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Podcast Folge 16 - Harvey Weinstein
Aus aktuellem Anlass möchte ich mich in dieser Woche ein wenig mit dem Fehlverhalten von Harvey Weinstein beschäftigen. Und in wiefern auch der Heilpraktiker Psychotherapie hiervon betroffen sein könnte.
Ein Grundsatz der Strafrechtes besteht darin, dass es keine Vorverurteilungen geben darf. Wir alle wissen nicht, was Herr Weinstein getan hat, oder nicht getan haben. Deswegen werde ich mich hier auch nicht weiter über die eigentliche Anklage auslassen. Hoffen wir, dass der Prozess zu einer gerechten Einschätzung seiner Taten und einem gerechten Urteil führt. Haben wir vertrauen in die Justiz.
In der Vergangenheit waren unsere Geschlechterbilder noch stark von der Unterteilung in ein schwaches und ein starkes Geschlecht bestimmt. Die Ursachen dieser patriarchalen Sichtweise liegt vor allem im Christentum begründet, das die Frauen ausschließlich auf ihre Möglichkeit reduziert Mutter zu werden. Frauen unterstanden den Männern und es gab eine Verfügungsgewalt über ihre Körper, je nachdem welche soziale Rolle eine Frau einnahm. So wurden Mädchen bzw. deren Jungfräulichkeit von ihren Familien geschützt. Durch die Heirat wurde die Rolle der schützenden Familie von einem Ehemann übernommen. Einerseits wurde eine Frau hierdurch weiterhin vor den Zugriffen anderer Männer geschützt, doch andererseits war sie bzw. ihr Körper ihrem Ehemann mehr oder weniger ausgeliefert. Hatte sie Glück war die Verbindung durch bleibenden liebevollen Respekt gekennzeichnet. Hatte die Frau Pech, sah der Ehemann den Körper seiner Frau als sein Eigentum an und die Sexualität wurde vor allem von diesem bestimmt und gestaltet um es einmal vorsichtig auszudrücken. Die Vergewaltigung und der Ehebruch wurden als ernstes Vergehen verstanden und nicht selten mit dem Tod bestraft. Vergewaltigung und Ehebruch verletzten einerseits die patriarchale Verfügungsgewalt des Ehemannes über den Körper seiner Frau. Wichtiger jedoch noch stellte ein solches Verbrechen die Sicherheit der Vaterschaft in Frage: Bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein galt der römische Rechtsgrundsatz: Nur die Mutter ist sicher. Um als Mann sicher zu sein, das mein Kinder wirklich von mir gezeugt werden, muss ich mir der sexuellen Treue meiner Ehefrau versichern. Ich schrecke also den außerehelichen Verkehr, ob freiwillig oder unfreiwillig durch drakonische Strafen ab.
Im Zuge der Emanzipationsbewegung seit den 1970er Jahren versuchte man neben vielem anderen auch das Recht auf die eigene Sexualität in der Ehe bzw. die Verfügung über den eigenen Körper neu zu regeln. Früh schon kam der Vorschlag auf neben der Straftat der Vergewaltigung auch den Straftatbestand der Vergewaltigung in der Ehe, also durch den Ehemann einzuführen. Aus dem Entsetzen, den dieser Vorschlag im damals noch männlichen dominierten Justizwesen auslöste, können wir im Nachhinein zwei Erkenntnisse gewinnen: Erstens den, dass die sexuelle Verfügbarkeit von Frauen immer nur als ein Problem außerhalb der Ehe verstanden wurde und zweitens dass man dem Ehemann nicht nur die Verfügbarkeit über den Körper gestattet, sondern auch davon ausging, dass die eheliche Sexualität per Definition immer liebevoll und achtsam ist. Beide Vorstellungen sind selbstverständlich naiv und aus heutiger Sicht schüttelt man hierüber ungläubig den Kopf. Tatsächlich finden Vergewaltigungen ja vornehmlich im sozialen Nahbereich statt, also innerhalb der erweiterten Familien. Der böse Onkel vom Spielplatz ist also eher ein Mythos, der davon ablenkt, dass die eigentliche Gefahr von einem tatsächlichen Verwandten ausgeht. Die Familie stellt also keinen Schutz vor dem sexuellen Übergriff dar: Im Gegenteil: Im Schutz der Familie wurden sexuelle Übergriffe unsichtbar vor den Augen der Öffentlichkeit begangen und nach wie vor werden die Täter geschützt. Kommen wir nun zur sexuellen Belästigung.
Als problematisch erweist sich häufig die Bewertung der sexuellen Belästigung. Wo fängt sie an, wo hört sie auf?
Auch über sexuelle Belästigungen wurde früher weitgehend hinweggesehen. Der berühmte Klaps auf den Po der Sekretärin, andere Formen der Berührung oder anzügliche Bemerkungen wurden von Frauen früher am Arbeitsplatz meist hingenommen. Männer sind so, ändern kann man sie nicht. Die Frau, die sich gegen sexuelle Belästigungen wehrte, wurde als frigide oder bestenfalls unerfahren diffamiert, wobei letzteres das Interesse der Männer noch mehr weckte. Auch hier gilt: Der einzige Schutz vor sexueller Belästigung schien die Ehe zu sein.
Heutzutage reagiert man auf sexuelle Belästigungen weit weniger gelassen, wenn sich auch hier jedoch kulturelle Differenzen sehr deutlich zeigen lassen: Vor allem in Amerika reagiert man heutzutage sehr empfindlich auf sexistische und rassistische Übergriffe. Dieses grundsätzlich richtige Verhalten gemäß der so genannten „Political Correctness" kann jedoch leicht auch hysterische Züge annehmen. Eine Frau nur zu lange anzusehen kann dem ungläubigen Nicht-Amerikaner bereits den Vorwurf der sexuellen Belästigung eintragen. Problematisch ist dieses vor allem deswegen, weil es keine allgemein verbindliche Definition der sexuellen Belästigung gibt. Dieser Umstand schwächt die Rechtssicherheit des Mannes außerordentlich, den der objektive Straftatbestand liegt in der subjektiven Betrachtung des Opfers.
