SWR Aktuell Im Gespräch

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SWR Aktuell Im Gespräch episodes

  • Arztbesuch erstmal ohne Arzt: Was taugt das Modell „Hybrid-Praxis“?
    SWR Aktuell: Langes Warten auf einen Termin, überfüllte Wartezimmer oder auch lange Anfahrtszeiten, weil es in meinem Ort keinen Arzt mehr gibt – ist das ist alles dann Vergangenheit, wenn es erst mal genug hybride Praxen gibt?
    David Matusiewicz: Das durchaus ein Teil der Lösung. Wir haben jetzt schon sehr viele Hausärzte, die über 60 sind, die verrentet werden. Und gerade in ländlichen Regionen gibt es heute schon eine Situation, wo ich sehr weit fahren muss. Und deswegen ist tatsächlich die hybride Versorgung ein Teil der Zukunft. Auch Krankenhäuser überlegen, dass sie mobilen Containern ohne Arzt aufstellen, wo telemedizinisch der Arzt zugeschaltet ist. Dort ist eine andere Person, eine medizinische Fachkraft vor Ort, die vielleicht einen Ultraschall-Kopf an den Patienten liegt und der Arzt konsultiert. Tatsächlich kenne ich viele solcher Start-ups und Lösungen. Das ist eine Möglichkeit, diesem Bedarf zu begegnen.
    SWR Aktuell: Der Hausärzteverband gibt bei dem Thema zu bedenken, dass eine hybride Praxis spätestens bei Notfällen oder auch bei komplizierten oder chronischen Erkrankungen an ihre Grenzen kommt. Wo sehen Sie die Grenze?
    Matusiewicz: Wir arbeiten auch mit dem Hausärzt*innenverband zusammen. Gestern hat Herr Lauterbach das Gleiche bei Apotheken vorgestellt, also die „Ohne-Apotheker-Apotheke“, wo eben der Apotheker telepharmazeutisch zuschaltet wird. Wir sehen jetzt schon die politische Richtung, in die das geht. Und natürlich ist es bei Notfällen etwas anderes. Aber wir haben erst mal 80 Millionen Bürger, die täglich versorgt werden müssen, chronisch Kranke, die versorgt werden müssen. Wir müssen ja überlegen, wie wir das Gros versorgen. Und vielleicht bleibt er noch mehr Zeit für Notfälle in den ganz normalen Arztpraxen, wenn die andere mit ihrem Schnupfen da erst mal telemedizinisch versorgt werden.
    SWR Aktuell: Die Idee hinter dem Konzept ist unter anderem, dass eben bei weniger schweren Fällen, bei einfachen Sachen, erstmal medizinische Fachangestellte sich dem Thema widmen und dann den Arzt eben nur bei speziellen Fragen konsultieren. Ist das generell im Trend, dass weniger komplizierte Aufgaben von den Ärzten, von denen es nicht mehr so viele gibt, auf Fachpersonal verlagert werden?
    Matusiewicz: Ja, genau. Dafür haben wir zum Beispiel einen Studiengang mit dem Hausärzt*innenverband, wo wir schon 200 Menschen ausgebildet haben, der heißt „Primärmedizinisches Versorgungsmanagement“. Das sind sogenannte MFA, medizinische Fachangestellte – früher wurden sie despektierlich „Sprechstundenhilfe“ genannt. Die lernen bei uns, wie sie die Praxis managen und auch Delegationsleistungen vom Arzt übernehmen: Blutabnehmen, Labor, sie werden in Zukunft impfen. Da sind wir schon mittendrin.
    SWR Aktuell: Das klingt ja jetzt, wie Sie das schildern, danach, dass das ziemlich viele Vorteile hat. Sehen Sie denn auch irgendwo Nachteile, wo man aufpassen muss?
