Wenn ich mal einem Bären begegne, dann mitten im Wald, mit Bear-Spray am Gürtel, und dann bloß nicht rennen, dachte ich immer. Seit acht Jahren verbringe ich mehrere Monate im Jahr in den Rocky Mountains, wandere viele hundert Kilometer, zelte im Hinterland und höre mir dann von Leuten, die nur eine Woche zu Besuch sind, an, dass sie in sieben Tagen mal eben drei Bären vom Autofenster aus gesehen haben. Und ich? Nix. Absolut kein Bär auf irgendeiner Wanderung anywhere in all den Jahren. Nie. Nicht, dass ich einem begegnen möchte, denn Bär-Begegnungen gehören zu den gefährlichsten und auch tödlichsten Gefahren in den Bergen in den USA und Kanada. Vergiss Paddington Bear – die echten Viecher tragen keinen niedlichen, roten Schlapphut. Unterschätze niemals Tiere in der Wildnis.
Als der Moment passiert, in dem ich in Kanada final doch auf einen Bären treffe, ist nichts so, wie es sein sollte. Es ist nicht mitten im Wald, sondern auf einer Straße. Ich habe mein Bear-Spray gerade mit meinem Rucksack am Auto abgeladen – und ich bin am Rennen. Und auf einmal steht er vor mir. Groß, schwarz, beinahe surreal plüschig. Dass ich sein Fell im Detail ausmachen kann, spricht dafür, dass ich zu nah dran bin. Viel zu nah. Und schutzlos. Eine Begegnung, die das Blut in meinem Kopf kristallisieren lässt. Ein Moment, in dem die Sekunden wie ein chinesischer Gong in meiner Brust hallen – langsam, laut und mit dem Gedanken, dass es das jetzt auch einfach gewesen sein könnte. Mit dem Leben.