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By Hans-Christian Spengler und Thorsten A. SiefertNewsNews Commentary
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netkiosk.digital episodes

  • Ein Punkt

    Autor und Sprecher

    Elisabeth Siefert
    Thorsten A. Siefert

    Technik und Gestaltung

    Thorsten A. Siefert

    Foto von George Becker

    Mathematik in der Grundschule, weder das Fach noch das gleichnamige Lehrwerk fanden auch nur den Hauch meines Interesses. Final konfrontierte man mich mit der „Einführung in die Infinitesimal- rechnung“, das war das letzte Mathebuch, das ich besaß. Seltsame Zeichen und Abbildungen enthielt es, manche davon habe ich farblich umgestaltet, so dass sie fröhlicher wirkten. Schullebenslang hatte ich zu dem Fach, bei dem es um die Einhaltung und das strikte Befolgen von Regeln geht, wo alles korrekt und mit einer Probe zu überprüfen ist, kein Verhältnis. Ach doch, die Rechenkästen mit den bunten Elementen für Mengenlehre fand ich ganz ansprechend, damit konnte man so schöne Muster legen. In der 12. Klasse wählte ich das Fach schließlich ab, für diese Möglichkeit möchte ich dem Land Niedersachsen noch heute danken. In Rechnungswesen sowie Betriebs- und Volkswirtschaftslehre verfolgten mich Zahlen, Formeln und Graphen bis zum Abitur. Das allerdings konnte ich herrlich ignorieren, es stand wenigstens nicht mehr die ungeliebte Fachbezeichung im Stundenplan.
    In diesen Tagen in den Schlagzeilen, die nachträgliche Anhebung des Ergebnisses der Abiturklausuren in Mathematik um einen Notenpunkt in Mecklenburg-Vorpommern. Und schon stöhnt das Land auf. Stefan Düll, neuer Präsident des Lehrerverbands, sprach von einer Verzerrung der bundesweiten Vergleichbarkeit der Noten. Aus der Wirtschaft kamen ebenso kritische Stimmen. In der Anwendung der Mathematik im Handwerk müssten Ergebnisse von Berechnungen ja auf jeden Fall richtig sein.
    Was hatte zur minimalen Anhebung der Note geführt? Die Abiturienten des aktuellen Jahrgangs, sie waren während der Pandemie zeitweise im Fernunterricht gewesen. Zudem sei die Bearbeitungszeit in einer Nachbetrachtung durch Fachleute als nicht ausreichend eingestuft worden. Lahme Entschuldigungen?
    Ich finde nicht. Zunächst ein Blick auf die zu geringe Bearbeitungszeit. Sie kann erhebliche Auswirkungen auf das Ergebnis einer Klausur haben. Vielleicht wählt man einen falschen Ansatz und bemerkt es zu spät. Dann ist ein Neu-Berechnen schwierig. Oder man versteht den Aufgabentext nur mit Mühe, findet vor lauter Eile nicht die benötigten Werte zum Weiterarbeiten. Schüler, die mit der Mathematik hadern, für sie ist die fehlende Arbeitszeit eine Katastrophe. Und dann gibt es noch junge Menschen, die durch einen zu knappen Zeitansatz bedingt die Arbeit einfach hinschmeißen. Gerne auch unter lautem Protest. Ich kenne jemanden. Es ist aus meiner Sicht also essenziell, gerade für schwache Schüler, dass bei der Konstruktion der Aufgaben genügend Zeit eingeplant wird, damit es nicht zur Verunsicherung oder gar Panik bei den Prüflingen kommen kann.
    Corona: Die Pandemie, sie ist doch lange vorbei. Und die Schüler, sie hatten ausreichend Gelegenheit im fantastischen Fernunterricht und bei den deshalb schon fast überflüssigen Aufholkursen ihr Wissen zu vertiefen und zu sichern. Ja, vielleicht. Aber vielleicht auch nicht. Es bestand auch die Möglichkeit, des Scheiterns. Wie das? Wenn die Anbindung ans Internet und die technische Ausstattung zuhause nicht ausreichten? Wenn eine Unterstützung durch die Eltern in Ermangelung der benötigten Kenntnisse und fehlender Zeit nicht möglich war? Wenn die Bezahlung von Nachhilfe eine unüberwindbare Finanzierungshürde darstellte? Und wenn die wundervolle pädagogische Haltung mancher Lehrer an den ohnehin eher konservativ ausgerichteten Gymnasien nicht über ein „Das musst du selbst nacharbeiten!“ hinaus ging. Sicher für mich ist, dass ich unter diesen Umständen nicht zum Abitur gelangt wäre. In einem Land wie der Bundesrepublik, in der Bildungschancen nach wie vor davon abhängen, in welche Familie man geboren wird, hat die Pandemie sicher nicht zu mehr Bildungsgerechtigkeit geführt. Eher steht zu befürchten, dass Bildung als Eigentum in bestimmten Schichten der Gesellschaft gesichert wurde und wenn es nach diesen geht, dort besser exklusiv verbleiben soll.
    Da war noch die Sache mit der Vergleichbarkeit. Als ich 1988 nach einem Um-Umweg das Abitur ablegte, war mir klar, dass es für mich in Bremen einfacher und in Bayern geradezu unmöglich gewesen wäre, den gewünschten Bildungsabschluss zu erlangen. Heute setzt man mehr denn je auf Vereinheitlichung. Aber ein Notenpunkt? Handelt es sich bei dem in Mecklenburg-Vorpommern auf das Ergebnis der Mathematikklausuren aufaddierten Notenpunkt um eine ungeheure Ungerechtigkeit gegenüber allen anderen Abiturienten des Jahrgangs 2023?
    So ein Punkt, er kann viel ändern, zum Beispiel einen Unterkurs in einen solchen verwandeln, der ins Abitur eingebracht werden kann. Hat das Land Mecklenburg-Vorpommern die Maßnahme nachvollziehbar begründet? Für mich lautet die Antwort ja. Was mich wirklich freut: Die Einsicht auf der Seite der Bildungsanbieter, dass man etwas hätte besser machen können und das Herstellen eines Ausgleichs. So klingt für mich Gerechtigkeit.

