Sichtweisen

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By DBSV – Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V.Society & Culture
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Sichtweisen episodes

  • Tasten, lauschen, bauen, rauswerfen
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 12/2020

    Schüttel-Spaß mit „Lauschwunder“

    Ein Spieltipp von Annette Schmitz-Moormann, Dresden

    „Lauschwunder“ ist ein Hör-Memory für Kinder ab drei Jahren. Es müssen Klangpaare gefunden werden – zehn gibt es und auch einen Joker. Man braucht ein feines Gehör, um jeweils gleichklingende Geräusche zu entdecken. Das Spiel besteht aus einem dreieckigen Brett, auf dem 21 Dosen mit Holzdeckeln und klingendem, klapperndem und anderem hörbarem Inhalt stehen. Der erste Spieler nimmt eine Dose, schüttelt sie, hört das Geräusch und sucht eine zweite Dose, die hoffentlich dasselbe Geräusch hat. Wenn die Geräusche nicht übereinstimmen, werden die Dosen wieder an ihren Platz gestellt, und der nächste Spieler ist dran.

    Man kann das Brett mit den Dosen auch im Uhrzeigersinn weiterdrehen, sodass das Spiel noch mehr Schüttel-Spaß macht. An einer der Ecken des Spielbretts kann man einen Punkt ertasten, eine Hilfe, um nicht ganz die Richtung beim Drehen des Bretts zu verlieren. Für blinde und sehbehinderte Menschen ist das Spiel sehr gut geeignet – überhaupt für Menschen, die gern hinhören, selbst die leisesten Töne unterscheiden können und schon immer wussten, dass sie sich auf ihr Gehör verlassen können.

    Auf Schatzsuche im „verrückten Labyrinth“

    Ein Spieltipp von Reiner Delgado, Referent für Soziales im DBSV, Berlin

    Ich habe „Das verrückte Labyrinth“ mit 21 Jahren kennengelernt. Da konnte ich noch etwas sehen und mit der Standardvariante spielen. Auf den 49 Quadraten des Spielbretts ergeben sich durch die zunächst nach dem Zufallsprinzip angeordneten Gängekarten Wege – gerade, um die Ecke führende oder T-förmige.

    Auf manchen der festen und verschiebbaren quadratischen Karten sind Bilder: eine Schatztruhe, ein Leuchter, ein Flaschengeist und vieles mehr. Diese Schätze sind auch auf Karten abgebildet, die zu Beginn des Spiels verteilt werden. Und nun muss jeder Spieler, jede Spielerin diese Schätze mit einer Spielfigur auf dem Brett aufsuchen. Doch durch das Verschieben der Gängekarten, ändern sich die Wege des Labyrinths ständig, und darum ist es nicht so leicht, an seine Schätze zu gelangen.
    Das räumliche Denken und zu planen, wie Wege entstehen und verschwinden, wenn man etwas verschiebt, begeistern mich. Ich war sehr froh, als ich blind war und eine Freundin mir das Spiel mit tastbaren Markierungen geschenkt hat. Das Spielbrett ist mit Metall hinterlegt und die Figuren magnetisch, wodurch sie an ihrem Platz stehen bleiben. Die Wegränder sind erhabene Linien; die Symbole tragen Bezeichnungen in Braille.
    Es macht Spaß, wenn meine sehenden Mitspieler zu blind sind, um für mich offensichtliche Wege zu entdecken. Nur meine Schwester: Die findet ihren Weg immer am schnellsten.

    Dazu ein Bild:

    Das Spielbrett von „3D Labyrinth“: Die Gängekarten sind unterschiedlich hoch. Der Spielkarton dahinter zeigt eine Burg, Phantasiewesen wie einen Zauberer und Gegenstände wie Bücher.

    DOG: Keiner spielt, keiner gewinnt allein

    Ein Spieltipp von Renate Scheller-Stöber, Horn-Bad Meinberg

    Für das Spiel „DOG“ (deutsch „Hund“) benötigt man ein „Mensch-ärgere-Dich-nicht“-Brett mit Vertiefungen für die Figuren und ein Rommé-Kartenspiel. Rommé gibt es sowohl mit Punktschrift als auch mit tastbaren Symbolen. Man kann „DOG“ auch als fertiges Spiel kaufen, doch ist es in dieser Form nicht für blinde und sehbehinderte Spieler geeignet.

    „DOG“ funktioniert ähnlich wie „Mensch ärgere Dich nicht“, wird aber mit Karten gespielt, nicht mit Würfeln. Die sich gegenübersitzenden Personen bilden ein Team und unterstützen sich gegenseitig. Es gilt, die eigenen vier Figuren so schnell wie möglich ins Ziel zu bringen. Gewonnen hat ein Team jedoch erst, wenn alle seine acht Figuren im Ziel sind.
    Gespielt wird in mehreren Runden, in denen zunächst sechs Karten ausgeteilt werden und dann von Runde zu Runde weniger. Die Figuren werden wie bei „Mensch ärgere Dich nicht“ gesetzt, mit den Karten führt man verschiedene Spielzüge durch. Mit der Sieben zum Beispiel kann man sieben Schritte vorwärts ziehen, sie aber auf beliebig viele eigene Spielfiguren aufteilen, etwa die drei Felder entfernte Figur eines Mitspielers rauswerfen und die übrigen vier Punkte mit einer anderen Figur weiterrücken. Der Joker kann den Wert jeder anderen Spielkarte ersetzen.
    In jedem Fall ist es ratsam, die Spielanleitung dieses kurzweiligen Spiels gründlich zu studieren.

    „Turmduell“ aus der „Spiele- und Sinnesbox“

    Ein Spieltipp von Annette Schmitz-Moormann, Dresden

    Die „Spiele- und Sinnesbox“ ist ein Spiel, bei dem Geschicklichkeit, Kreativität, Feinmotorik und eine ruhige Hand gefragt sind. Ziel des Spiels ist es, einen möglichst hohen Turm zu bauen. Dafür gibt es 60 Steine in verschiedenen Formen, zwei Symbolwürfel, Spielblock, Stift und einen Stoffbeutel.

    Gespielt werden kann zu zweit in einem „Turmduell“, aber auch mit mehreren Personen. Ein Teil der Steine für den Turmbau liegt auf dem Tisch, der andere Teil befindet sich im Stoffbeutel. Es wird mit zwei Symbolwürfeln gewürfelt. Vom Tisch kann der Stein genommen werden, der zu einem der Würfelsymbole passt. Ein zweiter Stein mit dem gleichen Symbol kann dann aus dem Stoffbeutel erfühlt und herausgeholt werden. Sowohl Steine als auch die Würfelsymbole sind gut ertastbar. Mit diesen Steinen beginnt man, seinen Turm zu bauen. Das Spiel ist zu Ende, wenn keine Steine mehr in dem Stoffbeutel sind – oder wenn auch der letzte der Turmbaumeister mit seiner Konstruktion gescheitert und der Turm eingestürzt ist.
    Es ist ein überaus spannendes Spiel, das nicht langweilig wird. Es ist für blinde und sehbehinderte Menschen geeignet, die Lust am Bauen haben und mit Feingefühl ihre Risikofreude in Szene setzen wollen. Für Kinder unter drei Jahren ist das Spiel nicht geeignet.

    Coole Stimmen, krasse Sounds

    Zeitschleifen, Wirtschaftskomplotte, Leben im Mittelalter: Die Welten von Computer- und Smartphone-Spielen sind vielfältig und ziehen Millionen in ihren Bann. Auch Spiele nur zum Hören sind dabei. Manche Games, wie sie zur Unterscheidung von zum Beispiel Brettspielen genannt werden, kann man allein, manche mit mehreren oder sehr vielen Spielern spielen. DBSV-Jugendreferent Robbie Sandberg stellt einige vor.

    Von Robbie Sandberg

    Audiogames für Smartphones

    Audiogames werden nur nach Gehör gespielt. Auf dem Bildschirm tut sich meistens nichts. Da man sich in einer rein akustischen Umgebung orientieren muss, sollte man immer Ohr- oder Kopfhörer tragen. Audiogames werden solo gespielt und erfordern keine Internetverbindung.

    Alt-Frequencies

    Alt-Frequencies kann in mehreren Sprachen gespielt werden, darunter auch Deutsch. Das Audiogame ist ein verzwicktes Spiel mit coolen Stimmen und pfiffiger Bedienungsmechanik. Die Menschen werden gezwungen, in einer Zeitschleife zu leben. Man muss zwischen Radiosendern zappen, auf bestimmte Informationen achten und diese aufnehmen. Wenn man die Aufnahmen bei anderen Sendern unterbringt, kann man die Menschheit aufrütteln.

    Das Spiel hat eigene Gesten, kann aber bei aktiviertem Screenreader gespielt werden. Es ist sowohl für das iPhone als auch für Android-Geräte verfügbar.

    Frequency Missing

    Das eindrückliche Audio-Design von Frequency Missing versetzt hinter die Kulissen eines Radiosenders. Es ist ein spannendes Mystery-Game um einen verschwundenen Reporter. Als Praktikantin Patricia im Sender untersucht man Räume und Gegenstände, spricht mit Kollegen und löst Rätsel, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

    Das Spiel ist englischsprachig, aber die Dialoge sind einfach gehalten. Ein schöner Anreiz zum Englischlernen für Schülerinnen und Schüler. Es wird mit spieleigenen Gesten im Querformat gespielt. Der Screenreader ist derweil inaktiv.

    Blowback

    Blowback ist ein fesselndes Science-Fiction-Abenteuer, in dem man eine investigative Journalistin mit spieleigenen Gesten durch etliche Gefahren steuern muss, um ein fieses Wirtschaftskomplott aufzudecken. Entwickelt von der Hörspielabteilung von Deutschlandfunk Kultur wartet Blowback mit bekannten Hörspielstimmen, krassen Sounds und einer packenden Story auf.

    Man braucht ein schnelles Reaktionsvermögen und ein scharfes Gehör, um in der 3-D-Klangwelt klarzukommen.
    Blowback verwendet keine eigenen Gesten, sondern wird mit herkömmlichen Schaltflächen gesteuert. Bei aktiviertem Screenreader ist es einfacher, die Schaltflächen für die Fortbewegung zu finden, aber die Geste zum Hochheben oder Schieben kann nur bei deaktiviertem Screenreader ausgeführt werden.
    Links zum Spiel für iOS und Android findet man auf der Website von Deutschlandfunk Kultur.

    Smartphone- und Computerspiele mit mehreren Spielenden

    Massively Multiplayer Online Games (MMO) sind Spiele, in denen man mit anderen Spielenden interagiert. Die Spiele benötigen daher immer eine Internetverbindung. Meistens sind sie nur schlecht zugänglich, weil sie visuell gestaltet und nicht für die Bedienung mit Screenreader optimiert sind. Hier aber zwei Ausnahmen.

    Lords & Knights

    Lords & Knights ist ein Aufbau-Strategiespiel. Als mittelalterlicher Burgherr muss man eine Burg aufbauen. Dazu gehört es, Rohstoffe zu fördern, Gebäude auszubauen, Soldaten zu rekrutieren, die Burgen anderer Spielerinnen und Spieler auszuspionieren, zu plündern oder mit ihnen Handel zu treiben. Das Schwesterspiel Celtic Tribes funktioniert nach dem gleichen Prinzip, nur dass man statt einer Burg ein keltisches Dorf aufbauen muss.