Interessant werden diese Überlegungen im Fall Weinstein deswegen, weil doch auch ein Hollywoodproduzent die diesbezüglich angespannte Atmosphäre in seinem Land kennt und das Verbot der sexuellen Belästigung selbstverständlich auch. Wie konnte also es also zu der Fülle von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen kommen und warum blieb der Täter so lange unbehelligt. Tatsächlich fanden die Übergriffe Weinsteins wenn auch hinter verschlossenen Türe doch in aller Öffentlichkeit statt: jeder wusste es, doch niemand hat sich deswegen über Gebühr aufgeregt. Offenbar kommt hier das uralte Phänomen der stillschweigenden Männerbündelei zum Tragen: Für das starke und mächtige Alphatier gelten andere Regeln. Es muss sich nicht so vollkommen dem moralischen Gesetz unterstellen, wie andere Männer dieses tun müssen. Eine gewisse Verfügungsgewalt über Frauen wird ihm zugestanden. Die durch sein Interesse auf diese Weise geadelten Frauen sollten sich eher glücklich schätzen. Und so kommt es, dass sogar Straftaten gegen Frauen im Gespräch unter Männern häufig verharmlost werden: So spricht man in hilfloser Brutalität eben von der Besetzungscouch und nicht von Vergewaltigung. Natürlich wird es Frauen gegeben haben, die sich für eine Rollenzusage von Herrn Weinstein auch freiwillig auf diese Couch legten, doch man muss sich eben fragen, wo beginnt eigentlich die sexuelle Belästigung und letzten Endes die Vergewaltigung: Muss ein Mann wirklich gewaltsam Hand an den Körper einer Frau legen, oder genügt die bloße Tatsache, dass eine solche Couch überhaupt existiert. Natürlich immer gepaart mit dem Wissen, dass der Besitzer dieser Couch einen übergroßen Einflusses in der Filmindustrie hat und ich als angehende Schauspielerin von diesem abhängig bin.
Werfen wir nun einen Blick auf den Täter selbst. Warum vergeht sich eigentlich ein einflussreicher Mann sexuell an so vielen Frauen?
Die Kriminologie weiß seit langem, das bei einer Vergewaltigung nicht der sexuelle Lustgewinn im Mittelpunkt steht, sondern das Gefühl Macht über einen anderen Menschen bzw. dessen Körper auszuüben. Das Spiel mit Macht und Dominanz kann auch im Rahmen einer freiwilligen sexuellen Beziehung durchaus genussvoll sein, darf aber auf keinen Fall hiermit verwechselt werden. Im Falle der Vergewaltigung und der fortgesetzten mehr oder weniger offenen sexuellen Belästigung paart sich die Lust an der Macht häufig mit einer bestimmten Kombination aus Persönlichkeitsmerkmalen, die man auch die dunkle Triade nennt.
Um welche genauen Eigenschaften handelt es sich aber nun?
Menschen mit diesen dunklen Eigenschaften könne nach dem Vorherrschen ihrer jeweiligen Strategien und Handlungsmotive in drei Gruppen eingeteilt werden:
Der eher macchiavellistische Persönlichkeitstyp verfügt über wenig Empathie und verfolgt seine Ziele rücksichtslos, von Gefühlen läßt er sich dabei kaum beeinflussen. Er weiß zwar um die Einschränkungen seiner Person, aber er kennt auch die Werte und Normen der Gesellschaft und erfüllt sie, wenn es ihm opportun erscheint.
Als Filmproduzent besteht sein rücksichtslos verfolgtes Ziel natürlich darin erfolgreiche Filme zu machen, für die er die hollywoodtypischen Frauen benötigt, so gesehen handelt er bei den sexuellen Übergrifflichkeiten gegen seine Interessen. Hinzu kommt also die für die Psychopathologie typische Impulsivität, wir können davon ausgehen, dass die Übergriffe nicht geplant sind, sondern mehr oder weniger spontan stattfinden. Obwohl er die Regeln und Normen der Gesellschaft kennt respektiert er sie nicht, auch wenn die Übergriffe offenbar meist hinter verschlossenen Türen stattfanden.
Ich hoffe ich konnte Euch einige neue Informationen und Ideen zu unserem Thema vermitteln. Tut ihr mir einen Gefallen? Abonniert meinen Podcast, vielen Dank. Und wenn ihr jemanden kennt, den dieser Podcast interessieren könnte – empfehlt mich gerne weiter. Ich würde mich freuen. In diesem Sinne komme ich zum Ende. Wenn Ihr wollt, hören wir uns nächsten Woche wieder, dann mit einer neuen Sendung rund um den Heilpraktiker Psychotherapie und die Vorbereitung zur Prüfung
Mitten in Köln, am Neumarkt steht das Gesundheitsamt. Ein einschüchternder düsterer Bau.
Anfang Januar hatte ich euch ja bereits ein wenig über die schriftliche Prüfung zum Heilpraktiker Psychotherapie erzählt. Falls das Thema relevant für euch ist und ihr die Folge verpaßt haben solltet: Hört sie euch vielleicht nochmal an. Es handelt sich um Folge 12 vom zweiten Januar.
So, jetzt geht es aber los mit dem eigentlichen Thema der heutigen Episode: mit der mündlichen Prüfung.
Nachdem ihr die schriftliche Prüfung bestanden habt, werdet ihr über kurz oder lang zu einer mündlichen Prüfung eingeladen werden. Zwischen der schriftlichen Prüfung und der mündlichen Prüfung können mehrere Wochen liegen.
Wie könnt ihr diese wichtige Prüfung also am besten angehen?
Die erste Frage ist zumeist die nach dem Therapieverfahren, das ihr anbieten wollt. Hier ist es wichtig, dass es sich um ein wissenschaftlich anerkanntes Verfahren handelt. Das heißt eine Therapieform aus dem Bereich der Verhaltenstherapie, der Psychodynamik, der Systemischen Psychologie oder der humanistischen Gesprächstherapie. Im Gegensatz zu Früher erwarten die Prüfungskommissionen heute fundierte Kenntnisse oder sogar eine bereits absolvierte oder begonnene Ausbildung.
