Prüfungsdoping für angehende Heilpraktiker Psychotherapie (HP Psych)

Prüfungsdoping für angehende Heilpraktiker Psychotherapie (HP Psych)

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Prüfungsdoping für angehende Heilpraktiker Psychotherapie (HP Psych) episodes

  • Kölsch und Katharsis
    Was Karneval mit dem Seelenheil zu tun hat
    Alle Kölnerinnen und Kölner (oder besser Rheinländerinnen und Rheinländer) unter meinen Lesern wissen sicher, wovon ich spreche. Die kathartische Wirkung des Karnevals kann man kaum unterschätzen. Das hat irgendwie auch etwas mit der Ausgelassenheit wegen Alkoholkonsum an den jecken Tagen zu tun, aber eben und bei weitem nicht nur.
    16 min
  • Hausbesuch 4.0
    Fernbehandlung bald auch für Heilpraktiker?
    In dieser Folge geht es um eine aktuelle Änderung im Ärzterecht zum Thema Fernbehandlung und wie wir als Heilpraktiker Psychotherapie davon betroffen sind.
    13 min
  • Wer ist Harvey Weinstein...
    ... und gibt es noch mehr von ihnen?

    Podcast Folge 16 - Harvey Weinstein

    Wer ist Harvey Weinstein . . . . und gibt es noch mehr von ihnen?

    Aus aktuellem Anlass möchte ich mich in dieser Woche ein wenig mit dem Fehlverhalten von Harvey Weinstein beschäftigen. Und in wiefern auch der Heilpraktiker Psychotherapie hiervon betroffen sein könnte.

    Ein Grundsatz der Strafrechtes besteht darin, dass es keine Vorverurteilungen geben darf. Wir alle wissen nicht, was Herr Weinstein getan hat, oder nicht getan haben. Deswegen werde ich mich hier auch nicht weiter über die eigentliche Anklage auslassen. Hoffen wir, dass der Prozess zu einer gerechten Einschätzung seiner Taten und einem gerechten Urteil führt. Haben wir vertrauen in die Justiz.

    Worüber wir uns jedoch Gedanken machen dürfen ist über die Art der Vorwürfe, die laut geworden sind und inwiefern dieses Verhalten psychopathologische Züge trägt:
    Niemand bezweifelt heutzutage mehr ernsthaft, dass die Vergewaltigung einer Frau ein Straftatbestand ist. An der Definition von sexuell übergriffigem Verhalten scheiden sich jedoch noch immer die Geister. Und zwar vor allem die der Männer.

    In der Vergangenheit waren unsere Geschlechterbilder noch stark von der Unterteilung in ein schwaches und ein starkes Geschlecht bestimmt. Die Ursachen dieser patriarchalen Sichtweise liegt vor allem im Christentum begründet, das die Frauen ausschließlich auf ihre Möglichkeit reduziert Mutter zu werden. Frauen unterstanden den Männern und es gab eine Verfügungsgewalt über ihre Körper, je nachdem welche soziale Rolle eine Frau einnahm. So wurden Mädchen bzw. deren Jungfräulichkeit von ihren Familien geschützt. Durch die Heirat wurde die Rolle der schützenden Familie von einem Ehemann übernommen. Einerseits wurde eine Frau hierdurch weiterhin vor den Zugriffen anderer Männer geschützt, doch andererseits war sie bzw. ihr Körper ihrem Ehemann mehr oder weniger ausgeliefert. Hatte sie Glück war die Verbindung durch bleibenden liebevollen Respekt gekennzeichnet. Hatte die Frau Pech, sah der Ehemann den Körper seiner Frau als sein Eigentum an und die Sexualität wurde vor allem von diesem bestimmt und gestaltet um es einmal vorsichtig auszudrücken. Die Vergewaltigung und der Ehebruch wurden als ernstes Vergehen verstanden und nicht selten mit dem Tod bestraft. Vergewaltigung und Ehebruch verletzten einerseits die patriarchale Verfügungsgewalt des Ehemannes über den Körper seiner Frau. Wichtiger jedoch noch stellte ein solches Verbrechen die Sicherheit der Vaterschaft in Frage: Bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein galt der römische Rechtsgrundsatz: Nur die Mutter ist sicher. Um als Mann sicher zu sein, das mein Kinder wirklich von mir gezeugt werden, muss ich mir der sexuellen Treue meiner Ehefrau versichern. Ich schrecke also den außerehelichen Verkehr, ob freiwillig oder unfreiwillig durch drakonische Strafen ab.

    Im Zuge der Emanzipationsbewegung seit den 1970er Jahren versuchte man neben vielem anderen auch das Recht auf die eigene Sexualität in der Ehe bzw. die Verfügung über den eigenen Körper neu zu regeln. Früh schon kam der Vorschlag auf neben der Straftat der Vergewaltigung auch den Straftatbestand der Vergewaltigung in der Ehe, also durch den Ehemann einzuführen. Aus dem Entsetzen, den dieser Vorschlag im damals noch männlichen dominierten Justizwesen auslöste, können wir im Nachhinein zwei Erkenntnisse gewinnen: Erstens den, dass die sexuelle Verfügbarkeit von Frauen immer nur als ein Problem außerhalb der Ehe verstanden wurde und zweitens dass man dem Ehemann nicht nur die Verfügbarkeit über den Körper gestattet, sondern auch davon ausging, dass die eheliche Sexualität per Definition immer liebevoll und achtsam ist. Beide Vorstellungen sind selbstverständlich naiv und aus heutiger Sicht schüttelt man hierüber ungläubig den Kopf. Tatsächlich finden Vergewaltigungen ja vornehmlich im sozialen Nahbereich statt, also innerhalb der erweiterten Familien. Der böse Onkel vom Spielplatz ist also eher ein Mythos, der davon ablenkt, dass die eigentliche Gefahr von einem tatsächlichen Verwandten ausgeht. Die Familie stellt also keinen Schutz vor dem sexuellen Übergriff dar: Im Gegenteil: Im Schutz der Familie wurden sexuelle Übergriffe unsichtbar vor den Augen der Öffentlichkeit begangen und nach wie vor werden die Täter geschützt. Kommen wir nun zur sexuellen Belästigung.

    Als problematisch erweist sich häufig die Bewertung der sexuellen Belästigung. Wo fängt sie an, wo hört sie auf?

    Auch über sexuelle Belästigungen wurde früher weitgehend hinweggesehen. Der berühmte Klaps auf den Po der Sekretärin, andere Formen der Berührung oder anzügliche Bemerkungen wurden von Frauen früher am Arbeitsplatz meist hingenommen. Männer sind so, ändern kann man sie nicht. Die Frau, die sich gegen sexuelle Belästigungen wehrte, wurde als frigide oder bestenfalls unerfahren diffamiert, wobei letzteres das Interesse der Männer noch mehr weckte. Auch hier gilt: Der einzige Schutz vor sexueller Belästigung schien die Ehe zu sein.

    Heutzutage reagiert man auf sexuelle Belästigungen weit weniger gelassen, wenn sich auch hier jedoch kulturelle Differenzen sehr deutlich zeigen lassen: Vor allem in Amerika reagiert man heutzutage sehr empfindlich auf sexistische und rassistische Übergriffe. Dieses grundsätzlich richtige Verhalten gemäß der so genannten „Political Correctness" kann jedoch leicht auch hysterische Züge annehmen. Eine Frau nur zu lange anzusehen kann dem ungläubigen Nicht-Amerikaner bereits den Vorwurf der sexuellen Belästigung eintragen. Problematisch ist dieses vor allem deswegen, weil es keine allgemein verbindliche Definition der sexuellen Belästigung gibt. Dieser Umstand schwächt die Rechtssicherheit des Mannes außerordentlich, den der objektive Straftatbestand liegt in der subjektiven Betrachtung des Opfers.

    Andererseits ist Amerika noch immer ein konservatives Land, was auch bedeutet, dass sich in den verantwortlichen Positionen von Kultur und Wirtschaft noch immer vornehmlich Männer befinden, die damit natürlich auch über Einstellung und Beförderung von Frauen so auch in der Filmindustrie entscheiden. Der kaum oder nicht zu beweisende Straftatbestand der sexuellen Belästigung schwebt als tatsächliche oder vermeintliche Drohung also immer im Raum. Versteht mich an dieser Stelle bitte nicht falsch. Es geht weder darum tatsächliche Opfer zu Tätern zu machen, noch eine Vergewaltigung als vergleichsweise harmlosere sexuelle Belästigung abzutun. Beides ist verabscheuungswürdig und sollte juristisch verfolgt werden.

    Interessant werden diese Überlegungen im Fall Weinstein deswegen, weil doch auch ein Hollywoodproduzent die diesbezüglich angespannte Atmosphäre in seinem Land kennt und das Verbot der sexuellen Belästigung selbstverständlich auch. Wie konnte also es also zu der Fülle von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen kommen und warum blieb der Täter so lange unbehelligt. Tatsächlich fanden die Übergriffe Weinsteins wenn auch hinter verschlossenen Türe doch in aller Öffentlichkeit statt: jeder wusste es, doch niemand hat sich deswegen über Gebühr aufgeregt. Offenbar kommt hier das uralte Phänomen der stillschweigenden Männerbündelei zum Tragen: Für das starke und mächtige Alphatier gelten andere Regeln. Es muss sich nicht so vollkommen dem moralischen Gesetz unterstellen, wie andere Männer dieses tun müssen. Eine gewisse Verfügungsgewalt über Frauen wird ihm zugestanden. Die durch sein Interesse auf diese Weise geadelten Frauen sollten sich eher glücklich schätzen. Und so kommt es, dass sogar Straftaten gegen Frauen im Gespräch unter Männern häufig verharmlost werden: So spricht man in hilfloser Brutalität eben von der Besetzungscouch und nicht von Vergewaltigung. Natürlich wird es Frauen gegeben haben, die sich für eine Rollenzusage von Herrn Weinstein auch freiwillig auf diese Couch legten, doch man muss sich eben fragen, wo beginnt eigentlich die sexuelle Belästigung und letzten Endes die Vergewaltigung: Muss ein Mann wirklich gewaltsam Hand an den Körper einer Frau legen, oder genügt die bloße Tatsache, dass eine solche Couch überhaupt existiert. Natürlich immer gepaart mit dem Wissen, dass der Besitzer dieser Couch einen übergroßen Einflusses in der Filmindustrie hat und ich als angehende Schauspielerin von diesem abhängig bin.

    Werfen wir nun einen Blick auf den Täter selbst. Warum vergeht sich eigentlich ein einflussreicher Mann sexuell an so vielen Frauen?

    Die Kriminologie weiß seit langem, das bei einer Vergewaltigung nicht der sexuelle Lustgewinn im Mittelpunkt steht, sondern das Gefühl Macht über einen anderen Menschen bzw. dessen Körper auszuüben. Das Spiel mit Macht und Dominanz kann auch im Rahmen einer freiwilligen sexuellen Beziehung durchaus genussvoll sein, darf aber auf keinen Fall hiermit verwechselt werden. Im Falle der Vergewaltigung und der fortgesetzten mehr oder weniger offenen sexuellen Belästigung paart sich die Lust an der Macht häufig mit einer bestimmten Kombination aus Persönlichkeitsmerkmalen, die man auch die dunkle Triade nennt.

