Das aktuelle Heft der „Zeithistorischen Forschungen“ enthält fünf längere Aufsätze, außerdem einen Text über einen Quellenbestand zur Migrationsgeschichte, zwei Beiträge in der Rubrik „Neu gelesen“ und einen weiteren Beitrag in der Rubrik „Neu gehört“. Was häufigeren Leser:innen dieser Zeitschrift aber zuerst auffallen dürfte: Wir haben die Website leicht umgestaltet, es gibt grafisch und funktional einige Neuerungen. Dazu gehört erstens, dass die Rubrik „Neu gelesen“ mit inzwischen mehr als 100 Beiträgen jetzt auch über einen Zeitstrahl zugänglich ist, der die vorgestellten Bücher und Aufsätze in chronologischer Folge präsentiert – ein breites Panorama teils bekannter, teils weniger bekannter Publikationen des 20. Jahrhunderts, deren Neu- oder Wiederentdeckung sich lohnt.
Eine zweite Neuerung ist, dass wir zu früheren Artikeln jetzt gelegentlich kurze redaktionelle Nachträge einbauen. Die Integrität der publizierten Originalbeiträge bleibt selbstverständlich erhalten, aber es sind nun auch Aktualisierungen möglich. Als Leser:in erkennen Sie dies, wenn oben rechts zu Beginn eines Beitrags der rote Button „Update“ steht (ein Beispiel etwa hier).
Eine dritte Neuerung ist das übersichtlichere Register aller Autor:innen, das nun einen besseren Überblick zu denjenigen liefert, die die „Zeithistorischen Forschungen“ mit ihren Beiträgen bisher gestaltet und mitgetragen haben. Für die Suche nach Themenfeldern, Ländern oder Weltregionen sowie bestimmten Zeitabschnitten des 20./21. Jahrhunderts gibt es weiterhin ein differenziertes Schlagwortregister.
Solche Umstellungen einer in gut 20 Jahren gewachsenen Website sind immer mit einigen technischen Hürden verbunden. Manche Änderungen lassen sich automatisieren, vieles muss aber auch einzeln nachgetragen werden. In den älteren Beiträgen des Online-Archivs sind momentan sicher noch Unstimmigkeiten enthalten; wir werden daran weiter arbeiten. Wenn Ihnen Fehler in der Darstellung oder der Navigation, bei der Einbindung von Bild-, Film- oder Tondokumenten etc. auffallen, ist die Redaktion dankbar für alle Hinweise und bemüht sich um rasche Verbesserungen.
Nun aber zum Inhalt: Die Beiträge im Aufsatzteil widmen sich der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bzw. auch der alliierten Besatzungszeit im frühen Nachkriegsdeutschland – überwiegend mit transnationalen Bezügen. Victor Jaeschke untersucht die Dürre von 1947 in der Bizone mit ihren politischen Effekten für das deutsch-amerikanische Verhältnis. Zugleich betrachtet er den damaligen Wassermangel aus der Perspektive einer heutigen historischen Klimaforschung. Alexander Zinn gibt am Beispiel der Stadt Frankfurt am Main differenzierte Antworten auf die Frage, wie stark Homosexuelle in den 1950er- und 1960er-Jahren einer repressiven Strafverfolgung ausgesetzt waren. Die „einfache“ Homosexualität unter Erwachsenen wurde allmählich milder beurteilt, für „schwere“ Fälle sogenannter „Jugendverführung“ galt dies dagegen nicht. David Kuchenbuch deutet die ZDF-Spielfilmserie „Keine Zeit für Abenteuer“ von 1970 als eine gescheiterte PR-Aktion des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die versuchte Werbung für „Entwicklungshilfe“ fiel in eine Phase, in der stereotype Darstellungen der „Dritten Welt“ generell stärkerer Kritik ausgesetzt waren. Torsten Konopka hat erforscht, mit welchen Motiven und in welchem Ausmaß die Bundesministerien von 1962 bis 1994 Ruanda unterstützten. Die Ausrüstungs- und Ausbildungshilfen durch die Bundeswehr standen primär im Kontext des Ost-West-Konflikts. Der Genozid von 1994 kam für die deutschen Akteure recht überraschend. Charlotte Adèle Murphy schildert, wie einige Werke des sowjetischen nonkonformistischen Bildhauers Vadim Sidur seit den 1970er-Jahren in die Bundesrepublik gelangten und hier als Denkmäler in neue Kontexte gebracht wurden. Dies ist ein Beispiel für inoffizielle Kulturbeziehungen während des Kalten Krieges und zugleich die historische Würdigung eines in der Ukraine geborenen Künstlers, der sich mit Kriegs- und Gewalterfahrungen auseinandersetzte.
In der Rubrik „Neu gelesen“ beschäftigen sich Matthias Schwartz mit Wassili Grossmans Roman „Stalingrad“ und Maurus Reinkowski mit Dan Diners Buch „Das Jahrhundert verstehen“. In der Rubrik „Neu gehört“ diskutiert Daniel Morat anhand der Sammlung „Jahrhundertstimmen“ die Aussagekraft von Tondokumenten für die Zeitgeschichte. Und in der Rubrik „Quellen“ zeigt Klaas Anders, welche Einblicke in die Lebenswelt tschechoslowakischer Migrant:innen in Wien (seit den späten 1960er-Jahren) der Nachlass des Sozialdemokraten Ludwig Kolin bietet.
Die „Zeithistorischen Forschungen“ werden am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam herausgegeben von Frank Bösch und Gabriele Metzler. Die Zeitschrift erscheint gedruckt im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht und zugleich im Open Access (seit dem Heft 1/2021 unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0 für alle neuen Texte). Beitragsideen und Manuskript-Einsendungen aus dem gesamten Spektrum der Zeitgeschichte sind für künftige Hefte jederzeit willkommen – nähere Hinweise für Autor:innen finden sich auf unserer Website.