Sichtweisen

Sichtweisen

By DBSV – Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V.Society & Culture
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Sichtweisen episodes

  • Die größte Belohnung
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 11/2021
    Elena Krawzow ist eine erfolgreiche Schwimmerin: Bei den Paralympischen Spielen in Tokio holte die Athletin mit Sehbehinderung Gold über 100 Meter Brust. Dabei hat sie erst spät schwimmen gelernt. Über ihr Training, ein Motivationsloch vor den Spielen und über Wassergefühl berichtet sie im „Sichtweisen“-Interview mit Ute Stephanie Mansion. Und sie spricht über ihren Verein, das Berliner Schwimmteam, einen Inklusions-Sportverein.
    Vor Kurzem wurde bei Elena Krawzow ein Hirntumor festgestellt. Zum Zeitpunkt des Interviews war das noch nicht bekannt. Die Nachricht hat uns erschüttert und wir wünschen Elena Krawzow, dass sie wieder gesund wird und ihrem Sport wieder nachgehen kann. Alles Gute für Sie, Elena Krawzow!
    11 min
  • Schätze, die jeder Tag bereithält
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 10/2021
    Tanzen, Gedichte und Geschichten schreiben, Velomobil fahren, Kunst machen und sie vermitteln, sich mit anderen vernetzen: All das gibt Katrin Dinges Kraft im Leben.
    Und die braucht die hörbehinderte, blinde Frau, denn wegen ihrer gesundheitlichen Probleme muss sie immer wieder kämpfen, zum Beispiel mit Behörden oder Ärzten.
    Doch sie besitzt die Fähigkeit, auch scheinbar kleine Sachen wertzuschätzen und dafür dankbar zu sein.
    13 min
  • In der Welt zuhause
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 9/2021

    Meine Schulgeschichte ist kompliziert: Ich bin bis zur vierten Klasse auf eine internationale Schule in Nagoya, Japan, gegangen. Danach habe ich auf Hawaii bis zur sechsten Klasse eine Privatschule besucht. Dort wurde ich viel wegen meiner Sehbehinderung geärgert und habe deswegen eine Waldorfschule in Honolulu besucht. Da sich meine Sehkraft verschlechterte, zogen meine Mutter und ich zurück nach Tokio, damit mich dort ein Spezialist behandeln konnte. Die neunte Klasse verbrachte ich auf einer internationalen Schule in Tokio. Nach einem weiteren Jahr auf Hawaii ging ich im zehnten und elften Schuljahr auf ein Gymnasium in Köln – als privater Austauschschüler. Das Abitur machte ich schließlich auf einer deutschen Schule in Yokohama.

    Auf Hawaii waren wir, weil mein Vater als Geschäftsführer einer japanischen Reisebürofiliale dorthin versetzt worden war. Es war für meine Familie eine traumhafte Zeit. Wir hatten viel Besuch von Verwandten und Freunden, auch aus Deutschland – sie wurden später meine Gasteltern in Köln. Wir hatten sie in Australien kennengelernt.
    Obwohl ich Japaner bin, habe ich nur etwa zehn Jahre in Japan und viel mehr Zeit im Ausland verbracht. Daher fühle ich mich sehr westlich, am meisten amerikanisch, geprägt. Ich fühle mich aber überall zu Hause – wo ich gerade zufällig bin. In Köln fühle ich mich besonders wohl, weil ich als Kind schon hier war.
    Japanisch ist meine Muttersprache, aber ich habe fast gleichzeitig Englisch gelernt. Darum fiel es mir nicht so schwer, Deutsch zu lernen. Als ich als 15-Jähriger nach Köln kam, konnte ich nach einem halben Jahr in der Schule mithalten. Noch heute lerne ich dennoch viel Neues in der deutschen Sprache.
    Da meine Sehbehinderung relativ leicht ist, kam ich damit gut klar. In der Klasse saß ich ganz vorne, sodass ich die Tafel sehen konnte. Wenn das nicht ging, bin ich nach dem Unterricht an die Tafel gegangen und habe in einem Heft notiert, was da stand. Ich konnte auch Fahrrad fahren und andere Dinge mit Freunden machen.

    Tablet als Notenpult

    Als ich zehn Monate alt war, reagierte ich allergisch auf Penicillin. Darauf bekam ich eine Hauterkrankung, durch die meine Wimpern nach innen wuchsen und die Hornhaut zerkratzten. Deswegen kann ich nicht so gut sehen. Seitdem ich Teenager bin, trage ich weiche Kontaktlinsen, um meine Augen zu schützen. Meine Sehstärke liegt zwischen 30 und 50 Prozent. Damit komme ich klar. Beim Musizieren nutze ich seit einigen Jahren ein iPad als Notenpult, was sich als sehr praktisch erwiesen hat.
    In Amerika habe ich Musik (Violine) studiert. Seit dem Masterstudium bin ich auf die historische Aufführungspraxis spezialisiert, wobei man in der Spielweise der jeweiligen Musikepoche spielt. Nachdem ich 2012 meine Promotion in den USA absolviert hatte, ging ich wieder nach Köln, weil die Stadt ein Zentrum der sogenannten Alten Musik ist. Zwei weitere Jahre habe ich dort die Musikhochschule besucht.
    Die historische Spielweise hat interessante philosophische Folgen, wie die Tatsache, dass man heute Musik überhaupt nicht hören kann wie damals. Die Leute lebten einfach anders. Wenn man ganz historisch getreu spielen wollte, dürften Frauen und nicht-weiße Menschen wie ich nicht spielen. Und wir müssten bei Kerzenlicht von handgeschriebenen Noten spielen. Bachkantaten dürften nicht in Konzertsälen aufgeführt werden. Es ist eine etwas künstliche Welt, ein Musikideal, bei dem jeder eine Grenze ziehen muss. Trotzdem, wie man Schichten von Staub auf einem Gemälde entfernen kann, ist es eine wertvolle Arbeit, ein Werk im Originalkontext – Klang, Instrumente, Spielweise, Darstellung – zu erleben.
    Ich mag Musik, die so gespielt wird. Das Konzept der historischen Aufführungspraxis hört nicht beim Tod Bachs auf, sondern geht bis in die heutige moderne Musik – die Musik wird nach den ästhetischen Werten der jeweiligen Zeit aufgeführt, und so klingen Komponisten und Epochen anders. Musik bedeutet für mich also eine Differenzierung der Stile, Komponisten und des historischen Kontextes. Musik, die solche Aspekte nicht berücksichtigt, klingt für mich nicht richtig.
    Seit 2013 bin ich Stammspieler in einem Orchester für Alte Musik in Leverkusen: l’arte del mondo. Wir geben ungefähr 40 Konzerte im Jahr. Viele Tourneen durch Europa und im außereuropäischen Ausland mit Solisten wie Daniel Hope und Dorothee Oberlinger sowie zahlreiche CD-Aufnahmen sind einige der Highlights. Dank meiner musikwissenschaftlichen Kenntnisse habe ich eine zusätzliche Position inne und darf den Leiter des Ensembles, Werner Ehrhardt, künstlerisch beraten.
    Dazu spiele ich als Konzertmeister und Leiter eines Laienorchesters, dem Rodenkirchener Kammerchor und Orchester, in dem ich schon als Gymnasialschüler mitgewirkt habe. Einige Leute von damals singen und spielen noch dort, und es macht mir viel Spaß, wieder mit ihnen musizieren zu können.

