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Liberalismus ist eine der Grundpositionen innerhalb der politischen Philosophie. In seinem Zentrum steht die Freiheit des einzelnen Menschen, frei von geistigen, politischen oder sozialen Zwängen. Liberale Prinzipien wie Rechtsstaatlichkeit oder Menschenrechte sind heute fester Bestand moderner Demokratien. Doch weil der Liberalismus eben keine geschlossene Weltanschauung ist und einige als liberal geltende Vorstellungen teils konträr zueinander stehen, ist das genaue Konzept der Theorie vielen Menschen heute nicht mehr präsent.
Die Philosophin Elif Özmen hat ein viel beachtetes Buch geschrieben, in dem sie die Grundlagen des Liberalismus erklärt. Sie sagt, die Beschäftigung mit Liberalismus sei heute wichtiger denn je, da Einschränkungen von Bürgerrechten und illiberale Demokratien weltweit zunehmen. Im Gespräch mit Carolin Emcke erläutert sie, welche Stärken der Liberalismus als politische Grundhaltung mitbringt – und wo er historisch missverstanden wurde.
Hinweis: Das Gespräch ist am Mittwoch, 23. Oktober, geführt worden.
Özmen, geboren 1974 in Bremen, ist seit 2016 Philosophie-Professorin an der Universität Gießen. Ihre Schwerpunkte liegen auf den Grundlagen der theoretischen Ethik und der politischen Philosophie. In Frankfurt und Göttingen hat sie Philosophie und Wissenschaftsgeschichte studiert und später in Berlin promoviert. Für ihre Habilitation über die politische Philosophie des Liberalismus bekam Özmen den Habilitationspreis der Universitätsgesellschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Eine plurale Gesellschaft setzt Individualismus voraus
Im Gespräch mit Carolin Emcke erzählt Elif Özmen, dass insbesondere John Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit ihr Interesse am Liberalismus geweckt habe. Rawls konstruiert Gerechtigkeit als Fairness in einer Gesellschaft, in der die Bürgerinnen und Bürger frei und gleich sind. „Besonders attraktiv war das für mich“, sagt Özmen, "weil hier auch Fragen der sozialen Gerechtigkeit in ganz neuer Art und Weise behandelt wurden."
In den letzten Jahren sei der Liberalismus allerdings in Verruf geraten. Gerade deshalb empfiehlt Özmen, sich tiefer mit der Theorie zu beschäftigen. "Wie kann das eigentlich sein, dass eine politische Theorie der freiheitlichen Demokratie zum Buhmann für alle möglichen Problemlagen werden kann?" Diese Dissonanz führt die Philosophin unter anderem darauf zurück, dass das individualistische Menschenbild des Liberalismus häufig missverstanden werde. Es sei bewusst nachlässig gegenüber sozialer Bindungen, weil sein Kern eine "Fiktion oder ein normatives Ideal" sei. Diese verleugne das soziale Wesen des Menschen nicht, diene aber letztlich als Referenz, um ein Bewusstsein zu vermitteln, „dass ebendiese Bindungen selbst eine Quelle von Unfreiheit sein können." Es gehe darum, dass Einzelne frei sein sollen zu bestimmen, wer sie sind und sein wollen. Dann könne aus der Individualisierung eine plurale Gesellschaft entstehen.
Toleranz als missverstandenes liberales Konzept
Özmen und Emcke diskutieren im Podcast auch über das Konzept der Toleranz, die das Nebeneinander unterschiedlicher Meinungen und Lebensstile in liberalen Gesellschaften ermöglichen soll – aber als solches mitunter auch Unbehagen wecke. Zum einen, weil es eine gegenseitige Ablehnung voraussetzt, die ausgehalten werden müsse. Aber auch, weil unklar ist, wo die Grenzen der Toleranz liegen sollten. Özmen plädiert dafür, Toleranz als "das geringere Übel" zu betrachten, das den zivilen Frieden sichert.
Die Philosophin sieht im Aushalten anderer Meinungen und Weltanschauungen eine "urliberale Tugend, die vom Staat praktiziert werden muss", aber die auch Bürgerinnen und Bürger in ihrem Alltag praktizieren sollten. Das heiße aber nicht, dass sie alles aushalten müssen. Immer dann, wenn der zivile Frieden gefährdet werde, wenn etwa aktiv zu Diskriminierung oder Gewalt gegen gewisse Gruppen aufgerufen werde, sei nicht nur eine rechtliche Grenze, sondern eben auch eine Grenze der Toleranz erreicht. Außerdem stellt Özmen klar, dass eine tolerante Gesellschaft Streit und Empörung nicht ausschließe. "Dass ich es aushalte, dass jemand etwas sagen darf, heißt nicht, dass ich ihn nicht in Grund und Boden kritisieren kann."
Empfehlung von Elif Özmen
Elif Özmen empfiehlt "Comics (1964-2024)", den Katalog zu einer Ausstellung, die bis zum 4. November im Centre Pompidou in Paris zu sehen war. In dem umfassenden Katalog werden Comics und Graphic Novels aus Frankreich, Belgien, den USA oder Japan präsentiert. Comics als "ästhetische Form der Darstellung" seien inzwischen als eigenständige Kunstform etabliert. "Wenn man da jetzt reinblättert als Comic-Leserin", sagt die Philosophin, "dann hat man sehr viel Freude, weil man nun diesen ganzen Reichtum an Bildwelten und Narrativen präsentiert bekommt."
Moderation, Redaktion: Carolin Emcke
Redaktionelle Betreuung: Ann-Marlen Hoolt, Nadja Schlüter
Produktion: Imanuel Pedersen
Das TV-Duell zwischen Kamala Harris und Donald Trump am 10. September könnte dem Wahlkampf in den USA eine neue Richtung geben. Im direkten Vergleich können die Wählerinnen und Wähler in den USA beurteilen, welcher der Präsidentschaftskandidaten ihnen besser gefällt und wer ihrer Meinung nach bessere Antworten auf die aktuellen politischen Fragen hat. Ein wichtiger Moment in einem Wahlkampf, der zuletzt durch die kurzfristige Nominierung von Kamala Harris neuen Schwung bekommen hat.
Da der Ausgang der US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen nicht nur die Vereinigten Staaten, sondern auch deren internationale Beziehungen beeinflussen wird, spricht Carolin Emcke in dieser Folge von "In aller Ruhe" mit dem Historiker Karl Schlögel. Dieser war schon einmal zu Gast im Podcast, damals zu einem Gespräch über Putin und den Krieg in der Ukraine.