    Matusiewicz: Ich sehe erst einmal Vorteile. Nachteile sind, weil heute noch politisch nicht klar ist, was die wirklich dürfen. Es ist ein Hin-und- Her-Gerangel ähnlich wie bei Apotheken auch bei Ärzten, was wer machen darf. Keine Berufsgruppe gibt, so meine Erfahrung, gerne Aufgaben ab, weil es so ein bisschen Machtverlust ist. Ich sehe eher politische Probleme, gerade dass die Leute auch motiviert werden, sowohl beim Apotheker als auch beim Arzt, diese Berufe zu ergreifen, dass diese Nachqualifikation auch zu mehr Vergütung führt und wir eben auch junge Leute erst mal überreden müssen, von Berlin, Hamburg, München-Innenstadt irgendwo in den Osten, Westen, wo auch immer, in ländliche Regionen zu gehen. Auch die müssen erst einmal nach dorthin kommen. Das ist die Herausforderung, dass wir das gemeinschaftlich hinbekommen.
    5 min
  • Demokratieforum: Zu viel Gefühl? Wie Emotionen unseren Diskurs bestimmen
    Corona, Klimawandel, Krieg in der Ukraine und in Nahost. Viele politische Debatten sind emotional aufgeladen. Auch die Medien nutzen die Macht der Gefühle, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Wie viel Gefühl halten unsere Demokratie und der Diskurs aus? Darüber diskutierte Moderator Michel Friedman im SWR Demokratieforum Hambacher Schloss am 11. Juni 2024 mit der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und der "Welt"-Journalistin Anna Schneider.
    1 hr 15 min
  • SINUS-Jugendstudie: "Pragmatischer Optimismus herrscht vor"
    So viele Vorurteile gegen Jugendliche in Deutschland sind gängig: "Die schauen nur noch auf Ihre Handys, informieren sich nur über TikTok und wählen wahlweise Rechtspopulisten oder Extremisten, ohne an die Folgen zu denken oder kleben sich auf der Straße fest. Außerdem sind sie oberflächlich und wollen so wenig wie möglich arbeiten".
    Aber sind sie auch wirklich so, wie ticken Jugendliche eigentlich tatsächlich? Damit hat sich die sogenannte SINUS-Jugendstudie beschäftigt, die heute vorgestellt wurde - im Auftrag (u.a.) der Bundeszentrale für Politische Bildung. Deren Präsident, Thomas Krüger, sagt im Gespräch mit SWR Aktuell-Moderatorin Petra Waldvogel: "Bei näherer Betrachtung zerlegen sich diese Vorurteile alle in Einzelteile". Vorherrschend sei trotz mancher Krisen ein pragmatischer Optimismus bei den 14-17Jährigen. Diese Generation verdiene Respekt, man könne von ihr lernen, so Krüger.
    7 min
  • Anne-Frank-Tag 2024: Was kann der Schulaktionstag gegen Antisemitismus bringen?
    SWR Aktuell: Anne Frank hätte es vielleicht auch sinnvoll gefunden, dass dieser Tag zum Anlass genommen wird, junge Leute zu informieren.  Welche Fragen stellen Schülerinnen und Schüler heute, wenn es um jüdisches Leben geht?
    Deborah Schnabel: Zunächst einmal muss jüdischen Menschen die Gelegenheit gegeben werden, ihre alltägliche Lebenswelt heute auch zu vermitteln. Schüler*rinnen kennen häufig nur die Historie, kennen häufig den Holocaust, kennen Anne Frank als ein wichtiges Opfer der Shoah. Aber jüdische Menschen in Deutschland struggeln einfach auch damit, die aktuelle Lebensrealität zu transportieren. Und wir versuchen, in unserer Arbeit diese Brücke zu schlagen, von der Vergangenheit in die Gegenwart - und auch sehr viele aktuelle relevante Themen aufzubringen: zum Beispiel auch Krieg und Frieden, Flucht und weitere Themen ins Spiel zu bringen, mit denen sich die jungen Menschen heute auseinandersetzen, und die eben eine Brücke zu Vergangenem schlagen können.
    SWR Aktuell: Das heißt, es geht gar nicht mehr sehr so sehr um die Historie, also um die Person Anne Frank, sondern es geht darum sozusagen ein Ankommen im Alltag und – ja, wie soll ich es nennen - eine Normalisierung zu kreieren?