    „Viele waren am Ende“

    Es ist für mich und alle meine Kollegen und Freunde schmerzlich, dass wir so lange nicht auftreten konnten. Durch die Corona-Schutzverordnungen sind bzw. waren viele von uns am Ende, verzweifelt und genervt, auch wenn wir Soforthilfen und Stipendien erhalten haben. Ich habe drei Stipendien für verschieden Projekte bewilligt bekommen. Eines davon ist vom Deutschen Musikrat, und es wurden nur 1.600 Musiker aus ganz Deutschland dafür ausgewählt. Das Leverkusener Ensemble l’arte del mondo hat auch Mittel bekommen und während der Pandemiezeit Videos gedreht und mit anderen Künstlern virtuell musiziert. Für diese Möglichkeiten sind wir dankbar. Ich wünsche mir aber, dass die Politik ein flächendeckendes Programm macht und nicht nur Hilfe für ausgewählte Projekte leistet.
    Wir alle freuen uns, dass es bald wieder auf der Bühne losgehen kann. Die digitalen Möglichkeiten sind toll, aber sie können nie ein Livekonzert ersetzen. Die Kultur ist für das Überleben eines Volkes nicht erforderlich, aber sie ist für das Menschsein und die Bereicherung einer Gesellschaft unentbehrlich. Deutschland muss Kulturstaat bleiben.
    In Japan funktioniert die Gesellschaft nach dem Prinzip des „Wa“. Das bedeutet in etwa Frieden oder Harmonie. Alles, was nicht diesem Prinzip entspricht, also als nicht-normal betrachtet wird, wird stigmatisiert. Dazu gehören auch Personen mit Behinderungen. Früher war es schlimmer, langsam wird es besser. Trotzdem ist es immer noch sehr schwierig, dass Menschen mit Behinderung in die japanische Gesellschaft integriert werden. Auch freiberuflich zu arbeiten, gilt in Japan als nicht normal. Normal wäre es, beispielsweise einem Bürojob in einer angesehenen Firma nachzugehen. Selbst meine Eltern, die durch ihr kosmopolitisches Leben relativ offen sind, brauchten eine Weile, bis sie verstanden hatten, was freiberuflich bedeutet, und dass es auch ein „anständiger“ Beruf ist.
    In den USA werden Menschen mit Behinderung weitgehend gleichberechtigt behandelt. Zumindest auf dem Papier; in der Praxis gibt es natürlich Diskriminierung. In der Sprache wird zum Beispiel „handicapped“ und Ähnliches gesagt statt politisch korrekt „differently abled“.
    Deutschland steht irgendwie – auch bei anderen sozialen Dingen – in der Mitte. Es gibt engagierte soziale Institutionen und Gesetze, die Menschen mit Behinderung schützen. Aber in Köln zum Beispiel sehe ich einen Mangel an barrierefreien Verkehrsmitteln und Ampeln. Auch die Pfeiler auf dem Bürgersteig könnten besser gekennzeichnet werden. Besonders nachts sind sie schwierig zu sehen, wenn darauf keine Reflektionsstreifen sind. Meine Sehstärke im Dunkeln hat abgenommen, und ich muss nachts vorsichtiger sein.
    Das Leben in Deutschland finde ich alles in allem sehr angenehm.

    Go Yamamoto (42) lebt in Köln.

    13 min
  • Mal ganz oben, mal ganz unten
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 7-8/2021
    „Lebe deinen Traum“, sagt Cornelia Dietz, die ihr ganzes Leben dem Sport gewidmet hat. Sie war Mitglied der Deutschen Goalball-Nationalmannschaft, die bei den Paralympischen Spielen 1996 in Atlanta Gold gewann. Es waren nicht die ersten und längst nicht die letzten Paralympischen Spiele, an denen sie teilnahm.
    Jetzt, mit 59 Jahren, engagiert sich Cornelia Dietz für Projekte mit Jugendlichen – ebenfalls im Sportbereich.
    Im vergangenen Jahr musste sie einen nicht-sportlichen Kampf bestehen – „ihren größten Wettkampf“, wie sie sagt.
    In dieser Episode stellt sich Cornelia Dietz vor.
    12 min
  • Sinnvoll geleitet im Supermarkt
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 6/2021

    In unserer Abschlussarbeit im Studiengang Kommunikationsdesign an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin haben wir die Thematik des Einkaufens für Menschen mit Sehbehinderung beleuchtet. Betreut wurde unsere Bachelor-Arbeit durch Professor Florian Adler. Wir fragten uns, inwiefern Design dazu beitragen kann, Menschen mit Sehbehinderung den selbstständigen Einkauf im Supermarkt zu erleichtern, und entwickelten einen Gestaltungsvorschlag zur besseren Orientierung.

