Lesung - Klassiker, Philosophie, Gedichte | Gelesen von Elisa Demonki

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Lesung - Klassiker, Philosophie, Gedichte | Gelesen von Elisa Demonki episodes

  • (41) Ada Christen »Wiedersehen«
    Ich hatt‘ ihn lang nicht mehr gesehen –
    Und mich beinahe todt gesehnt;
    Ich kam zurück zu ihm –
    Und habe mich glücklich gewähnt.
    Drei Stunden stand ich vor dem Thor
    Im Regen pudelnaß
    Und holte mir einen Schnupfen
    Und Husten so zum Spaß.
    In später Nacht kam er nach Haus
    Und lud`mich mit Müh`nur ein;
    Erzählte, er habe Kopfweh
    Von schlechtem Ofnerwein.
    Dann sprach er von seinem Windspiel,
    Daß es kein schön’res gibt;
    Und dann von einer Todten,
    Die er vor Zeiten geliebt. –
    Wir gingen plaudernd zu Bette
    Er schlief sehr bald auch ein;
    Ich aber mußte noch lange,
    Sehr lange wach noch sein.
    Der Mond schien still durch’s Fenster,
    Goß über den Schläfer sein Licht
    Und sah, wie ich weinend küßte
    Des blassen Mannes Gesicht.
    Klavier: Ulrike Theusner
    3 min
  • (40) Kurt Tucholsky »Das Ideal«
    Ja, das möchste:
    Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
    vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
    mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
    vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
    aber abends zum Kino hast dus nicht weit.
    Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:
    Neun Zimmer – nein, doch lieber zehn!
    Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
    Radio, Zentralheizung, Vakuum,
    eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
    eine süße Frau voller Rasse und Verve –
    (und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –
    eine Bibliothek und drumherum
    Einsamkeit und Hummelgesumm.
    Im Stall: Zwei Ponys, vier Vollbluthengste,
    acht Autos, Motorrad – alles lenkste
    natürlich selber – das wär ja gelacht!
    Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.
    Ja, und das hab ich ganz vergessen:
    Prima Küche – erstes Essen –
    alte Weine aus schönem Pokal –
    und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
    Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
    Und noch ne Million und noch ne Million.
    Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
    Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.
    Ja, das möchste!
    Aber, wie das so ist hienieden:
    manchmal scheints so, als sei es beschieden
    nur pöapö, das irdische Glück.
    Immer fehlt dir irgendein Stück.
    Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
    hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
    hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
    bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.
    Etwas ist immer.
    Tröste dich.
    Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
    Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
    Dass einer alles hat:
    das ist selten.
    Foto: Ulrike Theusner
    3 min
  • (39) Johann Wolfgang von Goethe »Das Göttliche«
    Edel sei der Mensch,
    Hilfreich und gut!
    Denn das allein
    Unterscheidet ihn
    Von allen Wesen,
    Die wir kennen.
    Heil den unbekannten
    Höhern Wesen,
    Die wir ahnen!
    Ihnen gleiche der Mensch;
    Sein Beispiel lehr uns
    Jene glauben.
    Denn unfühlend
    Ist die Natur:
    Es leuchtet die Sonne
    Über Bös‘ und Gute,
    Und dem Verbrecher
    Glänzen wie dem Besten,
    Der Mond und die Sterne.
    Wind und Ströme,
    Donner und Hagel
    Rauschen ihren Weg
    Und ergreifen,
    Vorüber eilend,
    Einen um den andern.
    Auch so das Glück
    Tappt unter die Menge,
    Faßt bald des Knaben
    Lockige Unschuld,
    Bald auch den kahlen
    Schuldigen Scheitel.
    Nach ewigen, ehrnen,
    Großen Gesetzen
    Müssen wir alle
    Unseres Daseins
    Kreise vollenden.
    Nur allein der Mensch
    Vermag das Unmögliche:
    Er unterscheidet,
    Wählet und richtet;
    Er kann dem Augenblick
    Dauer verleihen.
    Er allein darf
    Den Guten lohnen,
    Den Bösen strafen,
    Heilen und retten,
    Alles Irrende, Schweifende
    Nützlich verbinden.