    6 min
  • Otto, finde ich im Moment nicht so gut

    Autor und Sprecher

    Elisabeth Siefert
    Thorsten A. Siefert

    Technik und Gestaltung

    Thorsten A. Siefert

    Foto von micheile henderson auf Unsplash

    Bei Quelle, Bader oder Otto kaufen, das war für die Älteren unter uns der Vorhof zum Online-Shopping in den 70iger und 80iger, auch noch den 90iger Jahren. Stundenlanges Schmökern im jährlich neu erscheinenden Katalog, auf der Suche nach einem günstigen und dennoch guten Artikel, den es so im lokalen Handel in einer vergleichbaren Qualität und Ausführung zu diesem Preis nicht gab. Nächster Schritt: Ausfüllen der Bestellpostkarte mit der Artikel- und Kundennummer und dann ab zur Post. Wenn es schneller gehen sollte, konnte man sich auch per Klingeldraht direkt mit der Telefonzentrale des Vollsortimenters seines Herzens verbinden und dort die für den Anruf ausgewählten Konsumwünsche kundtun.

    Was wir alle wussten: Viele Artikel stammten aus der DDR-Produktion. Und da deren Devisenhunger und -bedarf groß war, konnte man eine nicht geringe Menge von im Sozialismus hergestellten Konsumgütern in den Katalogen der Versandhäuser – durchaus aber auch im stationären Fachhandel – finden und kaufen. Dass diese Waren zum Teil in der DDR gar nicht zu erwerben, knapp oder sehr teuer waren, wusste man. Ganz soweit, dass wir deshalb auf die Güter „Made in GDR“ verzichteten, ging unsere Solidarität mit den „Brüdern und Schwestern im Osten“ dann aber doch nicht.

    Noch wenige Worte zur Qualität: Häufig überdurchschnittlich bis hervorragend. Ich erwarb Ende der 80-Jahre bei Quelle ein Hifi-Set für nur 600,– DM, gebaut vom Volkseigenen Betrieb RFT, versehen mit dem Markenaufdruck „Universum“. Im Set: Ein vollautomatischer Plattenspieler mit Riemenantrieb, ein Full-Logic-Tape-Deck, dazu gab es einen Tuner und einen kraftvoll spielenden Verstärker. An den Komponenten hatte ich wirklich lange Freude. Und auch der RG28, so hieß ein in der DDR hergestelltes Handrührgerät, war von guter Qualität. Doch genug der Notalgie.

    Dass es bei der Produktion von denen im Westen begehrten Gütern nicht immer zuging, wie man sich das vielleicht vorstellte, berichtete der Spiegel bereits im Juni, mittlerweile hat der MDR weiterrecherchiert: Es geht um die Kameras des Herstellers VEB Pentacon, sie fanden in der Bundesrepublik großen Anklang und Käufer in Scharen. Zu erwerben waren sie unter anderem bei Otto unter dem Markennamen „Praktica“. Gefertigt, wie wir nun erfurhen von Menschen, die nicht freiwillig an der Produktion beteiligt waren. Bekannt wurde, dass Teile der hochwertigen Kameras im Cottbusser Gefängnis in Zwangsarbeit entstanden. Hier waren viele politische Häftlinge untergebracht. Ein großer Teil des Maschinenparks des Herstellerwerkes, mit dem gestanzt wurde, er befand sich gut bewacht genau dort. 

    Dass Gefangene zu dieser Arbeit gezwungen wurden, konnte man bereits 1976 erfahren, als der Branchendienst „Markt intern“ darüber berichtete. Die Arbeit an den Stanzen, sie führte häufig aufgrund der scharfkantigen Metallbauteile zu Verletzungen. Einzelne Geschäfte des stationären Fotofachhandels verkauften daraufhin die Geräte zum Teil nicht mehr. Bei Otto bestreitet man, von der Angelegenheit erfahren zu haben. Schwer zu glauben, auch weil im Jahr 1979 ein Interview mit einem ehemaligen Häftling im ZDF gesendet wurde, durch das man über die Umstände der Produktion hätte Kenntnis haben können.