    Zu Beginn unserer Recherche informierten wir uns über Sehbehinderungen, deren Ursachen und Auswirkungen, und beschäftigten uns mit bereits vorhandenen Hilfsmitteln und Alternativen zum klassischen Einkauf im Supermarkt. Durch eine Umfrage und Interviews tauschten wir uns mit Betroffenen aus und fragten nach Einkaufsgewohnheiten und auftretenden Problemen. Dabei wurden zwei Hauptprobleme deutlich: die schlechte Orientierung im Raum und das erschwerte Auffinden von Produkten.
    Diese Probleme sollen mit unserem Gestaltungsvorschlag gelöst werden. So besteht unser Konzept aus einem angepassten Supermarktaufbau, einem Leitsystem, das das Mehr-Sinne-Prinzip aufgreift, und einer digitalen Ergänzung.
    Für eine gute Orientierung an einem Ort ist ein klar strukturierter Aufbau entscheidend. Deshalb haben wir uns dazu entschieden, mit einem Aufbau zu arbeiten, der nur einen Hauptweg besitzt. Von diesem gehen links und rechts Buchten ab, die im Halbkreis wieder auf den Hauptweg führen. So kann sich der Aufbau leicht gemerkt werden und ein Verlaufen ist unmöglich.
    Als Nächstes setzten wir uns mit der vorhandenen visuellen Gestaltung in Supermärkten auseinander. Diese muss angepasst werden, damit Menschen mit Sehbehinderung leichter an die benötigten Informationen gelangen.
    Wir wählten eine Schriftart, die alle Kriterien für gute Leserlichkeit erfüllt. Angemessene Schriftgrößen legten wir unter Beachtung der wichtigen Faktoren Visus, Textart (hier: Signalisationstexte) und Leseabstand fest. Bei der Farbauswahl der Elemente des Leitsystems achteten wir darauf, dass der Kontrast zu den sich darauf befindenden Bildsymbolen und Texten ausreichend ist. Außerdem liegt der Schwerpunkt der Kommunikation auf Bildsymbolen. Diese sind flächig und eindeutig gestaltet, damit sie gut erkannt werden können. Zum Beispiel kennzeichnet ein Apfel die Abteilung „Obst“, und eine Mikrowelle steht für „Fertiggerichte“.
    Als Hauptelement unseres Leitsystems führt ein taktiler Leitstreifen durch den Supermarkt, der mit dem Langstock erfasst werden kann. Er ist ebenso eine Hilfe für Menschen mit Sehbehinderung, da der Blick nicht vom Boden nach oben auf Schilder abgewandt werden muss und so Blendungen verhindert werden. Des Weiteren hilft die farbliche Zuordnung des Leitstreifens zum jeweiligen Bereich all denen, die ausreichend Farben wahrnehmen können. Zum Beispiel ist der Leitstreifen vor dem Bereich Backwaren hellbraun. Damit die hellen Farben gut wahrgenommen werden können, wird ein dunkler, matter Boden vorausgesetzt.
    Am Anfang eines neuen Bereichs führt eine Farbfläche auf dem Boden mit Symbol und Bereichsnamen zu der taktilen Zielbestätigung an der ersten Regalfront, welche aus Braille- und Profilschrift besteht – sie ist etwa auf der Höhe von 1,30 Metern angebracht. Zusätzlich findet man auf der ersten Regalfront auch eine visuelle Zielbestätigung. Dazu gehören die schriftliche Bezeichnung des Bereichs und der jeweilige Anfangsbuchstabe, der sich über zwei Drittel der Front erstreckt.
    Eine Regalbucht besitzt drei Regalfronten. Sie verfügen am oberen Rand jeweils über einen farbigen Streifen mit dem entsprechenden Symbol des Bereichs. Dies dient der Fernwirkung und hilft dabei, sich eine Übersicht zu verschaffen. Als Hilfe zum Auffinden der Produkte im Regal befinden sich Leisten vor den Produkten, auf denen die Produktgruppen gekennzeichnet sind.
    Durch die Verwendung digitaler Preisschilder kann man alle wichtigen Informationen zum Produkt per Smartphone abrufen und sich diese vergrößern, verkleinern oder vorlesen lassen. Auch wenn heute noch viele ältere Menschen keine Smartphones besitzen oder sich mit der Handhabung schwertun, haben wir uns für eine App entschieden. Zum einen sehen wir großes Potenzial in den Funktionen, und zum anderen sind die zukünftigen älteren Generationen schon mit der Nutzung von Smartphones vertraut. So kann die App zusätzlich helfen, sich besser zu orientieren und die Suche nach einem gewünschten Produkt verkürzen. Sie ist aber nicht zwingend notwendig, um sich im Supermarkt zu orientieren, denn das vorher beschriebene Leitsystem basiert nicht auf der entwickelten App.
    Die wichtigsten Funktionen der App sind unter anderem die Erstellung einer Einkaufsliste, die Routenführung und Produktsuche sowie die Ansicht des Lageplans mit der Anzeige des eigenen Standpunkts zur groben Orientierung.
    Wir verstehen unsere Bachelorarbeit zunächst als eine Art Denkanstoß. Zurzeit fehlt sowohl bei Gestalterinnen und Gestaltern als auch bei Entscheidungsträgern das Bewusstsein für die Bedeutung dieser Thematik. Deshalb haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, den Austausch mit anderen zu suchen, Feedback zu sammeln und Verbesserungen an unserem Konzept vorzunehmen.
    In Zukunft soll daraus ein Leitfaden für die Gestaltung inklusiver Supermärkte entstehen, der dann als Grundlage für die Umsetzung dienen könnte.

    Maria Scherlies (27) und Svenja Schulz (29) leben in Berlin.

    10 min
  • Garant für Glücksmomente
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 5/2021

    Obwohl Baseball in Deutschland eher eine unbekannte Sportart ist, hat Blindenbaseball mich sofort in seinen Bann geschlagen. Vor allem loszurennen, wenn es heißt „Play Ball!“ und der von mir geschlagene Klingelball der verteidigenden Mannschaft zufliegt, ist ein befreiendes Gefühl.