Der zweite große Bereich, der die Kommission interessiert, sind eure Fähigkeiten in der Diagnostik — vor allem in der Differenzialdiagnostik. Ihr müsst zeigen, dass ihr sichere Diagnosen in eurem zukünftigen Praxisalltag stellen könnt.
Bevor wir bei diesem zweiten Bereich ins Detail gehen, schauen wir uns den ersten Bereich etwas genauer an:
In Deutschland suizidieren sich jährlich etwa 10.000 Menschen, viele im Zusammenhang mit Substanzmissbrauch, vor allem Alkohol und Benzodiazepine. Abgesehen von den Symptomen des Substanzmissbrauches solltet ihr die beiden Modelle und die jeweiligen Phasen des Präsuizidalen Syndroms kennen. Denn ihr könnt als Heilpraktiker hiervon unmittelbar betroffen sein.
Natürlich sind auch depressionskranke Patienten suizidgefährdet. Ihr solltet also auch hier genaue Kenntnisse der Stufen und Formen der Depression haben.
Die meisten Prüflinge fürchten sich in diesem Bereich am meisten vor der Gesetzeskunde. Tatsächlich ist vor allem das Unterbringungs- und Betreuungsrecht recht kompliziert. Wenn möglich, sucht euch hierfür fachkundige Hilfe. Falls ihr Freunde oder Bekannte habt, die sich damit auskennen — umso besser. Mindestens solltet ihr aber die Gesetzestexte in euren Lehrbüchern sehr genau lesen.
Kommen wir nun zum zweiten Bereich der mündlichen Prüfung:
Da der Prüfungsverlauf nicht immer absehbar ist, möchte ich euch drei allgemeine Tips für die mündliche Prüfung geben:
Erstens: Habt keine Angst vor einem Blackout. Falls es dazu kommen sollte, sprecht es einfach offen aus.
Zweitens: Wenn das Prüfungsgespräch anstelle eines Fallbeispiels eher zu einer reinen Wissensüberprüfung wird, so heißt die Regel: Reden, reden, reden.
Drittens: Versucht zu erahnen, was die Prüfer hören wollen, woran sie denken und kommt ihnen zuvor. Wenn ihr beispielsweise aufgefordert werdet über depressive Erkrankungen zu sprechen, sprecht von euch aus auch die Suizidalität und weitere psychiatrische Notfälle — wie z.B. das Delir — an. Kommt vom Delir auch auf Entzugserscheinungen zu sprechen. Wenn ihr über Rechte und Pflichten des Heilpraktikers zu sprechen kommt, erwähnt auch die Berufsordnungen und geht die Punkte im Einzelnen durch.
Ganz egal, wie der Prüfungsverlauf genau aussehen wird, versucht in der Prüfung kein Quiz zu sehen, sondern eher so etwas wie ein Prüfungsgespräch mit seiner eigenen Dynamik. Versucht euch authentisch zu verhalten und ehrlich und aufgeschlossen zu reagieren.
Nach einer knappen halben Stunde ist die Prüfung vorbei und man wird euch bitten den Raum zu verlassen. Ob ihr bestanden habt oder nicht — das Ergebnis der mündlichen Prüfung wird euch nach einer kurzen Beratung durch die Kommission sofort mitgeteilt.
Das Zeugnis wird euch nach ein paar Tagen zusammen mit der Kostenrechnung für die Prüfung zugeschickt. Wenn ihr eine eigene Praxis eröffnen wollt, müsst ihr hierfür noch einen weiteren Antrag an das Gesundheitsamt stellen, dem meist problemlos statt gegeben wird.
Solltet ihr wider Erwarten die Überprüfung nicht bestehen, könnt ihr innerhalb eines Monats Widerspruch einlegen. Nach frühestens einem halben Jahr könnt ihr die Prüfung wiederholen.
Wie bereits erwähnt, gelten alle hier genannten Einzelheiten für die vergangenen Prüfungen. Bedenkt immer, dass die Gesundheitsämter in der Durchführung der Prüfungen relativ frei sind. Solltet ihr vor kurzer Zeit andere Erfahrungen gemacht haben, schreibt mir gerne ein E-Mail dazu.
Ich hoffe ich konnte euch einige neue Informationen und Ideen zu unserem Thema vermitteln. Tut ihr mir einen Gefallen? Abonniert meinen Podcast, vielen Dank. Und wenn ihr jemanden kennt, den dieser Podcast interessieren könnte -- empfehlt mich gerne weiter. Ich würde mich freuen.
Vermutlich hat bei der einen oder dem anderen von Euch auch ein Buch unter dem Weihnachtsbaum gelegen. Vielleicht sogar eines zum Thema Psychologie oder Psychiatrie? Für viele Menschen sind Bücher immer noch das Medium um neue Informationen aufzunehmen oder sich einfach nur ein paar schöne Stunden zu machen. Für viele Menschen, aber nicht für alle.
Für heute habe ich mir vorgenommen Euch etwas über das Phänomen des Analphabetismus zu erzählen. Wir erfahren etwas über den funktionellen Analphabetismus und die sogenannte Einfache Sprache. Und zum Schluss möchte ich einen Kriminalroman vorstellen, der sich auf überraschende Weise mit diesem Thema auseinandersetzt.
Bleiben wir doch zunächst einmal beim Begriff des Analphabetismus selbst. Was genau bedeutet Analphabetismus? Man unterscheidet hier zunächst zwischen primärem und sekundärem Analphabetismus:
Primärer Analphabetismus bedeutet, dass ein Mensch weder Lesen noch Schreiben kann und es auch nicht gelernt hat. Über die Intelligenz dieses Menschen sagt das zunächst einmal gar nichts aus.
Häufiger kommt in unseren Breiten der so genannte sekundäre Analphabetismus vor. Was bedeutet das genau? Von einem sekundären Analphabetismus spricht man dann, wenn jemand das Lesen und oder Schreiben zwar irgendwann einmal erlernt hat, es aber im Laufe seines Lebens wieder verlernt hat.
