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Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn sie nicht durch Gewalt, sondern durch Entmutigung verstummt? Our Dear Friends in Moscow erzählt die Geschichte einer Generation in Russland, die an Freiheit glaubte – und lernte, dass moderne Autorität nicht unbedingt verbietet, sondern Zweifel säht. Nicht Repression zerstört politische Hoffnung, sondern das langsame Verschwinden von Sprache.
Was formt die Weltordnung: Panzer, Präsidenten – oder Ideen? Edward Luces Biografie über Zbigniew Brzezinski erzählt von einem Mann, der keine Armee führte und kein Amt bekleidete, aber dennoch die amerikanische Außenpolitik prägte wie kaum ein anderer. Brzezinski dachte Geopolitik nicht als Spiel der Stärke, sondern als Kampf um Bedeutung – zwischen Ideologie, Kultur und strategischer Vorstellungskraft. Wer verstehen will, warum die Welt sich so entwickelt, wie sie sich entwickelt – trifft in Zbig auf einen Geopolitiker, der nicht nur Stratege war, sondern Prophet.
In der 3. Episode der Serie Kosmopolitismus im 21. Jahrhundert wenden wir uns erstmals den nicht-westlichen Perspektiven zu. Nachdem wir Nussbaums Aktualisierung des Begriffs und die europäische Ideengeschichte beleuchtet haben, zeigt diese Episode, dass kosmopolitisches Denken weltweit gewachsen ist – von Ubuntu über die Umma bis hin zum buddhistischen Mitgefühl. Im Zentrum steht jedoch das konfuzianische Tianxia-Konzept, das „Alles unter dem Himmel“ als moralische und politische Weltordnung versteht. Die Episode zeigt, wie Tianxia historisch funktionierte, wie Zhao Tingyang es heute als Alternative zur westlichen Staatenordnung interpretiert und welche Chancen wie Spannungen darin für einen globalen Kosmopolitismus des 21. Jahrhunderts liegen.
Wie versteht man einen Staatsführer wie Xi Jinping – einen Politiker, dessen Miene so undurchdringlich ist wie seine Macht unangefochten? Joseph Torigians Buch über seinen Vater Xi Zhongxun erzählt keine private Familiengeschichte, sondern öffnet ein Fenster in das Innere der Kommunistischen Partei Chinas: ein System, das Loyalität belohnt, Wahrheit bestraft und selbst die treuesten Revolutionäre vernichtet. Wer verstehen will, warum Xi Jinping regiert, wie er regiert, muss nicht bei ihm, sondern bei seinem Vater beginnen.
Die erneuten Spannungen zwischen den USA und Venezuela zeigen, wie stark Donald Trump an die alte Monroe-Doktrin von 1823 anknüpft. Was einst als Schutz vor europäischer Einflussnahme gedacht war, wurde später zum Instrument amerikanischer Interventionen in Lateinamerika – und schien nach dem Kalten Krieg überwunden. Doch der massive US-Militäraufbau in der Karibik und über zwanzig tödliche Schläge gegen angebliche Drogentransporter deuten auf eine Rückkehr dieser Logik hin. Offiziell geht es um Kartelle, doch der Fokus auf Venezuela, widersprüchliche Aussagen Trumps und die Begnadigung eines verurteilten honduranischen Drogenpolitikers untergraben diese Begründung. Während Venezuela von „kolonialer Aggression“ spricht und die USA fehlende Transparenz kritisieren, wächst parteiübergreifend die Sorge über mögliche Rechtsverstöße und versteckte geopolitische Ziele. Der Verdacht liegt nahe, dass Trump Amerikas Einfluss in der Region neu behaupten will – und damit eine gefährliche Tradition wiederbelebt, die in Lateinamerika tiefe Wunden hinterlassen hat.
Ein Präsident, der einst als Diener der Verfassung gedacht war, ist zum beinahe unangreifbaren Machtzentrum geworden. Fareed Zakaria zeigt, wie die Präsidentschaft, entgegen der Absicht der Gründerväter, vom kontrollierten Vollzugsamt zur dominierenden Institution wurde – politisch, juristisch und symbolisch. Die USA, einst Modell der Machtbegrenzung, könnten heute zum Vorbild des unkontrollierten Exekutivstaates werden.
