Account-Sperren die Meinungsfreiheit einschränken und dazu führen könnten, dass Plattformen Inhalte vorsorglich zu schnell löschen (Quelle: LTO - Legal Tribune Online).
Zudem wird moniert, dass Betroffene weiterhin stark selbst aktiv werden müssen und zu wenig staatliche Unterstützung erhalten. Einige Juristen halten bestehende Strafgesetze bereits für ausreichend, während andere bemängeln, dass bestimmte Formen digitaler Gewalt weiterhin nicht klar genug erfasst werden.