    Im Falle dieser dunklen Eigenschaften finden wir bei den Betroffenen Merkmale des Narzissmus, des Macchiavellismus und der Psychopathologie in jeweils unterschiedlicher Ausprägung. Die Merkmale für sich genommen erfüllen allerdings noch nicht das Störungsbild einer Persönlichkeitsstörung, so dass streng genommen kein Krankheitswert herrscht. Das aus diesen dunklen Eigenschaften resultierende Verhalten ist zwar gesellschaftlich nicht erwünscht, doch in bestimmten Berufsfeldern können sich diese Eigenschaft als ausgesprochen karrierefördernd erweisen. So weisen die Psychologen Jonaso, Teichner und Li in einem spanenden Aufsatz darauf hin, dass der fiktive Geheimagent James Bond die Merkmale einer dunklen Triade aufweist, die ihn beruflich jedoch gerade erfolgreich werden lassen und zumindest kein kleines Filmpublikum anziehen, das ihm hierbei zusieht.

    Um welche genauen Eigenschaften handelt es sich aber nun?

    Menschen mit diesen dunklen Eigenschaften könne nach dem Vorherrschen ihrer jeweiligen Strategien und Handlungsmotive in drei Gruppen eingeteilt werden:

    Menschen, bei denen narzistische Persönlichkeitstyp vorherrscht, sehen im anderen Menschen bloße Bewunderer und Claqeure, sie sind der Meinung, dass sie oder ihr stets erfolgreiches Handeln ruhmvoll ist.

    Der eher macchiavellistische Persönlichkeitstyp verfügt über wenig Empathie und verfolgt seine Ziele rücksichtslos, von Gefühlen läßt er sich dabei kaum beeinflussen. Er weiß zwar um die Einschränkungen seiner Person, aber er kennt auch die Werte und Normen der Gesellschaft und erfüllt sie, wenn es ihm opportun erscheint.

    Dem psychopathischen Persönlichkeitstyp mangelt es noch mehr an Empathie, der Andere ist für ihn ein bloßes Objekt, in das er sich nicht hinein fühlen kann und will. Da er auch für die eigene Person kaum Empathie empfindet, kennt er keine Angst vor den Konsequenzen seiner häufig kriminellen Handlungen. Im Gegensatz zum machiavellistischen Typ ist er jedoch weniger rational und vor allem impulsiver.
    Gemeinsam haben alle drei Persönlichkeitstypen der dunklen Triade, dass sie egoistisch ihre Ziele verfolgen und hierbei meist äußerst erfolgreich sind, entweder durch Manipulation oder den Einsatz von Gewaltmitteln. Der Egoismus ist so ausgeprägt, dass andere Menschen nicht als fühlende Wesen wahrgenommen werden können und deswegen als Mittel zum Zweck oder Hindernisse bei der Verfolgung dieser angesehen werden.
    Wenn wir den Persönlichkeitstyp von Herrn Weinstein vor diesem Hintergrund einmal bestimmen wollen, hätten wir es dann ofenbar mit einer Mischung aus Macchiavellismus und Psychopathie zu tun: Für den Macchiavellismus sprechen die Tatsachen, dass Herr Weinstein offenbar die Regeln der Gesellschaft kennt, er aber gegenüber den Frauen, die er belästigt, wenig oder keine Empathie zeigt.

    Als Filmproduzent besteht sein rücksichtslos verfolgtes Ziel natürlich darin erfolgreiche Filme zu machen, für die er die hollywoodtypischen Frauen benötigt, so gesehen handelt er bei den sexuellen Übergrifflichkeiten gegen seine Interessen. Hinzu kommt also die für die Psychopathologie typische Impulsivität, wir können davon ausgehen, dass die Übergriffe nicht geplant sind, sondern mehr oder weniger spontan stattfinden. Obwohl er die Regeln und Normen der Gesellschaft kennt respektiert er sie nicht, auch wenn die Übergriffe offenbar meist hinter verschlossenen Türen stattfanden.

    Die offene Frage bleibt natürlich, ob Herr Weinstein auf der Basis einer solchen Diagnose als krank und damit als zumindest eingeschränkt schuldfähig zu bezeichnen wäre. Die Fachliteratur bleibt in diesem Zusammenhang leider etwas vage. Einerseits erfüllen die Persönlichkeitsmerkmale der dunklen Triade noch nicht die vollständigen Symptome einer Persönlichkeitsstörung. Andererseits wäre auch dann fraglich, inwiefern diese als krank zu bezeichnen sind. Ist eine charakterliche Abweichung, auch wenn uns diese Abweichung nicht gefällt bereits eine Krankheit? Zudem gelten die in der Icd-10 unter F6 aufgeführten so genannten Persönlichkeitsstörungen mit Ausnahme der Borderline-Störung als nicht therapierbar, man muss sie eher als so etwas wie ein Schicksal verstehen. Wie zu Anfang bereits gesagt, verbiete es sich sowohl eine Ferndiagnose zu stellen, als einen laufenden Strafprozess unqualifiziert zu kommentieren, weswegen wir über die Schuldfrage in diesem Zusammenhang schweigen sollten. Dieses ist Sache des Gerichtes.
    Für den angehenden Heilpraktiker Psychotherapie ist die Beschäftigung mit den Persönlichkeitsstörungen jedoch doppelt wichtig: zum einen sind sie ein beliebter Gegenstand vor allem in der schriftlichen Prüfung und zum anderen sind diese Persönlichkeitsstile, wie man sie auch nennt, nicht selten, so dass die Wahrscheinlichkeit groß ist in eurem Leben als Therapeutin oder Therapeut einmal einem so Betroffenen zu begegnen.

    Ich hoffe ich konnte Euch einige neue Informationen und Ideen zu unserem Thema vermitteln. Tut ihr mir einen Gefallen? Abonniert meinen Podcast, vielen Dank. Und wenn ihr jemanden kennt, den dieser Podcast interessieren könnte – empfehlt mich gerne weiter. Ich würde mich freuen.
In diesem Sinne komme ich zum Ende. Wenn Ihr wollt, hören wir uns nächsten Woche wieder, dann mit einer neuen Sendung rund um den Heilpraktiker Psychotherapie und die Vorbereitung zur Prüfung

    vor dem Gesundheitsamt.

    15 min
  • Die mündliche Prüfung bestehen. So gehts!
    Tipps und Tricks für die mündliche Prüfung vor dem Gesundheitsamt.

    Mitten in Köln, am Neumarkt steht das Gesundheitsamt. Ein einschüchternder düsterer Bau.

    Für viele Heilpraktiker ist dieser Ort etwas angstbesetzt. Denn genau dort finden — zumindest für Köln — die Prüfungen zum Heilpraktiker Psychotherapie statt.

    Anfang Januar hatte ich euch ja bereits ein wenig über die schriftliche Prüfung zum Heilpraktiker Psychotherapie erzählt. Falls das Thema relevant für euch ist und ihr die Folge verpaßt haben solltet: Hört sie euch vielleicht nochmal an. Es handelt sich um Folge 12 vom zweiten Januar.

    Und wenn ihr euch dann noch weiter auf das Thema vorbereiten wollt, könnt ihr euch auch mein Video dazu anschauen.
    Wie ihr vielleicht wißt, habe ich für all diejenigen, die sich auf die Prüfung zum Heilpraktiker Psychotherapie vor dem Gesundheitsamt vorbereiten, ein Video aufgezeichnet, in dem ich ein grundsätzliche Tipps zum Bestehen der schriftlichen Prüfung gebe. Und danach bespreche 8 Fragen aus der Herbst-Prüfung 2019 ganz konkret und sehr ausführlich.
    Wenn ihr auf meine Website geht — www.pruefungsdoping.de — findet ihr oben rechts einen türkisfarbenen Button, der euch zum Video führt. Klickt auf den Button, meldet euch zu meinem Newsletter an und dann werdet ihr zu dem Video weitergeleitet. Und wenn ihr danach noch Lust habt mir zu sagen, wie euch das Video gefallen — das wär toll!

    So, jetzt geht es aber los mit dem eigentlichen Thema der heutigen Episode: mit der mündlichen Prüfung.

    Die mündliche Prüfung schließt sich an die schriftliche Prüfung an. Konkret bedeutet das, dass ihr nur eine Einladung zur mündlichen Prüfung bekommt, wenn ihr die schriftliche Prüfung ausreichend bestanden habt.
    Ausreichend bedeutete in der Vergangenheit ganz konkret, dass ihr 21 von 28 Fragen richtig beantwortet bzw. angekreuzt haben müßt.
    Ihr könnt euch also 7 Fehler in der Prüfung leisten. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass diese Fakten für die Prüfungen in der Vergangenheit gelten. Den Gesundheitsämtern steht es frei die Rahmenbedingungen zu ändern.
    Allerdings wird eine solche Änderung vorher bekannt gegeben. Informiert euch am besten vor eurer Prüfung immer noch einmal bei eurem zuständigen Gesundheitsamt.
    Immerhin — 7 mögliche Fehler in der schriftlichen Prüfung klingt zunächst großzügig. Doch ich rate euch trotzdem dringend davon ab, auf Lücke zu lernen. Versucht den Stoff insgesamt zu erfassen und zu vernetzen, so dass ihr gut vorbereitet seid, jede Frage zu beantworten.
    Auf Lücke zu lernen ist ein zusätzlicher Stressor und Stressoren sollte man in einer ohnehin angespannten Prüfungssituation immer vermeiden.

    Nachdem ihr die schriftliche Prüfung bestanden habt, werdet ihr über kurz oder lang zu einer mündlichen Prüfung eingeladen werden. Zwischen der schriftlichen Prüfung und der mündlichen Prüfung können mehrere Wochen liegen.

    Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, ist die mündliche Prüfung — zumindest meines Erachtens nach — die wichtigere Prüfung:
    Jeder Student und jede Studentin weiß, dass man eine Multiple-Choice-Prüfung auch mit dem berühmten Halbwissen bestehen kann. Unser Gehirn ist so flexibel, dass es einmal Gelesenes irgendwo abspeichert und unter Stress eventuell aus dem Zylinder zaubern kann. Ich würde euch zwar dringend abraten so an eine Prüfung heranzugehen, aber manche tun es eben doch.
    Die äußerst hohe Durchfallquote in der Heilpraktikerprüfung kommt allerdings tatsächlich weniger durch nicht bestandene schriftliche Prüfungen zustande, sondern durch die mündlichen Prüfungen.
    Denn in der mündlichen Prüfung präsentiert ihr euch als Person und zukünftige Therapeutin oder als zukünftiger Therapeut. Hierzu gehört nicht nur ein sicheres Auftreten, sondern auch ein sicheres Wissen.

    Wie könnt ihr diese wichtige Prüfung also am besten angehen?

    Gehen wir die einzelnen Punkte mal der Reihe nach durch:
    Am Tag der mündlichen Prüfung findet ihr euch mindestens 1/4 Stunde vor dem angesetzten Beginn ein. Geht noch einmal auf die Toilette und fokussiert euch auf die Situation. Legt euch eventuell einen ersten Satz zurecht, mit dem ihr eure Vorstellung beginnen werdet. Irgendwann werdet ihr hereingerufen und es geht los. Im Raum wartet auf euch die Prüfungskommission. Diese besteht bei den meisten Gesundheitsämtern aus einem Amtsarzt bzw. einer Amtsärztin und mindestens einem Beisitzer, bei dem oder der es sich zumeist um einen Heilpraktiker oder einen Heilpraktiker Psychotherapie handelt. Unter Umständen können jedoch auch zwei Beisitzer im Raum sein, also nicht erschrecken.
    Ihr werdet zunächst gebeten euch auszuweisen und euch vorzustellen. Die Kommission möchte wissen, mit wem sie es zu tun hat. Verplempert keine Zeit, sondern kommt rasch zum Punkt, nennt die wichtigsten Aspekte eurer beruflichen Biographie und versucht hier schon einmal zu begründen, warum ihr euch entschieden habt die Heilpraktikerprüfung abzulegen.

