1932. Millionen Arbeitslose, kollabierender Wohlfahrtsstaat, eine Wirtschaftspolitik, die ausschließlich auf Sparen setzt und eine Partei ohne echtes Programm, die trotzdem von Wahlerfolg zu Wahlerfolg surft. Das klingt nicht nur nach Geschichte. Patrick, Jens und ihr Gast Dr. Jonas Stephan – Verfassungshistoriker an der Ruhr-Universität Bochum und Podcast-Host von „Deutschland 32/45“ – stellen in dieser Episode eine unbequeme Frage: Wie weit trägt das Kontinuum bis heute?
Die drei tauchen tief ein in die Mechanismen des NS-Aufstiegs: die Volksgemeinschaft als leere Projektionsfläche, die Kriegswirtschaft als eigentlicher Motor der „Vollbeschäftigung“, die Zerschlagung der Gewerkschaften als Geschenk an die Industrie und immer wieder der Mythos Hitler. Er habe die Arbeitslosigkeit und Not beendet, die Autobahnen gebaut, Fortschritt gebracht etc. Was aber wirklich passierte: Rüstung auf Pump, geheime Staatsverschuldung via MEFO-Wechsel, und ein Lebensstandard, der selbst 1937 das Vorkrisenniveau nicht erreichte. Die Profiteure waren nicht der kleine Handwerker und schon gar nicht die sozial Benachteiligten, sondern die Rüstungskonzerne und all jene, die rechtzeitig die richtigen Netzwerke knüpften.
Patrick und Jens fragen gemeinsam mit Jonas, welche Muster heute noch erkennbar und vorhanden sind: Sündenbockstrukturen, Kulturalismus als Rassismus durch die Hintertür, die Sehnsucht nach dem starken Entscheider und warum der Satz „die entzaubern sich schon“ historisch so gefährlich ist. Eine Episode, die nicht Parallelen behauptet, sondern Mechanismen freilegt.
Themen
Wirtschaftspolitik der Weimarer Republik und die Weltwirtschaftskrise ab 1929Aufstieg der NSDAP: Volksgemeinschaft, Propaganda und fehlende WirtschaftsprogrammatikNS-Kriegswirtschaft: MEFO-Wechsel, Rüstungsausgaben, Mythos der VollbeschäftigungZerschlagung der Gewerkschaften und Ende der Tarifautonomie 1933Eugenik, Arbeitszwang und die Kontinuität des bürgerlichen LeistungsdenkensKulturalismus als moderner Rassismus: Sarrazin, Pegida, AfDFührerprinzip vs. Führerkult: Musk, Trump, HöckeFaschismus als Analysebegriff und Umberto Ecos EssayHistorische Verantwortung: Entnazifizierung, Entschädigung, Kontinuität der TäterstrukturenErwähnte Personen & Organisationen
George Santayana: Philosoph; Zitat über das Verdammtsein zur Wiederholung der GeschichteGeorg Wilhelm Friedrich Hegel: Philosoph; Zitat über das Nichtlernen aus der GeschichteWilliam Faulkner: Schriftsteller; Zitat: „Die Vergangenheit ist nie tot.“Adam Tooze: Wirtschaftshistoriker; Autor von Ökonomie der Zerstörung, Standardwerk zur NS-WirtschaftspolitikHjalmar Schacht: Reichsbankpräsident; früher NSDAP-Unterstützer, der aus wirtschaftlichen Gründen gegen zu rasche Radikalisierung der Judenverfolgung warnteKurt von Schleicher: Letzter Reichskanzler vor Hitler; initiierte Arbeitsbeschaffungsprogramm, das der Regierung Hitler zugutekamPaul von Hindenburg: Reichspräsident; ernannte Hitler zum Kanzler – laut Jonas Stephan in vollem Bewusstsein seiner HandlungFranz von Papen: Vizekanzler; glaubte, Hitler „einquetschen“ zu können – eine fatale FehleinschätzungIan Kershaw: Historiker; Autor der maßgeblichen Hitler-Biografie, aus der Reaktionen von Zeitgenossen zitiert werdenWolfram Pyta: Historiker; Autor einer Hindenburg-Biografie, die dessen Handlungsfähigkeit bei der Ernennung Hitlers belegtChristopher Browning: Historiker; Autor der Studie über das Polizeibataillon 101 – „ganz gewöhnliche Männer“ als TäterLeni Riefenstahl: NS-Propagandafilmerin; ihre Ästhetik wird mit heutigen rechten Social-Media-Influencern verglichenUmberto Eco: Schriftsteller und Semiotiker; sein Essay über den Ur-Faschismus wird als Analyseinstrument empfohlenThilo Sarrazin: Politiker und Autor; sein Buch Deutschland schafft sich ab als Beispiel für biologistischen Rassismus im MainstreamBjörn Höcke: AfD-Politiker; Thüringer Landesvorsitzender, im Kontext von Volksbegriff und Ostdeutschland-Rhetorik erwähntFriedrich Merz: CDU-Vorsitzender und Bundeskanzler; im Kontext von „Stadtbild“-Äußerung und Volksgemeinschafts-Rhetorik diskutiertHans-Georg Maaßen: Ehemaliger Verfassungsschutzpräsident; Verwendung des Begriffs „Globalisten“ als Beispiel für antisemitisch konnotierte RhetorikFritz Bauer: Generalstaatsanwalt; Pionier der NS-Aufarbeitung in der Bundesrepublik, im Kontext der gescheiterten Entnazifizierung erwähntRuprecht Polenz: CDU-Politiker; als Beispiel für innerparteilichen Widerstand gegen den Rechtsruck der Union genanntBegriffe
Volksgemeinschaft: Zentrales NS-Propagandakonzept einer klassenlosen, ethnisch definierten Gemeinschaft; war kein rein nationalsozialistischer Begriff, sondern in der bürgerlichen Ideenwelt der Weimarer Republik verbreitet – und wurde von den Nazis rassistisch verengtMEFO-Wechsel: Geheimes Finanzierungsinstrument des NS-Regimes zur verdeckten Rüstungsfinanzierung; ermöglichte Milliarden-Ausgaben ohne öffentliche StaatsverschuldungDeflationspolitik / Sparpolitik: Wirtschaftspolitisches Konzept der Weimarer Republik in der Weltwirtschaftskrise; radikale Kürzung der Staatsausgaben, die die soziale Not massiv verschärfteArbeitsbücher: Ab 1935 flächendeckend eingeführte Kontrollinstanz für Arbeitnehmer:innen; enthielten politische Einschätzungen und dienten der Disziplinierung der ArbeitskraftDeutsche Arbeitsfront (DAF): Pseudo-Einheitsgewerkschaft im NS-Staat; ersetzte ab Mai 1933 die zwangsaufgelösten freien Gewerkschaften, ohne TarifautonomieTreuhänder der Arbeit: Staatlich eingesetzte Funktionäre, die nach Abschaffung der Tarifautonomie Löhne festlegten – überwiegend besetzt mit Unternehmern und BeamtenEugenik: Pseudowissenschaftliche Lehre von der „erblichen Verbesserung“ der Bevölkerung; ideologische Grundlage für Zwangssterilisierungen und die Verfolgung sogenannter „Asozialer“ im NS-StaatKulturalismus: Moderne Form des Rassismus, die nicht biologische, sondern vermeintlich unveränderliche kulturelle Unterschiede zur Ausgrenzung nutzt – Adorno als Vordenker der Kritik daranPolizeibataillon 101: Hamburger Reservepolizisten, die im Zweiten Weltkrieg Massenmorde an jüdischen Zivilisten in Polen verübten; Gegenstand der Studie von Christopher Browning über „ganz gewöhnliche Männer“Arisierung: Euphemistischer NS-Begriff für die Zwangsenteignung jüdischer Unternehmen und Vermögen; fand in der Praxis oft unter direktem Druck lokaler Parteifunktionäre stattErmächtigungsgesetz (1933): Gesetz, mit dem sich der Reichstag selbst entmachtete und der Regierung Hitler das Recht gab, ohne Parlament zu regieren; nur die SPD stimmte dagegenNeofeudal: Analysebegriff für das NS-Herrschaftssystem, das nicht auf formalen Institutionen, sondern auf persönlicher Treue und informellen Loyalitätsnetzwerken basierteProject 2025: Politisches Programmdokument der amerikanischen Rechten; von Jonas Stephan als faschistisch im analytischen Sinne eingeordnetUnterstützen & Folgen
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