    Ich spiele nun schon etwas mehr als vier Jahre für die Bavarian Bats, dem blinden Team der Freising Grizzlies. Unsere Spielerinnen und Spieler sind zwischen 25 und 45 Jahre alt. Frauen und Männer spielen in gemischten Teams.
    Da alle während des Spiels eine Augenbinde tragen, sind zwischen den blinden und sehbehinderten Spielern die Voraussetzungen angeglichen. Wir treffen uns normalerweise etwa jeden zweiten Sonntag und reisen dafür aus ganz Bayern nach Freising oder Regensburg. Im Winter trainieren wir einzelne Spielzüge in einer Halle. Aber das Training war wegen des Lockdowns im letzten Winter leider nicht möglich.
    Bevor ich mit Baseball angefangen habe, hatte ich mich schon in ein paar anderen Sportarten versucht. Aber die vielfältige Kombination aus Koordination und Bewegung und auch der Mannschaftsaspekt beim Baseball gefallen mir besonders.

    Schnupper-Workshops für Neulinge

    Die Spielregeln klingen komplizierter, als sie es in Wirklichkeit sind. Das werden alle merken, wenn sie Baseball erst einmal ausprobieren. Bei meinem Verein bekommen Neugierige dazu auch Gelegenheit, da wir in Freising und Regensburg auch Schnupper-Workshops veranstalten.
    Ich versuche einmal, die Spielregeln ein wenig zu erläutern: Ein Team besteht aus fünf Spielern, die mit Augenbinde spielen, und einem sehenden Fänger. Wenn ich nun als Teil der angreifenden Mannschaft den Ball weit genug mit dem Baseballschläger aus meiner anderen Hand geschlagen habe, versucht die verteidigende, also die gegnerische Mannschaft, ihn zu fangen und zu ihrem sehenden Fänger zu werfen. Währenddessen renne ich um die erste piepende Base. Dann versuche ich, die rettende zweite Base zu erreichen, bevor der Klingelball den sehenden Fänger der verteidigenden Mannschaft erreicht. Denn nur, wenn ich die zweite Base berührt habe, bevor der Fänger den Ball gefangen hat, bleibe ich im Spiel.
    Eine Base ist eine Station auf dem Teil des Spielfeldes, den der Läufer umrunden muss. An der zweiten und dritten Base steht jeweils ein Trainer, der mit Klappern die Position der Base und meine Entfernung dazu zeigt. Ebenso geht es dann, während mein Mitspieler einen Ball schlägt und selbst zur zweiten Base läuft, für mich zur dritten. Einen Punkt für das Team gibt es aber erst dann, wenn man es geschafft hat, ohne dauerndes akustisches Signal von der dritten Base nach Hause, also wieder zum Startpunkt zu laufen. Einige Meter blind einfach nur geradeaus zu laufen, ist manchmal schwieriger, als man sich das vorstellt.
    Nach einem Inning (Spielabschnitt) tauschen die angreifenden und verteidigenden Mannschaften ihre Positionen. In der Verteidigung kommt es nicht mehr auf gezieltes Schlagen des Balles und schnelles Laufen an, sondern das Gehör ist entscheidend, da man den Ball, den die angreifende Mannschaft geschlagen hat, genau orten, fangen und aufnehmen muss. Und das auch, wenn der Ball liegengeblieben ist und kein Geräusch mehr von sich gibt.

    Geringes Verletzungsrisiko

    Der größte Unterschied zum Baseball für Sehende besteht darin, dass der Schlagmann oder die Schlagfrau den Ball mit einem Baseballschläger aus der eigenen Hand schlägt und nicht einen ihm zugeworfenen Ball treffen muss.
    Beim Baseball besteht nur ein geringes Verletzungspotenzial. Das Spielfeld und die Regeln sind so gestaltet, dass Kollisionen weitgehend ausgeschlossen sind und das Verletzungsrisiko vermindert wird.
    Als mich mein Freundeskreis überredet hat, doch einmal in Blindenbaseball reinzuschnuppern, hätte ich mir nicht vorstellen können, dass es mir so viel Spaß machen würde, dass ich bereit bin, eine beinahe zweieinhalbstündige Anreise dafür in Kauf zu nehmen.
    Ich wohne nämlich in Nürnberg und trainiere in Freising. Aber der Zusammenhalt des Teams und das gemeinsame Sport-Treiben an der frischen Luft sind ein Garant für Glücksmomente. Und wenn es einmal im Training nicht so läuft und ich den Baseballschläger am liebsten von mir werfen würde, gibt es immer einen Mitspieler oder Coach, der Tipps auf Lager hat und mich aufmuntert.
    Nicht zu vergessen sind natürlich die interessanten Begegnungen mit den Spielern anderer Länder. Beispielsweise waren die Bats 2018 in Kuba, wo Baseball allgemein und auch Blindenbaseball viel beliebter sind als hierzulande. In Italien gibt es sogar eine Blindenbaseball-Liga.

    Hoffnung auf Turniere 2022

    2020 hätte zum zehnten Mal der Mole Cup, ein internationales Turnier blinder Baseballer und Baseballerinnen, in Freising stattfinden sollen. Aber Corona hat nicht nur die Trainingsmöglichkeiten eingeschränkt, sondern auch die Spiele verhindert oder aufgeschoben. Gern hätten wir gegen Mannschaften aus Italien, Frankreich, England, Kuba, Pakistan oder den USA gespielt. Wir hoffen, dass das 2022 wieder möglich sein wird.
    Momentan sind die Bavarian Bats das einzige Blindenbaseball-Team in Deutschland. Ein zweites Team in Regensburg befindet sich im Aufbau. Auch Kontakte nach Stuttgart und Berlin wurden schon geknüpft.
    Ich würde mich natürlich über mehr Teams in Deutschland freuen, um öfter zu spielen. Aber momentan freue ich mich einfach nur auf die Außensaison, wenn wir das Training wieder aufnehmen können und es heißt: „Play Ball!“

    Gabi Eichenseer (33) lebt in Nürnberg.