    Die erste Frage ist zumeist die nach dem Therapieverfahren, das ihr anbieten wollt. Hier ist es wichtig, dass es sich um ein wissenschaftlich anerkanntes Verfahren handelt. Das heißt eine Therapieform aus dem Bereich der Verhaltenstherapie, der Psychodynamik, der Systemischen Psychologie oder der humanistischen Gesprächstherapie. Im Gegensatz zu Früher erwarten die Prüfungskommissionen heute fundierte Kenntnisse oder sogar eine bereits absolvierte oder begonnene Ausbildung.

    Sollte man noch keine Ausbildung durchlaufen haben, sollte man sehr klare Vorstellungen haben, wann, wie und wo man eine solche beginnen wird.
    Die Sorge der Gesundheitsämter ist nämlich, dass zu viele Heilpraktiker Psychotherapie glauben ihren Patienten aus dem Bauch heraus helfen zu können. Und irgendwann hat man beschlossen diesen Missstand zu ändern. Je nachdem werden euch zu eurem Therapieverfahren einige Fragen gestellt, doch meist beginnt nun das eigentliche Prüfungsgespräch, das etwa eine halbe Stunde dauert. Der genaue Verlauf eurer Prüfung hängt natürlich von der einzelnen Kommission ab, doch im wesentlichen werden immer zwei große Bereiche erfragt:
    Einerseits müsst ihr zeigen, dass ihr die Grenzen eures Könnens und Dürfens kennen.
    Der Heilpraktiker darf keine Gefahr für seine Patienten oder die so genannte Volksgesundheit werden.
    Hierzu gehören vor allem die so genannten psychiatrischen Notfälle und die genaue Kenntnis von Volkskrankheiten.
    Ebenfalls zu diesem Bereich gehört die Kenntnis der gesetzlichen Grundlagen für den Heilpraktiker: Ihr müßt also über die Ausbildungs- und Berufsordnung bescheid wissen und über das Heilpraktiker Gesetz selbst.
    Es können aber auch Fragen zum Betreuungsrecht- oder Unterbringungsrecht gestellt werden.

    Der zweite große Bereich, der die Kommission interessiert, sind eure Fähigkeiten in der Diagnostik — vor allem in der Differenzialdiagnostik. Ihr müsst zeigen, dass ihr sichere Diagnosen in eurem zukünftigen Praxisalltag stellen könnt.

    Hierzu gehören theoretisch alle Krankheitsbilder, die in der ICD-10 aufgeführt sind — vor allem aber die depressiven Erkrankung (F3), der Alkoholismus (F1) und die Persönlichkeitsstörungen.
    Die Leitsymptome der Krankheiten müßt ihr also gut drauf haben.

    Bevor wir bei diesem zweiten Bereich ins Detail gehen, schauen wir uns den ersten Bereich etwas genauer an:

    Die größten psychiatrischen Gefahren für den Einzelnen und die Allgemeinheit gehen in Deutschland vor allem von drei Dingen aus. Ich nenne sie einmal die tragische Trias:
    — erstens die Suizidalität,
    — zweitens die Depression und
    — drittens Suchterkrankungen.

    In Deutschland suizidieren sich jährlich etwa 10.000 Menschen, viele im Zusammenhang mit Substanzmissbrauch, vor allem Alkohol und Benzodiazepine. Abgesehen von den Symptomen des Substanzmissbrauches solltet ihr die beiden Modelle und die jeweiligen Phasen des Präsuizidalen Syndroms kennen. Denn ihr könnt als Heilpraktiker hiervon unmittelbar betroffen sein.

    Natürlich sind auch depressionskranke Patienten suizidgefährdet. Ihr solltet also auch hier genaue Kenntnisse der Stufen und Formen der Depression haben.

    Zusätzlich muss der Heilpraktiker in der Lage sein, nicht nur psychiatrische Notfälle, sondern auch die wichtigsten medizinische Notfälle zu erkennen. Und ihr müsst natürlich wissen, wie ihr in einzelnen Fällen wirksame Erste-Hilfe-Maßnahmen leisten könnt.

    Die meisten Prüflinge fürchten sich in diesem Bereich am meisten vor der Gesetzeskunde. Tatsächlich ist vor allem das Unterbringungs- und Betreuungsrecht recht kompliziert. Wenn möglich, sucht euch hierfür fachkundige Hilfe. Falls ihr Freunde oder Bekannte habt, die sich damit auskennen — umso besser. Mindestens solltet ihr aber die Gesetzestexte in euren Lehrbüchern sehr genau lesen.

    Und falls ihr zu dem Thema noch mehr Input haben möchtet, haltet eure Augen und Ohren offen. Ich möchte noch nicht zu viel verraten — nur so viel: ich bereite gerade etwas zu dem Thema für euch vor.

    Kommen wir nun zum zweiten Bereich der mündlichen Prüfung:

    Der zweite Bereich indem ihr eurer differenzialdiagnostisches Wissen vorführen sollt, findet meist anhand eines Fallbeispiels statt. Die Kommission wird euch einen Fall vorstellen und ihr sollt anhand der geschilderten Symptome eine Diagnose stellen.
    Hierbei ist es wichtig schrittweise vorzugehen. Fasst den Fall am besten noch einmal laut in eigenen Worten zusammen, um sicher zu sein, dass ihr nichts überhört habt.
    Beginnt stets mit den Störungen in den Elementarfunktionen und achtet besonders auf die Zeitangaben, die genannt werden. Geht die Elementarfunktionen der Reihe nach laut durch und beteiligt die Kommission an euren Überlegungen. Stellt keine raschen Diagnosen, sondern arbeitet mit begründeten Hypothesen. Für die Kommission ist der Weg zu einer Diagnose viel interessanter als die Diagnose selbst.
    Denkt immer auch an die Notfalldiagnose: Handelt es sich bei diesem Beispiel um einen psychiatrischen Notfall und welche Maßnahmen müssen sofort ergriffen werden? In euren Überlegungen solltet ihr stets differenzialdiagnostisch vorgehen — auf welche andere Erkrankung könnten die Symptome noch hinweisen?
    Wie gesagt, der Weg zu einer Diagnose ist für die Prüfungskommission interessanter als die Diagnose selbst.

    Da der Prüfungsverlauf nicht immer absehbar ist, möchte ich euch drei allgemeine Tips für die mündliche Prüfung geben:

    Erstens: Habt keine Angst vor einem Blackout. Falls es dazu kommen sollte, sprecht es einfach offen aus.

    Die Prüfer sind keine Unmenschen, sie werden euch in den meisten Fällen einen Moment der Sammlung zugestehen.

    Zweitens: Wenn das Prüfungsgespräch anstelle eines Fallbeispiels eher zu einer reinen Wissensüberprüfung wird, so heißt die Regel: Reden, reden, reden.

    Präsentiert euer Wissen möglichst breit und farbig, bleibt aber bei der Sache und langweilt die Prüfer nicht. Eine Wissensüberprüfung bietet euch nicht nur die Gelegenheit Wissen zu präsentieren, sondern auch den Verlauf der Prüfung in die eigenen Hände zu nehmen.

    Drittens: Versucht zu erahnen, was die Prüfer hören wollen, woran sie denken und kommt ihnen zuvor. Wenn ihr beispielsweise aufgefordert werdet über depressive Erkrankungen zu sprechen, sprecht von euch aus auch die Suizidalität und weitere psychiatrische Notfälle — wie z.B. das Delir — an. Kommt vom Delir auch auf Entzugserscheinungen zu sprechen. Wenn ihr über Rechte und Pflichten des Heilpraktikers zu sprechen kommt, erwähnt auch die Berufsordnungen und geht die Punkte im Einzelnen durch.

    Denkt daran, dass die Überprüfung dazu dient festzustellen, ob ihr euren Patienten gefährlich werden könntet. Führt diesen Gedanken selbständig vor und nennt Beispiele, wo von euch Gefährdungen ausgehen könnten und was ihr dagegen unternehmen könnt.

    Ganz egal, wie der Prüfungsverlauf genau aussehen wird, versucht in der Prüfung kein Quiz zu sehen, sondern eher so etwas wie ein Prüfungsgespräch mit seiner eigenen Dynamik. Versucht euch authentisch zu verhalten und ehrlich und aufgeschlossen zu reagieren.

    Sollte euch ein Fehler, den ihr gemacht habt, selbst auffallen oder man euch darauf hinweisen, reagiert mit Humor und Selbstkritik darauf. Und, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, verhaltet euch höflich, respektvoll und zugewandt.

    Nach einer knappen halben Stunde ist die Prüfung vorbei und man wird euch bitten den Raum zu verlassen. Ob ihr bestanden habt oder nicht — das Ergebnis der mündlichen Prüfung wird euch nach einer kurzen Beratung durch die Kommission sofort mitgeteilt.

    Das Zeugnis wird euch nach ein paar Tagen zusammen mit der Kostenrechnung für die Prüfung zugeschickt. Wenn ihr eine eigene Praxis eröffnen wollt, müsst ihr hierfür noch einen weiteren Antrag an das Gesundheitsamt stellen, dem meist problemlos statt gegeben wird.

    Und das wars.
    Herzlichen Glückwunsch.
    Ihr habt es geschafft.

    Solltet ihr wider Erwarten die Überprüfung nicht bestehen, könnt ihr innerhalb eines Monats Widerspruch einlegen. Nach frühestens einem halben Jahr könnt ihr die Prüfung wiederholen.

    Die Zahl der möglichen Wiederholungen ist nicht beschränkt. Bei jeder Wiederholung müsst ihr allerdings auch den schriftlichen Teil wiederholen, selbst wenn ihr diesen bestanden habt und ihr nur an der mündlichen Überprüfung gescheitert seid.

    Wie bereits erwähnt, gelten alle hier genannten Einzelheiten für die vergangenen Prüfungen. Bedenkt immer, dass die Gesundheitsämter in der Durchführung der Prüfungen relativ frei sind. Solltet ihr vor kurzer Zeit andere Erfahrungen gemacht haben, schreibt mir gerne ein E-Mail dazu.

    Ich hoffe ich konnte euch einige neue Informationen und Ideen zu unserem Thema vermitteln. Tut ihr mir einen Gefallen? Abonniert meinen Podcast, vielen Dank. Und wenn ihr jemanden kennt, den dieser Podcast interessieren könnte -- empfehlt mich gerne weiter. Ich würde mich freuen.

    In diesem Sinne komme ich zum Ende. Wenn ihr wollt, hören wir uns nächsten Woche wieder, dann mit einer Sendung zum Thema Fetischismus.

    14 min
  • Analphabetismus in Deutschland. Was, so viele?
    Heute geht es um das Thema Analphabetismus, welche Formen es gibt und was sie voneinander unterscheidet.

    Vermutlich hat bei der einen oder dem anderen von Euch auch ein Buch unter dem Weihnachtsbaum gelegen. Vielleicht sogar eines zum Thema Psychologie oder Psychiatrie? Für viele Menschen sind Bücher immer noch das Medium um neue Informationen aufzunehmen oder sich einfach nur ein paar schöne Stunden zu machen. Für viele Menschen, aber nicht für alle.

    Für heute habe ich mir vorgenommen Euch etwas über das Phänomen des Analphabetismus zu erzählen. Wir erfahren etwas über den funktionellen Analphabetismus und die sogenannte Einfache Sprache. Und zum Schluss möchte ich einen Kriminalroman vorstellen, der sich auf überraschende Weise mit diesem Thema auseinandersetzt.

    Bleiben wir doch zunächst einmal beim Begriff des Analphabetismus selbst. Was genau bedeutet Analphabetismus? Man unterscheidet hier zunächst zwischen primärem und sekundärem Analphabetismus:

    Primärer Analphabetismus bedeutet, dass ein Mensch weder Lesen noch Schreiben kann und es auch nicht gelernt hat. Über die Intelligenz dieses Menschen sagt das zunächst einmal gar nichts aus.

