Prüfungsdoping für angehende Heilpraktiker Psychotherapie (HP Psych)

Prüfungsdoping für angehende Heilpraktiker Psychotherapie (HP Psych)

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Prüfungsdoping für angehende Heilpraktiker Psychotherapie (HP Psych) episodes

  • Ess-Störungen
    Was ist eine Ess-Störung und wie äußert sie sich.

    Weihnachten steht vor der Tür. Und an den Feiertagen werden viele von uns viel Zeit mit ihren Lieben verbringen — und mit gutem Essen. Viel gutem Essen. Und wie jedes Jahr setzt bald nach den Feiertagen der Katzenjammer ein. Der Katzenjammer über das Völlegefühl und die hinzugewonnenen Pfunde. Und wie so oft starten wir das neue Jahr mit der Suche nach einer neuen Diät um diese Pfunde so schnell wie möglich wieder loszuwerden.

    Jetzt ist also ein interessanter Zeitpunkt, sich etwas ausführlicher mit dem Thema Ess-Störungen zu beschäftigen.

    Die Ernährung erfüllt wie die Sexualität ein Grundbedürfnis des Menschen. Ohne Nahrung stirbt das Individuum, ohne Sexualität stirbt unsere Gattung. Die Beschäftigung mit Nahrung, sei es ihre Beschaffung, ihr Anbau, ihr Genuss oder ihre Zubereitung steht oft im Zentrum der menschlichen Kulturen.

    Und genau aus diesem Grund sind Störungen des individuellen Essverhaltens stets ernst zu nehmen. Sie verursachen bereits nach relativ kurzer Zeit körperliche Schäden, die sogar lebensbedrohlich werden können.

    Daher schauen wir uns heute folgende Ess-Störungen etwas genauer an:

    — die Anorexia nervosa
    — die Bulimia nervosa und
    — die Orthorexia nervosa

    Die wohl bekanntesten Ess-Störungen, Anorexia nervosa und die Bulimia nervosa, werden stationär in spezialisierten Kliniken behandelt. Eine Therapie durch einen Heilpraktiker kommt allenfalls in der Nachsorge in Frage und auch dann nur in enger Absprache mit den behandelnden Ärzten oder den hierfür spezialisierten Psychologischen Psychotherapeuten.

    Trotzdem lohnt sich die nähere Beschäftigung mit dem Thema. Einerseits muss ein Heilpraktiker die wichtigsten Symptome der Erkrankungen kennen, falls er Patienten behandelt, bei denen die Ess-Störung bisher noch nicht diagnostiziert wurde. Aus diesem Grund ist das Thema auch in der Prüfung zum Heilpraktiker Psychotherapie relevant. Und das Wissen hierum ist in der Vergangenheit sowohl in der mündlichen als auch in der schriftlichen Prüfung abgefragt worden.

    Andererseits kann der Heilpraktiker durchaus in die Situation kommen, dass er mit Angehörigen oder Freunden von Betroffenen konfrontiert wird und dann ist eine fundierte Kenntnis solcher Störungsbilder natürlich unerläßlich.

    Fangen wir am besten mit dem allgemeinen Störungsmodell an, dass allen Ess-Störungen zu Grunde liegt. Hierin werde ich die einzelnen Störungen kurz vorstellen und auch auf ihre Leitsymptome eingehen.

    Zum Schluss beschäftigen wir uns noch mit einer eher neue Erkrankungsform, die Orthorexia nervosa.

    Also, los geht’s: Das Störungsmodell, das allen Ess-Störungen zu Grunde liegt, geht von prädisponierenden Faktoren aus. Damit sind alle Bedingungen gemeint, die das erstmalige Auftreten begünstigen.

    Zu diesen Bedingungen nennt das Standardwerk, der Pschyrembel Psychiatrie, zunächst einmal ein soziokulturell vorgegebenes Schlankheitsmodell.

    Was bedeutet das? In unserer Kultur gilt momentan eine schlanke Frau als schön und eine dicke Frau als häßlich. Ich sage bewusst momentan, weil Schönheitsmodelle sich im Laufe der Zeit verändern und schlank ein relativer Begriff ist.

    Schauen wir uns zum Beispiel europäische Filme aus den 1950er Jahren an. Uns fällt rasch auf, dass spezielle breitere Hüften als schön galten. Ähnlich wie bei den Barock-Malern, die auf ihren Bildern auch eher üppige Frauen darstellten.

    Die Kulturgeschichtler stellen übrigens zwischen Schönheitsidealen und den Erfahrungen von Krieg und Hunger einen Zusammenhang her: Nach Zeiten großer Entbehrung sind Fettansammlungen ein Zeichen von Wohlstand und Gesundheit. Sie werden also als erstrebenswert und schön empfunden.

    Diese Beobachtung gilt übrigens nicht nur für Frauen, sondern ebenso für Männer. Die barocken, dicken kleinen Putten und der Wohlstandsbauch bei Männern in den 1950er Jahren spricht Bände: von einem Waschbrettbauch ist hier nichts zu sehen.

    Doch die Zeiten änderten sich: Schon in der nächsten Generation wurde die extreme Schlankheit eines weiblichen Körpers zum Ideal — Twiggy wurde zum Vorbild. In der darauffolgenden Generation schließlich kam das Ideal eines schlanken Männerkörpers auf. Und es herrscht seitdem mit leichten Variationen, was die Größe und Definiertheit der Muskulatur angeht, bis in unsere tage vor.

    Ein Körperideal ist jedoch nicht nur zeit-, sondern auch kulturabhängig. So gelten in verschiedenen afrikanischen und nahöstlichen Kulturen deutlich dickere weibliche Körper als schön und begehrenswert. Dies führt in einem Einwanderungsland wie Deutschland nicht selten zu interessanten kulturellen Missverständnissen.

    Für viele Deutsche — im Sinne der oben beschrieben Enkelgeneration der Nachkriegszeit — wirken beleibtere Frauen mit Migrationshintergrund ungepflegt und wenig attraktiv.
    Genauso werden die überschlanken weiblichen Körper — die von jener Generation für schön befunden werden — in den Augen der Migrantinnen häufig als verhungert und sinnesfeindlich wahrgenommen.

    Neben solchen eher kuriosen Fehlwahrnehmungen ist die tatsächliche Gefahr, die von dem Ideal eines überschlanken Körpers ausgeht nicht zu unterschätzen. Vor allem wenn sich ein solches Ideal mit dem zweiten prädisponierenden Faktor einer Ess-Störung paart, einem irrationalen kognitiven Schema.

    Das kann zum Beispiel die Überzeugung sein, dass ich nur geliebt und begehrt werde, wenn ich ebenfalls diesem Schlankheitsideal entspreche. Oder die Überzeugung, dass ich meinen Körper in eine solche Form bringen muss, sei es durch übermäßigen Sport oder eine radikale Veränderung meiner Ernährungsweise. Oder durch beides.

    Irrational werden solche Vorstellungen genannt, weil sich hier bloße Annahmen zu Überzeugungen verfestigen. Und zwar ohne sie vorher in der Realität zu überprüfen.

    Ein dritter Risiko-Faktor sind Körperkonzepte und Essverhalten, das in der eigenen Familie, also gewissermaßen im privaten Bereich vorgelebt werden. Herrscht auch in der Familie ein Schlankheitsideal vor, wird dieses vom Kind in den meisten Fällen unhinterfragt übernommen.

    Probleme können dann vor allem in der Pubertät auftreten, in die der Beginn der so genannten Magersucht häufig fällt: Im Versuch sich von den Erwartungen und Vorbildern der Eltern abzugrenzen, kann es zu einer Radikalisierung des Essverhaltens kommen. Das Gewicht des pubertierenden Mädchens sinkt dann unter die Grenze dessen, was gesund ist.

    Eine andere Reaktion kann auch darin bestehen, gegen das Essverhalten des schlanken mütterlichen Vorbildes bewusst zu verstoßen und mehr oder weniger willentlich zuzunehmen um sich abzugrenzen.

    In einem solchen Fall kann es fatal sein, wenn eine Mutter auf die Gewichtszunahme ihrer Tochter mit dem Angebot reagiert, gemeinsam eine Diät zu beginnen. Hierdurch wird die Mutter nämlich erneut zum Bezugspunkt, von dem sich die Tochter doch gerade lösen möchte.

    Als vierten prädisponierenden Faktor nennt der Pschyrembel weitere Lernerfahrungen mit Nahrungsaufnahme.

    Damit ist die grundlegende Erkenntnis gemeint, dass man die Nahrungsaufnahme bewußt steuern und willentlich eine Gewichtsreduktion herbei führen kann. Der Körperbau wird als Produkt des eigenen Willens verstanden, der nach belieben formbar und dadurch beherrschbar wird.
    Diese auf den ersten Blick banale Erkenntnis hat jedoch speziell auf den Körper einer oder eines Pubertierenden beträchtliche Bedeutung. Vor allem, wenn gegenüber den normalen körperlichen Veränderungen der Pubertät Angst und Gefühle der Unkenntnis oder des Mißtrauens herrschen.
    In dem ich den Körper überschlank halte, verringere ich auch die typisch weiblichen Fettansammlungen an Brust oder Hüfte und kann so meinen mir bekannten kindlichen Körper behalten. Ähnliches gilt bei einer übermäßigen Gewichtszunahme, hier kann sich der kindliche Körper gewissermaßen in einer amorphen Masse von Körperfett verstecken. Auch wenn die Ergebnisse sich radikal unterscheiden: In beiden Fall wird eine Kontrolle über den Körper eigenständig und zielgerichtet ausgeübt.

    Der fünfte prädisponierenden Faktor ist ein genetischer: in einem gewissen Rahmen ist der menschliche Körperbau genetisch vorgegeben. Besitzt ein pubertierender Jugendlicher nun genetisch bedingt einen eher rundlichen Körperbau, ist das Ringen um Schlankheit schwieriger. Das kann dazu führen, dass der Kampf um den schlanken Körperbau umso erbitterter geführt wird. Die erwähnten kognitiven Schema nehmen dann einen umso größeren Stellenwert in der Selbstbeurteilung ein.

    Doch nicht jeder Mensch, für den die genannten 5 prädisponierenden Faktoren gelten, entwickelt zwangsläufig eine Essstörung. Zu einer solchen Prädisposition müssen auslösende Faktoren hinzutreten.

    Die wichtigsten auslösenden Faktoren sind hierbei so genannte kritische Lebenssituationen. Hierzu gehören z.B. die Trennung der Eltern oder neue Lebensanforderungen wie ein Umzug oder ein Schulwechsel.
    Auch körperliche Krankheiten können auslösende Faktoren sein. Zum Beispiel langwierige Erkrankungen, die mit Gewichtsverlust einhergehen. Oder Erkrankungen, die einen Bezug zur Ernährung haben und bestimmte diätetische Ernährungsweisen erfordern.

    Kommt es zu einer Ess-Störung treten erste, typische Symptome auf:

    — eine übermäßige gedankliche Beschäftigung mit dem Thema Ernährung
    — Essanfälle
    — Erbrechen
    — der Missbrauch von Abführmitteln und
    — die Gewichtsreduktion.

    Anorexia Nervosa — auch als Magersucht bekannt — wird bestimmt durch die Gewichtsabnahme. Dazu gehört nicht nur die Reduzierung der Kalorien, sondern eventuell auch der Missbrauch von Abführmitteln und übermäßiger Sport.

    Essanfälle, gepaart mit anschließendem, selbstinduziertem Erbrechen sprechen dagegen eher für das Krankheitsbild der Bulimia nervosa, dem so genannten Bullenhunger.
    Die ICD differenziert die Krankheitsbilder noch genauer nach der Symptomlage, was in unserem Zusammenhang aber nicht so entscheidend ist.
    Egal welche Essstörung vorliegt — alle haben körperliche und psychosoziale Folgen, die im Falle der Anorexia Nervosa auch zum Tod führen können. Zu den körperlichen Störungen gehören z.B. Störungen der Botenstoffe im zentralen Nervensystem, wodurch depressive Stimmungslagen ausgelöst werden können.
    Es kann zu Störungen des Hormonhaushaltes kommen, die bei Mädchen zu einem Ausbleiben der Menstruation führen können. Störungen des Magen-Darmtraktes können folgen, bis hin zum Absterben von Hirngewebe.

    Die psychosozialen Folgen entstehen sowohl aus der jeweiligen Symptomlage, als auch aus den genannten körperlichen Folgen. Häufig kommt es schambedingt zu sozialer Isolation.

    Um nicht aufzufallen meiden die Betroffenen Situationen, in denen sie mit Essen konfrontiert werden könnten.
    Es kommt zu labilen Stimmungslagen, die durch die Angst vor Entdeckung, die Scham über das eigene Fehlverhalten und die soziale Isolation noch verstärkt werden.
    Es kommt zu kognitiven Beeinträchtigungen, da das gesamte Denken nur noch um die Beschaffung oder die Vermeidung von essen kreist. Auch die Aufmerksamkeit und die Konzentrationsfähigkeit können gestört sein.

    Das fortgesetzte, den Tagesablauf bestimmende Diätverhalten, führt zu weiteren Gewichtsabnahme. Das verringerte Selbstwertgefühl, dass sich aus dem Ekel vor den Brech- und Essattacken ergibt, vermindert sich weiter und die innere Leere wird durch neues Essen gefüllt.

    Der inneren Anspannung versuchen die Betroffenen mit weiterem Fasten Herr zu werden.

    Nur in den seltensten Fällen kann dieser Kreislauf aus Symptombildung, aufrecht erhaltenden Faktoren und erneuter Symptomverstärkung aus eigener Kraft und Anstrengung durchbrochen werden. Die Behandlung von Ess-Störungen erfolgt in stationären Verhaltenstherapien oder ambulanten Nachsorgen meist in Form von Gruppentherapien.

    Bei dem bisher Gesagten könnte man den Eindruck gewinnen, dass nur Mädchen oder junge Frauen von Ess-Störungen betroffen sind. Und oft ist das auch die landläufige Meinung.

    Tatsächlich haben sich in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren jedoch auch die Zahlen der Jungen, die unter Ess-Störungen leiden, deutlich erhöht. Dieser Umstand dürfte mit den oben skizzierten Schlankheitsmodellen zu tun haben, die mittlerweile auch für Jungen Vorbildcharakter haben.
    Während man jungen Mädchen immer schon mit der Forderung begegnet ist, auf ihr Äußeres zu achten, scheint diese Forderung mittlerweile auch für Jungen zu gelten.
    Dadurch sind die Ess-Störungen mittlerweile zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem geworden. Und die Erkrankungen finden sich in allen Gesellschaftsschichten und eben bei beiden Geschlechtern.

    Zum Schluss möchte ich Euch noch ein letztes Störungsbild vorstellen, über das zur Zeit lebhaft gestritten wird: die so genannte Orthorexia nervosa.