Schlögel, geboren 1948 im Unterallgäu, ist Autor mehrerer Bücher und gilt als einer der besten Kenner Russlands. Doch auch die Vereinigten Staaten interessieren den Historiker, sozusagen als Gegenpol zu seinem Hauptforschungsfeld, der Sowjetunion. Ausgehend von seinen vielen Reisen in das Land, beschreibt Schlögel in seinem viel beachteten Buch "American Matrix. Besichtigungen einer Epoche" die großen Leitlinien des 20. Jahrhunderts in den USA. Dabei mischt er persönliche Reiseerfahrungen mit historischem Wissen und verflechtet die Geschichte der USA mit jener der Sowjetunion.
Ein verunsichertes Land, das seine Rolle neu definieren muss
Im Gespräch mit Carolin Emcke erklärt Schlögel, dass sein Interesse an dem Land in großen Teilen aus einer "schockhaften Erfahrung" entstanden ist. Als er das Land zum ersten Mal bereiste, hatten ihn besonders die Weite des Landes sowie die vielen monumentalen amerikanischen Bauten fasziniert. Bis heute treibe ihn die Frage um, wie es den Amerikanern gelungen sei, "diesen riesigen Raum zu durchdringen und lebbar zu machen". Ähnlich fasziniert Karl Schlögel auch die amerikanische Fähigkeit zum Neubeginn, etwa nach radikalen Naturereignissen.
Doch trotz aller Faszination ist Schlögel auch ernüchtert von der aktuellen politischen Situation der Vereinigten Staaten. Im Podcast erläutert er, dass er sich deshalb in seinem Buch explizit nicht mit dem gegenwärtigen, sondern mit einem vergangenen Amerika beschäftigt hat. Das Land befindet sich nach seiner Auffassung in einer "Phase der Verunsicherung". Es fehle schlicht an Personen, die fähig sind, die Fragen der Zeit zu behandeln – und die Rolle des Landes nach dem Ende des Kalten Krieges neu zu definieren.
Ein richtungsweisender Wahlkampf
Dass Kamala Harris so eine Person sein könnte, diese Hoffnung teilen Carolin Emcke und Karl Schlögel, die sich einig sind, dass Harris’ Nominierung zur Präsidentschaftskandidatin neue Hoffnung in die amerikanische Demokratie gebe. "Man sitzt vor dem Fernsehbildschirm und ist tief bewegt", sagt Schlögel, der auch von der rhetorischen Finesse der Reden beim Parteitag der Demokraten beeindruckt ist. Es habe auf dem Parteitag viele Momente gegeben, in denen „dieses Amerika eine Sprache gefunden hat, die den anderen in gewisser Weise sprachlos zurückgelassen hat.“ Trotz allem Optimismus spricht Karl Schlögel allerdings auch eine Warnung aus, vor der möglichen "Schubkraft" dieser Sprachlosigkeit: Sie könnte Trump und seine Anhänger zu einer bisher nicht dagewesenen Aggressivität verleiten, befürchtet der Historiker.
Ob es so kommen wird, wird sich beim TV-Duell Trump gegen Harris am 10. September zeigen. Allerdings, auch das betont der Historiker im Podcast, sei das nur ein Auftakt mit Hinblick auf eine Zeit nach der Wahl. „Es stehen Entscheidungen an, in denen es auch um die Selbstbehauptung und das Selbstverständnis Amerikas geht.“
Empfehlung von Karl Schlögel
Bei seinem Kulturtipp bleibt Karl Schlögel seinem Kernthema Osteuropa treu. Er empfiehlt ein Buch des amerikanischen Historikers Benjamin Nathans, das Anfang August 2024 erschienen ist: "To the Success of our Hopeless Cause. The Many Lives of the Soviet Dissident Movement". Nathans erzählt darin vom Werdegang jüdischer Dissidentinnen und Dissidenten in der Sowjetunion. Es ist die wahre Geschichte einer Bewegung, von der niemand geglaubt hat, sie würde je eine Chance haben, zu überdauern. Und doch war sie erfolgreich.
Moderation, Redaktion: Carolin Emcke
Redaktionelle Betreuung: Ann-Marlen Hoolt, Johannes Korsche
Produktion: Jakob Arnu
Die Kulturszene in Berlin befürchtet massive Kürzungen. Die Stadt muss sparen und hat deshalb auch die Bühnen in der Stadt dazu aufgerufen. Bis zu zehn Prozent der Gelder könnten wegfallen, so die Befürchtung. Ähnliche Sorgen gibt es in München. Hier plant die Stadt, im kommenden Jahr insgesamt rund 200 Millionen Euro einzusparen, rund 8,5 Prozent davon bei der Kultur. Im Vergleich mit anderen Ressorts ist das überproportional viel, besonders die Theater in der Stadt könnten davon betroffen sein. Auch die Freie Szene ist gefährdet, in Berlin wie in München. Kulturschaffende in beiden Städten protestieren.
Was kann Kultur leisten und wie viele Kürzungen verkraftet sie? Darüber spricht Carolin Emcke in dieser Folge des Podcasts mit Carsten Brosda, dem Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins.
Carsten Brosda, geboren 1974 in Gelsenkirchen, hat ursprünglich Journalistik studiert und durch dieses Studium an der Uni Dortmund auch ein journalistisches Volontariat bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) in Essen absolviert. Während der Promotion setzte er sich mit diskursivem Journalismus auseinander und übernahm anschließend verschiedene Rollen innerhalb der Bundes-SPD. Seit 2011 ist der SPD-Politiker in der Hamburger Politik aktiv, seit 2017 hat er hier das Amt des Kultursenators inne. In dieser Funktion ist Brosda jedoch nicht im Podcasts zu Gast. 2020 hat er nämlich darüber hinaus das Präsidentschaftsamt im Deutschen Bühnenverein übernommen.
Im Gespräch mit Carolin Emcke spricht Carsten Brosda über seine Leidenschaft für das Theater. Bis heute fasziniere ihn die Vorstellung "wie großartig das ist, dass Menschen sich etwas ausdenken und spielen können. Und das jeden Abend wieder aufs Neue." Der Gang ins Theater sei für ihn schon von klein auf ein "Ganzkörpererlebnis" gewesen. Dabei fasziniere ihn auch der soziale Aspekt, ein Stück mit anderen zu sehen, sich hinterher darüber auszutauschen und auch andere Wahrnehmungen zu reflektieren.