    Und durch die allgemeine Schulpflicht in Deutschland ist die Zahl der hiervon Betroffenen in Deutschland eher niedrig.

    Häufiger kommt in unseren Breiten der so genannte sekundäre Analphabetismus vor. Was bedeutet das genau? Von einem sekundären Analphabetismus spricht man dann, wenn jemand das Lesen und oder Schreiben zwar irgendwann einmal erlernt hat, es aber im Laufe seines Lebens wieder verlernt hat.

    Früher kam der sekundäre Analpabetismus hauptsächlich bei älteren Menschen vor. Sie haben in ihrem langen Berufsleben wenig mit geschriebener Sprache gearbeitet und dadurch das Lesen und Schreiben wieder verlernt.

    Doch wir lesen auch außerhalb unseres Berufes, könnte man jetzt einwenden. Warum kommt es trotzdem zu dieser Form des Analphabetismus?

    Und warum sind inzwischen zunehmend auch jüngere Menschen davor betroffen?

    Verantwortlich hierfür ist vor allem der Gebrauch elektronischer Medien, wie z.B. Radio und Fernsehen, wodurch zuerst das alltägliche Zeitungslesen überflüssig wurde. Mit der allgemeinen Verfügbarkeit des Telefons wurden auch kontinuierlich weniger Briefe geschrieben und eben auch weniger gelesen.

    Man konnte ja miteinander sprechen. Das ging schneller und war einfacher.
    Mit dem Siegeszug des Smartphones wurde die Kommunikation ohne Schriftsprache noch einmal vereinfacht, doch zumindest schrieben sich die Leute Textnachrichten.

    Diese Phase Schriftverkehrs, für den man ja nun doch lesen können muss, steht jedoch ebenfalls vor dem Ende. Mittlerweile werden auch diese kurzen Texte durch Sprachnachrichten, Videobotschaften und so genannte Emojis ersetzt.

    Halten wir nochmal fest: als primäre Analphabeten bezeichnet man Menschen, die niemals lesen gelernt haben. Als sekundäre diejenigen, die es wieder verlernt haben. Beide Begriffe enthalten keine Wertung, sie beschreiben nur eine Tatsache.

    Vielleicht habt ihr schonmal den Begriff „funktioneller Analphabet“ gehört. Dieser Begriff ist nicht mehr nur beschreibend — er enthält auch eine Wertung.

    Ein funktioneller Analphabet, so die Definition, beherrscht das Lesen nicht so, wie man es erwarten würde. Diese Menschen können theoretisch Lesen. In der Praxis funktioniert es aber nicht wirklich.

    Zum funktionalen Analphabetismus gibt es Untersuchungen, die uns aufhorchen lassen:

    Etwa 14% der Erwachsenen in Deutschland sind funktionale Analphabeten.
    Das ist jeder siebte Erwachsene oder ungefähr 6 Millionen Menschen.

    Diese 6 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren können einzelne Sätze lesen oder schreiben. Zusammenhängende kürzere Texte können sie jedoch nicht verstehen, oder es kommt zu Missverständnissen.

    Nun könnte man meinen, dass diese Menschen bestimmt nicht Deutsch als Muttersprache haben. Aber das ist ein Irrtum. Jeder zweite funktionale Analphabet ist deutscher Muttersprachler.

    Die meisten haben einen Schulabschluss und mehr als die Hälfte von ihnen sind berufstätig. Wir können also davon ausgehen, dass diese Menschen das deutsche Schulsystem mehr oder weniger erfolgreich durchlaufen haben.

    Hat also die Schule versagt? Ja und Nein. Einerseits gelingt es den funktionellen Analphabeten tatsächlich ihre Leseschwächen zu verstecken. Andererseits findet in den Grundschulen erst seit wenigen Jahren wieder eine gezielte Leseförderung statt.

    Hinzu kommen Umstände, die aus der Lernpsychologie gut bekannt sind:

    Kinder lernen am Modell. Wenn die Eltern nicht in Gegenwart ihrer Kinder lesen, werden auch die Kinder nicht oder nur widerwillig anfangen zu lesen.

    Hinzu kommen falsche Belohnungssystems, die sogar in Schulen eingesetzt werden: Das gilt speziell für so genannte Tabletklassen. Das sind Schulklassen, die einen Tabletcomputer anstelle von gedruckten Büchern oder Arbeitsheften verwenden.

    Hier werden die Kinder, wenn sie einen Text erfolgreich durchgearbeitet haben, mit Bildern, Tönen, Videoclips oder Spielen belohnt. Der Lerneffekt stellt sich rasch ein: Für ein Kind ist das Lesen keine Freude an sich, sondern mühselige Arbeit, die einen von der echten Verwendung des Tabletts abhält — nämlich dem Konsum von Bildmedien.

    Kommen wir zurück in die Gegenwart und fassen wir zusammen: Der funktionelle Analphabetismus kann Resultat eines falschen Schulsystems sein, hinzu kommt aber in jedem Fall der oben beschriebene Medienkonsum und der generelle Verzicht auf das gedruckte Wort.

    Das Gelernte wird wieder verlernt, weil man es nicht mehr benötigt und weil man sich in einem sozialen oder beruflichen Umfeld bewegt, indem ebenfalls nicht gelesen wird.

    Umstritten ist im Zusammenhang mit dem Funktionalen Analphabetismus auch die so genannte „Einfache Sprache“.

    Die Einfache Sprache ist der Versuch einer sprachlichen Inklusion von Menschen mit Lese- und Verständnisschwächen. Wie wird diese Inklusion erreicht?

    Die Einfache Sprache formuliert Gedanken in Hauptsätzen, die einen klaren Aufbau zeigen, etwa die Abfolge Subjekt - Prädikat - Objekt. Auf Nebensätze wird weitgehend verzichtet. Die verwendeten Adjektive sind eindeutig. Man verzichtet wo es möglich ist auf Fremdworte. Die einfache Sprache wird hauptsächlich von Behörden und anderen staatlichen Stellen verwendet und richtet sich primär an Menschen mit sekundärem Analphabetismus.

    Für Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen oder einem Migrationshintergrund und daher Verständnisschwierigkeiten der deutschen Sprache ist die einfache Sprache ein Segen. Dadurch können sie sich besser über die unterschiedlichsten Anliegen informieren und diese selbst bewältigen. Speziell das so genannte Behördendeutsch war für diese Menschen eine beinahe unüberwindliche Hürde.

    Für funktionelle Analphabeten, denen es hauptsächlich an Übung, Gelegenheit oder Lernwillen mangelt, ist sie jedoch eine zweischneidige Sache. Diese Texte in der einfachen Sprache verursachen kaum Mühe und fördern somit die Lesefähigkeiten noch weniger.

    Letztlich ist dies jedoch eine Frage nach Huhn und Ei. Interessiert man sich nicht für das geschriebenen Wort, weil man das Lesen nicht richtig beherrscht?
    Oder ist die Lesefähigkeit funktionell eingeschränkt, weil man sich nicht für komplexere Texte interessiert? Gute Frage ….

    Kommen wir nun von den eher soziologischen Überlegungen zu den psychischen Ursachen der Leseschwäche:

    Die ICD-10 kodiert den Analphabetismus nur indirekt im Bereich F unter 81.0 der Lese- und Rechtschreibstörung.
    Der Analphabetismus selbst hat demnach keinen Krankheitswert — eine Beeinträchtigung der Entwicklung der Lesefertigkeiten im Kinder- und Jugendalter jedoch schon.
    Die genaue Definition der Leseschwäche könnt ihr in der ICD-10 nachlesen, besonders interessant ist jedoch der abschließende Satz — ich les mal eben vor: „Während der Schulzeit sind begleitende Störungen im emotionalen und Verhaltensbereich häufig.“

    Was bedeutet das genau?

    Die Leseschwäche ist demnach nicht nur eine reine so genannte „Werkzeugschwäche“, sondern kann selbst auch das Symptom weiterer psychischer Erkrankungen sein.
    Zusätzlich zum Diagnoseschlüssel F81.0 stellt die ICD-10 auch die Diagnosemöglichkeit F93 bereit: die Leseverzögerung infolge emotionaler Störung.

    Solltet Ihr im Rahmen Eurer praktischen Tätigkeit also einmal mit einer Leseschwäche konfrontiert werden, solltet ihr unbedingt auch das emotionale Umfeld des Kindes berücksichtigen.

    Auch hier solltet ihr euch die Frage nach Huhn und Ei stellen: Entstehen die emotionalen Probleme durch die Leseschwäche?
    Beispielsweise durch übergroßen Druck von Eltern und Lehrern?
    Findet eine Ausgrenzung durch die Mitschüler statt?
    Wird die Leseschwäche mit einer Intelligenzschwäche verwechselt und das Kind dadurch chronisch unterfordert?

    Oder ist die Leseschwäche selbst die Folge einer emotionalen Störung? Beispielsweise durch Traumatisierungen, wie die Trennung der Eltern, Gewalterfahrungen oder dem Tod eines nahen Verwandten.

    Wenn die emotionalen Probleme durch die Leseschwäche entstehen, müssen den Eltern des Kindes Fördermöglichkeiten, z.B. von Seiten der Schule, angeboten werden. Hierzu gehören — bei einer klaren Diagnosenstellung — auch bestimmte Nachteilsausgleiche im Rahmen der schulischen Leistungsbewertung.

    Das gilt vor allem bei der Bewertung der Rechtschreibung. Denn häufig, jedoch nicht immer, geht eine Lesebeeinträchtigung auch mit einer Beeinträchtigung der Rechtschreibung einher. Ein Kind darf also wegen seiner schlechten Rechtschreibung nicht sitzen bleiben. Zumindest dann nicht, wenn keine weiteren gravierenden Leistungsmängel vorliegen.

    Ist die Leseschwäche jedoch nicht die Ursache, sondern die Folge einer emotionalen Störung, muss zusätzlich zu der erwähnten Leseförderung auch eine psychotherapeutische Begleitung z.B. durch einen Kinder- und Jugendpsychologen erfolgen. Betroffene Eltern sollten sich in jedem Fall an den zuständigen schulpsychologischen Dienst wenden, über den diese Kontakte vermittelt werden können.

    Fassen wir zusammen: Der funktionale Analphabetismus eines erwachsenen Menschen kann durch eine kindliche Leseschwäche mit Krankheitswert ausgelöst werden. Er kann aber auch das Produkt einer sozialen oder gesellschaftlichen Geringschätzung des Mediums Buches oder Textes sein.

    Bei normaler Intelligenz können die Betroffenen mittlerweile jedoch kostenlose Leseförderprogramme der Kommunen in Anspruch nehmen.
    Die Benutzung von Tabletcomputern kann sinnvoll und unterstützend sein, solange es sich hierbei um gezielte und pädagogisch sinnvolle Lernumgebungen handelt.

    Grundsätzlich ist jedoch eher das gute alte Buch aus Papier zu empfehlen. Und hier

    gibt es inzwischen viele tolle Angebote, die auch Lesemuffel zum Lesen motivieren.
    Mir als Mädchen-Papa fällt da spontan „Lotta leben“ ein. Aber ich habe mir sagen lassen, dass es auch entsprechende Bücher für Jungs gibt.

    Kommen wir aber nun zu dem am Anfang versprochenen Kriminalroman mit dem Titel „A Judgement in Stone“ zu deutsch „Urteil in Stein“ von Ruth Rendell aus dem Jahr 1977.