    Diese Störung ist insofern ungewöhnlich, es sich um eine Form der Ess-Störung mit Zügen einer Ersatzreligion oder eines Lebensstiles handeln könnte. Der Kunstbegriff Orthorexia bezeichnet eine übermäßige gedankliche und emotionale Beschäftigung mit der richtigen Ernährungsweise. Sei diese nun vegetarisch, vegan, lactos- und/oder glutenfrei, gerne kombiniert mit weiteren Einschränkungen der althergebrachten Ernährungsweise.

    All diese Ernährungslehren haben gemeinsam, dass sie ihren Anhängern ein mehr an Gesundheit und Lebenskraft versprechen. Gleichzeitig werden sie aber auch zu moralischeren Konsumenten, da beispielsweise durch die vegane Ernährung das Leid von Schlachtvieh gemindert wird oder sich die Co2-Bilanz der Ernährung verbessert.

    Die grundsätzlichen Überlegungen dieser Ernährungsweisen sind gut und richtig. Und viele Ratschläge und praktische Umsetzungen im Alltag, sind es wert auch befolgt zu werden. Problematisch werden diese Diäten allerdings dann, wenn die Beschäftigung mit ihnen lebensbestimmend wird und beginnt den Alltag einzuschränken.

    Ähnlich wie bei den oben erwähnten Ess-Störungen kann es dann nur zu einer kognitiven Einengung auf das Thema Ernährung kommen. Zusätzlich treten noch Symptom erhaltende Faktoren aus der moralischen-geistigen Sphäre hinzu. Zum Beispiel das Bewusstsein, das richtige zu tun, während alle anderen falsch handeln.

    Das kann zum dem Gedankenkreislauf führen, dass man noch mehr tun muss, sich noch mehr um die richtige Ernährung bemühen muss, noch mehr potentielle Umweltgifte von seinem Kind fern halten muss usw.
    Ob es sich bei der Orthorexia nun um eine Ess-Störung handelt ist bislang umstritten und sie hat auch keine Aufnahme in die ICD gefunden. Aber egal, ob es sich um eine Ess-Störung oder nur um eine Mode handelt — auffällig bleibt dieses Verhalten allemal.

    Ich hoffe ich konnte Euch einige neue Informationen und Ideen zu unserem Thema vermitteln. Tut ihr mir einen Gefallen? Abonniert meinen Podcast, vielen Dank. Und wenn ihr jemanden kennt, den dieser Podcast interessieren könnte — empfehlt mich gerne weiter. Ich würde mich freuen.

    Bevor ich zum Ende komme, möchte ich euch nochmal an mein Webinar erinnern: ihr findet es auf meiner Website „pruefungsdoping.de“ — oben rechts, der türkise Button.
    Wenn Ihr wollt, hören wir uns nächsten Woche wieder. Dann haben wir den Psychiater Viktor Frankl zum Thema.

    16 min
  • Hypnose und Schlafwandeln
    Was passiert beim Schlafwandeln und was genau bedeutet Hypnose?

    Da die Nächte kühler und dunkler werden, der Mond bleich am Himmel steht und wir mehr Zeit im warmen Bett verbringen, möchte ich mich auf Wunsch eines Hörers heute mit dem Thema Hypnose und Schlafwandeln beschäftigen.

    Fangen wir erstmal mit dem Schlafwandeln an:

    Von jeher hat das Schlafwandeln oder — auch Mondsucht genannt — die Menschen fasziniert. Warum eigentlich?
    Wahrscheinlich weil Schlaf eine eher passive Beschäftigung ist, bei der wir ruhig im Bett liegen und keine Kontrolle über unseren Körper zu haben scheinen. Das Bewusstsein ist ausgeschaltet oder befindet sich an einem anderen Ort, wie manche Menschen glauben.
    Der wache Zustand hingegen ist das genaue Gegenteil des Schlafes: das Bewusstsein ist anwesend oder eingeschaltet und kontrolliert den Körper, wir können frei handeln. Doch leider ist der Mensch dann doch nicht so einfach gebaut.

    Was also verbirgt sich hinter dem Schlafwandeln?

    Die ICD-10 kodiert das Schlafwandeln oder den Somnambulismus unter F51.3. Sie beschreibt das Schlafwandeln als ein herabgesetztes Bewusstsein — als eine veränderte Bewusstseinslage zwischen Schlaf und Wachen. Konkret bedeutet es, dass die Reaktivität und die Geschicklichkeit der Betroffenen herabgesetzt sind.

    Schlafwandelnde können sich entgegen der landläufigen Meinung also durchaus verletzen, beispielsweise indem sie beim Versuch ein fremdes Hochbett zu verlassen, von dort abstürzen.

    Doch auch Treppen und andere Hindernisse können zu gefährlichen Fallen werden.

    Zumeist wird beim Schlafwandeln das Bett zwei oder dreimal während einer Nacht verlassen, meistens während des ersten Drittels des Schlafes: Die Schlafwandelnden gehen dann einige Minuten bis eine halbe Stunde herum.

    Die erste Begegnung mit einem Schlafwandelnden kann ausgesprochen erschreckend sein:

    — Die Augen sind weit geöffnet, starren jedoch leblos in die Ferne.
    — Das Gesicht zeigt keine Mimik und
    — die Betroffenen zeigen keine oder nur ganz wenige Reaktionen auf den Kontaktversuche hin.

    Eventuell antworten sie auf direkte Ansprache, doch dann einsilbig und undeutlich. Verzichtet man darauf den Schlafwandelnden vorsichtig in sein Bett zurückzuführen, kann er oder sie durchaus komplexe Handlungen verrichten: Zum Beispiel Schränke einräumen, das Haus verlassen oder ein wenig spazieren zu gehen.

    Manche scheinen Hunger zu verspüren und nehmen ganze Mahlzeiten zu sich, die sie sogar selber zubereiten. Bizarrerweise benutzen manche sogar das eigene Auto für nächtlich Ausflüge.

    Trotz aller Aktivität finden die Betroffenen fast immer wieder selber zurück in ihr Bett und erwachen mit einer Amnesie an die nächtliche Tätigkeit. Man kann also jahrelang Schlafwandeln, ohne dass es jemandem zwingend auffallen muss.

    Erschrocken?

    So ungewöhnlich das Schlafwandeln auch wirken mag, die meisten Experten sind sich darüber einig, dass Schlafwandelnde ungefährlich sind. Ihre durchaus komplexen Verhaltensweisen gefährden niemanden außer eventuell sie selbst.

    Eine wenig bekannte und eher seltene Form des Somnambulismus wird als Sexsomnia bezeichnet. Sie wird in die Gruppe der Parasomnien mit sexuellen Auffälligkeiten eingeordnet und mit F51.8 kodiert.

    Hierbei sind die Betroffenen ebenfalls scheinbar wach und masturbieren im Schlaf oder führen in Anwesenheit einer weiteren Person den Geschlechtsverkehr aus.
    Dabei sind sie jedoch keinesfalls wach und können sich nach dem Aufwachen zumeist auch nicht an ihre sexuellen Handlungen erinnern.

    Deutlich unterschieden werden muss der Somnambulismus und die Sexsomnia jedoch von der so genannten REM-Schlaf-Verhaltensstörung (RBD), auch bekannt als Schenck-Syndrom. Im Gegensatz zum Schlafwandeln tritt diese Schlafstörung allerdings nur in der zweiten Nachthälfte, also während den REM-Phasen auf.

    Die Betroffenen leiden dabei unter massiven Alpträumen. In diesen Alpträumen werden sie selbst oder ihre Angehörigen angegriffen oder gejagt, wodurch sie sich in einem andauernden und anstrengenden Verteidigungskampf befinden.

    Die Betroffenen schlagen im Schlaf um sich, sie treten, beißen oder kratzen. Zu Fremdverletzungen kann es dann kommen, wenn man versucht die Betroffenen zu wecken. Nach dem Erwachen erinnern sich die Betroffenen zwar an den Traum selbst, nicht jedoch an ihre körperlichen Reaktionen im Schlaf.

    Das Schenck-Syndrom ist jedoch nicht nur wegen einer möglichen Fremdgefährdung ein ernst zunehmendes Thema, sondern vor allem weil es ein erstes Anzeichen einer neurodegenerativen Erkrankung sein kann.

    Für den Heilpraktiker Psychotherapie bedeutet es, dass während der Anamnese die Schlafgewohnheiten der Patienten genau und differenziert erfragt werden müssen. Wichtig dabei: Besteht der Verdacht auf ein Schenck-Syndrom muss den Patienten sofort ein Besuch beim Facharzt, z.B. bei einem Neurologen, angeraten werden.

    Aus der Vermischung des geheimnisvollen Schlafwandelns, der Sexsomnia und den scheinbar unbegründet aggressiven Reaktionen des Schenk-Syndroms hat sich im allgemeinen Bewusstsein vermutlich das Bild des unberechenbaren und mordenden Schlafwandelndens entwickelt, der uns bis heute in Gruselfilmen und Gruselgeschichten immer wieder begegnet.

    Wer sich für dafür interessiert, dem möchte ich Edgar Allan Poes Erzählung „Der Untergang des Hauses Usher“ wärmstens empfehlen — wenn auch nicht unbedingt als Bettlektüre.

    Obwohl der Zustand des Schlafwandelns aus ungeklärten Ursachen spontan auftritt, kann ein solcher Bewusstseinszustand auch durch einen äußeren, suggestiven Einfluss bewußt eingeleitet werden. Das nennt man dann Hypnose.

    Die Hypnose hat eine wechselvolle und faszinierende Geschichte, deren Anfänge in den 1780er Jahren liegen. Zu Beginn wurde die Hypnose sogar als provozierter Somnambulismus bezeichnet.

    Schauen wir uns die Geschichte der Hypnose einmal etwas genauer an:

    Es begann mit dem deutschen Arzt Franz Anton Mesmer, der den nach ihm benannten Mesmerismus begründete. Dieser beruhte auf der Vorstellung eines tierischen Magnetismus, der als unsichtbare Kraft unmittelbar auf das Nervensystem von Menschen wirken sollte.

    Im Falle einer nervlich bedingten Erkrankung — beispielsweise Schlafstörungen — sollte ein entsprechend begabter Arzt helfen können: Er sollte magnetische Heilströme durch Handauflegen auf den Patienten übertragen und auf diese Weise das Nervensystem positiv beeinflussen.

    Sollten in einer Gruppentherapie gleich mehrere Menschen geheilt werden, so wurden Eisenstäbe magnetisiert und als eine Art Verstärker für den tierischen Magnetismus im gesamten Raum verwendet. Nach einer Weile erkannte man, dass der Einfluss von Mesmers Heilversuchen weniger auf einem tierischen Magnetismus beruhte, sondern eher auf den suggestiven Fähigkeiten des Behandlers. Diese Erkenntnis war die Geburtsstunde der gezielten, rein hypnotischen Behandlung.

    Die Begriffe Suggestion und Hypnose wurden erst knapp fünfzig Jahre später in England durch den Chirurgen James Braid geprägt. Denn tatsächlich wurde das Verfahren zunächst angewendet um schmerzlos operieren zu können.

    Wir erinnern uns: in der ersten Hälfte des 19ten Jahrhunderts standen noch keine Schmerzmittel zur Verfügung. Wenn sie gewirkt haben sollte, wäre die Hypnose ein Segen gewesen.
    Nach ihrer eher intuitiven Anwendung in der Chirurgie, begann sich in der zweiten Hälfte des 19ten Jahrhunderts die Neurologie mit dem Thema zu beschäftigen. Der französische Neurologe Jean-Marie Charcot — übrigens Sigmund Freuds Lehrer — wandte die Hypnose schließlich zum ersten mal bei der Behandlung so genannter nervöser Erkrankungen an.

    Charcots Behandlungen fanden recht öffentlich, zumeist in Anwesenheit einer großen Anzahl von Ärzten und Studenten statt. Dieses Interesse war vermutlich nicht nur ein medizinisches Interesse. Es spielte bestimmt auch eine voyeuristische Neugierde eine Rolle, denn die Hypnose war damals auch als Jahrmarktattraktion verbreitet.

    Gerade hier verschwammen die bereits beschriebenen unterschiedlichen Vorstellungen über den Somnambulismus und die Hypnose: die Nähe zum Mond und zum Magnetismus führten zu der Vorstellung, dass die Betroffenen hellseherische Kräfte hätten.

    Die Nähe zu Schlaf und dadurch Intimität, führte zu der Annahme, dass die Hypnotisierten die geheimsten Wünsche ihres Publikums kennen könnten. Und die potentielle Gewaltätigkeit des Schenck-Syndroms führte zu der irrigen Annahme, dass ein Hypnotisierter der perfekte Verbrecher wäre. Von einem finsteren Hypnotiseur zum Töten und anderen Verbrechen gewissermaßen programmierbar.

    Speziell die letzteren Vorstellungen sind als Motive in der Gruselliteratur des 19ten Jahrhunderts direkt oder indirekt weit verbreitet. Ist nicht Dracula auch ein Verbrecher, der in einem tiefen Schlaf liegt und mit starren Augen schlimmste Verbrechen verübt?

    Und erwacht nicht auch Frankensteins Kreatur aus dem Schlaf und wird zum steuerbaren Verbrecher wieder Willen?
    Um nur die beiden berühmtesten Geschichten zu nennen.

    Doch zurück zur Medizin: Freud systematisierte die Hypnose in den folgenden Jahren und machte das Verfahren weithin bekannt. Auf den Arbeiten und Erkenntnissen Freuds und Charcots basiert das noch immer verbreitete und wissenschaftlich anerkannte Verfahren der Hypnotherapie, welches von Milton Erikson schließlich ausgearbeitet wurde.

    Die moderne Hypnotherapie wird erfolgreich bei Bronchialasthma, Ess- und Schlafstörungen, Bluthochdruck und in der Schmerztherapie eingesetzt. Das Verfahren kann auch von Heilpraktikern erlernt und im Rahmen der eignen Praxis angeboten werden.

    Für den Heilpraktiker Psychotherapie ist die Beschäftigung mit Schlafstörungen und Entspannungstechniken nicht nur für die Prüfung vor dem Gesundheitsamt wichtig, sondern wie im Falle der Diagnose des Schenck-Syndroms bereits erwähnt, auch für seine alltägliche Praxis.