    Schnabel: Ja, es ist beides. Natürlich müssen wir uns mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Dafür sind natürlich historische Personen mit ihrem individuellen Schicksal sehr wichtig, weil sie eben auch sehr nahbar sind. Aber es ist schon auch sehr wichtig, den Blick auf die Gegenwart zu richten. Denn Diskriminierung ist aus unserem Alltag leider nicht verschwunden und ist immer noch sehr, sehr aktuell. Auch der Antisemitismus ist eben noch sehr, sehr aktuell. Und da müssen wir schon gucken, wie wir auch sehr gut sensibilisieren können für das, was Jüdinnen und Juden heute erleben müssen, was aber auch ihre Kultur im schönen Sinne ausmacht.
    SWR Aktuell: Wie sehr gelingt Ihnen das in der Schule?
    Schnabel: Ich glaube, es gelingt uns schon sehr gut. Wir haben ja auch einen außerschulischen Lernort, wo täglich mehrere Schulklassen kommen und sich einerseits mit Anne Frank, aber auch mit vielen zeitaktuellen Themen wie Rassismus, wie Flucht, wie Hate Speech im Netz auseinandersetzen. Und dabei durch Peer-Trainer*innen begleitet werden, also andere junge Menschen, die wir ausgebildet haben, um ins Gespräch zu kommen. Und da merkt man schon, dass die jungen Menschen sehr interessiert sind. Sie möchten sich mit diesen Themen auseinandersetzen, und sie fühlen auch einen eigenen Bezug, weil es oft auch Menschen sind, die vielleicht eigene Migrationsgeschichten haben. Oder die Eltern hatten Migrationsgeschichten, und sie können an viele Themen, die auch Anne Frank bewegt haben, anknüpfen.
    SWR Aktuell: Wie hat sich diese Debatte geändert, seit es diesen „großen Elefanten im Raum“ gibt, nämlich den Überfall der Hamas auf Israel und den anschließenden Krieg?
    Schnabel: Ja, das berührt natürlich die Schüler*innen enorm. Wir hatten es leider ja auch damit zu tun, dass über dieses Thema nach dem Oktober etwas zeitverzögert in den Schulen gesprochen wurde. Viele Lehrkräfte mussten erstmal Wege finden, darüber ins Gespräch zu kommen. Und jetzt nehmen wir schon wahr, dass die Schicksale der Opfer des 7. Oktobers und der Geiseln ein bisschen in den Hintergrund geraten. Jetzt ist natürlich auch der schreckliche Krieg in Gaza sehr präsent, und die Ereignisse sich so ein bisschen überlappen. Und es stellt natürlich auch eine Schwierigkeit dar, im Raum Schule für unterschiedliche Perspektiven zu sensibilisieren. Wir finden das aber unheimlich wichtig, dass das getan wird, und plädieren eben auch dafür, dass der Nahost-Konflikt auch die Region des Nahen Ostens und dieser sekundären und primären Betroffenheiten, die das auch auslöst, auch hier in Deutschland viel stärker auch im Schulkontext vorkommen müssen.
    SWR Aktuell: Wie kriegen Sie das hin, dass das nicht abstrakt bleibt? Das ist ja schon für Menschen, die sich tagtäglich damit befassen, sage ich mal sehr schwierig…
    Schnabel: Die Schüler*innen bringen das häufig selbst rein, weil es für die nämlich gar nicht abstrakt ist. Die sind häufig mehrere Stunden am Tag im Netz unterwegs. Wenn man sich anguckt, was auf TikTok los ist, dann muss man festhalten, dass dort der Krieg nahezu gebroadcastet wird. Man sieht Bilder und Videos und Inhalte, die sehr hautnah vermitteln, was dort passiert. Und oftmals bringen Schüler*innen das selbst rein in den Schulkontext. Wichtig ist nur, dass das dann aufgegriffen wird, und man darüber dann ins Gespräch kommen kann.
    SWR Aktuell: Haben wir dazu genug befähigte Lehrkräfte, die das auffangen können?