    Und wir verehren
    Die Unsterblichen,
    Als wären sie Menschen,
    Täten im Großen,
    Was der Beste im Kleinen
    Tut oder möchte.
    Der edle Mensch
    Sei hilfreich und gut!
    Unermüdet schaff er
    Das Nützliche, Rechte,
    Sei uns ein Vorbild
    Jener geahneten Wesen!
    Lesung
    Collage: Elisa Demonkí
    Musik: Ulrike Theusner
    4 min
  • (38) Johann Wolfgang von Goethe »Heidenröslein« 1771
    Sah ein Knab ein Röslein stehn,
    Röslein auf der Heiden,
    War so jung und morgenschön,
    Lief er schnell, es nah zu sehn,
    Sah’s mit vielen Freuden.
    Röslein, Röslein, Röslein rot,
    Röslein auf der Heiden.
    Knabe sprach: Ich breche dich,
    Röslein auf der Heiden!
    Röslein sprach: Ich steche dich,
    Daß du ewig denkst an mich,
    Und ich will’s nicht leiden.
    Röslein, Röslein, Röslein rot,
    Röslein auf der Heiden.
    Und der wilde Knabe brach
    ’s Röslein auf der Heiden;
    Röslein wehrte sich und stach,
    Half ihm doch kein Weh und Ach,
    Mußt es eben leiden.
    Röslein, Röslein, Röslein rot,
    Röslein auf der Heiden.
    Collage: Elisa Demonkí
    Musik: Ulrike Theusner
    2 min
  • (37) Victor Hugo »Les Misérables« Gavroche dehors
    Tome V – Jean Valjean
    Chapitre XV : Gavroche dehors
    Zwischen dem Kugelfeuer draußen auf der Straße
    erblickte plötzlich Courfeyrac jemanden unten auf den Barrikaden.
    Gavroche saß unbekümmert zwischen den getöteten Nationalgardisten
    und plünderte ihre Patronentaschen.
    „Was machst du da?“ fragte Courfeyrac.
    Gavroche sah in frech an.
    „Citoyen, j’emplis mon panier.“
    („Na ich fülle meinen Korb.“ )
    „Siehst du nicht wie sie schiessen?“
    „Eh bien, il pleut. Après ?“
    („Nun, es regnet.“) erwiderte Gavroche.
    „Komm mir bloß rein!“ rief Courfeyrac.
    Gavroche kam näher
    „Tout à l’heure“
    („Ja gleich in einer Stunde.“)
    und war mit einem Satz wieder auf der Straße.
    Überall lagen Tote. Vielleicht zwanzig.
    Für Garvroche bedeute dass,
    etwa zwanzig Patronentaschen für die Verteidigung
    der Barrikade einzusammeln.
    Wie dichter Nebel bedeckte der Kriegsqualm die enge Straße.
    Kämpfer und Kameraden wussten sich kaum zu unterscheiden.
    Diese günstige Verworrenheit vor den Barrikaden
    ließ unseren kleinen Garvroche ziemlich weit vorwagen.
    Fast ungesehen waren die nächstliegenden sieben
    oder acht Patronentaschen schnell in seinem Korb veschwunden.
    Flink bewegte er sich von einem Toten zum Nächsten
    und öffnete die Patronentaschen wie ein hungriger Affe Nüsse.
    Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, blieben die Kameraden bei den
    Barrikaden ruhig und ermahnten ihn nicht zurückzukehren.
    Bei einem Leichnam fand er ein Pulverhorn „pour la soif“,
    („für den Durst,“)
    und liess es in seiner Tasche verschwinden.
    Doch im Eifer des Gefechts bemerkte er nicht,
    dass er bereits den Strassenteil erreicht hatte,
    auf dem der Rauch dünn war.
    Plötzlich sahen die Soldaten, wie etwas sich im Qualm bewegte.
    Und als Garvroche die nächste Patronentasche aufknüpfte,
    traf eine Kugel die Leiche.