    Viele weitere psychischer Erkrankungen zeigen als Symptom Schlafstörungen oder das Phänomen der Umkehrung des Tag-Nacht-Rhythmus.
    Besonders bekannt sind die Schlafstörungen als morgendliches Früherwachen bei depressiven Episoden: Hierbei erwacht der oder die Betroffene etwa drei Stunden zu früh. Also gerne gegen vier Uhr morgens.
    Die Betroffenen sind zwar erschöpft, finden aber trotzdem keinen Schlaf mehr. Im Falle einer manischen Erkrankung oder einer manischen Phase im Krankheitsverlauf einer Bipolaren Störung ist der Schlaf ebenfalls gestört. Die Nächte werden durchgemacht bis zum Schlaf der Erschöpfung. Im Rahmen der Anamnese sollten die Schlafgewohnheiten also immer erfragt werden. Sie können wertvolle Hinweise liefern.

    Ein letztes Wort zur Schlafhygiene: Auch im klinischen Sinne gesunde Menschen können zu Schlafstörungen neigen, wenn sie bestimmten Stressoren ausgesetzt sind.

    In einem solchen Fall sollten schlafhygienische Maßnahmen empfohlen werden.
    Zu diesen Maßnahmen gehören
    — frische, nikotinfreie Luft
    — eine Raumtemperatur von 16 bis 18 Grad und
    — eine auf Körpergröße und -gewicht abgestimmte Matratze.

    Ebenso sollte auf Alkohol als durchschlafförderndes Mittel verzichtet werden. Zwar wirkt Alkohol in einer gewissen Menge durchaus schlafanstoßend, aber der Schlaf ist unruhig, von häufigen Toilettenbesuchen unterbrochen und wenig erholsam.

    Die in unseren Zeiten vielleicht wichtigste Maßnahme ist jedoch die Verbannung des Fernsehers und sonstiger Bildschirme aus dem Schlafzimmer: Einmal abgesehen davon, dass die Anwesenheit des Fernsehers ein befriedigendes Sexualleben erschwert, versetzt das bläulich-weiße Licht den Körper gewissermaßen in den Wachzustand. Es gefährdet dadurch das Ein- und das Durchschlafen.
    Also Hände weg von Handies oder Tablets kurz vor dem Schlafen gehen. Greift lieber zum guten alten Buch, doch wie gesagt nicht unbedingt zu denen von Edgar Allan Poe.

    Ich hoffe ich konnte Euch einige neue Informationen und Ideen zu unserem Thema vermitteln. Tut ihr mir einen Gefallen? Abonniert meinen Podcast, vielen Dank. Und wenn ihr jemanden kennt, den dieser Podcast interessieren könnte — empfehlt mich gerne weiter. Ich würde mich freuen.

    In diesem Sinne komme ich zum Ende. Wenn Ihr wollt, hören wir uns nächsten Woche wieder. Dann rund um das Thema Ess-Störungen.

    13 min
  • IDC-10
    Die Internationale Klassifikation psychischer Störungen.

    Da einige von Euch wahrscheinlich die Zulassung zum Heilpraktiker Psychotherapie bekommen möchten, geht es heute um ein besonders prüfungsrelevantes Thema — nämlich um die ICD-10.

    Genauer gesagt: was hat es eigentlich mit der ICD-10 auf sich? Wird es irgendwann eine ICD-11 geben? Und gibt es noch andere Klassifizierungssysteme für psychische Störungen und Erkrankungen?

    Denn darum geht es in der ICD-10: psychische Erkrankungen systematisch zu ordnen.

    Der Versuch psychische Erkrankungen genau auseinander zu halten und zu klassifizieren ist eine verhältnismäßig neue Erscheinung.

    Früher war eine solche Einteilung unnötig oder sie schien zumindest unnötig zu sein. Denn es gab sowieso keine Therapien, Medikamente oder Behandlungen. Und daher erschien eine genaue Diagnose überflüssig zu sein.
    Andererseits umgaben die so genannten Wahnsinnigen oder Irren noch immer die Aura des Geheimnisvollen oder sogar des Bösen.

    Erst im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts entwickele sich ein gewisses Interesse an psychischen Auffälligkeiten oder Entwicklungsverzögerungen bei Kindern, wie im Falle der berühmten Wolfskinder.

    In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhundert bemüht sich der Psychiater Emil Kraepelin zum ersten Mal um eine systematische Beschreibung der psychischen Störungen. Mit seinem Buch aus dem Jahr 1892 legt er den Grundstein für die Psychoparmakologie, die sich ab den 1930er Jahren entwickelt.

    Kurt Schneider und Karl Jaspers erweiterten die Untersuchungen Emil Kraepelins. Auf dieser Basis entstand schließlich das so genannte triadische System der Klassifizierung psychischer Erkrankungen.

    In der modernen Beschreibung psychischer Erkrankungen spielt das triadische System keine große Rolle mehr. Allerdings gehört es noch immer zum Prüfungsstoff vor dem Gesundheitsamt. Daher lohnt es sich auf jeden Fall, die Einteilung Kraepelins und Schneiders etwas genauer anzusehen:

    Grundsätzlich unterteilt das triadische System die Erkrankungen nach ihrer vermuteten Ursache. Wie der Name bereits andeutet, wird zwischen drei Gruppen von Krankheiten unterschieden:

    — den exogenen psychischen Störungen, die eine körperliche Ursache haben
    — den endogenen psychischen Störungen, bei denen eine körperliche Ursache vermutet wird und
    — den psychogenen Erkrankungen, die eine psychische Ursache haben.

    Schauen wir uns diese drei Gruppen etwas genauer an:

    Die erste Gruppe der Exogenen Psychischen Störungen haben eine klar erkennbare körperliche Ursache.

    Diese körperliche Ursache betrifft direkt oder mittelbar das Gehirn bzw. das Nervensystem. Krankheiten der ersten Gruppe sind alle Demenzen und deliranten Erkrankungen, die entweder dauerhaft oder vorübergehend sein können.
    Hierzu gehören auch Vergiftungen durch Alkohol, oder andere Substanzen, sowie Erkrankungen des Nervensystems durch Viren, Bakterien oder Prionen.

    Die zweite Gruppe der Endogenen Psychischen Störungen beinhaltet Krankheiten, bei denen eine eindeutige körperliche Ursache nicht nachgewiesen kann, aber vermutet wird.

    In diese Gruppe werden

    — die Schizophrenien
    — die Manisch-depressiven Erkrankungen
    — die schizoaffektiven und
    — die wahnhaften Erkrankungen gezählt.

    Bei den Erkrankungen der dritten Gruppe geht man von einer rein psychischen Ursache aus. Zu dieser dritten Gruppe der psychogenen Erkrankungen gehören zB

    — die Persönlichkeitsstörungen
    — die Psychopathien
    — die Suchterkrankungen im weitesten Sinn
    — die Sexualstörungen
    — die Ess-Störungen und
    — die Schlafstörungen

    Die endogenen Erkrankungen der zweiten Gruppe nehmen also eine mittlere Position zwischen den rein körperlich verursachten Erkrankungen der ersten Gruppe und den nur psychisch verursachten Erkrankungen der dritten Gruppe ein.

    Problematisch an der triadischen Einteilung ist die Definition der endogenen Erkrankungen, also der mittleren Gruppe.

    So kann z.B. durch bildgebende Verfahren oder zytologische und mikrobakterielle Untersuchungen gezeigt werden, dass es bei psychisch Erkrankten körperliche Veränderungen des Nervensystems gibt.

    Auch die Konzentration von Neurotransmittern ist bei diesen Menschen verändert. Mehr noch: nimmt man durch Medikamente Einfluss auf diese Botenstoffe, so verbessern sich diese Erkrankungen.

    Im Gegensatz dazu gibt es auf den ersten Blick auch rein psychogene Erkrankungen, also solche, die das triadische System als rein psychisch verursacht einordnet.

    Ein Beispiel wäre eine so genannte reaktive Depression. Nehmen wir als Beispiel einen Mann, der nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben starke depressive Symptome entwickelt. So etwas wird gerne auch Rentendepression genannt.

    Schauen wir uns die neuen Lebensumstände dieses Mannes genauer an:

    — Der Wegfall der sozialen Kontakte am Arbeitsplatz,
    — die zunächst fehlende Tagesstruktur nach dem Renteneintritt und
    — nicht zuletzt auch das Gefühl nicht mehr zu wissen, wie man sinnvoll mit seiner Zeit umgehen kann.

    Die depressiven Symptome, die ein solcher Mann als Reaktion entwickeln kann, sind im Sinne des triadischen System als psychogen zu bezeichnen, also als psychisch verursacht und damit zur dritten Gruppe gehörend.

    Andererseits entwickelt nicht jeder Rentner eine Depression. Es kommt also auch auf die Veranlagung eines Menschen an, ob er erkrankt oder nicht. Folglich müsste diese Erkrankung in die zweite Gruppe einsortiert werden.

    Seit etwa den 1980er Jahren hat man das triadische System mit seiner sehr starren Einteilung mehr und mehr aufgegeben.

    Zug um Zug hat sich seitdem das so genannte multifaktorielle Erklärungsmodell der Krankheitsentstehung durchgesetzt.

    Dieses geht davon aus, dass die psychischen Erkrankungen immer durch die Kombination verschiedener Faktoren bestimmt werden.

    Hierzu gehören z.B.
    — individuelle genetische Faktoren
    — familiäre genetische Faktoren
    — die Erziehung und der Kommunikationsstil in der Familie
    — der Lebensstil selbst
    — der Umgang mit Stress und
    — der Grad der individuellen Resillienz.

    Die Psychotherapie kann bei solchen Erkrankungen wertvolle Hilfe und Betreuung leisten.

    Schauen wir uns in diesem Zusammenhang noch einmal die erste Gruppe der exogenen Erkrankungen mit rein körperlichen Ursachen an. Es gibt in dieser Gruppe objektive Krankheitsursachen. Und die Erkrankungen sind zum Teil gut medikamentös zu behandeln. Doch trotzdem wird der Verlauf und die Schwere der Erkrankung multifaktoriell beeinflußt.

    Das heißt konkret: auch hier ist eine psychotherapeutische Betreuung sinnvoll, auch wenn dadurch die Ursache der Krankheit nicht behandelt wird.

    Auch wenn das triadische System heute keine große Bedeutung mehr hat, sollte es einem Heilpraktiker Psychotherapie jedoch gut bekannt sein. Denn einerseits stellt es eine gute Grundlage für das Erlernen des Stoffes dar. Und andererseits denken viel Ärztinnen und Ärzte noch immer in den Kategorien des Triadischen Systems und verwenden die entsprechenden Fachbegriffe im Prüfungsgespräch.

    Wenn das triadische System eine gute Grundlage ist, dann fragt ihr euch vielleicht: „Eine gute Grundlage wofür?“

    Gute Frage — schauen wir uns mal die Antwort dazu an: Habt ihr euch während eurer letzte Grippe schon einmal über die unverständlichen Zahlen und Buchstaben auf der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung gewundert, die euch euer Hausarzt mitgegeben hat?

    Mit dieser Buchstaben-/Zahlenkombination hat euer Arzt eure Krankheit codiert.

    Im Jahre 1991 wurde nämlich von der Weltgesundheitsorganisation WHO die sogenannte ICD eingeführt. Diese Abkürzung steht für "International Classification of Deseases", also die internationale Klassifikation von Krankheiten.

    In der ICD werden sämtliche körperlichen und psychischen Erkrankungen in einem System aus Buchstaben und Zahlen eingeordnet. Jede Kombination aus Buchstaben und Zahlen steht also für eine Erkrankung.

    Die Einordnung erfolgt aber nicht wie beim triadischen System nach der Krankheitsentstehung, sondern nach den erkennbaren und klar beschreibbaren Symptomen.

    Diese Standardisierung der Krankheiten soll den Austausch zwischen Medizinern, Pharmazeuten und der medizinischen Forschung fördern. Mittlerweile bildet diese Kodierung auch die Grundlage für die Abrechnungssysteme mit den Krankenkassen.

    Von Zeit zu Zeit wird die ICD überarbeitet und den aktuellen Entwicklungen angepaßt. Momentan liegt die ICD in ihrer 10. Bearbeitung vor — daher wird sie ICD-10 genannt.

    Zusätzlich gibt es für Deutschland eine leichte Änderungen, die mit GM für „German Modification" abgekürzt werden. Für Deutschland gilt also momentan die ICD-10-GM.

    Die elfte Erweiterung liegt aber bereits vor. Im Januar 2022 wird sie in Kraft treten. Ab dann gilt für Deutschland also die ICD-11-GM.

    Die Kenntnis der ICD ist wichtig und ist Stoff der Überprüfung durch das Gesundheitsamt. Das bedeutet jedoch nicht, dass Ihr sämtliche Zahlen und Buchstabencodes auswendig lernen müsst, aber ein grober Überblick der Haupteinteilungen ist dabei schon von Vorteil.

    Aber zurück zum Thema — Schauen wir uns das System der ICD einmal genauer an:

    Die ICD Kürzel bestehen jeweils aus einem Großbuchstaben mit Zahlen dahinter, von denen durch Punkt andere Zahlen abgetrennt werden. Ein typisches Kürzel lautet z.B.:
    F4 4.3
    Hierbei steht das F für den Bereich der psychischen Erkrankungen. Das ist der Bereich, der uns Heilpraktiker Psychotherapie besonders interessiert.

    Die erste 4 bezeichnet den Bereich der Neurotischen Störungen.

    Die zweite 4 steht für die besondere Art der neurotischen Störung, in diesem Fall die dissoziative Störung. Und die mit einem Punkt abgetrennte 3 bezeichnet die dritte von mehreren Arten der dissoziativen Störungen, in diesem Fall den Dissoziativen Trance- und Besessenheitszustand.
    Glaubt mir, wenn man die Systematik erst einmal verstanden hat, ist es garnicht mehr so kompliziert.

    Werfen wir also einen genaueren Blick auf diese Systematik:

    Für die Heilpraktiker Psychotherapie ist also nur das Kapitel F wichtig, das ist die gute Nachricht.
    Der Buchstabe F ist in zehn Gruppen unterteilt, die von 0 bis neun nummeriert sind.
    Sie lauten dementsprechend F0, F1, F2 usw. bis F9.
    Auf den ersten Blick scheint die Zuordnung der Krankheiten dem triadischen Systems zu folgen.
    Leider wird diese Anordnung nicht konsequent durchgehalten: An erster Stelle unter F0 finden sich tatsächlich die organisch bedingten psychischen Störungen.
    Unter F1 die psychischen Erkrankungen durch Vergiftungen und psychotrope Substanzen, wie Alkohol und andere Drogen, so gesehen also die exogenen Psychosen.

    Unter F2 finden sich die Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis.

    Unter F3 die Affektiven Störungen, wie Depression und Manien, die man tatsächlich dem endogenen, zweiten Bereich des triadischen Systems, zuordnen würde.
    Unter F4 finden sich die oben erwähnten Neurotischen Störungen und F5 beschreibt die Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen, also u.a. Essstörungen und Sexualstörungen.
    Unter F6 finden sich die auch oben bereits erwähnten Persönlichkeitsstörungen oder Charakterneurosen.
    Das Kapitel F7 beschreibt nur die Intelligenzminderungen, was ätiologisch eher in den exogenen oder endogenen Bereich fallen würde.
    F8 bringt Ordnung in das Gebiet der Entwicklungsstörungen, wie z.B. der Autismusspektumsstörung und F9 schließlich beinhaltet Verhaltensstörungen mit Beginn in Kindheit und Jugend.

