SWR Aktuell: China soll Staatsanleihen im Wert von sagenhaften 759 Milliarden US-Dollar besitzen - warum hat Peking die überhaupt?
Marcel Fratzscher: China hat keinen offenen Kapitalverkehr. Das heißt, Sie können in China nicht Kapital, also Geld, rein- und rausbringen, ohne staatliche Kontrollen. Und um den eigenen Wechselkurs, den Renminbi, zu managen, kauft und verkauft China vor allem die globale Leitwährung - das ist nun mal der US-Dollar. China hat lange Zeit versucht, die eigenen Währung schwach zu halten und hat dadurch eben dementsprechend viele US-Dollar aufgekauft. Es sind wahrscheinlich deutlich mehr als diese 700 Milliarden US-Dollar. Da wird sehr viel indirekt auch über Fonds gehalten. China, also der chinesische Staat, gehört mit zu den größten Eigentümern von amerikanischen Staatsanleihen, und das führt zu einer gegenseitigen Abhängigkeit, die für beide im Augenblick unschön ist.
SWR Aktuell: Was ist nun dran daran, das als „nukleare Finanzwaffe“ zu bezeichnen? Es gab ja schon in der ersten Amtszeit Trumps ein Zollkrieg. Hat China da diese Staatsanleihen schon als Druckmittel eingesetzt?
Fratzscher: Wahrscheinlich nicht. Die Beschreibung als „Waffe“ folgt der folgenden Logik: Wenn China, wenn der chinesische Staat sagen würde, wir verkaufen jetzt einen großen Teil dieser amerikanischen Staatsanleihen, dann würde der Wert auch anderer Staatsanleihen generell in den USA massiv an Wert verlieren. Die Zinsen würden durch die Decke schießen, der amerikanische Staat müsste sehr viel mehr Zinsen auf seine Schulden zahlen. Auch Unternehmen müssten deutlich mehr Zinsen auf Kredite zahlen. Und das könnte die amerikanische Wirtschaft in die Rezession treiben und damit Arbeitsplätze zerstören und viel Wohlstand kosten. Und das ist die Waffe, die China hat. Gleichzeitig würden die natürlich auch viel Geld verlieren, weil natürlich auch das, was sie verkaufen an amerikanische Staatsanleihen, dann weniger wert würde. Also: Beide würden einen Preis dafür zahlen, es würde aber aber den US-Dollar als globale Leitwährung unterminieren. Und dann ist die Frage: Was könnte den US-Dollar als globale Leitwährung ersetzen? Und da gibt es im Augenblick nichts.
SWR Aktuell: Ehe wir da über die Folgen eines solchen Szenarios reden, frage ich mich ja überhaupt erst einmal: So ein gigantisches Paket kann man ja nicht mal eben verkaufen. Wie und wo sollte das denn geschehen?
Fratzscher: Das würde auf den Kapitalmärkten passieren. Sie haben völlig recht. Die Chinesen könnten natürlich nicht alles auf einmal verkaufen. Das müsste man dann Stück für Stück verkaufen, das heißt, der Preis würde fallen, und damit würden die Zinsen, die die Amerikaner für die Schulden zahlen würden, steigen. Und damit könnte man dann zunehmend den Druck erhöhen und die Zinsen immer weiter nach oben treiben. Und das könnte eben auch dazu führen, dass es zu einer Panik kommt, nicht nur in den Märkten für amerikanische Staatsanleihen, sondern auch für Unternehmensanleihen. Und damit könnte auch eine Finanzkrise letztlich die Konsequenz sein - nicht unähnlich zu dem, was wir 2008, 2009 erlebt haben, damals durch den Immobiliensektor in den USA ausgelöst… mit katastrophalen Konsequenzen für die USA, aber vor allem auch für alle anderen Länder der Welt genauso auch für Deutschland.