    Die Autorin beschreibt in diesem Buch einen Abschnitt aus dem Leben einer analphabetischen Hauswirtschaftlerin, die von einer großbürgerlichen Familie engagiert wird. Im Verlaufe der Handlung kommt es zu immer größeren Missverständen zwischen der Familie und ihrer Angestellten, bis es schließlich zum Mord kommt.
    Der Roman ist im engeren Sinne eigentlich kein Kriminalroman, denn es geht nicht um die Aufklärung eines Verbrechens, sondern nur um die akribische Beschreibung der Umstände, die zu dem Verbrechen führen. Interessanterweise ist der Hauptumstand genau der Analphabetismus der Haushälterin, den diese schamhaft vor ihrer Herrschaft verbirgt.
    In Rückblenden werden die Umstände beschrieben, die zum Analphabetismus führen: Eunice Parchman, so der Name der Hauptfigur, fehlte häufig in der Schule und musste sich zudem um ihre kranke Mutter und später ihren kranken Vater kümmern. Zusätzlich zeigt Eunice emotionale Störungen, sie erpresst andere Kinder und ist nicht in der Lage engere emotionale Bindungen, auch nicht zu ihren eigenen Eltern aufzubauen. Vermutlich wäre in ihrem Fall also die Diagnose F93 der Lesestörung infolge emotionaler Störungen angebracht.

    In ihrem Berufsleben als Haushälterin und Pflegerin innerhalb ihrer Familie kommt sie mit Büchern kaum in Kontakt. Das Lesen wird für sie zu einer nutzlosen Beschäftigung und sie entwickelt allerlei Schliche um ihren sekundären und funktionalen Analphabetismus vor Außenstehenden zu verbergen.

    Durch Zufall wird sie als Haushälterin bei einer Familie angestellt, in der alle mit Genuss und voll Freude lesen. Die Familie verhält sich Eunice gegenüber wohlgefällig und stellt ihr sogar ein gebrauchtes Fernsehgerät zur Verfügung. Vor diesem wird Eunice nun ihre Abende verbringen. Allerdings wird sie gerade hierfür von ihren Arbeitgebern verspottet, die darin das typische Konsumverhalten eines Angehörigen der gesellschaftlichen Unterschicht sehen. Immer stärker klafft nun ein Riss zwischen Eunice und der Familie und immer mehr macht Eunice die Bücher im Haus hierfür verantwortlich. Aus Abneigung wird Wut und schließlich entlädt sich der Wutdruck und es kommt zum Mord.

    In der großartigen Verfilmung des Romanes unter dem Titel „Biester“ deutet Chabrol diesen Konflikt noch intensiver an: In der letzten Szene erschießt die Mörderin überwältigt von ihrer Wut zunächst die Familie und richtet zum Schluss ihre Waffen hilflos auf das Bücherregal: dieses war der eigentliche Feind, den es zu entfernen galt.

    Der Roman und seine Verfilmung sind für uns Heilpraktiker Psychotherapie deswegen so aufregend, weil Ruth Rendell auf die Definition des funktionellen Analphabetismus eingeht. Eunice kann nicht in dem Maße lesen, wie es ihr sozialer Kontext erwarten ließe: Sie steht ohnmächtig vor einer Anforderung, die sie nicht erfüllen kann, weil sie die Notwendigkeit nicht einsieht.

    Die Scham hierüber treibt sie nicht nur in die Isolation, sondern erhöht ihre Wut auf das geschriebene Wort selbst.
    Die Botschaft des Romanes lautet also nicht „fürchtet Euch vor den Analphabeten, sie können jederzeit zur Waffe greifen“. Ganz im Gegenteil. Die Botschaft lautet „wendet Euch den Analphabeten zu und gebt ihnen eine angemessen und achtsame Unterstützung, um ihre ungewollte Isolation vom geschriebenen Wort selbständig zu beenden“.

    Pause

    Ich hoffe ich konnte Euch einige neue Informationen und Ideen zu unserem Thema vermitteln.

    Tut ihr mir einen Gefallen?
    Abonniert meinen Podcast, vielen Dank. Und wenn ihr jemanden kennt, den dieser Podcast interessieren könnte — empfehlt mich gerne weiter. Ich würde mich freuen.
    In diesem Sinne komme ich zum Ende. Wenn Ihr wollt, hören wir uns nächste Woche wieder, dann mit einer Sendung über die mündliche Prüfung vor dem Gesundheitsamt.

    16 min
  • Was hat Homosexualität in der ICD-10 zu suchen?
    In dieser Folge beschäftige ich mich mit dem Thema Homosexualität in der ICD-10

    Vielleicht habt Ihr Euch schon über den Titel der heutigen Sendung gewundert?

    Was hat eine sexuelle Orientierung in einem Podcast zu Themen für den Heilpraktiker Psychotherapie zu suchen? werdet Ihr Euch vielleicht gefragt haben.

    Tatsächlich möchte ich mich heute ein wenig mit der Homosexualität beschäftigen.

    Fast noch wichtiger jedoch ist die Homophobie, mit der ich mich im zweiten Teil der heutigen Folge beschäftigen möchte.

    Homophobie bezeichnet die Feindschaft gegenüber der Homosexualität. Und diese kann für den Heilpraktiker durchaus eine Relevanz haben. Nämlich dann, wenn sie das Symptom einer pathologischen Angst ist — doch dazu später.

    Die Homosexualität ist eine sexuelle Spielart des Menschen und als solche zunächst einmal völlig unproblematisch und selbstverständlich ohne jeden Krankheitswert.

    Woher die Veranlagung selbst stammt ist nicht völlig geklärt. Es scheint genetische Faktoren zu geben, sowie Faktoren in der Erziehung oder dem was man Sozialisation nennt.
    Ebenfalls schwierig ist es einen Überblick über genaue Zahlen zu bekommen, da das Thema in vielen Gesellschaftsschichten tabuisiert ist. Homosexualität gilt vor allem in der Gruppe der Menschen mit einem Migrationshintergrund aus dem islamischen Kulturkreis als Tabu.

    Halbwegs aktuelle Zahlen gehen von aus, dass 5 bis 10 % der Gesamtbevölkerung ein sexuelles Verhalten zeigen, dass von der heterosexuellen Mehrheit abweicht. Dazu gehören homosexuelle Männer und Frauen, und die nicht zu unterschätzende Gruppe der Bisexuellen.

    Schauen wir zunächst jedoch zurück. Wie wurde die Homosexualität in der Neuzeit wahrgenommen?

    Karl Heinz Ulrichs war der erste, der sich an einer Art Definition der Homosexualität versuchte: er schuf 1864 den Begriff "Urning". Ein schwuler Mann habe eine weibliche Seele in einem männlichen Körper, weswegen er eben Männer begehrte.
    Das umgekehrte Konzept, das eine männliche Seele in einem weiblichen Körper leben könnte, wurde nicht in Betracht gezogen.

    Auch wenn das Konzept des "Urnings" zwar einmal wieder die Frau übersieht, war Ulrichs Schritt jedoch wichtig: Das Schwulsein war von nun an kein Verirrung mehr. Sondern es war ein angeborenes Phänomen und deswegen weder heilungsbedürftig noch das Produkt eines falschen Lebensstils.

    Nach Ulrich nahm der Sexualforscher Magnus Hirschfeld den Gedanken wieder auf. Er forderte eine gesellschaftliche Anerkennung der angeborenen Homosexualität und damit Straffreiheit. Im damaligen Kaiserreich wurde die homosexuelle Betätigung nämlich bestraft. Damit ist Magnus Hirschfeld ist der Gründervater der politischen Schwulenbewegung in Deutschland.

    Einen Rückschritt stellte die Sichtweise der Psychoanalyse auf die Homosexualität dar. 1905 formulierte Sigmund Freud, dass alle Menschen von Geburt an mehr oder weniger bisexuell seien. Erst die Erlebnisse, Traumatisierungen und die Sozialisation in der Kindheit entscheidet darüber, ob ein Junge homosexuell wird.

    Freuds Haltung wird bis heute harsch kritisiert, denn tatsächlich scheint sie auf den zweiten Blick weniger liberal als die seiner Vorgänger Hirschfeld und Ulrichs.

    Wenn es nämlich erzieherische Faktoren gibt, die eine spätere Homosexualität begründen, kann man sie auch als Produkt einer falschen Erziehung verstehen.
    Und dadurch würde die Homosexualität doch wieder nur eine Abweichung vom vermeintlich richtigen heterosexuellen Liebesleben.
    Kontrollieren wir die Erziehung, so kontrollieren wir die spätere sexuelle Entwicklung.
    Folglich führt die richtige Erziehung zur richtigen sexuellen Ausrichtung.

    Vermutlich tut man Freud mit dieser Interpretation Unrecht, denn er selbst hat sich mehrfach gegen die Pathologisierung der Homosexualität ausgesprochen.

    Die weibliche Homosexualität kann auch Freud nicht erklären.

    Allerdings beschreibt er 1920 den Fall einer lesbischen Patientin: Sie bringt ihn zu der Einsicht, dass die Homosexualität unter anderem deswegen nicht therapiert werden kann und muss, weil es auf Seiten der Betroffenen keinen Leidensdruck gibt.
    Deswegen kann und soll man im Fall der Homosexualität auch nicht von einer Erkrankung sprechen.
    So gesehen hat der spätere Freud den früheren Freud korrigiert und nimmt schließlich doch eine ähnlich liberale Haltung ein, wie Hirschfeld und Ulrichs.

    Auf unserer kleinen Zeitreise in die Geschichte der Homosexualität sind wir im dritten Reich angekommen.

    Zu der damaligen Zeit galt der so genannte weibische Mann als Verräter an der Wehrkraft seine Vaterlandes. Und zumindest die männliche Homosexualität wurde mit Gefängnis oder Konzentrationslager bestraft.
    Viele Männer kamen unter entsetzlichen Umständen zu Tode und noch immer ist dieses düstere Kapitel des dritten Reiches in der Öffentlichkeit zu wenig bekannt.
    Für das Schicksal von lesbischen Frauen im Dritten Reich gibt es ebenfalls Beispiele von Bestrafungen durch Gefängnishaft und KZ-Aufenthalten. Allerdings gab es kein spezielles Gesetz, das die weibliche Homosexualität unter Strafe gestellt hätte.

    Trotz der Einsichten Freuds, wurde die Homosexualität in den Klassifikationen der psychischen Erkrankungen bis in die frühen 1970er Jahre als Krankheit aufgeführt.

    Sogar in der 10. Auflage der ICD-10 aus dem Jahr 1992 ist die Homosexualität als psychische Störung aufgeführt.

    Der Gerechtigkeit halber muss man der ICD-10 jedoch zugute halten, dass diese angebliche Erkrankung bereits seit 1968 „umstritten" bezeichnet wurde, so dass die Diagnose vermutlich schon zu dieser Zeit nur noch selten gestellt wurde.

    Kleine Überreste dieser Pathologisierung lassen sich jedoch bis heute finden: So klassifiziert die ICD-10 noch immer eine so genannten ich-dystone Sexualorientierung, eingeordnet unter den Persönlichkeitsstörungen als F66.1.

    Ein Symptom wäre, dass die sexuelle Ausrichtung zwar feststeht, er oder sie jedoch den Wunsch hat, diese auf die eine oder andere Weise zu ändern.

    Auch die aktuelle DSM-IV führt als mögliche Diagnose eine „nicht näher bezeichnete sexuelle Störung“, auf, die allerdings ebenfalls das Symptom „andauerndes und ausgeprägtes Leiden an der sexuellen Orientierung“ (302.9) beinhaltet.

    Nun konnte man dieses als zu vernachlässigendes Überbleibsel verstehen, aber wie üblich liegt die Tücke im Detail: Besonders auf diese beiden Diagnosemöglichkeiten stützen sich nämlich die so genannten „Konversionstherapien für Homosexuelle" besser bekannt als "Schwulenheilung“.