    Wie gesagt einen groben Überblick über die Anordnung sollte man sich auf jeden Fall verschaffen, zum Beispiel durch die gängigen Lehrbücher zum Thema Heilpraktiker Psychotherapie.

    Falls ihr euch jetzt fragt, welche Themen in den schriftlichen Prüfungen besonders häufig bzw. besonders selten abgefragt werden — seid vorsichtig! Was bisher noch nie abgefragt wurde, kann genau in eurer Prüfung vorkommen. Es gibt keine Garantien und seriösen Vorhersagen. Hört euch lieber nochmal meinen Podcast zum Thema Lerntechniken an : )

    Wie erwähnt wird die ICD-10 Anfang 2022 offiziell durch die ICD-11 ersetzt werden. Auch wenn mir die ICD-11 im Moment noch nicht vorliegt, so kann man jedoch vermuten, dass sich die wesentlichen Änderungen im Kapitel F.52 finden lassen werden.

    Also im Bereich der sexuellen Störungen, da sich das gesellschaftliche Klima in den letzten Jahren doch so sehr gewandelt hat, dass man vielen Sexuellen Erscheinungen in Zukunft keinen Krankheitswert mehr zu ordnen wird.

    Über das faszinierende Thema was eine Gesellschaft für krank und was für gesund hält, werde ich in nächster Zeit einen eigenen Podcast gestalten.
    {Pause}

    Für Eure spätere Praxis ist die Kenntnis der ICD-10 oder dann 11 zwar am wichtigsten, doch möchte ich Euch zum Schluss auch noch einmal auf eine weitere Systematik aufmerksam machen. Und zwar auf die DSM-römisch fünf. Diese Systematik spielt zwar für eure Prüfung keine Rolle, rundet aber die verschiedenen Systematiken der Erkrankungen gut ab.

    DSM-V steht für „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders" und wird in den USA seit den 50er Jahren zur Klassifizierung von psychischen Störungen und Erkrankungen verwendet. In Deutschland spielt es eher in der Forschung eine Rolle.

    Die DSM ist detailgenauer und ihre Diagnosen basieren auf einem spezifischen, so genannten "mehr-achsialen" System.

    Es beschreibt nicht nur die gegenwärtigen Symptome, sondern berücksichtigt auch die Geschichte der individuellen Erkrankung und deren psychosozialen Folgen.

    Hieraus folgt auch, dass bestimmte Erkrankungen anders verstanden werden und dementsprechend eine andere systematische Einordnung erfolgt, als in der ICD.

    Die Details sind in diesem Zusammenhang weniger interessant, aber ich möchte Euch doch einladen, Euch nach bestandener Prüfung zum Heilpraktiker Psychotherapie einmal mit der DSM zu beschäftigen. Es lohnt sich.

    Ich hoffe ich konnte Euch einige neue Informationen und Ideen zu unserem Thema vermitteln. Tut ihr mir einen Gefallen? Abonniert meinen Podcast, vielen Dank. Und wenn ihr jemanden kennt, den dieser Podcast interessieren könnte -- empfehlt mich gerne weiter. Ich würde mich freuen.

    In diesem Sinne komme ich zum Ende. Wenn Ihr wollt, hören wir uns nächsten Woche wieder. Dann rund um das spannende Thema Hypnose und Schlafwandeln.

    15 min
  • Ordnung
    Ein Überblick zum Thema Ordnung und Unordnung.

    Ordnung und Unordnung

    Der Winter steht vor der Tür und wir werden wieder mehr Zeit in unseren eigenen vier Wänden verbringen. Dher möchte ich mich heute mit dem Thema Ordnung und Unordnung beschäftigen. Und inwiefern wir als Heilpraktiker Psychotherapie hiervon möglicherweise auch beruflich betroffen sind.

    Schauen wir uns das Thema Ordnung einmal kurz aus der kulturgeschichtlichen Perspektive an:

    Die erste Ordnung, die Menschen vornahmen, war die Trennung von Leben und Tod. Die Toten bekamen erstmals einen klar definierten Platz.
    Diese erste, grundsätzliche Ordnung haben unsere Vorfahren nach und nach auf unterschiedliche Lebensbereiche ausgeweitet. Zu sehen ist sie im Großen und Ganzen unserer Kultur und natürlich im kleinen unseres privaten Zuhauses.

    Bereits kleine Kinder werden wir von ihren Eltern dazu erzogen Ordnung zu halten.

    Natürlich ist die Art und der Umfang dieser Ordnung kulturabhängig und unterliegt auch gesellschaftlichen Moden. Für einen Japaner bedeutet Ordnung zum Beispiel, eine möglichst große Leere zu erzeugen, um sich auf wenige, als schön empfundene Dinge zu konzentrieren.
    Im Gegensatz dazu war ein typischer Haushalt in der Gegenkultur der 1960er Jahre vollkommen anders geordnet, aber trotzdem geordnet.

    Dinge anzuordnen bedeutet immer auch ihnen eine Bedeutung zu geben:

    — Was ist wichtig für mich, was ist unwichtig?
    — Was darf und soll öffentlich gezeigt werden, weil es zum Beispiel die Funktion eines Statussymbols hat?
    — Und was wird verschämt weggeschlossen?

    Auch in einem ungeordneten Haushalt schmücken Bilder die Wände und stehen nicht im Schrank. Während schmutzige Unterwäsche für gewöhnlich nicht deutlich sichtbar in dem Bereich herumliegt, indem sich Fremde aufhalten. Oder zumindest aber wird sie weggeräumt, wenn sich Gäste ankündigen.

    Man kann natürlich einwenden, dass es Menschen gibt, die bewußt gegen solche als spießig empfundenen Ordnungskriterien verstoßen. Indem sie z.B. ihre schmutzigen Socken absichtlich auf Möbeln liegen lassen.

    Doch dies ist kein Widerspruch, sondern nur eine andere Weise des Umgangs mit Ordnung: Die Ordnung eines Haushaltes dient auch der bewussten oder eben auch unbewussten Präsentation der Menschen, die sich mit diesen Dingen umgeben.

    Weil diese Präsentation — ganz oder teilweise — unbewußt ist, hat sich innerhalb der Anamnese die so genannte "Albummethode" entwickelt: Dabei wird der Patient aufgefordert seinen privaten Lebensbereich zu fotografieren und einen Plan seiner Wohnung zu erstellen.

    Anhand der Anordnung der Dinge, der Farbgebung und anderer gestalterischer Elemente kann der Therapeut wertvolle Einsichten in den Charakter seines Patienten gewinnen.

    Doch zurück zum Thema:

    Wir Mitteleuropäer gehen meistens davon aus, dass die Anordnung unserer Dinge eine Botschaft an unsere Mitmenschen enthält.
    Manche Kulturen aber gehen auch von einem umgekehrten Einfluss aus: die Ordnung der Dinge wirkt sich auf das Leben derjenigen aus, der sich mit ihnen umgeben. Die vermutlich bekannteste dieser Schulen stammt aus China und ist in Europa unter dem Namen Feng Shui bekannt.

    Die Ordnungskriterien des Feng Shui basieren auf philosophischen und religiösen Annahmen des Taoismus. Der Taoismus geht von der Lebensenergie „Chi“ aus, die alles miteinander verbindet. Daher sollen Mensch, Natur und Umwelt in Einklang miteinander leben.

    Interessant daran ist, dass der Fluß dieser Lebensenergie beeinflußt werden kann:

    Zum Beispiel durch
    — die Verwendung bestimmter Baumaterialien,
    — durch gewisse Architekturprinzipien
    — aber auch durch die Anordnung von Dingen im Lebensraum der Menschen.

    Je nachdem wird der Fluß der Lebensenergie umgelenkt, verstärkt oder sogar blockiert.

    Aus diesen Überzeugungen ergeben sich bestimmte Einrichtungsprinzipien, die man einhalten sollte, damit Glück und Gesundheit erhalten oder verstärkt werden.

    Die Geschichte des Feng Shui ist spannend und abwechslungsreich. Neulich zum Beispiel erzählte mir eine chinesische Freundin — vielen Dank nochmal Hualin — dass die Lehre des Feng Shui im kommunistischen China als Aberglaube verboten war.

    Mittlerweile jedoch werden sogar beim Bau von Regierungsgebäuden wieder entsprechend ausgebildete Berater konsultiert.

    Interessant ist auch, dass manche grundmenschlichen Überlegungen — seien sie nun wissenschaftlich erwiesen oder nicht — auch durch Verbote nicht ausgelöscht werden können.

    Ich werde in der Folge über Verschwörungstheorien auf diesen Umstand noch einmal ausführlicher eingehen.

    Aber zurück zum Thema:

    Religionsgeschichtlich betrachtet basieren die Ordnungsprinzipien des Feng Shui auf der Überzeugung von der Harmonie des Innen und des Außen. So, wie das Ich das Außen beeinflußt, beeinflußt wiederum auch das Außen das Ich. Übrigens ein Gedanke, der auch in der Tradition der europäischen Mystik anzutreffen ist.

    Auch wenn die Lehre vom Feng Shui Teil einer taoistischen Kultur ist und mit der westlichen Zivilisation zunächst nichts zu tun hat, finden Bücher, Videos und Beratungen zum Feng Shui auch bei uns mittlerweile reißenden Absatz.

    Psychologisch betrachtet handelt es sich hierbei zunächst um bloße — eventuell modebedingte — Neugier an der Exotik einer fremden Kultur. Andererseits kann sich hinter diesem neu entflammten Interesse an der Ordnung der Dinge auch noch etwas anderes verbergen:

    Der gegenwärtige Zustand unserer Kultur ist nun einmal extrem materialistisch geprägt. Der Kauf, der Austausch, die Lagerung und damit auch die Ordnung von Dingen nimmt in unserem Leben im doppelten Sinne einen großen Raum ein.

    Und immer häufiger hört man von Menschen, die Angesichts der Fülle und der Unübersichtlichkeit der Warenwelt Probleme bekommen, die sich zu psychischen Krankheits- oder Störungsbildern auswachsen können. Angefangen mit kaufsüchtigem Verhalten, über zwanghaften Gebrauch von immer leistungsfähigeren Kommunikationsgeräten und größeren Bildschirmmedien, bis hin zum Messietum, dem ich mich gleich ausführlich widmen werde.

    Mittlerweile sind diese Probleme bekannt und man geht therapeutisch und beraterisch gegen sie vor. So auch gegen die Unordnung der Dinge:

    Durch ihre Präsenz auf dem Buchmarkt und mittlerweile auch auf Netflix ist die japanische Ordnungsberaterin Marie Kondo in den letzten Jahren weltweit bekannt geworden. Sie berät Menschen, die nicht selbst für Ordnung sorgen können, anhand ihrer selbstentwickelten "Konmari-Methode“.
    Dabei geht es darum, sich wieder Überblick über ihre materiellen Besitztümer zu verschaffen und sich vor allem von unnötigem Ballast zu trennen. Im Zentrum dieser Methode steht die Frage, ob ein bestimmter Gegenstand seinen Besitzer glücklich macht, oder nicht.

    Auf diese Weise dürfen die guten Dinge in der Wohnung gut und angemessen verstaut werden, während die schlechten auf den Sperrmüll wandern. Die „Konmari-Methode" ist gut und für viele Menschen sicherlich auch hilfreich. Und bei genauerem Hinsehen kann sie ihre Herkunft aus dem Feng Shui nicht ganz verbergen.

    Denn auch dort wird ein Gegenstand nicht nach seinem Wert, sondern nach seiner Beziehung zum Glück des Menschen bewertet bzw. angeordnet oder entfernt. Nichts desto weniger gibt es Menschen, die auch mit Hilfe von Techniken, Beratungen oder Sachbüchern dem Chaos in ihrem Haushalt nicht Herr werden können:

    Das so genannte "Messie-Syndrom", abgeleitet vom englischen „mess“ für Unordnung, umfasst auf den ersten Blick sehr heterogene Symptome. Sie zeigen jedoch im Hinblick auf die Ordnung klare Parallelen: So sind Messies nicht in der Lage Ordnung in ihren Wohnräumen zu schaffen, was in extremen Fällen auch bedeutet, dass Essenreste oder Lebensmittel nicht mehr beseitigt werden.

    Es kommt dann zu massiven hygienischen Problemen, wie z.B. Ungezieferbefall. In den Räumen sammeln sich Gegenstände an, die für den Besitzer wenig oder keinen Gebrauchswert haben, wie leere Flaschen, Verpackungen oder ähnliches. Diese Sammelwut kann im Extremfall zwanghafte Züge annehmen. Es handelt sich dann nach der DSM-V um eine so genannte Zwangsspektrumsstörung, d.h. um eine Erkrankung, die einer Zwangserkrankung ähnelt und bei der Störungen der Impulskontrolle vorliegen.

    Die Unordnung in den eigenen Räumen wird zumeist schamhaft von fremden Blicken verborgen. Das führt einerseits dazu, dass keine Hilfe beim Aufräumen gesucht wird. Andererseits kommt es nicht selten zu sozialer Isolation, da man keine Menschen mehr in seine Wohnräume einlädt.

    Auch wenn die meisten von Euch den Begriff Messie vor allem mit diesen Symptomen verbinden, werden zum Messie-Syndrom noch weitere Symptome hinzugezählt, vor allem im Hinblick auf die Planung und Einteilung der Zeit: Ein Messie ist nicht nur im räumlichen Sinne unstrukturiert und damit unordentlich, sondern auch im Hinblick auf die Zeit.

    Die chronische Unpünktlich mancher Messies wird von unwissenden Außenstehenden häufig mit Desinteresse verwechselt, was die erwähnte soziale Isolation noch verstärken kann. Verbunden hiermit ist auch die Neigung zur Prokrastination, der berühmten Aufschieberitis.

    Da zwar kognitiv zwischen Wichtigem und Falschem unterschieden werden kann, aber die Störung des Impulses kein geordnetes Herangehen und Priorisieren zulässt, versinkt der Messie förmlich in seinen Verpflichtungen. Er oder sie kann Termine aller Art nicht einhalten und schädigt sich sozial und beruflich noch weiter.

    Aus naheliegenden Gründen tritt das Messie-Syndrom gerne im Zusammenhang mit Abhängigkeitserkrankungen beispielsweise bei Alkoholikern auf, wobei die Frage nach Henne oder Ei offen bleieben muss.