SWR Aktuell: Das heißt also, wir reden hier geradezu über einen -wirtschaftlich betrachtet- „Ground Zero“. Jetzt ist es aktuell so, dass die USA schon bis zum Jahresende acht Billionen Dollar an Staatsanleihen refinanzieren müssen. Muss man also davon ausgehen, dass dieser Punkt und auch das Wissen um diese Macht in Händen von China in Washington für Angst sorgt?
Fratzscher: Angst würde ich nicht sagen. Noch mal: Es gibt nicht wirklich Alternativen zum US-Dollar als globale Leitwährung. Das macht auch die amerikanischen Staatsanleihen, so attraktiv. Nicht nur die Chinesen oder der chinesische Staat hält sehr viele Staatsanleihen der USA, sondern eben auch alle anderen: Indien, Brasilien selbst Russland und andere. Und die Hoffnung eines Donald Trump wäre es dann eben, dass man möglichst andere Länder dazu zwingt, diese Staatsanleihen zu kaufen. Und das hat er ja auch schon versucht in den letzten Wochen, indem er gesagt hat, er möchte gerne, dass der US Dollar abgewertet wird und dass andere Länder amerikanische Staatsanleihen kaufen, um eben die Finanzierung der Schulden günstig zu halten. Also, das ist ihm schon ein Ziel. Aber China sitzt am längeren Hebel, das sollten wir nicht unterschätzen. Sie haben eine Menge Macht, und wir sehen jetzt hier wirklich einen großen Crash der zwei großen Länder, zum ersten Mal so direkt und unmittelbar. Und das kann übel ausgehen.
SWR Aktuell: Ich sagte ja eingangs schon, dass bei den amerikanischen Staatsanleihen die Rendite so stark gestiegen ist wie seit der Finanzkrise 2008 nicht mehr. Ist das schon eine Folge dieser Zollpolitik Trumps, die wir erleben?
Fratzscher: Ja, das ist die Folge. Denn normalerweise passiert das Umgekehrte: Wenn es global eine Krise oder eine Verunsicherung gibt, dann flüchten Investoren meistens in sichere Finanzprodukte, in Staatsanleihen - und insbesondere in US-Staatsanleihen. Und das haben wir es beispielsweise auch 2008, 2009 gesehen währende der globalen Finanzkrise. Global waren die Finanzmärkte sehr volatil. Investoren wollten keine Risiken eingehen, und davon hat der amerikanische Staat profitiert, weil viele deshalb US Staatsanleihen gekauft haben, die Zinsen deshalb nach unten gedrückt haben, was es den amerikanischen Staat noch einmal leichter gemacht haben, seine Schulden zu finanzieren.
SWR Aktuell: Jetzt ist es eben andersrum. Könnte das vielleicht auch ein Grund sein, warum Trump zuletzt auch bei seinen Zöllen zurückrudert?
Fratzscher: Die Finanzmärkte haben ihn diszipliniert. Das ist, was ihn letztlich dazu gezwungen hat, dieses 90 Tage-Ultimatum oder es auszusetzen, einen Teil der Zölle umzusetzen. Das waren nicht die anderen Länder. Das war nicht irgendwie, dass er da eine Einsicht gehabt hat, sondern er wurde dazu gezwungen. Er wusste: Wenn er das nicht macht, dann riskiert er eine Finanzkrise und damit eben auch möglicherweise eine tiefe Rezession in den USA.
SWR Aktuell: Wagen Sie eine Prognose, wie das jetzt weitergeht?
Fratzscher: Ich vermute, China und die USA werden sich einigen. Ich hätte mir gewünscht, dass wir Europäer uns mit den Chinesen, mit Kanada, mit Mexiko vereinen und gemeinsam gegen Trump vorgehen, um ihm seine Grenzen aufzuzeigen. Ich hoffe sehr, dass man zwischen China und den USA eine Lösung finden wird. Nur: Solange auch wir Europäer nicht mehr Verantwortung übernehmen, wird es immer wieder zu diesen Konflikten kommen. Und wir Europäer haben jetzt in dieser Situation wirklich schlechte, eine sehr, sehr schlechte Rolle gespielt.