    Vor allem im Umfeld der Verhaltenstherapie, kam früh der Gedanke auf, dass man die falsch gelernte Homosexualität gewissermaßen wieder verlernen kann, um im nächsten Schritt die richtige, also die heterosexuelle Sexualität zu erlernen.

    Dieser Vorgang lautet Systematische Desensibilisierung und Aversionstherapie und wird von John Bancroft noch 1978 in einem Sammelband zu Sexuellen Störungen im Detail beschrieben.

    Zwar betont auch Bancroft, dass eine solche Therapie nur auf Wunsch der Patienten durchgeführt werden darf. Aber auf die Möglichkeit, dass deren Leiden nicht durch die sexuelle Ausrichtung entsteht, sondern nur an dieser festgemacht wird, geht er nicht ein.

    Zwar ist das Angebot an Konversionstherapien in unseren Breiten im Laufe der Jahre zurück gegangen, aber sie werde nach wie vor angeboten.

    In Amerika zum Beispiel, im Umfeld der evangelikalen Kirchen sind Schwulenheilungen bzw. deren Angebote gang und gebe.
    Hier wird in besonders perfider Weise religiöser Fanatismus mit falsche Diagnostik verbunden: Anstatt zu erkennen, dass das Leid mancher homosexueller Männer und Frauen durch deren Ausgrenzung entsteht, wird das Pferd von der anderen Seite aufgezäumt:
    Weil Gott auch die verworfenen Homosexuellen liebt, hat er dem Menschen die Konversionstherapie an die Hand gegeben, um das Leiden durch Rückführung auf den rechten heterosexuellen Weg zu lindern.
    Wer sich diesem Angebot verweigert kommt in die Hölle, in die er oder sie ohnehin gehört.

    Wer sich einen Film zu diesem bizarren Thema anschauen möchte, dem kann ich den Spielfilm „Der verlorene Sohn" von Joel Edgerton sehr empfehlen. Glücklicherweise mit Happy End.

    Weiter geht es mit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts:

    Nun traten die Naturwissenschaften und schließlich die genetische Forschung ihren Siegeszug an und wie nicht anders zu erwarten war, wurde 1993 schließlich auch ein angebliches „Schwulen-Gen“ identifiziert. Dessen Existenz wurde jedoch bald widerlegt.

    Hinzu kamen zoologische Studien, die nachgewiesen haben, dass Homosexualität auch im Tierreich weit verbreitet ist.

    Dadurch sollte die Diskussion um die so genannte „Widernatürlichkeit des Schwulseins“ eigentlich beendet sein. Sie ist natürlich. Punkt.

    Fassen wir den ersten Teil unserer heutigen Folge kurz zusammen: Die Homosexualität ist ein natürliche Spielart der menschlichen Sexualität. Sie ist weder eine Krankheit, noch eine körperliche oder psychische Störung, die man behandeln müsste. Ein so genanntes „Leiden an der sexuellen Orientierung“ kommt zwar hin und wieder vor, aber die Ursachen hierfür sollten eher in anderen Faktoren des Alltagslebens oder der Biographie gesucht werden.

    Bevor wir uns im zweiten Teil der heutigen Folge mit der Homophobie beschäftigen, möchte euch auf mein Video aufmerksam machen.

    Wie ihr vielleicht wisst, haben gerade wieder die schriftlichen Prüfungen vor dem Gesundheitsamt stattgefunden. Daher habe ich ein Video vorbereitet, in dem ich ein paar grundsätzliche Tipps zum Bestehen der Prüfung gebe. Ausserdem bespreche ich ungefähr zehn Prüfungsfragen ganz ausführlich. Geht auf meine Website „www.pruefungsdoping.de“ — ganz oben rechts findet ihr einen türkis-farbenen Button, der euch zum Video führt. Aber kommen wir zurück zu Thema:

    Trotz der vorhin beschriebenen Tatsachen nimmt die Toleranz gegenüber Homosexuellen nicht zu, sondern seit einigen Jahren beständig ab. Machen wir uns doch einmal den Spaß nicht die Homosexualität zu pathologisieren, sondern deren Gegner.

    Hierfür müssen wir uns zunächst einige Zahlen anschauen:

    Eine Studie in NRW ermittelte im Jahr 2005, dass 70% der Jugendlichen ihr Coming-out im Alter zwischen 15 und 21 Jahren hatten. Mitarbeiterinnen von Jugendzentren berichten, das sich lesbische, schwule und bisexuelle Jugendliche heute zum Teil bereits mit 14 Jahren über ihre homosexuelle Identität im Klaren seien.

    Das Outing findet also noch während der Schulzeit statt, was zu einer Konfrontation mit heterosexuellen Mitschülerinnen und Mitschülern führt, die in vielen Fällen nicht angenehm sind.

    Eine Studie von 2012 kommt zu dem Ergebnis, dass Berliner Schülerinnen und Schüler der sechsten Klasse "Schwuchtel" oder “Lesbe" als Schimpfwort verwenden.

    Nun könnte man einwenden, dass Schüler der 6. Klasse — also im Alter von 11 bis 12 Jahren wohl kaum wissen, was sie da reden. Zumal sie selbst gerade in der Phase der sexuellen Reifung stecken, die ja bekanntermaßen anstrengend und verwirrend ist.

    Vergleicht man diese Aussagen mit den Befragungen von Erwachsenen, so kommt man leider zu dem Schluss, dass nicht die Aussagen der Kinder das Problem sind.

    Vielmehr ist es die Haltung ihrer Eltern, die sich in den Aussagen der Kinder ausdrückt.

    Auch wenn die Bevölkerung einer Stadt wie Köln hiervon etwas weniger betroffen sein mag, so nimmt die Homophobie in Deutschland kontinuierlich zu.

    Es kommt zu Pöbeleien und antischwuler Hetze und es häufen sich die körperlichen Übergriffe.
    Speziell für die östlichen Bundesländern werden mittlerweile Warnungen ausgesprochen, sich öffentlich als homosexuell zu erkennen zu geben.

    Woher stammt dieses feindliche Verhalten? Und besitzt es möglicherweise einen Krankheitswert oder hat es symptomatischen Charakter?

    Eine sehr interessante Frage für den Heilpraktiker Psychotherapie.

    Zunächst einmal könnten wir uns fragen, welchen Zweck homophobes Verhalten erfüllt. Betrachten wir noch einmal die Gruppe der Jugendlichen, die ein homophobes Verhalten zeigen.

    Die Ausgrenzung von Menschen mit anderen sexuellen Vorlieben dient dazu, sich der eigenen sexuellen Identität zu versichern und diese überdeutlich zu formulieren:
    Seht her, ich bin ein Mann. Er dort ist keiner.
    Beziehungsweise:
    Ich bin eine Frau und akzeptiere das Rollenmodell, das die Männerwelt mir zugesteht.
    Sie dort tut es nicht.

    Eine solche soziologische Erklärung klingt erst einmal schlüssig.

    Doch dann dürfte eine homophobe Haltung nicht nur unter Heranwachsenden zu finden sein? Denn ein Erwachsener ist sich seiner sexuellen Ausrichtung doch sicher, oder etwa nicht?

    Dazu gibt es ein ausgesprochen faszinierendes Experiment der Universität im amerikanischen Georgia. Bei diesem Experiment schauten homophobe Männer Videos, in denen homosexuelle Handlungen gezeigt wurden. Diese homophoben Männer wurden dadurch stärker erregt als nicht homophobe Männer.

    Besonders interessant dabei: Alle Teilnehmer der Studie hatten sich selbst als eindeutig heterosexuell bezeichnet.

    Eine solche Reaktion nennt man Abwehr. Doch was bedeutet das nun genau?

    Homophobie kann unter anderem dadurch erklärt werden, dass manche Männer ihre eigenen, unbewussten homosexuellen Regungen ablehnen.
    Die Homophobie wäre dann eine Art Schutzreaktion, um sich nicht mit seiner eigenen Sexualität auseinander setzen zu müssen.

    Bei jener Abwehreaktion muss man sich allerdings fragen, was durch die Homophobie eigentlich genau abgewehrt wird. Und hier schließt sich der Kreis: Während Jugendliche sich ihrer Sexualität dadurch bewusst werden, dass sie sich klar abgrenzen, verleiht die Homophobie Erwachsenen ein Selbstbewusstsein:

    Sehr her, ich habe zwar eine Menge Probleme, aber immerhin bin ich ein ganzer Mann.
    Das beweise ich euch dadurch, dass ich alles Unmännliche verabscheue.

    Das Wort „schwul" als Schimpfwort bezeichnet dann nicht so sehr eine sexuelle Orientierung, sondern eine gesellschaftliche Rolle.

    In der Vergangenheit schien das homosexuelle Verhalten ein beständiger Angriff auf die traditionelle Familie zu sein. Das darin vermittelte eindeutige Rollenverhalten musste unbedingt eigehalten werden.

    Aus genau diesem Grund wird auch die Ehe eines homosexuellen Paares so scharf kritisiert: Hinter dem Hickhack um die Familie als Keimzelle des Staates steckt nichts anderes als die Angst davor, als heterosexueller Mann in einem Lebensstil gefangen zu sein, aus dem es keine Befreiung gibt.
    Also lehne ich jeden Menschen ab, der mir diese Mischung aus Zuflucht und Gefängnis streitig macht.

    Fasst man die geschilderten Symptome nun zusammen, so erscheint die Homophobie als genau das, was der Name bezeichnet: eine isolierte Phobie, welche die ICD-10 als F40.2 kodiert.

    Da es sich hierbei im Gegensatz zur Homosexualität um eine psychische Störung mit Krankheitswert handelt, existieren auch Möglichkeiten der Behandlung: in Frage kommen hierzu vor allem verhaltenstherapeutische Maßnahmen, wie die oben bereits erwähnte Systematische Desensibilisierung.

    Der von Homophobie betroffene Patient erlebt zunächst eine starke vegetative Angstreaktion, merkt jedoch nach einer Weile, dass die Angstsymptome nachlassen und er wieder einen klaren Kopf bekommt.

    Zum Schluss noch ein Hinweis: Es gibt in sehr vielen Städten Rosa Telefone, um betroffene Menschen und Angehörige zu beraten. Die Beratung erfolgt anonym.

    Die meisten haben bundeseinheitlich die Nummer 19446.

    Leider noch wichtiger: In einigen Städten gibt es auch sogenannte Überfalltelefone für Opfer antihomosexueller Gewalt.

    Die meisten haben bundeseinheitlich die Nummer 19228.

    Ich hoffe ich konnte Euch einige neue Informationen und Ideen zu unserem Thema vermitteln.

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    Bevor ich endgültig zum Ende komme, möchte ich euch nochmal an mein Video erinnern: ihr findet es auf meiner Website „pruefungsdoping.de“ — oben rechts, der türkise Button.

    Wenn Ihr wollt, hören wir uns nächsten Woche wieder.
    Dann mit dem Thema Analphabetismus.

    17 min
  • Die schriftliche Prüfung bestehen!
    So geht’s: Die schriftliche Prüfung vor dem Gesundheitsamt bestehen.

    Mitten in Köln an prominenter Stelle direkt am Neumarkt steht das Gesundheitsamt, ein einschüchternder düsterer Bau. Für viele Heilpraktiker ist dieser Ort etwas angstbesetzt. Denn die Prüfung wird vom zuständigen Gesundheitsamt organisiert und zumindest in Köln finden die mündlichen Prüfungen auch dort statt. Grund genug sich in dieser Folge einmal etwas genauer mit dieser Prüfung zu beschäftigen.