Wenn er nach der Bedeutung von Theater gefragt wird, erzählt Brosda, führe er gern einen Text von Max Frisch an, in dem der Direktor eines geschlossenen Theaters den Bürgern vermitteln muss, warum es wieder öffnen sollte. Frisch nenne darin die Bühne einen eminent politischen Ort, einen öffentlichen Raum, in dem Zukunftsvisionen und Möglichkeiten des Zusammenlebens verhandelt werden könnten. "Ich finde das einen unglaublich schlagenden Moment", sagt Brosda. Die Gesellschaft könne im Theater "in ästhetischen Dimensionen Dinge durchdenken, spielen und verwerfen" und sich gleichzeitig der "Rollenzuschreibungen und Zwänge, die sonst den Alltag ausmachen" entheben.
Bedroht die finanzielle Schieflage die Kunstfreiheit?
Umso mehr schmerzen den Präsidenten des deutschen Bühnenvereins die geplanten Kürzungen in den Kulturetats. Er könne den Spardruck in kommunalen Haushalten zwar nachvollziehen, nicht aber, wie kurzfristig er verkündet wurde. Der Wirtschaftsplan eines Theaters reiche in der Regel von Sommer bis Sommer, das heißt alle Kosten für das kommende Jahr seien längst disponiert, die Verträge geschrieben. Ob ein Theater bei den Ausgaben und damit bei der Qualität sparen müsse, sei da einfach schon entschieden. "Wenn ich den Betrieb ernst nehme, dann lässt sich keine dieser Fragen von September auf Januar beantworten", sagt Brosda im Podcast.
Dabei gehe es bei der Finanzierung auch darum, die Fähigkeit des Theaters zu erhalten, Normen und Wirklichkeiten zu hinterfragen. Besonders wichtig sei dies, da rechtspopulistische Versuche zunähmen, die Kulturlandschaft für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Brosda nimmt das als große Bedrohung für Kultureinrichtungen wahr. Rechtspopulisten machten ein "vergiftetes Angebot", nämlich Druck und Angriffe nur dann zu unterlassen, wenn Theater oder Opern eine ideologiekonforme Geschichte über Freiheit und Demokratie erzählten. Ihn erschüttere, sagt Brosda, dass nicht erkannt werde, "dass die freiheitliche und damit die öffentliche Finanzierung von kulturellen und künstlerischen Angeboten überhaupt erst die Möglichkeit schafft, aus der Kultur heraus auf die hegemoniale Herausforderung von rechts zu reagieren." Wer von der Kultur erwarte, die bestehende Gesellschaftsordnung zu verteidigen, müsse ihr eben auch die entsprechenden Mittel zur Verfügung stellen.
Empfehlung von Carsten Brosda
Carsten Brosda empfiehlt den Anthropolis-Marathon am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Hier werden gleich fünf Dramen über das mythische Theben, dem Schauplatz der meisten Tragödien des antiken Griechenlands, in Reihe aufgeführt. Der Schriftsteller und Dramaturg Roland Schimmelpfennig hat sie aus 2500 Jahre alten Texten extrahiert und mit Gegenwartsbezügen angereichert. "Wer wirklich Theater in all seinen Facetten und in all seinem Reichtum von Formsprachen erleben möchte", sagte Brosda, "muss sich diese fünf Teile anschauen. Das ist so überwältigend, da hatte ich ganz viele Momente, wo ich das Gefühl hatte, ich begreife gerade Dinge."
Moderation, Redaktion: Carolin Emcke
Redaktionelle Betreuung: Ann-Marlen Hoolt, Laura Städtler, Johannes Korsche
Produktion: Imanuel Pedersen
Bildcredit Cover: Hernandez für Behörde für Kultur und Medien/Bearbeitung SZ
Wohnungsnot, Bürgergeld, Ausgrenzung – es gibt viele drängende soziale Probleme. Doch angesichts großer globaler Krisen scheinen sozialpolitische Themen im gesellschaftlichen Diskurs an Relevanz zu verlieren. Die eine Notlage wird gegen eine andere ausgespielt. Über die Bedeutung sozialen Engagements und das gesellschaftliche Klima spricht Carolin Emcke in dieser Folge des Podcasts mit Katja Kipping vom Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband.
Kipping (geb. 1978 in Dresden) war lange Vorsitzende der Partei "Die Linke", für die sie auch als Abgeordnete im Bundestag saß. Von 2021 bis 2023 war die Politikerin zudem Berliner Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales. Kipping ist im September 2024 in die Geschäftsführung des Paritätischen Gesamtverbands eingetreten, der Dachverband der freien Wohlfahrtspflege, dem über 10 000 eigenständige Organisationen angehören. Hier leitet Katja Kipping seit dem September außerdem die Abteilung für Sozialpolitik und Europa.
Das Ende der Ampel gefährdet die Existenz vieler sozialer Träger
Im Podcast sprechen Carolin Emcke und Katja Kipping über die gegenwärtigen Bedingungen für soziales Engagement. Kipping erklärt, warum gerade das Aus der Ampelregierung und die damit einhergehende vorläufige Haushaltsführung für große Unsicherheit bei sozialen Vereinen und Organisationen sorgen. Sie bekämen gerade nur einen Bruchteil der ihnen zugesicherten Fördermittel – und müssten auf den Rest noch so lange warten, bis sich eine neu gewählte Bundesregierung auf einen Haushalt geeinigt hat. Das werde bis zum Herbst dauern, befürchtet Kipping - zu lange für kleine Vereine ohne Rücklagen, die, um Kosten zu sparen, bis dahin vielleicht schon Mitarbeitern kündigen oder Mietobjekte aufgeben müssen. "Es ist eine echte Existenzgefährdung. Wir befürchten, dass es gerade bei kleineren Akteuren ein echtes Trägersterben gibt."
