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Der Iran steht an einem Wendepunkt. Ayatollah Khameneis Herrschaft geht zu Ende, und mit ihr wankt das theokratische System, das das Land seit 1979 geprägt hat. In einem Essay „The Autumn of the Ayatollahs“ beschreibt der Analyst Karim Sadjadpour den nahenden Machtwechsel als Beginn einer historischen Zäsur: Die Islamische Republik ist erschöpft, ihre Ideologie entleert, ihre Gesellschaft müde. Fünf mögliche Zukunftsszenarien reichen von militärischer Diktatur bis zu populistischem Autoritarismus – doch eines bleibt klar: Der wahre Wunsch der Iraner richtet sich nicht nach Revolution, sondern nach Normalität – zendegi-e normal, einem Leben ohne Angst, Kontrolle und Mangel.
In einem Gespräch mit Yascha Mounk analysiert der Politikwissenschaftler Ivan Krastev die Lage der USA unterDonald Trump. Er zieht überraschende historische Vergleiche – etwa zu Gorbatschow – und beschreibt, wie sich amerikanische Demokratie, internationale Ordnung und europäische Abhängigkeiten verändern. Für Krastev steht fest: Der Zerfall des amerikanischen Exzeptionalismus markiert nicht nur eine Krise der USA, sondern das Ende einer ganzen Epoche.
Sam Harris gilt als ein wichtiger Denker der Gegenwart– ein Philosoph, der Ethik und Vernunft gegen die moralischen Reflexe unserer Zeit verteidigt. In seiner Analyse der amerikanischen Politik wirft er der Linken vor, sich im Netz der Identitätspolitik verfangen zu haben. Was einst als Kampf für Gleichberechtigung begann, sei zu einer Ideologie geworden, die neue Ungerechtigkeiten schafft und alte Gräben vertieft. Harris’ Warnung richtet sich nicht nur an die USA: Auch in Europa droht die Linke, ihre universalistischen Werte zu verlieren – und damit jenen Populismus zu stärken, den sie eigentlich bekämpfen will.
Drei der einflussreichsten Historiker der Gegenwart in den USA – Niall Ferguson, Victor Davis Hanson und Stephen Kotkin – diskutierten in der Sendung Uncommon Knowledge über die historische Bedeutung Donald Trumps. Ist er das Ende einer Epoche, der Beginn einer neuen oder ein Symptom des Wandels? Ihr Gespräch zeigt, wie eine andere, inneramerikanische Einordnung von Donald Trump aus historischer Perspektive aussieht.
Was passiert, wenn politische Urteile zu moralischen Verurteilungen werden? In seinem neuen Buch „Was nun? Eine Philosophie der Krise“ zeigt der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann, wie moralische Überheblichkeit und intellektuelle Selbstgewissheit unsere Demokratien spalten. Am Beispiel des Satzes „Die haben falsch gewählt“ beschreibt er, wie politischeDifferenzen zu Fragen moralischer Reinheit werden – und warum genau das die Demokratie gefährdet. Seine Analyse trifft sich mit der Kritik Michael Sandels, der vor der Selbstgerechtigkeit liberaler Eliten warnt und für mehr Demut und Respekt in der politischen Kultur plädiert.
In einer Welt, in der Menschen den Unterschied zwischen Meinung und Urteilskraft nicht mehr erkennen, erodiert das Fundament der Demokratie. Populismus ist nicht nur eine politische Bewegung – er ist das Symptom einer Gesellschaft, die im digitalen Spiegelbild ihrer eigenen Gewissheiten gefangen ist.
Curtis Yarvin ist kein Politiker, kein Agitator – er ist der Systemarchitekt einer neuen Rechten. Unter dem Pseudonym Mencius Moldbug erklärte er die Demokratie zum „defekten Betriebssystem“ und entwarf stattdessen eine Welt aus souveränen Firmenstaaten, den sogenannten SovCorps, geführt von CEO-Monarchen. Seine Vision: Bürger als Kunden, Politik als Produkt, Freiheit als Kündigungsrecht. Was wie eine dystopische Theorie klingt, prägt längst die politische Praxis – von Silicon Valley bis Washington. J.D. Vance, heutigerUS-Vizepräsident, greift Yarvins Ideen offen auf und fordert die „Entmachtung der Kathedrale“: die Zerschlagung des Verwaltungsstaats zugunsten starker Exekutivherrschaft. Yarvin liefert damit den Code für eine neue Form des Autoritarismus – technokratisch, effizient, smart. Wer Vance verstehen will, sollte ihn kennen.
Europa hat sich 1993, mit der Gründung der Europäischen Union, neu erfunden – und zugleich von der Geschichte verabschiedet. Was als Triumph der Integration begann, wurde zur Ära politischer Selbstentmachtung. Aus der Gemeinschaft der Nachkriegszeit wurde ein System der Verwaltung. Heute, da alte Machtpolitiken zurückkehren, zeigt sich: 1993 war keine bloße Umbenennung, sondern der Beginn von Europas stillem Rückzug aus der Weltgeschichte.
Demagogen gab es schon, bevor es moderne Demokratien gab. Im alten Athen traten sie als „Führer des Volkes“ auf – bissich aus der Volksführung die Volksverführung entwickelte. Platon und Aristoteles beschrieben, wie aus der Freiheit der Rede eine Rhetorik der Manipulation werden kann und warum Demagogen dort erfolgreich sind, wo soziale Ungleichheit wächst. Heute begegnen uns dieselben Mechanismen in neuer Form: Populismus als Spiegel einer verunsicherten Demokratie. Von Kleon bis Trump zeigt sich – die Versuchung der Demagogie bleibt die gleiche, solange Wut und Ungleichheit politische Vernunft übertönen.
Donald Trump nennt es „Frieden im Nahen Osten“. Tatsächlich istdas Gaza-Abkommen, das er vermittelt hat, vor allem ein machtpolitischer Deal: ein Waffenstillstand ohne Fundament, der kurzfristig Stabilität bringt, aber keinen echten Frieden. Trumps Selbstinszenierung als Friedensstifter erinnert an Otto von Bismarck, der sich einst auf der Berliner Konferenz als Garant europäischer Ordnung präsentierte – während er im Inneren liberale und soziale Bewegungen unterdrückte.
Beide Politiker stehen für dieselbe Versuchung der Macht: außenpolitische Stärke mit innenpolitischer Kontrolle zu erkaufen. Ihr Frieden beruht auf Druck, nicht auf Vertrauen – und das ist kein Frieden, der Bestand haben kann.
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