    10 min
  • Dieser Skill ist jetzt einsatzbereit
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 4/2021
    Der DBSV hat zusammen mit Amazon, der ARD, dem ZDF, ARTE und der Digitalagentur Beyto einen Hörfilm-Skill entwickelt, mit welchem man sich anhand von Sprachbefehlen über Alexa Filme mit Audiodeskription anhören kann. Wie das genau funktioniert, erklären DBSV-Mitarbeiter Jan Meuel und Felix Högl in diesem Interview.
    21 min
  • „Idealerweise wird es Standard“
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 4/2021

    Herr Kleber, ich bin blind und kann Sie nicht sehen. Mögen Sie sich mit ein paar Worten beschreiben?

    Wie würde ich mich beschreiben? Ich bin 54 Jahre und habe jetzt etwas zu lange Haare. Ich trage einen grauen Anzug, ein blaues Hemd und meine geliebten Sneaker. Ich würde mich noch als in Form bezeichnen – ein klassischer Familienvater sozusagen, mit den Sorgen- und Freudenfalten, die man dadurch hat.

    Und Sie sind Unternehmenschef von Amazon Deutschland und in dieser Funktion Partner für den DBSV bei der Erarbeitung des Hörfilm-Skills. Das ist offenbar der erste Skill seiner Art für die Zielgruppe blinder und sehbehinderter Menschen?

    Ja, tatsächlich. Ich bedanke mich für die Zusammenarbeit und hoffe, dass das der Startschuss für eine Partnerschaft ist und wir irgendwann zurückschauen und sagen: Weißt du noch, damals der erste Skill, den wir gemacht haben – der Hörfilm-Skill? Das ist ein toller erster Schritt, der davon profitiert, dass drei Partner zusammenkommen: zum einen der DBSV, der uns der Kundengruppe der sehbehinderten und blinden Mitmenschen näherbringt, dann ARD, ZDF und Arte, die die entsprechenden Inhalte haben, die wir kostenfrei über den Skill zur Verfügung stellen können. Und natürlich Amazon mit dem Bestreben, das Leben aller unserer Kunden leichter zu machen.

    Wie funktioniert das im Amazon-Konzern: Werden solche Dinge, die jetzt in Deutschland entwickelt werden, auch in andere Länder transportiert?

    Das hoffen wir. Die deutsche Sprache für Alexa wird zum Beispiel maßgeblich in Aachen entwickelt. Wir sitzen also am Entwickler- und Forschungshebel. Unsere europäischen Kollegen werden schnell über die Ländergrenze herüberschauen und sich hoffentlich inspirieren lassen. Und dann machen wir ein großes globales Produkt daraus. Inhalte sind ja auch global, und wir würden uns sicher alle wünschen, dass auch die amerikanischen Serien zukünftig in einer Form kommen, die man im Hörfilm-Skill zur Verfügung stellen kann.

    Bei Amazon Prime gibt es jetzt die ersten Audiodeskriptionsangebote. Soll dieses Angebot ausgebaut und möglicherweise in den Hörfilm-Skill integriert werden?

    Idealerweise wird es Standard. Sie haben mir ja mal erklärt, dass die Kosten für eine audiodeskriptive Version sehr gering sind, wenn man die Gesamtentwicklungskosten für einen Film betrachtet.

    Wir sind in Europa dabei, für den Online-Handel und für Medienplattformen Standards der Barrierefreiheit umzusetzen. Deutschland und die anderen EU-Länder werden die entsprechenden Regelungen bis Mitte 2022 umsetzen. Dann kommen noch Übergangsfristen. Könnte es für Amazon ein Weg sein zu sagen, wir warten nicht bis zum letzten Tag der Übergangsfristen, sondern streben eine Vorreiterfunktion an?

    Eine Vorbildfunktion würde ich gern einnehmen. Wir haben ein Bewusstsein für Barrierefreiheit entwickelt und wollen in vielen Bereichen im Unternehmen dafür sorgen, dass unsere Dienstleistungen und Inhalte möglichst barrierefrei zugänglich werden. Im Shopping, also beim Online-Einkaufen, liegt noch eine schöne Wegstrecke vor uns. Wir wissen aus dem Feedback auch Ihrer Mitglieder, dass wir noch eine Menge tun müssen. Im Selbstversuch habe ich festgestellt, wie schwierig oder nahezu unmöglich es ist, bestimmte Produktgruppen online zu erwerben.

    Wir machen aber auch eigene Schritte. In unserem Logistikzentrum in Werne zum Beispiel integrieren wir Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen, um festzustellen, wie man Arbeitsabläufe optimieren muss, damit sie barrierefrei wahrgenommen werden. Hier geht es nicht nur um Sprache, denn viele unserer Kunden haben unterschiedliche Beeinträchtigungen und müssen unterschiedliche Barrieren überwinden, um unsere Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Es muss Ziel unseres Unternehmens sein, diese Barrieren abzubauen. Wir wollen relevant sein für alle Kunden. Ein Weg, Kunden und ihre unterschiedlichen Bedürfnisse zu verstehen, ist, die Vielfalt unserer Kunden in der Vielfalt unserer Mitarbeiter zu spiegeln.

    Kann eine Organisation wie der DBSV ein Unternehmen wie Amazon auf dem Weg zur Barrierefreiheit unterstützen?

    Ohne eine Organisation wie den DBSV stünden wir viel weiter hinten, was das Erkennen der Problematik betrifft. Und wenn ich die Problematik nicht erkenne, kann ich keine Lösung schaffen. Der DBSV ist für uns ein Expertengremium. Wir haben von vielen blinden und sehbehinderten Kunden erfahren, dass bestimmte Dinge nicht funktionieren und bestimmte Vorgänge zu lange dauern. Das müssen wir besser priorisieren und dann besser in der Lage sein, Standards zu entwerfen. Denn es geht nicht um Einzellösungen, sondern die Hoffnung ist, dass es uns gelingt, Wege aufzuzeigen, aus denen Standardlösungen entstehen.

    Das hört sich so an, als seien Kooperationen zwischen Unternehmen und Organisationen aus dem Bereich behinderter Menschen eine gute Sache. Auch die DBSV-Amazon-Kooperation könnte also weitergeführt werden. Wie schätzen Sie das ein?