    Greift jemand zu einem Entspannungsmittel wie Alkohol, weil er angesichts seiner mangelnden Impulskontrolle verzweifelt? Oder macht es ihm eine bereits bestehende oder sich ankündigende Alkoholabhängigkeit unmöglich in seiner Umgebung für Ordnung zu sorgen? Etwas, weil seine Gedanken immer um etwas anderes, nämlich den Alkohol kreisen?

    Wie kann nun ein therapeutischer Umgang mit dem Messie-Syndrom aussehen?

    Im Hinblick auf die Zwanghaftigkeit des Sammelns existieren verhaltentstherapeutische Angebote von entsprechend ausgebildeten Therapeuten. Es können jedoch auch Antidepressiva und zum Einsatz kommen. Insbesondere beim Vorherrschen von Defiziten der Selbstregulation wird das Messie-Syndrom auch als eine Form der Aufmerksamkeitsdefizit- bzw. der Hyperaktivitätsstörung interpretiert und entsprechend medikamentiert.

    Neben solchen, im engeren Sinne psychiatrischen Therapiemethoden, kann sich zusätzlich auch ein Coaching bzw. ein Beratungsangebot für Angehörige bewähren.

    Entscheidet sich ein Heilpraktiker Psychotherapie für ein solches Coaching, gibt es unterschiedliche Wege zum Ziel:
    Zum einen können gemeinsam klare Tages- und Wochenpläne erarbeitet werden, die den Betroffenen helfen die Unordnung in der Tagesplanung zu bekämpfen.
    Zum anderen können Gespräche über den Wert des angesammelten Dinge geführt werden. Wichtig dabei ist selbstverständlich ein wertschätzender Umgang mit den Betroffenen angesichts der Scham, die über das eigene Leiden und die eigene Unordnung empfunden wird.

    Nun, ich hoffe ich konnte Euch einige neue Informationen und Ideen zu unserem Thema vermitteln. Tut ihr mir einen Gefallen? Abonniert meinen Podcast, vielen Dank. Und wenn ihr jemanden kennt, den dieser Podcast interessieren könnte — empfehlt mich gerne weiter. Ich würde mich freuen.

    In diesem Sinne komme ich zum Ende. Wenn Ihr wollt, hören wir uns nächsten Woche wieder. Dann rund um das Thema ICD-10.

    12 min
  • Sexsucht
    Die nicht-paraphile Hypersexuelle Störung

    Sexsucht

    Nach den vielen Lerntipps aus der vergangenen Woche geht es heute um ein etwas weiteres Thema, nämlich die sogenannte Sexsucht. Obwohl es nicht zu 100% prüfungsrelevant ist, so ist es doch interessant später im Praxisalltag auf jeden Fall relevant. Los gehts.

    Die nicht-paraphile Hypersexuelle Störung, so die medizinisch korrekte Bezeichnung unseres heutigen Themas ist bekannter unter dem Begriff „Sexsucht". Der Volksmund kennt noch verschiedene andere Bezeichnungen – allesamt gerne der griechischen Mythologie entnommen.

    Der Verweis auf die Antike diente in christlich-prüderen Zeiten häufig dazu, das als peinlich Empfundene zu verschleiern oder auch zu rechtfertigen: Wenn die kultivierten Griechen schon darüber sprechen durften, dürfen wir das bestimmt auch.

    Die beiden Begriffe –– die ich euch gleich auch nennen werde –– betonen die sexuelle Erregung. Allerdings mit dem Unterton einer gewissen Wahllosigkeit in Bezug auf die jeweiligen Sexualpartnerinnen oder Partner.

    Ursprünglich, also bei den alten Griechen, hatten diese Begriffe überhaupt keinen abwertenden Beiklang: Der Satyr — so die männliche Bezeichnung —

    war eine fruchtbare Naturgottheit von männlicher Anatomie, der Frauen — wenn sie denn wollten — Lust verschaffte.
    Gleiches galt für ihre weiblichen Gegenstücke, die Nymphen. Sie stellen sich Männern sexuell zur Verfügung.

    Für uns moderne und ach so sexuell aufgeklärte Menschen ist der offene Umgang den unsere Vorfahren in Rom, Griechenland oder auch Indien mit der Sexualität pflegten noch immer ungewöhnlich. Und — man staune — tatsächlich manchmal schambehaftet.

    Die gut erhaltenen erotischen bzw. pornographischen Fresken in Pompeji geben noch heute ein Zeugnis über die normale und leichte Verfügbarkeit von heterosexuellem Sex in den antiken Zivilisationen ab.

    Die Homosexualität galt in Griechenland als eine gesunde Betätigung in der Phase der körperlichen Reifung des Mannes und schloss eine spätere heterosexuelle Betätigung keinesfalls aus. Gerne wurden an Wegkreuzungen Steinsäulen aufgestellt, die mit einem erigierten Steinpenis geschmückt waren. Für uns gewöhnungsbedürftig, für die alten Griechen eine ganz selbstverständliche Verehrung der Fruchtbarkeit.

    Doch wir müssen gar nicht soweit in die Vergangenheit schauen: Wir können auch heute Bücher mit persischen Miniaturen finden, oder einen hinduistischen Tempel, an dessen Außenwand er Geschlechtsverkehr farbenprächtig und überdimensional von hunderten Steinfiguren zelebriert wird. Ganz zu schweigen vom berühmten Buch der sexuellen Stellungen, dem "Kamasutra“. Es wird seit Jahrhunderten ausführlich bebildert in den orientalischen Ländern verlegt und natürlich auch gelesen.

    Waren unsere Vorfahren oder sind unsere orientalischen Nachbarn nun etwa sexsüchtig?

    Oder hat sie ihr offener Umgang mit der Sexualität und die Verknüpfung mit Religiosität und Naturverehrung vor diesem Schicksal eher bewahrt?

    Bevor wir diese Frage beantworten können, wenden wir uns noch einmal unserer Gegenwart zu und füllen den Begriff der Hypersexuellen Störung zunächst mit einigen Fakten und Hintergrundinfos.

    Zunächst einmal müssen wir zwischen somatischer und psychogener Sexsucht unterscheiden. Bei der somatischen – also der körperlich verursachten – Sexsucht handelt es sich um eine krankhafte übermäßige sexuelle Betätigung. Der Fachbegriff dafür ist „Hypersexualität“.

    Bei psychogener — also seelisch verursachter — Sexsucht geht es um gesundes Verhalten, das allerdings quantitativ oder qualitativ auffällig ist. Das heißt konkret: sehr viel Sex oder sehr unbefriedigender Sex.

    Fangen wir mit der somatischen, also körperlich verursachten Sexsucht an:

    Sie findet sich häufig bei Manien bzw. Bipolaren Störungen, deren Leit-Symptome die Antriebssteigerung und die erhöhte Wachheit sind. Im Zuge dieser Symptome treten gerne hypersexuelle Störungen auf. Das heißt, die Betroffenen „leiden“ unter gesteigerter sexueller Aktivität.

    Auch manche degenerative Hirnerkrankungen wie der Morbus Pick oder bestimmte Formen einer Parkinson Erkrankung können zu einem gesteigerten sexuellen Interesse führen.

    Während des Klimakteriums kommt es bei Frauen bedingt durch die hormonellen Veränderungen auch zu Änderungen des Sexualverhaltens, was sich u.U. auch als Hypersexualität äußern kann.

    Die Frage ist nun: was kann man dagegen tun, bzw. wie sieht eine Behandlung aus?

    Eine Linderung bzw. Normalisierung der Symptomatik findet oft durch Pharmakotherapien, also durch Medikamente, statt.
    Heilpraktiker Psychotherapie dürfen keinerlei somatische, d.h. den Körper betreffende, Therapien verordnen oder druchführen. In einem solchen Fall müssen sie die betroffenen Patienten z.B. an einen Psychiater verweisen.

    Schauen wir uns nun die psychogenen, also seelischen Ursachen der Hypersexualität etwas genauer an:

    Welche Phänomene — die keine körperlichen Ursachen haben — gehen mit Hypersexualität einher?
    Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung oder ein seelischer Stressor können Verhaltensänderungen nach sich ziehen.

    In beiden Fällen wäre das übermäßige Interesse an Sex jedoch kein Ausdruck einer gesteigerten Libido. Es ist eher die verzweifelte Suche nach Selbstbestätigung.

    In jedem Fall müssen wir bei der Hypersexualität zwischen Quantität und Qualität unterscheiden.

    In quantitativer Hinsicht ist der Begriff der Sexsucht schwierig:

    Wie oft ist normal, wie oft ist zu viel? Wann und mit wie vielen Partnern darf ich verkehren, bevor mich meine Umgebung als krank oder hilfsbedürftig definiert?

    In einer aufgeklärten Gesellschaft wird die Sexualität als natürliche Regung betrachtet. Die Sexualität auszuleben wird allen Menschen jenseits der Geschlechtsreife zugestanden.

    Wieso also kann dann die natürlichste Sache der Welt zur Sucht werden?

    Handelt es sich bereits um eine Suchterkrankung, wenn unsere Gedanken ständig um Sex kreisen?

    Schauen wir uns die Definition der hypersexuellen Störung genauer an:

    Per Definition muss zu einem exzessiven Sexualverhalten oder einer exzessiven Beschäftigung mit der Sexualität noch ein weiteres Elemente hinzutreten: nämlich die Impulskontrollstörung.

    Das bedeutet konkret: es geht nicht darum wie oft, oder was jemand tut. Sondern darum, dass er nicht anders kann, als genau das zu tun.

    Ein Leiden oder eine soziale Beeinträchtigung entsteht dann, wenn die exzessiv ausgelebte Sexualität sich der Steuerung durch den Betroffenen entzieht. Wenn der Impuls sich sexuell zu betätigen auch gedanklich nicht unterdrückt werden kann. Solchermaßen Betroffene denken und betätigen sich also nicht sexuell, weil sie den Wunsch dazu verspüren, sondern weil sie nicht anders können.

    Was ist nun therapeutisch zu tun?

    Für die Behandlung einer Hypersexualität mit massivem Gebrauch von Pornographie zum Beispiel, gibt es selbsthypnotische Verfahren. Den Anfang macht hier die schrittweise Entwöhnung von der einfach zugänglichen Pornographie. Zeigen diese Therapien keine Erfolge, wäre der nächste Schritt der Besuch beim Sexualtherapeuten.

    Wichtig ist hierbei, dass die Sexsucht auch als Ausdruck einer geistigen Leere verstanden wird und nicht nur als Verhaltensauffälligkeit. Erst wenn wir dem Patienten oder der Patientin vermitteln können, dass sie eigentlich eine andere Art der Befriedigung sucht — nämlich die eines erfüllten Lebens — befreien wir sie von ihrer Sexsucht.

    Und wir geben ihm oder ihr auch die Möglichkeit, die liebevolle Hinwendung zu einem Partner wieder zu entdecken, zu der natürlich auch einen befriedigende Sexualität gehört.

    Ich hoffe, ich konnte euch einen kleinen Überblick und einige nützliche und interessante Zusatzinfos zu diesem Thema liefern. Tut ihr mir einen Gefallen? Abonniert meinen Podcast, vielen Dank. Und wenn ihr jemanden kennt, den dieser Podcast interessieren könnte — empfehlt mich gerne weiter. Ich würde mich freuen.

    In diesem Sinne komme ich zum Ende. Wenn Ihr wollt, hören wir uns nächsten Woche wieder. Dann rund um das Thema Ordnung und Sauberkeit.

    9 min
  • Lerntypen und Lernstrategien
    Ein Überblick über verschiedene Lerntypen und Lerntechniken

    Lerntechniken

    Da die Termine für die Herbstprüfung im Heilpraktiker Psychotherapie mit großen Schritten auf uns zu kommen, möchte ich Euch heute einen Überblick über verschiedene Lerntypen und Lerntechniken geben und auch ein wenig auf deren Hintergründe eingehen.

    Vielleicht ist vielen von Euch noch aus der Schulzeit die Einteilung der Menschen in vier Lerntypen bekannt: Die Überlegung hierzu stammen von dem deutschen Chemiker Frederic Vester, der als Pionier des so genannten vernetzten Denkens gilt.

    Vester geht davon aus, dass verschiedene Menschen unterschiedliche Sinneskanäle bevorzugen. Daraus ergeben sich dann ein auditiver, ein visueller, ein haptischer und ein verbal-abstrakter Lerntyp:

    1. Der visuelle Lerntyp, nimmt Informationen über die Augen auf und verfügt dementsprechend über ein gutes optisches Gedächtnis. Schaubilder sind genau sein Ding.

    2. Der haptische Lerntyp bevorzugt den Tastsinn, bzw. lernt gewissermaßen über seine Hände. Für diesen Lerntyp wurde das klassische Vokalheft erfunden.

    3. Der auditive Lerntyp nimmt Informationen über das Gehör auf und verfügt über ein gutes akustisches Gedächtnis. Er profitiert am meisten von Vorträgen und erzähltem Wissen.

    4. Der verbal-abstrakte Lerntyp lernt vor allem durch das Lesen und die Verknüpfung mit bereits erworbenem Vorwissen. 

    5. Vester möchte seine Einteilung allerdings nicht als starres Korsett verstehen: natürlich lernt auch der haptische Lerntyp durch Zuhören. Und der verbal-abstrakte Lerntyp auch durch visuelle Reize.
      Allerdings erzielen alle Lerntypen bessere Ergebnisse, wenn sie sich zumindest schwerpunktmäßig auf ihre bevorzugten Sinneskanäle stützen.

      Bevor wir uns die einzelnen Lerntypen etwas genauer ansehen, hier noch eine kurze Einordnung der Lerntypen in den aktuellen Kontext:

      Heutzutage gilt die Lehre von den Lerntypen nach Vesper als überholt oder zumindest wissenschaftlich stark umstritten. Die Hirnforschung konnte nämlich keine angeborene Präferenz für einen bestimmten Sinneskanäle bestätigen.

      Nichts desto trotz ist die Einteilung Vesters in die vier Lerntypen in Bezug auf unterschiedliche Lernstrategien hilfreich. Zu oft nämlich werden Sinneskanäle übersehen, für die Lerninhalte anders als gewohnt aufgearbeitet werden müssten.

      Dadurch könnte eine Abwechslung im Lernprozess entstehen – was grundsätzlich schonmal ein Gewinn wäre. Und genau um eine solche Abwechslung soll es im Folgenden auch gehen.

      Fangen wir also mit dem vermeindlich verbreitetsten an – mit dem visuellen Lerntyp.

      Geschätzte 60% der Bevölkerung gehören zu diesem Lerntyp, so dass es zu diesem Thema auch die meisten Varianten gibt. Wir schauen uns die drei verbreitesten an:
      — die MindMap
      — das Merkbild und
      — die guten alten Karteikarten

      Los gehts also mit der MindMap, auch Gedächtniskarte genannt.

