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Sprache sind Bilder und Bilder sind Sprache. Ob in der Graphic Novel oder der Lyrik. In der einen Gattung sind sie im Wortsinn, in der anderen als Potenzial vorhanden. Und doch ist die Bildsprache nicht dasselbe wie ein Sprachbild, und ein Bild manchmal gar nicht dort, wo es zu sein scheint, sondern an Orten, an denen wir es gar nicht erwarten. Wie steht der Code der Sprache, dem wir uns bedienen, zu etwas so vermeintlich Unmittelbaren wie dem Bild? Mit der Zeichnerin und Künstlerin Lika Nüssli, dem Schriftsteller und Lyriker Klaus Merz diskutieren Marion Regenscheit, Christoph Keller und Lucien Haug, und sie machen dabei mehr als nur eine neue Entdeckung.
Sie kam aus Kiew, als Putzfrau, und sie blieb in diesem Berlin der Neunziger Jahre. Nastja, von Beruf Ingeneurin, flüchtet vor der postsowjetischen Armut in der Ukraine, will sich in Deutschland eine Existenz aufbauen und erlebt mehr als nur eine Demütigung. Und lernt, dass die Freiheit erst beginnt mit dem Recht, «Nein» sagen zu können. Ein Buch von hoher Aktualität, sagt Christoph Keller, eine Erzählung, die so schnörkellos wie berührend ist, findet Lucien Haug, und Marion Regenscheit verweist auf die psychologische Finesse, mit der Nadia Wodin ihre Protagonistin zeichnet. Mit einer Lesung der Autorin aus dem Koppelew-Forum.
Wir kennen es aus der Alltagssprache der Liebe, dass wir sagen «Ich habe dich zum Fressen gern», oder auch «Ich verzehre mich nach dir». In seinem hoch verdichteten, komplexen und zugleich berührenden Roman «Rot (Hunger)» verknüpft Senthuran Varatarajah zwei Geschichten. Einerseits den realen, dokumentierten Fall des «Kannibalen von Rotenburg», der sein Opfer, das sich ihm freiwillig hingegeben hat, ermordet und zur Verpeisung zerstückelt; andererseits die ebenso reale Geschichte einer unmöglichen Vereinigung, die der Autor selbst erlebt hat. Ein Text mit einer grossen Wucht, sagt Marion Regenscheit, Lucien Haug lobt die tiefgründige Dichte der Sprache, und Christoph Keller hat das Buch buchstäblich verzehrt.
Sie bewegen sich im digitalen Raum, als wäre es ihr Schlafzimmer – Almette, die kluge, emotional hilflose Gymnasiastin, Jo, der gescheiterte Student und Incel-Typ mitsamt ihren Freund:innen. Follower zu generieren, ist ihr Ziel, TikTok ihre Welt, und Emotionen werden in Likes und Emojis gemessen. Julia von Lucadou zeichnet in ihrem Roman die Existenz der Jugendlichen von heute, sie erzählt von den Folgen des digitalen Ausgesetztseins, und warum es da kein bisschen Liebe gibt. Ein humoriges Buch, findet Lucien Haug, eines mit sehr realen Figuren, sagt Marion Regenscheit, während Christoph Keller sich manchmal erschrocken hat. Aber alle sind sich einig - unbedingt lesen!
Die Literatur, fürchtet Olga Tokarczuk, Trägerin des Literaturnobelpreises, wird mehr und mehr zur Ware, vermarktbar, für den schnellen Verkauf designt; und Schriftsteller:innen tragen ihre Haut zu Markte. Gegen eine oberflächliche, schnelle Literatur bringt Olga Tokarczuk ihr eigenes Schreiben in Anschlag, das auf eine tiefe, innige Auseinandersetzung mit Geschichten und Figueren setzt. Allzu mythisch, findet das Lucien Haug, etwas altklug, meint Marion Regenscheit, während Christoph Keller sich begeistern kann. Eine stretbare Folge.
Der Kaiser muss abtreten, der Krieg ist verloren, vor dem Palast revoltiert das Volk. Was Jan Bachmann in seiner Graphic Novel «Der Kaiser im Exil» erzählt, ist nicht nur die Geschichte von Kaiser Wilhelm, der nach der Niederlage 1918 im Schloss eines befreundeten Grafen in Holland Zuflucht fand. Es ist auch die Geschichte eines Tyrannen, der Bäume fällt wie Menschen, und sich dennoch eine seltsam schrullige Seite bewahrt. Ein Glücksfall für alle, die Graohic Novels lieben, sagt Marion Regenscheit, während Christoph Keller neu zu lesen gelernt hat, und Lucien Haug findet, dass der Literaturbetrieb noch etwas zu lernen hat.
Robin ist ein Junge, der Bäume über alles liebt, und andere Lebewesen überhaupt. Nur ist er mit dieser engen Verbundenheit ziemlich allein, denn der einzige, der ihn versteht, ist sein Vater. Theo, der Vater, weiss um das besondere Spektrum, in dem sein Sohn lebt, er kennt seine Begabungen und er sorgt dafür, dass Robin wieder in Kontakt kommt mit seiner Mutter, die verstorben ist. Ein Buch über Naturliebe, Eltern, neurologische Experimente und darüber, welches Leben auf anderen Planeten möglich wäre - es hat Marion Regenscheit berührt, Lucien Haug bewegt und Christoph Keller erschüttert.
Zwei Frauenstreiks haben in der Schweiz die Öffentlichkeit aufgerüttelt, haben für aufsehen gesorgt und viele Frauen mobilisiert. Nur scheinen sie an den Männern vollends vorbeigegangen zu sein, als hätte es sie nie gegeben; und als hätte es keine Auseinandersetzung um Gewalt in der Ehe, in Beziehungen gegeben. Zu diesem Fazit muss kommen, wer Veronika Sutters Buch «Grüsser als du» liest - männliche Gewalt ist tatsächlich grösser. Das sei eine Konstante in toxischen Beziehungen, sagt Marion Regenscheit, und Christoph Keller pflichtet ihr bei, während Lucien Haug noch auf einen wichtigen Punkt zur Literaturkritik hinweist.
Ein Mann erscheint mitten in der Nacht auf einem Polizeiposten, erzählt eine Geschichte, die mehr und mehr ins Skurrile abgleitet. In der etwas erzählt wird von einer seltsamen Bürotätigkeit, verquastem Sex, und in der Frauen wie Tiere beschrieben werden. Eine Geschichte, die im Nichts beginnt und im Nichts endet, und in der drei Unschuldige ihre Existenz verlieren. Darüber gibt es viel zu rätseln, finden Marion Regenscheit, Lucien Haug und Christoph Keller, und sie versuchen, das Rätsel zu ergründen.
Vielleicht ist es ein Gedicht, vielleicht ein Gebet, vielleicht ein Manifest - ganz einig sind sich Lucien Haug, Marion Regenscheit und Christoph Keller bei Levin Westermanns verdichtetem Ablauf von 22 Tagen nicht. Aber sie freuen sich über diese innere Düsternis, die sich in diesem Band breit macht, weil dahinter doch möglicherweise eine lichte, andere Dimension hervorscheint - die Möglichkeit, dass man oder frau aufsteht und sich der Welt zuwendet, ganz.
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