Neue Ausgabe der „Zeithistorischen Forschungen“
Das aktuelle Heft der „Zeithistorischen Forschungen“ (1/2024–2025), herausgegeben und eingeleitet von Monika Dommann und Lena Kaufmann, diskutiert und praktiziert Verbindungen von ethnographischen und zeitgeschichtlichen Studien. Ein solcher Austausch verdient in beiden Fächern mehr Aufmerksamkeit und transdisziplinäre Reflexion. Produktive Kontaktzonen sind etwa der Boom lebensgeschichtlicher Erzählungen, die Notwendigkeit und Schwierigkeit von Oral History bei sensiblen Themen, die Hinwendung zur Geschichte der Digitalisierung als Alltagspraxis oder der Umgang mit problematischen Objekten in Museen, Sammlungen und Nachlässen. In unserem Themenheft haben sich mehrere Autor:innen-Tandems auf das Experiment des gemeinsamen Forschens mit ethnographischen und historischen Methoden eingelassen. Die Beiträge eröffnen neue Perspektiven auf materielle Kulturen, Sammlungsleidenschaften, Wirtschaftsbeziehungen, digitale Infrastrukturen und künstlerische Praktiken zwischen Afrika, Asien und Europa. Sie zeigen, dass sich im Terrain der Archivarbeit und Feldforschung auch ein grundsätzliches Nachdenken aufdrängt: über die je eigene Fachgeschichte, Forschungsethik und Arbeitsformen, Ein- und Ausschlüsse sowie über die Zugänglichkeit von Archiven und Forschungsdaten in unsicheren Zeiten.
Die Bezeichnung „Sozial- und Kulturanthropologie“ folgt den heute dominierenden Begriffen für diejenigen Fächer, die früher mit unterschiedlichen Akzenten als „Ethnologie“, „Völkerkunde“ bzw. (mit Bezug auf Europa) „Volkskunde“ firmierten. Im Zuge der Dekolonialisierung und der postkolonialen Debatten sind die mit den Fächerbezeichnungen jeweils verbundenen Denk- und Forschungstraditionen selbst zum Gegenstand einer kritischen Historisierung geworden; viele Institute und Museen wurden umbenannt. Die unterschiedlichen Richtungen und Verständnisse von „Anthropologie(n)“ werden im Themenheft einleitend skizziert – bis hin zur „Multimodalen Anthropologie“, die sich für eine Vielzahl medialer Ausdrucksformen und kollaborativer Forschungsansätze interessiert. Im Vordergrund steht hier jedoch nicht die wissenschaftsgeschichtliche Perspektive als solche, sondern das konkrete Zusammenwirken ethnographischer und historischer Zugänge. Beide Fachrichtungen haben wichtige Gemeinsamkeiten – zum Beispiel die Beschäftigung mit dem „Eigenen“ und dem „Anderen“, mit universalen und partikularen Perspektiven, mit Texten und Kontexten, mit visueller und materieller Kultur, mit zeitlichen und sprachlichen Übersetzungen. Dies ist keine grundsätzlich neue Erkenntnis, aber speziell in der Zeitgeschichtsforschung weniger systematisch verfolgt worden als etwa in Studien zur Frühen Neuzeit.
Die Beiträge des Themenheftes sind exemplarische Erkundungen, die die Potentiale und auch die produktiven Reibungen gemeinsamen Forschens verdeutlichen. Die Aufsätze widmen sich dem Konnex von Archiv- und Feldforschung, wissenschaftlicher und künstlerischer Forschung im Museum (Gesine Krüger/Michaela Oberhofer), der Wiederverwendung von Baumaterialien in Polen nach dem Zweiten Weltkrieg und in der heutigen Kreislaufwirtschaft in Österreich (Madlen Kobi/Adam Przywara), den chinesisch-schweizerischen Verflechtungen im Bereich von Joint Ventures der Telekommunikation (Lena Kaufmann/Niklaus Remund) sowie der sozialen Praxis des Crowdfunding (Monika Dommann/Moritz Ege). Nicht zufällig geht es in den Beiträgen immer wieder um Infrastrukturen, die als soziotechnische Systeme mit historisch gewachsenen oder neu entstehenden Gebrauchsweisen analysiert werden. Nils Güttler und Lena Kaufmann vertiefen dies in einem Gespräch mit Debjani Bhattacharyya und Brian Larkin, die sich beide als „disciplinarily disobedient“ bezeichnen. An die Stelle eines bloßen „Dialogs“ von Sozial-/Kulturanthropologie und Zeitgeschichte tritt hier ein selbstbewusster Methodenmix.
In einer Website-Besprechung interpretiert Roland Meyer das Projekt „Digital Benin“ als eine „virtuelle Resituierung“, die gegenüber einer materiellen Restituierung neuartige und eigene Optionen bietet. In der Rubrik „Neu gelesen“ stellen Louis Widmer und Timo Luks zwei ältere Bücher vor, die bei ihrer Erstpublikation auf unterschiedliche Weise prägend waren und auch für heutige Debatten anregend sein können: Hans Peter Duerrs Bestseller „Traumzeit“ von 1978, ein ebenso spielerischer wie ernsthafter wissenschaftskritischer „Grenzgang“, und Sidney W. Mintzʼ dezidiert politische „Kulturgeschichte des Zuckers“ von 1985/87. Eine Sammlung einschlägiger Rezensionen (Digest aus dem Archiv von H-Soz-Kult) rundet das Themenheft ab. Ein „Extra“-Beitrag von Stefanie Coché setzt sich vor dem Hintergrund der aktuellen Lage in den Vereinigten Staaten schließlich mit Richard Hofstadters vielzitiertem, mehrfach neu aufgelegtem Buch „Anti-intellectualism in American Life“ von 1963 auseinander.
Die „Zeithistorischen Forschungen“ werden am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam herausgegeben von Frank Bösch und Martin Sabrow. Die Zeitschrift erscheint gedruckt im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht und zugleich im Open Access (seit dem Heft 1/2021 unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0 für alle neuen Texte). Beitragsideen und Manuskript-Einsendungen für künftige Hefte sind jederzeit willkommen – nähere Hinweise für Autor:innen finden sich auf unserer Website. Wir sind sehr interessiert daran, Diskussionszusammenhänge aus Themenheften in späteren „offenen“ Heften fortzuführen (vgl. das Heftarchiv). Generell sind aber Vorschläge zum gesamten Spektrum der Zeitgeschichte möglich und erwünscht.