    Schnabel: Ich denke, wir haben da noch einen Weg vor uns. Wir müssen ja leider festhalten, dass der Nahost-Konflikt in der Lehrkräfteausbildung nicht institutionell vorkommt. Und dieses aktualitätsbezogene Arbeiten im Schulkontext, da haben wir auch nach was vor uns, und das wird uns immer mehr umtreiben. Globale Krisen und Konflikte schwappen immer mehr auch nach Deutschland und beschäftigen uns hier. Und da, glaube ich, muss sich der Raum Schule einfach auch noch anpassen. So ein bisschen weg von diesen formellen strukturierten Vorgaben hin zu aktuellen Bedarfen des gesellschaftspolitischen Geschehens.
    7 min
  • "Ost-West-Schüleraustausch wäre gar nicht so doof“, sagt der Thüringer Kabarettist Jonas Greiner
    Nach der Europawahl wird viel über das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland diskutiert – vor allem weil im Osten die AfD stärkste Kraft geworden ist. Droht uns eine neue Spaltung? Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow warnt, die emotionale Einheit gehe „zunehmend krachen“. Im Westen schlägt NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst vor, junge Menschen aus Ost und West stärker zusammenzubringen - unter anderem mit einem Austausch, wie wir ihn von europäischen Städtepartnerschaften kennen. Mancher aus dem Westen kenne sich auf Mallorca besser aus als in Sachsen oder Thüringen, so Wüst. Im Gespräch mit SWR-Aktuell-Moderator Bernhard Seiler erklärt der Thüringer Kabarettist Jonas Greiner, warum er Wüsts Idee gut findet.
    4 min
  • Falls die Wehrpflicht reaktiviert würde - was würde das für die Gesellschaft bedeuten?
    SWR Aktuell: Brauchen wir denn nach ihren Erkenntnissen so einen Gesellschaftsdienst?
    Rabea Haß: Im Grunde genommen haben wir auch heute in Deutschland schon so eine Art Gesellschaftsdienst. Wenn wir uns angucken, was wir an Angeboten haben, Freiwilliges Soziales Jahr, Freiwilliges Ökologisches Jahr, Bundesfreiwilligendienst, dann kommt das Gesellschaftsdienst schon sehr nahe. Und es kann aus meiner Sicht auch als Blaupause dienen, um diese Art von Angeboten auszuweiten. Denn wir sehen, dass gerade junge Menschen von den Angeboten wahnsinnig profitieren. Und das ist für sie ein Lern- und Orientierungsort, wo sie viel sowohl darüber erfahren, was sie beruflich machen wollen, aber - aus meiner Sicht noch viel wichtiger - auch erfahren, wie sie sich in die Gesellschaft einbringen können.
    Dienst - zum Beispiel im Katastrophenschutz - flexibler gestalten
    SWR Aktuell: Und wie könnte man das gestalten? Welche Bereiche sollte man da in einen neuen Gesellschaftsdienst einbeziehen?
    Haß: Zum einen würde ich tatsächlich auf den Bestand aufbauen, denn wir haben jetzt schon eine Vielfalt an Angeboten und in Deutschland auch eine sehr, sehr lange Tradition. Die evangelischen Freiwilligendienste haben gerade ihr 70-jähriges Jubiläum gefeiert. Und die sind ja auch im europäischen Vergleich wirklich auch mit einer guten und historisch gewachsenen Struktur einfach gut aufgestellt. Aber was wir eben auch sehen: Momentan machen so ungefähr zehn bis zwölf Prozent eines Schulabgängerjahrgangs einen solchen Dienst. Und es gibt einfach viele Gruppen, die wir nicht erreichen. Und es gibt auch einige Einsatzbereiche, für die die Dienstformate, so wie sie heute sind, nicht so gut passen, zum Beispiel im Zivil- und Katastrophenschutz. Die können nicht so gut Leute in Vollzeit für zehn Monate oder ein ganzes Jahr in ihre Strukturen integrieren. Die bräuchten deutlich flexiblere Ansätze, was auch die Zeitkontingente angeht. Dafür müsste es aber auch ein System geben, wo die Organisationen die Leute länger halten können, sodass sie dann nicht nach einem intensiven Jahr wieder wechseln, sondern eben auch länger zur Verfügung stehen - gerade dann wenn es ein Hochwasser gibt, wenn irgendwo im Zivilschutz Bedarf ist, dass sie auf diese Personen auch über einen längeren Zeitraum zurückgreifen können. Ein Stück weit, so wie wir diesen Ersatzdienst noch zu Wehrdienst-Zeiten kannten, wo man über zehn Jahre zum Beispiel beim Technischen Hilfswerk peu á peu die Stunden im Katastrophenschutz oder auch bei der Freiwilligen Feuerwehr leisten konnte.