Mit Blick auf den derzeitigen politischen Diskurs stellt Kipping fest, dass die Bedeutung von sozialer Infrastruktur und sozialer Einrichtungen in der Öffentlichkeit stärker herausgestellt werden müsse. "Da hat die Freie Wohlfahrtspflege auch ein echtes Imageproblem." So groß die persönliche Anteilnahme während der Corona-Pandemie auch war, sei es nicht gelungen, daraus eine gemeinschaftsbildende Struktur zu schaffen. Dafür habe es an organisierenden Kräften gefehlt, und an "Geschichtenerzählerinnen, die den utopischen Überschuss – etwa die Aufopferung von Angestellten in der Gesundheitsbranche – zu einer gemeinsamen Erzählung verbunden haben." Entsprechende Stimmen habe es zwar gegeben, sagt Kipping, doch ihnen habe die öffentliche Plattform gefehlt. Sie sieht hier insbesondere Politikerinnen und Politiker in der Verantwortung, da gerade diese in der Öffentlichkeit stark gehört würden.
Eine Krise nach der anderen – soziale Arbeit findet seit Jahren nur noch unter Druck statt
Gleichzeitig erinnert Kipping im Podcast aber auch daran, wie hoch der Druck war, der in der Pandemie auf sozialen Trägern gelastet habe. Und kaum hatte sich das Infektionsgeschehen beruhigt, habe mit dem russischen Einmarsch in der Ukraine und den damit verbundenen Fluchtbewegungen bereits die nächste Krise begonnen. In der sozialen Branche herrsche seit Jahren eine "gewisse Atemlosigkeit".
Auch das gesellschaftliche Klima in Deutschland belastet die Organisationen und Vereine, erzählt Kipping. Sie merke in Gesprächen mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dass Angriffe, Drohungen und Polemiken gegen marginalisierte Gruppen und Bedürftige zunehmend vorkommen. "Wir müssen uns der Tatsache stellen, dass wir gerade eine kollektive Katharsis haben, also eine Phase, wo vieles, von dem wir dachten, dass wir einen Fortschritt erzielt haben, ausgebremst wird." Kipping plädiert dafür, diese Umstände als Chance zu betrachten. "Ich suche mir ja nicht aus, ob ich in einer Zeit tätig bin, in der alles super und einfach ist. Ich kann mir nur aussuchen, wie ich auf die Umstände, in denen ich lebe, reagiere."
Empfehlung von Katja Kipping
Humor ist für Katja Kipping besonders hilfreich und wichtig. Deshalb empfiehlt sie als großer Fan des Autors Marc-Uwe Kling insbesondere dessen Känguru-Chroniken. Wer keine Zeit zu lesen hat, könne aber auch einfach das Känguru-Quartett spielen. "Auch dabei kann man viel Freude haben". Außerdem empfiehlt Kipping das Kochbuch "Klimagesund kochen und genießen" vom Paritätischen Wohlfahrtsverband – weniger zum Lesen, sondern vor allem zum Nachkochen.
Moderation, Redaktion: Carolin Emcke
Ein Krieg treibt den Sudan in den Hunger. Es droht eine Katastrophe, wie es sie seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat. Jede zweite Person im Sudan hat nicht genug zu essen, fast 100 000 Menschen droht der Hungertod. Besonders Frauen und Kinder sind betroffen.
Während Europas Aufmerksamkeit auf den Kriegen in Nahost und der Ukraine liegt, scheint die Not im Sudan fast übersehen. Auch deshalb, weil es für Journalistinnen und Journalisten schwer ist, aus dem Land zu berichten. Aus den Kriegsgebieten gibt es keine unabhängig gesicherten Informationen. Um zu verstehen, wie es den Menschen im Sudan geht und was getan werden kann, um ihnen zu helfen, spricht Carolin Emcke in dieser Folge des Podcasts mit der evangelischen Theologin Dagmar Pruin.
Dagmar Pruin, geboren 1970 in Leer, hat evangelische Theologie und Judaistik studiert. 2013 wurde sie Co-Geschäftsführerin der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF), außerdem arbeitete sie als Pfarrerin im Kirchenkreis Berlin Stadtmitte. Seit März 2021 ist Pruin Präsidenten der kirchlichen Hilfs- und Entwicklungswerke „Brot für die Welt“ und der Diakonie Katastrophenhilfe.
Dann veranschaulicht Dagmar Pruin die Folgen, die lang andauernder Hunger haben kann. „Hunger ist weit mehr, als dass ich nicht genug zu essen habe“. Wenn ein Körper hungert, funktionieren bestimmte Prozesse im Körper nicht mehr, die Anfälligkeit für Krankheiten steigt. Gerade Kinder werden dadurch langfristig geschädigt. Dabei gebe es noch Regionen, in der es bisher zwar Hunger gebe, aber noch keine Hungersnot.
Keine Nahrung kommt ins Land, keine Informatationen dringen nach außen
In vielen Regionen sei es durch die Kriegshandlungen inzwischen unmöglich, Felder zu bestellen – dabei lebt das Land eigentlich von der Landwirtschaft. Hilfsorganisationen schaffen es nicht, zu den betroffenen Gebieten durchzudringen, die Wege sind gefährlich, einige Gegenden sind komplett abgeriegelt. „Viele Nachrichten über die Situation im Sudan“, erzählt Dagmar Pruin, „erhalten wir von Menschen, die erst kürzlich aus dem Land geflohen sind“.
Hunger ist mehr, als ein Mangel an Nahrung
Wenn ein Mensch lang andauernd hungert, funktionieren bestimmte Prozesse im Körper nicht mehr. Die Anfälligkeit für Krankheiten steigt. „Hunger ist weit mehr, als dass ich nicht genug zu essen habe“, erklärt die Theologin. Gerade Kinder werden dadurch langfristig geschädigt. Um ein weiteres Fortschreiten der Krise zu verhindern, fordert Dagmar Pruin mehr finanzielle Hilfe aus der westlichen Welt und eine nachhaltige Entwicklungsarbeit. In Deutschland gebe es zurzeit Ressentiments dagegen, Geld und Ressourcen in andere Länder zu investieren. „Dabei zeigen Studien der Weltbank, dass man für jeden in der Entwicklungszusammenarbeit investierten Euro, ein vielfaches Mehr in der humanitären Hilfe sparen würde.“
Viele Menschen würden beim Stichwort Katastrophenhilfe an Säcke voll Reis oder Mehl denken, die von einem Karren gereicht werden. Doch die Katastrophenhilfe habe sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Es gehe darum, „Strukturen zu schaffen, die weiter vorausgehen“, um eine nachhaltige Veränderung. Das könnte nur funktionieren, wenn die Zivilgesellschaft vor Ort gestärkt wird, damit sie selbst auf Katastrophen reagieren kann.
