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Unser ganzes Leben ist eine Gnadenzeit.
Es ist auch eine Gnadenzeit, die der Weingärtner seinem Feigenbaum gewährt, damit er nicht zugrunde geht.
Und es ist genau die Erfahrung des verlorenen Sohnes, wenn es dort heißt es, dass er am Schweinetrog endet und Hunger leidet, so dass er fürchtet zugrunde zu gehen, Weder der Reichtum, das Materielle, das ihm zunehmend entglitten ist, konnte ihm den Hunger stillen, noch kann ihn die Ernte, also die Schöpfung mit ihren Ressourcen, retten, weil ihm niemand davon gibt. Er will also umkehren zur Quelle, zum Vater.
Es war eine ganz dichte Zeit vorausgegangen. Eine Woche zuvor hatte Petrus sein Bekenntnis zu Jesus als Messias abgelegt und hier, bei der Verklärung, wird dieses feierlich vom Vater bestätgt, der auf die Hingabe seines Sohnes mit der Ausgießung seines Lichtes antwortet.
Auch die Jünger werden mit hineingenommen in die lichte Wolke, die sie überschattet. Die Jünger, die dabei sind, müssen irgendwie darauf reagieren und sie sind heraugefordert: Petrus äußert sich zuerst und will etwas Bleibendes schaffen, er will „Hütten bauen“, wo anderes gefordert ist.
Was wir auf dem Berg sehen, ist auch ein Bild für die Kirche - sie ist in diesem Moment nicht in die Aktion - und noch nicht in die Passion - hineingerufen - ihre letzte Bestimmung ist es, das Licht der Herrlichkeit des Herrn zu schauen und dieses Licht in die Welt hineinzustrahlen.
Unser eigenes „Brett vor‘m Kopf“ ist so etwas wie der „Balken“ von dem Jesus im heutigen Evangelium spricht:
Das Wort vom „Balken im eigenen Auge“, den man zunächst sehen soll, verbietet es uns nicht, uns ein Urteil zu bilden, um zu sehen, was gut und was böse ist. Aber es gebietet uns, wahrzunehmen, dass unser Blick verstellt und oft getrübt ist und wir uns selbst und unsere Fehler mit einem anderen Maßstab messen, als wir es bei anderen tun. Wer aber seine eigene Realität mit klarem Blick sieht, wird auch die Realität des anderen mit Liebe und Barmherzigkeit sehen. Hier setzt das Gebot der brüderlichen Zurechtweisung an, das an anderer Stelle steht, wo Jesus sogar gebietet, einen anderen auf etwas aufmerksam zu machen, damit er sich korrigieren kann. Im tiefen Bewusstsein eigener Schuldhaftigkeit und Erlösungsbedürftigkeit wird das Urteil nie zur Verurteilung.
Es ist eine herausfordernde Rede, die Jesus seinen Jüngern hält. Er traut ihnen und uns einiges zu. Die „Wange hinzuhalten“ und den „Mantel dazuzugeben“, heißt nicht, sich blind dem Bösen zu ergeben. Man könnte zunächst meinen, dass das Wange-Hinhalten ein Stillhalten ist und sich dem Bösen auszuliefern. Aber es bedeutet viel mehr als passiv zu sein, als sich zu ergeben, weil man zu feige ist, weil man . Es meint vielmehr, das Böse durch das Gute zu besiegen und nicht der Gefahr zu erliegen, dass das Böse und das Unrecht, das ich erfahren habe, in mein Herz eindringt. Die Feldrede spricht als „Magna Charta“ christlichen Lebens von einer Liebe, die „trotz allem“ liebt, trotz des Unrechts und trotz der Verletzung, die ich erfahren habe. Was Jesus uns hier vor Augen stellt, in diesem Dennoch-Lieben und der Gewaltlosigkeit der Liebe, ist sein eigener Lebensentwurf, wenn er betet: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!" Nicht in der Verbitterung erfährt der Mensch Heilung.