    Viele Jugendliche wissen schlicht und ergreifend gar nicht, dass es diese Angebote gibt.

    Quelle: Rabea Haß, Soziologin bei der Hertie-Stiftung

    SWR Aktuell: Anlass unseres Gesprächs ist, dass es darum geht, wie Deutschland seine Verteidigungsfähigkeit verbessern kann. Inwiefern würde so ein Gesellschaftsdienst die Bundeswehr oder die Verteidigungsfähigkeit stärken?
    Haß: Momentan werden die Angebote als sehr unterschiedliche Dinge wahrgenommen, auch weil sich die Rahmenbedingungen stark unterscheiden, zum Beispiel, was Bezahlung angeht. Und das andere ist, dass wir sowohl bei den zivilen als auch den militärischen Angeboten für Freiwilligendienste sehen, dass ganz viele Jugendliche schlicht und ergreifend gar nicht wissen, dass es diese Angebote gibt. Das heißt eine Informationskampagne, wo man gleichermaßen über die Angebote in der Bundeswehr als auch im zivilen Bereich informiert, flächendeckend kuratiert in der Sprache der Jugendlichen, das wäre aus meiner Sicht ein ganz wichtiger erster Schritt, um erst mal so ein einheitliches Informationsniveau in der Bevölkerung zu schaffen. Und ich denke, daraus würden schon auch deutlich mehr Bewerbungen resultieren und ein guter erster Schritt gemacht werden.
    SWR Aktuell: Es ist ja im Moment so: Wer in die Bundeswehr eintritt, der wird relativ gut bezahlt. Wer beim Roten Kreuz zum Beispiel ein freiwilliges soziales Jahr macht, kriegt eher ein Taschengeld. Welche Rolle spielt das, um die Bewerberzahlen zu steigern?
    Haß: Das spielt auf jeden Fall eine Rolle. Gerade in den sozialen Freiwilligendiensten sehen wir, dass es Jugendliche gibt, die sich so einen Dienst nicht leisten können, gerade wenn sie eben nicht mehr zu Hause bei den Eltern wohnen und für ihren Lebensunterhalt schon ein Stück weit selbst verantwortlich sind - oder wenn sie weite Fahrtwege haben, sodass das Taschengeld im Prinzip schon komplett für ein Zugticket oder so aufgebraucht wäre. Aber wir sehen auch, dass es nicht der einzige Grund ist. Momentan werden Modelle diskutiert angelehnt an das BAföG im Studium, die bedarfsgerecht die Jugendlichen oder jungen Erwachsenen unterstützen, die von Zuhause weniger mitbekommen. Gleichzeitig sehen wir aber auch, dass die Dienste deutlich zu wenig anerkannt werden, auch im Sinne von der Wertschätzung oder auch eine Anrechnung auf das weitere Berufsleben.
    5 min
  • „Verzweiflungstat der Bahn“: Milliardenprojekt Stuttgart 21 verzögert - bundesweite Folgen
    SWR Aktuell: Die Geschichte von Stuttgart 21 ist ja so eine Art „never ending story“. Es gibt regelmäßig Neuigkeiten, dass es teurer oder später wird - oder beides. An welcher Stelle hakt es denn diesmal?