    Um in Deutschland psychotherapeutisch tätig zu sein, gibt es grundsätzlich zwei Wege. Der erste und auch der bekannteste Weg, ist der durch ein Studium. Zum Beispiel durch ein Medizin- oder Psychologiestudium mit anschließender Approbation als Arzt oder als Psychologischer Psychotherapeut.

    Ein psychologischer Psychotherapeut durchläuft nach seinem abgeschlossenen Psychologiestudium eine meist dreijährige Ausbildung. Zum Zwecke der deutlichen Unterscheidung dürfen sich nur Psychologische Psychotherapeuten auch so nennen.

    Der zweite Weg um psychotherapeutisch tätig zu sein, ist der, den Ihr gewählt habt: Ihr habt vor durch eine Prüfung vor dem zuständigen Gesundheitsamt die Erlaubnis zur "Ausübung der Heilkunde beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie" zu erlangen.

    Interessanterweise musste die oder der angehende Heilpraktiker Psychotherapie in der Vergangenheit — im Gegensatz zu einem Psychologischen Psychotherapeuten — in keinem psychotherapeutischen Verfahren ausgebildet worden sein.

    Ganz wichtig: das gilt nur für die Prüfungen in der Vergangenheit. Und auch nicht in allen Bundesländern. Außerdem hat es den Anschein, als ob sich hier bald einiges ändern könnte.

    Tatsächlich waren die therapeutischen Verfahren hinsichtlich ihrer psychologischen Grundlagen und Theorien immer Gegenstand der schriftlichen, als auch der mündlichen Prüfung.

    Seit mehreren Jahren schon werden die Prüflinge jedoch nicht mehr nur nach einzelnen therapeutischen Verfahren befragt. Die Prüfungskomission erwartet auch, dass sie sich zumindest entschieden haben, in welchem Verfahren sie sich ausbilden lassen wollen. Oder nach welchem Verfahren sie nach bestandener Prüfung ihre Patienten behandeln wollen.

    Hier gilt jedoch das alte Wort: andere (Bundes)länder, andere Sitten.

    Der Landkreis Karlsruhe in Baden-Württemberg beispielsweise, verlangt seit 2017 bereits zur Anmeldung Nachweise über erlernte psychotherapeutische Verfahren.

    Natürlich ist es schwierig aus den Gepflogenheiten des Gesundheitsamtes Karlsruhe Aussagen über andere Gesundheitsämter zu machen, doch meines Erachtens kündigt sich hier ein Trend an: In Zukunft werden Fragen zum Therapieverfahren und die entsprechenden Anforderungen an die Prüflinge einen immer größeren Stellenwert einnehmen.

    Ich empfehle Euch also dringend, dass ihr Euch um entsprechende Qualifizierungen oder Erfahrungen bemüht.

    Ganz gleich für welches Verfahren Ihr Euch entscheidet, Eure Berufsbezeichnung muss eindeutig sein und darf nicht "Psychotherapeut" lauten.
    Mögliche rechtlich gesicherte Bezeichnungen lauten
    — „Heilpraktiker beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie"
    — „Heilpraktiker für Psychotherapie" oder
    —„ Heilpraktiker (Psychotherapie)"

    Für den Heilpraktiker (Psychotherapie) existieren natürlich noch verschiedene weitere gesetzliche Vorschriften, zum Beispiel die Berufsordnung für Heilpraktiker.

    Dieses Wissen ist natürlich prüfungsrelevant. Ihr braucht es nicht nur zur Anmeldung, sondern Ihr könnt auch in der Prüfung danach gefragt werden.

    Schauen wir uns als nächstes die Prüfung an sich etwas genauer an.

    Sie besteht aus zwei Teilen: der schriftlichen und der mündlichen Prüfung.

    Die schriftliche Prüfung findet ungefähr 4 Wochen vor den mündlichen Prüfungen statt. Und das Bestehen der schriftlichen Prüfung ist die Voraussetzung für die Zulassung zur mündlichen Prüfung. Obwohl viele die mündliche Prüfung für den schwierigeren Teil halten, ist es also wichtig, die schriftliche Prüfung zu bestehen.

    Was kommt also ganz genau in der schriftlichen Prüfung auf euch zu?

    Klären wir erst einmal ein paar Rahmenbedingungen:

    Bevor ich zu den Details kommte, ist es für euch wichtig zu wissen, dass wir hier die Prüfungen der Vergangenheit besprechen. Es kann natürlich jederzeit sein, dass die Prüfungen verändert werden.

    Aber kommen wir jetzt erstmal zu den Details der letzten Prüfungen:

    In der schriftlichen Prüfung habt ihr eine Stunde Zeit, um 28 Fragen zu beantworten. Ihr müßt dabei keine Aufsätze schreiben — die richtigen Antworten sind bereits vorgegeben.
    Natürlich im Rahmen von Multiple Choice Antworten — ihr müßt die richtige Antwort also „nur“ noch ankreuzen.
    Und wer von euch schon einmal Multiple Choice Tests gemacht hat, wird wissen: es gibt einfache und schwere Multiple Choice Tests. Und die schriftliche Prüfung ist leider ein eher schwerer Test.

    Es gibt drei Arten von Fragen:

    — die Einfachauswahl
    — die Mehrfachauswahl und
    — die Antwortkombination

    Die Einfachauswahl ist der simpelste Fragentyp:

    Ihr bekommt eine Frage gestellt und ihr seht mehrere Antworten dazu. Von diesen Antworten ist eine Antwort richtig. Idealerweise kennt ihr natürlich die richtige Antwort.
    Diese könnt ihr dann ankreuzen und damit seid ihr mit dieser Frage durch.

    Falls ihr die richtige Antwort nicht kennt, könnt ihr bei diesem Fragentyp recht gut durch das Ausschlußverfahren zum Ziel kommen. Das heißt, wenn ihr schon die richtige Antwort nicht kennt, erkennt ihr vielleicht die falschen Antworten. Und die Antwort, die übrig bleibt wenn ihr alle falschen Antworten ausschließt, muß dann die richtige sein.

    Bevor ich zu den beiden anderen Arten von Fragen komme, möchte ich euch noch kurz von meinem Video erzählen. Ich habe mir nämlich die Fragen der aktuellen schriftlichen Prüfung besorgt und ungefähr 10 davon in einem Video für euch beantwortet.

    Ich gehe in diesem Video auch nochmal ganz genau auf die verschiedenen Fragentypen ein und bespreche mit euch, auf welche Signalwörter ihr in den Aufgabenstellungen der schriftlichen Prüfung achten müßt.
    Ihr findet das Video auf meiner Website „pruefungsdoping.de“ — rechts oben gibt es einen türkisfarbenen Button. Dort bitte draufklicken, dann könnt ihr euch das Video runterladen.

    Aber schauen wir uns erstmal den nächsten Fragentyp an, die Mehrfachauswahl.

    Dieser Fragentyp ist so ähnlich wie die Einfachauswahl, nur dass in diesem Fall mehr als eine Antwort richtig ist. Ihr müßt also mehr als eine richtige Antwort erkennen.
    Und noch ein wichtiger Hinweis: in der Vergangenheit war es so, dass ihr fünf Antworten zur Auswahl bekommen habt. Und von diesen fünf Antworten waren immer zwei Antworten richtig.
    Dass heißt natürlich nicht, dass sich dieses Schema in der Zukunft nicht ändern könnte — aber, Entwarnung: am Ende der Frage steht, wieviele Antworten ihr ankreuzen dürft.

    Ihr fragt euch jetzt vielleicht, woran ihr die unterschiedlichen Fragentypen erkennen könnt. Ich kann wieder Entwarnung geben: es steht über jeder Aufgabe darüber, um welchen Fragentyp es sich handelt.

    Schauen wir uns als nächstes den Fragentyp „Auswahlkombination“ an. Dieser Fragentyp ist auf den ersten Blick etwas komplizierter und umständlicher als die anderen Fragentypen. Idealerweise kennt ihr natürlich die richtigen Antworten, falls nicht, kann euch die richtige Taktik auch hier weiterhelfen.

    Also: Bei der Auswahlkombination habt ihr wieder fünf Antworten zur Auswahl. Von diesen Antworten können eine, zwei, drei, vier oder alle fünf Antworten richtig sein.
    Und jetzt kommt der Kniff dieses Fragentyps: ihr kreuzt nicht einfach nur die richtigen Antworten an. Ihr müsst die richtige Kombination von richtigen Antworten aus wiederum 5 Möglichkeiten ankreuzen.
    Was bedeutet das genau?
    Ihr bekommt als Antwort zum Beispiel folgendes zur Auswahl:
    A — nur die Aussagen 1 und 5 sind richtig
    oder
    B — nur die Aussagen 4 und 5 sind richtig
    oder
    C — nur die Aussagen 2, 3 und 4 sind richtig
    und so weiter.

    Wenn ihr wißt, dass Antwort 5 garantiert falsch ist, könnt ihr alle Antwortkombinationen, in denen Antwort 5 vorkommt, direkt schonmal ausschließen. Wenn ihr dann auch noch ein paar richtige Antworten erkennt, seid ihr schon am Ziel.

    Wenn ihr mehr zu diesem Fragentyp erfahren wollt, empfehle ich euch an dieser Stelle nochmal mein Video. Dort gehe ich natürlich auf diesen Fragentyp nochmal ganz genau ein. Und ich beantworte ungefähr 10 Fragen aus der aktuellen schriftlichen Prüfung ganz ausführlich.

    Ihr findet das Video auf meiner Website „pruefungsdoping.de“ — rechts oben gibt es einen türkisfarbenen Button. Dort bitte draufklicken, dann könnt ihr euch das Video herunterladen.

    Das wars erstmal für heute. In einer der nächsten Folgen bespreche ich die mündliche Prüfung für euch. Bis dahin, tut ihr mir einen Gefallen? Abonniert meinen Podcast, vielen Dank. Und wenn ihr jemanden kennt, den dieser Podcast interessieren könnte -- empfehlt mich gerne weiter. Ich würde mich freuen.

    In diesem Sinne komme ich zum Ende. Wenn Ihr wollt, hören wir uns nächste Woche wieder, dann mit dem Thema Homosexualität.

    10 min
  • Abstinenzregel
    Die Abstinenzregel in Beratung und Therapie

    Die Abstinenzregel in Beratung und Therapie

    In der heutigen Folge geht es um die so genannten Abstinenzregeln und ihre Bedeutung für die Beratung und die Therapie. Um sich diesem Thema einmal nicht zu theoretisch zu nähern, möchte ich heute mit einer persönliche Erfahrung anfangen.

    Im Rahmen meines Studiums zum Mediator mussten wir immer wieder Fälle vorstellen, in denen wir bereits selbständig Konflikte geschlichtet hatten.

    Als es an mir war einen Fall vorzustellen, berichtete ich von einem Konflikte in der KiTa meiner Tochter. Die Einzelheiten der Angelegenheit sind natürlich vertraulich. Aber ich kann soviel sagen, dass es sich dabei um eine Mediation im Arbeitsrecht handelte: Ein Mitarbeiter hatte mit Kündigung gedroht. Durch die Mediation gelang es, die Sache ins Reine zu bringen und er blieb der KiTa erhalten.

    Alle Beteiligten — inclusive mir — waren mit dem Ergebnis zufrieden. Doch während der Supervisionsrunde warf man mir vor, dass ich nicht selbstlos und unbeteiligt an den Konflikt heran gegangen wäre. Ganz im Gegenteil, der Vorwurf lautete, dass ich zielgerichtet vorgegangen wäre, da ich ja selbst von der erarbeiteten Konfliktlösung profitiert hätte.