    Ich hoffe sehr, dass das der Beginn einer längeren Kooperation ist. Ich hoffe, dass wir viele Dinge finden, die inspirierend wirken, auch für andere Unternehmen. Das ist ja kein Geheimprojekt. Die Aufgabe, Barrieren aus dem Leben zu schaffen, muss von vielen gestemmt werden, wenn nicht von uns allen. Das, was wir in die Waagschale werfen, ist Entwickler-Knowhow, Innovationspotenzial, Technik und die Möglichkeit, einen Standard, den wir vielleicht finden, global weiterzuentwickeln.

    An welchen technologischen Entwicklungen, die die Nutzung digitaler Information erleichtern, arbeitet Amazon gerade?

    Sie wollen das Geheimprojekt erfahren. Darüber darf ich natürlich nicht reden. Ich sage mal so: Wir sind davon überzeugt, dass Sprache zur Vereinfachung des Lebens beitragen kann, nicht nur in der Kommunikation zwischen Menschen, sondern auch bei der Erledigung zahlreicher Aufgaben. Das ist unsere Motivation. Warum umständliche Bedienungsanleitungen lesen, warum auf der Fernbedienung Knöpfe suchen, warum im Lift nach der Etage suchen, auf der Dr. Müller seine Zahnarztpraxis hat? Wir sehen Sprache als Vereinfachungsmöglichkeit für alle Kundengruppen – vom Kind bis zum Senior. Auch für mich, der ich abends nicht vom Sofa aufstehen möchte, um meine Rollläden oder mein Thermostat anders einzustellen. Sprache kann das Leben vereinfachen, wenn man sie auf natürliche Weise einsetzt. Wir wissen aber auch, dass Sprache etwas sehr Komplexes ist. Alexa in Deutschland hatte gerade ihren vierten Geburtstag, kommt also jetzt in den Kindergarten und hat noch einen weiten Weg vor sich, um das zu werden, was sich alle erhoffen: nämlich der einfachste Zugang zu bisher sehr komplexen Abläufen.

    22 min
  • „Da ist noch viel Luft nach oben“
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 3/2021

    Frau Giegerich, welche Aufgabe haben Sie als Frauenbeauftragte des DBSV?

    Priorität hat natürlich die Beratung von betroffenen Frauen in jegliche Richtung, ob das jetzt zu Nachteilsausgleichen ist, zu Hilfsmitteln oder auch die familiäre Situation, der Job und vieles mehr. Es ist ganz breit gefächert. Die Beratung findet überwiegend am Telefon statt, per Mail, aber auch am Rande von Veranstaltungen.

    Welcher Art von Beratung ist das in der Regel? Oder ist das völlig unterschiedlich?

    Es ist total unterschiedlich. Es gibt zum Beispiel die alleinlebende ältere Dame, die sich einfach mal unterhalten möchte, oder die gestresste Mutter, die Teilzeit berufstätig ist, und über der im Moment alles zusammenbricht, im Job, ein neues Programm, die Kinder in der Schule haben Probleme, und der Vater hält sich raus – dann hilft oft ein Gespräch, um wieder klarer zu sehen. Ich kann dann Fachdienste empfehlen, und sagen, wo man Hilfe bekommen kann. Ich rede mit den Frauen, frage, wo der Schuh drückt, und überlege mit ihnen, wie wir die Situation entschärfen können.

    Was hat sich in den vergangenen Jahrzehnten positiv für Frauen mit

    Behinderung entwickelt, gesellschaftlich und politisch?

    Wir sind auf jeden Fall sichtbarer geworden, wenn ich das Wort so benutzen darf, und das ist natürlich wunderschön. Wenn ich zurückdenke: Als Kind mit meiner Sehbehinderung – damals habe ich noch ein bisschen mehr gesehen – da habe ich mich geschämt für diese Behinderung, und wurde mehr oder weniger versteckt. Man hat nicht offen darüber reden können, und heute ist man einfach sichtbarer. Wir sprechen von Barrierefreiheit, nicht nur im öffentlichen Raum, sondern auch im Internet. Wir können fordern, dass wir Zugang zu Konzerten, zu Theatern und anderen Einrichtungen haben, und dass wir auch ohne Assistenz dorthin gehen können. Das ist positiv, obwohl es natürlich noch viel zu tun gibt.

    Und wo sehen Sie Frauen mit Behinderung stärker benachteiligt als Frauen es ohnehin schon manchmal sind?

    Da ist natürlich in erster Linie der Assistenzbedarf, den Frauen mit Behinderung oft haben. Doch das geht Männern mit Behinderung genauso. Es gibt jedenfalls noch einige Hürden zu nehmen, bei denen Frauen den Männern nicht gleichgestellt sind. Auch bei der Partnerwahl gibt es seltsamerweise große Unterschiede, wenn ich es aus meiner langjährigen Erfahrung in der Beratung sehe: Ein blinder Mann findet auf jeden Fall schneller eine sehende oder blinde Partnerin als umgekehrt, warum auch immer. Das liegt vielleicht zum Teil daran, dass Frauen einfach ein bisschen empathischer sind.

    Was sind die dringlichsten Probleme in puncto Gleichberechtigung, die der DBSV und die Mitgliedsvereine angehen könnten?

    2016 gab es beim Verwaltungsrat in Saarbrücken, bei dem ich zu Gast war, das Thema Frauenarbeit im DBSV. Es ging darum, dass in Führungspositionen noch viel zu wenige Frauen sind. Wir haben zwar Landesvorsitzende in einigen Bundesländern, unter anderem in Bayern, aber in den Landesvorstandsgremien ist die Frauenquote noch sehr niedrig. Es fehlt auch, dass man die Frauen motiviert, denn im Unterschied zu Männern trauen sich Frauen oft nicht zu, ein solches Amt anzugehen. Manche haben vielleicht auch nicht die nötige Vorbildung in Rhetorik, in Führungsqualitäten oder wie man in Konflikten reagiert. Da könnte man ansetzen, um mehr Frauen in die Gremienarbeit zu bringen und sie zu motivieren, ein Amt zu übernehmen.

    Brauchen Blinden- und Sehbehindertenorganisationen oder auch andere Selbsthilfe-Vereine eine Frauenquote?