    Die Spiele für iOS sind weitgehend barrierefrei und können mit VoiceOver gespielt werden. Die Android-Versionen sind mit TalkBack nicht spielbar.

    FreeChess – Schachspielen am Computer

    FreeChess ist eine Browser-basierte, Screenreader-zugängliche Plattform zum Schachspielen gegen andere Spielende. Man kann die Züge durch Eingabe der algebraischen Notation angeben, also die alphanumerischen Koordinaten der Felder, zum Beispiel g2-g4. Ebenso kann man die Züge mit der Mausfunktion eines Screenreaders ausführen. Dazu fokussiert man eine Figur, hebt sie an der Startposition mit der Leertaste ab, setzt sie an der Zielposition mit der Leertaste auf und klickt auf „ziehen“. Um den Überblick zu behalten, kann man die Stellungen der Figuren mit dem Screenreader auslesen und auf einem physischen Schachbrett nachbauen.

    Mit der kostenlosen Account-Variante auf FreeChess.de kann man zwei Einzelpartien gleichzeitig spielen. Wenn man Turniere oder auch mehrere Einzelpartien gleichzeitig spielen möchte, muss man bezahlen.
    Allen, die auf FreeChess.de spielen wollen, empfehlen wir, die Onlinehilfe gründlich durchzulesen, damit man auch weiß, wie das System funktioniert. Mit dem Lesen der Onlinehilfe ist man etwa einen Abend beschäftigt.

    Sonstiges

    Subwords

    Subwords ist eine Mischung aus einem Quiz und einem Wort-Suchspiel. Wörter, die in ihre Silben zerlegt worden sind, müssen wieder zusammengesetzt werden. Jedes Level hat ein anderes Thema, von Allgemeinwissen wie Gemüsesorten oder Instrumente bis zu chemischen Elementen oder griechischer Mythologie. Man muss sich also in einem Thema etwas auskennen, um zu wissen, wonach man suchen muss.

    Weiß man mal nicht weiter, kann man einen Tipp bekommen und gleichzeitig ein neues Wort lernen. Durch Schnelligkeit beim Lösen kann man bis zu sechs Sterne pro Level erreichen. Wenn man Sterne erhält, werden weitere Level freigeschaltet, die bis dahin als versteckte Level angezeigt werden.
    Das kurzweilige Solospiel ist für iOS erhältlich und mit VoiceOver spielbar.

    Robbie Sandberg ist DBSV-Jugendreferent.

    Mehr Infos zu den Spielen und Bezugsquellen unter: www.dbsv.org/computerspiele.html

    19 min
  • Vollmacht auf Vertrauensbasis
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 11/2020

    Jeder Mensch kann durch Unfall, Krankheit oder Alter möglicherweise von einem Moment auf den anderen in die missliche Lage geraten, nicht mehr imstande zu sein, wichtige Angelegenheiten selbstverantwortlich zu regeln. Das kann beispielsweise die Einwilligung in ärztliche Behandlungen und Operationen betreffen, die Erledigung von Bankgeschäften, den Zugang zum Postkasten oder den Abschluss oder die Kündigung von Verträgen.

    Wenn niemand hierzu bevollmächtigt ist, muss vom örtlichen Betreuungsgericht ein gesetzlicher Betreuer bestellt werden. Weder der Ehepartner noch die Kinder sind von Gesetzes wegen befugt, für einen Angehörigen zu handeln. Es besteht also Handlungsbedarf. Eine Vorsorgevollmacht bietet die Möglichkeit, Menschen zu benennen, die im Falle eines Falles stellvertretend für einen selbst Entscheidungen treffen und bestimmte Handlungen vornehmen.

    Jeder Mensch sollte sich deshalb frühzeitig mit folgenden Fragen befassen: Was wird, wenn ich auf die Hilfe anderer angewiesen sein sollte? Welcher Person oder welchen Personen vertraue ich, dass sie in meinem Sinne Entscheidungen treffen und zum Beispiel dafür sorgen, dass die in meiner Patientenverfügung niedergeschriebenen Wünsche beachtet werden? Was kann ich konkret tun, damit im Ernstfall in meinem Sinne gehandelt und entschieden wird?

    Solange ein Mensch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, also geschäfts- und einwilligungsfähig ist, kann er alle Angelegenheiten des Lebens selbst entscheiden. Durch einen schweren Verkehrsunfall, einen Schlaganfall oder eine rasch fortschreitende hirnorganische Erkrankung kann diese Handlungsfreiheit schnell vorübergehend oder auf Dauer eingeschränkt sein.

    In solchen Momenten ist es vorteilhaft, wenn es eine Generalvollmacht für eine Vertrauensperson oder unterschiedliche Vollmachten für mehrere Vertrauenspersonen gibt. Sie bevollmächtigt die Vertrauensperson oder -personen zur Vertretung für bestimmte Rechtsgeschäfte.
    Wenig hilfreich ist, wenn die Vollmacht an die Bedingung geknüpft ist, dass die Vollmacht gebende Person aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr geschäftsfähig ist, weil diese Vollmacht dann nur in Verbindung mit einem fachärztlichen Gutachten zur Vertretung berechtigen würde. Die Erstellung eines solchen Gutachtens kann unter Umständen lange dauern.

    Ratsam erscheint deshalb eine bedingungslose Vollmacht für eine bestimmte Vertrauensperson, in der zum Beispiel folgende Bereiche abgedeckt werden:

    Regelung von Behörden- und Versicherungsangelegenheiten
  • Zugriff auf das Brief- und E-Mail-Postfach und die sonstigen Online-Aktivitäten
  • Befugnis zur Regelung von nötigen ambulanten Hilfen
  • Befugnis zur Suche eines Platzes in einem Senioren- oder Pflegeheim einschließlich der Berechtigung zum Abschluss und zur Kündigung von Heimverträgen
  • Berechtigung zur Kündigung des Mietvertrags für die Wohnung oder des Telefonanschlusses
  • Entscheidungsbefugnis bei Operationen und medizinischen Maßnahmen sowie zur Umsetzung des Willens der Vollmacht gebenden Person gemäß ihrer Patientenverfügung.

    Ratsam erscheint, dass die Vollmacht gebende Person vor Erteilung einer Generalvollmacht mit der betreffenden Person spricht, ob sie hierzu bereit ist. Ebenso sollte geklärt werden, inwieweit der bzw. die Bevollmächtigte gemäß den Vorschriften des Auftragsrechts Aufwendungsersatz verlangen kann, Rechnungen zu Ausgaben vorweisen und über die Tätigkeit gegenüber Dritten Auskunft erteilen muss.

    Außerdem muss geklärt sein, wie die bevollmächtigte Person an ihre Vollmacht kommt. Möglich ist, die Vollmacht direkt auszuhändigen oder sie an einem passenden Ort zu hinterlegen, wo sie für diese zugänglich ist. Sinnvoll ist außerdem, dass die Vorsorgeverfügung im Zentralen Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer registriert ist, sodass Betreuungsgerichte hierüber informiert und unnötige Betreuungen vermieden werden. Die anfallenden Notargebühren liegen in einer überschaubaren Höhe von unter 20 Euro. Eine Vollmacht kann man jederzeit widerrufen; man muss freilich dafür sorgen, dass sie vernichtet und damit aus dem Verkehr gezogen wird.

    Gesetzliche Betreuung

    Wenn man niemanden in seinem persönlichen Umfeld hat, dem man die genannten Aufgaben übertragen möchte, bleibt nur der Weg einer gesetzlichen Betreuung. Sie erfolgt von Amts wegen, wenn bekannt wird, dass eine Person ihre Angelegenheiten nicht mehr selbst regeln kann.

    Wenn ein gesetzlicher Vertreter bestellt werden muss, werden Wünsche des Betroffenen berücksichtigt. Diese können in einer Betreuungsverfügung festgeschrieben sein und sollen vom Betreuungsgericht beachtet werden. Solche Wünsche tragen dazu bei, dass der gesetzliche Betreuer die zu betreuende Person und ihre Wünsche kennt, sich um diese persönlich kümmern wird und dass die Berufung des Betreuers bzw. der Betreuerin in der Regel beschleunigt wird. Allerdings ist das Betreuungsgericht an die Wünsche der Person nicht gebunden und kann bei triftigen Gründen davon abweichen.

    Der Vorteil der Betreuung liegt darin, dass gesetzliche Betreuer gegenüber dem Betreuungsgericht verpflichtet sind, über die Ausgaben für die betreute Person jährlich einen Kostennachweis vorzulegen. Gesetzliche Betreuer haben gemäß Paragraf 1835 BGB einen Anspruch auf Erstattung ihrer nachgewiesenen Aufwendungen; zum Beispiel auf Ersatz von Fahrt- oder Portokosten. Sie sind gemäß Paragraf 1835a BGB berechtigt, ohne Einzelnachweis eine jährliche Betreuerpauschale in Höhe von zurzeit 399 Euro abzurechnen.

    Rechtliche Beratung

    Damit man für seine Situation die richtige Lösung findet, ist eine umfassende rechtliche Beratung empfehlenswert. So wird gewährleistet, dass die Vorsorgevollmacht den rechtlichen Anforderungen entspricht und praxisgerecht formuliert wird. Notwendig ist, dass die verschiedenen Rechtsbereiche konkret benannt werden. Besonders wichtig ist, dass die Vorsorgevollmacht mit der Patientenverfügung übereinstimmt und die hierfür notwendigen Bevollmächtigungen enthält.

    Um im Rechtsverkehr handeln zu können, muss die Vorsorgevollmacht schriftlich abgefasst sein. Eine notariell beurkundete Vollmacht ist dann anzuraten, wenn die Vollmacht auch zum Kauf, Verkauf oder dinglichen Belastung von Immobilien berechtigen soll.

    Kosten für Beratung

    Die Kosten für eine Beratung richten sich nach den Gebühren der Rechtsanwälte und Notare. Die Gebühren für die Tätigkeit des Notars sind gesetzlich festgelegt und richten sich nach dem Geschäftswert der Vollmacht. Bei der Bestimmung des Geschäftswertes wird der Umfang der Vollmacht und das Vermögen des Vollmachtgebers berücksichtigt. Der Geschäftswert darf die Hälfte des Vermögens nicht überschreiten. Die Mindestgebühr beläuft sich auf 71,40 Euro. Bei einem Vermögen von 50.000 Euro und dem Geschäftswert von 25.000 Euro beträgt der Kostensatz 136,85 Euro. Bei Rechtsanwälten werden die Gebühren ähnlich berechnet.

    Christian Seuß ist Jurist und Rechtsassessor der Rechtsberatungsgesellschaft rbm – Rechte behinderter Menschen gemeinnützige GmbH.

