SWR Aktuell: Erstmal ganz grundsätzlich, was ist Gürtelrose eigentlich genau?
Ab Ende 40 kann es sein, dass die Viren versuchen, wieder auszubrechen und uns krank zu machen.
Quelle: Lothar Zimmermann, Arzt und Journalist
Lothar Zimmermann: Damit man Gürtelrose bekommen kann oder sie bekommt, muss man in der Kindheit Windpocken gehabt haben. Und diese Windpocken bekämpft das Immunsystem des Körpers. Dann bleiben aber diese Viren im Körper zurück, und zwar in den Nerven des Rückenmarks und den Nervenknoten. Und da verstecken die sich sozusagen. En gesundes Immunsystem hält diese Viren dann in Schach. Aber wie alles altert auch unser Immunsystem. Und dann ab so Ende 40 kann es sein, dass die Viren versuchen, wieder auszubrechen und uns krank zu machen. Und wenn sie uns das zweite Mal dann krank machen, dann bekommen wir nicht wieder Windpocken, sondern dann bekommen wir diesen Herpes Zoster, diese Gürtelrose. Und das sind diese Schmerzen, die entlang der Nervenbahnen sich ausbreiten, auch mit roten Bläschen, die sehr, sehr unangenehm sein können. Und wenn es wirklich dumm läuft, dann hat man hinterher noch so eine Neuralgie, dauerhafte Nervenschmerzen, die über Jahre anhalten können. Deswegen empfiehlt man, sich gegen die Gürtelrose impfen zu lassen.
SWR Aktuell: Diese Impfung wurde bisher vor allem älteren Menschen empfohlen. Was hat sich denn da jetzt geändert?
Zimmermann:Man hat erkannt, dass auch junge Menschen erkranken, die ein schwächeres Immunsystem haben. Und wann ist das Immunsystem schwächer? Das ist halt bei Diabetes so, wenn ich rheumatische Erkrankungen habe oder sonstige Grunderkrankungen. Dann wird empfohlen, dass man diese Impfung auch schon früher macht. Und es ist auch aufgefallen, dass in der Zeit nach Corona häufiger auch jüngere Menschen, und das heißt jetzt nicht nur Menschen mit 20, sondern auch mit 30 und 40, erkranken. Und wenn man jemanden kennt oder jemanden trifft, und da kenne ich einige, die die Gürtelrose bekommen haben, auch schon unter 60, dann weiß man, was für Schmerzen das auslöst und wie unangenehm diese Krankheit sein kann. Und dann entscheidet man sich auf jeden Fall dafür, sich impfen zu lassen.
SWR Aktuell: Aber die Standard-Impfempfehlung für alle anderen bleibt ja weiterhin bei 60 Jahren. Warum denn?
Zimmermann: Weil man davon ausgeht, dass das Immunsystem bei den meisten Menschen, die auch keine Krankheit in sich tragen, also kein Rheuma, Diabetes oder sonst was haben, fit genug ist, um die Erreger in Schach zu halten. Bei Älteren, wie gesagt, kann es sein, dass das Immunsystem dann mal schläft sozusagen und das Virus diese Lücke da ausnützt und denkt so, und jetzt mache ich Dich wieder krank.
Wie wirksam ist denn diese Impfung eigentlich und wie lange hält die dann?
Zimmermann:Die Impfung ist sehr, sehr wirksam. Die schützt weit über 90 Prozent. Wie lange sie genau hält, das muss man in den nächsten Jahren noch erforschen und beobachten. Man geht davon aus, dass sie uns mindestens zehn Jahre gut schützt. Und dann muss man tatsächlich schauen, ob man nochmal nachimpfen muss. Aber bislang gibt es keine weitere Empfehlung, außer dass man sagt Menschen ab 60 – und mit Grundkrankheiten früher – sollten sich unbedingt gegen Herpes Zoster impfen lassen.
SWR Aktuell: Und jetzt kommen wir noch zu dem bereits angedeuteten Zusatznutzen. Es gibt nämlich Hinweise auf einen möglichen Schutz vor Demenz durch die Impfung. Wie belastbar sind denn die Daten dazu?
Menschen, die sich haben impfen lassen, sind bis zu 20 Prozent weniger häufig an Demenz erkrankt.
Quelle: Lothar Zimmermann, Arzt und Journalist
Zimmermann: Das ist doch eine super Nachricht, oder? Ja, es ist erstaunlich. Es gab zwei Studien, mittlerweile sogar drei, aus Wales, Australien und Kanada. Da hat man entdeckt, dass Menschen, die sich gegen Zoster haben impfen lassen, bis zu 20 Prozent weniger häufig an Demenz erkrankt sind. Und da das auf ganz verschiedenen Kontinenten war und man da auch eine relativ große Gruppe untersucht hat, die geimpft wurde im Gegensatz zu Nichtgeimpften, war das eine ganz erstaunliche Entdeckung. Warum das so ist, weiß man auch noch nicht. Da wird auch weiter geforscht. Aber wenn es denn so ist, und darauf deuten die Daten hin, hat diese Impfung eine Nebenwirkung, über die wir uns eigentlich alle nur freuen können.