    Und Otto: Schon nach den ersten Berichten des Spiegels wies man die Anschuldigung, von Häftlingsarbeit gewusst und dennoch von ihr profitiert zu haben, zurück. Da sowohl in Cottbus und Dresden produziert wurde, sei die Wahrscheinlichkeit, dass die verkauften Kameras mit Bauteilen aus Zwangsarbeit versehen gewesen seien, gering. Schwierig: Denn wie schon erwähnt, die meisten Stanzanlagen, vierzig von ihnen, sie standen in Cottbus, nur zehn in Dresden. 

    Das Problem ist zeitlos. Auch bei den Konsumgütern, die wir heute erwerben, kennen wir selten die Historie ihrer Entstehung. Über Kinderarbeit bei der Beschaffung von Lithium, das Bestandteil der allgegenwärtigen Akkus ist, wurde berichtet. Oder von den Arbeitsbedingungen bei chinesischen Konzernen, in denen unsere Smartphones zusammengebaut werden. Auch die deutsche Autoindustrie, die in China produziert, geriet wegen einer möglichen Beschäftigung von zur Zwangsarbeit verpflichteten Uiguren in die Schlagzeilen, der Konzern schließt so etwas aus.

    Es gehört sicher auch zur aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte eine Kultur des genaueren Hinschauens zu etablieren, nachzufragen, kritisch zu bleiben und bei Konsumentscheidungen auch diesen Kontext zu bedenken. Im Nachgang einzuräumen, vor vielen Jahrzehnten etwas grundsätzlich falsch gemacht zu haben und mehr über die Herkunft jetziger Produkte offenzulegen wäre vielleicht ein guter Ansatz um Kunden zu halten und zu gewinnen. Den Damen und Herren bei Otto möchte ich empfehlen, über diesen Vorschlag nachzudenken.

    6 min
  • Das E-Rezept 2.0

    Autor und Sprecher

    Elisabeth Siefert
    Thorsten A. Siefert

    Technik und Gestaltung

    Thorsten A. Siefert

    Foto von Jonas Leupe auf Unsplash

    Wenn man nun bald 55 Jahre und einen Monat alt ist, dann sieht man seinen Hausarzt – in meinem Fall ist es eine Kleingruppe von Medizinern, die in einer Gemeinschaftspraxis tätig sind und sich wundervoll ergänzen – doch recht regelmäßig. Und selbst wenn ich nicht vor Ort vorstellig werde, so sind die Praxis und ich in stetem Kontakt. Denn Medikamente – Sie kennen das Phänomen sicherlich – haben die Neigung urplötzlich nur noch in Restmengen vorhanden zu sein und spätestens dann muss ich mich in Bewegung setzten. Es ist eigentlich einfach. Entweder ich fülle online eine Rezeptanforderung aus und lasse mir das gewünschte Papier per Post nach Hause kommen oder ich greife – wenn es dringend ist – zum Telefon und kann dann den Medikamentenberechtigungsschein bei einem kurzen Stelldichein in der Praxis abholen. Easy.

    Es geht allerdings auch schneller und unkomplizierter, um nicht zu sagen digitaler. Mit dem E-Rezept. Bislang konnten Patienten sich ein solches in eine App auf ihr Smartphone laden oder einen QR-Code ausdrucken lassen, um dann an die gewünschten Medikamente zu kommen. Kein Erfolgsmodell, die Nachfrage nach dem Verfahren ist seit seiner Verfügbarkeit sehr gering.

    Seit dem 1. Juli gibt es nun eine zusätzliche und weniger aufwändige Variante: Der Arzt stellt das E-Rezept aus, es wird auf einem Server hinterlegt. Geht der Patient nun zur Apotheke und lässt dort seine NFC-fähige Gesundheitskarte einlesen, kann die separat gespeicherte Verschreibung abgerufen werden. Bedingung dabei ist, dass sich während des Rezeptabfragevorgangs die Karte des Patienten im Lesegerät befindet. Diese zusätzliche Voraussetzung war aufgrund von Sicherheitsbedenken von Datenschützern als Ergänzung eingeführt worden, um möglichem Missbrauch vorzubeugen.

    Ob alles wie geplant funktioniert, können Sie bei Ihrer nächsten Rezeptanforderung aus-probieren. Fragen Sie zunächst einmal in ihrer Apotheke nach, ob schon die notwendigen Softwareupdates für das neue Verfahren bei den entsprechenden Geräten dort installiert worden sind. Bis Ende Juli will man diesen Prozess in 80 % der Apotheken abgeschlossen haben. Und selbst wenn das der Fall ist, bedenken Sie bitte: In der Fläche ist das System nie umfänglich getestet worden, in den Praxen kann es Probleme beim Erstellen der digitalen Signatur geben. Die Sache hat also Züge des Experimentellen.

    Zunächst wird das neue System mit gesetzlich Versicherten getestet, Privatpatienten sollen zu einem späteren Zeitpunkt in den Genuss des Verfahrens kommen. Und ab 01.01.24 – parallel zur verpflichtenden Einführung der elektronischen Patientenakte – müssen alle Arztpraxen E-Rezepte anbieten können.