    Die rbm startet für Mitglieder der Landesvereine und der korporativen Mitglieder ein neues Angebot für die Abfassung einer Vorsorgevollmacht oder Betreuungsverfügung. Nähere Infos unter Tel.: 0 64 21 / 9 48 44 - 90, E-Mail: [email protected]

    Eine Broschüre mit dem Titel „Betreuungsrecht – Mit ausführlichen Informationen zur Vorsorgevollmacht“ kann man beim Bundesjustizministerium als PDF herunterladen oder in gedruckter Form bestellen unter Tel.: 030 / 1 82 72 27 21, E-Mail: [email protected]

    14 min
  • Hürdenlauf durchs Leben
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 10/2020

    Sie lernte Artistik am Trapez, tourte mit Comedy und Kindertheaterstücken durchs Land und liebte die Bühne. Dann die Diagnose: Retinitis pigmentosa – Erblindung genetisch programmiert. Anfangs verzweifelt übersprang Dörte Maack mit viel Ausdauer dennoch die Hindernisse, die auf ihrem Weg lagen – die realen und die abstrakten. Bis sie ins Scheinwerferlicht der Bühne zurückkehrte.

    Von Dörte Maack

    „Was ist, wenn wir fallen?“, fragten wir unsere Trapezlehrerin. Sie atmete tief durch und sagte: „Well, we do not fall.“ Verstanden: Wir fallen nicht. Nach der Ausbildung an der Zirkusschule in England gründete ich mit zwei anderen jungen Frauen in Hamburg die Kirschkern Company. Schon bald wurden wir auf zahllosen kleinen und einigen großen Bühnen im gesamten Bundesgebiet mit unseren Comedy-Nummern und Kindertheaterstücken gefeiert. Für mich hätte es so weitergehen können, doch dann stellte mir mein Augenarzt die Diagnose Retinitis pigmentosa – Erblindung unausweichlich. In meiner Ignoranz und Arroganz erschien mir Blindsein als das genaue Gegenteil meines bisherigen buntschillernden Lebens, dass ich so sehr liebte. „Als Blinde werde ich arm, einsam, hässlich und nutzlos sein“, war ich sicher. Versinkend in Angst, Trauer und Wut verabschiedete ich mich von der Bühne. Wir fallen eben doch – und dann?

    „Als blinde Frau kannst du fast alles machen. Wenn es scheitert, dann an der mangelnden Fantasie der Sehenden“, sagte mir der Berater einer Beratungsstelle für blinde und sehbehinderte Menschen in Hamburg. Er war selbst blind, ein Experte also, der es wissen musste. Ich dagegen dachte wie eine Sehende und konnte mir nicht vorstellen, was man als blinde Frau überhaupt noch machen könnte, und schon gar nicht wie.

    Schritt für Schritt lernte ich eine Menge Neues kennen: Blindenlangstock, Blindenführhund, Braillezeile, Sprachausgabe und vieles mehr. Blindentechnisch schließlich fit beendete ich mein Studium mit einem neuen zweiten Hauptfach: Sport. Für die Abschlussprüfung in Leichtathletik lief ich nach monatelangem Training und dank kreativer Ideen meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen blind über Hürden. Völlig sinnlos für meine berufliche Karriere, aber wichtig für mein Selbstbewusstsein.

    Immer häufiger gebucht

    Mit dem Hochschulabschluss in der Tasche ging ich zu „Dialog im Dunkeln“, einem Ausstellungsprojekt, bei dem blinde Guides die sehenden Besucher durch eine aufwendige lichtlose Installation führen und ein „Dinner im Dunkeln“ angeboten wird. Fünfzehn Jahre war ich dort Leiterin des Bereichs Bildung, qualifizierte mich in Fortbildungen zum Coach und zur Team-Entwicklerin, entwickelte Workshops für Teams und Führungskräfte und bereiste die Welt. Beruflich lief es nicht schlecht und privat noch besser: Ich lernte einen wunderbaren Mann kennen, und wir bekamen zwei Kinder. Meine Tochter und meinen Sohn habe ich noch nie gesehen, doch für mich sind es die schönsten Kinder der Welt.
    Vor einigen Jahren bekam ich die Chance, auf die Bühne zurückzukehren. Ich wurde als Moderatorin für Tagungen und Kongresse und als Rednerin immer häufiger gebucht und machte mich schließlich selbstständig.
    „Ich kann mir zwar nicht vorstellen, wie man blind diesen Kongress moderieren kann, aber machen Sie mal“, sagte mir einmal ein Auftraggeber, und viele dachten sicher ähnlich. Derlei Bedenken waren mir ein Ansporn. Wie damals beim blinden Hürdenlauf arbeitete ich hart und fand Lösungen für die speziellen blindheitsbedingten Herausforderungen auf der Bühne.

    Dass ich überzeugt hatte, wusste ich, wenn ein Veranstalter im Nachhinein sagte: „Na ja, eigentlich ist es ja auch leichter, blind zu moderieren. Dann wird man nicht so abgelenkt.“ Tatsächlich ist es zugleich schwerer und leichter, blind zu moderieren. Aber vor allem ist es ein Handwerk, das man lernen kann, und heute mein Beruf.

    „Ich recherchiere tagelang“

    Die Fantasie der Sehenden hat sich in den vergangenen Jahrzehnten begonnen zu entfalten, langsam zwar, aber immerhin. Es ist heute fast selbstverständlich, dass ich für Veranstaltungen zur Inklusion gebucht werde: Inklusion in der Bildung, Inklusion auf dem Arbeitsmarkt, barrierefreies Bauen. Für diese Themen nimmt man gern eine Moderatorin mit einer Beeinträchtigung. Mir kam das entgegen, denn ich bin mit all diesen Inhalten gut vertraut. Bald kamen aber auch Aufträge zu benachbarten und auch zu ganz anderen Themen: Altenpflege, Kinder- und Jugendhilfe, Digitalisierung, Kriminalität, Mehrsprachigkeit, Wohnungsnot und Stadtplanung. Auf keinem dieser Gebiete bin ich eine ausgewiesene Expertin, doch als Moderatorin muss ich natürlich die entscheidenden Fragen stellen können. Ich recherchiere dafür jedes Mal aufs Neue tagelang mit wachsender Begeisterung, telefoniere ausführlich mit allen Referenten und Podiumsgästen und staune immer wieder, wie viele unterschiedliche Aspekte sich hinter jedem einzelnen Thema verbergen.

    Auf der Bühne habe ich anders als früher kein Zirkusgerät mehr dabei, doch in unserem Wohnzimmer hängt ein Trapez, und ich fahre auch wieder Einrad – nur so zum Spaß. Mein Berater hatte recht behalten: „Du kannst als blinde Frau fast alles machen.“ Aber ich habe beim Training zum blinden Hürdenlauf auch verstanden, dass der Aufwand dafür ungeheuer hoch sein kann. Manchmal macht das Spaß, und oft lohnen sich die Extrameilen, aber längst nicht immer. Noch allzu oft stehen wir Menschen mit Beeinträchtigungen vor Hürden, die mit ein bisschen Fantasie leicht aus dem Weg geräumt werden könnten.

    Die Corona-Sendepause für Tagungen und Kongresse habe ich genutzt, um die Geschichte meiner Erblindung aufzuschreiben. Wenn mein Buch ein bisschen gegen mangelnde Fantasie in Bezug auf die Lebenswelten blinder Menschen helfen kann, hat es sich gelohnt.

    Dörte Maack (52) lebt in Prisdorf in Schleswig-Holstein.

    Das Buch von Dörte Maack heißt „Wie man aus Trümmern ein Schloss baut: Die Geschichte meines Erblindens und wie ich wieder Lebensfreude fand“, Patmos Verlag 2020.

    10 min
  • Offen werden für Veränderung
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 9/2020

    Die Diagnose einer ernsten, womöglich fortschreitenden Augenerkrankung kann unser Leben und unsere Zukunftspläne ziemlich über den Haufen werfen. Besonders im höheren Lebensalter wird der Sehverlust oft als sehr bedrohlich erlebt, stellt er doch die bisher gewohnte selbstständige Lebensführung, für selbstverständlich gehaltene Handlungsmöglichkeiten und liebgewonnene Gewohnheiten in Frage.
    Vielleicht bald auf Hilfe angewiesen zu sein, macht den meisten Menschen Angst. Sind bereits sonstige gesundheitliche Einschränkungen vorhanden, wird es noch schwieriger. Zahllose Fragen, Gefühle von Ungewissheit und die angstvolle Erwartung zukünftiger Verluste drängen sich auf.

    An den Betroffenen wird nun die Forderung herangetragen, „die Behinderung zu akzeptieren“. Gut und schön, aber geht das überhaupt? Und, wenn ja, wie? Werden entsprechende Appelle von wohlmeinenden Menschen geäußert, denen selbst nichts Vergleichbares fehlt, können wir uns unverstanden und unter Druck gesetzt fühlen.
    Da Akzeptanz gern im Sinne einseitiger Anpassung an die Erwartungen nichtbehinderter Menschen missverstanden wird, finden wir oft wenig Freiraum vor, unseren eigenen Weg zu finden. Bekommen wir dann, etwa in den Medien, Menschen mit Behinderung vorgeführt, die „es geschafft haben“ und unerhörte Leistungen vollbringen, mag das manchen Mut machen, viele fühlen sich hingegen erst recht ungenügend. Kulturell tief verankerte Vorurteile, Stigmatisierung und Diskriminierung machen es nicht leichter.

    Die viel beschworene Inklusion ist bei Weitem nicht überall selbstverständlich gelebte Realität, Barrierefreiheit ist in vielen Bereichen noch Zukunftsmusik. Der seit Jahren in erschreckendem Maß erstarkende Rechtsextremismus könnte sogar bisher Erreichtes erneut bedrohen.

    Wissen über Phasen hilft, Reaktionen zu verstehen
    Für die innere Verarbeitung einer Behinderung gibt es weder Patentrezepte noch endgültige Lösungen. Wir wissen aber, dass sie in mehreren aufeinanderfolgenden, sich überlappenden und wiederkehrenden Phasen verläuft.

    Dieses Wissen hilft, die eigenen Reaktionen besser zu verstehen und anzunehmen. Das nimmt Angst und erleichtert auch den Angehörigen, mit dem Betroffenen verständnisvoll und gelassen umzugehen.

    Erste Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt, also möglicherweise eine Krankheit vorliegt, werden oft nur unterschwellig wahrgenommen. Diffuse Gefühle von Unsicherheit stellen sich ein. Werden die Symptome unübersehbar, führt der Weg zum Arzt, die Diagnose wird gestellt. Oft beginnt dann die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens und Leugnens. So mag man sich vormachen, weiter Auto fahren zu können, obwohl das Sehvermögen dafür nicht mehr ausreicht. Kann das Unvermeidliche nicht mehr verleugnet werden, sind Aggression und Wut meist die Folge.

    Eine weitere Phase ist die der Verhandlung: In dieser Zeit mag man von Arzt zu Arzt laufen in der Hoffnung, doch noch eine Therapie zu finden. Führt das alles zu nichts, kommen wir um Trauer und Schmerz nicht herum. Verzweiflung, Panik, Hoffnungslosigkeit und depressiver Rückzug, sogar Suizidgedanken können auftreten. Diese schwere Zeit der aufbrechenden Emotionen (wenn nötig mit professioneller psychotherapeutischer Hilfe) durchzustehen, bereitet den Boden dafür, nach und nach Frieden mit dem Schicksal zu schließen und offen für Veränderung zu werden.

