Sichtweisen

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By DBSV – Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V.Society & Culture
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Sichtweisen episodes

  • Wir müssen das Miteinander üben
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 12/19

    In einer Kirchengemeinde gearbeitet hat Nora Rämer schon als Krankenschwester. Erst als sie erblindete und diesen Beruf nicht mehr ausüben konnte, brachte ein Pfarrer sie auf die Idee, Theologie zu studieren. Das tat sie und ist heute
    Pfarrerin einer Berliner Gemeinde, in der Inklusion groß geschrieben wird. Beide – Pfarrerin und Gemeinde – haben voneinander gelernt, sich auf Augenhöhe zu begegnen.

    Von Nora Rämer

    Als Pfarrerin bin ich eine sogenannte Spätberufene. Ich bin ausgebildete Krankenschwester und war als Gemeindekrankenschwester in einer Berliner Gemeinde angestellt, teils für die Diakoniestation, teils für die Kirchengemeinde. Ich habe verschiedene Gruppen geleitet, Menschen besucht, Gottesdienste mitgestaltet. Dann nahm mein Sehvermögen sukzessive ab, ich konnte nicht mehr als Krankenschwester arbeiten und habe eine berufsbegleitende Ausbildung zur Gemeindehelferin gemacht, was heute Gemeindepädagogin heißt. Ich habe immer mehr Fuß gefasst in der Gemeindearbeit und zusätzlich eine mehrjährige Seelsorgeausbildung absolviert.

    2001 erlebte ich eine Krise. Mit der Erblindung hatte ich mich bis dahin
    innerlich nicht auseinandergesetzt. Das musste sich ändern. Nach einer Kur machte ich in einer Berliner Blindenschule eine blindentechnische Grundausbildung. Da ich geistig nicht sehr gefordert war, absolvierte ich parallel eine Ausbildung für Laien, um Lehrgottesdienste zu halten.
    Irgendwann schlug mir unser damaliger Pfarrer vor: „Studier doch Theologie!“ Ohne mir im Vorfeld klarzumachen, was so ein Theologiestudium bedeutet, schrieb ich mich an der Berliner Humboldt-Universität ein – mit Anfang 40. Es ist ein hoch geisteswissenschaftliches Studium, und man muss drei alte Sprachen lernen, doch es war genau das Richtige für mich. Es hat mir geistige Türen geöffnet, wo andere Türen zugehen, wenn man blind wird. Es war für mich zum Beispiel schmerzhaft, nicht mehr spontan radfahren oder joggen zu können. Ich habe nicht gewagt, daran zu glauben, das Studium abzuschließen, aber mein Anspruch an mich selbst war hoch. Ich dachte: Du bist nicht mehr jung, du bist blind – wenn du nicht supergut bist, hast du keine Chance. Nebenbei habe ich halbtags gearbeitet – das hat mich geerdet. Zu den jungen Studierenden fand ich schnell Anschluss und habe heute noch Kontakt mit einigen.

    Zu Beginn des Studiums muss man sich bei der zuständigen Landeskirche auf eine Liste setzen lassen, wenn man ins Pfarramt möchte. Bei mir war man zögerlich. Der Leiter der Abteilung für Aus- und Weiterbildung schrieb zwar meinen Namen auf, doch so richtig überzeugt war er nicht. Nach dem Vordiplom aber sagte er, jetzt kämpfe er das durch.
    Der moralische Anspruch an Kirche ist aufgrund ihrer eigenen moralischen Ansprüche natürlich hoch. Aber auch dort arbeiten nur Menschen, die genausowenig Erfahrung mit gehandicapten Menschen haben wie andere Menschen. Auf der Leitungsebene hatten die meisten durch mich zum ersten Mal Kontakt zu einem blinden Menschen. Mittlerweile gibt es mehr blinde Theologen und Theologinnen, doch war es bis vor mehreren Jahren so, dass sie meistens auf Sonderpfarrstellen für Blindenseelsorge gelandet sind. Das wollte ich auf keinen Fall.

    Seit zwei Jahren habe ich jetzt eine reguläre Pfarrstelle in einer Gemeinde, die sich Inklusion auf die Fahnen geschrieben hat: das Zentrum Dreieinigkeit in Berlin. Anfangs war die Unsicherheit der Gemeinde mir gegenüber groß. Es ist ein Lernprozess herauszufinden, wo jemand Unterstützung braucht und wo nicht. Die Gemeinde hat schnell gelernt, und ich sage immer: Wir vertrauen uns gegenseitig an. Heute erklären Gemeindemitglieder oft: „Ich habe ganz vergessen, dass Sie nichts sehen.“ Das ist ein großes Lob für den Umgang miteinander.
    Ein Türöffner war auch mein Führhund, durch den ich in vielen Dingen selbstständig war. Er war und ist besonders beliebt bei den Menschen mit geistiger Behinderung, die im Zentrum leben. Dass sie ohne Hemmungen auf mich zukommen, ist eine phänomenale Erfahrung. Sie fragen einfach: „Du bist blind, oder?“, ich antworte: „Genau“. Darauf mein Gegenüber: „Dann führe ich dich jetzt.“ Ganz schlicht und trotzdem auf Augenhöhe.

    Kritik aus dem Mitarbeiterteam wurde am Anfang oft über meinen Mentor an mich herangetragen. Man glaubte, dass „man das einem Behinderten doch nicht sagen kann“. Da war ich manchmal richtig sauer. Auch das ist ein Miteinander-Lernen, es geht nur über Gespräche. Wir Menschen mit Behinderung sind dabei die Brückenbauer, weil die anderen unsere Erfahrungen nicht haben. Ich bin damit gesegnet, dass ich sehr kommunikativ bin. Es fiel mir nie schwer, auf Menschen zuzugehen.

    Der Umgang mit meinen direkten Kolleginnen und Kollegen geschieht inzwischen auf Augenhöhe, und ich fühle mich nicht mehr als Exotin. Beim Pfarrkonvent dachte ich am Anfang, jetzt fehlt nur noch, dass alle aufhören zu reden. Und am Telefon habe ich immer erklärt: „Ich bin die blinde Pfarrerin.“ Inzwischen weiß ich, dass ich das nicht sagen muss; es ist für die Menschen, zum Beispiel Angehörige eines Verstorbenen, kein Problem.

    Als Pfarrerin betreue ich auch ländliche Gemeinden in Brandenburg. Die Menschen dort waren mit mir zuerst völlig überfordert. Ehrenamtliche alte Damen, die an ihrer Kapazitätsgrenze sind, schließen die Kirche auf, putzen sie, sorgen für Blumen und kümmern sich ums Kaffeetrinken – und dann kommt auch noch eine Pfarrerin, die Assistenz braucht: Das war zu viel. Es gab einige Situationen, die durch Kommunikationsprobleme entstanden und in denen sich beide Seiten unwohl fühlten.
    Mittlerweile habe ich eine Ahnung, was Brandenburger Landgemeinden brauchen. Das ist unabhängig von der Blindheit.

    Dass Kirche auf dem Weg zur Inklusion noch nicht sehr weit ist, hängt auch damit zusammen, dass viele dabei an große Umbauten denken – man muss diese Gedanken erst einmal herunterbrechen. Die größten Mauern sind eh im Kopf, weniger in den Örtlichkeiten. In unserem Konsistorium, der obersten Leitungsebene unserer Landeskirche, haben die jüngeren Leute Inklusion schon sehr auf dem Schirm. Junge Leute fragen zum Beispiel immer „Darf ich Sie anfassen?“, bevor sie mich führen. Da ist schon eine Menge passiert in der Bewusstseinsbildung.

    Ich denke Inklusion von beiden Seiten, es darf nie eine Einbahnstraße sein. Es ist unangenehm, wenn jemand nach dem Motto auftritt: „Ich bin blind, und jetzt macht ihr mal!“ Das macht es nicht besser für andere Betroffene.
    Wenn ich von meinem christlichen Menschenbild ausgehe, von dem, was Christus selbst gelebt hat, wie er mit Menschen umgegangen ist, dann ist es das, was ich mir wünsche: Menschen mit Behinderungen gehören genauso an den Tisch, aber wir müssen das Miteinander üben. Schwierig macht es auch die Vorstellung, die früher viele hatten und die noch heute in manchen Köpfen herumspukt, dass eine schwere Behinderung vielleicht doch eine Strafe Gottes ist. Dagegen ist das Denken von der Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen ein hochkarätiger Anspruch.

    Inklusion geschieht im Miteinander-Leben. Es kann noch so tolle Broschüren und Orientierungshilfen geben, aber umgesetzt wird sie im praktischen Leben.

    Nora Rämer (60) lebt in Berlin.

    11 min
  • Die Faszination der Sterne
    Aus den "Sichtweisen", Ausgabe 11/19

    Die Mondlandung vor 50 Jahren brachte den damals neunjährigen Wolfgang Weyrich zu einem Hobby, das er noch heute ausübt: der Astronomie. Obwohl er die Sterne inzwischen nicht mehr sehen kann, blieb die Leidenschaft für sie. Weyrich ist Vorsitzender eines Vereins für Amateurastronomen und bringt in Vorträgen und Seminaren auch Menschen mit Seheinschränkung Wissen über das Weltall nahe.