    „Fichtre !“ rief er empört. „Voilà qu’on me tue mes morts.“
    („Nun schiessen sie mir schon meine Toten tot!“)
    Eine zweite funkte neben ihm auf dem Pflaster auf.
    Die dritte warf seinen Korb um.
    Garvroche hielt inne
    und schaute in die Richtung aus der die Kugeln gekommen waren.
    Er richtete sich auf, die Haare im Wind, die Hände in den Hüften, der
    Blick fest auf die Nationalgardisten gerichtet.
    On est laid à Nanterre,
    C’est la faute à Voltaire,
    Et bête à Palaiseau,
    C’est la faute à Rousseau.
    Dann hob er seinen Korb auf,
    sammelte die herausgefallenen Patronen wieder ein
    und fuhr damit fort, die Taschen der toten Soldaten zu plündern.
    Eine vierte Kugel verfehlte ihn.
    Gavroche rief:
    Je ne suis pas notaire,
    C’est la faute à Voltaire,
    Je suis petit oiseau,
    C’est la faute à Rousseau.
    Eine fünfte Kugel.
    Joie est mon caractère,
    C’est la faute à Voltaire,
    Misère est mon trousseau,
    C’est la faute à Rousseau.
    Gefesselt sah man auf dieses gruselige Schauspiel.
    Jeden Schuss beantworte Gavroche mit einer Strophe.
    Es schien ihm Freude zu machen die Soldaten zu foppen.
    Er hüpfte zwischen den Kugeln hin und her
    und drehte eine lange Nase in Richtung der Schützen.
    Ein finsterer Spass lag in der Luft.
    Die Nationalgardisten fingen an zu lachen.
    Gavroche spielte verstecken mit dem Tod
    und sammelte weiter Patronen.
    Die Aufständischen auf der anderen Seite hielten ihren Atem an
    und sahen wie wie ein kleiner zarter Junge
    die Barrikade zum Zittern brachte.
    Die Kugel traf ihn.
    Das Kind taumelte. Gavroche fiel auf das Pflaster.
    Doch er war nur gefallen um sich noch einmal aufzurichten.
    Halb steh… (weiterlesen auf https://podcast-lesung.de/37-victor-hugo-les-miserables-gavroche-dehors/)
    6 min
  • (36) Gustav Schwab »Jasons Ende«
    Sagen des klassischen Altertums
    II. Buch. Die Argonautensage
    Iason gelangte nicht zu dem Thron von Iolkos,
    um dessentwillen er die gefahrvolle Fahrt bestanden,
    Medea ihrem Vater geraubt und an ihrem Bruder Absyrtos
    einen schändlichen Mord begangen hatte.
    Er mußte das Königreich dem Sohn des Pelias, Akastos, überlassen
    und sich mit seiner jungen Gemahlin nach Korinth flüchten.
    Hier lebte er zehn Jahre mit ihr, und sie gebar ihm zwei Söhne,
    Memeros und Pheros mit Namen.
    Während jener Zeit war Medea nicht nur um ihrer Schönheit willen,
    sondern auch wegen ihres edlen Sinnes
    und ihrer übrigen Vorzüge von ihrem Gatten geliebt und geehrt.
    Als aber später die Zeit die Reize ihrer Gestalt allmählich vertilgte,
    wurde Iason von der Schönheit eines jungen Mädchens,
    der Tochter des Korintherkönigs Kreon,
    mit Namen Glauke, entzündet und betört.
    Ohne daß seine Gattin darum wußte, warb er um die Jungfrau,
    und erst nachdem der Vater eingewilligt und den Tag der Hochzeit bestimmt hatte, suchte er seine Gemahlin zu bewegen,
    daß sie freiwillig auf die Ehe verzichten sollte.
    Medea war entrüstet über diesen Antrag und rief zürnend die Götter an,
    als Zeugen seiner Schwüre.
    Iason achtete desen nicht und vermählte sich mit der Königstochter.
    Verzweifelnd irrte Medea im Palast ihres Gatten umher.
    »Wehe mir«, rief sie, »möchte die Flamme des Himmels auf meinem Haupt herniederzücken! Was soll ich länger leben?
