SWR Aktuell: Ist das nur noch ein absurdes politisches Sommertheater? Oder ist das für Sie tatsächlich noch das seriöse Verhandeln zweier Buchhalter, die einen verfassungsgerechten Haushalt hinbiegen wollen?
Es ist nicht nur absurd
Quelle: Clemens Fuest, IFO-Chef
Clemens Fuest: Ich würde schon sagen, dass diese Verhandlungen wichtig sind. Es ist nicht nur absurd, obwohl die Summe jetzt relativ zum Gesamtvolumen klein wirkt. Wir müssen aber sehen, es geht ja vor allem um die Frage: Wie finanzieren wir Investitionen? Und es ist ja eine sehr wichtige Frage. Wir wollen ja Wachstum haben, wir wissen: Die Infrastruktur, die Bahn brauchen mehr Investitionen. Da geht es dann um die Frage: Finanzieren wir das aus Zuschüssen oder durch Kreditaufnahme? Und die Schuldenbremse, die wir haben, die begrenzt ja die Kreditaufnahme und fordert von der Politik, dass man sehr genau überlegt, wofür gibt man das Geld der Bürger aus? Und genau darum geht es jetzt in diesem Streit. Wenn man also Zuschüsse gibt für die Bahn, für Autobahnen, dann bedeutet das: Wir nehmen jetzt Steuergelder und investieren die eben, um die Autobahn zu reparieren und auf Vordermann zu bringen, vielleicht auch neue Straßen zu bauen und um der Bahn zu helfen. Und da wir das mit Kreditaufnahme machen, dann müssen eben diese Kredite später bedient werden. Um diese Frage geht es.
SWR Aktuell: Aber es ist ja trotzdem letzten Endes ein Glaubenskrieg. Die einen sagen: Eine straffe Schuldenbremse verbaut den Weg in die Zukunft. Die anderen sagen: Ohne Bremse packen wir den jungen Generationen noch mehr Schulden obendrauf. Wie könnte da der optimale Weg aussehen?
Fuest: Eine Orientierung ist zu sagen, okay, wenn der Staat durch Investitionen neues Kapital schafft, neues Vermögen baut, zum Beispiel eine neue Straße baut, dann ist es in Ordnung, wenn man das mit Krediten finanziert. Und das geht auch unter der Schuldenbremse durch die sogenannten finanziellen Transaktionen. Wenn es aber nur darum geht, verfallene Infrastruktur zu ersetzen, dann entsteht beim Staat ja gar kein neues Vermögen. Und dann sollte man das doch eher aus laufenden Einnahmen finanzieren. Und hier in diesem Streit ist jetzt eben nicht so klar: Geht es bei der Autobahn wirklich um neue Autobahnen oder geht es nur um den Ersatz von vorhandenen Straßen, um die Sanierung von vorhandenen Straßen? Das wird dann eher für Zuschüsse sprechen. Diese Auseinandersetzung ist schon wichtig. Im Weiteren geht es ja auch um die Frage: Löst man das, indem man einfach mehr Schulden macht, oder ringt man eben hart darum, wofür der Staat sein Geld ausgibt? Die Schuldenbremse sagt, man soll sich eben nicht immer in Verschuldung flüchten, sondern man braucht harte Auseinandersetzungen in der Politik. Insofern finde ich es auch nicht unbedingt so negativ, wenn die Koalition jetzt streitet. Die Koalition wird dafür kritisiert, dass sie streitet. Aber genau das fordert eigentlich die Schuldenbremse: Überlegt euch sehr genau, wofür ihr das hart erarbeitete Geld der Steuerzahler ausgebt. Ich habe den Eindruck, damit ist die Koalition beschäftigt. Und ich würde sagen das ist gut so.
SWR Aktuell: Sie sagen ja auch selbst, dass die Schuldenbremse auch sinnvolle Spielräume zulasse, wenn Investitionen eben bei lahmender Wirtschaft sinnvoll seien. Es ist eine Frage der Bewertung. Aber wer kann so was denn überhaupt unabhängig bewerten?
Fuest: Ja, es gibt natürlich auch von wissenschaftlicher Seite eine ganze Reihe von Bewertungen. Jetzt ist es aber so, dass es auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich natürlich nicht immer einig sind. Letztlich müssen wir sagen: Wir haben die Schuldenbremse, sie steht im Grundgesetz, und solange es keine Mehrheiten gibt, dies zu ändern, muss die Politik sich eben daran halten. Da geht es natürlich jetzt oft auch um Feinheiten, um die Auslegung dieser Schuldenbremse. Und was der Finanzminister verhindern will, ist, dass die Bundesregierung demnächst wieder vom Verfassungsgericht steht und sich eine Ohrfeige abholt, wie das ja im letzten November erst war. Auch deshalb ist verständlich, dass der Finanzminister sagt: Leute, sehr, sehr vorsichtig! Wir müssen sehr genau überlegen, ob wir Budgettricks durchführen oder ob wir uns im Rahmen der Schuldenbremse bewegen. Das ist jetzt eher ein juristisches Problem als ein ökonomisches. Aber ich verstehe, dass der Finanzminister vermeiden möchte, dass der Haushalt schon wieder verfassungwidrig ist.
SWR Aktuell: Die Zeit läuft ab, um den Haushalt für 2025 in trockene Tücher zu bekommen. Rein rechnerisch muss das ja diese Woche eigentlich passieren. Ihre Prognose: Kriegen Scholz, Lindner und Habeck das irgendwie noch hin?
Fuest: Ich würde mir wünschen, dass sie es nicht nur hinkriegen, sondern dass sie Investitionen priorisieren, statt wie so oft auf Konsum zu setzen. Wir brauchen wirklich Investitionen in Autobahn und Bahn. Meiner Erwartung wäre also, dass man das hinbekommt und dass man sich in der Tat auch einigt. Ich glaube nicht, dass die Koalition daran zerbrechen wird.
SWR Aktuell: Es gibt eine Menge Baustellen, Stichwort Energieumbau. Infrastruktur hatten Sie angesprochen, Digitalisierung, Investitionen, Zukunftstechnologien. Was sollte man da priorisieren? Alles gleichzeitig wird kaum gehen, oder?
Fuest: Ja, das ist richtig. Also ich denke, wir müssen Dinge priorisieren, die eigentlich unumstritten sind: Dass der Staat sich um Infrastruktur kümmern muss, dass Brücken nicht marode sein dürfen, das ist eigentlich unumstritten. Dass wir vernünftige Schulen brauchen, das ist ebenfalls unumstritten. Und dass wir im Bereich der Digitalisierung etwa großen Investitionsbedarf haben, auch das ist ja unumstritten. Schutz vor Klimaerwärmung, vor Extremwetterlagen, Dekarbonisierung, das ist im Grunde auch ein Bereich, in dem klar ist: Es muss mehr gemacht werden. Es gibt eine ganze Reihe von Bereichen, in denen muss investiert werden. Und das ist eigentlich unumstritten. Und auf das sollte man sich konzentrieren. Ob wir gleichzeitig Dinge tun müssen, wie 10 Milliarden als Subvention für eine Chipfabrik von Intel auszuschütten, ich glaube, das ist weniger unumstritten. Und das könnte man vielleicht erst einmal zurückstellen.