SWR Aktuell: War dieser Sieg der Engländerinnen der passende Abschluss dieser Europameisterschaft?
Bärbel Wohlleben: Egal, ob es jetzt die Engländerinnen oder die Spanierinnen waren – denen ich es gegönnt hätte – es war ein toller Abschluss. Die ganze EM hat mir sehr gut gefallen. Ich habe mir zwar nicht alle Spiele angesehen, aber die deutschen Spiele und einmal Spanien, einmal England, immer so zwischendrin, Italien in der Gruppenphase, um mal zu sehen, wie die so spielen. Und die waren für mich dann auch die Favoriten. Dass jetzt Spanien am Schluss beim Elfmeterschießen die Nerven verloren hat, das ist ein anderes Thema. Aber für mich waren sie die Besten.
SWR Aktuell: Und so gesehen ist die Tatsache, dass das DFB-Team gegen sie verloren hat, etwas weniger dramatisch. Sie haben schon gesagt, Sie fanden diese EM begeisternd: Großartige Stimmung gab es, tatsächlich keine Krawalle, spannende Spiele, großes Zuschauerinteresse. Würden Sie sagen, dass diese Europameisterschaft auch sowas wie ein Wendepunkt im internationalen Frauenfußball ist?
Wohlleben:Es könnte ein kleiner Wendepunkt sein, speziell für die Länder, die im Niveau noch nicht so weit sind. Solange das von den „Staatsobrigen“ zugelassen und unterstützt wird, wird es ein weiteres Dazu sein für Länder, die noch nicht so weit sind. Ich war auch schon überrascht, dass die Schweiz so gut gespielt hat. Ein kleines Land, wenige Fußballerinnen im Vergleich zu den Deutschen, und trotzdem haben sie ordentlich gespielt. So kann man das auch bei anderen Ländern sehen, die so nach und nach heranwachsen.
SWR Aktuell: Der Frauenfußball ist ja tatsächlich heute ganz anders im Vergleich zu der Zeit, als sie noch aktiv waren, 1974 mit dem TuS Wörrstadt deutsche Meisterinnen wurden…
Wohlleben:Natürlich. Erstmal war die Spielzeit damals noch nicht zweimal 45 Minuten. Da waren es, wenn ich mich richtig erinnere, zweimal 35 Minuten. Wir hatten nicht den großen „Erwachsenenspielball“, sondern, ich meine, es war noch die Größe D, also D-Junioren, Größe 4 – und das Niveau hat sich total verändert. Das Spiel ist so schnell geworden. Wie enorm sich diese Sache verbessert hat seit der letzten EM! Da war es auch schon gut, aber dieses Mal war ich so angenehm überrascht insgesamt, wie das Ganze gelaufen ist. Das Spielniveau, die Zuschauer, wie Sie schon gesagt haben, die top hinter dem Frauenfußball stehen, die ganze Organisation in der Schweiz, es war eine Eins.
SWR Aktuell: Eine Eins, das ist schön. Und dann wäre so ein „Tor des Monats“ wie Ihres, das 1974 zum ersten Mal an eine Frau ging, diese „Auszeichnung“ in Anführungszeichen, so gesehen gar keine Sensation mehr?
Wohlleben:Nein, nicht. Es sind so viele schöne Tore geschossen worden, auch aus der zweiten Reihe, das heißt außerhalb vom Strafraum auf das Tor. Ich war begeistert. Da gibt es heute viele Auszeichnungen.