    Langfristig bietet das E-Rezept die Möglichkeit, Verwaltungsabläufe zu vereinfachen, zudem lässt sich eine Menge Papier einsparen. Für Privatpatienten wäre es dann noch wünschenswert, wenn die Einlösung der Verschreibung der privaten Versicherung direkt übermittelt werden würde, damit diese den vom Patienten kreditierten Betrag zeitnah erstatten kann. Zunächst einmal ist jetzt die Einführung des Verfahrens abzuwarten, Stolpersteine wird es genug geben. Und deshalb ist es auch gut, dass die papiernen Varianten ärztlicher Verordnungen vorläufig noch verfügbar und vor allem einlösbar sind.

    4 min
  • Rückschau KW 26

    Autor und Sprecher

    Elisabeth Siefert
    Thorsten A. Siefert

    Technik und Gestaltung

    Thorsten A. Siefert

    Foto von Mike Erskine auf Unsplash

    Die Episoden der KW 26 und viel Musik

    44 min
  • Rechts abbiegen gen Osten

    Autor und Sprecher

    Elisabeth Siefert
    Thorsten A. Siefert

    Technik und Gestaltung

    Thorsten A. Siefert

    Foto von Sự Minh

    Durchgeführt im Sommer 2022 vom Else-Frenkel-Brunswik-Institut an der Universität Leipzig unter Beteiligung weiterer Hochschulen. Eine Studie, die versucht die politische Haltung der Ostdeutschen zu erfassen. Befragt wurden 3.546 Personen. Und bereits die erste Erkenntnis, sie überrascht. Die Menschen im Osten des Landes, sie vermissen den Staat, der vor 33 Jahren aufgehört hat zu existieren. Es sind nicht einige oder wenige, 66 % der dort lebenden Bevölkerung fehlt sie, die DDR. Der westlichen Demokratie, der Bundesrepublik ist es offenbar nicht gelungen, Hoffnungen zu erfüllen. Im Gegenteil, 25 % der Menschen in den neuen Bundesländern betrachten sich selbst als Verlierer des Einigungsprozesses.

    Das wissenschaftliche Papier mit dem Titel „Autoritäre Dynamiken und die Unzufriedenheit mit der Demokratie“ macht deutlich, was zu vermuten war und frühere Untersuchungen auch bereits ergeben hatten: Es gibt im Osten eine große Zustimmung zu rechtsextremen Ansichten.

    Ausländerfeindlichkeit und Chauvinismus erfahren nur geringe Ablehnung. Erschreckend: Positionen, die ihren Ursprung im Sozialdarwinismus oder Antisemitismus haben, werden von bis zu einem Drittel der Befragten ganz oder teilweise befürwortet.

    Und der Staat, er muss nicht unbedingt demokratisch sein. Zitat Prof. Dr. Oliver Decker von der Uni Leipzig: „Unsere Untersuchung zeigt, dass sich derzeit viele Menschen in den ostdeutschen Bundesländern nicht mehr demokratische Teilhabe und Sicherung der demokratischen Grundrechte wünschen, sondern die scheinbare Sicherheit einer autoritären Staatlichkeit.“ Die Ostdeutschen, sie sind mit der Demokratie nicht zufrieden, dort vermutlich nie ganz angekommen. Seit 20 Jahren, so Dr. Johannes Kies, stellvertre-tender Leiter des Instituts, dass die Studie durchführte, fremdeln die Menschen, die auf dem Gebiet der ehemaligen DDR leben mit diesem politischen System.

    Und tatsächlich: Die Untersuchung ergab, dass man sich im Osten des Landes eine einzige starke Partei wünsche, die die Volksgemeinschaft verkörpere. Für rechtsextreme Politiker also eine Zielgruppe, die mit entsprechenden Angeboten erreichbar und somit bei Wahlen gut mobilisierbar ist. Sieben Prozent der Ostdeutschen haben ein rechtsextremes Weltbild, rechtsextreme Position werden in bestimmten Bundesländern nur von 20 bis 30 % der Menschen abgelehnt. Ausländerfeindlichkeit: Laut Studie sind über 25 % der Bürger in Ostdeutschland ausländerfeindlich.

    Die Ergebnisse, sie sind schockierend. Die festgestellten Trends aber schon länger bekannt. Wo haben diese Haltungen ihren Ursprung? Unterschiedliche Faktoren spielen hier eine Rolle. Da gibt es so etwas wie eine ostdeutsche Identität, entstanden durch die Sozialisation und besonders auch staatliche Erziehung in einem fürsorglich agierenden, sich kümmernden Staatsgebilde. Dabei vergessen die sich Erinnernden offenbar die Abwesenheit von grundlegenden Freiheiten, die Enge, die Alternativlosigkeit und das brutale Vorgehen gegen die, die sich dem Staat kritisch entgegenstellten.

    Der Systemwechsel, der dann vollzogen und durchlebt wurde, wir im Westen des Landes haben keine Vorstellung davon, was das bedeutete. Transformationserfahrungen wie der Verlust der sozialen Sicherheit und des Arbeitsplatzes, der Konfrontation mit vollständig neuen Anforderungen im Alltag und auch persönliches Scheitern, sie haben sicherlich keine belastbare Brücke zum Leben in der bundesrepublikanischen Demokratie entstehen lassen. Wer sich nicht wahrgenommen fühlt und keine Wertschätzung erfährt, wessen Hoffnungen enttäuscht werden, wer sich vielleicht als Bundesdeutscher 2. Klasse fühlt, der ist offen für populistische und auch rechtsextreme Politikentwürfe.