Früher kam der sekundäre Analpabetismus hauptsächlich bei älteren Menschen vor. Sie haben in ihrem langen Berufsleben wenig mit geschriebener Sprache gearbeitet und dadurch das Lesen und Schreiben wieder verlernt.
Doch wir lesen auch außerhalb unseres Berufes, könnte man jetzt einwenden. Warum kommt es trotzdem zu dieser Form des Analphabetismus?
Verantwortlich hierfür ist vor allem der Gebrauch elektronischer Medien, wie z.B. Radio und Fernsehen, wodurch zuerst das alltägliche Zeitungslesen überflüssig wurde. Mit der allgemeinen Verfügbarkeit des Telefons wurden auch kontinuierlich weniger Briefe geschrieben und eben auch weniger gelesen.
Diese Phase Schriftverkehrs, für den man ja nun doch lesen können muss, steht jedoch ebenfalls vor dem Ende. Mittlerweile werden auch diese kurzen Texte durch Sprachnachrichten, Videobotschaften und so genannte Emojis ersetzt.
Halten wir nochmal fest: als primäre Analphabeten bezeichnet man Menschen, die niemals lesen gelernt haben. Als sekundäre diejenigen, die es wieder verlernt haben. Beide Begriffe enthalten keine Wertung, sie beschreiben nur eine Tatsache.
Vielleicht habt ihr schonmal den Begriff „funktioneller Analphabet“ gehört. Dieser Begriff ist nicht mehr nur beschreibend — er enthält auch eine Wertung.
Ein funktioneller Analphabet, so die Definition, beherrscht das Lesen nicht so, wie man es erwarten würde. Diese Menschen können theoretisch Lesen. In der Praxis funktioniert es aber nicht wirklich.
Zum funktionalen Analphabetismus gibt es Untersuchungen, die uns aufhorchen lassen:
Diese 6 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren können einzelne Sätze lesen oder schreiben. Zusammenhängende kürzere Texte können sie jedoch nicht verstehen, oder es kommt zu Missverständnissen.
Nun könnte man meinen, dass diese Menschen bestimmt nicht Deutsch als Muttersprache haben. Aber das ist ein Irrtum. Jeder zweite funktionale Analphabet ist deutscher Muttersprachler.
Hat also die Schule versagt? Ja und Nein. Einerseits gelingt es den funktionellen Analphabeten tatsächlich ihre Leseschwächen zu verstecken. Andererseits findet in den Grundschulen erst seit wenigen Jahren wieder eine gezielte Leseförderung statt.
Hinzu kommen Umstände, die aus der Lernpsychologie gut bekannt sind:
Hinzu kommen falsche Belohnungssystems, die sogar in Schulen eingesetzt werden: Das gilt speziell für so genannte Tabletklassen. Das sind Schulklassen, die einen Tabletcomputer anstelle von gedruckten Büchern oder Arbeitsheften verwenden.
Hier werden die Kinder, wenn sie einen Text erfolgreich durchgearbeitet haben, mit Bildern, Tönen, Videoclips oder Spielen belohnt. Der Lerneffekt stellt sich rasch ein: Für ein Kind ist das Lesen keine Freude an sich, sondern mühselige Arbeit, die einen von der echten Verwendung des Tabletts abhält — nämlich dem Konsum von Bildmedien.
Kommen wir zurück in die Gegenwart und fassen wir zusammen: Der funktionelle Analphabetismus kann Resultat eines falschen Schulsystems sein, hinzu kommt aber in jedem Fall der oben beschriebene Medienkonsum und der generelle Verzicht auf das gedruckte Wort.
Umstritten ist im Zusammenhang mit dem Funktionalen Analphabetismus auch die so genannte „Einfache Sprache“.
Die Einfache Sprache formuliert Gedanken in Hauptsätzen, die einen klaren Aufbau zeigen, etwa die Abfolge Subjekt - Prädikat - Objekt. Auf Nebensätze wird weitgehend verzichtet. Die verwendeten Adjektive sind eindeutig. Man verzichtet wo es möglich ist auf Fremdworte. Die einfache Sprache wird hauptsächlich von Behörden und anderen staatlichen Stellen verwendet und richtet sich primär an Menschen mit sekundärem Analphabetismus.
Für Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen oder einem Migrationshintergrund und daher Verständnisschwierigkeiten der deutschen Sprache ist die einfache Sprache ein Segen. Dadurch können sie sich besser über die unterschiedlichsten Anliegen informieren und diese selbst bewältigen. Speziell das so genannte Behördendeutsch war für diese Menschen eine beinahe unüberwindliche Hürde.
Für funktionelle Analphabeten, denen es hauptsächlich an Übung, Gelegenheit oder Lernwillen mangelt, ist sie jedoch eine zweischneidige Sache. Diese Texte in der einfachen Sprache verursachen kaum Mühe und fördern somit die Lesefähigkeiten noch weniger.
Kommen wir nun von den eher soziologischen Überlegungen zu den psychischen Ursachen der Leseschwäche:
Was bedeutet das genau?
Solltet Ihr im Rahmen Eurer praktischen Tätigkeit also einmal mit einer Leseschwäche konfrontiert werden, solltet ihr unbedingt auch das emotionale Umfeld des Kindes berücksichtigen.
Oder ist die Leseschwäche selbst die Folge einer emotionalen Störung? Beispielsweise durch Traumatisierungen, wie die Trennung der Eltern, Gewalterfahrungen oder dem Tod eines nahen Verwandten.
Wenn die emotionalen Probleme durch die Leseschwäche entstehen, müssen den Eltern des Kindes Fördermöglichkeiten, z.B. von Seiten der Schule, angeboten werden. Hierzu gehören — bei einer klaren Diagnosenstellung — auch bestimmte Nachteilsausgleiche im Rahmen der schulischen Leistungsbewertung.
Ist die Leseschwäche jedoch nicht die Ursache, sondern die Folge einer emotionalen Störung, muss zusätzlich zu der erwähnten Leseförderung auch eine psychotherapeutische Begleitung z.B. durch einen Kinder- und Jugendpsychologen erfolgen. Betroffene Eltern sollten sich in jedem Fall an den zuständigen schulpsychologischen Dienst wenden, über den diese Kontakte vermittelt werden können.