    Von Wolfgang Weyrich

    Ein 35 Zentimeter hohes Modell der Mondlandefähre "Eagle" aus Plasticant-Steckbausteinen steht im Lehrerzimmer einer Grundschule nahe St. Wendel im nordöstlichen Saarland. Es ist Juli 1969, und zwei Amerikaner landen gerade auf dem Mond. Ich hatte mit neun Jahren dieses skurrile, fragile und zentrale Wunderwerk des Apolloprogramms anhand von Fotos nachgebaut, und die Klassenlehrerin bat mich, das Modell für einige Tage im Lehrerzimmer aufstellen zu dürfen. Dies war sozusagen mein persönlicher Urknall in Sachen Leidenschaft für die Astronomie und Raumfahrt.
    Mittlerweile bin ich 59 Jahre alt, von Beruf Diplom-Informatiker, und trotz meiner Retinitis Pigmentosa habe ich seit 50 Jahren dieses ungewöhnliche Hobby. 1977 habe ich mit sehenden Gleichgesinnten den Verein der Amateurastronomen des Saarlandes gegründet, der im nördlichen Saarland seit mehr als 20 Jahren die Sternwarte Peterberg betreibt. Seit einigen Jahren bin ich Vorsitzender des Vereins. Zu meinen Aufgaben zählen auch Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Verwaltung und Tourismus, und natürlich bin ich Ansprechpartner für Mitglieder und Besucherinnen und Besucher der Sternwarte. Diese Führungsaufgabe im Ehrenamt ist also in vielerlei Hinsicht umfangreich, anspruchsvoll und interessant.
    Seit dem Jahr 2000 halte ich astronomische Fachvorträge an der Sternwarte und ebenso lang eine jährliche Gastvorlesung an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes in Saarbrücken.
    Die Zuhörerinnen und Zuhörer meiner Vorträge fragen mich oft, was mich in Anbetracht meiner Seheinschränkung gerade an einem Hobby interessiert, das überwiegend visuell ausgeübt wird. Die Antwort ist einfach: Mich faszinieren unglaublich große Zahlen, Entfernungen und unvorstellbar lange Zeiträume. In der Astronomie und Raumfahrt fließen Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Geologie, Meteorologie und alle Ingenieurswissenschaften zusammen. Ich erzähle das oft meinen jugendlichen Gästen und verbinde damit insgeheim die Hoffnung, dass sie die vorgenannten Schulfächer nicht als trocken und langweilig betrachten, sondern als wichtige Bausteine für das Erkennen der großen Zusammenhänge in unserer Welt. Insofern freue ich mich immer, wenn in einem Vortrag hin und wieder ein leises "unglaublich!" oder "cool!" aus dem Auditorium zu vernehmen ist.

    Dank Internet auf dem Laufenden

    In den Siebzigerjahren habe ich alle mir zugängliche astronomische Literatur verschlungen und mit meinen Kollegen Sterne beobachtet und fotografiert, so gut es mit meinem zuletzt Fünf-Prozent-Visus noch ging. Dieser hat sich dann leider in den Achtzigerjahren weiter verschlechtert.
    Dann kam die Erfindung des Internet, und ich konnte von 1994 an wieder auf astronomische Literatur in Form von Computerdateien zurückgreifen, die ich mit Hilfe einer Sprachausgabe auf meinem Linux-PC gehört habe. Beobachten kann ich seit Ende der Neunzigerjahre leider nur noch den Mond durch das Teleskop, ansonsten halte ich mich durch das Internet auf dem aktuellen Stand und habe mich auf Vorträge und Erwachsenenbildung im Bereich Astronomie spezialisiert.
    Das Internet ist für Menschen mit Sehbehinderungen ganz klar der Schlüssel zu Wissen, modernen Berufen oder einem interessanten Hobby. Wer etwas über Astronomie erfahren möchte, dem empfehle ich aber auch die mittlerweile sehr guten TV-Dokumentationen, beispielsweise auf ZDF-Info, Arte, Phönix, N-TV, Welt und N24-Doku.

    Entfernungen räumlich erfahren

    In meinem Wochenendseminar "Das Universum begreifen", das im März vergangenen Jahres zum ersten Mal in Saarbrücken stattfand, habe ich versucht, die wichtigsten Themen der Astronomie Menschen mit Seheinschränkungen zugänglich zu machen. Ziel ist es, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Faszination der Astronomie näherzubringen und grundlegende Zusammenhänge im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar zu machen.
    Jeder Block enthält einen Praxisteil, in dem die Teilnehmer bestimmte Aussagen, zum Beispiel Entfernungen und Größenverhältnisse, räumlich erfahren können. Ausgewählte Themen werden anhand tastbarer Modelle erklärt. So gibt es zum Beispiel Modelle, die die Größenverhältnisse der Planeten in unserem Sonnensystem und deren Entfernung von der Sonne veranschaulichen. Wenn weitere Menschen mit Seheinschränkung Interesse haben, würde ich das Seminar gern noch einmal anbieten.

    Die Erde in ihrer Zerbrechlichkeit

    Mein Lieblingsbild am Ende eines Vortrags ist das Saturnsystem im Gegenlicht: sehr viel dunkles Weltall und ein ganz, ganz kleiner blauer Punkt von wenigen Pixeln auf der Leinwand. Das ist die Erde, in ihrer Zerbrechlichkeit, mit allem, was wir kennen, und es ist der einzige Ort, wo wir leben können. Die Botschaft ist klar: Wir alle sind aufgerufen, dazu beizutragen, dass das "Raumschiff Erde" auch für die nachfolgenden Generationen in seiner Schönheit und Vielfalt erhalten und lebenswert bleibt!

    Wer Interesse an Führungen in der Sternwarte oder dem Seminar "Das Universum begreifen" hat, meldet sich bei Wolfgang Weyrich,
    Tel.: 06 81 / 6 62 49
    E-Mail: [email protected]

    Details zur Sternwarte gibt es im Internet unter
    https://sternwarte-peterberg.de/.

    Wolfgang Weyrich vermittelt auch einen Kontakt zum Weltraum-Atelier Nohfelden.

    11 min
  • Allein hat man keine Chance
    Aus den Sichtweisen 10/19

    Schnell, dynamisch und mit einfachen Regeln: Das ist Goalball, eine Sportart, die blinde, sehbehinderte und mit Dunkelbrille ausgestattet auch sehende Menschen ausüben können. In diesem Monat steht die Europameisterschaft in Rostock an. Goalball-Nationalspieler Michael Feistle erzählt, wie er zum Goalball kam und was ihn daran fasziniert. Und er träumt vom Titelgewinn an seinem Geburtstag.

    Von Michael Feistle

    Goalball? Was ist das? Das war meine erste Reaktion, als ich mit 16 Jahren zum ersten Mal von diesem Sport hörte. Doch fand ich recht schnell Gefallen daran. Begonnen habe ich mit Goalball, weil ich von der Schule in meiner rheinischen Heimat an die Deutsche Blindenstudienanstalt (blista) wechselte, um dort mein Abitur am Gymnasium für Blinde und Sehbehinderte abzulegen. Dort suchte ich einen sportlichen Ausgleich. Betreuer meiner Internats-Wohngruppe stellten allen neuen Bewohnern das Sportangebot vor – auch Goalball. Nach einigen Trainingseinheiten war ich mir sicher: Das ist mein Sport!

    Ich hatte zwar im Goalball nie ein direktes Vorbild, habe aber zu den Spielerinnen und Spielern aufgeblickt, die zum damaligen Zeitpunkt in Marburg trainierten. Ich wollte unbedingt auch einmal so gut spielen können und war von der Qualität der Würfe beeindruckt. Zwar sagte man mir, dass ich durchaus talentiert sei, doch hatte ich zu diesem Zeitpunkt nicht die besten körperlichen Voraussetzungen, um einmal in der Spitze anzukommen. Knappe 30 Kilogramm Übergewicht machten mich nicht gerade zu einem konditionell starken Spieler. Das habe ich in den zurückliegenden zehn Jahren deutlich geändert.

    Nach vielen Wochen Training habe ich 2010 mit dem Team Marburg II bei der deutschen Meisterschaft meine ersten Spiele bestritten – zunächst mit mäßigem Erfolg. Dennoch waren es wichtige Erfahrungen. In den Folgejahren war ich bei allen Meisterschaften in der Jugend und bei den Senioren im Einsatz. Dabei haben mich Johannes Günther und Stefan Weil seit der Jugend durchgängig trainiert und sind bis heute in der Nationalmannschaft meine Trainer. 2010 durfte ich bereits den ersten Titel meiner noch jungen Karriere feiern: Deutscher U19-Meister. 2011 gelang die Titelverteidigung.

    Paralympics waren das Highlight

    Derweil stand ich im täglichen Training immer unter Beobachtung der Nationaltrainer. 2011 durfte ich mit der U19-Nationalmannschaft ins amerikanische Colorado Springs reisen, und wir haben die Silbermedaille bei der U19-WM gewonnen – ein Riesenerfolg! Mein Debüt in der Nationalmannschaft der Herren habe ich im Sommer 2012 bei einem internationalen Freundschaftsturnier im slowenischen Izola gegeben. Gleich im ersten Spiel habe ich auch mein erstes Länderspieltor erzielt.
    Heute bin ich bei insgesamt 195 Länderspielen angekommen, durfte an drei Europameisterschaften teilnehmen, an zwei Weltmeisterschaften und als Highlight an den Paralympics 2016 in Rio. Hinzu kommen zahlreiche nationale Titel mit der SSG Blista Marburg, bei der ich seit Beginn meiner Karriere aktiv bin. In den ersten Jahren im Nationalteam haben wir mehr Niederlagen erlebt als Siege – genau wie zu Beginn im Verein. Das hat mir jedoch nicht die Freude an diesem tollen Spiel genommen. Goalball ist ein Sport, bei dem alle auf dem Feld durch das Tragen der Dunkelbrille die gleiche Voraussetzung haben, unabhängig vom Grad der Sehschwäche. Das Besondere ist, dass man Goalball nur als Team bestreiten kann, allein hat man keine Chance. Man gewinnt, verliert, feiert und trauert mehr zusammen als vielleicht in anderen Sportarten, da jeder der drei Spieler eine wichtige Rolle einnimmt.

    Goalball hat auch immer Überraschungen parat, hier kann der kleine den großen Favoriten schnell zum Straucheln bringen. Durch hundert Offensiv- und Defensivaktionen pro Spiel und Team ist es wahnsinnig dynamisch, sodass man während des gesamten Spiels höchst konzentriert sein muss. Zu dritt muss man das eigene Tor verteidigen. Wie das geht angesichts der Tatsache, dass durch die Dunkelbrille niemand etwas sieht? Im 1.250 Gramm schweren Ball sind Glöckchen, wodurch dieser gut auf dem 9 mal 18 Meter großen Spielfeld zu lokalisieren ist. Die Tore erstrecken sich über die gesamte Neun-Meter-Seite und sind 1,30 Meter hoch. Der Ball muss über den Boden geworfen werden. Gespielt wird über zweimal zwölf Minuten. Die angreifende Mannschaft hat lediglich zehn Sekunden Zeit, um einen Angriff auszuführen. Dies macht das Spiel schnell und dynamisch. Die Regeln und Chancengleichheit machen es einfach, die Sportart auszuüben. Was man braucht sind Motivation und Sportkleidung – dann kann es auch schon losgehen. Goalball wird in Deutschland schon seit vielen Jahren inklusiv gespielt. Das heißt, auch Sehende sind willkommen. Vereine gibt es in vielen Städten.