      Hierbei wird auf einem großen weißen Papierbogen zunächst der zentrale Lern-Themas in die Mitte geschrieben. Hiervon verzweigen sich in alle Richtungen Äste.

      An die Verzweigung werden die so genannten Begriffe erster Ordnung gesetzt. Damit sind quasi die Überschriften der einzelnen Aspekte des Lern-Themas gesetzt.

      Von diesen Begriffen verzweigen sich wiederum Äste in alle Richtungen. Und an diesen Verzweigungen finden wir die Begriffe zweiter Ordnung. Und so kann es noch einige Ebenen weiter in die Tiefe gehen.

      Der Witz liegt nun darin, dass das Bild am Schluss eine möglichst farbige und eventuell auch mit kleinen Zeichnungen oder Symbolen versehene Struktur zeigt.

      Nehmen wir als Beispiel das für den Heilpraktiker sehr wichtige Thema Alkohol und Alkoholismus.

      In die Mitte würde man den Begriff Alkohol schreiben. Ein Zweig könnte dann benannt werden »Körperliche Reaktionen« ein weiterer »Psychische Reaktionen«. Das wären unsere Begriffe erster Ordnung.
      Hiervon wiederum abzweigend, würden kleinere Äste nun die einzelnen somatischen oder psychischen Reaktionen aufführen. Das wären dann unsere Begriffe zweiter Ordnung.

      Der Vorteil einer MindMap besteht darin, dass sie an den Rändern, wie ein riesiges Puzzlespiel mit anderen MindMaps verbunden werden kann. Zum Beispiel das Wernicke-Korsakow-Syndrom, das alkoholbedingt sin kann, aber nicht sein muss.

      Manche körperlichen Reaktionen des Alkohols wären also deckungsgleich mit denen anderer Rauschmittel aus dem Bereich F1, weisen jedoch auch in den Bereich F0 hinein.

      Der Phantasie und der Gestaltung sind keine Grenzen gesetzt, auch wenn die Übersichtlichkeit natürlich wichtig ist. Mind-Maps können überall dort angebracht werden, wo man sich in regelmäßigen abständen aufhält, im Arbeitszimmer, der Küche oder der Toilette. Und wenn sie gelungen sind, kann man gar nicht anders, als mit den Augen immer wieder den Verbindungslinien zwischen den Begriffen, die gelernt werden müssen, zu folgen.

      Einen ganz anderen Ansatz verfolgen so genannte Merkbilder. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf der Verbindung des sprachlichen Begriffes, mit einem graphischen Element. Nehmen wir als Beispiel das Wort Alkoholismus, in dem die beiden Buchstaben »l« durch zwei gezeichnete Flaschen ersetzt werden, von denen die eine mit »Schnaps« und die andere mit »Wein« beschriftet ist.

      Gelernt wird durch eine solche simple Zeichnung, dass der Alkoholismus ein Phänomen aller Gesellschaftsschichten ist und immer auch mitbedacht werden muss, dass sich auch hinter einem vordergründig kultivierten Genusstrinken bereits erste Anzeichen eines beginnenden Alkoholmissbrauchs verstecken können.

      Auch bei dieser Technik sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Im Prinzip können solche Merkbilder sogar mit einer MindMap verbunden werden.

      Ein wenig aus der Mode gekommen ist das Lernen mit Karteikarten, das jedoch für den visuellen und den haptischen Lerntyp gleichermaßen geeignet ist. Wichtig dabei: die Karteikarten müssen selbst erstellt worden sein.

      An dieser Stelle möchte ich eine grundsätzliche Anmerkung über Hilfsmittel machen.

      Natürlich könnt ihr Lernkarten und MindMaps überall kaufen.
      Und inhaltlich sind häufig auch sehr gut.

      Das Problem mit diesen gekauften MindMaps und Lernkarten besteht darin, dass der Schritt der individuellen Gestaltung entfällt. Dieser Schritt ist aber wichtig – nicht nur für den visuellen Lerntyp.

      Es ist hiermit ein wenig so wie mit den Spickzetteln in der Schule, die wir für die Mathearbeiten angefertigt haben. Nachdem wir viele Stunden damit verbracht hatten in winziger Schrift möglichst viele Formeln auf winzige gut getarnte Zettel zu schreiben, konnte man auf diese am nächsten Morgen gut verzichten. Man hatte den Stoff mehr oder weniger gelernt, ob man wollte oder nicht.

      Weiter gehts mit dem haptischen Lerntyp:

      Für den haptischen Lerntyp gilt ähnliches, wie für den visuellen Lerntyp: auch dieser muss seine Lernmaterial möglichst mit den eigenen Händen erstellen. Hierfür gibt es unterschiedliche Möglichkeiten: angefangen mit dem liebevol-len Bau eines kleinen Karteischrankes, der ja bereits nach den verschiedenen Themenfeldern der ICD-10 geordnet sein kann.

      Ein äußerst gelungenes Beispiel für die Umsetzung von höchst abstraktem Lernstoff in ein haptisch faßbares und vor allem zu gestaltendes Objekt stammt von dem Autor Hanno Depner. Sein Buch »Kant für die Hand« ist ein fertig gestanzter Bastelbogen aus dem man ein Kant-Modell bauen kann.

      Dieses dreidimensionale Modell zeigt dann Immanuel Kants Überlegungen aus seiner »Kritik der reinen Vernunft«. Vielleicht ist das ja eine Inspiration für die ein oder andere von euch.

      Schauen wir uns nun den auditiven Lerntyp etwas genauer an:

      Wenn der bevorzugte Sinneskanal das Ohr ist, gibt es natürlich eine Vielzahl an Möglichkeiten Texte in gesprochene Sprache zu übertragen, wie ihr gerade hört.

      So ist es heutzutage sehr einfach auf den weit verbreiteten Smartphones die Diktierfunktion zu verwenden um Texte vorzulesen und sich immer wieder anzuhören.

      Unterschätzen sollte man auch hier nicht die älteste Form der Mnemotechnik, das Reimen: Natürlich kostet es zunächst Überwindung aus abstraktem Lernstoff Reime zu formen.

      Doch tatsächlich können wir gereimte Sprache besser behalten als ungereimte. Und legt man unter die Reimworte noch einen Hip-Hop-Rhythmus, so hat man sich rasch den eigenen Heilpraktiker-Rap gedichtet. Und keine Sorge, niemand außer Euch wird in den Genuss Eurer Raps kommen, es sei denn ihr plant nach bestandener Prüfung einen öffentlichen Auftritt.

      Kommen wir zum vierten Lerntyp: dem verbal-abstrakten.

      Der verbal-abstrakte Lerntyp erfaßt die zu lernenden Inhalte hauptsächlich durchs Lesen. Dabei kommt es nicht so sehr auf den visuellen Aspekt an. Es geht vielmehr um die kognitive Erfassung der Inhalte, die sich im Text befinden.
      Diese Lerner profitieren am meisten von einem festen, ruhigen Arbeitsplatz mit möglichst wenig Ablenkung und viel Platz für Lernmaterialien wie MindMaps, Lernkarten usw.

      Hier noch ein Tipp für alle Lerntypen – effektives Zeitmanagement.

      Zunächst erstellt Ihr einen Wochenplan, in welchem ihr Eure Lernzeiten fest einblockt. Wenn ihr kleine Kinder habt, werden diese vermutlich die Morgen- oder Abendstunden sein.
      Und: Gebt Euren Lernzeiten einen realistischen Umfang.
      Für die Vorbereitung auf die Prüfung vor dem Gesundheitsamt bedeutet dies ungefähr ein Jahr Lernzeit mit ca. 5 bis 7 Lernstunden pro Woche. Das läuft auf ca. eine Stunde Lernen pro Tag hinaus.

      In dieser Stunde können Podcasts gehört, Bücher gelesen und Karteikarten erstellt werden. Wichtiger ist jedoch noch etwas, was Spezialisten auf dem Gebiet des Lernens gerne »totale Immersion« nennen. Versucht den Stoff nicht nur als lästige Pflicht zu begreifen, sondern taucht ein in das gesamte Gebiet der Psychiatrie.

      Lest weiterführende Bücher, schaut Euch Filme und Dokumentationen in den Mediatheken oder anderen Videoplattformen an. Sucht Gespräche mit Ärzten oder Angehörigen des Pflegepersonal zu psychiatrischen Themen. Effektives Lernen bedeutet vor allem auch die Hingabe an das was man erlernen will.

      Zum Schluß noch ein ernst gemeinter Rat von mir: Finger weg von legalen oder illegalen leistungssteigernden Substanzen. Der Effekt ist begrenzt und die langfristigen Wirkungen können fatal sein. Leistung läßt sich kostenlos und am besten durch Humor und frische Luft steigern!

      Ich hoffe, ich konnte euch einen kleinen Überblick und einige nützliche und interessante Zusatzinfos liefern. Tut ihr mir einen Gefallen? Abonniert meinen Podcast, vielen Dank. Und wenn ihr jemanden kennt, den dieser Podcast interessieren könnte – empfehlt mich gerne weiter. Ich würde mich freuen.

      In diesem Sinne komme ich zum Ende. Wenn Ihr wollt, hören wir uns nächsten Woche wieder. Dann rund um das Thema Sexsucht.

      10 min
    6. Wahnsinn im Film
      Psychiatrische Störungsbilder bei Alfred Hitchcock

      Wahnsinn im Film

      In dieser Folge beschäftigen wir uns mit Psychiatrischen Störungsbildern im Film. Und zwar nicht in irgendwelchen Filmen, sondern in drei von Alfred Hitchcocks Meisterwerken.

      Wir fangen natürlich an mit Norman Bates in Psycho. Danach werfen wir einen Blick auf James Steward, der in Vertigo den Ex-Polizisten John Ferguson spielt. Und zu guter Letzt schauen wir, was Marnie in dem gleichnamigen Film so umtreibt.

      Auch wenn der bücherliebende Deutschlehrer in mir traurig den Kopf schüttelt — Film und Fernsehen sind in den letzten Jahren zu wichtigen Informationquellen geworden. Viele Menschen beziehen ihre Vorstellungen über kulturelle, wissenschaftliche oder auch medizinische Gegebenheiten aus Spielfilmen und Fernsehserien.

      Natürlich sind diese Darstellungen eher stereotyp, nichtsdestotrotz prägen sie unser Bild von psychischen Erkrankungen im Allgemeinen und dem sogenannten Wahnsinn im Speziellen. Für den angehenden Heilpraktiker Psychotherapie ist es daher wichtig, sich mit diesen Darstellungen auseinanderzusetzen.

      Denke ich über die Darstellung des Wahnsinns im Film nach, fällt mir direkt Alfred Hitchcock ein. Er setzt sich in beinahe allen Filmen mit Aspekten psychischer Erkrankung auseinander oder setzt sie zumindest spannungsfördernd ein.

      Sein bekanntester Film dürfte in diesem Zusammenhang wohl der Horrorklassiker „Psycho“ sein.

      Die Hauptfigur Norman Bates ist ein mordender Psychopath, der seine Handlungen unter dem Einfluss seiner toten Mutter begeht.

      Schauen wir uns Norman Bates also etwas genauer an. Wie charakterisiert Hitchcock seinen Wahnsinn und welche möglichen Störungsbilder können wir diagnostizieren?

      Zunächst einmal scheint Norman von seinen Morden seltsam unberührt zu bleiben.

      Zwar schafft er die Leichen fort, aber er tut dieses routiniert und ohne sichtbaren Stress.
      Es scheinen beinahe zwei voneinander getrennte Persönlichkeiten nebeneinander in seinem Körper zu existieren — der Mörder und der Entsorger.

      Eine solche Dissoziative Persönlichkeitsstörung wird in der ICD-10 als F44.81 kodiert. Eventuell ist sie auch noch unter ihrer alten Bezeichnung „Multiple Persönlichkeitsstörung“ bekannt.

      In dieser Deutung wäre die eine Persönlichkeit Norman Bates, die andere Persönlichkeit wäre seine Mutter.

      Sie ist zwar bereits verstorben, aber ihre Persönlichkeit wird in Norman quasi konserviert und übernimmt hin und wieder die Kontrolle.

      Der Wechsel der Persönlichkeiten geschieht immer dann, wenn Norman eine intensive emotionale Erfahrung macht. Zum Beispiel wenn er sexuelle Erregung empfindet oder sich bedroht fühlt. Für die Mordtaten wäre streng genommen nicht Norman, sondern seine Mutter, als seine zweite Persönlichkeit verantwortlich.

      Auch wenn sich Figuren, die eine dissoziative Identitätsstörung aufweisen, hervorragend als Protagonisten für gruselige Filmhandlungen eignen, ist diese Störung in der Realität sehr selten.

      Von manchen Experten wird sie sogar gänzlich angezweifelt. Und selbstverständlich sind die weiteren Persönlichkeiten, die nebeneinander in einem Körper leben nicht automatisch Mörder.

      Eine andere mögliche Diagnose wäre der dissoziative Trance- oder Besessenheitszustand. Er ist mit der dissoziativen Identitätsstörung eng verbunden und wird in der ICD-10 als F44.3 kodiert.

      Hierbei kommt es nicht zur Ausbildung unterschiedlicher Persönlichkeiten, sondern zu einer Veränderung des Bewusstseinszustandes.

      Dadurch nimmt eine einzige neue Identität die Stelle der alten ein.

      Die Wahrnehmung der unmittelbaren Umgebung wird eingeengt — die neue Identität ist fokussiert auf einzelne Umgebungsreize.
      In Norman Bates Fall wären dies die bereits erwähnten sexuellen Reize der Frauen, die seine Opfer werden.

      Im Zustand der dissoziativen Besessenheit zeigen die Betroffenen zusätzliche stereotype Verhaltensweisen und Bewegungsabläufe.

      Tatsächlich weist Norman Bates während seiner Mordtaten solche anderen Verhaltensweisen auf:

      In seinem alltäglichen Zustand ist er eher unbeholfen und gehemmt — während seiner Morde dagegen scheint er voller Energie zu stecken.
      Typisch für einen Trancezustand ist zudem eine vollständige oder partielle Amnesie für die Zeit während der Besessenheit. Auch dies ist in Normans Verhaltensweisen nach den Taten zu erkennen.

      Soviel erst einmal zu Psycho und Norman Bates möglichen Diagnosen. Schauen wir jetzt einen anderen Hitchcock-Klassiker an — Vertigo.

      In diesem, neben Psycho vielleicht bekanntesten Hitchcock-Film leidet die Hauptfigur John Ferguson unter Schwindel und Höhenangst. Am Beginn der Erkrankungn steht eine Traumatisierung: Ferguson wurde als Polizist Zeuge des tödlichen Unfalls seines Kollegen. Während einer Verfolgungsjagd in großer Höhe stürzten beide ab. Ferguson konnte sich gerade noch halten, sein Kollege aber stürzte in den Tod.

