Er könnte einfach abtauchen und verschwinden. Es war eh niemand an ihm interessiert. Ein paar Leute meldeten sich schon, aber meistens nur, wenn sie etwas von ihm wollten oder es kamen irgendwelche banalen oder möchtegernlustigen Schrottnachrichten in WhatsApp-Gruppen rein. Die waren ja eigentlich für den Austausch gedacht, allerdings kotzte da auch nur jedes Gruppenmitglied irgendwelchen random-content rein, ohne dass es dann zu einem Austausch darüber kam. Fotos vor Allem: Hier bin ich gerade, das ess ich gerad, das mach ich gerad, so seh ich gerad aus, das ist witzig. Ja... und? Nix.
Einfach raus damit, posten um zu posten, automatisiert, konditioniert. Und wenn man mal nachfragte, bekam man keine Antwort. Zumindest keine aufschlussreiche. Postete man selbst etwas, reagierte auch niemand. Reine Selbst- oder besser Selbstbilddarstellung. Ein Gesehen- und Wahgenommenwerdenwollen, ohne selbst zu sehen und wahrzunehmen. Widersprüchlich. Zwecklos. Überflüssig.
Andere meldeten sich, um ihn als Mülleimer zu benutzen. Entweder, weil sie ihrem Mitteilungsdrang freien Lauf lassen wollten, oder wenn sie etwas auf der Seele hatten. Er hörte zu, schenkte Raum und Zeit, fragte nach, verstand, vollzog nach und urteilte dabei nicht. Das half ihnen schon.
Sie fragten auch, wie es ihm ging, aber mehr so aus der Floskel heraus. Er hatte nicht den Eindruck, dass dies beim Gegenüber wirklich von Interesse war. Meistens entwortete er dann ebenfalls floskelhaft mit "Gut" oder "Alles in Ordnung", weil er Folgendes vernahm, wenn er sich etwas öffnete und erzählte, wie es ihm wirklich ging: Er spürte das unangenehme Empfinden beim Gegenüber einfach, schilderte er seine gedämpfte Stimmung, seine Genervtheit, seine Müdigkeit, seine Wut. Sie wussten damit nicht umzugehen, konnten ihn nicht handlen, mochten es am Liebsten nicht wahrhaben, weil sie es nicht ertrugen.
Nicht ertrugen, zusätzlich zum eigenen Scheiß jetzt auch noch das Problem von demjenigen lösen zu müssen, von dem sie unbewusst erwarteten, dass er für sie da sein würde, nicht umgekehrt. Zumal sie dies gar nicht lösen konnten und dementsprechende Ohnmacht nicht aushielten. Das merkte man auch an den Reaktionen: schnell wurden Tipps gegeben oder einfach auf sich gelenkt: "Ja, das kenne ich auch, bei mir ist das so..." Dann hatten sie auch wieder das, was sie sich von ihm erhofften und was ihnen drohte verwärt zu werden, sollte er von seinem Erleben erzählen: Zuwendung und Aufmerksamkeit.
Sie erzählten ihm im Prinzip immer das Gleiche. Entweder tatsächlich mehrmals, was sie gerad machten sowie gemacht hatten oder das Thema, das sie beschäftigte, war immer das Selbe. Es drehte sich einfach alles im Kreis. Ihr Alltag, ihre Trigger, ihre Beziehungen, ihre Arbeit... Immer gleich, fortwährend. Und so war es auch bei ihm.
Einsam fühlte er sich, wenn bei ihnen alles okay war. Dann brauchten sie ihn nicht und meldeten sich auch nicht. War es zu viel verlangt, auch mal Zuwendung und Aufmerksamkeit zu bekommen? Bedingungslos und akzeptierend? Er enteickelte unbewusst einen Glaubenssatz, der ihm vermittelte, dass seine Belange, das was ihn bewegte, dass er es nicht Wert sei, davon zu erzählen.
Es schmerzte ihn. Er musste sich unabhängig machen. Das hieße dann auch, dass er sich nicht mehr als Mülleimer missbrauchen lassen durfte. Als Objekt. Also einfach nicht mehr reagieren. Einfach verschwinden. WhatsApp und sämtliche Social Media-Profile löschen, Smartphone weg und dann tschüss. Abgenabelt, abgeschottet, isoliert. Alleine war er eh besser dran.
Und sie würden es nicht bemerken. Nicht so lange es gut bei ihnen lief oder sie mit sich selbst beschäftigt waren (wobei sie Letzteres immer waren). Bis zu dem Moment bei dem sie merkten, dass sie wieder jemanden zum Reden, also seine Hilfe, brauchten.
Aber dann war es zu spät.
Dann war er schon weg.