    Spagat zwischen Beruf und Sport

    Zu Beginn meiner sportlichen Laufbahn haben sich Goalball und Schule noch gut miteinander vereinbaren lassen, da der Sport durch meinen damaligen Schulleiter unterstützt wurde. Heute sieht das anders aus. Als Auszubildender mit einer 39-Stunden-Woche werden die Tage immer länger, da auch das Pensum des Trainings als Nationalspieler enorm gestiegen ist. Fitness, Teamtraining, Kraft, Ausdauer – das sind alles enorm wichtige Parameter, wenn man sich in der internationalen Spitze behaupten will. So müssen Trainingseinheiten vor und nach der Arbeit stattfinden, Trainingslager sind oftmals ebenso an Wochenenden wie die Bundesliga-Spieltage oder andere Turniere. Sollte mal ein Arbeitstag betroffen sein, muss das durch den Jahresurlaub abgedeckt werden. Der Spagat zwischen Spitzensport und Vollzeitjob wird immer schwieriger, und man ist oft auf die Unterstützung des Arbeitgebers
    angewiesen.

    Silber bei der EM 2017 und bei der WM 2018 lassen uns natürlich vom großen Wurf bei der EM in Rostock vom 8. bis 13. Oktober träumen. Wir freuen uns alle riesig auf die EM im eigenen Land und haben uns das Ziel gesetzt, erstmals den Titel zu holen. Der Weg dorthin ist zwar schwer, da Europa die höchste Leistungsdichte im internationalen Goalball hat, doch wir haben uns optimal vorbereitet, akribisch an unseren Schwächen gefeilt und unsere Stärken ausgebaut. Zudem feiere ich am Tag des Finales meinen 27. Geburtstag – und da möchte ich nicht nur das Team, sondern auch mich persönlich mit dem Titelgewinn beschenken.

    Wir freuen uns auf eine gute Stimmung in Rostock und hoffen natürlich, dass die Hallen gut besucht sein werden und sich viele Menschen von der Faszination Goalball anstecken lassen – vor allem am Finaltag und zu unserem Eröffnungsspiel gegen Spanien.

    Michael Feistle (26) spielt bei der SSG Blista Marburg, Position: Center.

    Die Goalball-EM wird vom 8. bis 13. Oktober in Rostock ausgetragen. Infos, Spielpläne und Tickets zur EM gibt es unter www.em-rostock2019.de.
    Mehr Infos zu Goalball, der Bundesliga und den Teams stehen unter www.goalball.de.

    11 min
  • Jenny Aaron vor dem Abgrund
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 9/19

    Der neue Band der Thriller-Reihe um die blinde Ermittlerin Jenny Aaron mit dem Titel „Geblendet“ ist Mitte August erschienen. Auf dem Louis Braille Festival hat der Autor Andreas Pflüger bereits daraus vorgelesen. Im Interview erzählt er, warum sowohl blinde und sehbehinderte als auch sehende Menschen seine Heldin mögen, er nicht viel auf die Urteile anderer gibt und nichts von gekürzten Hörbüchern hält.

    Interview: Ute Stephanie Mansion

    Herr Pflüger, worum geht es in dem neuen Band „Geblendet“ um die blinde
    Ermittlerin Jenny Aaron?

    Die Rahmenhandlung handelt davon, dass die Abteilung, also die Spezialeinheit, der Jenny Aaron angehört, den Berliner Innensenator jagt, einen Verbrecher, der mehrere Kameraden von Aaron auf dem Gewissen hat. Die eigentliche Handlung dreht sich darum, dass Jenny Aaron gezwungen wird, in einen Spiegel zu schauen, will sagen, sich die Frage zu stellen, ob sie das richtige Leben geführt hat und noch führt. Sie blickt in einen Abgrund. So wie es bei Nietzsche heißt: Wenn du lange genug in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

    Bei blinden Menschen kommt die Jenny-Aaron-Reihe gut an. Auf Ihrer Lesung in Leipzig haben Sie berichtet, dass der Anteil der Umsätze, der durch die Hörbücher erwirtschaftet wird, bei 50 Prozent liegt, während es normalerweise rund zehn Prozent sind. Welche Resonanz erhalten Sie von Sehenden auf Ihre Jenny-Aaron-Reihe?

    In einem Punkt gibt es keinen Unterschied: Viele blinde und sehende Leser mögen Action. Ich höre von blinden Leuten oft: ,Ich mag das, wenn es blutig wird und wenn Jenny Aaron so richtig zulangt.‘ Aber das Schöne an diesen Büchern ist doch, dass man sie auf vielen verschiedenen Ebenen lesen kann. Manche mögen die philosophischen Anteile am liebsten, andere heben den literarischen Aspekt hervor. Viele sind angezogen von dem Freundschaftsthema, das sich durch die Romane zieht.

    Was die Sehenden angeht, wird mir immer wieder klar – durch eine Vielzahl von Leserbriefen und auch durch die Resonanz, die ich auf meinen Veranstaltungen bekomme –, dass die Bücher sie zwingen, sich mit blinden Menschen auseinanderzusetzen. Natürlich ist der Alltag von Jenny Aaron von dem Alltag eines normalen blinden Menschen meilenweit entfernt, wie eben zum Beispiel Jack Reacher von meinem, das ist Fiktion, deswegen sind es Thriller.

    Dennoch werden auch in den Aaron-Romanen viele Aspekte eines blinden Lebens erzählt, von denen sehende Menschen nichts wussten. Das sind Alltagsdinge wie das Überqueren einer Straße ohne ein Ampelsignal, was lebensgefährlich sein kann, oder wie fülle ich ein Glas und weiß, dass es voll ist, wie unterscheide ich Bunt- und Weißwäsche? Dieses kleine Einmaleins, das ein Mensch, der nichts oder wenig sieht, beherrschen muss, um im Leben zurechtzukommen.
    Darüber hinaus erzählen die Bücher viel über die spezielle Wahrnehmung der Welt durch blinde Menschen. Sehende sind darüber immer wieder verblüfft, weil sie so selbstverständlich auf ihre Augen vertrauen. Sehende werden ja zu 80 Prozent in ihrer Sinneswahrnehmung durch die Augen dominiert, und jetzt verstehen sie zum ersten Mal, was passiert, wenn das wegbricht, welche Herausforderungen das an einen Menschen stellt. Ich finde es großartig, dass ich darauf aufmerksam machen kann.

    Sie haben Jenny Aaron auch die Superblinde genannt. Wieso ist sie trotzdem auch bei durchschnittlichen blinden und sehbehinderten Menschen beliebt?

    Ich glaube, dass sie bei blinden Menschen so beliebt ist, weil sie die gängigen Blindenklischees nicht erfüllt. Sie ist nicht hilflos, sie will kein Mitleid, sie braucht auch keins, sie ist ein selbstbestimmter Mensch, sie meistert ihr Leben. Das macht sie interessant und anziehend. Bei den Sehenden denke ich, dass es im Grunde genommen dasselbe ist: das Staunen darüber, dass ein blinder Mensch nicht abhängig ist, sondern sein Leben selbst bestimmt.

    Sie haben von der Presse für die ersten beiden Jenny-Aaron-Bände „Endgültig“ und „Niemals“ hervorragende Kritiken erhalten. Haben Sie Angst, dem Anspruch, der damit an folgende Bände gestellt wird, irgendwann einmal nicht mehr gerecht werden zu können?

    Nein. Wenn Sie ins Internet gehen und mich suchen, finden Sie alle möglichen Aussagen von Menschen, die beurteilen, was ich mache und daraus zum Teil auch Rückschlüsse auf meinen Charakter ziehen. Einmal im Jahr google ich meinen Namen, halte das etwa fünf Minuten aus, dann muss ich es wieder beenden. Wenn Sie als Autor ernst nehmen, was Menschen im Guten wie im Schlechten über Sie denken und sagen, sind Sie künstlerisch tot.
    Ich darf niemals daran denken, was andere von mir erwarten, sondern muss meine Bücher so schreiben, wie ich es will und wie ich es gut finde. Es nutzt auch nichts, mich auf Aussagen einzulassen wie ,Das ist das Beste, was er bisher geschrieben hat‘. Beim dritten Roman höre ich das schon wieder. Wo soll das hinführen? Dann wird das nächste das allerbeste, und dann kommt das allerallerbeste. Das ist Unsinn, das geht ja gar nicht. Jedes Buch ist ein eigenes Ding, und jedes Buch versuche ich so gut zu schreiben, wie ich das kann. Wenn ich meinen eigenen Erwartungen genüge, wenn ich nach einem Roman sagen kann, ich habe alles, wirklich alles hineingelegt, was ich konnte, dann bin ich zufrieden und glücklich.

    Sie haben in Leipzig gesagt: Gekürzte Hörbücher gehen gar nicht. Welchen Einfluss können Schriftsteller nehmen, damit ihre Bücher ungekürzt vertont werden?

    Dafür bin ich ein gutes Beispiel. Als es damals um den Hörbuchvertrag für ,Endgültig‘ ging, gab es eine Auktion darum. Die renommiertesten deutschen Hörbuchverlage haben sich beworben. Ich wollte Random House Audio den Zuschlag geben, aber die wollten das Hörbuch gekürzt veröffentlichen. Ich war kreuzunglücklich, denn ich hätte etwa 20 Prozent des Buches kürzen müssen. Das wäre nicht ohne Substanzverlust gegangen. Deswegen habe ich gesagt: ,Wenn dieses Hörbuch gekürzt werden soll, gebe ich die Hörbuchlizenz nicht frei.‘ Daraufhin ist Random House Audio auf mich zugegangen, was eine tolle Geste war; sie waren offen für meine Argumente und haben mir zugestanden, dass die Hörbücher ungekürzt erscheinen.

    Spielt denn eine Rolle, dass Sie a) schon renommiert waren und b) eine blinde Heldin im Mittelpunkt steht, sodass zu erwarten war, dass viele blinde Menschen die Hörbücher kaufen würden?