      Fergusons bereits vorhandene Symptome einer Höhenangst verstärkten sich. Zusammen mit seinen Schuldgefühlen — seinem verunglückten Kollegen nicht helfen zu können — führte es dazu, dass er seinen Dienst bei der Polizei quittieren mußte.

      Schauen wir uns nun das Krankheitsbild genauer an: John Ferguson leidet also unter Schwindelattacken. Diese treten häufig im Zusammenhang mit psychischen Angst-Erkrankungen auf. In diesem speziellen Fall leidet er unter Höhenangst, auch Akrophobie genannt, die in der ICD-10 unter die Ziffer F.05 fällt.

      Akrophobie tritt zum Beispiel auf Türmen, hohen Bergen, vor Abhängen, auf Brücken, Hochhäusern, Balkonen und Leitern auf. Mitunter verbindet sich die Akrophobie mit anderen Angststörungen. Auch an der Flugangst kann die Akrophobie beteiligt sein — sie ist jedoch nicht mit dieser gleichzusetzen.

      Auch Marnie — die Protagonistin aus Hitchcocks gleichnamigem Film — leidet an einer psychischen Störung. Und damit sind wir auch schon beim dritten und letzten unserer heute besprochenen Filme.

      Die Hauptfigur Marnie leidet an Kleptomanie. Und da ihre Umwelt wenig bis gar kein Verständnis für eine solche Erkrankung aufbringt, macht sie sich angreifbar und sogar erpressbar.

      Tatsächlich ernten die so genannten Impulskontrollstörungen noch heute Kopfschütteln. Denn viele Menschen tun sich schwer damit, sie überhaupt als Krankheiten zu erkennen.

      Aber worum genau geht es bei den Impulskontrollstörungen eigentlich?

      Die Kleptomanie zum Beispiel zeichnet sich durch fortgesetztes, zwanghaftes Stehlen von Gegenständen aus. Diese Gegenstände besitzen für den Dieb oder die Diebin keinerlei Gebrauchswert und werden zumeist unmittelbar nach der Tat weggeworfen oder verschenkt.

      Dabei ist die Tat durchaus schambesetzt. Das hält den Kranken allerdings nicht davon ab, wieder zu stehlen, sobald der innere Druck — der Impuls — stark genug geworden ist. Das Hauptproblem bei dieser Erkrankung liegt im Misstrauen der Umwelt. Vor allem dann, wenn ein Kleptomane auf frischer Tat ertappt wird.

      Was sagt nun die ICD-10 zu diesem Thema?

      In der ICD-10 gibt es die Störungen der Impulskontrolle. Dazu gehören:
      — die Kleptomanie, als dem Zwang zu Stehlen
      — die Pyromanie, also dem Zwang Brände zu legen
      — die Trichotillomanie, das bezeichnet den Zwang sich die Haare auszureißen und
      — das zwanghafte Spielen.

      Ähnlich wie bei der so genannten Spielsucht geht es auch bei der Kleptomanie nicht um Gewinn oder Verlust. Sondern es geht um den Kitzel der Tat — ebenso wie der Pyromane auch nicht an dem Ergebnis des Brandes interessiert ist, sondern am Kitzel der Tat an sich.

      Die Trichotillomanie, der gestörte Impuls sich die eigenen Haare auszureissen, scheint auf den ersten Blick nicht ganz in diese Reihe zu passen. Bei näherer Betrachtung aber zeigen sich auch hier überraschende Parallelen.

      Kennzeichnend für die Trichotillomanie ist das herabgesetzte Schmerzempfinden während des Ausrupfens der Haare. Beinahe scheint es als wäre der Schmerz dissoziiert und würde nicht als Teil des eigenen Körpers erlebt.

      Ähnliches scheint auch für die anderen genannten Impulskontrollsstörungen zu gelten: die Betroffenen geben an, dass sie wie in Trance handelten, unfähig der Handlung gegenzusteuern.

      Ich hoffe, diese etwas ungewöhnliche Art der Diagnostik hat euch gefallen. Tut ihr mir einen Gefallen? Abonniert meinen Podcast, vielen Dank. Und wenn ihr jemanden kennt, den dieser Podcast interessieren könnte — empfehlt mich gerne weiter. Ich würde mich freuen.

      In diesem Sinne komme ich zum Ende. Wenn Ihr wollt, hören wir uns nächsten Woche wieder, dann rund um das mit Thema Lerntechniken.

      9 min
    7. Legal, illegal, nominal – Alkohol und Marihuana
      Die beiden beliebtesten Entspannungsdrogen unter der Lupe

      Legal, illegal, nominal – die beiden beliebtesten Entspannungsdrogen

      Heute geht es um unsere beiden beliebtesten Entspannungsdrogen: Alkohol und Marihuana.

      Zuerst werfen wir einen Blick auf Marihuana, danach schauen wir uns den Alkohol genauer an und versuchen dann eine fachliche Einordnung der Thematik.

      **Beginnen wir also mit Marihuana. **

      Ich möchte, dass wir uns diesem Thema durch eine kleine Phantasiereise nähern:

      Schließt für einen Moment Eure Augen.

      Stellt Euch sich vor, wie ihr durch die Straßen eures Heimatortes geht.
      Am Ende der Straße wird gerade ein neues Plakat auf eine Plakatwand geklebt.

      Ihr kommt näher: auf dem großformatigen Bild seht ihr zwei junge, gut gekleidete Menschen entspannt lächelnd auf dem Sofa sitzen.

      Über ihnen im Raum hängen wie ein bunter Nebel, Figuren, Formen und Farben.

      Die beiden schauen mit begeistertem Blick nach oben.

      Unter ihnen lest ihr nun die Werbebotschaft „Schokouana – die kreative Schokoentspannung mit Marihuana. Ab sofort erhältlich in jedem Supermarkt.“

      Grotesk? Selbstverständlich.

      Ein schlechter Scherz? Vielleicht.

      Vor knapp 3 Jahren ist Marihuana in Kalifornieren legalisiert worden und kann seitdem dort legal gekauft werden. In ausgewählten Läden, gekennzeichnet mit einem grünen Kreuz.

      Bevor wir uns mit dem Für und Wider einer Legalisierung beschäftigen, werfen wir erstmal einen Blick auf ein paar Fakten:

      Marihuana hat viele Namen: Gras, Dope, Hasch …

      Sie alle bezeichnen die getrockneten Blüten der weiblichen Hanfpflanze, lateinischer Name: Cannabis.

      Ihr Wirkstoff: Tetrahydrocannabiol – abgekürzt THC.

      Er ist hauptsächlich in den Blüten zu finden. Je nach Qualität oder Angebot werden den Blüten auch andere Teile der Pflanze wie Blätter oder der Stängel selbst beigemischt.

      Ähnlich wie bei Kartoffeln gibt es viele Sorten, aber nur wenige werden tatsächlich konsumiert.

      Die gängisten Canabis-Sorten sind Sativa und Indica. Deren Wirkungen unterscheiden sich etwas, so dass sich bei den Konsumenten unterschiedliche Vorlieben ergeben.

      Das Harz der Blüten enthält neben THC noch weitere Alkaloide.Sei haben ebenfalls psychoaktive oder vegetative Wirkungen.

      Das ist interessant, denn die Art des Rausches wird durch das Mischungsverhältnis aller Wirkstoffe bestimmt. Dieses Mischungsverhältnis ist also für die unterschiedlichen Wirkungen der verschiedenen Sorten verantwortlich.

      Neben Marihuana werden im Handel noch Haschisch und das so genannte Öl angeboten.

      Als Haschisch bezeichnet man das gepresste Harz, das durch Erhitzen der Pflanze gewonnen wird.

      Je nach Sorte changiert die Farbe von currygelb, über grün zu braun und fast schwarz. Es hat in etwa die Konsistenz von weichem Linoleum oder Siegelwachs.

      Der Geruch ist angenehm süßlich und liegt charakteristisch zwischen dem von Reis-Stroh und Majoran.

      Das kurz und knapp so bezeichnete Öl stellt eine weitere Veredelung dar: durch Destillation wird eine noch größere Reinheit der Wirkstoffe erreicht, so dass ein bräunliches bis dunkelgrünes Öl entsteht.

      Cannabis wird meistens geraucht, es kann aber auch oral, zum Beispiel als Keks, konsumiert werden. Je nachdem verzögert sich dadurch die Wirkung.

      A propos Wirkung: Sie hält ungefähr eine bis eineinhalb Stunden an und baut sich in Wellen auf.

      Die genaue Dauer ist von mehreren Faktoren abhängig, zum Beispiel

      • von der konsumierten Sorte,
      • von der konsumierten Menge und davon,
      • wie oft und wie viel jemand normalerweise konsumiert.
      • Wer schon einmal Cannabis ausprobiert hat, weiß es wahrscheinlich bereits: Es wirkt meistens beruhigend und macht müde und hungrig. Man fühlt sich fröhlich — Stichwort „unkontrollierter Lachflash“ — und verbunden mit anderen Menschen. Wenn nicht sogar mit der gesamten Menschheit.

        Aber es kann auch unangenehme Wirkungen in Form von Sinnestäuschungen oder sogar leichten Halluzinationen haben.

        Soweit, so gut. Schauen wir uns nun die Wirkung von Cannabis einmal aus einem medizinisch-wissenschaftlichen Blickwinkel an:

        In den 1960er und 70er Jahren gab es lediglich Cannabis-Pflanzen, die aus naturbelassenen Saatkörnern entstanden sind. Diese Pflanzen hatten einen verhältnismäßig geringen THC-Gehalt.

        Seit einigen Jahren allerdings wird mit Hochdruck an Züchtungen gearbeitet, die Pflanzen mit einem hohen THC-Gehalt hervorbringen. Vor allem gentechnisch veränderte Samen liefern Pflanzen mit dem 20fachen des natürlichen THC-Gehalts.

        Besonders der Konsum von Marihuana aus solchen Züchtungen kann problematisch sein. Denn die vorhin bereits erwähnten unangenehmen Wirkungen — wir erinnern uns: Sinnestäuschungen und leichte Halluzinationen — treten besonders gerne nach dem Konsum dieser gentechnisch aufgemotzten Sorten auf.

        Vor allem Jugendliche, die eine Veranlagung für Krankheiten aus dem schizophrenen Formenkreis haben, sollten aufpassen: Durch den Konsum von THC kann tatsächlich der erste psychotische Schub ausgelöst werden.

        Zwar kann man einwenden, dass diese Jugendlichen den ersten Schub über kurz oder lang sowieso erlebt hätten. Doch man sollte sich schon gut überlegen, ob man seine erste Psychose wirklich im Kreis tiefenentspannter Kiffer erleben möchte.

        In Deutschland tut man sich mit der Legalisierung von Marihuana etwas schwerer als in den Niederlanden oder Kalifornien. Nach wie vor ist der Besitz und der Konsum illegal.

        Allerdings ist die Toleranz der Ordnungshüter und Gerichte mittlerweile so hoch, dass die Straftat bei einer geringen Menge nicht mehr verfolgt, oder als Ordnungswidrigkeit behandelt wird.

        Aus medizinischer Sicht ist der Umgang mit Cannabisprodukten eindeutiger: Bestimmte Bestandteile der Pflanze werden seit Jahren erfolgreich als schmerzstillende, angstlösende und entzündungshemmende Phytopharmaka eingesetzt.

        Diese Medikamente haben entweder keine oder eine sehr geringe psychoaktive Wirkung, so dass sie als Entspannungs- oder Rauschmittel ungeeignet sind.

        Aber was sagt die ICD-10 zu diesem Thema?

        So einiges. So ist in der ICD-10 unter XXXX. eine psychische Abhängigkeit von THC als behandlungswürdiges psychiatrisches Störungsbild aufgeführt.

        Zu den Symptomen und Spätfolgen einer langjährigen und intensiven Cannabis-Nutzung zählen zum Beispiel:

        • kognitive Einbußen
        • Panikattacken
        • Psychosen und Angststörungen, um nur einige Hightlights zu nennen.
        • Nun liegt der Hase wie so oft im Detail versteckt. Und daraus erklärt sich auch der tiefe Graben zwischen Befürwortern und Gegner des Cannabiskonsums.

          Die heute erwachsenen Befürworter denken beim Cannabiskonsum meistens an ihre Jugend zurück. An die Zeit, als Kiffen noch ein Abenteuer war. Und — je nachdem wie weit man von der holländischen Grenze entfernt wohnte — auch ein teurer Spaß. Und verglichen mit den heutigen Produkten war der Wirkstoffgehalt kaum der Rede wert.

          Zudem war man Teil einer coolen Gegenkultur und konnte seine antibürgerlichen Reflexe in harmloser Weise ausleben, ohne dass irgend jemandem ein größerer Schaden entstanden wäre.

          Heute sieht die Sache allerdings anders aus: Cannabis ist preiswert und quasi überall verfügbar. Seine Wirkung ist ca. 20mal höher als noch vor ein paar Jahren. Und inzwischen liegt die gesellschaftliche Akzeptanz ungefähr auf gleichem Niveau mit der von Alkohol.

          Und genauso wie ein Konsum von Alkohol in Maßen vergleichsweise wenig Schaden anrichtet, führt der übermäßige oder süchtige Gebrauch zu körperlichem und geistigem Verfall.

          Womit wir auch schon beim zweiten Teil unserer heutigen Folge wären — dem Alkohol.

          Wie bereits erwähnt, tun sich Gesellschaft und Politik mit der Legalisierung von Cannabisprodukten schwer. Was natürlich nichts über die tatsächlich in Deutschland konsumierten Mengen aussagt.

          Eine ganz andere Droge dagegen ist von jeher gesellschaftlich akzeptiert und legalisiert. Ich spreche vom Alkohol natürlich, der in hohem Maße körperlich und psychisch abhängig machen kann.

          Gehen wir noch einmal zum Anfang der Sendung zurück, als ich Euch bat die Augen zu schließen. Nach wie vor sitzen zwei junge, gut aussehende Menschen auf einem Sofa. Allerdings halten beide nun ein Glas mit einer gelblich-schaumigen Flüssigkeit in den Händen. Dieses Mal lautet der Werbeslogan: den Feierabend genießen, mit dem besten was Köln zu bieten hat.

          Grotesk?

          Wohl eher nicht.

          Denn Alkohol ist als Entspannungsmittel weitgehend akzeptiert.

          Und mehr noch: Menschen, die in der Kneipe nach alkoholfreien Alternativen zum Feierabend-Bier fragen, gelten

          • als Spielverderber
          • als Gesundheitsapostel
          • als krank
          • oder zumindest als bemitleidenswert, weil sie ja noch fahren müssen.
          • Sucht euch ein Etikett aus.