Wir begegnen der Größe des göttlichen Rufes, der an das Herz des Menschen ergeht, sei es im alten Testament an den Propheten Jesaja, sei es im neuen Testament an Petrus und an Paulus. Und da, wo der Mensch den Ruf Gottes als Gnade erfährt, da erfährt er zugleich auch seine eigene Unwürdigkeit. „Herr, geh weg von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch!“, so ruft Petrus aus, als er die überreiche Gabe des Fischfangs empfängt und Jesaja sagt: „Weh mir, ich bin ein Mensch mit unreinen Lippen!“ Gott beruft und begnadet trotz unserer Schwächen und trotz unserer Unvollkommenheit.
Jesus hat standgehalten. Nicht nur in der Wüste, als er, vom Geist geführt, durch die Feuerprobe der Versuchung ging, konfrontiert mit den eigenen Bedürfnissen und der Frage, welchen Stellenwert sie einnehmen, wenn es um‘s Ganze geht, Jesus hat auch standgehalten in Nazareth, als man Wunder erwartet hat, die er dort nicht wirken konnte. Als die Menge ihn daraufhin den Abhang hinunterstürzen will, geht er mitten hindurch und geht weg. Hier suchen die Menschen nicht die Begegnung mit ihm, sondern die Sensation, das große Ereignis. So wird uns, wie so oft, durch das Evangelium ein Spiegel vorgehalten und wir werden gefragt, was wir wohl bei Jesus suchen?
Das Auftreten in der Synagoge in Nazareth ist wie ein gewaltiger Fanfarenstoß der anbrechenden messianischen Zeit: „Der Herr hat mich gesalbt, den Armen das Evangelium zu verkünden.“ Und die darauf folgende Auffächerung in die Befreiung der Gefangenen, in die Heilung der Blinden und in das Aufrichten der Gebeugten wird Wirklichkeit in allem, was Jesus tut. Wenn er von Bindungen befreit und aus Sünde losspricht, Gelähmte in die Freiheit entlässt und damit in die Erlösung hineinführt, so wird hier Wirklichkeit, wozu auch jeder einzelne Getaufte kraft seiner Salbung berufen ist: Hoffnung zuzusprechen, aufzurichten und befreiend und erlösend zu wirken.
Wo es der Kirche nicht mehr um dieses innerste Heilsein geht, darum, den Menschen mit Gott in Berührung zu bringen, da wird sie langweilig und da hat sie keine Bedeutung mehr.
Es ist wie ein neuer Schöpfungsmorgen! Der geöffnete Himmel ist ein Bild dafür, dass die Sonne Gottes neu über den Menschen aufgeht und dass in dem Moment, als Christus aus dem Wasser des Jordan emporsteigt, die geheimnisvolle und unendlich fruchtbare Zusammenarbeit des göttlichen Geistes mit dem menschlichen Fleisch beginnt. Christus ist das Urbild und wir sind das Abbild.
Es ist keine einfache Situation, der sich die Eltern Jesu hier gegenübergestellt sehen: das Kind ist weg, unauffindbar, man selbst in größter Angst, Sorge und Ungewissheit und, als man es endlich findet, antwortet es nur: „Wusstet ihr denn nicht...?“ - Es ist wie ein Bruch, der in die harmonische Entwickung kommt, in der Jesus wohl zuvor aufgewachsen ist - so wie jeder andere Mensch- , denn hier deutet sich zum ersten Mal an: er handelt so, wie er handeln muss, es ist göttliche Sendung und es ist Auftrag. Die Eltern erschrecken, denn sie kennen die Weissagung des alten Simeon im Tempel in den ersten Tagen nach der Geburt des Kindes, der prophezeit hat, dass das Kind Ablehnung und Widerstand erfahren wird. Und die Eltern stehen wohl vor der aufrichtigen und bangen Frage: „Ist es jetzt so weit?“
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