Fassen wir zusammen: Der funktionale Analphabetismus eines erwachsenen Menschen kann durch eine kindliche Leseschwäche mit Krankheitswert ausgelöst werden. Er kann aber auch das Produkt einer sozialen oder gesellschaftlichen Geringschätzung des Mediums Buches oder Textes sein.
Grundsätzlich ist jedoch eher das gute alte Buch aus Papier zu empfehlen. Und hier
Kommen wir aber nun zu dem am Anfang versprochenen Kriminalroman mit dem Titel „A Judgement in Stone“ zu deutsch „Urteil in Stein“ von Ruth Rendell aus dem Jahr 1977.
In ihrem Berufsleben als Haushälterin und Pflegerin innerhalb ihrer Familie kommt sie mit Büchern kaum in Kontakt. Das Lesen wird für sie zu einer nutzlosen Beschäftigung und sie entwickelt allerlei Schliche um ihren sekundären und funktionalen Analphabetismus vor Außenstehenden zu verbergen.
In der großartigen Verfilmung des Romanes unter dem Titel „Biester“ deutet Chabrol diesen Konflikt noch intensiver an: In der letzten Szene erschießt die Mörderin überwältigt von ihrer Wut zunächst die Familie und richtet zum Schluss ihre Waffen hilflos auf das Bücherregal: dieses war der eigentliche Feind, den es zu entfernen galt.
Der Roman und seine Verfilmung sind für uns Heilpraktiker Psychotherapie deswegen so aufregend, weil Ruth Rendell auf die Definition des funktionellen Analphabetismus eingeht. Eunice kann nicht in dem Maße lesen, wie es ihr sozialer Kontext erwarten ließe: Sie steht ohnmächtig vor einer Anforderung, die sie nicht erfüllen kann, weil sie die Notwendigkeit nicht einsieht.
Pause
Ich hoffe ich konnte Euch einige neue Informationen und Ideen zu unserem Thema vermitteln.
Vielleicht habt Ihr Euch schon über den Titel der heutigen Sendung gewundert?
Tatsächlich möchte ich mich heute ein wenig mit der Homosexualität beschäftigen.
Homophobie bezeichnet die Feindschaft gegenüber der Homosexualität. Und diese kann für den Heilpraktiker durchaus eine Relevanz haben. Nämlich dann, wenn sie das Symptom einer pathologischen Angst ist — doch dazu später.
Die Homosexualität ist eine sexuelle Spielart des Menschen und als solche zunächst einmal völlig unproblematisch und selbstverständlich ohne jeden Krankheitswert.
Halbwegs aktuelle Zahlen gehen von aus, dass 5 bis 10 % der Gesamtbevölkerung ein sexuelles Verhalten zeigen, dass von der heterosexuellen Mehrheit abweicht. Dazu gehören homosexuelle Männer und Frauen, und die nicht zu unterschätzende Gruppe der Bisexuellen.
Schauen wir zunächst jedoch zurück. Wie wurde die Homosexualität in der Neuzeit wahrgenommen?
Auch wenn das Konzept des "Urnings" zwar einmal wieder die Frau übersieht, war Ulrichs Schritt jedoch wichtig: Das Schwulsein war von nun an kein Verirrung mehr. Sondern es war ein angeborenes Phänomen und deswegen weder heilungsbedürftig noch das Produkt eines falschen Lebensstils.
Nach Ulrich nahm der Sexualforscher Magnus Hirschfeld den Gedanken wieder auf. Er forderte eine gesellschaftliche Anerkennung der angeborenen Homosexualität und damit Straffreiheit. Im damaligen Kaiserreich wurde die homosexuelle Betätigung nämlich bestraft. Damit ist Magnus Hirschfeld ist der Gründervater der politischen Schwulenbewegung in Deutschland.
Einen Rückschritt stellte die Sichtweise der Psychoanalyse auf die Homosexualität dar. 1905 formulierte Sigmund Freud, dass alle Menschen von Geburt an mehr oder weniger bisexuell seien. Erst die Erlebnisse, Traumatisierungen und die Sozialisation in der Kindheit entscheidet darüber, ob ein Junge homosexuell wird.
Freuds Haltung wird bis heute harsch kritisiert, denn tatsächlich scheint sie auf den zweiten Blick weniger liberal als die seiner Vorgänger Hirschfeld und Ulrichs.
Vermutlich tut man Freud mit dieser Interpretation Unrecht, denn er selbst hat sich mehrfach gegen die Pathologisierung der Homosexualität ausgesprochen.
Die weibliche Homosexualität kann auch Freud nicht erklären.
Auf unserer kleinen Zeitreise in die Geschichte der Homosexualität sind wir im dritten Reich angekommen.
Trotz der Einsichten Freuds, wurde die Homosexualität in den Klassifikationen der psychischen Erkrankungen bis in die frühen 1970er Jahre als Krankheit aufgeführt.
Der Gerechtigkeit halber muss man der ICD-10 jedoch zugute halten, dass diese angebliche Erkrankung bereits seit 1968 „umstritten" bezeichnet wurde, so dass die Diagnose vermutlich schon zu dieser Zeit nur noch selten gestellt wurde.
Kleine Überreste dieser Pathologisierung lassen sich jedoch bis heute finden: So klassifiziert die ICD-10 noch immer eine so genannten ich-dystone Sexualorientierung, eingeordnet unter den Persönlichkeitsstörungen als F66.1.
Auch die aktuelle DSM-IV führt als mögliche Diagnose eine „nicht näher bezeichnete sexuelle Störung“, auf, die allerdings ebenfalls das Symptom „andauerndes und ausgeprägtes Leiden an der sexuellen Orientierung“ (302.9) beinhaltet.
Nun konnte man dieses als zu vernachlässigendes Überbleibsel verstehen, aber wie üblich liegt die Tücke im Detail: Besonders auf diese beiden Diagnosemöglichkeiten stützen sich nämlich die so genannten „Konversionstherapien für Homosexuelle" besser bekannt als "Schwulenheilung“.