Empfehlung von Dagmar Pruin
Dagmar Pruin empfiehlt allen Zuhörerinnen und Zuhörern, sich im Internet über die Krise im Sudan zu informieren. Auch wenn wenig Informationen zugänglich sind, gebe es trotzdem viel frei verfügbares Wissen über die Region und die drohende Hungernot. Auch zu Hilfsprojekte der Diakonie und von Brot für die Welt lohne sich eine private Google-Recherche, empfiehlt die Theologin. Unter diesem Link etwa gelangen Sie auf die Nothilfe-Seite Sudan der Diakonie Katastrophenhilfe.
Moderation, Redaktion: Carolin Emcke
Wie konnten wir nur so daneben liegen? Nach der US-Präsidentschaftswahl ist diese Frage häufig gefallen. Es mag Wunschdenken gewesen sein oder eine verzerrte europäische Medienberichterstattung, aber viele Menschen hatten nicht damit gerechnet, dass Donald Trump eine zweite Amtszeit bekommen würde.
Hinweis: Dieses Gespräch wurde am 23. November 2024 in englischer Sprache geführt.
Bonnie Honig, geboren 1959 in Montreal, lehrt seit 2013 als Professorin für Moderne Kulturwissenschaft, Medien- und Politikwissenschaft an der US-amerikanischen Brown University. Sie gehört zu den führenden Denkerinnen und Denkern der sogenannten agonistischen Demokratietheorie. Honig hat mehrere Bücher veröffentlicht, in denen sie kulturelle Referenzen mit politischer Theorie verbindet. Darunter etwa "Democracy and the Foreigner" über die Wahrnehmung von Migration und Flucht im politischen Diskurs und "Shell-Shocked: Feminist Criticism after Trump" über die gesellschaftlichen Auswirkungen der ersten Trump-Amtszeit.
In den USA fehlt die inhärente Sorge vor Faschismus
Im Gespräch mit Carolin Emcke analysiert Bonnie Honig die Wahlkampfstrategie der Demokratischen Partei, die zunächst große Erfolge damit erzielt hatte, Donald Trump und die Republikaner als "weird" – seltsam – darzustellen. Doch gleichzeitig habe die Partei Donald Trump als Gegner unterschätzt – und in der Wahlkampfstrategie einen falschen Schwerpunkt gesetzt.
Sehnsucht nach Normalität auf beiden Seiten
Anschließend sprechen Bonnie Honig und Carolin Emcke darüber, wie eine zweite Trump-Amtszeit das gesellschaftliche Klima in den USA verändern könnte. Honig warnt vor einer Erosion demokratischer Institutionen unter Donald Trump, und vor einer Kombination unterschiedlicher Faktoren, die Donald Trump einen „perfekten Sturm“ bescheren könnten – die ideale Ausgangslage um den US-amerikanischen Rechtsstaat und die Demokratie langfristig zu beschädigen.
Empfehlung von Bonnie Honig
Zum Schluss des Gesprächs empfiehlt Bonnie Honig den Pixar-Film "Wall-E – Der Letzte räumt die Erde auf" über den sie kürzlich eine Vorlesung gehalten hat. Der Animationsfilm spielt auf einer von Müllbergen erstickten Erde irgendwo in der Zukunft. Die Menschheit ist ins All geflohen und wartet in einem Raumschiff darauf, irgendwann wieder zurückkehren zu können. Währenddessen beseitigt der Müllroboter Wall-E auf der Erde unermüdlich Abfallberge. Bis er sich verliebt. Für Honig ist der Film eine poetische Reflexion über Umweltzerstörung, zwischenmenschliche Beziehungen und die Hoffnung auf einen Neuanfang.
Moderation, Redaktion: Carolin Emcke
Redaktionelle Betreuung: Ann-Marlen Hoolt, Johannes Korsche
Produktion: Imanuel Pedersen
[[English epiosode]] Wenn über das Kriegsgeschehen in Gaza gesprochen wird, dominieren meist Statistiken von Opferzahlen und Zerstörung. Mehr als 43 000 Palästinenserinnen und Palästinenser sind nach Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums seit dem 7. Oktober 2023 im Gazastreifen getötet worden. 70 Prozent der Todesopfer sind nach UN-Angaben Kinder und Frauen. 1,7 Millionen Menschen sind im Gazastreifen auf der Flucht.
Darüber, wie es der palästinensischen Zivilbevölkerung geht, hören wir meist durch Berichte von internationalen Hilfsorganisationen. Selten gibt es palästinensische Stimmen, die direkt aus der verwüsteten Gegend sprechen und die Not des Überlebens beschreiben. Carolin Emcke spricht für diese ungewöhnliche Folge von "In aller Ruhe" mit Majeda al-Saqqa, die im Gazastreifen in Chan Yunis lebt.
Hinweis: Dieses Gespräch wurde am 20. November in englischer Sprache geführt. Es gab erhebliche technische Schwierigkeiten mit der Verbindung. Die Tonqualität wurde so gut wie möglich verbessert.
Al-Saqqa arbeitet für eine palästinensische NGO, die "Culture & Free Thought Association". Jahrelang hat sie Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche in Chan Yunis organisiert. Auch jetzt noch kümmert sie sich leidenschaftlich um die Kinder und Jugendlichen in der Region. "Früher sind sie jeden Tag zur Schule gegangen, jetzt verbringen sie den Morgen damit, Wasser für ihre Familien zu holen."
Zerstörte Häuser, Hunger und Ratten
Im Gespräch mit Carolin Emcke berichtet Majeda al-Saqqa von ihrem Alltag zwischen vollkommen zerstörten Häusern. Sie erzählt von wilden Hunden und Ratten, von Zelten als Luxusgut und dramatischer Hungersnot.
Die Zerstörung im Gazastreifen sei unvorstellbar. Die Orte glichen "Geisterstädten". Sie selbst musste lange Zeit in einem Zelt leben, zwischen Trümmern und Ruinen. "Ein Zuhause zu verlieren", erzählt sie im Podcast, "heißt, die eigene Geschichte zu verlieren."
Gemeinschaft und Solidarität in Kriegszeiten
Trotzdem kann sich Al-Saqqa nicht vorstellen, den Gazastreifen zu verlassen: "Das ist mein Zuhause, meine Identität", sagt sie. Inmitten der Gewalt, inmitten der Verzweiflung erlebe sie jeden Tag eine unbeschreibliche Solidarität, Menschen, die einander helfen, sich Trost spenden und ihre winzigen, ungenügenden Lebensmittel teilen. "Da sind Leute, die nichts haben und dir trotzdem etwas geben wollen."