    Mit Gleichgesinnten positive Erfahrungen machen
    Nun entwickeln wir die Bereitschaft, neue Fähigkeiten zu erwerben (Mobilitätstraining, Umstrukturierung des Alltags, Hilfe annehmen lernen usw.).
    Im glücklichsten Fall können wir uns schließlich mit Gleichgesinnten zusammentun, gegenseitig unterstützen, uns vielleicht sogar gemeinsam und selbstbewusst für gesellschaftliche Veränderungen und wechselseitiges Lernen von Menschen mit und ohne Behinderung einsetzen. Manch bereichernde Erfahrung und spannende Entwicklung können nun dem Leben mit Behinderung einen positiven Sinn geben.

    Phasenmodelle sind hilfreich und machen Mut, dennoch sind sie in ihrer Aussagekraft begrenzt: Zum einen geben sie wenig Auskunft darüber, welche inneren und sozialen Kräfte dazu befähigen, sich von einer Phase in die nächste hineinzuentwickeln.

    Zum anderen fällt auf, dass sie vor allem aktive, bewusste und zielgerichtete Strategien betonen. Selbst das Zulassen unvermeidlich heftiger Gefühle wird als aktive und anstrengende Arbeit aufgefasst, wie wir etwa dem Begriff „Trauer-Arbeit“ entnehmen können.

    Rückzug ist auf Dauer keine gute Idee
    Natürlich ist aktives, selbstverantwortliches Tun wichtig. Ohne eigene Willenskraft wird nicht viel vorwärtsgehen. Die in unserer westlichen Kultur übliche einseitige Betonung aktiver Problemlösestrategien kann aber dazu führen, auf wertvolle innere Ressourcen zu verzichten, sich zu verbiegen und zu überfordern. Der Gegenpol zu Aktivität ist nicht zwangsläufig Passivität, sondern hat auch damit zu tun, geschehen, wachsen und sich entwickeln zu lassen. Daher tun wir gut daran, Freiräume für Ruhe und Entspannung, Achtsamkeit und Meditation, die Entwicklung heilsamer innerer Bilder, Träume und Phantasien zu schaffen. Innere Ressourcen und Selbstheilungskräfte zu aktivieren, schützt vor einseitiger Anpassung und kann sehr lustvoll sein. Besonders Träume leisten Wesentliches: Bewältigungsphasen werden im Traumgeschehen nicht nur veranschaulicht und gespiegelt, sondern auch vorangetrieben. Sich diesen Prozessen achtsam zu widmen, ist faszinierend und heilsam. Mag es in der Trauerphase zeitweise nötig sein, sich zurückzuziehen, ist dies auf Dauer keine gute Idee und führt zu krankmachender Isolation.

    Kommen wir abschließend auf den Begriff „Annahme“ zurück: Weder geht es um einseitiges Anpassen noch um ein „filmreifes Happy End“. in einem vielleicht bescheideneren, aber auch tieferen und umfassenderen Sinne heißt Annahme, nicht nur unsere Behinderung als solche, sondern auch die dazugehörigen Krisen und wiederkehrenden gefühlsmäßigen Reaktionen anzunehmen. Unsere Enttäuschung und unser Schmerz, unsere Wut und Trauer sind, sofern wir nicht in ihnen stecken bleiben, gesunde Reaktionen. Gelingt es, sie liebevoll zuzulassen und uns in jedem Moment mit Achtsamkeit, liebender Güte und Selbstmitgefühl zu begegnen, erfahren wir seelische und spirituelle Heilung der Behinderung. Die mit zunehmender Krisenerfahrung wachsende Gelassenheit schafft den Nährboden, auf dem innere Freiheit und authentische Lebensfreude wachsen können.

    Lebensfreude durch Kontakte, Musik und Bewegung
    Apropos Lebensfreude: Nähren Sie diese auf jede Ihnen mögliche und zu Ihnen passende Weise. Pflegen Sie Sozialkontakte, üben Sie Hobbys aus (dazu gibt es viele Möglichkeiten auch ohne Augenlicht). Körperliche Bewegung, Musik, Singen und Lachen, achtsames Verweilen in der Natur, Genuss guten Essens und vieles mehr bringen Lebensqualität. Da es bei aller Liebe anstrengend ist, mit einer Behinderung zu leben, sorgen Sie für ausreichend Ruhe und Entspannung. Dankbarkeit für jeden guten Augenblick und für alles, was Ihnen auch jetzt noch positiv widerfährt und möglich ist, gibt die Kraft, düstere Momente besser zu ertragen und Erschöpfung entgegenzuwirken.

    Dr. Eva-Maria Glofke-Schulz ist psychologische Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Rosenheim. Zu psychologischen Aspekten des Lebens mit einer Sehbehinderung hat sie viele Texte in Buch- und Artikelform veröffentlicht.

    13 min
  • Sprechende Fernseher
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 7-8/2020

    Fernseher mit Sprachausgabe erobern die Wohnzimmer von sehbehinderten und blinden Menschen mehr und mehr. Die Geräte können die aktuelle Sendung vorlesen, eine Programmvorschau abgeben und die verfügbaren Sender ansagen. Die Hersteller Panasonic, Samsung und LG bieten „sprechende“ Fernseher an. Die Sprachausgaben haben bei ihnen unterschiedliche Namen. Bei Panasonic heißt sie „Voice Guidance“ (Sprachführung) bzw. „Voice Assistant“ (Sprachsteuerung), bei Samsung „Voice Guide“, was ebenfalls so viel wie Sprachführung bedeutet, und bei LG „Audioanleitung“.

    Grundsätzlich ist zur Nutzung eines sprechenden Fernsehers kein Internetanschluss notwendig. Man braucht ihn aber, wenn man mittels des Fernsehers im Internet surfen und Netflix oder andere Streamingdienste nutzen möchte. Zwar sind diese Funktionen für blinde Menschen nicht ohne Weiteres nutzbar, doch es gibt Abhilfe: Besonders geeignet ist der Fire-TV-Stick von Amazon. Er umfasst eine integrierte Sprachausgabe und ist notwendig, um Internetangebote wie YouTube, Netflix oder Mediatheken über den Fernseher zu nutzen. Außerdem lässt sich mit dem Stick auch Alexa, ein Sprachassistenz-Gerät von Amazon, steuern. Brauchbare Alternativen zum Fire-TV-Stick gibt es nicht, außer jemand möchte und kann seinen Fernseher über sein Smartphone steuern. Mit Hilfe des Sticks können auch technisch weniger versierte Menschen schnell und intuitiv verschiedene Dienste in Anspruch nehmen. Alle Fernseh-Inhalte können über Kabel oder Satelit auch ohne Fire-TV-Stick genutzt werden, alle Online-Inhalte benötigen einen Fire-TV-Stick.

    Die Hersteller der Fernsehgeräte bieten bei sprechenden Fernsehern unterschiedliche Konzepte an. Prinzipiell unterscheiden sich die Hersteller nach zwei Kriterien. Da gibt es auf der einen Seite LG und Samsung, deren Steuerung auf den Betriebssystemen Tizen oder Android Web OS beruht. Auf der anderen Seite gibt es Panasonic, dessen Betriebssystem den Namen MyHome trägt.
    LG und Samsung bieten eine Sprachausgabe, die ähnlich wie beim Android-Smartphone möglichst alle Bildschirminhalte des Systems auslesen soll. Das klappt auch mehr oder weniger gut. Allerdings können technisch weniger versierte Anwender schnell die Orientierung verlieren, außerdem kann nach einer automatischen Aktualisierung die Sprachausgabe komplett ausfallen oder sich die Darstellung des Menüs verändern. Für technisch interessierte und versierte blinde Anwender bieten diese Geräte aber viele Möglichkeiten zur selbstständigen Konfiguration.

    Panasonic beschreitet einen ganz anderen Weg. Dieser Weg zeichnet sich durch eine gut markierte Fernbedienung, eine einfache Menüstruktur und hohe Tonqualität bei Sprachausgabe und Filmton aus.
    Eine anwenderfreundliche Fernbedienung wird mitgeliefert, wenn das Gerät über einen Fachhändler erworben wird. Darauf sind wichtige Funktionen durch Markierungen gekennzeichnet, sodass der Fernseher barrierefrei bedient werden kann. Funktionen wie das Ein-und Ausschalten der Audiodeskription oder die Auswahl der Audiospur können komfortabel vorgenommen werden. Das EPG, die elektronische Programm-Zeitschrift, mit allen Programminformationen wird vorgelesen.

    Änderungen in der Bedienung oder eine Fehlfunktion der Sprachausgabe sind bei einem Panasonic-Fernseher ausgeschlossen, da die angesagten Informationen feststehend sind. Bei LG und Samsung kommen Fehler wie eine langsame Sprachausgabe oder falsche Ansagen gelegentlich vor, was für technisch versierte blinde Nutzerinnen und Nutzer aber nicht so schlimm ist. Des Weiteren überzeugt Panasonic mit hochwertigerem Klang als die Konkurrenz.

    Wer sich einen neuen Fernseher kauft, wird bei der Einrichtung der Programme und technischer Einstellungen noch die Hilfe einer sehenden Person brauchen, denn das erstmalige Einrichten unterstützt die Sprachausgabe nicht.

    Nähere Erläuterungen zu den Geräten mit Sprachausgabe von Panasonic, Samsung und LG sowie eine Liste von Fachläden, in denen sich blinde und sehbehinderte Menschen zu sprechenden Fernsehern und Audiodeskription beraten lassen können, sind auf dem Internetportal hoerfilm.info zu finden.

    Joachim Schulze bietet IT-Schulungen für hochgradig sehbehinderte und blinde Menschen an. Er ist selbst blind. Mehr Infos unter: schulze-graben.de

    9 min
  • Verständnis von Verlagen gefragt
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 6/2020

    In welcher Form lesen geburtsblinde Menschen gerne Bücher? Buchwissenschaftlerin Daniela Preiß wollte es wissen und hat für ihre Doktorarbeit einige interviewt. Die Palette der Antworten ist weit gefächert und reicht von Punktschrift über Hörbücher und E-Books bis zu Büchern in Schwarzschrift. Die Arbeit könnte Grundlage für eine zweite Studie sein, die das Nutzungsverhalten quantitativ analysiert, sagt die Autorin.