Vor allem im Umfeld der Verhaltenstherapie, kam früh der Gedanke auf, dass man die falsch gelernte Homosexualität gewissermaßen wieder verlernen kann, um im nächsten Schritt die richtige, also die heterosexuelle Sexualität zu erlernen.
Dieser Vorgang lautet Systematische Desensibilisierung und Aversionstherapie und wird von John Bancroft noch 1978 in einem Sammelband zu Sexuellen Störungen im Detail beschrieben.
Zwar ist das Angebot an Konversionstherapien in unseren Breiten im Laufe der Jahre zurück gegangen, aber sie werde nach wie vor angeboten.
Wer sich einen Film zu diesem bizarren Thema anschauen möchte, dem kann ich den Spielfilm „Der verlorene Sohn" von Joel Edgerton sehr empfehlen. Glücklicherweise mit Happy End.
Weiter geht es mit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts:
Hinzu kamen zoologische Studien, die nachgewiesen haben, dass Homosexualität auch im Tierreich weit verbreitet ist.
Fassen wir den ersten Teil unserer heutigen Folge kurz zusammen: Die Homosexualität ist ein natürliche Spielart der menschlichen Sexualität. Sie ist weder eine Krankheit, noch eine körperliche oder psychische Störung, die man behandeln müsste. Ein so genanntes „Leiden an der sexuellen Orientierung“ kommt zwar hin und wieder vor, aber die Ursachen hierfür sollten eher in anderen Faktoren des Alltagslebens oder der Biographie gesucht werden.
Bevor wir uns im zweiten Teil der heutigen Folge mit der Homophobie beschäftigen, möchte euch auf mein Video aufmerksam machen.
Trotz der vorhin beschriebenen Tatsachen nimmt die Toleranz gegenüber Homosexuellen nicht zu, sondern seit einigen Jahren beständig ab. Machen wir uns doch einmal den Spaß nicht die Homosexualität zu pathologisieren, sondern deren Gegner.
Hierfür müssen wir uns zunächst einige Zahlen anschauen:
Das Outing findet also noch während der Schulzeit statt, was zu einer Konfrontation mit heterosexuellen Mitschülerinnen und Mitschülern führt, die in vielen Fällen nicht angenehm sind.
Nun könnte man einwenden, dass Schüler der 6. Klasse — also im Alter von 11 bis 12 Jahren wohl kaum wissen, was sie da reden. Zumal sie selbst gerade in der Phase der sexuellen Reifung stecken, die ja bekanntermaßen anstrengend und verwirrend ist.
Vergleicht man diese Aussagen mit den Befragungen von Erwachsenen, so kommt man leider zu dem Schluss, dass nicht die Aussagen der Kinder das Problem sind.
Auch wenn die Bevölkerung einer Stadt wie Köln hiervon etwas weniger betroffen sein mag, so nimmt die Homophobie in Deutschland kontinuierlich zu.
Woher stammt dieses feindliche Verhalten? Und besitzt es möglicherweise einen Krankheitswert oder hat es symptomatischen Charakter?
Zunächst einmal könnten wir uns fragen, welchen Zweck homophobes Verhalten erfüllt. Betrachten wir noch einmal die Gruppe der Jugendlichen, die ein homophobes Verhalten zeigen.
Eine solche soziologische Erklärung klingt erst einmal schlüssig.
Dazu gibt es ein ausgesprochen faszinierendes Experiment der Universität im amerikanischen Georgia. Bei diesem Experiment schauten homophobe Männer Videos, in denen homosexuelle Handlungen gezeigt wurden. Diese homophoben Männer wurden dadurch stärker erregt als nicht homophobe Männer.
Eine solche Reaktion nennt man Abwehr. Doch was bedeutet das nun genau?
Bei jener Abwehreaktion muss man sich allerdings fragen, was durch die Homophobie eigentlich genau abgewehrt wird. Und hier schließt sich der Kreis: Während Jugendliche sich ihrer Sexualität dadurch bewusst werden, dass sie sich klar abgrenzen, verleiht die Homophobie Erwachsenen ein Selbstbewusstsein:
Das Wort „schwul" als Schimpfwort bezeichnet dann nicht so sehr eine sexuelle Orientierung, sondern eine gesellschaftliche Rolle.
In der Vergangenheit schien das homosexuelle Verhalten ein beständiger Angriff auf die traditionelle Familie zu sein. Das darin vermittelte eindeutige Rollenverhalten musste unbedingt eigehalten werden.
Fasst man die geschilderten Symptome nun zusammen, so erscheint die Homophobie als genau das, was der Name bezeichnet: eine isolierte Phobie, welche die ICD-10 als F40.2 kodiert.
Da es sich hierbei im Gegensatz zur Homosexualität um eine psychische Störung mit Krankheitswert handelt, existieren auch Möglichkeiten der Behandlung: in Frage kommen hierzu vor allem verhaltenstherapeutische Maßnahmen, wie die oben bereits erwähnte Systematische Desensibilisierung.
Der von Homophobie betroffene Patient erlebt zunächst eine starke vegetative Angstreaktion, merkt jedoch nach einer Weile, dass die Angstsymptome nachlassen und er wieder einen klaren Kopf bekommt.
Zum Schluss noch ein Hinweis: Es gibt in sehr vielen Städten Rosa Telefone, um betroffene Menschen und Angehörige zu beraten. Die Beratung erfolgt anonym.
Leider noch wichtiger: In einigen Städten gibt es auch sogenannte Überfalltelefone für Opfer antihomosexueller Gewalt.
Ich hoffe ich konnte Euch einige neue Informationen und Ideen zu unserem Thema vermitteln.
Und wenn ihr jemanden kennt, den dieser Podcast interessieren könnte — empfehlt mich gerne weiter.
Bevor ich endgültig zum Ende komme, möchte ich euch nochmal an mein Video erinnern: ihr findet es auf meiner Website „pruefungsdoping.de“ — oben rechts, der türkise Button.