    Zu diesem Zeitpunkt war ich zwar als Drehbuchautor renommiert, aber nicht als Romanautor. Dennoch war es so, dass alle, die das Manuskript kannten, wussten, das wird ein Erfolg. Es hat vielleicht eine Rolle gespielt, dass der Hörbuchverlag deshalb dieses Zugeständnis gemacht hat. Dennoch heißt das nicht zwingend, dass auch in einem Fall, wo der Erfolg fraglicher ist, der Hörbuchverlag nicht auch
    dem Autor entgegenkommen würde.
    Ob das Blindsein der Heldin eine Rolle gespielt hat und der zu erwartende Hörbuchverkauf, kann ich nicht beurteilen, weil ich nicht weiß, wie das Marketing von Hörbuchverlagen tickt. Ich habe mit Random House Audio bisher großartige Erfahrungen gemacht.

    Welchen Held, welche Heldin aus einem anderen Buch oder einer anderen Reihe mögen Sie besonders?

    Philip Marlowe von Raymond Chandler. Ich bin ein großer Chandler-Fan seit meiner Jugend. Ich mag die Figur des Detektivs sehr, diesen lakonischen Humor. Humor spielt für mich eine wichtige Rolle in Kriminalromanen: Man muss die Wucht einer Kriminalerzählung immer wieder aufbrechen und dem Leser oder Hörer die Chance geben, auch mal zu lachen, und bei Philip Marlowe finde ich das ganz toll.

    Andreas Pflüger: Geblendet
    Suhrkamp 2019, 508 Seiten
    Preis: 22 Euro
    Die bisherigen Bände der Serie sind auch als Hörbuch und in Punktschrift erschienen.

    19 min
  • Spontan ein Loblied auf Linsen singen
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 7-8/19

    „Mach doch nicht so ein Theater!“, rufen manchmal genervte Eltern, wenn der Nachwuchs sich trotzig, wütend, brüllend Gehör verschaffen möchte. Wir aber haben Theater gemacht: An zwei Wochenenden trafen sich in Berlin fünf blinde bzw. sehbehinderte und drei sehende Erwachsene aller Altersgruppen zu Workshops in Improvisations- und Playbacktheater. Wir spielten begeistert, angeleitet von Wolfgang Wendlandt, einem bühnenerfahrenen Playbackspieler, Regisseur und Psychotherapeuten sowie seiner ebenfalls bühnenerfahrenen Assistentin Linda Steuernagel.

    Beim Improvisationstheater gibt das Publikum drei Wörter vor, die Spieler auf der Bühne müssen sich zu diesen Wörtern eine Geschichte ausdenken, also improvisieren. Zum Beispiel sagte unser Publikum „Indien“, „Reis“ und „Ratten“. Vier Spielerinnen und Spieler waren auf der Bühne, niemand wusste, wer beginnt und wie. Da traten zwei Spieler als „Ratten“ auf, später kam ein Ehepaar dazu, das sich über Ratten im indischen Reisfeld beklagte.

    Notfalls unterstützen die Mitspieler

    Die Ehefrau wollte Linsen anpflanzen und wurde vom Spielleiter gebeten, spontan ein Loblied auf Linsen zu singen. Oh! Das galt ja mir! Ich spielte die Ehefrau und sollte mir nun schnell etwas einfallen lassen! Normalerweise eine Situation, in der ich sehr aufgeregt gewesen wäre. Nicht so aber beim Improvisieren. Große Freude am Spielen, die Zuversicht, dass mir schon etwas einfallen wird, und die Gewissheit, dass ja noch meine Mitspieler da sind, die mich notfalls unterstützen konnten, trugen mich durch diese Situation. So hatte ich tatsächlich die Eingebung eines Lobliedes auf Linsen, das sich auch noch mehr schlecht als recht reimte. Das führte bei uns allen, Publikum, Mitspielern und mir zu fröhlichem Gelächter.

    Es hätte aber auch ganz anders gespielt werden können: Wir vier Spieler hätten zum Beispiel reihum jeder nur ein Wort gesagt, dabei soll dann aber eine halbwegs sinnvolle Geschichte mit den drei vom Publikum genannten Worten herauskommen. Oder wir hätten jeder nacheinander ein paar Sätze sagen können, der nächste hätte dann fortgesetzt und die Geschichte weitererzählt.

    Geschichten werden nachgespielt

    Beim Playbacktheater erzählt jemand aus dem Publikum eine Geschichte, zum Beispiel ein Erlebnis. Die Spieler spielen nun diese Geschichte „zurück“ (englisch: „back“). Eine unserer Zuschauerinnen sprach beispielsweise von der Begegnung mit dem jungen Hund ihrer Nachbarn. Sie durfte jedem von uns vier Spielern eine Rolle zuweisen: die von sich selbst, der Nachbarin usw. Wir spielten dann spontan diese Geschichte nach.
    Natürlich haben wir nicht gleich vor richtigen Publikum gespielt, sondern zuerst vier Tage intensiv die beschriebenen und andere Methoden des Improvisations- und Playbacktheaters geprobt. Außerdem übten wir spielerisch das deutliche Sprechen, das Aufeinander-Hören und die vielfältigen Fähigkeiten unserer Stimmen. Dabei standen wir im Kreis, und jemand sollte beispielsweise dem Nebenmann ein Geräusch mit der Stimme vorgeben, der Nebenmann ahmte dieses Geräusch so gut wie möglich nach und ließ sich für den nächsten Spieler im Kreis ein neues Geräusch einfallen.

    Neben Mimik, Gestik und Körpersprache muss beim Spielen vor allem und unbedingt gesprochen werden, nur dann können Sehende und Seheingeschränkte gut zusammenarbeiten. Bei den Proben war ich einmal Co-Regisseurin und sollte gemeinsam mit unserem Leiter eine Geschichte erzählen, die von vier Spielern improvisierend umgesetzt werden sollte. Da ich vollblind bin, merkte ich nicht, dass einer der vier spontan ans Klavier ging und die Geschichte musikalisch untermalte.
    Als ich mir etwas ausdachte, das auch den vierten Spieler auf die Bühne hätte bringen sollen, merkte ich, dass es nur noch drei waren. Hier wurde allen deutlich, wie wichtig es ist, auch solche vermeintlichen Kleinigkeiten zu verbalisieren.
    Mir gefällt am Playback-und Improvisationstheater-Spielen besonders, dass niemand Texte auswendig zu lernen braucht und dass es eigentlich unmöglich ist, Fehler zu machen, denn es wird ja alles improvisiert.

    Wir würden uns über neue Mitspieler freuen. Wer gern ein wenig spinnt, Phantasie hat, gern etwas ausprobiert und zuhören kann, was die Mitspieler sagen oder tun, wird, wie wir, große Freude an dieser Art des Theaterspielens haben. Irgendwelche Vorkenntnisse braucht es nicht!

    Katrin Georgieff (52) lebt in Leipzig

    „Wir wurden lebendiger, selbstbewusster, mutiger“

    Für mich als Sehende waren die Workshops eine großartige und berührende Erfahrung. Playback- und Improvisationstheater war mir durch mehrere Kurse bekannt, aber ich hatte vorher noch so gut wie keinen Kontakt zu seheingeschränkten oder blinden Menschen gehabt.
    Bei den Aufwärmübungen mit den elf Teilnehmern ging es für die drei Sehenden immer wieder darum, die Augen zu schließen. Einmal sollten wir uns der Körpergröße, ein andermal dem Alter nach aufstellen. Es gab ein großes Hallo, bis wir uns entsprechend sortiert hatten. Der Sinn solcher Übungen ist es, andere Wahrnehmungen zu aktivieren und bei scheinbar einfachen Aufgaben, Bewegungsscheu und Berührungsängste zu verlieren.

    Wünsche und Visionen auf der Bühne

    Beim Playbackspiel wird die Geschichte, die eine Person erzählt, in der Regel von vier Akteuren dargestellt. Dabei werden insbesondere die Gefühle und die zentralen Aussagen der Erzählung lebendig und ausdruckstark in Szene gesetzt. Neben alltäglichen Erfahrungen wurden auch Wünsche und Visionen, Konfliktsituationen, Fantasiegeschichten und Familienereignisse auf die Bühne gebracht. Beim Improvisieren geht es vor allem darum, sich wohlwollend und unterstützend aufeinander zu beziehen und Spielfreude und Ausgelassenheit zu kultivieren. Ich habe gelernt zuzulassen, was an Spielideen hochkommt, meine innere Zensur wahrzunehmen und Hemmungen und Vorsicht zu überwinden.

    So war es in der Gruppe möglich, selbst kleine Lieder oder Monologe zu den erzählten Geschichten zu präsentieren und die Aussagen dadurch zu vertiefen. Eine Teilnehmerin trällerte beispielsweise – für alle völlig unerwartet – ein Lied auf Schwäbisch frei von der Seele weg. Auch war es möglich, sich in der Regie-Rolle zu erproben und mit dem Spielleiter die Szenenabfolge im laufenden Bühnengeschehen zu steuern. So sammelten wir nicht nur Erfahrungen im Spielen, sondern auch im Moderieren und Regieführen. Immer wieder kamen wir an den Workshoptagen mit uns selbst und den anderen Teilnehmern in Kontakt und wuchsen so manches Mal über uns hinaus. Ja, wir haben viele spannende Lernerfahrungen gemacht!

    Für mich waren zwei zentrale neue Erfahrungen wichtig. In vielen Spielsequenzen machte es für mich keinen Unterschied, ob wir sehend, blind oder seheingeschränkt waren. Das menschlich Verbindende stand im Mittelpunkt. Zum anderen: Meine Hemmschwelle und „Berührungsängste“ vor blinden oder seheingeschränkten Menschen entwickelten sich während des Workshops in mehr Respekt und aktive Teilhabe an ihrer Lebenswelt.

    In der Gruppe ist das gegenseitige Vertrauen im Laufe des Workshops gewachsen. Das zeigte sich daran, dass die Wertschätzung und konstruktive Kritik offener wurden. Manchmal flossen bei mir Tränen der Rührung und des Glücks. Innerlich konnten Verhärtungen in Fluss kommen, und Spannungen haben sich gelöst. Unerwartet kam in einer Spielsequenz ein Schutzengel stellvertretend für mich zu Wort, der schmerzhaftes Erleben in Gefühle des Trostes und des Vertrauens verwandelte.

