Ein Flachdachhaus in Miaoli im Nordwesten Taiwans. Auf einem Metallgestell sind Solarpanele installiert, mit einer Leistung von 10,03 kWp. Seit Ende 2017 produziert die Anlage etwa 13000 kWh Strom pro Jahr. Das Besondere an der Anlage – es handelt sich um die erste PV-Dachanlage in Taiwan, die von einer Energiegenossenschaft betrieben wird.
Die Bürgerenergiegenossenschaft “Green Advocates”, auf Chinesisch 綠主張綠電合作社 wurde 2016 gegründet, als erste Energiegenossenschaft in Taiwan. Doch sie hat es nicht nicht einfach.
Dass die taiwanische Energiewende nur stockend voran kommt, darüber habe ich in dieser Sendung schon häufig berichtet. 2025 wurden 13.3% der Elektrizität in Taiwan aus erneuerbaren Energien generiert. Nach den Ausbauzielen der taiwanische Regierung hätten es eigentlich 20% sei sollen – Taiwan liegt also fast 7 Prozentpunkte unter dem Zielwert.
Ein Grund für den langsamen Ausbau ist auch eine gesellschaftliche Skepsis gegenüber erneuerbaren Energien, befeuert durch Korruptionsfälle und Desinformationen. Eine Möglichkeit, die zu mehr Akzeptanz von erneuerbaren Energien führen könnte, sind Bürgerenergiegenossenschaften. Hier schließen sich Menschen zusammen, um selber in erneuerbare Energien zu investieren. Statt Großkonzernen sollen Bürger selber finanziell profitieren.
Ich habe mit Hwang Shu-te (黃淑德) gesprochen. Sie ist die Direktorin der Bürgerenergiegenossenschaft “Green Advocates”. Diese Bürgerenergiegenossenschaft wurde im Jahr 2016 von Mitgliedern der Hausfrauen-Allianz-Stiftung gegründet, jener feministischen Umweltbewegung, über die ich kürzlich ein einem anderen Beitrag berichtet hatte.
PV-Dachanlagen zur Vermeidung von Landnutzungskonflikten
Der Gründung der Energiegenossenschaft im Jahr 2016 gingen drei Jahre der intensiven Vorbereitung voraus, in denen sich die Gruppe mit Initiativen in Japan und Südkorea beschäftigte. Dabei merkte man, dass es zwar viele Gemeinsamkeiten gibt – aber auch Unterschiede.
“Zum Beispiel ist Südkorea flächenmäßig 10 mal so groß wie Taiwan, und die Bevölkerung ist sechsmal so groß. Weil die Überalterung der Gesellschaft in Südkorea früher eingesetzt hat, gibt es dort mehr landwirtschaftliche Flächen, die brachliegen. Wenn sie also Agri-PV machen, ist ihre Überlegung, neben landwirtschaftlichem Ertrag zusätzliche Einnahmen durch Stromerzeugung zu haben.”
In Taiwan sei das anders – Freiflächen-PV gehe hier mit anderen Problemen einher.
“Die Herangehensweise in Taiwan war, wild Flächen aufzukaufen, das nennt sich land grabbing. Es ist ein ernstes Problem, egal ob in landwirtschaftlichen Gebieten oder in der Fischzucht. “
Vor vier Jahren habe dann das Landwirtschaftsministerium (damals noch der Landwirtschaftsrat) diesem Prozess Einhalt geboten. Dennoch zeigt sich Hwang Shu-te kritisch gegenüber Freiflächen-PV in Taiwan.
“Was ich damit meine ist, dass landwirtschaftliche Flächen von Solarkraft übermannt werden, ohne dass es eine Koexistenz gibt. Weil die Fläche von Taiwan sehr begrenzt ist, wird das Land relativ leicht zum Spekulationsobjekt.”
Um das Problem einmal zu veranschaulichen: Taiwan hat in etwa die Fläche von Baden-Württemberg, mit mehr als doppelt so vielen Einwohnern. Die Green Advocates Genossenschaft entschloss sich aufgrund dieser potentiellen Landnutzungskonflikte, auf Photovoltaik-Dachanlagen zu setzen, anstatt auf Freiflächen-PV.
“Anfangs haben wir uns dafür entschieden, aus ethischen Gründen nur Dachanlagen zu machen. Wir machen keine Freiflächen-PV, weil wir bemerkten, dass es dabei Landnutzungskonflikte mit dem Anbau von Lebensmitteln gibt. Außerdem ist der Genehmigungsprozess viel langwieriger.”
Die Herausforderung beim Betrieb von Dachanlagen wiederum lägen in den Ausschreibungsverfahren, erzählt Hwang Shu-te.
“Bei Schulen oder öffentlichen Gebäuden ist die normale Herangehensweise von Lokalregierungen, dass man eine Ausschreibung macht. Ich suche eine Firma, es gibt eine Auktion, und dann heißt es: “the winner takes it all”.....