Geschichte 10 Minuten

Geschichte 10 Minuten

By Alexander und DavidHistory
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Geschichte 10 Minuten episodes

  • Römisches Haus: Klimaanlage und Fußbodenheizung vor 2000 Jahren (#98)

    Ein römisches Haus kam ganz ohne Strom aus und blieb trotzdem im Hochsommer angenehm kühl. Im Zentrum stand das Atrium, ein lichter Raum mit einer Öffnung im Dach, unter der sich Regenwasser in einem Becken sammelte und beim Verdunsten den Raum kühlte, eine frühe Form der Klimaanlage. Dazu kamen dicke Steinmauern, hohe Decken und schattige Säulengärten, während sich die Reichsten sogar eine Fußbodenheizung leisteten, das berühmte Hypokaustum. Vieles davon übernahmen die Römer von anderen Völkern, das Atrium von den Etruskern, den Säulengarten von den Griechen. Wer arm war, hauste dagegen hinter Läden oder in mehrstöckigen Mietshäusern, während die Ärmsten unter Brücken schliefen. Selbst der Begriff privat bedeutete etwas anderes: Ein Geschäftstreffen zu Hause galt als öffentlich, der Gang zur Gemeinschaftslatrine dagegen als privat.


    Foto: Wikimedia Commons / Tobias Langhammer / CC BY-SA 3.0

    11 min
  • Applaus: Warum wir klatschen und was das über uns verrät (#97)

    Schon im alten Rom war Applaus ein codiertes System: flache Hände für normales Lob, hohle Hände für echte Begeisterung, geschwenkte Tücher für den großen Jubel. Und schon damals gab es bezahlte Klatscher. Diese Folge erzählt, wie das Klatschen im Mittelalter aus den vornehmen Sälen verschwand und im bürgerlichen Theater zurückkehrte, warum man in der Oper zwischen den Sätzen schweigt, was es mit den Pariser Claqueuren auf sich hat und warum in Ungarn rhythmisch geklatscht wird. Am Ende geht es um die dunkle Seite: um eine Anekdote aus Stalins Sowjetunion, in der niemand als Erster aufzuhören wagte, und um die minutenlangen Standing Ovations von Cannes. Eine Geschichte darüber, dass Applaus nie nur Applaus ist, sondern immer auch etwas über die verrät, die ihn spenden.

    9 min
  • Phönizier: Das vergessene Volk, das unser Alphabet erfand (#96)

    Die Buchstaben, mit denen dieser Text geschrieben ist, gehen auf ein Volk zurück, das heute kaum jemand kennt: die Phönizier. Von den Hafenstädten Tyros, Sidon und Byblos an der Küste des heutigen Libanon aus beherrschten sie als Seefahrer und Händler das Mittelmeer, lange bevor Griechenland und Rom groß wurden. Sie gründeten Kolonien bis nach Spanien, brachten Zedernholz und das kostbare Purpurrot in die Welt und schufen mit Karthago die größte Rivalin Roms. Ihre wichtigste Erfindung aber war das Alphabet, rund zwei Dutzend Zeichen statt hunderter Silbensymbole, das die Griechen übernahmen und um Vokale ergänzten. Dass die Phönizier heute so wenig bekannt sind, liegt an ihrer verlorenen Literatur und daran, dass das 19. Jahrhundert Griechen und Römer in den Vordergrund rückte. Ihr Erbe aber lesen wir bis heute in jedem geschriebenen Wort.

    9 min
  • Der große Mond-Schwindel von 1835: Die erste Fake News der Moderne (#95)

    Im August 1835 veröffentlicht die New York Sun eine Sensation: Der Astronom John Herschel habe mit einem neuartigen Riesenteleskop Leben auf dem Mond entdeckt. Strände, Wälder, zweibeinige Biber und menschenähnliche Wesen mit Fledermausflügeln. Die Auflage explodiert, andere Zeitungen drucken nach, und angeblich überlegt eine Missionsgesellschaft ernsthaft, Missionare zum Mond zu schicken. Erst nach drei Wochen gibt die Zeitung zu, dass alles erfunden war. Diese Folge erzählt, wie der Schwindel funktionierte, warum Edgar Allan Poe sich darüber ärgerte, und welche drei Tricks von damals sich bis heute in jeder Desinformation wiederfinden.


    7 min
  • Illegale Spione: Als ein Sowjet-Agent echter Botschafter wurde (#94)

    Sie leben mit Einfamilienhaus, Rasenmäher und Kindern mitten in der westlichen Vorstadt, und niemand ahnt, dass sie russische Agenten sind. Illegale nennt der sowjetische und russische Geheimdienst jene Spione, die ohne diplomatische Tarnung komplett in ein fremdes Leben eingeschleust werden, oft für Jahrzehnte. Der spektakulärste Fall war ein Ring aus zehn solchen Agenten, den das FBI 2010 in den USA enttarnte. Die erstaunlichste Biografie gehört Iosif Grigulewitsch, der sich einen echten Pass erschwindelte, zum Botschafter Costa Ricas in Rom und Belgrad aufstieg, den Papst traf und beinahe im Auftrag Stalins den jugoslawischen Staatschef Tito ermordet hätte. Erst Stalins Tod 1953 stoppte das Attentat. Von Lenins Untergrund bis zu Putins Neuauflage zieht sich das Programm durch die Geschichte.