            Alkohol zu konsumieren gehört in Deutschland bei vielen Gelegenheit einfach dazu.

            Und bei manchen gesellschaftlichen Anlässen erscheint der Alkohol fast sogar zwingend notwendig zu sein.

            Nehmen wir den Karneval als Beispiel: Ich als Kölner kann hiervon ein Lied singen. Der rheinische Karneval ist für viele im nüchternen Zustand kaum zu bewältigen. Böse Zungen würden sagen, kaum zu ertragen: Alkohol wird auch an jeder Ecke für geringes Geld angeboten oder sogar umsonst ausgegeben.

            Aber auch abgesehen vom Karneval wird in Deutschland Alkohol beinahe rund um die Uhr in beliebiger Menge und zu einem niedrigen Preis angeboten.

            Natürlich ist der Verkauf an Kinder und Jugendliche untersagt, doch es ist naiv zu glauben, dass hierdurch der Konsum wirklich eingegrenzt würde. Wer Alkohol trinken möchte, kann das jederzeit tun.

            Schauen wir uns die Folgen des Konsums dieser legalen Entspannungsdroge an:

            • momentan sind ca. 1,8 Millionen Erwachsene in Deutschland alkoholabhängig
            • das heißt: 1,8 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren
            • pro Jahr sterben ca 70.000 Menschen an den Folgen des Alkoholkonsums
            • und es entstehen pro Jahr knapp 40 Millionen Euro direkte und indirekte Krankheitskosten.
            • Und das ist eigentlich kein Wunder, denn Alkohol ist allgegenwärtig, leicht erreichbar und sehr billig.

              Und Alkohol wird immer billiger:

              Nach aktuellen Analysen für Deutschland sind innerhalb der letzten 40 Jahre alkoholische Getränke im Vergleich zur sonstigen Lebenshaltung um 30 Prozent billiger geworden. Dabei sanken die Preise für Wein um 38 Prozent, für Spirituosen um 33 Prozent und für Bier um 26 Prozent.

              Bizarr erscheinen diese Tatsachen auch, wenn man sich die schulische Drogenaufklärung anschaut. Dort werden in Lehrfilmen Substanzen wie Heroin oder LSD besprochen, die — Gott sei Dank — im Moment im deutschen Drogenmilieu praktisch keine Rolle spielen.

              Mit dem gesellschaftlichen Haupt-Drogenproblem, dem Alkoholmissbrauch, beschäftigt sich die schulische Drogenaufklärung dagegen kaum. Im Gegenteil sieht man tatenlos zu, wenn auf dem Schulfest ein Bierstand aufgestellt wird.

              Kurze Zwischenfrage: Wer hat schonmal was vom „Lernen am Modell“ gehört? Genau, Kinder sehen den Erwachsenen beim Konsum von Alkohol zu und bekommen den Eindruck, dass diese Substanz einerseits nicht schädlich sein kann, und andererseits volle gesellschaftliche Akzeptanz genießt. Was ja auch der Wahrheit entspricht.

              In der Konsequenz hat über die vergangenen Jahre der schädliche Gebrauch von Alkohol unter pubertierenden Jugendlichen kontinuierlich zugenommen.

              Berühmt-berüchtigt ist das sogenannte Binge-Drinking, auch bekannt als Koma-Saufen. Das bedeutet, dass man sich — gewissermaßen als Wettbewerb — bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt. Diese Praxis hat nicht wenige Jugendliche in die Notaufnahmen der Krankenhäuser oder — schlimmer noch — ins frühe Grab gebracht.

              AlkoPops mit Geschmacksrichtungen von Kaugummi, Popkorn oder Zuckerwatte, die direkt auf den Geschmack von Kindern abzielen, tuen ihr Übriges.

              Kommen wir zu einer interessanten Beobachtung, die besonders bei der Vorbeugung und der Unterstützung der Betroffenen wenig hilfreich ist:

              Der normal Durchschnittsdeutsche — nennen wir ihn Otto Normalverbraucher — schaut mitleidig-verächtlich auf alkoholkranke sogenannten Penner herab.

              Sie sind offensichtlich süchtig und bedienen ihre Sucht mit billigstem Fusel aus dem Discounter.
              Schnaps, der ihnen zu Preisen angeboten wird, die zum Teil unter denen von Grundnahrungsmitteln liegen.

              Gleichzeitig bewundert genau dieser Otto Normalverbraucher aber den Arzt, Manager oder Unternehmer, der mit stolz geschwellter Brust seinen gepflegten Weinkeller vorführt. Jeden Abend finden zwei Flaschen Rotwein ihren Weg in ein geschliffenes Weinglas — aber kein Problem. Man trinkt ja kultiviert. Und nur aus Genuss. Klar.

              Alkoholismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Und wir sollten es nicht verharmlosen!

              Und schon sind wir am Schluß der heutigen Folge angekommen. Zusammenfassend läßt sich sagen, dass Alkohol und Cannabisprodukte mittlerweile gleichermaßen akzeptierte Entspannungsmittel sind, deren Konsumenten man in allen Gesellschaftsschichten finden kann.

              Ein stark eingeschränkter Gebrauch erscheint zunächst unproblematisch. Allerdings bieten beide Substanzen ein hohes Suchtpotential, das aus unterschiedlichen Gründen heruntergespielt wird. Im Fall von Alkohol aus wirtschaftlichen Gründen. Bei Cannabis eher aus einer romanitschen Verklärung heraus. In beiden Strategien liegt jedoch das eigentliche Gefahrenpotential der Substanzen verborgen.

              Ich hoffe, ich konnte euch einen kleinen Überblick und einige nützliche und interessante Zusatzinfos zu diesem Thema liefern. Tut ihr mir einen Gefallen? Abonniert meinen Podcast, vielen Dank. Und wenn ihr jemanden kennt, den dieser Podcast interessieren könnte — empfehlt mich gerne weiter. Ich würde mich freuen.

              In diesem Sinne komme ich zum Ende. Wenn Ihr wollt, hören wir uns nächsten Woche wieder. Dann rund um das Thema Psychiatrische Störungsbilder in Hitchcock-Filmen.

              14 min
            • Vorbereitung auf die Heilpraktiker-Prüfung
              4 Tipps für den super-leichten Einstieg in die Prüfungsvorbereitungen

              4 Tipps für den super-leichten Einstieg in die Prüfungsvorbereitungen

              Hallo, mein Name ist Jens Helmig und ich heiße euch ganz herzlich willkommen zu Folge eins meines Podcasts

              „Prüfungsdoping für angehende Heilpraktiker Psychotherapie – Die 100% legale Vorbereitung auf die Prüfung vor dem Gesundheitsamt“.

              Ihr fragt euch vielleicht, warum ich diesen Podcast mache. Ich bin Dozent an einer Heilpraktikerschule in NRW und bereite dort vor Ort meine Schüler auf die Heilpraktikerprüfung vor.

              Im Unterricht tauchen immer mal wieder Themen und Fragen auf, die wir noch ausführlicher besprechen könnten. Da kam mir die Idee zu diesem Podcast.

              Hier findet ihr Unterstützung bei der Vorbereitung auf eure Prüfung, Tipps zu Lerntechniken und Hintergrundinfos zu den Prüfungsthemen.

              Vielleicht fragt ihr euch auch, was mich überhaupt dazu qualifiziert, über dieses Thema zu sprechen. Die Heipraktikerprüfung von dem Gesundheitsamt ist ja schließlich kein Allerweltsthema, über das man mal eben so aus dem Nähkästchen plaudern könnte.

              Ich jedenfalls würde mich das fragen, bevor ich irgendeinem Typen zuhöre, der mir etwas über Prüfungen vor dem Gesundheitsamt erzählen will.

              Also, wie schon gesagt, bin ich Dozent an einer Kölner Heilpraktikerschule und bereit dort angehende Heilpraktiker auf die Prüfung vor dem Gesundheitsamt vor.

              Ich kenne mich also ziemlich gut aus mit dem ganzen Stoff, der dort abgefragt wird. Dann bin ich selbst auch Heilpraktiker Psychotherapie – habe also die Prüfung selbst schon einmal abgelegt und bestanden.

              Außerdem bin ich ausgebildeter Gesprächstherapeut nach Viktor Frankl, Paar- und Sexualtherapeut und – Last but not least – zertifizierter Mediator.

              In einem früheren Leben, also bevor ich angefangen habe, als Therapeut zu arbeiten, war ich Lehrer für Philosophie, Deutsch, praktische Philosophie und Pädagogik an einer Kölner Gesamtschule, an der ich dreimal „Erklärbär des Jahres“ geworden bin. Das ist der inoffizielle Orden, den die Schüler an unserer Schule verleihen. Und zwar an die Lehrer, die besonders gut erklären können. Darauf bin ich ehrlich gesagt am meisten stolz.

              Was ich eigentlich damit sagen will und was euch an dieser Geschichte wohl am meisten interessieren wird: ich kann ganz gut erklären. Aber dazu später mehr.

              Kommen wir zurück zu meiner eigenen Heilpraktikerprüfung und zu meinem ersten Tipp für euch: meldet euch zu dieser Prüfung an. Und zwar so früh wie möglich. Die Wartezeit auf einen Termin ist nämlich lang und kann mit ein bisschen Pech zwei Jahre dauern. Keine Panik: meistens bekommt ihr einen Termin im nächsten Jahr. Wenn ihr euch also im Mai 2019 anmeldet, werdet ihr wahrscheinlich einen Termin im Herbst 2020 bekommen. Viel Zeit also, um sich auf die Prüfung vorzubereiten!

              Womit wir direkt zu meinem zweiten Tipp kommen: Bereitet euch auf die Prüfung vor. Fangt früh damit an – am besten jetzt. Und lernt regelmäßig. Ich weiß aus eigener, leidvoller Erfahrung, dass das hier ein guter Tipp ist. Denn ich habe ich nicht befolgt.

              Mit dem Ergebnis, dass ich das halbe Jahr vor der Prüfung wie ein Irrer gebüffelt habe, um die riesige Stoffmenge zu begreifen. Zusätzlich habe ich noch einen Vorbereitungskurs belegt und mit meiner Lerngruppe gepaukt. Also, macht es besser: fangt JETZT an zu lernen. Lernt regelmäßig, bleibt dabei und zieht es durch, egal, ob es hagelt oder sprühregnet, ob Tante Elke zur Torte eingeladen hat, ihr ein FC Abo habt oder eure Serie gucken müßt. Fangt an zu lernen und zwar jetzt!

              Nur nochmal eben der Vollständigkeit halber: in fast allen Bundesländern wird die Heilpraktikerprüfung zweimal im Jahr abgenommen: einmal im Frühling und einmal im Herbst. Meistens im März/April und im September/Oktober.

              Wenn ihr euch also zu dieser Prüfung anmelden wollt — falls ihr das noch nicht getan habt — dann solltet ihr das bei dem Gesundheitsamt an eurem Wohnsitz tun. Dieses Gesundheitsamt ist nämlich dafür zuständig.

              Jetzt höre ich euch schon stöhnen – oh, Jens, da muß es doch eine andere Lösung geben – ich wohne in Pusemuckel und die Prüfungen dort sind immer besonders schwer, das weiß doch jeder! Kann ich meine Prüfung nicht lieber in Püsselbüren ablegen? Dort beim Gesundheitsamt sind sie viiieeel netter.

              Klar, könnt ihr versuchen – würde ich euch aber dringend von abraten. Erstens, sind Prüfungen grundsätzlich „besonders schwer“. Gesundheitsämter haben zwar einen bestimmten Ruf. Wenn man näher hinschaut ist das aber mehr Gerücht als sonstwas. Wer würde schon nach einer total einfachen Prüfung rausgehen und allen erzählen, dass er die Zulassung zum Heilpraktiker gerade quasi geschenkt bekommen hat? Wohl eher niemand.

              Zweitens, sind die Prüfer beim Gesundheitsamt Püsselbüren auch nicht von einem anderen Stern gekommen. Das heißt, sie kennen die Gerüchte über ihr Gesundheitsamt im Zweifelsfall auch. Und ratet mal, wie toll die es finden, wenn ihr extra zu ihnen gekommen seid, um eine besonders einfache Prüfung abzulegen.

              Genau, das finden die ganz besonders toll und stellen daraufhin die gaaannz einfachen Fragen.

              Drittens, kann sich die Zusammensetzung der Prüfungskommission bereits im nächsten Jahr geändert haben. Frau Dr. Müller und Herr Dr. Meier, die im letzten Jahr noch die netten Fragen gestellt haben, sind im kommenden Jahr vielleicht schon garnicht mehr dabei. Und damit sind auch ihre netten Fragen weg.

              Also, macht keinen Quatsch, bereitet euch gründlich vor, dann müßt ihr auch nicht mit eurem Prüfungsort tricksen.

              Weiter gehts mit Tipp Nummer drei: Besorgt euch Fachinfos. Von fertigen Heilpraktikern, von Therapeuten, aus Fachzeitschriften oder aus Lehr- und Fachbüchern. Lest, was euch in die Finger kommt und informiert euch über den Tellerrand des unbedingt Prüfungsrelevanten hinaus. Ihr braucht jeden Fitzel Wissen, den ihr in die Finger bekommen könnt. Lernt nicht nur für die Prüfung. Lernt, um den Stoff zu begreifen.

              Ich hör euch schon wieder sagen – Jens, Du hast gut reden. Weißt Du überhaupt, was so ein Fachbuch kostet? Klar weiß ich das. Ich weiß aber auch, wo ihr Fachbücher – zwar gebraucht, dafür aber günstiger – bekommen könnt: bei eBay oder auf www.zvab.com. Sucht dort zum Beispiel nach „Lehrbuch Heilpraktiker Psychotherapie“, gebraucht.

              Immer noch zu teuer? Dann kommt hier Tipp Nummer 4: tut euch zusammen und macht eine Lerngruppe auf. Dort könnt ihr euch nicht nur teure Fachliteratur teilen, ihr könnt auch Fachthemen diskutieren, Fragen stellen, wenn ihr Hilfe braucht oder eine zweite Meinung hören, wenn euch danach ist.

              Und der wahrscheinlich größte Nutzen einer Lerngruppe: ihr lernt zukünftige Kollegen kennen, müßt euch nicht allein durch die Prüfungsvorbereitung durchkämpfen und habt Leute, die euch mitziehen und motivieren, wenn ihr die Lust verliert und alles hinschmeißen wollt.

              Apropos „motivieren“ – seid so nett, tut mir einen Gefallen und abonniert meinen Podcast. Wie cool wäre es, direkt nach der ersten Folge bereits einen ersten Abonenten zu haben?!

              In diesem Sinne, wir hören uns nächste Woche. Dann mit dem Thema „Alkohol“ und andere in Anführungszeichen Entspannungsmittel.

              10 min

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