    Ich bin gegen die Frauenquote, muss ich ehrlich sagen. Wir besetzen dann irgendwelche Ämter mit Frauen, die vielleicht dort gar nicht so am richtigen Platz sind. Wir brauchen Frauen, die dieses Amt auch ausfüllen können, die wirklich Interesse daran haben und die nötige Qualifikation dafür. Mit Quotenfrauen kommen wir da, glaube ich, nicht weiter.

    Sie haben eine Mailingliste für Frauen ins Leben gerufen, die ursprünglich nur für Bayern gedacht war, inzwischen aber auch Frauen in anderen Bundesländern zugänglich ist. Über welche Themen tauschen sich die Frauen in den Mails aus? Gibt es besonders stark diskutierte Themen?

    Geplant war die Mailingliste damals in Bayern, um schnellstmöglich auf Seminare und Kurse, die in meinem Frauenreferat entstanden sind, aufmerksam zu machen und die Information darüber schnell an die Frauen weiterzugeben. Und dann kamen Fragen auf wie: Welche Haushaltsgeräte sind bedienbar, welche neue Waschmaschine, welcher Herd? Gerade die Geräte mit Touch-Feldern sind ja oft schwierig zu bedienen für unseren Personenkreis.

    Aktuell werden auch Sportthemen diskutiert: Da geht es um Fragen wie: Wenn ich nun zu Hause bin wegen Corona, wie kann ich mich fit halten, was gibt es für Möglichkeiten, welche Geräte sind für mich bedienbar, wo gibt es Anleitungen auf CD oder auf YouTube? Das Spektrum ist breit gefächert, ab und zu haben wir auch mal ein Koch- oder Backrezept dabei, und es wird mal ein Hörbuch besprochen. Es wurde auch erörtert, wie man einen Führhund beantragt, wo man dabei Hilfe bekommt oder es wird nach einer Augenklinik gefragt, die in speziellen Fragen kompetent ist. Also, es ist ganz breit gefächert.

    Geht es hin und wieder auch um das Thema Gleichberechtigung in den Mails oder kam das noch nicht vor?

    Ab und zu mal. Die Zahl der weiblichen Vereinsmitglieder kenne ich jetzt nur aus Bayern: Dort sind etwa 58 Prozent der Mitglieder weiblich. Beim Verwaltungsrat in Saarbrücken wurde von rund zwei Dritteln weiblicher Mitglieder gesprochen. Allgemein wird das Thema Gleichberechtigung noch zu wenig diskutiert, da könnte noch mehr passieren, da ist noch viel Luft nach oben.

    Was halten Sie vom Weltfrauentag?

    Sehr viel. Ich finde es toll, dass es diesen Tag gibt. Wir hatten auch schon ein Seminar am Weltfrauentag und haben uns feiern lassen und uns selbst gefeiert. Frauen mussten ja um alles kämpfen, wenn man zum Beispiel nur an das Wahlrecht denkt oder daran, dass früher der Mann sein Einverständnis geben musste, wenn eine Frau wieder berufstätig werden wollte. Frauen mussten sich immer alles erkämpfen, und deshalb darf der Weltfrauentag nicht abgeschafft werden – den brauchen wir noch.

    10 min
  • Das Medium der Zukunft
    Aus den „Sichtweisen“, Ausgabe 1+2/2021

    Robbie, was macht deiner Meinung nach einen guten Podcast aus?

    Das Wichtigste ist, dass der Podcast etwas Besonderes hat, das man so woanders nicht bekommt. Es gibt zum Beispiel einen relativ neuen Podcast von Radio Bremen, der heißt „Kein Mucks!“. Da werden historische Kriminalhörspiele, also Radiohörspiele von 1947 bis 1980, veröffentlicht, in jeder Folge eines. Das ist etwas Besonderes, weil solche historischen Radioaufnahmen sehr beliebt, aber legal nicht zu bekommen sind. Dann wird der Podcast präsentiert von Bastian Pastewka, und dem hört man einfach an, dass er sich für das Thema begeistert und sich damit auskennt. Da werden zum Beispiel Schauspielerinnen und Schauspieler vorgestellt, es wird erzählt über die Umstände der Auf-nahmen und historische Hintergründe. Das heißt, einerseits ist der Inhalt etwas Besonderes, und dann wird er auch noch kompetent serviert – das gibt dem Podcast ein Alleinstellungsmerkmal.

    Als zweites Beispiel möchte ich den „Sichtweisen“-Podcast nennen. Der hat auch etwas Besonderes. Wir veröffentlichen ja oft Beiträge von Leuten, die über ihre Lebenssituation schreiben, es geht um Trauerbewältigung, um Krisenbewältigung, aber auch um Hobbys, Berufsbilder, Lebensentwürfe blinder und sehbehinderter Menschen. Das ist an sich nichts Einzigartiges, man findet im Netz einige Blogs von blinden Menschen, die über ihr Leben berichten. Aber soweit ich weiß, ist der „Sichtweisen“-Podcast das einzige Hörformat dieser Art im deutschen Sprachraum, das kriegt man so woanders, glaube ich, nicht geboten.

    Und was ist das Besondere an den Podcasts des DBSV-Jugendclubs?

    Beim DBSV gelten ja alle bis 35 Jahre als jugendlich, das heißt, dass man eine weite Themenpalette hat. Ich kann einerseits einen Beitrag machen über schulische Inklusion, der für Schülerinnen und Schüler interessant ist, dann etwas über Fortbildungsangebote oder Berufsbilder, was eher für ältere Jugendliche interessant ist. Oder ich mache etwas über ein neues Hilfsmittel, das für alle interessant ist.

    Außerdem vermitteln wir seit einem Jahr den Lehrstoff unserer Online-Seminare in Podcast-Episoden. Es gibt ausführliche Folgen, etwa zu den Themen Audiobearbeitung, digitale Alltagshelfer, also welche Apps man nutzen kann, um den Alltag zu bewältigen und Navigation in der Natur und in der Stadt.

    Wie können andere Vereine oder Privatpersonen Podcasts nutzen, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen?