    Theaterarbeit soll weitergehen

    Insgesamt wurden wir lebendiger, selbstbewusster und mutiger. Das Pflänzchen des Vertrauens in unserer Gruppe von blinden, seheingeschränkten und sehenden Spielerinnen und Spielern wird hoffentlich weiter wachsen. Denn wir möchten die Theaterarbeit fortführen: Einmal monatlich am Wochenende wollen wir uns unter der Regie von Wolfgang Wendlandt und Linda Steuernagel treffen.

    Am letzten Tag des Workshops gab es eine öffentliche Aufführung im Theater „BühnenRausch“, die großen Anklang bei Familien, Partnern und Freunden fand. Sie erzählten kleine Geschichten, und manche gewannen wir zum Mitspielen auf der Bühne. Offensichtlich ist unsere Spielfreude auf das Publikum übergesprungen.

    Beatrix Springmann-Fritsch lebt in Berlin.

    Infos und Anmeldung zu weiteren Playback-Workshops bei Torsten Resa, Tel.: 030 / 28 53 87-281

    12 min
  • Mit Dillan durch die Straßen ziehen
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 6/19
    Mit Dillan durch die Straßen ziehen

    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 6/19

    Wenn Labrador Dillan eine Tür oder eine Treppe gefunden hat, bekommt er eine Belohnung. Dillan soll ein Blindenführhund werden. In Iserlohn haben wir ihn beim Training mit den Blindenführhundtrainerinnen Gerlinde und Abeline Haag beobachtet und allerlei über die Ausbildung ihrer Hunde erfahren. Dillan ist fast fertig ausgebildet, darum kann er meistens einen Hundekeks als Lohn für seine Arbeit einheimsen.

    Von Ute Stephanie Mansion

    Menschen eilen durch die Straßen. Ein kleiner Hund kläfft. Da kommt noch einer, ein etwas größerer. Doch Dillan lässt sich nicht ablenken; er läuft weiter geradeaus und tut so, als interessierten ihn auch die umherflatternden Tauben nicht. So möchte es seine Trainerin Abeline Haag, wenn sie mit Dillan, einem blonden Labrador, durch eine Fußgängerzone geht – heute durch die von Iserlohn im Sauerland. „Such Treppe“, sagt sie, und Dillan führt sie zu einer Treppe, setzt seine Vorderpfoten auf die erste Stufe und wartet kurz. So zeigt er an, dass es treppauf geht. Abeline Haag gibt ihm einen Hundekeks als Belohnung.

    Dillan ist zweieinhalb Jahre alt, seine Ausbildung zum Blindenführhund fast beendet. Absolviert hat er sie in der Blindenführhundschule Haag in Hemer nahe Iserlohn. Dort trainieren Gerlinde Haag, ihre Tochter Abeline und Juliana Vilbusch die Hunde – jede von ihnen hat jeweils zwei bis drei „Auszubildende“ unter ihren Fittichen, doch jede übernimmt auch mal das Training der anderen Hunde.

    Vor rund 20 Jahren hat Gerlinde Haag den Schritt von der angestellten zur selbstständigen Führhundtrainerin gewagt. In Hemer stehen den Tieren 4.500 Quadratmeter Land zur Verfügung – zum Herumtollen, denn die Hörzeichen, die ein Blindenführhund befolgen können muss, werden in verschiedenen Städten und da, wo die zukünftigen Halter wohnen, erarbeitet und geübt.
    „Such Eingang“, fordert Abeline Haag Dillan auf. Und der Rüde führt sie zum Eingang eines Modekaufhauses. Als er ein paar Minuten später das Kommando „Ausgang“ hört, strebt er dorthin, wo er und die Trainerin hereingekommen sind. „Gut gemacht“, freuen sich Mutter und Tochter Haag, und Dillan freut sich über ein weiteres Leckerli.

    „Früher ist man sehr grob mit den Hunden umgegangen“, berichtet Gerlinde Haag. „Wir arbeiten heute so viel wie möglich mit einer Belohnung für alles, was der Hund richtig macht.“
    Irgendwann hat er das, was er tun soll, so verinnerlicht, dass er die Belohnung nicht mehr braucht. Macht der Hund etwas Unerwünschtes, „meckert“ die Trainerin oder gibt ihm durch die Leine zu verstehen, dass er gerade etwas falsch gemacht hat – und bekundet umso mehr Freude, sobald er das gewünschte Verhalten zeigt. Hunde verstehen diese Art von Lob und Tadel.

    Sechs bis acht Monate dauert die Ausbildung eines Blindenführhunds – hinzukommen 18 bis 21 Tage Einarbeitung für den Hund und den zukünftigen Halter. „Am Anfang trainieren wir zehn Minuten mit dem Hund“, erklärt Gerlinde Haag. „Im Laufe der Ausbildung steigert sich das Training dann auf bis zu zwei Stunden am Tag.“ Länger sollte ein Hund auch später von seinem blinden Frauchen oder Herrchen pro Tag nicht für Führaufgaben in Anspruch genommen werden, sagt sie, denn die Arbeit sei für den Hund sehr anstrengend. Zwischendurch brauche er immer wieder Pausen.

    Wege, Treppen, Ein- und Ausgänge, Kassen in Geschäften, Bänke zum Ausruhen, Briefkästen, Ampeln und Zebrastreifen finden, Hindernisse umlaufen und Bordsteine anzeigen: All das muss ein Führhund können. Nicht nur in dem Ort, wo sich zufällig seine Führhundschule befindet, sondern überall. Der Hund muss die Hörzeichen, die er erhält, „generalisieren“ heißt das in der Fachsprache.
    „Man sollte kurze knackige Wörter als Hörzeichen verwenden“, erläutert Gerlinde Haag. „Und sie sollten einen unterschiedlichen Klang haben.“ Sie benutzt das Wort „Box“ statt „Briefkasten“, weil das für Hundeohren, die weder Deutsch noch eine andere Sprache wirklich verstehen, leichter ist.
    Dillan nähert sich einer Schranke. Natürlich könnte er mühelos darunter herlaufen, doch das darf er nicht, denn dann würde ja der Mensch, den er führt, gegen die Schranke laufen. Also führt Dillan brav um die Schranke herum.
    „Das Wichtigste, was ein Hund erst einmal lernen muss, ist, im Führgeschirr geradeaus zu laufen“, erklärt Gerlinde Haag. „Er soll in der Mitte des Weges bleiben.“ Ein Hund, der nicht geradlinig führen könne, brauche die Ausbildung gar nicht anzufangen.

    Die Hunde für ihre Schule kauft sie bei Züchtern in ganz Deutschland und reist auch schon mal nach Polen, um geeignete Tiere zu finden. Das werde nämlich immer schwieriger, meint sie. Mal kauft sie Welpen, die im ersten Jahr entweder von einer Patenfamilie oder von ihr selbst großgezogen werden, oder es sind einjährige Hunde, mit denen sie die Ausbildung beginnt. Gesund müssen die Tiere sein, nennt Gerlinde Haag eine Voraussetzung. Hüfte, Wirbelsäule und Augen müssen in Ordnung sein. Wichtig ist auch das Wesen eines zukünftigen Blindenführhunds: Er soll sich gut mit Menschen und anderen Hunden vertragen, nicht ängstlich sein und möglichst frei von Jagdverhalten sein.

    Mit Menschen, die einen Hund von ihr haben möchten, spricht Gerlinde Haag ausführlich. Sie möchte wissen, wofür der zukünftige Halter oder die Halterin den Hund braucht, welche Wege er gehen soll. „Ich brauche ehrliche Antworten, damit ich für jeden den passenden Hund finde“, sagt sie. „Denn Hunde sind so unterschiedlich wie Menschen.“
    Dillan hat für heute genug gearbeitet. Noch einmal führt er Abeline Haag eine Treppe hoch, eine Treppe runter. Sie tätschelt ihm den Rücken und hält ihm einen Keks hin. Dann hat Dillan Feierabend.

    Lust auf mehr? Im Juni berichten wir, welche Themen Blindenführhundhalter und -halterinnen aktuell bewegen. Und ein weiterer Labrador, nämlich „Tessy“, erzählt, wie sie Blindenführhündin wurde. In der Rubrik „Menschen“ schildert Pernille Sonne, wie sie blind Regie führt, und in der Rubrik „Service“ erfahren Sie, wie man Räume blendfrei gestaltet.

    In der Juli/August-Ausgabe lautet das Schwerpunktthema der „Sichtweisen“ Jugend. Wir stellen vor, wie es in NRW mit der Verbandsjugendarbeit läuft. Junge Ehrenamtliche des DBSV und der Landesvereine äußern sich in kurzen Statements zu ihrer Arbeit. Außerdem gibt es Berichte über das Erwachsenwerden mit Sehbehinderung bzw. Blindheit.

    Haben Sie Lust bekommen, in den "Sichtweisen" zu schmökern? Dann fordern Sie - bevorzugt per E-Mail - ein Probeexemplar an:
    DBSV-Zeitschriftenverlag
    Petra Wolff
    Tel.: 0 30 / 28 53 87-220.

    11 min
  • Orientierung auf dem Zeltplatz
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 5/19

    Zelten kann abenteuerlich sein, auch oder besonders, wenn man nichts oder nur wenig sieht. Um nicht plötzlich ein fremdes Zelt zu betreten, hat unser Autor einige Tipps und Tricks parat. Als blinder Camper hat er vieles selbst ausprobiert, um sich ohne sehende Begleitung zurechtzufinden. Neue und altbewährte Technik hilft dabei ungemein.

    Von Michael Ritter

    Die meisten Campingplätze sind für blinde und sehbehinderte Camper, was die Orientierung angeht, doch ein wenig herausfordernd. Das gilt besonders für die Zeltwiese. Sie ist einerseits sehr wandelbar, mit stetig neu entstehenden und wieder verschwindenden Hindernissen, von Zelten über Schnüre bis zum auf dem Boden stehenden Campingkocher, und zum anderen oft frei von befestigten Wegen.
    Für mich als blinder Mensch mit einem unzuverlässigen Mini-Sehrest kommt es stark auf die tatsächlichen Gegebenheiten vor Ort an – das gilt auch für die Wahl des richtigen Zeltstandortes. Ich muss die Dinge so gestalten, dass ich auch ohne jede visuelle Wahrnehmung meinen Weg finde, was nicht immer einfach ist.