    Ich war erstaunt und mir keiner Schuld bewusst, doch die Argumentation war nicht ganz unbegründet: Wenn der Mitarbeiter gegangen wäre, wäre in der KiTa ein personeller Engpass entstanden.

    Darunter hätte möglicherweise meine Tochter und damit ich selbst auch gelitten.
    Indem ich also die vorliegende Lösung erarbeitet habe, habe ich nicht nur die Interessen der Konfliktparteien im Auge gehabt, sondern auch meine eigenen Interessen vertreten.

    Diese Argumentation brachte mich ins Grübeln.

    Wo beginnt das Eigeninteresse und wo hört es auf?
    Und steckt in jeder Handlung nicht immer auch ein Fünkchen Eigeninteresse?
    Und wo beginnt oder endet das Eigeninteresse in meiner Tätigkeit als Gesprächstherapeut?

    Genau diese Fragen wollen wir in der heutigen Folge beantworten.

    Denn auch bei der so genannten Abstinenzregeln geht es um das Abwägen von eigenen und fremden Interessen. Aber klären wir erstmal, was „Abstinenz“ eigentlich bedeutet.

    Und nun zurück zum Thema:

    Der Begriff Abstinenz bedeutet eigentlich „Enthaltung“ oder „Verzicht“. Den Begriff kennt wohl jeder im Zusammenhang mit der katholischen Kirche. Man spricht dort von sexueller Abstinenz, also dem bewussten Verzicht auf sexuelle Betätigung. Jemand der auf den Konsum von Alkohol verzichtet, wird ebenfalls häufig als Abstinenzler bezeichnet.

    Im Rahmen der Psychotherapie wird der Begriff der Abstinenz sowohl auf den Patienten, als auch auf den Therapeuten angewendet. Schauen wir uns das mal etwas genauer an:

    Auf den Patienten bezogen bedeutet Abstinenz, dass der Therapeut dem Klienten bestimmte Handlungen verbieten muss, die den therapeutischen Erfolg gefährden könnten.

    Was bedeutet das konkret?

    Der Therapeut darf beispielsweise nicht auf Forderungen des Patienten eingehen, die die unmittelbare therapeutische Beziehung übersteigen. Er darf zum Beispiel keine Auskünfte über die eigene Person geben, weil der Therapeut dadurch seinen neutralen Status verlieren könnte.
    Ein Therapeut ist kein anteilnehmender Freund. Sie ist vielmehr eine neutrale Fachfrau, die sich dem Patienten ohne Vorbehalte und ohne eigene Interessen widmet.

    Der Patient darf auch nicht in Versuchung kommen, sich über die therapeutische Situation zu erheben. Er darf zum Beispiel nicht anfangen, die Therapie von außen betrachten zu wollen. Denn das ist der erste Schritt dazu, sich selbst therapieren zu wollen. Und eine Selbst-Therapie funktioniert leider nicht.

    Narzistische Bedürfnisse des Patienten können sich auch in Form von erotischen Interessen an dem Therapeuten oder der Therapeutin äußern. Diese erotischen Interessen in aller Deutlichkeit zu verweigern, gehört ebenfalls zu der Abstinenzregel. Erotische Beziehungen zwischen Patient und Therapeut sind absolut tabu!

    Hin und wieder kann es auch vorkommen, dass der Patient anbietet das vereinbarte Honorar zu erhöhen. Auch hier greift die Abstinenzregel: Einerseits würde die therapeutische Neutralität verletzt, andererseite könnte der Patient hierdurch glauben, dass ihm von nun an ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit zustünde.

    Schauen wir uns als nächstes die Abstinenzregel aus der Sicht des Therapeuten an:

    Im Hinblick auf dem Therapeuten wiederum gelten natürlich ebenfalls Einschränkungen:
    Auch der Therapeutin sind bestimmte Abstinenzen verordnet, die bei Nichteinhaltung dem Patienten schaden und rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen können.
    Grundsätzlich ist dem Therapeuten die Befriedigung aller persönlichen Bedürfnisse verboten:
    An erster Stelle steht hier die Befriedigung sexueller oder sinnlicher Bedürfnisse.
    Tatsächlich ist eine Therapie zumindest phasenweise ein ungeheuer intimer Vorgang. In den meisten Fällen sind Therapeuten und Patienten hierbei allein. Die Intimität der Situation kann dann schnell mit einer erotischen Situation verwechselt werden.

    In Deutschland kann ein Psychotherapeut, der sich darüber hinwegsetzt, nach § 174c Abs. 2 StGB bestraft werden. Ich möchte den Paragraphen an dieser Stelle wörtlich zitieren, da er nicht nur für psychologische Psychotherapeuten, sondern auch für Heilpraktiker Psychotherapie sehr relevant ist:

    § 174c

    Sexueller Missbrauch unter Ausnutzung eines Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnisses
    (1) Wer sexuelle Handlungen an einer Person, die ihm wegen einer geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung einschließlich einer Suchtkrankheit oder wegen einer körperlichen Krankheit oder Behinderung zur Beratung, Behandlung oder Betreuung anvertraut ist, unter Missbrauch des Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnisses vornimmt oder an sich von ihr vornehmen läßt, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.
    (2) Ebenso wird bestraft, wer sexuelle Handlungen an einer Person, die ihm zur psychotherapeutischen Behandlung anvertraut ist, unter Missbrauch des Behandlungsverhältnisses vornimmt oder an sich von ihr vornehmen läßt.
    (3) Der Versuch ist strafbar.

    Was das heißt das in „normales“ deutsch übersetzt?

    Ganz konkret:
    — sexuelle Handlungen sind zwischen Therapeut und Patient verboten.
    — auch einvernehmliche sexuelle Handlungen sind verboten. Es spielt also keine Rolle, ob der Patient an einem sexuellen Kontakt mit dem Therapeuten interessiert ist. Der Kontakt ist in jedem Fall verboten.
    — auch der Versuch ist verboten und strafbar.

    Nehmen wir aber einmal an, dass sich Therapeut und Klient trotz aller therapeutisch notwendigen Distanz und rechtlicher Bedenken ineinander verlieben und privaten Kontakt aufnehmen wollen.

    In einem solchen Fall muss die Therapie sofort abgebrochen werden. Zusätzlich sollte noch mindestens en Jahr vergehen, bis eine solche Beziehung ethisch zu rechtfertigen wäre. Das sagt zumindest die „Pschyrembl Psychiatrie“ — das Standardwerk der therapeutischen Praxis.

    Diese Jahresfrist gilt übrigens auch für rein freundschaftliche Kontakte ohne sexuelle Interessen.

    Neben der sexuellen und freundschaftlichen Abstinenz während der Therapie sollten auch sämtliche anderen familiären oder geschäftlichen Kontakte vermieden werden.

    Aus meiner eigenen Praxis kann ich auch hierfür ein Beispiel geben: Als ich neben meiner Praxis noch als Lehrer gearbeitet hatte, habe ich einmal einen Kollegen als Patienten angenommen. Wir hatten beruflich kaum Kontakt und sind uns im Alltag fast nie begegnet. Daher waren wir beide davon ausgegangen, dass diese Therapie kein Problem sein würde.

    Tatsächlich stellte sich jedoch bald heraus, dass uns beiden der erforderliche Wechsel zwischen der kollegialen und der therapeutischen Rolle nicht gelang, so dass wir die Therapie nach kurzer Zeit wieder abbrechen mussten.

    Aus ähnlichen Gründen verbietet sich auch ein therapeutisches Verhältnis innerhalb der Familie oder des Freundeskreises. Wenn Ihr Eurer Familie oder Euren Freunden etwas Gutes tun wollt, so empfehlt Ihnen einen fähigen Kollegen, aber macht es nicht selber.

    Ein solches therapeutisches Verhältnis ist immer zum Scheitern verurteilt und schafft mehr Probleme als es lösen könnte.

    Zu der Abstinenzregel gehört auch jedes weitere Interesse des Therapeuten an seinem Patienten. Denn die Beziehung zum Patienten muss von einer größtmöglichen Professionalität geprägt sein.

    Hierzu gehört selbstverständlich der verantwortungsvolle Umgang mit den Daten des Patienten und natürlich die Einhaltung der Schweigepflicht. Beides sollte dem Patienten im Rahmen eines Behandlungsvertrages und einer Datenschutzerklärung zugesichert werden.

    Zu einem solchen professionellen Umgang gehört auch, dass der Therapeut die Informationen, die er von seinen Patienten erhält, absolut vertraulich behandelt. Und auch nicht anonymisiert weitergibt. Zum Beispiel, in dem er sie für launige Partygespräche mißbraucht.

    Denn selbst wenn dieses anonymisiert geschieht, schadet der Therapeut damit gleich mehreren:
    — sich selbst
    — seinem ganzen Berufsstand und
    — Menschen, die eine Therapie erwägen, sich aber dagegen entscheiden, weil sie nicht als die nächste Party-Anekdote enden wollen.

    Hier nun kommen wir zum schwierigsten Bereich der Abstinenzregel, nämlich die Motivation des Therapeuten oder der Therapeutin selbst.

    Tatsächlich gibt es die unterschiedlichsten Gründe sich für die therapeutische Arbeit zu entscheiden. Sicherlich liegt einer solchen Berufswahl in den meisten Fällen Altruisimus und ehrliche Menschenliebe zugrunde: Man möchte helfen.

    Manche angehenden Therapeuten sind von den Abgründen des Menschen fasziniert. Man darf jedoch nicht übersehen, dass ein Therapeut über eine gewisse Macht verfügt, die er zum Wohl des Patienten oder zu eigenen Interessen einsetzen kann.

    Hierzu gehören sicherlich die oben erwähnten sexuellen Übergriffe. Doch auch das bloße Bewusstsein gebraucht zu werden und eine wichtige Rolle im Leben eines anderen Menschen zu spielen, kann das Ego streicheln.

    Daher sollte jeder, der therapeutisch arbeiten möchte, die Supervision nutzen, um sich der eigenen verborgenen Motive bewusst zu werden.

    Schließlich gehört zur Abstinenz auch der Umgang mit dem Honorar. Grundsätzlich wird dies im Behandlungsvertrag festgesetzt. Dort sollte man auch Regelungen zu Ausfallhonoraren und Zahlungsweisen nachlesen können.

    Eine willkürlich Erhöhung oder Minderung des Honorars sollte vermieden werdne, denn es kann bei den Patienten zu Überinterpretationen führen. Kurz gesagt: ein guter Zaun macht einen guten Nachbarn und ein guter Behandlungsvertrag macht ein gutes Therapeut-Patienten-Verhältnis.

    Kommen wir am Schluss noch einmal auf die eingangs beschrieben Situation in der KiTa meiner Tochter zurück. Zwar bin ich dort nicht als Therapeut tätig gewesen, aber trotzdem hatte ich eine beratende Funktion erfüllt. Habe ich nun gegen eine der hier beschriebenen Abstinenzregeln verstoßen?

    Genau genommen hätte ich als Vater eines Kita-Kindes dort nicht als Berater arbeiten dürfen. Denn gegen das Verbot des Rollenwechsels habe ich bestimmt verstoßen. Also, es wäre besser gewesen, ich hätte einen Kollegen empfohlen, als die Beratung selbst durchzuführen.

    Ich habe dieses Beispiel bewusst gewählt, weil ich Euch zeigen wollte, wie schwierig es sein kann, die Abstinenzregeln in jeder Situation zu bedenken und danach zu handeln.

    Im Zweifelsfall, lieber noch einmal darüber nachdenken und ggfls einen Kollegen empfehlen, denn die Abstinenzregel ist ein ethisches Gebot. Zu eurem Schutz und zum Wohl eurer Patienten.
    Und das sollte man nicht vergessen.

    14 min

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