    Von Daniela Preiß

    „Lesen Sie gerne? Brauchen Sie Bücher für Ihren Beruf? Ziehen Sie Braille vor oder einen Text zum Hören?“ Diese und ähnliche Fragen stellte ich 28 Personen, die sich bereit erklärt hatten, mich in meinem Promotionsvorhaben zu unterstützen. Sie sind alle von Geburt an blind, genau wie ich. In Erlangen habe ich Buchwissenschaft studiert und danach, im Frühling 2011, mit meiner Doktorarbeit angefangen. Im Dezember 2019, nach den mündlichen Prüfungen und einer umfangreichen Überarbeitung des Erstentwurfs, konnte ich das Werk schließlich veröffentlichen. Der Titel lautet: „Tasten oder hören, körperlich oder lieber digital? Eine qualitative Analyse zur Lesemotivation blinder Menschen“.
    Durch theoretische Ansätze gesichert, führte ich Interviews mit 28 geburtsblinden Lesern. Welche Inhalte sie favorisieren, Sachbücher oder Belletristik, wurde nicht ausdrücklich abgefragt, sondern es ging eher um die Medien.
    Hörbücher gefallen jedem. 19 Leser nehmen Brailleproduktionen, während 17 Schwarzschriftbücher wählen. Das heißt, sie brauchen einen Scanner, um die Texte zu erfassen. Der Aufwand, bis man das gewünschte Buch tatsächlich lesen kann, ist dadurch erhöht. E-Books, wofür sich immer noch elf Akteure entscheiden, werden am Computer oder mit dem Smartphone genutzt. Denn ein Screenreader wie Jaws ermöglicht es, entweder die Braillezeile mitlaufen zu lassen, also Punktschrift mit den Händen zu lesen, oder, passiv, einer Sprachausgabe zuzuhören.
    Befragt habe ich Viel- und Wenigleser, Männer ebenso wie Frauen. Dabei war meine jüngste Teilnehmerin 20 Jahre alt und die lebenserfahrenste 80, denn für das Meinungsbild sollten die Probanden möglichst repräsentativ zusammenwirken.
    Ihre Gründe für die Beschäftigung mit Literatur sind äußerst zahlreich, aber auch kleinteilig. Viele Argumente werden nur ein oder zwei Mal genannt. Doch häufig sagen die Interviewten, was auch Sehende in anderen Studien erklären: Sie wollen sich entspannen, unterhalten lassen oder weiterbilden.
    Woher sie ihre Bücher bekommen? Von meinen Gesprächspartnern werden besonders Einrichtungen geschätzt, die im Handel erhältliche Ausgaben speziell für Menschen mit Seheinschränkungen in barrierefreier Form neu aufbereiten. Übergreifend lassen sich diese Anbieter als „Blindeninstitutionen“ bezeichnen, und 25 Personen suchen sich hier ihren Lesestoff aus. Weiter zugespitzt, beachten zwölf sogar nur diese Möglichkeit. 20 gehen in eine Buchhandlung und zehn berücksichtigen Downloadportale. Von öffentlichen Bibliotheken fühlen sich, zuletzt, bloß sieben überzeugt.

    Sicher, die Aussagekraft ist begrenzt. Ich habe nicht mehr als 28 Buchnutzer und -nutzerinnen befragt und das vor mehreren Jahren. Eine erste Tendenz zeichnet sich durch meine Arbeit allerdings ab, nämlich: Blinde Menschen übergehen häufig Anlaufstellen, wo sich Sehende mit Literatur versorgen. Zwar würde ihnen, im Buchhandel oder bei Downloadportalen, weit mehr zur Verfügung stehen, aber genauso gibt es Hürden: dass manchmal eine Begleitperson fehlt, um in einer Buchhandlung zu stöbern. Wege, die man bewältigen müsste, sind Interessierten nicht vertraut. Oder man weiß zu wenig über technische Hilfsmittel, sodass es kaum gelingt, Bücher aus dem Internet herunterzuladen.

    Stärker ins Gewicht fallen andere Bereiche. So gibt es die Onleihe – einen Service von öffentlichen Bibliotheken, digitale Medien online auszuleihen. Doch fast die Hälfte der Befragten wusste davon nichts. Außerdem wird das frei zugängliche Sortiment falsch eingeschätzt. Zum Beispiel glauben mehrere Probanden, dass sie außerhalb der Blindeninstitutionen keine Daisy-Bücher finden könnten. Überdies hält mangelnde Barrierefreiheit einige zurück. Sowohl Webseiten als auch die Inhalte von E-Books bleiben ihnen verschlossen. Audio-Books sind häufig gekürzt.
    Deshalb wünschen sich die Interviewten mehr Verständnis von Verlagen und Buchhandel. Eine erhöhte Sensibilität. Würden sie enger mit den Blindeninstitutionen zusammenarbeiten, könnte man Medien und Vertriebswege für diesen Kundenkreis verbessern. Auch der rechtliche Rahmen könnte gelockert werden. Als Wissenschaftlerin, aber auch als Privatperson meine ich, dass erste wichtige Schritte inzwischen vollzogen sind, aber weitere müssten folgen.
    In meiner Doktorarbeit habe ich festgestellt, wo die Bedürfnisse blinder Menschen liegen und welche Schwierigkeiten dieser Nutzerkreis erkennt. Meine Arbeit kann damit als richtungsweisend gelten und darauf aufbauend sollte eine zweite Studie folgen, diesmal mit deutlich mehr Befragten und thematisch stärker differenziert. Parallel dazu würde auch die andere Seite zu Wort kommen, etwa Verleger oder Buchhändler. Wie viel wissen sie von dem, was blinde Menschen brauchen, damit ihnen das öffentliche Angebot zugänglich wird? Gibt es vielleicht Vorbehalte, die man verringern könnte?
    Hierfür, stelle ich mir vor, ließe sich ein neuer Posten installieren. Eine Art Zentrale, die den Austausch zwischen allen Beteiligten fördert.

    Dr. Daniela Preiß (34) lebt in Wunsiedel, Oberfranken.

    Ein Resümee und die vollständige Dissertationsschrift von Dr. Daniela Preiß findet sich auf ihrer Webseite unter: www.daniela-preiss.de/doktor/doktor.htm

    11 min
  • „Jede Nacht war ich unterwegs“
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 5/2020

    Als die Lage in Syrien immer schlimmer wurde, begab sich Ahmad Msalam auf die Flucht. Er und seine Familie liefen weite Wege zu Fuß und wären mit einem Schlauchboot fast gekentert. In Deutschland angekommen, verschlechterte sich sein Sehen stark. Deutsch lernte er am Berufsförderungswerk Würzburg, wo er jetzt auch eine Umschulung macht. Und er träumt davon, irgendwann Musik zu studieren.

    Von Ahmad Msalam

    Ich bin Kurde und komme aus Syrien. Ich bin in einer Stadt namens Raqqa geboren, das liegt in Nordsyrien. Dort habe ich eine Ausbildung als Krankenpfleger gemacht und bis Juni 2014 in einem öffentlichen Krankenhaus gearbeitet. Ich hatte viele Nachtschichten und habe als Hobby viel am Computer gearbeitet. Das hat meinen Augen geschadet. Ich hatte eine Netzhautablösung, wurde operiert und hatte danach einen Sehrest von 70 Prozent auf dem linken Auge; das rechte war schon blind. Auch Glaukom habe ich bekommen. Bevor ich meine Heimat verließ, verschlechterte sich mein Sehrest auf 60 Prozent.

    Als der Krieg im März 2013 begann, wurde die Stadt stark bombardiert. Trotzdem habe ich weiter im Krankenhaus in der Notfallstation gearbeitet. Es war schlimm. An einem Tag war der Boden im Krankenhaus rot vor Blut. Ich habe versucht, alles auszuhalten, was passierte.

    Als dann unsere Stadt vom IS erobert wurde, weil wir Kurden weltoffene Leute waren, haben sie uns unterdrückt und gaben uns nur kurze Zeit, die Stadt zu verlassen. So begaben sich meine Familie und ich im Dezember 2014 auf die Flucht. Die Grenze zur Türkei haben wir zu Fuß überquert, sind weiter zur türkisch-irakischen Grenze und bis Juli 2015 zwischen den Grenzen zum Nordirak und zur Türkei hin und her. Ein unstabiles Leben.

    Meine Schwester, ihre zwei kleinen Söhne, mein jüngster Bruder und ich wollten versuchen, nach Europa zu gelangen. Wir suchten Sicherheit. Der Mann meiner Schwester war schon in Deutschland. Wir waren nachts unterwegs, und ich hatte Probleme zu sehen – meine Schwester und mein Bruder sind immer vor und hinter mir gelaufen. Es war schwierig, denn ich habe immer ein Kind getragen und hatte einen schweren Rucksack auf.

    Unseren ersten Versuch, von der Türkei nach Griechenland zu gelangen, machten wir im Juli 2015 in einem Schlauchboot, mit etwa 40 Leuten. Nachts um zwei sind wir von Izmir auf ein kleines Licht auf der Insel Chios zugefahren. Aber plötzlich kamen hohe Wellen. Es war viel Wasser im Boot. Die Leute fingen vor Angst an zu weinen. Meine Schwester kann nicht schwimmen, ich nur ein bisschen. Jemand hat versucht, die griechische Küstenwache anzurufen, doch die hat nicht reagiert. Wir haben versucht, das Wasser aus dem Schlauchboot zu kriegen. Nach einer Stunde kam endlich ein Boot der türkischen Küstenwache. Sie haben uns in ihr Boot geholt. Unsere Rucksäcke sind mit dem Schlauchboot gesunken. Wir waren durchnässt, hatten keine Kleidung und kein Trinkwasser mehr. Wir saßen zitternd vor Kälte auf dem Kai. Dann kamen wir für fünf Tage ins Gefängnis.

    Wiedersehen nach sieben Monaten

    Danach versuchten wir noch einmal zu fliehen. Wir hatten keine andere Wahl. Wohin hätten wir gehen sollen? Beim zweiten Versuch ist die Flucht nach Griechenland geglückt – wieder mit einem Schlauchboot. Ich erinnere mich an das Gefühl, als wir auf Lesbos ankamen: Endlich! Wir mussten zur Hauptstadt der Insel laufen, 60 Kilometer. Dort musste man sich registrieren. Kein Auto durfte Flüchtlinge mitnehmen, also mussten wir laufen. Wir waren mit anderen Kurden unterwegs und haben 40 Kilometer zu Fuß geschafft. Als wir zu einer Polizeiwache kamen, haben wir gesagt: Wir können nicht weiterlaufen. Es war heiß, und ich musste ja auch immer ein Kind tragen. Sie haben einen Bus organisiert, und wir konnten zu einem Flüchtlingslager in Mytelini fahren. Dort mussten wir Papiere ausfüllen und fuhren mit einem großen Schiff nach Athen.

    Wir sind über Thessaloniki nach Mazedonien und von dort aus nach Serbien geflüchtet – die Grenzen mussten wir immer nachts überqueren. In jedem Land haben wir Papiere bekommen, dass wir weiterreisen, aber nicht die Grenze überqueren durften. Die schwierigste Grenze war die zwischen Serbien und Ungarn. Das ungarische Militär hat uns erwischt, wir kamen ins Gefängnis. Niemand wollte in Ungarn registriert werden, alle wollten weiter. Nach fünf Tagen haben wir ein Papier bekommen, dass wir uns in Ungarn bewegen durften. Wir haben es schließlich geschafft, von Ungarn aus mit dem Auto durch Österreich bis München zu kommen und von dort nach Frankfurt. Dort trafen wir endlich meinen Schwager. Er, seine Frau und seine Kinder sahen sich zum ersten Mal nach sieben Monaten.

    Als wir im August 2015 nach Deutschland kamen, hießen die Leute uns willkommen. In diesem Moment dachte ich: „Das ist meine zweite Zukunft, ein neues Heimatland.“ In Neumünster in Schleswig-Holstein kamen wir in ein Heim. Jede Nacht war ich unterwegs, träumte vom Laufen, Laufen, Laufen.