    Mein aktueller Lieblingscampingplatz besticht durch eine für mich gute Struktur, und auch wenn der Weg von meinem Stammplatz zu den Waschräumen doch manchmal ein wenig sportlich ist, fühle ich mich hier einfach pudelwohl. Nach einem ersten Wochenende mit sehender Begleitung finde ich nun alles Wesentliche allein, auch mehrere Wanderwege, die vom Campingplatz abgehen, sodass ich nicht immer nur auf dem Platz bleiben muss.

    In Sachen Orientierung hilft auch die Wahl des richtigen Standorts für mein Zelt, das ich natürlich nicht gern mitten auf die Zeltwiese stelle, sondern eher an den Rand und möglichst so, dass ich auf dem Weg zur Toilette und anderen Zielen markante Punkte und Orientierungslinien zur Verfügung habe. Daneben helfen auch der am Platz entlang verlaufende Bach und die nur tagsüber befahrene Straße auf der anderen Seite.
    Außer dem richtigen Standort gibt es weitere kleine Tricks, die die Orientierung und das Wiederfinden des eigenen Zeltes erleichtern.

    Mit Schlüsselfinder das Zelt finden

    Falls ich mal einen etwas ungünstigeren Standort erwische, hänge ich einfach einen Schlüsselfinder an mein Zelt bzw. unter mein Vordach, dessen Fernbedienung ich immer dabeihabe. Wenn ich einigermaßen in der Nähe bin, kann ich auf Knopfdruck das Signal auslösen und mein Zelt akustisch orten. Wichtig ist, das Gegenstück nicht im Zelt selbst aufzuhängen, denn das dämpft den Schall teils so sehr, dass man aus einigen Metern Entfernung nichts mehr hört. Und natürlich muss das gewählte Modell eine gute Reichweite haben. Von Bluetooth rate ich eher ab – die Reichweite ist meistens zu gering.
    Aktuell nutze ich einen Schlüsselfinder von vodeson, der auf Wunsch gleich mit vier Empfängern kommt, man kann sich also auch gegen leere Batterien im Empfänger absichern. Apropos Batterien: Auf der Rückseite des Senders habe ich mit etwas Isolierband eine Ersatzbatterie angeklebt, denn wir wissen ja alle, wann Batterien am ehesten leer sind.

    Erleuchtung in der Nacht

    Wer noch ein wenig Sehrest hat, dem hilft besonders im Dunkeln vielleicht auch eine Campingleuchte, eine Stirnlampe, eine am Zelt angebrachte Taschenlampe oder ein Knicklicht, das Zelt nach einem nächtlichen Toilettengang wiederzufinden. Bei Knicklichtern sollte man aber auf Qualität achten, die meisten zum Beispiel bei Amazon verkauften Produkte glimmen nach wenigen Minuten nur noch müde vor sich hin. Eine interessante Alternative sind übrigens auch Markierungsleuchten für Fußgänger. Mein Modell leuchtet enorm hell, blinkt auf Wunsch hektisch und kann für die Orientierung sehr nützlich sein, solange es nicht von einem netten, aber genervten Nachbarn ausgeknipst wird.

    GPS: Ortung mittels Smartphone

    Es kann auch durchaus sinnvoll sein, die GPS-Koordinaten des Zeltes auf dem Smartphone zu speichern, beispielsweise mithilfe der App BlindSquare. Auf einer großen Wiese ist die Ortung oft erstaunlich genau, und man kommt mit Smartphone-Unterstützung ziemlich nah ran, worauf dann beispielsweise der Schlüsselfinder die Arbeit übernehmen kann. Das gleiche gilt natürlich auch für andere wichtige Punkte auf dem Platz wie Waschräume oder den Kiosk. Auch Breadcrumb-Apps wie MyWay Classic könnten hier vielleicht hilfreich sein, das habe ich aber noch nicht ausprobiert.

    Auch ein Kompass ist nützlich

    Um sich auf der Wiese zurechtzufinden, kann nicht zuletzt auch der Kompass eine Hilfe sein, sei es ein sprechendes Gerät für blinde Menschen, das ich selbst jedoch noch nicht ausprobiert habe, oder der iPhone-Kompass. Ich schaue vor allem vor dem Zeltaufbau darauf, damit ich weiß, wo wann die Sonne scheint und wie ich mein selbstgebautes Vordach platzieren sollte, damit ich im Sommer nicht zu sehr geröstet werde und mein Zelt im Winter genug Sonne abbekommt, um tagsüber zu trocknen.
    In Sachen Orientierung sollte man auf jeden Fall auch weniger optimale Situationen im Blick behalten. Nachts um drei im strömenden Regen nach dem Toilettengang sein Zelt wiederzufinden könnte deutlich herausfordernder sein als erwartet, und den Schlüsselfinder zu benutzen, ist um diese Zeit vielleicht ein wenig unhöflich. Also lieber vorsorgen und die eine oder andere Alternative einplanen.

    Tricks beim Zeltauf- und -abbau

    Wer in Sachen Zeltaufbau noch ein wenig unsicher ist, der sollte es vielleicht erst einmal im Garten oder im Wohnzimmer üben. Kleiner Tipp: Ich habe immer eine feste Plane oder einen Poncho dabei und benutze ihn während des Aufbaus als Unterlage für das Zubehör, damit im Gras nichts verloren geht.
    Typische Gegner beim Zeltaufbau sind Wind und Regen. Ersterer ist natürlich umso tückischer, wenn man sein Zelt nicht sehen kann. Der Trick ist, alle Komponenten entweder zu beschweren oder gleich mit einem Hering in den Wind am Boden zu befestigen, und zwar so, dass sie sich nicht von selbst lösen können.
    Überhaupt hilft ein wenig Disziplin entscheidend dabei, all seinen Krempel wieder mit nach Hause zu bekommen. So sammeln sich beim Aufbau bei mir meist eine ordentliche Zahl an Packbeuteln. Diese stopfe ich immer sofort in den Packbeutel meines Zelts und hole ihn, wenn ich ankomme, als erstes aus dem Rucksack. An seiner Kordel knote ich ihn irgendwo fest, vorzugsweise am Rucksack. Es ist außerdem hilfreich, nichts aus dem Rucksack oder Beutel zu nehmen, was man nicht sofort verbaut, und alle Taschen direkt wieder zu verschließen.

    Bei der Wahl des richtigen Zeltes kommt es natürlich auf den eigenen Geschmack an. Ich habe mich für ein recht kleines, freistehendes Einmannzelt mit zwei Apsiden (Stauräumen) entschieden. Andere brauchen mehr Platz oder bevorzugen Popup-Zelte. Ich persönlich würde aber für Einsteiger eine freistehende Bauweise bevorzugen, das ist für den Aufbau allein schlicht einfacher und auch weniger einsturzgefährdet, falls man mal an der falschen Schnur hängenbleibt.

    Außerdem sollte man sich als jemand, der blind oder sehbehindert ist, angewöhnen, das Zelt immer komplett verschlossen zu halten, auch wenn man bald nochmal rein muss. Haben sich nämlich einmal irgendwelche Insekten ins Zelt geschlichen, wird es ohne Sehkraft schwierig, sie wieder loszuwerden. Manche schwören darauf, den Eingangsbereich mit Insektenspray einzusprühen, meine Erfahrungen sind hier aber eher durchwachsen.

    Wenn man über den Zeltplatz geht, sollte man tunlichst etwas unter den Füßen haben, und seien es nur stabile Flipflops. Versehentlich auf einen Zelthering zu treten, kann nämlich ziemlich schmerzhaft sein, und es lauert noch manches andere Ungemach im Gras.

    Auch für den Zeltabbau gibt es einen kleinen Trick: Türen zu, Heringe raus und alles in eine Ecke schütteln, dann weiß man, ob man nicht doch etwas im Zelt vergessen hat. Bei mir war es einmal ein Hut, den ich später dann doch recht intensiv gesucht habe. Leben und lernen.

    Michael Ritter (47) lebt in Wiesbaden. Der Text ist ein Auszug aus seiner ausführlichen Darstellung zum Thema Zelten auf seinem Blog „Blind leben“.

    13 min
  • Alles auf Neuanfang
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 4/19

    Von Stephanie Dierschke

    Stellen Sie sich vor, Sie wachen auf. Sie können nichts sehen. Sie können sich nicht bewegen, nicht sprechen. Sie wissen nicht, wo Sie sind. Sie wissen nicht, was passiert ist. So könnte ein Thriller beginnen, tatsächlich begann so mein neues Leben.

    Ich war eine gesunde, aktive junge Frau von 31 Jahren, alles lief gut: Gerade hatte ich mich mit meinem langjährigen Freund verlobt, meine Eignungsprüfung zur Schulleitung bestanden, war in ein schöneres Haus umgezogen, und die Sommerferien hatten begonnen. Was konnte es da Besseres geben, als mit dem Pflegepferd entspannt eine Geländefahrt mit dem Sulky zu unternehmen? Ich konnte nicht ahnen, dass das Pferd ausgerechnet an diesem Tag unkontrollierbar durchgeht und durch eine Engstelle läuft, sodass der Sulky sich verkeilt, ich hinausgeschleudert werde und unter das Pferd gerate. Niemand konnte voraussehen, dass mich dann dieser Huf trifft. Mitten ins Gesicht. Niemand hätte verhindern können, dass dadurch meine Augen so geschädigt werden, dass sie in einer Not-OP entfernt werden müssen. Niemand hätte sich ausmalen können, dass dadurch mein Mittelgesicht derart zerstört wird, dass es mehrere Rekonstruktionen benötigt, um wieder normal auszusehen. Und niemand hätte vermutet, dass ich weitermachen würde. Dass dieser Sommertag nicht das Ende ist, sondern die Chance für einen Neuanfang. Mein Start in das Abenteuer, blind zu leben.

    So sehe ich das Geschehene: als Chance und Abenteuer. Der Unfall und der Verlust meiner Augen haben mich gezwungen, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen, mich selbst neu kennenzulernen. Schonungslos und ohne Ausweichmöglichkeiten. Das war zunächst hart, ist es teilweise immer noch. Ich habe geweint, getobt, gehadert und gezweifelt. Aber ich erkannte Dinge, die ich ohne diese Umstände niemals erkannt hätte. Mein absoluter Lebenswille hat mich so sehr überrascht wie die nicht geahnte Fähigkeit mit mir geduldig zu sein, mir Fehler zuzugestehen und kleinstschrittige Erfolge zu feiern. Nicht zuletzt hat mich diese Zeit gelehrt, wer ich bin und was mich ausmacht, was übrig bleibt, wenn mir etwas Existenzielles genommen wird und ich mich neu erfinden muss.

