„Das haben doch heute alle!“
„Früher hat es das auch nicht gegeben.“
„Das kommt vom ganzen Medienkonsum.“
„Aber das muss das Kind doch auch mal lernen.“
„Ihr müsst einfach konsequenter sein.“
„Also bei mir macht das Kind das nicht.“
Eltern neurodivergenter Kinder begegnen solchen Sätzen immer wieder. Und meistens stecken dahinter nicht mal böse Absichten, sondern einfach Vorstellungen über ADHS, Autismus und Neurodivergenz, die sich hartnäckig halten. In dieser etwas besonderen Gold-to-Go-Folge schauen wir uns sechs dieser Aussagen genauer an: Was wissen wir heute über die Entstehung von ADHS und Autismus? Gab es Neurodivergenz wirklich „früher nicht“? Was sagt die Forschung über Medienkonsum und ADHS? Und warum kann sich ein neurodivergentes Kind bei Oma, in der Schule oder zu Hause vollkommen unterschiedlich zeigen?
Eine Folge zum Weiterleiten, gemeinsamen Anhören und vielleicht auch als Ausgangspunkt für das eine oder andere gute Gespräch.
Hier findet ihr wissenschaftliche Literatur zu den in der Folge angesprochenen Themen:
🔗 Palmer, E. D. & Finger, S. (2001): An Early Description of ADHD (Inattentive Subtype): Dr Alexander Crichton and “Mental Restlessness” (1798). Child Psychology and Psychiatry Review, 6, 66–73.
Historische Einordnung von Alexander Crichtons Beschreibung von Aufmerksamkeitsproblemen aus dem Jahr 1798.
🔗 Ssucharewa, G. E. / Wolff, S. (1996): The first account of the syndrome Asperger described? European Child & Adolescent Psychiatry, 5, 119–132.
Englische Übersetzung und Einordnung von Grunya Sukharevas 1926 veröffentlichter Beschreibung von Kindern mit Merkmalen, die heute dem Autismus-Spektrum zugeordnet werden.
🔗 Ra, C. K. et al. (2018): Association of Digital Media Use With Subsequent Symptoms of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Among Adolescents. JAMA, 320(3), 255–263.
Die in der Folge angesprochene Längsschnittstudie mit Jugendlichen: Häufigere Nutzung digitaler Medien war mit später auftretenden ADHS-Symptomen assoziiert. Die Studie erlaubt ausdrücklich keinen Schluss darauf, dass Medienkonsum ADHS verursacht.
🔗 Faraone, S. V. & Larsson, H. (2019): Genetics of attention deficit hyperactivity disorder. Molecular Psychiatry, 24, 562–575.
Übersichtsarbeit zur starken genetischen Komponente von ADHS; Zwillings-, Familien- und Adoptionsstudien ergeben eine geschätzte Erblichkeit von rund 74 %.
🔗 Hoogman, M. et al. (2017): Subcortical brain volume differences in participants with attention deficit hyperactivity disorder in children and adults: a cross-sectional mega-analysis. The Lancet Psychiatry, 4(4), 310–319.
Große internationale ENIGMA-Analyse bildgebender Daten, die im Gruppenvergleich subtile strukturelle Unterschiede verschiedener subkortikaler Hirnregionen bei ADHS zeigte.
🔗 Cook, J., Hull, L., Crane, L. & Mandy, W. (2021): Camouflaging in autism: A systematic review. Clinical Psychology Review, 89, 102080.
Systematischer Review zum sogenannten Camouflaging bzw. Masking bei autistischen Menschen – also Strategien, mit denen autistische Merkmale und Schwierigkeiten in sozialen Situationen verborgen oder kompensiert werden.
🔗 Halsall, J., Clarke, C. & Crane, L. (2021): “Camouflaging” by adolescent autistic girls who attend both mainstream and specialist resource classes: Perspectives of girls, their mothers and their educators. Autism, 25(7), 2074–2086.
Untersuchung von Masking bei autistischen Mädchen aus der Perspektive der Jugendlichen selbst sowie ihrer Eltern und pädagogischen Fachkräfte.
(Disclaimer: Viele wissenschaftliche Veröffentlichungen verwenden weiterhin eine stark medizinisch bzw. defizitorientiert geprägte Sprache für ADHS und Autismus. Ich verlinke sie aufgrund ihrer fachlichen Inhalte und Forschungsergebnisse; die dort verwendete Sprache entspricht nicht zwangsläufig meinem Verständnis und meiner Verwendung des Begriffs Neurodivergenz.)
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