Wenn wir heute über den Kapitalismus sprechen, dann meist als Krisensystem – soziale Spaltung, Klimazerstörung, geopolitische Konflikte. Oft erscheint er alternativlos und naturgegeben. Genau hier setzt der Historiker Sven Beckert an. In seinem neuen Werk Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution zeigt der Harvard-Professor, dass Kapitalismus keine natürliche Wirtschaftsform ist, sondern eine historische Erfindung – geprägt von globalen Verflechtungen, staatlicher Macht, Innovation, aber auch von Gewalt, Sklaverei und Ausbeutung. Kapitalismus war, so Beckert, „von Anfang an global“: Er verband Plantagen in Amerika mit Fabriken in Europa, Kolonialherrschaft mit Finanzkapital und schuf damit das erste weltweite System wirtschaftlicher Abhängigkeiten. Seine Dynamik beruhte nie auf Gleichheit, sondern auf Ungleichheit – und genau daraus bezog er seine Kraft. Beckerts zentrale These: Wir leben heute nicht in einer Welt der Knappheit, sondern in einer Welt der Möglichkeiten. Die Frage ist nicht mehr, ob genug produziert werden kann, sondern wie verteilt, geschützt und gestaltet wird. Damit wird Kapitalismus wieder diskutierbar – historisch, politisch, gesellschaftlich.
Im Westen ist die Debatte über Künstliche Intelligenz längst mehr als eine Technikfrage – sie ist Wirtschaftsstrategie, Sicherheitsdoktrin und Kulturkampf zugleich. Zwischen Innovationsbegeisterung und Sorge um Machtverschiebungen wird KI zum Prüfstein westlicher Handlungsfähigkeit. Beim FT Future of AI Summit am 6. November 2025 in London brachte die Financial Times sechs der bedeutendsten Köpfe der KI zusammen: Jensen Huang, Yoshua Bengio, Geoffrey Hinton, Fei-Fei Li, Yann LeCun und Bill Dally. Gemeinsam mit John Hopfield wurden sie mit dem Queen Elizabeth Prize for Engineering 2025 ausgezeichnet – eine Ehrung für ihre bahnbrechenden Beiträge zum maschinellen Lernen. In ihrem Gespräch reflektierten sie über die Entstehung moderner KI, ihre persönlichen Wendepunkte und die Herausforderungen der Gegenwart. Jensen Huang betonte, dass die KI-Entwicklung keine Blase sei, sondern der Beginn einer neuen industriellen Infrastruktur. Fei-Fei Li erinnerte daran, dass Sprachfähigkeit nicht gleich Intelligenz ist, und Yoshua Bengio mahnte wissenschaftliche Demut und Verantwortung an. Alle waren sich einig: KI verändert Arbeit, Gesellschaft und Macht – und der Westen steht vor der Aufgabe, diese Technologie nicht nur zu nutzen, sondern sie im Sinne von Freiheit, Würde und demokratischer Verantwortung zu gestalten.
Ohne Russland keine Ordnung: Der Historiker Sir Christopher Clark über die Zukunft Europas und der UkraineSir Christopher Clark warnt: Wir leben in einer historischen Übergangszeit, in der der Krieg in der Ukraine nicht nur ein regionaler Konflikt, sondern ein Testfall für die europäische Ordnung ist. Er plädiert dafür, Aggression klar zurückzuweisen – und zugleich langfristig eine Zukunft zu denken, in der Europa und Russland trotz aller Verbrechen wieder in einer gemeinsamen, „bewohnbaren“ Ordnung koexistieren können.
Die Harvard-Historikerin Emma Rothschild zeigt, warum Wirtschaft ohne Geschichte blind bleibt. Von Adam Smiths Kritik an Macht und Einfluss bis zu den Mikrogeschichten des Klimawandels – sie verbindet Ökonomie und Geschichte zu einer gemeinsamen Sprache, um die Krisen der Gegenwart zu verstehen.
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