    Dieser Unfall hat mein Gesicht zerstört, Knochensplitter, die zur Stirn gehören, hat das Ärzteteam am Kinn gefunden. Mein Nasenbein war zersplittert, beide Augenhöhlen zerstört, mein Geruchssinn ebenso verloren wie die Fähigkeit zu sehen. Dennoch habe ich Glück gehabt. Hätte mich der Huf etwas weiter oberhalb getroffen, wäre ich nun ein Pflegefall.

    Als ich nach mehreren Not-OPs aus dem künstlichen Koma geweckt wurde, wusste ich nicht, was los war. Da war nur dieser Schmerz und das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war. Es brauchte eine Weile, bis ich das Ausmaß der Katastrophe begriff. Ich lag da, mit den Infos, der neuen Situation, der Hilflosigkeit und mit mir allein. Selbstverständlich haben sich alle um mich gekümmert, aber wenn sie gegangen waren, wenn sie in ihr sehendes Leben zurückgekehrt sind, war ich allein in der Dunkelheit, mit meinem geschlagenen Körper und meinen Gedanken: Was bedeutet es, nun blind zu sein? Kann ich in mein altes Leben zurück? In meinen Job? Kann ich ohne fremde Hilfe leben? Kann ich noch unabhängig und frei sein? Was verpasse ich alles? Halte ich ein Leben in der ewigen Dunkelheit aus? Bin ich stark genug?

    Relativ schnell wusste ich: Aber klar doch! Ich wollte weitermachen. Nachdem ich das Krankenhaus verlassen hatte, begann ich, Informationen zu sammeln und Hilfe zu fordern. Niemand schenkt einem etwas, um alles muss man sich selbst kümmern. Wobei mir mein Mann eine große Hilfe war – ohne ihn hätte ich es nicht geschafft.

    Mit Hartnäckigkeit gelang es mir, schnell in eine neu geschaffene Reha-Maßnahme zu kommen und im Anschluss daran in die berufliche Reha im Berufsförderungswerk Düren. Zehn Monate nach dem Unfall war ich wieder in meinem alten Job als Lehrerin. Das verdanke ich vielen Menschen, die an mich geglaubt haben und mir Chancen eingeräumt haben, die ich nur ergreifen musste. So wie ich mich auf mein blindes Leben eingelassen habe, so hat mein Mann sich auf eine blinde Lebenspartnerin eingelassen, so hat sich die Bezirksregierung für Inklusion von allen Seiten ausgesprochen und mich als blinde Schulleiterin ans Regelschulsystem geholt.

    Mein blindes Berufsleben unterscheidet sich nicht so stark von meinem vorherigen. Solange die Hilfsmittel funktionieren und niemand meine gewohnten Wege verstellt, fällt vielen Gesprächspartnern meine Blindheit zunächst nicht auf. Neben meiner Tätigkeit als Rektorin unterrichte ich seit Sommer 2018 auch wieder eine Deutschklasse. Das bedeutete die größte Umstellung. Ich musste meinen Unterrichtsstil und die Vorbereitung komplett neu strukturieren. Die Schüler sind immer noch verblüfft, wenn ich autark mit Laptop und Medienboard die Unterrichtsinhalte vermittle und genau orten kann, was gerade im Unterrichtsraum passiert. Und so schaffe ich es jeden Tag ein kleines bisschen mehr, über 400 Jugendliche für den normalen Umgang mit blinden Menschen zu sensibilisieren. Zu Beginn meiner beruflichen Wiedereingliederung habe ich mich in jeder Klasse vorgestellt, und die Schüler konnten alles zum Thema Blindheit und Unfall fragen. Es ist spannend, wie unbefangen die Jugendlichen dem Thema begegnen. Einmal thematisierte ich das Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel. Für die Klasse war es ein Augenöffner, dass ein blinder Mensch nicht weiß, welche Buslinie einfährt und dass ein kleiner Hinweis von Sehenden hilfreich sein kann. Am Folgetag fragte mich eine befreundete blinde Frau, ob ich wieder auf Blindentournee in meiner Schule gewesen sei. An ihrer Bushaltestelle hätte ein Chor von mindestens 20 Kinderstimmen ihr jeden einfahrenden Bus angesagt.

    Die größten Barrieren, auf die ich in meinem Berufsalltag stoße, errichten nicht Jugendliche, sondern Erwachsene. Sei es, dass offizielle Dokumente konsequent nicht barrierefrei sind, sei es, dass bei Fortbildungen und Besprechungen nicht daran gedacht wird, dass da auch eine blinde Teilnehmerin sitzt. Und vor allem die immer wiederkehrende Frage: „Schaffen Sie das überhaupt?“ Diese Frage ist für meine Schülerinnen und Schüler kein Thema. Sie nehmen mich nicht als blinden Menschen wahr, sondern als Schulleiterin, als Deutschlehrerin, als Pädagogin, als Erwachsene, als Mensch. Ich wünsche mir generell, dass ich nicht auf meine Blindheit reduziert werde.

    Auch deshalb habe ich mich entschieden, bei der Reportage „Plötzlich blind“ des WDR-Magazins „Menschen hautnah“ mitzuwirken: um zu zeigen, dass nach einer Erblindung nicht alles vorbei ist und Blindheit keine Reduzierung bedeutet. Die Drehtage waren spannend. Der erste Dreh wurde in der Schule gemacht, und man hört im Beitrag an der Sprechgeschwindigkeit, wie nervös ich war. Die Blindheit hilft aber, die Kamera schnell zu vergessen.

    Es gab seit meiner Erblindung viele schöne und bewegende Momente. Stolz bin ich immer noch, wenn ich daran denke, wie ich das erste Mal allein mit Langstock über den Flur gelaufen bin, wie ich das erste Mal mit der Bahn gefahren bin und wie ich das erste Mal unfallfrei gekocht habe. Glücklich bin ich, wenn ich daran denke, wie ich das erste Mal mit meinem Blindenführhund Balou gelaufen bin, wie frei sich das angefühlt hat. Ich freue mich wie ein kleines Kind, wenn ein neues Hörbuch von meiner Lieblingsautorin erscheint. Ich liebe es, durch die Wohnung zu tanzen. Ich schätze es, mit Menschen gute Gespräche zu führen. Da ist es egal, ob ich etwas sehe oder nicht.

    Ich stehe am Anfang meines blinden Lebens, und es gibt noch viel zu entdecken. Ich werde immer wieder auf Schwierigkeiten und Hürden stoßen, ich werde auf Rückschläge vorbereitet sein müssen. Aber das muss ein Sehender auch. Das Lebensglück ist nicht an zwei gesunde Augen geknüpft. Eins steht für mich fest: Ich will nie wieder auf die Intensivstation zurück. Ich will niemals mehr einer so vollständigen Hilfslosigkeit ausgeliefert sein wie die ersten Wochen nach dem Unfall. Deshalb stehe ich jeden Morgen wieder auf, nehme jedes Training in Lebenspraktischen Fähigkeiten und Mobilität mit, das ich kriegen kann. Deshalb probiere ich fast alles aus, was der Hilfsmittelmarkt hergibt und versuche ständig, aus der Komfortzone zu treten. Und deshalb lache ich so oft und so herzlich wie möglich.

    14 min
  • Bernd Röthig bringt Trabis auf Trab
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 3/19

    An Autos zu schrauben war schon als Kind Bernd Röthigs Leidenschaft. Inzwischen besitzt er vier Autos, die er selbst wieder ans Laufen gebracht hat. Für

    einen alten Trabant 600 brauchte er vier Jahre; Freunde unterstützten ihn bei diesem Großprojekt. Fahren darf der Leipziger seine Oldtimer mangels Sehvermögen
    nicht, dennoch begeistern sie ihn.

    Von Bernd Röthig

    Wie die meisten Jungs interessierte ich mich schon von frühester Kindheit an für Autos. Damals beschränkte sich das auf das Untersuchen und Erforschen
    verschiedener Fahrzeuge. Ich ging damals in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, in die Blindenschule, und tat das mehr oder weniger legal mit meinen Schulkameraden.
    Einmal, das war im dritten oder vierten Schuljahr, stand das Auto eines Parteisekretärs vor unserem Reha-Zentrum. Es war nicht abgeschlossen, und da haben
    ein Klassenkamerad und ich uns hineingesetzt und immer wieder gehupt. Als der Besitzer angerannt kam, bin ich schnell auf und davon; den anderen hat er
    am Schlafittchen gepackt. Beschädigen wollten wir nie etwas, wir waren einfach neugierig und haben uns auch später manche Autos von innen angeguckt.

    Irgendwann reichte es mir nicht mehr, sie nur zu inspizieren. Ich wollte selbst schrauben. Ein entscheidender Begleiter auf meinem Weg war mein Vater.
    Wir besaßen damals wie viele Familien in der DDR einen Trabant 601. Sein Status ähnelt dem des VW Käfers oder der Ente – kleine Autos für wenig Geld. Als
    ich etwa acht Jahre alt war, begann meine „Autoschrauberei“ mit dem Wechseln der Sommer- bzw. Winterreifen an dem Trabi – mein Vater hat mir alles gezeigt.
    Unter seiner Anleitung lernte ich auch kleine Reparaturen.

    Später haben sich unsere Wege getrennt, die des Trabis und der meiner Familie. Wir kauften ein anderes Auto, und ich verlor erst einmal den Kontakt zum
    Trabant. 2001 führte uns der Zufall wieder zueinander. Ich kaufte mir einen Trabant, der sich in einem mehr oder weniger guten Zustand befand. Mit dem
    lapidaren Wechsel eines Keilriemens fing es an – und da war sie wieder geweckt, meine alte Leidenschaft. Im Jahr 2003 kaufte ich mir darum auch einen Trabant
    Kombi (Baujahr 1986), der sich in einem guten Zustand befand. Ich besitze ihn heute noch. Meine Frau und mein Sohn fahren damit. Alle meine restaurierten
    Autos, inzwischen sind es vier, werden gefahren.