    Titelfoto: Museum of Yugoslavia - CC BY-SA 3.0

    9 min
  • Fuggerei: Seit 500 Jahren unter 1 Euro Miete (#93)

    In Augsburg gibt es eine Wohnsiedlung, in der die Jahresmiete seit über 500 Jahren gleich geblieben ist: ein Rheinischer Gulden, heute rund 88 Cent. Gestiftet wurde die Fuggerei 1521 von Jakob Fugger, dem reichsten Mann seiner Zeit, der Päpste und Kaiser finanzierte und sogar die Kaiserwahl Karls V. mit seinen Krediten absicherte. Einziehen durfte, wer unverschuldet in Not geraten war, Augsburger, katholisch und von gutem Leumund, gegen die Pflicht, täglich drei Gebete für den Stifter zu sprechen. Bis heute gilt diese Regel, und ein Nachtwächter schließt abends um zehn die Tore der kleinen Stadt in der Stadt. Im 17. Jahrhundert wohnte hier der Maurer Franz Mozart, der Urgroßvater von Wolfgang Amadeus Mozart. Verwaltet wird die älteste Sozialsiedlung der Welt bis heute von der Stiftung Jakob Fuggers, die sich vor allem aus Waldbesitz trägt.


    7 min
  • Die letzten Heiden Europas (#92)

    Als Europa längst christlich war, hielten an seinen Rändern noch ganze Völker an ihren alten Göttern fest, mancherorts bis ins 20. Jahrhundert und darüber hinaus. Litauen war 1387 der letzte heidnische Staat des Kontinents, und selbst dann ließ sich Großfürst Jogaila vor allem aus politischem Kalkül taufen, um König von Polen zu werden. Im hohen Norden lebten die Samen mit ihren schamanischen Trommeln, im Baltikum verehrten Litauer und Prußen heilige Haine und ewige Feuer, und an der Wolga baten die Mari die Waldgeister um Erlaubnis, bevor sie ein Tier erlegten. Weil diese Völker keine Schrift kannten, stammt fast alles, was wir wissen, aus den Berichten ihrer christlichen Gegner. Die Christianisierung verlief mal langsam und leise, mal brutal, etwa als der Deutsche Orden Preußen eroberte. Ganz verschwunden ist das alte Heidentum aber nie, bei den Mari in Russland gibt es bis heute Opferfeste in heiligen Hainen.

    9 min
  • Kugelmugel: Der Mikrostaat im Wiener Prater (#91)

    Als die Behörden sein selbst gebautes Kugelhaus beanstandeten, erklärte der Künstler Edwin Lipburger es kurzerhand für keinen Bau, sondern einen positiv gekrümmten, zweidimensionalen Raum. 1976 ging er noch weiter und rief die eigenständige Republik Kugelmugel aus, mit Grenze, Pässen, Briefmarken und einem Präsidenten. Wegen Amtsanmaßung saß er dafür sogar einige Wochen im Gefängnis. Seit 1982 steht die acht Meter große Holzkugel im Wiener Prater, umzäunt mit Stacheldraht und einem Schild am Antifaschismusplatz. Hinter dem skurrilen Bauwerk steckt ein politisches Gesamtkunstwerk, das die Symbole staatlicher Macht konsequent parodiert. Auch in den USA gibt es solche Spielereien: Die Mikronation Molossia führt bis heute im Scherz Krieg gegen die längst untergegangene DDR.

    7 min
  • Æthelflæd: Die Kriegerin, die die Wikinger zurückschlug (#90)

    Im frühen 10. Jahrhundert, als Frauen kaum politische Macht hatten, führte eine von ihnen selbst die Armeen ins Feld. Æthelflæd war die älteste Tochter von Alfred dem Großen und übernahm nach dem Tod ihres Mannes 911 die Herrschaft über das angelsächsische Königreich Mercia, nicht als Königin, sondern als Lady of the Mercians. In nur sieben Jahren ließ sie ein Netz aus Festungen errichten, aus denen später Städte wie Tamworth und Stafford wuchsen, und eroberte den Dänen wichtige Gebiete wie Derby und Leicester ab. Sogar das Wikingerzentrum York bot ihr die Unterwerfung an, doch sie starb 918, bevor sie es einnehmen konnte. Ihre Tochter Ælfwynn übernahm kurz die Macht, ehe Æthelflæds Bruder Edward Mercia ganz in sein Reich eingliederte. Bei uns kaum bekannt, wird sie in England bis heute als eine der bemerkenswertesten Herrscherinnen ihrer Zeit gefeiert.

    8 min
  • Lucas Plan: Als Rüstungsarbeiter keine Waffen mehr bauen wollten (#89)

    Mitte der 1970er sollte beim britischen Rüstungs- und Luftfahrtkonzern Lucas Aerospace ein großer Teil der Belegschaft entlassen werden. Statt nur zu streiken, entwarfen die Beschäftigten 1976 einen eigenen Gegenplan: Statt Waffen wollten sie sozial nützliche Produkte bauen, von Dialysegeräten über Windräder bis zu Hybridantrieben. Der sogenannte Lucas Plan umfasste über 150 Produktideen samt Marktanalysen, Machbarkeitsstudien und Vorschlägen für weniger hierarchische, demokratischere Arbeitsformen. Die Unternehmensführung lehnte den Plan ab und trennte sich später von führenden Köpfen wie dem Ingenieur Mike Cooley, der die Idee im Buch Architect or Bee? weiterdachte. Bis heute gilt der Lucas Plan als früher Entwurf einer sozial und ökologisch orientierten Produktion und inspirierte spätere Bewegungen von Italien bis Argentinien. Für den Friedensnobelpreis war er 1979 sogar nominiert.


    Titelbild: Prototyp eines durch die Belegschaft entwickelten Schienen-Straßen-Omnibusses - Quelle: Lucas Aerospace Workers Road-Rail Bus, Bishops Lydeard, WSR 27.7.1980 (Gillett's Crossing from Bristol, United Kingdom) / CC BY 2.0


    Doku: THE PLAN that came from the bottom up

    5 min

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