    Es kommt darauf an, wen oder was ich erreichen möchte. Wenn ich etwas vermitteln möchte, von dem jemand noch nichts weiß, würde ich keinen Podcast machen. Ein Podcast richtet sich an Menschen, die ein bestimmtes Interesse verbindet. Das kann politisch sein, aber auch Musik, Sport oder Kultur. Da gibt es eine große Themenvielfalt. Wenn ich zum Beispiel vermitteln möchte „Blinde Menschen gehen beim Behindertengleichstellungsgesetz baden“, wie wir das vor ein paar Jahren wollten, kann ich so eine Information nicht mit einem Podcast verbreiten. Ein Politiker, den ich überzeugen will, hört sich keinen einstündigen Podcast an. Da muss ich mit sozialen Medien arbeiten. Natürlich kann man über die sozialen Medien auch den eigenen Podcast bewerben.

    Welche technische Ausrüstung braucht man, um einen Podcast auf die Beine zu stellen?

    Man braucht nicht viel. Mit den meisten Smartphones kann man sehr passable Sprachaufnahmen machen; zum Beispiel, wenn man Interviews machen möchte. Man kann damit natürlich auch seine eigene Moderation aufnehmen.

    Es gibt frei verfügbare Apps, die man nutzen kann, um das Aufgenommene zu bearbeiten, also zu schneiden und zu mischen. Ob man das mit dem Smartphone oder lieber am Computer macht, ist Geschmackssache. Ich empfehle Audacity, ein barrierefreies Programm für den PC. Wie man damit einen Beitrag produziert, zeigen wir in zwei Episoden des Jugend-Podcasts.
    Wenn man Gespräche über Zoom aufnimmt, benutzen die Beteiligten am besten gute Headsets. Und um draußen Atmosphäre einzufangen oder auch um Reportagen zu machen, sollte man sich ein Mikro anschaffen. Also, zum Einstieg braucht man ein Aufnahmegerät und Software zum Bearbeiten.

    Wie bekommt man die Podcasts unter die Leute?

    Wichtig ist, dass man eine sogenannte Hosting-Plattform findet, also so etwas wie Podigee, Podhost oder Apple-Podcasts. Dort ist der Podcast quasi zu Hause, dort wird er „gehostet“. Dieses Zuhause ist eine Website, auf der der Podcast bereitgestellt wird. Wer einen Podcast anbietet, lädt ihn als MP3-Datei auf diese Hosting-Plattform hoch, gibt den Titel und eine Beschreibung ein. Man kann dort auch Schlagworte für den Podcast eingeben, sodass die Leute ihn finden, wenn sie im Internet Suchbegriffe eingeben.

    Auch sollte man den Podcast bei verschiedenen Streaming-Diensten, die Podcasts anbieten, anmelden. Das ist in der Regel kostenlos. Und schließlich muss man die Leute darüber informieren, dass es den Podcast gibt und sie ihn in ihrem Streaming-Dienst und in ihrer Podcast-App finden und ihn abonnieren können.

    Wie barrierefrei sind diese Plattformen für blinde und sehbehinderte Nutzerinnen und Nutzer?

    Da kann ich nur für Podigee, Apple-Podcast und Podhost.de sprechen. Letzteres ist eine ziemlich veraltete Plattform. Podigee und Apple-Music sind weitgehend barrierefrei, wenn man blind ist. Bei Podigee hatten wir anfänglich Probleme mit der Gestaltung, weil es für Sehbehinderte wohl schwierig war von der Schriftart, von den Farben und von den Kontrasten her, aber bedienbar ist es schon.

    Was glaubst du: Wird der aktuelle Podcast-Boom anhalten oder irgendwann abbrechen?

    Für mich ist der Podcast das Medium der Zukunft. Er ist jetzt schon zu einem etablierten Format geworden. Das Zuhör-Radio wird mehr und mehr zurückgehen. Die öffentlich-rechtlichen Sender bedienen mehr und mehr die breite Masse und drängen Sparteninteressen, sei es eine besondere Musik, Hörexperimente oder ausgefallene Themen, immer mehr an den Rand. Die werden noch produziert, aber zu unmöglichen Zeiten gesendet. Sie werden aber auch vermehrt als Podcast bereitgestellt. Daher wird das das Medium der Zukunft sein – auch weil man nicht mehr zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein muss, um etwas zu hören, sondern man es hören kann, wann und wo man möchte. Ob man im Zug sitzt oder beim Arzt oder in der Mittagspause.

    Die Schwemme von Podcasts wird abnehmen, aber das Medium wird sich auf jeden Fall behaupten. Im Moment kann ja jeder Hans und Franz einen Podcast herausgeben und tut das auch. Es ist zwar schön, dass wir diese Möglichkeit haben, aber das heißt nicht, dass alles, was aufgetischt wird, interessant ist. So einen Podcast muss man kontinuierlich veröffentlichen, regelmäßig für interessante Themen oder Gesprächspartner sorgen. Das Ganze muss produziert und hochgeladen werden – da muss man schon Energie und Zeit reinstecken. Darum wird das Interesse bei vielen Leuten, die jetzt privat einen Podcast anbieten, versanden.

    Hast du einen Lieblingspodcast?

    Ja, einen englischen, der heißt „Song-Exploder“. Einmal monatlich kommt eine halbstündige Episode raus, und da wird immer beleuchtet, wie der Song einer Singer-Songwriterin oder einer Band entstanden ist. Der Künstler, die Künstlerin oder die Band erzählen, wer zuerst auf die Idee gekommen ist, wie sie sich den Song auf Tournee erst mal aufs iPhone gesungen haben, wie er dann im Studio verfeinert wurde und wer dann auf die Idee für das letzte Riff oder so gekommen ist. Währenddessen hört man Klangbeispiele, bis zum Schluss der fertige Song entstanden ist. Für mich als jemand, der sich für Musik begeistert, ist das ein klasse Podcast. Da kommen berühmte Leute zu Wort – es waren schon Metallica, R.E.M. und U2 da –, aber auch unbekanntere Singer-Songwriter. Das ist eine schöne Mischung und mit viel Liebe zum Detail produziert.

    19 min

About Sichtweisen

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Hier finden Sie den Podcast des Verbandsmagazins "Sichtweisen“ vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband. Und die Hör-Reihe „Präsidiumsgespräch“. Darin beleuchten DBSV-Präsidiumsmitglieder mit Gästen aktuelle Themen, die den Verband beschäftigen.

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