Die Bravo war nicht nur eine Zeitschrift, sondern eine Art Sozialisations-Instanz, sagt Nina Kolleck, Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam, im Gespräch mit SWR Aktuell-Moderator Simon Dörr. "Die Bravo hat Generationen geprägt. Alle Jugendlichen kannten die Bravo und jeder hatte schon einmal die Bravo gelesen, viele haben sie wöchentlich gelesen. Zudem hat die Bravo junge Menschen in ihrem Verständnis von Liebe und Sexualität geprägt."
Bravo längst kein "must have" mehr
Am Internetzeitalter und an den Sozialen Medien ist aber auch die Bravo nicht vorbeigekommen. Für junge Leute ist sie heute überhaupt kein "must have" mehr. Manche lesen sie zufällig im Wartezimmer, andere erinnern sich noch an das Doktor-Sommer-Team.
Welche Abfahrt hat die Bravo verpasst, dass sie sich nicht an die Realität der heutigen Zeit anpassen konnte?
Das Problem betreffe nicht nur die Bravo, aber es betreffe sie vielleicht ein bisschen stärker als andere Zeitschriften, die vor allem das akademische Milieu erreichen, meint Kolleck. "Junge Menschen informieren sich einfach sehr wenig über Zeitungen - schon gar nicht, wenn es um Fragen von Sexualität geht. Da haben die Sozialen Medien alles übernommen." Obwohl die Bravo auch auf Social Media vertreten ist, kann die Zeitschrift nicht an den Erfolg von damals anknüpfen. Das Problem, so die Erziehungswissenschaftlerin:
Wenn wir heute in die Sozialen Medien gehen, sehen wir, dass ganz viele Influencer [zum Thema Sexualität] informieren, dass - je nach Nutzer - auch andere Informationen zugespielt werden und dass sexuelle Aufklärung inzwischen sehr individualisiert erfolgt.
Quelle: Nina Kolleck, Professorin für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam
Sind wir heute aufgeklärter als zu Dr. Sommer-Zeiten?
Ob junge Leute heute aufgeklärter sind als damals zu Zeiten von Dr. Sommer, vermag die Erziehungsexpertin nicht ganz genau zu sagen: "Einerseits ja, weil die frühere Generation noch stärker mit Scham oder gar nicht über bestimmte sexuelle Themen geredet hat als heute. Während die Bravo Fotos von makellosen Körpern gezeigt hat, zeigen die Sozialen Medien auch Körper, mit denen sich andere Menschen identifizieren können. Dadurch kommt es zu einer Entschämung, viele Jugendliche schämen sich nicht mehr für ihren Körper." Andererseits wisse man, dass Social Media nicht neutral Informationen nach oben pusht, sondern unrealistische sexuelle Szenarien zeige, so Nina Kolleck.