    Das mit dem Zusammenwachsen, es hat nicht richtig funktioniert. Und der Eindruck, dass der Westen den Osten überrollt habe, er ist nicht ungerechtfertigt. Die Uhr allerdings, sie lässt sich nun einmal nicht zurückdrehen. Gegen Abspaltung und Spaltung gibt es eigentlich nur ein Mittel: Kommunikation in der Begegnung, der persönlichen Begegnung. Zusammen-wachsen können Gruppen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Einstellungen nur in der produktiven Auseinandersetzung miteinander. Und nur auf diesem Wege, dem des sich Näherkommens, kann Verständnis für die anderen überhaupt entstehen. Erste kleine Schritte, sie sind aber Voraussetzung dafür, dass alles andere und zunächst Trennende nach und nach verstanden, als wirklicher Fortschritt angenommen und bestenfalls integriert werden kann, unter der Voraussetzung, dass es als positiv im Sinne einer Verbesserung unmittelbar erlebt wurde. Das gilt eben auch für die Idee unserer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft.

    6 min
  • Sich abwenden - früher und heute

    Autor und Sprecher

    Elisabeth Siefert
    Thorsten A. Siefert

    Technik und Gestaltung

    Thorsten A. Siefert

    Foto von RDNE Stock project

    Es war ganz einfach. Ein Besuch beim örtlichen Standesamt, ein Formular, eine Unterschrift. Fertig. Unkompliziert. Als ich aus dem Verwaltungsgebäude, in welchem ich meine Willenserklärung abgegeben hatte, heraustrat, war der Akt des Austretens auch fühlbar. Und es fühlte sich unglaublich gut an. Die Evangelische Kirche und ich, ein Trennungsfall. Es war höchste Zeit und vor 20 Jahren.

    Gründe gab es genug: Einer fand sich zunächst einmal tatsächlich auf meiner Gehaltsabrechnung. Es waren zwischen 60 und 80 D-Mark, die mein Arbeitgeber monatlich in meinem Namen dem Klerus zukommen ließ. Das ärgerte mich. Viel Geld. Zu viel Geld wie ich fand. Für keine Gegenleistung, wie ich feststellte. Danke, nein. Von dem Eingesparten im Monat zusätzlich drei neue CDs kaufen, das fand ich seinerzeit eine wunderbare Aussicht. Rein finanziell eine gute Entscheidung, damals, jetzt und in der Zukunft.

    Und natürlich bedarf es der Erwähnung, dass ich bis heute keine Notwendigkeit darin erkennen kann, in einer Gemeinschaft Mitglied zu sein, die meine Existenz und den von mir gewählten Lebensstil als schwuler Mann maximal toleriert. Ich möchte nicht toleriert werden, ich brauche niemanden der mich toleriert. Das Wort in einem solchen Kontext überhaupt zu gebrauchen ist eine Unverschämtheit, eine bodenlose Frechheit und An-maßung. Man darf mich gerne akzeptieren. Das steht mir zu, wie jedem anderen Menschen auch.

    Theologie zu studieren um Pastor zu werden Mitte der neunziger Jahre und sich dabei seiner sexuellen Orientierung noch nicht sicher zu sein – das löste bei Betroffenen Angst aus. Ich entsinne mich an eine Unterhaltung über dieses Thema mit einem Mitstudenten bei einem Spaziergang an einem grauen Novembertag entlang des Maschsees in Hannover. Sorge um die Zukunft haben, weil man vielleicht Männer liebt. Wie mein damaliger Gesprächspartner sich nun auch immer ausgerichtet haben mag, er ist schließlich Pastor geworden. 

    Dann wäre da noch die Kirche als Arbeitgeber, da habe ich gute und sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Zuverlässig und zugewandt auf der einen Seite, fordernd, schlecht zahlend und gängelnd auf der anderen. Stoff für mindestens ein Buch.

    Nun aber zum Anlass dieses Artikels. Die katholische Kirche, sie verliert zunehmend Mitglieder. 500.000 Menschen verließen die Glaubensgemeinschaft im vergangenen Jahr, 2021 waren es bereits 359.000 gewesen.

    Gründe dafür gibt es reichlich. Da sind zum einen die Meldungen über immer wieder bekannt werdende Missbrauchsfälle und den Umgang der katholischen Kirche damit. Deutlich wurde, zuletzt auch in einem Prozess gegen das Erzbistum Köln, in welchem es zu einem Schmerzensgeld von 300.000 € verurteilt wurde, welches Leid jungen Menschen hier angetan wurde. Auch die Vorwürfe gegen den verstorbenen Papst Benedikt, der in seiner Zeit als Kardinal einer Sitzung beigewohnt haben soll, bei der man beschloss, einen schon einschlägig aufgefallenen Priester nach Bayern zu versetzen, mögen für manchen  Katholiken Grund genug gewesen sein, die Kirche zu verlassen.