Moderation, Redaktion: Carolin Emcke
Redaktionelle Betreuung: Ann-Marlen Hoolt, Johannes Korsche
Produktion: Imanuel Pedersen
Credit Titelbild: Reuters/Mohammed Salem /Bearbeitung: SZ
Hinweis: Das Gespräch ist am Freitag, 7. Juni, geführt worden.
Es ist inzwischen fast zweieinhalb Jahre her, dass Russland die Ukraine angegriffen hat. Seit dem 24. Februar 2022 gibt es täglich heftige Kämpfe. Tausende Menschen sind ums Leben gekommen, Millionen sind geflüchtet. Weil Russland auch die zivile Infrastruktur angreift, haben besonders in der Ostukraine viele Menschen keinen Zugang zu fließendem Wasser oder Strom. Währenddessen distanziert sich Russland immer mehr vom Westen. Diplomatische Beziehungen sind eingefroren, der Kreml droht regelmäßig mit Konsequenzen für westliche Waffen- oder Munitionslieferungen für die Ukraine. Weil nur noch wenige ausländische Journalisten in Russland arbeiten und die Pressefreiheit stark eingeschränkt ist, ist das Land nach außen regelrecht abgeschottet. Die Staatspropaganda verhindert, dass gesicherte Informationen Russland ohne Weiteres verlassen können. Deshalb spricht Carolin Emcke in dieser Folge von „In aller Ruhe“ mit der Politikwissenschaftlerin, Autorin und Russlandexpertin Sabine Fischer, die sich nicht nur mit der Politik, sondern auch der Gesellschaft des Landes auskennt.
Fischer, geboren 1969, hat bereits während ihres Studiums in Sankt Petersburg gelebt. Später promovierte sie mit einer Arbeit über Russlands Westpolitik und weitete ihre Forschung anschließend auf die Gesellschaft und Politik Osteuropas aus. Den Blick auf Russland hat sie dabei nie verloren, die Politikwissenschaftlerin lebte und arbeitete wiederholt in dem Land. Fischer hat in diversen Projekten zur russischen Außen- und Sicherheitspolitik geforscht. Zurzeit arbeitet die Politikwissenschaftlerin in der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, wo sie Teil der Forschungsgruppe Osteuropa und Eurasien ist und in dieser Funktion die Bundesregierung zu ihrem Kernthema berät. Ihr jüngstes Buch, "Die chauvinistische Bedrohung. Russlands Kriege und Europas Antworten" ist im vergangenen Jahr erschienen.
Der Spielraum für Widerstand wird in Russland immer kleiner
Im Gespräch mit Carolin Emcke erzählt Sabine Fischer, dass sie seit dem russischen Angriffskrieg täglich die russischen Medien verfolgt, um einen Überblick zu bekommen. Es sei schwerer geworden an Informationen aus Russland heranzukommen, besonders auf gesellschaftlicher Ebene. Große Teile ihrer früheren Kontakte hätten Russland inzwischen verlassen. Ein anderer Teil sei zwar noch vor Ort, aber habe sich aus öffentlichen und politischen Diskussionen zurückgezogen. "Die Repression und auch die Einschränkung der Berichterstattung hat solche Ausmaße angenommen, dass es wirklich spürbar schwerer geworden ist, über bestimmte Themen solide zu berichten."
Der Prozess der Abschottung und Unterdrückung kritischer Stimmen habe zwar nicht erst mit dem Beginn des Krieges am 24. Februar begonnen, er habe sich dadurch aber verstärkt. Sabine Fischer geht davon aus, dass sich die Situation vor Ort weiter verschlechtern werde. Gleichzeitig ist es der Politikwissenschaftlerin wichtig, dass die russische Gesellschaft nicht mit dem Regime des Kremls gleichgesetzt werden. "Es gibt in dieser Gesellschaft Widerstand. Marginalisiert, aber es gibt ihn." Doch diese Teile der Gesellschaft hatten inzwischen immer weniger Spielraum und es gebe nur noch wenige Möglichkeiten aus dem Ausland mit ihnen in Kontakt zu bleiben.
Die Entgrenzung politischer Debatten in Deutschland spielt Russland in die Hände
Fischer erläutert, dass Desinformation und Propaganda, nicht nur nach innen, sondern auch nach außen ein Teil der hybriden Kriegsführung Russlands sei. Ziel sei es, die westliche Gesellschaft zu destabilisieren – auch in Deutschland. Hierzulande gebe es inzwischen ein Bewusstsein dafür, wie Russland Desinformationen bewusst als Kriegswaffe einsetze. Doch nach Auffassung der Politikwissenschaftlerin reichen die bisherigen Maßnahmen, die dagegen ergriffen wurden – etwa der Entzug von Lizenzen für bestimmte Medien – bei Weitem nicht aus. "Was in viel stärkerem Maße getan werden müsste, ist, in die öffentlichen Debatten hineinzuwirken und dafür rechtliche Rahmen zu schaffen". In den sozialen Medien und dem Anstieg gewalttätiger Angriffe auf Politiker zeigt sich für Fischer schon jetzt, dass politische Debatten immer weiter entgrenzt werden – sowohl sprachlich als auch physisch. "Und das ist etwas, was dem russischen Einfluss voll in die Hände spielt."
Außerdem geht es im Podcast um die Frage, wie Russland den Krieg gegen die Ukraine bewertet. Fischer erklärt, dass es sich aus russischer Perspektive nicht um einen Angriffskrieg gegen ein souveränes Nachbarland handelt. Stattdessen gebe es in Russland das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. "Nicht mal so sehr gegen das, was von der russischen Propaganda 'faschistisches Regime' in Kiew genannt wird, sondern tatsächlich gegen eine aggressive westliche Politik", so Fischer. Dieses Narrativ existiere schon seit der russischen Annexion der Krim, 2014, und habe sich seitdem auch nur wenig verändert. Aus Sicht der Politikwissenschaftlerin kämpft das Regime in Russland gegen alles, was liberal ist – sowohl nach außen, als auch gegen Teile der russischen Gesellschaft nach innen. "Russland versucht, die Ukraine zu vernichten, und gleichzeitig erkennt dieses Regime die Existenz der Ukraine ja überhaupt nicht an." Das sei ein Zeichen, dass das eigentliche Ziel des Krieges nicht die Ukraine sei, sondern der Westen.