    Im Dezember 2015 wurde ich wegen meiner Augen in Hamburg operiert, doch danach wurde es noch schlechter. Im Februar 2016 bekam ich Blutungen im Auge und konnte plötzlich gar nichts mehr sehen. Einen Monat später in einer Augenklinik in Bremen schlug eine Ärztin eine weitere OP vor. Danach konnte ich endlich wieder sehen, aber nur 20 Prozent, das rechte Auge blieb blind. Jetzt habe ich noch einen Sehrest von fünf bis zehn Prozent. Auch das Gesichtsfeld hat sich verschlechtert. Mit dieser Einschränkung konnte ich meinen Deutschkurs nicht weitermachen, doch zum Glück bot das Berufsförderungswerk Würzburg Sprachkurse für Geflüchtete mit Seheinschränkungen an. Endlich eine gute Nachricht!

    Ich war süchtig zu lernen

    Voller Begeisterung und Hoffnung fuhr ich im Januar 2017 nach Würzburg. Ich habe einen Orientierungskurs und die Sprachkurse B1 und B2 gemacht, danach eine Grundreha, um die blindentechnischen Grundlagen zu lernen. Im Februar 2020 habe ich eine Umschulung zum Kaufmann im Gesundheitswesen angefangen. Eigentlich wollte ich Richtung Verwaltung gehen, aber das war wegen der Sprache zu schwierig und braucht mehr Vorbereitung. Ich wollte viel über Gesetze erfahren – in der Grundreha haben wir das Grundgesetz kennengelernt, das hat mir gefallen: Grundwerte, Freiheit, freie Meinungsäußerung, das ist alles gut geschützt hier – deshalb wollte ich mich noch mehr mit Gesetzen beschäftigen.

    Ich bin ein Typ, der gerne lernt. Vieles habe ich über das Hören und Tippen gemacht. Ich komme am PC gut zurecht. Wenn ich Filme und Serien geguckt und ein Wort nicht verstanden habe, habe ich es in ein Diktiergerät gesprochen und eine Übersetzung gesucht. So habe ich jeden Tag etwa 25 Wörter gelernt. Ich war süchtig zu lernen, besonders deutsche Grammatik.

    Natürlich haben mir auch Kontakte geholfen, mit meinen Nachbarn und Kollegen zum Beispiel. Dialekte wie Bayerisch und Fränkisch hatte ich vorher nie gehört. Es war schön, sie kennenzulernen. Und natürlich die Mentalität hier.

    Im BFW wurde ich in die Teilnehmervertretung gewählt. Ich bin gern in einem Team. Ich bin in Würzburg auch im Musikverein „Willkommen mit Musik“; dort wurde ich auch in den Beirat gewählt Ich lerne Klavier und singe in einem Chor. Ich hoffe, dass ich irgendwann einmal Musik studieren kann. Mein fernes Ziel ist es, Musiktherapeut zu werden. Erst möchte ich aber die Umschulung abschließen.

    Ich war unterwegs immer optimistisch. Wir hatten ein festes Ziel, und ich wusste: Wir werden es irgendwann erreichen. Ich habe gelernt, dass man nie aufgeben darf. Ich bin ein geduldiger Mensch, ehrgeizig, mitfühlend, hilfsbereit und aufmerksam. Für mich ist Menschlichkeit wichtig. Das bin ich – ein friedlicher Mensch, wie mein Nachname: Salam ist der Frieden, Msalam die Person, die Frieden bringt.

    Ahmad Msalam (33) lebt in Würzburg.

    14 min
  • „Das ist in gewisser Weise Lotto“
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 4/2020

    Die einen fühlen sich wohl an ihrem Arbeitsplatz, werden von Kollegen und Vorgesetzten unterstützt; die anderen wünschen sich einen solchen Arbeitsplatz, haben ihn aber (noch) nicht gefunden. Sieben sehbehinderte bzw. blinde Männer und Frauen erzählen, wie es bei ihnen mit beruflicher Teilhabe aussieht.

    Interviews und Protokolle: Ute Stephanie Mansion

    „Die Kamera habe ich als Befreiung erlebt“

    Dr. Andreas Wagner (50) ist Informatiker, sehbehindert und lebt in Essen.
    Ich arbeite bei einem IT-Dienstleister in Düsseldorf. Mein Sehvermögen hat sich seit meiner Geburt nicht verändert – mein Visus liegt zwischen 20 und 30 Prozent. Dass irgendjemand gezögert hätte, mich wegen der Sehbehinderung einzustellen, habe ich nicht erlebt. Und meine Kollegen nehmen Rücksicht: Wenn wir irgendetwas gemeinsam am Bildschirm anschauen müssen, kommen sie an meinen Platz. Was mir geholfen hat, sind technische Hilfsmittel, im Wesentlichen eine Vergrößerungskamera für die Ferne.

    Ich nutze sie bei Meetings und Konferenzen, wenn etwas an die Wand projiziert wird. Vorher war ich angewiesen auf gutes Zuhören und mein Gedächtnis, was aber schwierig ist in diesem Bereich. Wenn Programmcode-Beispiele gezeigt werden, kann man diese nicht durch Hören erfassen. Die Kamera habe ich als Befreiung erlebt.

    Ein anderes Beispiel: An der Uni Duisburg-Essen sollte eine Projektstelle mit mir besetzt werden. Die Personalverantwortlichen sagten aber, so schnell könnten sie das nicht entscheiden, sie müssten die Frauenbeauftragte einschalten. Da sagte ein Kollege aus dem Projekt, der gewünschte Mitarbeiter, also ich, hätte eine Schwerbehinderung. „Ja, in dem Fall können wir es sofort klarmachen“, hieß es dann.

    Ansonsten war es hilfreich, dass sich ein technischer Berater des Integrationsamts meinen Arbeitsplatz an der Uni angesehen hat. Er hat mich bei Hilfsmitteln auf Ideen gebracht, auf die ich gar nicht gekommen wäre. Das Wichtigste war ein Monitor-Arm, mit dem ich den Leseabstand zum Bildschirm verringern kann. Kleine Maßnahmen, große Wirkung.
    Für meinen jetzigen Arbeitsplatz wollte mein Arbeitgeber den Monitor-Arm nicht beim Integrationsamt beantragen. Das würde ihm zu lange dauern, den würden sie sofort anschaffen. Man hört ja oft, für Schwerbehinderte sei der öffentliche Dienst zu empfehlen – ich habe eine andere Erfahrung gemacht. Doch das will ich nicht verallgemeinern. Man muss den Einzelfall betrachten. Bei den Beantragungsverfahren im öffentlichen Dienst hätte ich wahrscheinlich noch Wochen auf den Monitor-Arm gewartet.

    Stellensuche: „Das ist in gewisser Weise Lotto“

    Dirk Berhörster (49), blind, ist seit 2018 arbeitslos und lebt in Essen.
    Früher habe ich als Schlosser im Metallbereich gearbeitet, konnte diese Arbeit aber aufgrund der fortschreitenden Erblindung nicht weiterführen. Ich bin späterblindet, habe aber noch einen Sehrest. Am Berufsförderungswerk Düren habe ich dann Telefonist gelernt. Jetzt versuche ich, eine Stelle zu finden, was nicht so einfach ist. Öffentliche Einrichtungen stellen zwar Menschen mit Behinderung ein, aber da sind die Stellen rar gesät. Das ist in gewisser Weise Lotto.

    Ich hatte eine Kurzbeschäftigung bei einer Firma in einer Art Callcenter. Die Datensätze waren aber zu umfangreich: Mit der Vergrößerungssoftware konnte ich jeweils nur einen kleinen Ausschnitt sehen und musste vieles auf einer Seite suchen – das war ein großer Zeitaufwand und auf Dauer nicht machbar.

    Man muss viel Glück haben, um in eine Stelle hineinzurutschen. Ich kenne viele blinde und sehbehinderte Leute, die eine Arbeit suchen. Ihnen werden aber Steine in den Weg gelegt. Viele Arbeitgeber glauben, es wäre mit besonders viel Arbeit verbunden, einen blinden oder sehbehinderten Menschen einzustellen. Einen Sehenden müssten sie aber auch einarbeiten. Und die Hilfsmittel werden ja gestellt; meine sind sogar vorhanden. Es gibt viele Möglichkeiten, wenn der Arbeitgeber generell bereit ist. Ich habe aber das Gefühl, die meisten wollen es gar nicht. Blindheit oder eine Sehbehinderung sind halt außergewöhnlich, sie können sich die Arbeit mit ihnen nicht vorstellen. Wenn ich mir überlege, was so eine Firma an Ausgleichsabgaben zahlt, das ist ja gar nichts. Warum schraubt man die Abgaben nicht höher?

    Ich kann nur hoffen, dass es irgendwann mal klappt, aber ich werde bald 50, und dann sieht es auch schlecht aus. Ich könnte Erwerbsminderungsrente beantragen, aber da würde durch meine langjährige Erblindungsgeschichte nicht viel herumkommen.

    „Als Freiberufler erfahre ich Wertschätzung“

    Fred P. Lohr (50), ist Gitarrenlehrer, blind und lebt in Frankfurt am Main.
    Seitdem ich freiberuflich als Gitarrenlehrer arbeite, klappt es viel besser mit der Assistenz. An meinem vorherigen Arbeitsplatz konnte ich nicht immer auf die Assistenzkraft zugreifen. Jetzt bekomme ich Geld dafür und suche mir die Leute selbst aus. Natürlich habe ich dadurch ein bisschen Arbeit, etwa wegen der Abrechnungen, aber in der abhängigen Tätigkeit wurde mir jemand zugeteilt, der auch andere Dinge machen musste, also über meinen Geldtopf für andere Dinge beschäftigt wurde, und das ist halt unangenehm. Ich habe gemerkt: Das will ich so nicht. Das war für mich ein Antrieb, freiberuflich tätig zu werden.

    Auch das Beantragen von Hilfsmitteln geht als Freiberufler viel schneller – natürlich musste ich nachweisen, dass ich das nicht als Hobby mache. Gitarre unterrichte ich etwa seit dem Jahr 2000, seit 2010 habe ich meine kleine Gitarrenschule. Jetzt stehe ich selbst für meine Arbeit gerade und erfahre Wertschätzung. Ich verdiene weniger also vorher, aber das ist der Preis, den ich gern dafür bezahle.

    „In der Behörde bin ich sehr unterstützt worden“

    Bettina Dargel (50) ist Justizangestellte, fast blind und lebt in Düren.
    Ich arbeite seit sieben Jahren in einer Justizbehörde in Aachen im mittleren Dienst. Ich bin im Servicebereich, im Bereich Aktenverwaltung, Aktenkontrolle, tätig. Benachteiligungen aufgrund meiner Behinderung erlebe ich von Seiten des Arbeitgebers keine. Im Gegenteil, ich bin sehr gut integriert und erlebe sehr viel Rücksichtnahme. Ich habe einen barrierefreien, also mit Hilfsmitteln ausgestatteten Arbeitsplatz – nach meiner Umschulung wurden die von der Agentur für Arbeit bereitgestellt. Auch da gab es in der Behörde viel Engagement, sich damit auseinanderzusetzen. Ich bin die erste in dieser Behörde, die mit solchen Hilfsmitteln arbeitet, mit Braillezeile, Bildschirmlesegerät und anderen – da war viel Interesse, und ich bin sehr unterstützt worden.

    Mein ursprünglicher Beruf ist Heilerziehungspflegerin. Ich habe die Ausbildung gemacht und ein paar Jahre lang stundenweise in einem Heim für geistig behinderte Menschen gearbeitet; manche waren mehrfach behindert. Der pflegerische Aufwand war hoch, Medikamente mussten verabreicht werden. Irgendwann habe ich beschlossen, dass das nicht mehr geht, weil die Sehbehinderung fortschritt und ich mich der Verantwortung nicht mehr gewachsen fühlte.