    Möchte der Tod sich meiner erbarmen!
    O Vater, o Vaterstadt, die ich schimpflich verlassen habe!
    O Bruder, den ich gemordet und dessen Blut jetzt über mich kommt!
    Aber nicht an meinem Gatten Iason war es, mich zu strafen;
    für ihn habe ich gesündigt! Göttin der Gerechtigkeit,
    mögest du ihn und sein junges Weib verderben!«
    Noch jammerte sie so, als Kreon, Iasons neuer Schwiegervater,
    im Palast ihr begegnete.
    »Du finster Blickende, auf deinen Gemahl Ergrimmte«,
    redete er sie an, »nimm deine Söhne an der Hand
    und verlaße mein Land auf der Stelle;
    ich werde nicht nach Hause kehren,
    ehe ich dich über meine Grenzen gejagt.«
    Medea, ihren Zorn unterdrückend, sprach mit gefaßter Stimme:
    »Warum fürchtest du ein Übel von mir, Kreon?
    Was hast du mir Böses getan, was wärest du mir schuldig?
    Nur meinen Gatten hasse ich, der mir alles schuldig ist.
    Doch es ist geschehen; mögen sie als Gatten leben.
    Mich aber laßt in diesem Lande wohnen; denn obgleich ich tief gekränkt bin,
    so will ich doch schweigen und den Mächtigeren mich unterwerfen.«
    Aber Kreon sah ihr die Wut in den Augen an, er traute ihr nicht,
    obgleich sie seine Kniee umschlang und ihn bei dem Namen der eigenen,
    ihr so verhaßten Tochter Glauke beschwor. »Geh«, erwiderte er,
    »und befreie mich von Sorgen!«
    Da bat sie nur um einen einzigen Tag Aufschub,
    um einen Weg zur Flucht und ein Asyl für ihre Kinder wählen zu können.
    »Meine Seele ist nicht tyrannisch«, sprach nun der König;
    »schon viel törichte Nachgiebigkeit habe ich aus falscher Scheu geübt.
    Auch jetzt fühle ich, daß ich nicht weise handle;
    dennoch sei es dir gestattet, Weib.«
    Als Medea die gewünschte Frist erhalten hatte,
    bemächtigte sich ihrer der Wahnsinn,
    und sie schritt zur Vollführung einer Tat,
    die ihr wohl bisher dunkel im Geist vorgeschwebt,
    an deren Möglichkeit sie aber selbst nicht geglaubt hatte.
    Dennoch machte sie vorher einen letzten Versuch,
    ihren Gatten von seinem Unrecht und seinem Frevel zu überzeugen.
    Sie trat vor ihn und sprach zu ihm:
    »O du schlimmst… (weiterlesen auf https://podcast-lesung.de/36-gustav-schwab-jasons-ende/)
    1 hr 32 min
  • (35) Giovanni Boccaccio »Die Urform der Ringparabel«
    Daß Klugheit uns retten kann,
    will ich euch in einer kurzen Erzählung zeigen.
    Saladin, dessen Tapferkeit so groß war,
    daß sie ihn nicht nur aus einem unbedeutenden Manne
    zum Sultan von Babylon machte,
    sondern ihm auch zu zahlreichen Siegen
    über sarazenische und christliche Könige verhalf,
    hatte in verschiedenen Kriegen
    und infolge seiner Prunksucht seinen ganzen Schatz verschwendet;
    da er nun aber aus irgendeinem Anlaß eine große Summe Geldes brauchte
    und gar nicht wußte, wo er sie in der Eile hernehmen sollte,
    fiel ihm ein reicher Jude namens Melchisedek ein,
    ein Geldverleiher in Alessandrien, der ihm wohl helfen konnte,
    wenn er wollte;
    doch war der so geizig,
    daß er aus freien Stücken es wohl nicht tun würde,
    und Gewalt wollte er nicht gern anwenden.
    Da jedoch die Not ihn drängte, bemühte er sich,
    ein Mittel zu finden, um den Juden gefügig zu machen
    und kam auf den Einfall,
    ihn doch unter irgendeinem Vorwande zu zwingen.