Mitten in Köln an prominenter Stelle direkt am Neumarkt steht das Gesundheitsamt, ein einschüchternder düsterer Bau. Für viele Heilpraktiker ist dieser Ort etwas angstbesetzt. Denn die Prüfung wird vom zuständigen Gesundheitsamt organisiert und zumindest in Köln finden die mündlichen Prüfungen auch dort statt. Grund genug sich in dieser Folge einmal etwas genauer mit dieser Prüfung zu beschäftigen.
Um in Deutschland psychotherapeutisch tätig zu sein, gibt es grundsätzlich zwei Wege. Der erste und auch der bekannteste Weg, ist der durch ein Studium. Zum Beispiel durch ein Medizin- oder Psychologiestudium mit anschließender Approbation als Arzt oder als Psychologischer Psychotherapeut.
Der zweite Weg um psychotherapeutisch tätig zu sein, ist der, den Ihr gewählt habt: Ihr habt vor durch eine Prüfung vor dem zuständigen Gesundheitsamt die Erlaubnis zur "Ausübung der Heilkunde beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie" zu erlangen.
Ganz wichtig: das gilt nur für die Prüfungen in der Vergangenheit. Und auch nicht in allen Bundesländern. Außerdem hat es den Anschein, als ob sich hier bald einiges ändern könnte.
Tatsächlich waren die therapeutischen Verfahren hinsichtlich ihrer psychologischen Grundlagen und Theorien immer Gegenstand der schriftlichen, als auch der mündlichen Prüfung.
Hier gilt jedoch das alte Wort: andere (Bundes)länder, andere Sitten.
Natürlich ist es schwierig aus den Gepflogenheiten des Gesundheitsamtes Karlsruhe Aussagen über andere Gesundheitsämter zu machen, doch meines Erachtens kündigt sich hier ein Trend an: In Zukunft werden Fragen zum Therapieverfahren und die entsprechenden Anforderungen an die Prüflinge einen immer größeren Stellenwert einnehmen.
Ich empfehle Euch also dringend, dass ihr Euch um entsprechende Qualifizierungen oder Erfahrungen bemüht.
Für den Heilpraktiker (Psychotherapie) existieren natürlich noch verschiedene weitere gesetzliche Vorschriften, zum Beispiel die Berufsordnung für Heilpraktiker.
Schauen wir uns als nächstes die Prüfung an sich etwas genauer an.
Die schriftliche Prüfung findet ungefähr 4 Wochen vor den mündlichen Prüfungen statt. Und das Bestehen der schriftlichen Prüfung ist die Voraussetzung für die Zulassung zur mündlichen Prüfung. Obwohl viele die mündliche Prüfung für den schwierigeren Teil halten, ist es also wichtig, die schriftliche Prüfung zu bestehen.
Was kommt also ganz genau in der schriftlichen Prüfung auf euch zu?
Bevor ich zu den Details kommte, ist es für euch wichtig zu wissen, dass wir hier die Prüfungen der Vergangenheit besprechen. Es kann natürlich jederzeit sein, dass die Prüfungen verändert werden.
Aber kommen wir jetzt erstmal zu den Details der letzten Prüfungen:
Es gibt drei Arten von Fragen:
Die Einfachauswahl ist der simpelste Fragentyp:
Falls ihr die richtige Antwort nicht kennt, könnt ihr bei diesem Fragentyp recht gut durch das Ausschlußverfahren zum Ziel kommen. Das heißt, wenn ihr schon die richtige Antwort nicht kennt, erkennt ihr vielleicht die falschen Antworten. Und die Antwort, die übrig bleibt wenn ihr alle falschen Antworten ausschließt, muß dann die richtige sein.
Bevor ich zu den beiden anderen Arten von Fragen komme, möchte ich euch noch kurz von meinem Video erzählen. Ich habe mir nämlich die Fragen der aktuellen schriftlichen Prüfung besorgt und ungefähr 10 davon in einem Video für euch beantwortet.
Aber schauen wir uns erstmal den nächsten Fragentyp an, die Mehrfachauswahl.
Ihr fragt euch jetzt vielleicht, woran ihr die unterschiedlichen Fragentypen erkennen könnt. Ich kann wieder Entwarnung geben: es steht über jeder Aufgabe darüber, um welchen Fragentyp es sich handelt.
Schauen wir uns als nächstes den Fragentyp „Auswahlkombination“ an. Dieser Fragentyp ist auf den ersten Blick etwas komplizierter und umständlicher als die anderen Fragentypen. Idealerweise kennt ihr natürlich die richtigen Antworten, falls nicht, kann euch die richtige Taktik auch hier weiterhelfen.
Wenn ihr wißt, dass Antwort 5 garantiert falsch ist, könnt ihr alle Antwortkombinationen, in denen Antwort 5 vorkommt, direkt schonmal ausschließen. Wenn ihr dann auch noch ein paar richtige Antworten erkennt, seid ihr schon am Ziel.
Wenn ihr mehr zu diesem Fragentyp erfahren wollt, empfehle ich euch an dieser Stelle nochmal mein Video. Dort gehe ich natürlich auf diesen Fragentyp nochmal ganz genau ein. Und ich beantworte ungefähr 10 Fragen aus der aktuellen schriftlichen Prüfung ganz ausführlich.
Das wars erstmal für heute. In einer der nächsten Folgen bespreche ich die mündliche Prüfung für euch. Bis dahin, tut ihr mir einen Gefallen? Abonniert meinen Podcast, vielen Dank. Und wenn ihr jemanden kennt, den dieser Podcast interessieren könnte -- empfehlt mich gerne weiter. Ich würde mich freuen.
Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr!
Die Abstinenzregel in Beratung und Therapie
In der heutigen Folge geht es um die so genannten Abstinenzregeln und ihre Bedeutung für die Beratung und die Therapie. Um sich diesem Thema einmal nicht zu theoretisch zu nähern, möchte ich heute mit einer persönliche Erfahrung anfangen.
Im Rahmen meines Studiums zum Mediator mussten wir immer wieder Fälle vorstellen, in denen wir bereits selbständig Konflikte geschlichtet hatten.