    „Mit Handicap zieht man immer den Kürzeren“

    Georgios Betsos (39), sehbehindert, ist gelernter IT-Systemelektroniker und war zuletzt als Kundenberater tätig. Er lebt in Wanne-Eickel.
    Gute Erfahrungen habe ich im Job mit dem Integrationsfachdienst Sehen gemacht. Er hat sich optimal um die Versorgung mit allen notwendigen Hilfsmitteln gekümmert, inklusive Termin beim Berufsförderungswerk Düren zur Hilfsmittelerprobung. Anders sieht es nun aus, wo ich arbeitslos bin. Trotz voller Ausstattung und Eingliederungshilfe kam ich nie weiter als bis zu Vorstellungsgesprächen. Sobald das Thema Behinderung zur Sprache kam, ging es nicht weiter.

    Es gibt Arbeitgeber, die offen sind, allerdings wurde mir auch dort trotz zehn Jahren Berufserfahrung lediglich der Mindestlohn angeboten. Es ist extrem schwierig, überhaupt Arbeitgeber zu finden, die offen kommunizieren, auch Menschen mit Behinderung einstellen zu wollen. Oft habe ich auch gehört, dass Fremdsoftware, die ich brauche, um die Bildschirminhalte zu vergrößern, nicht gewünscht ist. Weiterbildungsangebote sind selten barrierefrei oder man lernt dort so wenig, dass man auch danach keine Chance auf dem freien Arbeitsmarkt hat.

    Toll wäre es, wenn es staatlich geförderte Stellen gäbe, die ausschließlich Menschen mit Behinderung vorbehalten sind. So könnte man den Menschen reelle Chancen bieten, an der Gesellschaft teilzuhaben, ihren Sozialbeitrag zu leisten und ihr Leben selbstbestimmt zu führen. Im direkten Vergleich zu Bewerbern ohne Handicap zieht man immer den Kürzeren. Alle schreiben sich soziales Engagement auf die Fahne, aber die wenigsten sind ernsthaft bereit, sich auf behinderte Menschen einzustellen.

    „Gute Erfahrungen mit dem Integrationsamt“

    Stephan E. (28), ist Jurist, blind und lebt in Hannover.
    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich auf Bewerbungsschreiben, in denen ich meine Behinderung angesprochen habe, regelmäßig keine Antworten erhalten habe oder direkt Absagen. Wenn ich es nicht reingeschrieben habe, wurde ich zu Vorstellungsgesprächen eingeladen.

    Gute Erfahrungen habe ich mit dem Integrationsamt gemacht, das für technische Hilfen sorgt und für Assistenz zuständig ist. Auch der Antrag auf Eingliederungszuschuss wurde von der ZAV, der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Agentur für Arbeit, schnell bearbeitet.

    „Mein Assistent und ich sind ein gutes Team“

    Karla Schopmans (56) ist Sozialarbeiterin, blind, und lebt in Kassel.
    Ich bin durch ein achtwöchiges Praktikum in mein Arbeitsfeld gekommen und konnte dadurch dem Chef und den Kolleginnen und Kollegen vermitteln, wie blinde Menschen mit psychisch kranken Menschen arbeiten. Ohne das Praktikum hätte ich die Stelle sicher nicht bekommen. Ich habe damals Aussagen gehört wie „Blinde Menschen können das doch nicht – denen fehlt doch der Blickkontakt“. Am Anfang gab es also ein paar Bedenken, mich einzustellen. Meine Stelle wurde drei Jahre lang über einen hessischen Sondertopf finanziert, und der Arbeitgeber verpflichtete sich, mir danach eine Festanstellung anzubieten. Nun bin ich seit fast 27 Jahren bei diesem Arbeitgeber.

    Ich habe innerhalb des Vereins meine Schwerpunkte gewechselt und bin jetzt im Bereich „Betreutes Wohnen“ für Menschen, die intensive Unterstützung brauchen, tätig. Darüber hinaus leite ich eine Angehörigengruppe und arbeite seit vielen Jahren im Betriebsrat mit. Mit Vorgesetzten oder Kolleginnen und Kollegen habe ich keine Probleme, die aus der Blindheit resultieren. Wenn ich Unterstützung brauche, bekomme ich sie auch. Ich arbeite mit einem Assistenten zusammen – wir sind ein gutes Team und das schon seit mehr als 20 Jahren.

    Was die Arbeit für mich schwieriger macht, ist die zunehmende Digitalisierung. Nicht alles ist barrierefrei, und das kostet mich manchmal Nerven. Da muss mein Assistent einiges ausgleichen. Wir haben ein System, das auch für die sehenden Kollegen relativ unübersichtlich ist.

    Beim Erstkontakt stellen sich die Klienten, nach anfänglicher Irritation, sehr schnell auf meine Blindheit ein, und es entsteht nach kurzer Zeit ein vertrauensvolles Arbeitsbündnis.

    17 min
  • „Immer geht es um die Behinderung“
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 3/2020

    In Filmen werden Menschen mit Behinderung selten von Menschen mit Behinderung dargestellt. Warum ist das so, wollten wir von Wolfgang Janßen wissen. Er hat in Berlin die Plattform Rollenfang gegründet und vermittelt Schauspieler und Schauspielerinnen mit Beeinträchtigungen an Film und Fernsehen. Seine Erfahrung: Die Berührungsängste auf der Seite der Filmschaffenden sind noch groß. Man traut Behinderten zu wenig zu.

    Interview: Ute Stephanie Mansion

    Herr Janßen, wie ist die Agentur Rollenfang entstanden?

    Das Wort Agentur finde ich nicht richtig. Wir sind eine Plattform zur Förderung von Schauspielerinnen und Schauspielern mit Beeinträchtigung oder mit Behinderung. Entstanden ist das Ganze vor vier Jahren, weil mein Patenkind Schauspieler werden wollte und ich seit 25 Jahren im Kulturmanagement tätig bin und keine Lust mehr auf meinen Job hatte. Da hat mich mein Patenkind auf die Idee gebracht, und ich habe sie umgesetzt.

    Warum werden in Filmen und Fernsehserien Menschen mit Behinderung nur selten von Menschen mit Behinderung dargestellt?

    Der erste und wichtigste Grund ist, dass man in der Branche immer noch Berührungsängste hat, sich auf Menschen mit Behinderung einzulassen. Der zweite Grund: Man kann sich natürlich gut herausreden, weil es auf staatlichen Schauspielschulen und Filmhochschulen kaum oder gar keine Menschen mit Behinderung gibt. Somit vermittelt auch die ZAV, die zentrale Vermittlung der Künstleragentur des Arbeitsamts, niemanden mit Behinderung. Ich glaube, es werden dort nur zwei oder drei Schauspielende mit Beeinträchtigung oder Behinderung geführt. Die Argumentation ist: kein Ausbildungsschein, also kein Berufsschauspieler oder -schauspielerin. Aber Hauptgrund ist wohl immer noch die Berührungsangst und die Angst, dass es teurer und umständlicher wird und dass man nicht genau weiß, wie man damit umgehen soll.

    Haben Menschen mit Behinderung überhaupt eine Chance, eine professionelle Schauspielausbildung zu machen an einer der Schauspielschulen?

    Ja und nein – eigentlich nein. Der einzige mir bekannte Fall ist der von Samuel Koch, der nach seinem Unfall in „Wetten, dass“ seine Ausbildung an der Schauspielschule Hannover fortführen konnte. Nach Samuel hat kein anderer mit Behinderung wieder einen Platz in Hannover eingenommen. Also, auf staatlichen Schauspielschulen gibt es keine Ausbildungsplätze für Menschen mit Behinderung, aber es gibt einige privat ausgebildete Schauspielerinnen und Schauspieler.

    Warum wird eine sichtbare Behinderung in Filmen fast immer auch thematisiert? Jemand könnte ja auch eine Ärztin oder einen Richter spielen, ohne dass die Behinderung Teil der Handlung ist.

    Ich weiß es nicht. Entweder sind es Berührungsängste oder man ist einfach zu eindimensional. Wenn ich Caster frage „Möchtest du nicht zum Beispiel ihn oder sie besetzen mit einem meiner Schauspieler oder Schauspielerinnen?“, dann sagen die „Wir haben doch gar keine Rollen für deine Leute“. Wenn ich frage „Warum nicht?“, antworten sie „Es steht nicht im Drehbuch“. Also, Caster, produzierende Regisseurinnen besetzen Rollen nur dann mit Menschen mit Beeinträchtigung oder mit Behinderung, wenn es explizit im Drehbuch steht. Im Drehbuch geht es in solchen Fällen nicht um die schauspielerische Fähigkeit, die Persönlichkeit, eine handwerkliche oder kognitive Fähigkeit einer Figur, sondern um die Behinderung. Das bedauern wir sehr und weisen darauf hin, aber es passiert nichts.

    Wie erfolgreich vermittelt Rollenfang Menschen mit Behinderung an Filmschaffende und Fernsehsender?

    Aus meiner Sicht nicht erfolgreich genug. Es gibt einen Bekanntheitsgrad, aber die Caster rufen mich an und sagen zum Beispiel: „Ich brauche jemanden mit Down-Syndrom, 16 Jahre alt, Migrationshintergrund.“ Oder: „Ich brauche einen Rollstuhlfahrer, 60 Jahre alt, männlich, graue Haare, ein bisschen dicker.“ Niemand sagt: „Ich bräuchte jemanden, der ganz toll jemanden so und so spielen könnte.“ Immer geht es um das Aussehen und die Behinderung, die dann auch die Hauptthematik im Film sein wird.

    Von welchen Erfahrungen berichten Ihnen die von Ihnen vermittelten Schauspielerinnen und Schauspieler, wenn sie in einem Film mitgewirkt haben?

    Wir versuchen es so einzurichten, dass ein Tandem von Rollenfang an das Filmset geht, bei einer körperlichen Beeinträchtigung auch eine Assistenz. Die Tandems, also Darsteller, Darstellerin und Coach, haben sich vorher bei Rollenfang kennengelernt, haben entweder die Rolle zusammen vorbereitet oder sich bei einem Workshop bei uns getroffen. Nach dem Dreh berichten die Schauspielenden mit Behinderung immer, dass es super war. Auch die Kollegen, die mir eine Rückmeldung geben, sagen „Es hat super geklappt, ich hätte nie gedacht, dass sie so viel können, wir waren erstaunt über das Leistungspensum“. Was mich wundert: Es kommen durchweg positive Erfahrungen von den Produzierenden, aber eine Verstetigung dieser Art der Rollenbesetzung setzt nicht schneller ein.

    Vermittelt Rollenfang auch blinde und sehbehinderte Menschen an Filmschaffende?

    Im Prinzip ja. Wir haben im vergangenen Jahr eine blinde Schauspielerin aufgenommen, aber noch nicht vermitteln können.

    Was wünschen Sie sich im Hinblick auf Inklusion am Set?