    Der Hamburger Erzbischof Heße sieht weitere Probleme. Er vermutet, dass Menschen gehen, weil sie an eine Veränderung in der Kirche nicht glauben oder ihnen ein möglicher Modernisierungsprozess zu lange dauert. Ähnlich sieht es die Präsidentin des Zentral-komitees der deutschen Katholiken. Die Kirche zeige sich aktuell nicht entschlossen genug, Visionen des Christseins umzusetzen, so Irme Stetter-Karp. Reformen seien dringend erfor-derlich. Und damit es überhaupt weitergehe, müsse man innerhalb der Kirche dafür kämpfen. Das, so sagte sie der Zeit, sei beschämend.

    Bei den evangelischen Glaubensbrüdern sieht es übrigens nicht besser aus. Sie verloren 2022 380.000 Mitglieder. Wenn so viele Menschen mit den Füßen abstimmen, sich abwen-den, dann gelingt es Kirche offenbar nicht, ihre zentrale Aufgabe wahrzunehmen. Nämlich ein Ort zu sein, wo Gläubige zueinander finden, Gemeinschaft leben und erleben können, darüber sprechen, was sie bewegt, Orientierung erhalten, Sinnfragen klären. Kirche könnte so viel, im Moment allein gelingt es ihr offenbar nur schlecht, das zu sein oder es überzeugend zu zeigen. Traurig für jene, die glauben und sich einen Ort der Zusammenhalts und der Geborgenheit dafür wünschen.  

    6 min
  • Das größte denkbare Tierwohl

    Autor und Sprecher

    Elisabeth Siefert
    Thorsten A. Siefert

    Technik und Gestaltung

    Thorsten A. Siefert

    Foto von freestocks auf Unsplash

    Die Sache mit dem Laborfleisch, sie ist bislang ein zweischneidiges Schwert. Das liegt am Herstellungsverfahren. Es beginnt mit einer Muskelgewebeprobe, die man einem lebenden Tier entnimmt. Diese dient zur Gewinnung von Stammzellen, welche in einer Nährlösung wachsen. Damit das funktioniert, müssen die Zellen mit einem Wachstumsserum versorgt werden. In sogenannten Bioreaktoren entstehen dann schließlich Muskelfasern. Das Problem: Bislang gewinnt man das benötigte Wachstumsserum aus dem Blut lebender Föten von Rindern. Um an dieses zu kommen, erfolgt die Schlachtung eines tragenden Muttertieres. Dann entnimmt man den Fötus, der dadurch stirbt, um an dessen Blut zukommen. Ethisch ist das mehr als ein Pferdefuß und grausam.

    Good Meat hat ein in Singapur bereits zugelassenes Verfahren entwickelt, bei dem auf Wachstumsseren aus Rinderföten verzichtet werden kann. Eine große Produktionsstätte, in der die neue Methode zum Einsatz kommt, soll nächstes Jahr in Singapur den Betrieb aufnehmen, eine weitere etwas Kleinere noch in diesem Jahr in Kalifornien. Neben Good Meat arbeiten auch andere Unternehmen erfolgreich an alternativ hergestellten Wachstumsseren. Es besteht also Hoffnung auf Laborfleisch, für das zukünftig kein Tier mehr leiden und sterben muss.

    Dass In-Vitro-Fleisch ein Produkt mit Zukunft ist, zeigt diese in der letzten Woche erfolgte Entscheidung: Das Landwirtschaftsministerium in den USA, es genehmigte den Verkauf von Fleisch aus dem Labor. Der genaue Begriff für das neue Nahrungsmittel ist „kultiviertes Fleisch auf Zellbasis“. Die beiden Unternehmen, die die Erlaubnis zur Vermarktung ihrer Produkte erhielten, sie stellen Hähnchenfleisch her. Hähnchenfleisch, für das kein Hähnchen sterben musste und in naher Zukunft auch produziert ohne die Verwendung von Kälberseren.

    Die Hersteller Good Meat und Eat Just, sie werden zunächst das künstliche Fleisch an Restaurants in San Franzisco und Washington liefern. Wann das tierfreundliche Produkt in den Regalen der Lebensmittelhändler landet, hängt davon ab, wie schnell es den Firmen gelingt, die benötigten Mengen zu produzieren.

    Die konventionelle Produktion von Fleisch belastet die Umwelt erheblich. Die beste Alternative dazu besteht in einer rein pflanzlichen Ernährung, die auch als gesünder gilt. Die Herstellung von In-Vitro-Fleisch ist bislang nicht klimafreundlicher als die Haltung von Tieren. Fachleute weisen darauf hin, dass die hohen Energiemengen, die für das Erschaffen künstlichen Fleisches benötigt werden, mithilfe von regenerativen Energiequellen gewonnen werden müssten. Nur dann könne auch von einer klimafreundlichen Produktion gesprochen werden.

