Georg Simon Gerleigner | Idee Archäologie. Positionen und Konturen einer Wissenschaft
Archäologie: die Lehre vom Alten, von altgriechisch archaios, alt; archaios wiederum abgeleitet von archē, Anfang. Für viele, die an der Archäologie interessiert oder in ihr tätig sind, den Verfasser eingeschlossen, liegt ein wesentlicher ihrer Reize darin, dass es zu ihrem Wesenskern, ihren ureigenen Aufgaben gehört, den Dingen auf den Grund zu gehen: und zwar sowohl buchstäblich, durch Feldforschung, wie auch im übertragenen Sinn, durch vielfältige Analyse des (Vor-)Gefundenen, insbesondere dessen historische Kontextualisierung in und seit seiner Entstehungszeit.
Man könnte also sagen, dass die Archäologie versucht, ihre Untersuchungsgegenstände ausgehend von zwei ‚Anfängen‘ zu ergründen: einem in ‚neuer‘ Zeit, ab der Auffindung (etwa im Boden), und einem in ‚alter‘ Zeit, ab der Herstellung (und deren Kontext).
Diese beiden ‚Anfänge‘ spiegeln sich in einer Diskussion in der englischsprachigen Forschung um das Begriffspaar ‚provenance‘ und ‚provenience‘ (vgl. deutsch ‚Provenienz‘: Herkunft) wider: In Abgrenzung zur in der Kunstwelt gebräuchlichen ‚provenance‘ als Herkunft eines Objekts vor allem im Sinne einer Besitzgeschichte (oft zeitlich rückwärts gedacht, ausgehend vom aktuellen Aufbewahrungsort) gibt es mittlerweile eine Tendenz, im archäologischen Kontext dessen ‚provenience‘ in den Vordergrund zu stellen, die konkreten Umstände und den Ort seiner Auffindung. Damit soll die Aufmerksamkeit darauf gelenkt werden, dass (möglichst genaue) Informationen darüber essentiell für den archäologisch-wissenschaftlichen Wert eines Objekts sind, und dass dieser entscheidend geschmälert wird, wenn über die ‚provenience‘ nichts bekannt ist (dies ist häufig bei Gegenständen der Fall, die aus dem Kunsthandel stammen). Unabhängig davon, welchen Aspekt man betont, ist es natürlich unabdingbar, beide zu berücksichtigen und im Zusammenhang mit einer vollständigen Objekt-„Biographie“ (oder auch Dinggeschichte, Itinerar) zu denken.
Das wissenschaftsgeschichtlich vergleichsweise neue Feld der Provenienzforschung beschäftigt sich kritisch mit der Herkunft der Dinge, und spätestens heutzutage würde niemand mehr ernsthaft die Wichtigkeit dieses Unterfangens auch für die und in der Archäologie leugnen: Natürlich gilt es auch für archäologische Objekte insbesondere zu prüfen, ob sie in ihre gegenwärtigen Sammlungen aus möglichen Unrechtskontexten gelangt sind, zu denen nicht nur unrechtmäßiger Export, Raubgrabungen und illegaler Handel zählen, sondern etwa auch nationalsozialistische Verfolgung und koloniale Kontexte.