    Perspektivisch wünsche ich mir, dass es Rollen gibt, bei denen nicht die Behinderung im Vordergrund steht. Sie ist natürlich Bestandteil der Story, steht aber nicht im Vordergrund. Eine Schauspielerin oder ein Schauspieler mit kognitiver Einschränkung könnte zum Beispiel eine Bäckerin oder einen Patissier verkörpern und gewinnt einen Wettbewerb für die besten Pralinen oder wird Sterne-Koch. Die Tätigkeit oder die besondere persönliche und künstlerische Leistung soll im Vordergrund stehen. Es gibt beispielsweise unter unseren Schauspielerinnen und -spielern hervorragende Interpreten von witzigen Texten.

    Können Sie Beispiele nennen für Leute, die Sie an Film oder Fernsehen vermittelt haben?

    Da ist natürlich Carina Kühne, die ich mehrfach vermittelt habe. Sie ist bekannt aus „Be my Baby“, hat in „Die Bergretter“, „In aller Freundschaft“ und „Praxis mit Meerblick“, einem Zweiteiler für die ARD, mitgespielt. Jonas Sippel hat gespielt in „Kommissarin Lukas“ und in „Um Himmels Willen“. Peter Pankow hat gerade einen Kinofilm abgedreht. Max Edgar Freitag und Carina Kühne spielen zusammen in einem Film, der „Ich auch“ heißt. Da geht es um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, vor allem in Werkstätten für Menschen mit Behinderung, ein toller Film.

    Wie viele Schauspieler sind bei Ihnen registriert, und wie finden Sie die, oder kommen die auf Sie zu?

    Die ersten Schauspielenden sind zu uns gekommen, weil ich Kontakt zu inklusiven Theatern aufgenommen hatte. Mittlerweile fragen Schauspieler und -spielerinnen aus dem deutschsprachigen Raum an, ob sie sich in unserer Plattform darstellen können. Im Moment stoppe ich das ein bisschen, weil ich Rollenfang allein betreibe.

    Läuft es am Theater besser mit Inklusion und Schauspiel als bei Film und Fernsehen?

    Auch dort gibt es keine Verstetigung. Es gibt oder gab bis zur letzten Spielzeit in Darmstadt drei Schauspielende mit Behinderung. Soweit mir bekannt ist, sind das aber die einzigen festen Stellen an einem Staats- oder Stadttheater. Es gibt natürlich tolle inklusive Theatergruppen wie „RambaZamba“ in Berlin, „Meine Damen, meine Herren“ in Hamburg, die „Blaumeier“ in Bremen und die „Freie Bühne“ in München. Aber bei Stadt- und Staatstheatern ist es noch ein weiter Weg. Es gibt immer mal wieder Projekte, aber was wir wollen, ist eine Verstetigung. Wenn man keine Verstetigung hat, gibt es auch keine „Stars“ mit Behinderung, weil man sich für große Rollen, für die im Drehbuch eine Behinderung steht, doch lieber einen bekannten Schauspieler oder eine Schauspielerin holt. Die setzt man dann in den Roll-stuhl oder lässt sie zur blinden Anwältin werden. Den Schauspielenden mit Behinderung, die es auf dem Markt gibt, traut man nicht zu, diese Rollen zu spielen, oder man behauptet, es sei zu kompliziert oder es gäbe keine ausgebildeten Darsteller, und man wolle ja das beste Ergebnis.

    Mehr Infos unter www.rollenfang-berlin.de

    18 min
  • Einmal Hölle und zurück
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 1-2/2020

    Trauer, Schmerz, Depression: All das hat der Rapper Vokuz, mit bürgerlichem Namen Daniel Räuber, früher in seine Song-Texte gesteckt. Er hat so verarbeitet, dass er mit 17 Jahren erblindete. Heute, mit 25, sei er glücklicher als je zuvor, sagt er. Mit seinen Songs will er positive Energie verbreiten und indirekt auch zeigen, was Leute mit Behinderung schaffen können.

    Von Daniel Räuber alias Vokuz

    Mein fünf Jahre älterer Bruder hat vor mir angefangen zu rappen, und er hat mich gepuscht, als ich 13 oder 14 war: „Hey, du hast Taktgefühl, du hast Talent – du musst rappen.“ Hiphop-Musik mit dem Rap-Sprechgesang war die Musik, mit der ich mich in jugendlichem Alter am ehesten identifizieren konnte. Rap kann man auch machen, wenn man nicht der begnadetste Sänger ist, aber Spaß daran hat, sich musikalisch auszudrücken. Ich bin kein begnadeter Sänger, aber ich kann mittlerweile recht gut mit meiner Stimme umgehen.

    Ich bin mit 17 Jahren erblindet, durch eine sehr seltene erbliche Augenerkrankung. Das war für mich der größte Einschnitt, den es hätte geben können. Damals: Depressionen um mich herum, suizidale Gedanken. Soll ich dieses Leben überhaupt noch mal starten, ganz oder gar nicht, trau‘ ich mich, schaff‘ ich das überhaupt, ist mein Leben noch lebenswert? Fragen, mit denen ich mich beschäftigt habe. Ich bin einmal durch die Hölle und zurückgegangen. Ich war am Boden, hatte keine Lust mehr zu leben. Für mich war alles grau und trist – metaphorisch gesprochen, aber auch in der Realität.

    Die Erblindungsphase hat etwa ein Jahr gedauert. Und nach diesem Jahr habe ich mich aufgerafft und gesagt: Ich starte wieder irgendwas. Und dann habe ich alles in Songs verarbeitet. Meine erste EP hieß „Blindenschrift“. EP steht für „extended player“, das sind kleine Alben von etwa sechs Songs. Im Song „Parkhaus“ erzähle ich, wie ich überlege, will ich noch leben, will ich nicht, entscheide mich eigentlich für Nein und beschreibe den Weg bis aufs Parkhausdach. So habe ich meine Suizidgedanken verarbeitet.

    Das waren die ersten Schritte. Dann habe ich irgendwann meine zweite EP „Bipolar“ veröffentlicht. Eine bipolare Persönlichkeitsstörung besteht ja aus extremen Hochs und extremen Tiefs. Ich habe wieder mehr Positives wahrgenommen, konnte wieder Kraft schöpfen. Musik ist das beste Ventil, um sich Druck und Schmerz von der Seele zu schreiben. So bin ich dahin gekommen, dass ich heute keine Trauer, keinen Schmerz mehr in die Musik stecken muss, sondern nur positive Gefühle.

    Seit ich vor zwei, drei Jahren meinen Fokus auf die Musik gelegt habe, entwickelt sich bei mir alles in eine positive Richtung. Ich freue mich über jeden Tag, an dem ich lebe. Ich habe nur Energie, und die Leute um mich herum bewundern mich für diese Energie und für meine Arbeitsmoral, sodass ich mittlerweile eine treibende Kraft bin. Zuvor habe ich eine Ausbildung zum Mastering Engineer gemacht; Tontechniker oder Audio-Ingenieur könnte man auch sagen. Seit Anfang dieses Jahres mache ich hauptberuflich Musik. Meine Songs vertreibe ich im Internet über Spotify, YouTube etc. ich nehme auch gelegentlich Leute in meinem Studio zu Hause auf oder mache Vocal Coaching. Hin und wieder schreibe ich auch Songs für andere.

    Kein Musiker „überlebt“ ohne ein gutes Team im Rücken. Ich habe ein super Umfeld in allen Bereichen, es ist sehr familiär, sehr harmonisch – dafür bin ich dankbar. Ich knüpfe auch immer mehr Kontakte. Das Puzzle meines Lebens fügt sich – ich bin sehr ausgeglichen, sehr zufrieden.

    Meine Texte werden auf Leute, die mich von früher kennen, heute oberflächlicher wirken, doch zwischen den Zeilen hört man, dass ich in diesem Leben mehr sehe als Materialismus und Oberflächlichkeiten. Aber ich möchte nicht auf die Tränendrüse drücken, ich möchte kein Mitleid, ich möchte einfach schöne Songs machen. Songs, die man zum Chillen hören kann, beim Autofahren, morgens beim Aufstehen, beim Feiern. Da geht’s auch mal um schöne Frauen, um ein schönes Auto, um Lifestyle. Meine Texte sind weder homophob noch frauenfeindlich, so was gibt’s bei mir nicht. Ich rappe, singe über das, was mich umgibt, was ich erlebt habe und gern erleben würde. Ich habe gerade nichts mehr zu betrauern, ich habe mir meine Lebensqualität wiedergeholt durch die Musik, und das schreibe ich auf. Im Moment arbeite ich viel, aber ich genieße auch viel.

    Ich thematisiere nicht, dass ich blind bin. Wenn Leute ein Video von mir sehen, sollen sie denken: geiler Song, cooler Typ, coole Bewegung, coole Performance. Wenn sie im Nachhinein erfahren, dass ich blind bin, sollen sie sagen: Wie kann der blind sein, wie kann der sich so bewegen, wie kann das funktionieren? So bewege ich hoffentlich etwas in den Köpfen. Ich sehe mich selbst nicht als blind. Ich bin es, aber das hat keine Auswirkungen auf mein Leben, ich mache mein Ding. Natürlich freue ich mich, wenn mir blinde oder gehandicapte Leute schreiben, dass ich sie inspiriere oder ihnen Kraft gebe.

    Für mich sind Ray Charles und Stevie Wonder inspirierend. Das sind character, das sind Legenden, Leute, die musikalisch Meilensteine gesetzt haben, die aus einer schwierigen Situation zu einer noch schwierigeren Zeit was gerissen haben, was nichtbehinderte Leute nicht geschafft haben.

    Wenn das Leben einem Niederschläge verpasst: aufstehen, kämpfen! Diese Botschaft möchte ich noch mehr in die Außenwelt tragen. Das muss nicht mal eine Behinderung, es kann auch eine Beziehung sein, die zu Bruch geht, egal was – ich möchte einfach, ohne der Moralapostel zu sein, für Power und Energie stehen. Vor zehn Jahren hätte ich nie gedacht, dass ich mal blind werde und an Suizid denken würde. Und vor fünf Jahre, als ich dachte, ich würde Suizid begehen, hätte ich niemals gedacht, dass ich heute sage: Ich liebe jeden Tag. Ich stehe jeden Tag mit einem Lächeln auf und schlafe jeden Tag mit einem Lächeln ein. Ich habe mich in einer ohnehin schwierigen Zeit meines Lebens von einem Schicksalsschlag nicht unterkriegen lassen, sondern in meinem Kosmos etwas Großes daraus erschaffen, worüber ich glücklich bin. Ich habe durch diese Entwicklung auch mehr zum Glauben gefunden.

    Musik, Familie, Freunde: Das ist alles, was für mich zählt. Zu meiner Familie zähle ich auch meinen Hund. Auch meine Familie merkt, dass ich mehr angekommen bin im Leben, als ich es jemals war – ich bin glücklicher als zu der Zeit, als ich gesehen habe. Das macht sie vielleicht auch ein bisschen stolz und zufrieden, und das ist für mich unbezahlbar.

    Daniel Räuber (25) lebt in Frankfurt am Main.

    11 min

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Hier finden Sie den Podcast des Verbandsmagazins "Sichtweisen“ vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband. Und die Hör-Reihe „Präsidiumsgespräch“. Darin beleuchten DBSV-Präsidiumsmitglieder mit Gästen aktuelle Themen, die den Verband beschäftigen.

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