    Schließlich die Frage nach dem Preis. Bislang wird Laborfleisch in guten bis sehr guten Restaurants serviert. Wann es bei Aldi und Lidl erhältlich sein wird? In unserem Wirtschafts-system gilt: Je mehr von einer Sache hergestellt wird, desto geringer sind die Produktionskosten. Nur so lässt sich überhaupt ein günstiger Endpreis realisieren. Hier heißt es abwarten. Wie schnell die entsprechenden Fabriken entstehen und welchen Output sie haben werden, wie lange eine solche Umstellung dauern wird, das weiß zurzeit noch niemand.

    Ich freue mich. Für die Tiere. Was wir Menschen ihnen antun, wie wir sie halten, quälen und schließlich umbringen. Würden wir uns mit ihnen gleichsetzen, sprächen wir von Versklavung und Massenmord. Aber es sind ja vermeintlich Geschöpfe, über denen wir mit unserer Existenz stehen. Und die Natur hat das alles so eingerichtet. Ich teile diese Ansichten, gerne voller Überzeugung und ohne irgendeinen Zweifel vorgetragen, so jedenfalls nicht. Und nein, ich bin kein Vegetarier, pflanzlicher Fleischersatz konnte mich bislang geschmacklich nicht überzeugen. Ich mag – wenn auch nicht in großen Mengen – Fleisch. Folglich hoffe ich nun auf die In-Vitro-Variante. Fleisch essen ohne Fleisch essen zu müssen scheint zum Greifen nahe zu sein. Endlich.

    5 min
  • Slow down fashion

    Autor und Sprecher

    Elisabeth Siefert
    Thorsten A. Siefert

    Technik und Gestaltung

    Thorsten A. Siefert

    Foto von freestocks auf Unsplash

    Die Bemerkung, sie hallt heute noch nach und lautete: „Dein Aussehen ist dir nicht so wichtig.“ Gesagt von jemandem, der in meinem Leben einmal enorm bedeutsam war und den ich heute noch sehr schätze und mag. Es war eine Feststellung, das Ergebnis einer Beobachtung. Ich verstand die Äußerung nicht als Kritik, sondern musste lachen. Denn vorher hatte das noch niemand so auf den Punkt gebracht. Das ist schon einige Jahre her.

    Geändert hat sich daran bis heute nichts: Die Jeans am liebsten vom Discounter oder aus dem Sonder-Sonderangebot eines Modegeschäftes für eher preissensible Kunden. Im Sommer dazu T-Shirts, im Winter Fleecepullis, vieles von Lidl und Aldi. Die meisten Sachen halten bei mir tatsächlich länger als eine Saison. Mein Konsumverhalten – getragen von einem schon fast gestörten Sparzwang in Sachen Klamotten – es hat – wenn überhaupt – allerhöchstens peripher mit einer Entwicklung zu tun, die sich zunehmend durchsetzt: Weg von billig produzierter und schnelllebiger Mode hin zu nachhaltig hergestellten Kollektionen.

    Fast Fashion ist out. Dabei war das über Jahrzehnte ein Trend, der den Herstellern von Bekleidung volle Auftragsbücher verschaffte. Schnell günstig gekauft, ein wenig getragen und dann – bestenfalls – in die Altkleidersammlung damit. Der Weg des Käufers führte in immer kürzeren Abständen zurück ins Geschäft. 

    Die Kunden haben begonnen, ihr Konsumverhalten zu ändern. Einer Greenpeace-Studie folgend kaufen die Deutschen tendenziell weniger Kleidung. Und ein Blick in die Waschmittelwerbung zeigt, dass das Thema auch dort angekommen ist. Farben auffrischen ist möglich, lautet das Versprechen. Das sei doch besser, als ständig Neues zu kaufen. 

    Politisch wird die Entwicklung unterstützt. So forderte der Umweltausschuss des Europäischen Parlaments, dass Fast Fashion ein Ende gesetzt werden muss. Man hat auch schon genauere Pläne und Vorschläge. Diesen folgend sollen dann ausschließlich nach-haltige, kreislauffähige und sozial verantwortlich produzierte Textilien in den Handel kommen. Vieles muss sich ändern: Herstellungsprozesse sind so anzupassen und Materialien – möglichst in hohem Anteil recycelt – entsprechend auszuwählen, dass die Kleidungsstücke länger halten und die Stoffe später wiederverwendbar bzw. -verwertbar sind. Damit für die Käufer dann auch erkennbar ist, dass es sich um nachhaltig produzierte Ware handelt, soll ein digitaler Produktpass eingeführt werden.

    Und die Modeindustrie selbst: Sie kehrt mittlerweile nach Europa zurück. Auch deshalb, weil sich so besser nachvollziehen lässt, wie produziert wird. Beispiel Portugal. Tagesschau.de berichtete unlängst über das Unternehmen Valerius 360, das Stoffe herstellt. Neue Garne entstehen hier aus Produktionsresten anderer textilverarbeitender Betriebe.

    Nachhaltigkeit in einer Branche, die vom steten Wandel, vom immer wieder Neuen lebt. Das ist schwierig, aber vielleicht doch möglich. Zeitlose, klassische Mode als Fundament des eigenen Kleiderschranks, nicht jede Saison, nicht jedes Jahr muss man solche austauschen und erneuern. Vielleicht ist es auch möglich, mal etwas zu flicken oder umzuschneidern. Wenn sich dazu ein paar wenige Trendtupfer pro Jahr gesellen, die helfen Bewährtes aufzuwerten, wäre das nicht ausreichend?