Alle Beteiligten — inclusive mir — waren mit dem Ergebnis zufrieden. Doch während der Supervisionsrunde warf man mir vor, dass ich nicht selbstlos und unbeteiligt an den Konflikt heran gegangen wäre. Ganz im Gegenteil, der Vorwurf lautete, dass ich zielgerichtet vorgegangen wäre, da ich ja selbst von der erarbeiteten Konfliktlösung profitiert hätte.
Ich war erstaunt und mir keiner Schuld bewusst, doch die Argumentation war nicht ganz unbegründet: Wenn der Mitarbeiter gegangen wäre, wäre in der KiTa ein personeller Engpass entstanden.
Diese Argumentation brachte mich ins Grübeln.
Genau diese Fragen wollen wir in der heutigen Folge beantworten.
Und nun zurück zum Thema:
Im Rahmen der Psychotherapie wird der Begriff der Abstinenz sowohl auf den Patienten, als auch auf den Therapeuten angewendet. Schauen wir uns das mal etwas genauer an:
Auf den Patienten bezogen bedeutet Abstinenz, dass der Therapeut dem Klienten bestimmte Handlungen verbieten muss, die den therapeutischen Erfolg gefährden könnten.
Was bedeutet das konkret?
Der Patient darf auch nicht in Versuchung kommen, sich über die therapeutische Situation zu erheben. Er darf zum Beispiel nicht anfangen, die Therapie von außen betrachten zu wollen. Denn das ist der erste Schritt dazu, sich selbst therapieren zu wollen. Und eine Selbst-Therapie funktioniert leider nicht.
Narzistische Bedürfnisse des Patienten können sich auch in Form von erotischen Interessen an dem Therapeuten oder der Therapeutin äußern. Diese erotischen Interessen in aller Deutlichkeit zu verweigern, gehört ebenfalls zu der Abstinenzregel. Erotische Beziehungen zwischen Patient und Therapeut sind absolut tabu!
Hin und wieder kann es auch vorkommen, dass der Patient anbietet das vereinbarte Honorar zu erhöhen. Auch hier greift die Abstinenzregel: Einerseits würde die therapeutische Neutralität verletzt, andererseite könnte der Patient hierdurch glauben, dass ihm von nun an ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit zustünde.
Schauen wir uns als nächstes die Abstinenzregel aus der Sicht des Therapeuten an:
In Deutschland kann ein Psychotherapeut, der sich darüber hinwegsetzt, nach § 174c Abs. 2 StGB bestraft werden. Ich möchte den Paragraphen an dieser Stelle wörtlich zitieren, da er nicht nur für psychologische Psychotherapeuten, sondern auch für Heilpraktiker Psychotherapie sehr relevant ist:
§ 174c
Was das heißt das in „normales“ deutsch übersetzt?
Nehmen wir aber einmal an, dass sich Therapeut und Klient trotz aller therapeutisch notwendigen Distanz und rechtlicher Bedenken ineinander verlieben und privaten Kontakt aufnehmen wollen.
In einem solchen Fall muss die Therapie sofort abgebrochen werden. Zusätzlich sollte noch mindestens en Jahr vergehen, bis eine solche Beziehung ethisch zu rechtfertigen wäre. Das sagt zumindest die „Pschyrembl Psychiatrie“ — das Standardwerk der therapeutischen Praxis.
Neben der sexuellen und freundschaftlichen Abstinenz während der Therapie sollten auch sämtliche anderen familiären oder geschäftlichen Kontakte vermieden werden.
Aus meiner eigenen Praxis kann ich auch hierfür ein Beispiel geben: Als ich neben meiner Praxis noch als Lehrer gearbeitet hatte, habe ich einmal einen Kollegen als Patienten angenommen. Wir hatten beruflich kaum Kontakt und sind uns im Alltag fast nie begegnet. Daher waren wir beide davon ausgegangen, dass diese Therapie kein Problem sein würde.
Aus ähnlichen Gründen verbietet sich auch ein therapeutisches Verhältnis innerhalb der Familie oder des Freundeskreises. Wenn Ihr Eurer Familie oder Euren Freunden etwas Gutes tun wollt, so empfehlt Ihnen einen fähigen Kollegen, aber macht es nicht selber.
Zu der Abstinenzregel gehört auch jedes weitere Interesse des Therapeuten an seinem Patienten. Denn die Beziehung zum Patienten muss von einer größtmöglichen Professionalität geprägt sein.
Zu einem solchen professionellen Umgang gehört auch, dass der Therapeut die Informationen, die er von seinen Patienten erhält, absolut vertraulich behandelt. Und auch nicht anonymisiert weitergibt. Zum Beispiel, in dem er sie für launige Partygespräche mißbraucht.
Hier nun kommen wir zum schwierigsten Bereich der Abstinenzregel, nämlich die Motivation des Therapeuten oder der Therapeutin selbst.
Manche angehenden Therapeuten sind von den Abgründen des Menschen fasziniert. Man darf jedoch nicht übersehen, dass ein Therapeut über eine gewisse Macht verfügt, die er zum Wohl des Patienten oder zu eigenen Interessen einsetzen kann.
Hierzu gehören sicherlich die oben erwähnten sexuellen Übergriffe. Doch auch das bloße Bewusstsein gebraucht zu werden und eine wichtige Rolle im Leben eines anderen Menschen zu spielen, kann das Ego streicheln.
Schließlich gehört zur Abstinenz auch der Umgang mit dem Honorar. Grundsätzlich wird dies im Behandlungsvertrag festgesetzt. Dort sollte man auch Regelungen zu Ausfallhonoraren und Zahlungsweisen nachlesen können.
Kommen wir am Schluss noch einmal auf die eingangs beschrieben Situation in der KiTa meiner Tochter zurück. Zwar bin ich dort nicht als Therapeut tätig gewesen, aber trotzdem hatte ich eine beratende Funktion erfüllt. Habe ich nun gegen eine der hier beschriebenen Abstinenzregeln verstoßen?
Ich habe dieses Beispiel bewusst gewählt, weil ich Euch zeigen wollte, wie schwierig es sein kann, die Abstinenzregeln in jeder Situation zu bedenken und danach zu handeln.
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