SWR Aktuell: Vielleicht sollten die tatsächlich mal vergeben werden. Sie haben gesagt, dass die spielerische Qualität einfach auch eine ganz andere ist als damals. Die DFB-Spielerin aber, heißt es, hätten gekämpft. Spielerisch seien sie nicht wirklich überzeugend gewesen, hieß es nach dem deutschen Halbfinal-Aus gegen Spanien. Und das liege auch am System. Der DFB ist auf dem weiblichen Auge blind. Punkt. Das hat die ehemalige Bayern-Spielerin Kathrin Lengert in der „Zeit“ gesagt…
Wohlleben:Ja gut… Also ich sage mal: Was ich schon jahrelang beobachte, ist, dass die deutschen Frauen zu viel Rohkraft trainieren, anstatt die Schnellkraft und die Leichtigkeit des Fußballspielens. Durch diese Rohkraft geht eine gewisse Schnelligkeit verloren. Ich kenne das aus der Leichtathletik. Die einen brauchen sehr viel Rohkraft: Diskuswerfen, Speerwerfen, technische Disziplinen. Aber bei der Schnellkraft müsste man die Pyramide des Trainingspotenzials, das man aufbaut, etwas ändern, damit die Rohkraft ein bisschen wegfällt. So sehe ich das. Das ist meine persönliche Auffassung. Ich bin jahrzehntelang Trainer …. Oh! TrainerIN muss ich ja sagen….Entschuldigung!
SWR Aktuell: Sie dürfen sagen, was Sie möchten.
Wohlleben:Ich sehe das alles nicht so eng und ich denke, dass es daran liegt. Und wenn ich an den Hrubesch denke, der ein wirklich väterlicher Freund für die Mädchen war, die auch mitdiskutieren durften in seiner Runde, wo er das nicht das Sprechen verboten hat – und jetzt die Äußerungen höre, von dem Herrn Wück, „die Spielerinnen, die kritisch sind, lasse ich zu Hause, die brauche ich nicht“, das zeigt nicht gerade die Souveränität. Auch die Ausstrahlung eines Trainers geht auf die Spielerinnen über, das ist nun mal so. Wenn Sie einen guten Trainer haben, der positiv auf die Spielerinnen einwirkt und nicht den Druck vermitteln will, ist meines Erachtens dann mehr Positives zu sehen, als wenn ein bisschen mit der Brechstange gearbeitet wird.
SWR Aktuell: Also eine andere Ausrichtung, schwerpunktmäßig auf die Art des Trainings. Aber liegt das auch ein bisschen am System, braucht es vielleicht doch Visionen und einen eigenen, anderen Weg?
Wohlleben: Das kann ich jetzt nicht so beurteilen. Das System alleine einzubehalten, bringt nicht den Erfolg, wie zum Beispiel bei den Französinnen. Bei den Spanierinnen habe ich etwas gesehen, auch bei den Engländerinnen, wo die Individualität einer Spielerin mit ausschlaggebend ist, wo man gar nicht direkt erkennen kann, wo geht jetzt der Ball hin? Also nicht so schablonenhaft. Das macht nämlich dann den Erfolg aus, weil das gegnerische Team im Defensivverhalten gar nicht genau weiß, was jetzt passiert. Wenn ich natürlich sehe, dass ein Diagonalpass auf die andere Seite erfolgt, dann weiß ich, aha, das läuft jetzt so, da wird das Spiel verlagert auf die andere Seite und so weiter. Das ist ausmachbar, das andere nicht.
SWR Aktuell: …aber nicht sehr kreativ und nicht sehr erfolgreich. Wie lange braucht es denn, um eine Mannschaft, um ein Frauenfußballteam so umzustellen? Vielleicht schon für die nächste WM in zwei Jahren?
Wohlleben:Das könnte gut sein, es muss etwas umgedacht werden. Die Mädels sind auch Menschen und man kann die nicht unter Druck setzen, in dem Sinne, wie ich das gesehen habe, sondern man muss ihnen auch ein bisschen Freiräume zugestehen. Dann spielen sie auch insgesamt freier auf. Das war wirklich schablonenhaft, was ich da gesehen habe, im Großen und Ganzen. Sie haben gut gespielt, sie haben gut gekämpft, sie haben sehr, sehr viel Energie hergegeben. Das ist alles positiv zu werten, von meiner Seite aus. Aber die Leichtigkeit war nicht ganz vorhanden.