Empfehlung von Sabine Fischer
Sabine Fischer empfiehlt zwei Bücher. Zum einen "Die Frauen von Belarus – Von Revolution, Mut und dem Drang nach Freiheit" von Alice Bota. Obwohl das Buch schon 2021 erschienen sei, lohne sich das Lesen. Auch deshalb, weil es ein sehr verständlich geschriebenes Buch sei. Außerdem empfiehlt Sabine Fischer "Das Land, das ich liebe – Wie es wirklich ist, in Russland zu leben" von Jelena Kostjutschenko. Sie habe selten eine derartig treffende Beschreibung der russischen Gesellschaft gelesen und erkenne viele ihrer eigenen Erfahrungen in diesem Buch.
Moderation, Redaktion: Carolin Emcke
Redaktionelle Betreuung: Ann-Marlen Hoolt, Johannes Korsche
Produktion: Imanuel Pedersen
Hinweis: Das Gespräch ist am Freitag, 7. Juni, auf Englisch geführt worden. Eine deutsche Übersetzung liegt nicht vor.
Am Montagabend hat der UN-Sicherheitsrat etwas Historisches geschafft: Er hat eine Resolution verabschiedet, die den Weg zum Frieden im Gazastreifen aufzeigen soll. „Heute haben wir für den Frieden gestimmt“, sagte US-Botschafterin Linda Thomas-Greenfield nach der Abstimmung. Seit dem Terror der Hamas am 7. Oktober, bei dem etwa 1200 Menschen getötet und mehr als 240 Menschen als Geiseln verschleppt wurden, herrscht Krieg im Gazastreifen. Im Mai gab die UN-Koordinierungsstelle für humanitäre Hilfe bekannt, dass sie von knapp 35 000 toten Palästinenserinnen und Palästinensern ausgeht. Wie ist es möglich, aus dieser Spirale der Gewalt zu entkommen? Darüber spricht Carolin Emcke mit dem israelischen Philosophen und Autor Omri Boehm in dieser Folge von „In aller Ruhe“.
Omri Boehm wurde 1979 in Haifa geboren. Er wuchs in Israel auf und studierte unter anderem an der Universität in Tel Aviv, promovierte an der Universität in Yale und arbeitete an der Universität München. Seit 2010 lehrt er als Associate Professor Philosophie an der New Yorker School for Social Research. Dabei fokussiert sich seine Arbeit unter andere auf Religionsphilosophie, mit einem Fokus auf Descartes, Spinoza und Kant. Boehm hat diverse Bücher geschrieben. Im März 2024 erhielt er den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung für sein Buch „Radikaler Universalismus. Jenseits von Identität. Universalismus als rettende Alternative“.
Das Vokabular für die neue Situation fehlt noch
Im Podcast spricht Omri Boehm darüber, wie ihm seine Jugend in Galiläa geprägt hat, einer Region in Israel, die größtenteils von Palästinenser bewohnt ist. Es gebe dort eine andere Art von Bewusstsein für die Existenz von Gaza als etwa in Tel Aviv. „In Galiläa ist die Geschichte auf viele Arten präsent. Es gibt Menschen, die geflüchtet sind und Menschen, die Geflüchtete waren in dem Staat, der um sie herum geschaffen wurde.“ Diese Jugend hat seine Sichtweise auf den Konflikt zwischen Israel und Palästina entscheidend geprägt, sagt Boehm. Gleichzeitig unterscheide sich sein Zugehörigkeitsgefühl zu Israel entscheidend von dem seiner Eltern – sein Vater, dessen Mutter den Holocaust überlebte, und seiner Mutter, deren Familie seit Generationen in Jerusalem gelebt hat. Das Land Israel habe für sie einen ganz anderen Stellenwert.
Boehm bewertet den 7. Oktober als entscheidenden Einschnitt für das israelische Selbstverständnis, dessen Tragweite nur schwer abzuschätzen sei. „Das Verhältnis zwischen Israel und Gaza wurde für immer verändert. Und auch die Situation jüdischer Menschen wurde für immer verändert.“ Es sei ein historischer Moment, der immer noch andauere und nicht rückgängig gemacht werden könne. „Wir werden dahin kommen, das richtige Vokabular für diese neue Situation zu finden. Aber jetzt gerade können wir nur sagen, dass sich die Dinge auf eine schreckliche Weise verändert haben.“
Wenig Chancen für eine Zweistaaten-Lösung
Der Philosoph zweifelt daran, dass die israelische Regierung tatsächlich darauf abzielt, die Hamas vollständig auszulöschen. Wolle sie das wirklich tun, müsste sie die Palästinenser einbeziehen – tue es aber nicht. „Die Hamas auszulöschen ist ein Slogan“, leitet der Philosoph davon ab. Gleichzeitig fehle es in Israel zurzeit an möglichen Lösungen für den Gaza-Konflikt. „Man kann nicht vorgeben, dass die Situation kontrolliert werden könne. Aber man kann die Menschen in Israel auch nicht von einer Zweistaaten-Lösung überzeugen.“ Dadurch werde der Krieg für viele Menschen in Israel zur einzig denkbarem Ausweg aus der Situation.
Durch das Erstarken der extremen Rechten – auch innerhalb der israelischen Regierung – werde es darüber hinaus immer schwieriger zu bestimmen, wer die Entscheidungsgewalt im Land trage. „Netanjahu braucht die Regierungskoalition mit den extremen Rechten. Und deshalb kontrollieren sie seine Entscheidungen“, analysiert Boehm. Damit liege nun auch das Schicksal der Geiseln, die die Hamas am 7. Oktober entführt hat, zumindest anteilig in der Hand der Rechten. Viele Menschen in Israel seien inzwischen überzeugt davon, sagt der Philosoph, dass ihre Regierung nicht ernsthaft daran interessiert sei, die Geiseln zu befreien und anderweitige politische Ziele priorisiere. „Wenn Deals kurz bevorstehen, dann arbeiten Netanjahu und seine Regierung daran, diese zu untergraben“, so berichteten es auch Armee-Offizielle.