    Wissen erweitert im Schwarzwald

    2009 gesellte sich ein Trabant Kübel hinzu, der schon mehr Reparaturbedarf aufwies. Ich überholte die Bremsen, regenerierte den Motor, reparierte die Vorderachse
    und verpasste ihm ein paar neue Reifen. Außerdem stattete ich das Fahrzeug mit Gurten aus, die serienmäßig nicht vorhanden waren. Woher hatte ich dieses
    ganze Wissen? In der Trabizeitschrift „Supertrabi“ entdeckte ich eine Anzeige, in der der im Schwarzwald lebende Berliner Klaus Brinkmann Motor- und Getriebe-Seminare
    für den Trabant anbot. Ich rief ihn an und fragte, ob er sich zutrauen würde, mich, der ich ja blind bin, zu lehren. Er fand dieses Experiment spannend
    und willigte ein. So reiste ich mit meinem Sohn Martin in den Schwarzwald, natürlich mit dem Trabant, und wir wurden herzlich aufgenommen. Klaus nahm sich
    auch außerhalb des Kurses Zeit für mich, um mir Dinge zu zeigen, die mir während des Kurses ob meiner fehlenden visuellen Möglichkeiten entgangen waren.
    Ich verdanke ihm viel, und uns verbindet inzwischen eine Freundschaft.

    2014 erwarb ich einen Trabant 600 von 1965, der sich in einem völlig maroden Zustand befand. Meine Frau belächelte mich spöttisch und fragte, was ich mit
    dem „Schrotthaufen“ wolle. Es war mein Wunsch, einmal ein Auto komplett zu restaurieren. Innerhalb von knapp vier Jahren schaffte ich es. Nicht alles habe
    ich allein gemacht: Die Schweißarbeiten und Reparaturen an der Karosserie erledigte ein Freund von mir. Die Sitze ließ ich von einem Sattler aufarbeiten.
    Auch die Lackierung erfolgte durch einen Fachmann. Die Elektrik wurde durch den weltbesten Kfz-Elektriker, meinen Freund Dieter, erneuert. Aber die gesamten
    Schlosserarbeiten – Instandsetzung von Motor, Getriebe, Achsen, Bremsen und anderes – habe ich allein ausgeführt.

    Mit Frau und Sohn unterwegs

    Zu diesem Zweck vervollkommnete ich meinen Werkzeugbestand blindenspezifisch. Zum Beispiel ließ ich einen Drehmomentschlüssel aus DDR-Produktion mit tastbaren
    Markierungen ausstatten. Dadurch kann ich mehrere Schrauben mit der gleichen Anzugskraft (zum Beispiel beim Zylinderkopf) anziehen. Ein Bekannter, der
    als Dreher arbeitet, fertigte mir eine Vorrichtung an, mit der ich ohne Hilfe den Zündzeitpunkt einstellen kann. Die Scheiben habe ich mit meinem Sohn
    eingesetzt. Im April vergangenen Jahres wurde das Auto 1.374 Tage nach Erwerb wieder zugelassen. Ein so großes Projekt mache ich nicht noch mal. Ich habe
    es fertiggekriegt, und das reicht jetzt. Man braucht zu viele Gewerke, die bestimmte Zuarbeiten machen. Mit meiner lieben Frau fahre ich nun gerne in einem
    der Wagen. Zu Trabitreffen fahre ich meist mit meinem Sohn, der sich immer als verlässlicher Partner erweist.

    Seit Oktober bin ich zusätzlich stolzer Besitzer eines Skoda 120 L aus dem Jahr 1979. Auch dieses Fahrzeug hat mich viele Jahre durch meine Kindheit und
    Jugend begleitet, da es von 1978 bis 1990 der Nachfolger unseres Familien-Trabant war. Das Auto war für mich eine neue Herausforderung, weil es einen Viertaktmotor
    besitzt. Inzwischen habe ich es erfolgreich zerlegt und wieder zusammengebaut. Die Karosseriearbeiten sind fast abgeschlossen. Im Sommer wird es wohl fertig
    sein.

    10 min
  • Der Vertrag von Marrakesch
    Aus den "Sichtweisen", Ausgabe 1-2/19

    Es hat mehrere Jahre gedauert, doch nun ist der Vertrag von Marrakesch auch in Deutschland in Kraft getreten. Der Vertrag soll den Zugang blinder, sehbeeinträchtigter und lesebehinderter Menschen zu Werken in barrierefreier Form erleichtern. Um das zu erreichen, wurden Änderungen am Urheberrechtsgesetz vorgenommen. Wir erklären, was hinter der Vereinbarung steckt und was sie für Nutzer bedeutet.

    Von Christiane Möller

    Am 1. Januar sind Änderungen im deutschen Urheberrecht in Kraft getreten. Sie dienen der Umsetzung des Vertrags von Marrakesch, einem in der marokkanischen Stadt Marrakesch geschlossenen völkerrechtlichen Vertrag. Ziel ist es, durch Ausnahmeregelungen im Urheberrecht zugunsten von Menschen mit Seh- und Lesebehinderungen die Zugänglichkeit von Werken wie Literatur oder Musiknoten zu erleichtern und damit die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu verbessern, unter anderem in den Bereichen Kultur, Bildung, Arbeit, Politik, Meinungs- und Informationsfreiheit. Nachfolgend sind die wichtigsten Regelungen zusammengefasst.

    Anpassungen im Urheberrecht

    Grundsätzlich hat der Urheber eines Werkes, zum Beispiel der Autor eines Romans, das Recht, darüber zu entscheiden, wie andere sein Werk nutzen dürfen (Schutz des geistigen Eigentums). Von diesem Grundsatz gibt es gesetzlich definierte Ausnahmen, die man Schrankenregelungen nennt. Eine dieser Schranken besteht zugunsten sehbehinderter Menschen, um vorhandene Literatur in barrierefreie Fassungen, beispielsweise Punktschrift, übertragen zu dürfen. Die Europäische Union – und damit auch Deutschland – ist mit dem Abschluss des Marrakesch-Vertrags Verpflichtungen eingegangen, die über die bisherigen Ausnahmeregelungen hinausgehen – darum war eine Anpassung des Urheberrechtsgesetzes erforderlich geworden.

    Individuelle Übertragung zulässig

    Wie bisher ist es blinden und sehbehinderten Menschen gestattet, ein Sprachwerk, zum Beispiel ein Buch, eine Zeitschrift oder Musiknoten, für den individuellen Gebrauch in ein zugängliches Format zu übertragen oder sich übertragen zu lassen. Zugängliche Formate sind etwa Brailleschrift, Großdruck, Hörbücher oder barrierefreie digitale Formate. Nach wie vor darf man also ein beliebiges Buch einscannen und sich mittels Vorlesegerät vorlesen oder von einer Hilfsperson als Hörbuch aufsprechen lassen. Es ist nicht erforderlich, zuvor die Erlaubnis beim Urheber oder dem Verlag einzuholen. Voraussetzung ist nur, dass man zu dem Werk rechtmäßigen Zugang hat. Auch Bildbeschreibungen dürfen vorgenommen werden.

    Neue Regeln für „befugte Stellen“

    Sehr viel detaillierter werden die Rechte und Pflichten sogenannter befugter Stellen geregelt. Befugte Stellen sind Einrichtungen, die in gemeinnütziger Weise Bildungsangebote oder barrierefreien Lese- und Informationszugang für Menschen mit einer Seh- oder Lesebehinderung zur Verfügung stellen. Darunter fallen insbesondere Blindenbibliotheken oder Medienzentren, die Schul- bzw. Studienmaterialien barrierefrei aufbereiten und zur Verfügung stellen. Für diese Stellen besteht die gesetzliche Erlaubnis, Sprachwerke in barrierefreien Formaten herzustellen und sie seh- und lesebehinderten Menschen zugänglich zu machen.
    Erstmals ist es gesetzlich erlaubt, Werke direkt über das Internet zugänglich zu machen; bislang gab es für die Download-Angebote der Blindenhörbüchereien nur eine einzelfallbezogene Erlaubnis. Befugte Stellen müssen für die Herstellung und die Bereitstellung von barrierefreien Werken eine Vergütung an die Verwertungsgesellschaften und damit letztlich an die Urheber leisten. Diese Kosten dürfen aber nicht den seh- und lesebehinderten Nutzern in Rechnung gestellt werden. Außerdem müssen befugte Stellen ihre Tätigkeit künftig dem Deutschen Patent- und Markenamt in München melden, das die Kontaktdaten auf seiner Internetseite veröffentlicht. So sollen seh- und lesebehinderte Menschen besser erfahren, woher sie barrierefreie Literatur beziehen können.

    Mehr Bücher durch Austausch

    Als eine echte Innovation, die dem Marrakesch-Vertrag zu verdanken ist, besteht nun erstmals die Möglichkeit, dass befugte Stellen Literatur untereinander austauschen können. So soll vermieden werden, dass ein und dasselbe Werk in verschiedenen Ländern teuer produziert wird. Außerdem können seh- und lesebehinderte Menschen bei allen befugten Stellen der Mitgliedsstaaten des Marrakesch-Vertrags Literatur in barrierefreien Formaten erhalten. Beispielsweise wird es dem blinden Informatiker aus Deutschland damit möglich, Fachliteratur einer kanadischen Blindenbibliothek anzufordern. Die angehende Dolmetscherin kann Studienliteratur aus Spanien oder aus Ländern Südamerikas beziehen. Die finnische Opernsängerin kann Punktschriftnoten aus Deutschland bekommen. Diese internationale Vernetzung eröffnet den Zugang zu weit mehr Literatur als bisher.
    Mehr Menschen profitieren
    Wie bisher schon gelten die urheberrechtlichen Ausnahmeregelungen für blinde und sehbehinderte Menschen. Künftig ist es aber auch erlaubt, lesebehinderte Menschen mit für sie barrierefrei zugänglicher Literatur zu versorgen. Lesebehindert sind etwa Menschen mit Legasthenie (Lese-Rechtschreib-Behinderung) oder Personen, die wegen einer körperlichen Beeinträchtigung ein Buch nicht halten können und daher ein elektronisches Format benötigen.

    9 min

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Hier finden Sie den Podcast des Verbandsmagazins "Sichtweisen“ vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband. Und die Hör-Reihe „Präsidiumsgespräch“. Darin beleuchten DBSV-Präsidiumsmitglieder mit Gästen aktuelle Themen, die den Verband beschäftigen.

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