    4 min
  • Das Mindestlohn-Upgrade

    Autor und Sprecher

    Elisabeth Siefert
    Thorsten A. Siefert

    Technik und Gestaltung

    Thorsten A. Siefert

    Foto von Dom J

    Bei seiner Einführung am 1. Januar 2015 betrug er 8,50 €, seit 1. Oktober 2022 hat er eine Höhe von 12 €. Der allgemeine gesetzliche Mindestlohn, bei einer 40-Stundenwoche erzielt man damit aktuell ein Monatseinkommen von 2080 €. Brutto. Nach Angaben des Deutschen Gewerkschaftsbundes hat sich seit der letzten außerordentlichen Anhebung durch die Bundesregierung die Verdienstsituation von 5,8 Millionen Arbeiternehmern verbessert. Besonders profitierten, so der DGB, Frauen und geringfügig Beschäftigte. 

    Alle zwei Jahre wird der Mindestlohn turnusmäßig angepasst, das nächste Mal am 1. Januar 2024. Wie viel Euro es mehr gibt, das bestimmt eine unabhängige Kommission, die sich aus den Tarifpartnern zusammensetzt. Bei ihrem Vorschlag soll das Gremium sowohl die Interessen der Arbeitnehmer, aber auch der Arbeitgeber angemessen berücksichtigen. Die Bundesregierung hat abschließend die Aufgabe, die Empfehlung unverändert im Rahmen einer Rechtsverordnung umzusetzen. 

    Für sie muss der Mindestlohn auf 14 € steigen. Deutlich positionierten sich „Die Linke“, der VdK und der Paritätische Gesamtverband. Dessen Hauptgeschäftsführer, Ulrich Schneider, ist es vor allem wichtig, dass ein Vollzeitbeschäftigter von seinem Verdienst leben kann. Nicht zu vergessen sei bei einer solchen Anpassung auch, dass diese Auswirkungen auf die Höhe der zukünftigen Rentenansprüche habe, die ja von den jetzigen Einnahmen abhängen würden. Der Vorsitzenden des VdK, Verena Bentele, geht es besonders um die Vermeidung von Einkommensarmut. Und Dietmar Bartsch von den Linken legt Wert darauf, dass der gesetzliche Mindestlohn der allgemeinen Lohnentwicklung folgt. 

    Zögerlich in der Angelegenheit ist der Präsident des Ifo-Instituts. Clemens Fuest erklärt, was mit der Vorgabe nicht gemeint ist, dass der Mindestlohn der Entwicklung der Löhne folgen soll. Das heiße nämlich keinesfalls, dass von dessen Festlegung die Einkommensentwicklung im Land bestimmt werde. Deshalb fordert Fuest Zurückhaltung. Zu einem anderen Ergebnis kommt der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Für Marcel Fratzscher ist es vor allem eine gesamt-wirtschaftliche Konsequenz, die die Erhöhung des Mindestlohns auf 14 € zur Folge hätte: Eine daraus sich ergebende zusätzliche Nachfrage wäre ein Beitrag zur Verbesserung der konjunkturellen Entwicklung.

    Aus dem Auge verlieren darf man sicherlich nicht die Inflation. 2022 6,9 % , 2023 voraussichtlich 6 %, 2024 vermutlich noch 2,4 %. Die Inflationsraten der genannten Jahre aufaddiert ergeben eine Summe von 15,3 %. Wird der Mindestlohn nun von 12 auf 14 € angehoben, also um 16 %, so kann man wohl kaum von viel mehr als einem Inflationsausgleich sprechen. 

    Kassiererinnen, Mitarbeiter im Zustelldienst, Fahrer, Lageristen. Arbeitnehmer, die von der letzten Anhebung des Mindestlohns besonders profitierten. Sie sind viele Stunden am Tag in Berufen tätig, die anspruchsvoll sind, tragen Verantwortung, sorgen dafür, dass der Fluss der Waren in unserer Wirtschaft nicht zum Stillstand kommt. Für sie und viele andere erscheint mir eine Anhebung des Mindestlohns auf 14 € und auch darüber als angemessen. Warum darüber? Die Inflation, das wissen wir mittlerweile, sie trifft vor allem Menschen mit wenig Einkommen. Nach einer von der ARD in Auftrag gegebenen Umfrage im Spätsommer letzten Jahres waren es 2/3 der Geringverdiener mit einem monatlichen Einkommen von bis zu 1.500 €, die weniger einkauften, 72 % der gleichen Gruppe senkte ihren Energieverbrauch. Berücksichtigt man diese Erkenntnisse, dann ist eine Erhöhung des Mindestlohns, wenn möglich auch über die diskutierten 14 € hinaus, mehr als überfällig.

    5 min
  • Rückschau KW 25

    Autor und Sprecher

    Elisabeth Siefert
    Thorsten A. Siefert

    Technik und Gestaltung

    Thorsten A. Siefert

    Foto von Markus Winkler auf Unsplash

    Unsere Rückschau auf die KW 25

    53 min

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