Empfehlung von Omri Boehm
Da Omri Boehm in letzter Zeit viel alte israelische Musik gehört hat, empfiehlt er ein Lied, das er besonders oft hört, während er spazieren geht: „Atur Mitzchech“ von Arik Einstein: „Einer der besten Songs der alten, schönen israelischen Musik.“ Einstein war Israels bekanntester Sänger und Songwriter, ein Pionier des israelischen Rocks. Bis heute gilt der 2013 verstorbene Sänger als einer der einflussreichsten israelischen Künstler.
Moderation, Redaktion: Carolin Emcke
Redaktionelle Betreuung: Ann-Marlen Hoolt, Johannes Korsche
Produktion: Imanuel Pedersen
Geht es um die Frage, wie das moderne Theater aussehen kann, wird häufig zwischen zwei Arten der Inszenierung unterschieden: alte, klassische Bühnenstücke und performatives Theater, das Diversitätsfragen verhandelt. Doch müssen diese beiden Bereiche wirklich voneinander getrennt betrachtet werden? Um diese Frage zu beantworten, spricht Carolin Emcke in dieser Folge von "In aller Ruhe" mit der Intendantin des Schauspiels Dortmund, Julia Wissert. Im Podcast erzählt Wissert, inwiefern für sie identitätspolitische Fragen eine Rolle in der Gestaltung von Bühnenstücken spielen, und warum die Diskussion über Diversität und Repräsentanz ein Gespräch über Kunst erschwert.
Wissert, geboren 1984, ist als älteste von vier Töchtern in der Nähe von Freiburg im Breisgau aufgewachsen. Nach einem Studium in Media Arts und Drama in London und einem Regiestudium am Mozarteum in Salzburg arbeitete sie als freie Regisseurin, unter anderem am Maxim-Gorki-Theater in Berlin. Seit der Spielzeit 2020/21 ist sie Intendantin des Schauspiel-Bereichs am Theater Dortmund – als eine der jüngsten Intendantinnen Deutschlands. In verschiedenen Texten hat sich Wissert mit Fragen von strukturellem Rassismus auseinandergesetzt und 2017 gemeinsam mit der Anwältin Sonja Laaser ein Musterverfahren entwickelt, mit dem sich Kulturinstitutionen verpflichten, diskriminierendes Verhalten gegenüber Künstlerinnen und Künstlern schnell aufzuklären.
Eine Jugend, in der alle Lebensentwürfe akzeptiert wurden
Im Podcast erzählt Wissert von ihrer Jugend in einem Tausend-Seelen-Dorf. Eine prägende Frage sei für Wissert damals die nach Zugehörigkeit gewesen. "Ich kann mich nicht erinnern, in meiner Kindheit aktiv das Gefühl gehabt zu haben: Wow, diese Person sieht aus wie ich." Vorbilder habe sie sich in dieser Zeit unterbewusst in schwarzen Sängerinnen wie Tina Turner oder Whitney Houston gesucht. Erst durch eine neue Englischlehrerin am Gymnasium bekam sie dann einen Zugang zu Gedichten schwarzer Autorinnen und Autoren – und verstand, dass Sprache und Texte auch ein Beruf sein können.
Rückblickend ist Wissert dankbar für das Umfeld, in dem sie groß geworden ist. Der Onkel, der Dragqueen war, sei genauso akzeptiert worden wie jedes andere Familienmitglied auch. Das habe sie sehr geprägt: "Ich bin in einer wunderschönen, fantastischen Normalität groß geworden. Und deswegen vergesse ich manchmal, dass es eben doch Menschen gibt, die überrascht sind über diese Wirklichkeit."
Lange hat das Theater eine Wahrnehmung bestätigt, die nicht hinterfragt wurde
Diese Jugenderfahrungen beeinflussen auch Wisserts Arbeit am Stadttheater Dortmund, erzählt sie im Gespräch mit Carolin Emcke. Am Theater reize sie die Möglichkeit, Wirklichkeit auf der Bühne zu konstruieren, auf Missstände aufmerksam zu machen und gleichzeitig zu unterhalten. Als Intendantin versucht Wissert Räume, Perspektiven und Ästhetiken zu ermöglichen, die am Stadttheater in Dortmund bisher nicht stattgefunden hätten, sagt sie im Podcast. "Die Wirklichkeit, die erzählt wurde, und die Geschichten, die bisher erzählt wurden, haben eine Wahrnehmung bestätigt, die wir nie hinterfragt haben."
Wissert sieht ihre Aufgabe als Leiterin der Schauspiel-Sparte eines städtischen Theaters darin, ein vielfältiges Programm anzubieten. Es gehe darum, den Bürgerinnen und Bürgern eine Einladung auszusprechen, "und diese Einladung erstreckt sich auch in die Räume, die experimenteller sind". Das bedeute aber keinesfalls, dass diejenigen ausgeladen sind, die mit dem Experimentellen nichts anfangen können. Es gebe in Teilen der Bevölkerung eine Art "störrischen Besitzanspruch", eine Fantasie darüber, wer im Stadttheater sprechen sollte und worüber. Diese Vorstellungen aufzubrechen, sei keine einfache Arbeit. Trotzdem glaubt Wissert, dass es keinen besseren Ort für ihre Arbeit gebe als Dortmund: "Das ist ein Ort, der noch nicht damit fertig ist herauszufinden, was er sein möchte."
Empfehlung von Julia Wissert
Zum Ende des Gesprächs hat Wissert gleich vier Kulturtipps parat. Zum einen empfiehlt sie die Inszenierungen am Schauspiel Dortmund, namentlich "Das Kapital: Das Musical". Dann empfiehlt die Intendantin die US-amerikanische Dramedy-Serie "Atlanta" (2016) sowie die Sketch-Comedy-Show "Random Acts of Flyness" (2018). Beide Serien, sagt sie, treiben sie in der Frage um, wie Surrealismus auf der Bühne stattfinden kann. Zuletzt empfiehlt Wissert noch einen Text des simbabwischen Schriftstellers Dambudzo Marechera, der "eine Erschütterung" für sie war, als sie ihn gelesen hat. "Black Skin What Mask" ist Marecheras Antwort auf das in den 50er-Jahren veröffentlichte Buch "Black Skin White Mask" des Philosophen Frantz Fanon.
Moderation, Redaktion: Carolin Emcke
Redaktionelle Betreuung: Ann-Marlen Hoolt, Johannes Korsche
Produktion: Imanuel Pedersen
Bildcredit Cover: Birgit Hupfeld/Bearbeitung SZ
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