Eine Reihe von Holle Meding und Lilia Gaivan
Digitalität als epistemischer Wandel: Geschichte ist vom Medium ihrer Überlieferung abhängig. Jede Form der Aufzeichnung, Sammlung und Vermittlung von Vergangenheit prägt auch die Art, wie sie interpretiert und verstanden wird. Mit der fortschreitenden Digitalisierung betrifft dieser Zusammenhang nicht mehr nur die Überlieferung selbst, sondern auch die Grundlagen der geschichtswissenschaftlichen Arbeit insgesamt. Forschung, Lehre, Kommunikation und Publikation finden heute zunehmend in digitalen Umgebungen statt, die Arbeitsstrukturen verändern, neue Formen der Zusammenarbeit ermöglichen und zugleich die Bedingungen historischer Wissensproduktion mitbestimmen.
Mit der Digital History hat sich in den letzten Dekaden ein weites, interdisziplinäres und dynamisches Praxisfeld entwickelt, das sich sowohl mit der Nutzung und Medien in der Geschichtsforschung als auch mit den epistemischen, methodischen und gesellschaftlichen Dimensionen der Digitalität an sich befasst. Die Spannbreite reicht dabei von der digitalen Transformation klassischer Arbeitspraktiken, wie beispielsweise der Online-Recherche, der Digitalisierung von Quellen und der Publikation in Open-Access-Formaten bis hin zu Ansätzen der Computational History, die mit Hilfe von Algorithmen, Datenmodellen und Visualisierungen computergestützte Perspektiven auf historische Prozesse eröffnet. In dieser Vielfalt spiegelt sich zugleich die Offenheit des Feldes. So existiert bis heute keine einheitliche Definition dessen, was Digital History oder die „digital-historischen Fächer“ umfasst. Wie Jean-Christophe Plantin betont, liegt diese Unschärfe dabei nicht in einem theoretischen Defizit, sondern im bewussten Charakter eines transdisziplinären Feldes, dessen Grenzen durch technische, methodische und institutionelle Entwicklungen fortwährend in Bewegung sind.