    Er ließ ihn also zu sich rufen,
    begrüßte ihn sehr freundschaftlich,
    nötigte ihn zum Sitzen und sagte:
    „Guter Freund, ich habe von vielen Leuten gehört,
    daß du ein sehr kluger Mann bist
    und in göttlichen Dingen einen sehr großen Scharfsinn besitzt.
    Deshalb möchte ich gern von dir wissen,
    welche von den drei Religionen du für die wahre hältst;
    die jüdische, die sarazenische oder die christliche?“
    Der Jude, der ein wirklich kluger Mann war, erriet sofort,
    daß Saladin nur darauf ausging, ihn in seinen Worten zu fangen,
    um irgendeinen Streit mit ihm heraufzubeschwören, und erkannte,
    daß er keine der drei Religionen mehr loben dürfte als die beiden anderen,
    damit Saladin seine Absicht nicht erreiche.
    Da er nun eine Antwort finden mußte, die ihm keine Schlinge legte,
    bot er seinen Scharfsinn auf und sagte:
    „Herr, Eure Frage ist trefflich, aber wenn ich Euch sagen soll,
    wie ich über diese Dinge denke, muß ich Euch eine Geschichte erzählen.
    Oftmals habe ich, wenn ich nicht irre,
    von einem vornehmen, reichen Manne gehört,
    der unter anderen Kleinodien in seinem Schatz
    auch einen sehr schönen und wertvollen Ring besaß,
    den er wegen seiner Kostbarkeit und Schönheit gern in Ehren halten
    und auf ewig im Besitze seiner Nachkommen wissen wollte;
    deshalb ordnete er an, daß derjenige unter seinen Söhnen,
    dem er diesen Ring hinterlassen würde, gleichzeitig auch sein Erbe
    und von den andern als der erste geehrt und geachtet werden sollte.
    Sein Sohn, dem dieser Ring zufiel, machte es bei seinem Tode ebenso,
    und so ging dieser Ring von Hand zu Hand, viele Generationen hindurch.
    Schließlich aber kam er in die Hand eines Mannes,
    der drei schöne, tugendhafte und gehorsame Söhne hatte,
    die er alle drei gleich liebte.
    Und jeder der Jünglinge bat,
    da er die Wirkungen des Ringes kannte und danach trachtete,
    den Vorrang zu bekommen, den Vater, der schon alt war,
    bei seinem Tode ihm den Ring zu hinterlassen.
    Der wackere Mann, der sie alle drei in gleichem Maße liebte
    und selber nicht wußte, wen er zu seinem Erben machen sollte,
    sann darauf, alle drei zufriedenzustellen,
    da er einem jeden den Ring versprochen hatte.
    Er ließ deshalb von einem geschickten Meister zwei andere Ringe machen,
    die dem ersten so ähnlich waren,
    daß der Besitzer des Ringes kaum den echten herausfinden konnte.
    Als er seinen Tod nahen fühlte,
    gab er jedem seiner Söhne heimlich einen Ring.
    Nachdem nun der Vater gestorben war,
    machten alle drei Anspruch auf das Erbe
    und den Vorrang und legten zum Zeichen ihrer Be… (weiterlesen auf https://podcast-lesung.de/35-giovanni-boccaccio-die-urform-der-ringparabel/)
    9 min
  • (34) Wilhelm Busch »Die Selbstkritik«
    Die Selbstkritik hat viel für sich.
    Gesetzt den Fall, ich tadle mich:
    So hab ich erstens den Gewinn,
    Dass ich so hübsch bescheiden bin;
    Zum zweiten denken sich die Leut,
    Der Mann ist lauter Redlichkeit;
    Auch schnapp ich drittens diesen Bissen
    Vorweg den andern Kritiküssen;
    Und viertens hoff ich außerdem
    Auf Widerspruch, der mir genehm.
    So kommt es denn zuletzt heraus,
    Dass ich ein ganz famoses Haus.
    Sound: Elisa Demonkí
    1 min

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