Die bevorstehenden Landtagswahlen im Osten Deutschlands sind ein weiteres Beispiel dafür, dass Künstliche Intelligenz und die von ihr produzierten Texte, Bilder und Slogans in der politischen Kommunikation eine immer größere Rolle spielen. Dass Politiker ihre Reden von einer KI schreiben lassen und KI-generierte Bilder auf Plakaten erscheinen, wird von vielen Wählerinnen und Wählern meist hingenommen; dass aber immer mehr Inhalte, Statistiken oder Informationen KI-generiert sind, bereitet allen Demokraten Sorgenfalten. Denn es wimmelt im Netz nur so von Desinformation und Fake-News.
Wird KI also zur Gefahr der freiheitlich demokratischen Grundordnung? Schwächt sie unsere politische Urteilskraft? Ja, findet der Philosoph und Bestseller-Autor Christoph Quarch: "…und was noch schlimmer ist: Sie zerstört sie. Schauen wir uns an, was in Social Media geschieht. Die Algorithmen der Anbieter erkunden das Verhalten der Nutzer und sorgen dafür, dass sie nur solche Inhalte zugespielt bekommen, bei denen sie mutmaßlich lange verweilen. Klar, denn in der Logik der Social Media ist die Verweildauer Geld wert. Also werden die Nutzer mit Inhalten gefüttert, die sie in Ihrer Meinung bestätigen. Das führt dazu, dass sich ihre Sichtweise und ihr Weltbild immer mehr verhärten. Sie kommunizieren mit Gleichgesinnten und haben kaum noch Gelegenheit, andere Perspektiven kennenzulernen, geschweige denn Argumente auszutauschen."
Algorithmen entziehen einer Gesellschaft das gemeinsame Fundament, das nötig ist, um politische Diskurse zu führen.
Quelle: Christoph Quarch, Philosoph und Bestsellerautor
Anders als früher, wo Menschen vielleicht auch nur diejenigen Zeitungen gelesen haben, die ihrer politischen Meinung entsprachen, kommt aus Sicht des Philosophen Quarch in Sachen KI ein neuer Umstand hinzu: Social Media nämlich vermittelt den Nutzern nicht immer gültige Informationen, sondern vor allem solche, die sie ködern. Dadurch sei es für Nutzer oft unmöglich zu unterscheiden, ob es sich um Fakenews oder reale Tatsachen handelt.
"Je mehr man sich in der Echokammer seines Accounts eingenistet hat, desto schwieriger wird es; bis dahin, dass man gar nicht mehr danach fragt, ob eine Information der Realität entspricht oder nicht, sondern sie nur noch danach gewichtet, ob sie einem zusagt - oder ob sie einen emotional triggert. Das macht es den Manipulatoren leicht, denn auf diese Weise kann man jede Form des kritischen Denkens ausschalten und blinde Gefolgschaft erzeugen. Vor allem Rechtspopulisten bedienen sich hierzulande dieser Strategie mit großem Erfolg."
Frage an den Philosophen: "Ist die Demokratie in Zeiten von KI noch zu retten?"
Zugespitzt lässt sich also fragen: Ist die Demokratie noch zu retten? Bei der Antwort darauf ist der Autor und Philosoph Quarch zwiegespalten: "Vielleicht brauchen wir neue Formen der Demokratie. Das Hauptproblem sehe ich darin, dass KI nicht nur die Demokratie gefährdet, sondern das Politische. Damit meine ich eine mentale Haltung, die als Maßstab der Politik nicht die Partikularinteressen bestimmter Individuen, Lobbys, Unternehmen oder Gruppen sieht, sondern das Gemeinwohl des Gemeinwesens; ich sage bewusst nicht "des Volkes" - weil diejenigen, die sich als "Volk" deklarieren, oft nicht das Gemeinwohl im Blick haben, sondern nur ihre Partikularinteressen".
Ein hoffnungsvolles Fazit aus Sicht des Philosophen könnte lauten: KI sollte auf Gemeinsinn ausgerichtet werden: "Was wir brauchen, ist eine Stärkung des Gemeinsinns. Und den müssen wir unseren KIs antrainieren. Die gängigen Modelle sind davon weit entfernt. Sie ticken genauso vorteilsorientiert wie die Firmen, die sie in Umlauf bringen. Wir brauchen bessere KIs, die systemisch denken und den Blick fürs Ganze haben. Das wäre die Aufgabe einer so dringend notwendigen Europäischen KI-Strategie."