Soziale Angst sagt uns häufig voraus, was andere über uns denken werden. Das soziale Experiment hilft, solche Befürchtungen nicht nur gedanklich zu hinterfragen, sondern durch kleine Erfahrungen in der Realität zu überprüfen.
Selbsttest: Wie stark glaubst du deinen Angstprognosen?
Bewerte jede Aussage:
0 = nie
1 = selten
2 = manchmal
3 = häufig
4 = fast immer
- Ich stelle mir vor sozialen Situationen häufig vor, was schiefgehen könnte.
- Ich glaube schnell, dass andere Menschen mich negativ beurteilen werden.
- Ich behandle meine Befürchtungen manchmal so, als wären sie bereits Tatsachen.
- Ich vermeide Situationen, weil ich negative Reaktionen anderer erwarte.
- Ich beobachte während sozialer Situationen ständig die Reaktionen anderer.
- Ein kurzer Blick oder eine neutrale Reaktion kann bei mir starke Sorgen auslösen.
- Ich überlege nach einer sozialen Situation, ob andere mich möglicherweise komisch fanden.
- Ich habe Schwierigkeiten damit, nicht zu wissen, was andere über mich denken.
- Ich brauche häufig eine gewisse Sicherheit, bevor ich mich auf eine soziale Situation einlasse.
- Ich habe schon erlebt, dass meine Befürchtungen deutlich schlimmer waren als das, was tatsächlich passiert ist.
Auswertung
0–10 Punkte – eher geringe Angstprognosen Du scheinst deinen Befürchtungen relativ häufig mit einer realistischen Perspektive begegnen zu können.
11–20 Punkte – gelegentliche Angstprognosen Du kennst vermutlich Situationen, in denen deine Gedanken schneller zu negativen Vorhersagen tendieren. Kleine Verhaltensexperimente können helfen, diese Vorhersagen zu überprüfen.
21–30 Punkte – deutliche Angstprognosen Befürchtungen über die Reaktionen anderer scheinen dich häufiger zu beeinflussen. Es kann hilfreich sein, systematisch zwischen
Vorhersage und tatsächlicher Erfahrung zu unterscheiden.
31–40 Punkte – starke Angstprognosen Negative Erwartungen und Unsicherheit scheinen einen großen Einfluss zu haben. Wenn dadurch dein Alltag, deine Beziehungen oder deine Lebensqualität eingeschränkt werden, kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein.
Wichtig: Dieser Selbsttest ist
kein diagnostisches Instrument und ersetzt keine psychologische oder psychotherapeutische Diagnostik.
Therapeutischer Hinweis
Das soziale Experiment lässt sich besonders gut als
Verhaltensexperiment im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie einsetzen.
Dabei wird zunächst eine konkrete Befürchtung formuliert:
„Wenn ich alleine im Café sitze, werden mich die anderen negativ beurteilen.“
Anschließend wird eine überprüfbare Vorhersage getroffen, beispielsweise:
„Ich erwarte mit 80 % Wahrscheinlichkeit eine negative Reaktion.“
Nach der Situation wird die tatsächliche Erfahrung ausgewertet:
„Was habe ich vorhergesagt – und was habe ich tatsächlich beobachtet?“
Dabei sollte zwischen
beobachtbaren Fakten und Interpretationen unterschieden werden. „Eine Person hat mich kurz angesehen“ ist eine Beobachtung. „Die Person fand mich komisch“ ist dagegen eine Interpretation.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist die schrittweise Reduktion von
Sicherheitsverhalten. Wer beispielsweise ständig das Handy benutzt, Blickkontakt vermeidet oder Gespräche innerlich vorbereitet, erhält möglicherweise weniger Gelegenheit, neue Erfahrungen zu machen.
Das Ziel der Übung ist
nicht, dass Angst während des Experiments sofort verschwindet. Entscheidend ist vielmehr, dass die Person neue Lernerfahrungen macht:
„Meine Befürchtung ist nicht automatisch eine Tatsache.“
und:
„Ich kann Unsicherheit und Angst aushalten und trotzdem handeln.“
Bei stärker ausgeprägter sozialer Angst sollten Verhaltensexperimente individuell angepasst und gegebenenfalls therapeutisch begleitet werden.
Literatur
- Clark, D. M., & Wells, A. (1995). A cognitive model of social phobia. In R. G. Heimberg, M. Liebowitz, D. Hope, & F. Scheier (Eds.), Social Phobia: Diagnosis, Assessment, and Treatment (pp. 69–93). Guilford Press.
- Rapee, R. M., & Heimberg, R. G. (1997). A cognitive-behavioral model of anxiety in social phobia. Behaviour Research and Therapy, 35(8), 741–756. https://doi.org/10.1016/S0005-7967(97)00022-3
- Hofmann, S. G. (2007). Cognitive factors that maintain social anxiety disorder: A comprehensive model and its treatment implications. Cognitive Behaviour Therapy, 36(4), 193–209. https://doi.org/10.1080/16506070701421313
- Wells, A. (1997). Cognitive Therapy of Anxiety Disorders: A Practice Manual and Conceptual Guide. Wiley.
- Bennett-Levy, J., Butler, G., Fennell, M., Hackmann, A., Mueller, M., & Westbrook, D. (2004). Oxford Guide to Behavioural Experiments in Cognitive Therapy. Oxford University Press.
- Morrison, A. S., & Heimberg, R. G. (2013). Social anxiety and social anxiety disorder. Annual Review of Clinical Psychology, 9, 249–274.
- Hofmann, S. G., & Smits, J. A. J. (2008). Cognitive-behavioral therapy for adult anxiety disorders: A meta-analysis of randomized placebo-controlled trials. The Journal of Clinical Psychiatry, 69(4), 621–632.
- Heimberg, R. G., & Becker, R. E. (2002). Cognitive-Behavioral Group Therapy for Social Phobia: Basic Mechanisms and Clinical Strategies. Guilford Press.
- Craske, M. G., Treanor, M., Conway, C. C., Zbozinek, T., & Vervliet, B. (2014). Maximizing exposure therapy: An inhibitory learning approach. Behaviour Research and Therapy, 58, 10–23. https://doi.org/10.1016/j.brat.2014.04.006
- Asnaani, A., Rinck, M., Becker, E., & Hofmann, S. G. (2014). The influence of age on the effect of social anxiety on the interpretation of ambiguous social situations. Cognitive Therapy and Research, 38, 206–214.