    Frieder Kümmerer: Es hakt an einer Sache, die schon tatsächlich auch ein bisschen absehbar war. Auch wir im SWR haben schon immer wieder darüber berichtet. Es ist diese neue digitale Technik, die in dem kompletten Tiefbahnhof und auch in dem kompletten Bahnknoten verbaut wird und verbaut werden soll. Das System „European Train Control System“ soll eigentlich den Bahnverkehr einmal vereinfachen, vereinheitlichen, in ganz Europa internationalen Zugverkehr überhaupt ermöglichen. Das kommt jetzt dieses große „Aber“: Es ist noch gar nicht so ertestet und erprobt, wie man es vielleicht bräuchte, um das auch mal in einen ganzen Bahnknoten zu verbauen. Auf einzelnen Strecken, wie zum Beispiel auf der Strecke Wendlingen-Ulm oder auch auf der Strecke München-Berlin, da ist das System schon verbaut. Aber das sind Strecken, wo halt nur Züge von A nach B fahren, das ist kein komplexer Bahnknoten, wo es Über-Kreuz-Verkehr geht, wo Züge wenden müssen, wo komplexer Zugverkehr ist, wo pro Tag um die tausend Züge durchgelotst werden müssen. Da hat man sich überschätzt, das hat die Bahn durchaus auch zugegeben - und sie hat das gesamte Konzept, wie man Stuttgart 21 eigentlich mal eröffnen wollte, komplett über den Haufen geworfen. Nun hat sie ein neues Testverfahren einer neuen Testbetrieb entwickelt, damit man dann ein Jahr später, im Dezember 2026, dann hoffentlich diesen Bahnhof in Betrieb nehmen kann.
    SWR Aktuell: Für Ende 2026 ist der offizielle Start geplant. Ein Jahr vorher beginnt eine Testphase, in der auch schon Fahrgäste den neuen Tiefbahnhof ausprobieren sollen. Wie genau soll das denn funktionieren?
    Kümmerer: Das ist tatsächlich ein Kuriosum. Sowas hat es in dieser Form bei der Bahn noch nicht gegeben, dass die Eröffnung noch nicht gewesen ist, dass aber trotzdem schon Fahrgäste in den neuen Tiefbahnhof oder in die neue Infrastruktur mit eingebunden werden. Das ist, tatsächlich ein Testbetrieb auf dem Rücken der Fahrgäste - ganz einfach deswegen, weil man dieses komplexe System peu á peu testen muss. Man braucht die Züge, man braucht die Lokführer, die kann man gar nicht aus dem regulären Bahnbetrieb einfach mal kurz herauslösen. Dementsprechend bindet man einfach reguläre Züge ein Stück weit mit ein, das hat die Bahn so durchaus auch angedeutet. Das heißt, die Fahrgäste erfahren vorher: Heute oder morgen früh fährt ihr Zug nicht wie sonst immer vom Kopfbahnhof, diesmal fährt er aus dem Tiefbahnhof. Und vielleicht können die Fahrgäste dann womöglich auch schon gleich live miterleben, wenn es erste Probleme in diesen Testphasen gibt.
    SWR Aktuell: Der Bahnverkehr ist ein extrem komplexes System, in dem alles mit allem zusammenhängt. Dass man die Eröffnung jetzt um genau ein Jahr verschiebt, hängt auch mit dem Fahrplanwechsel zusammen, der immer im Dezember stattfindet. Spätestens 18 Monate vor Beginn des neuen Fahrplans muss die Bahn entschieden haben, ob und wie S21 in Betrieb geht. Ist dieser lange Vorlauf also dieser Komplexität geschuldet?
    Kümmerer: Nicht nur deswegen. Es hat tatsächlich was auch mit den ganzen Komplex „deutschlandweiter Fahrplan“ zu tun. So ein Bahnhof wirkt sich auf ganz Deutschland aus. Das merkt man auch an den Verspätungen. Ein Zug, der von Stuttgart nach Hamburg fahren soll und verspätet abfährt, der sorgt auch für eine Verspätung für den ICE, der dahinter fährt, der eigentlich von Stuttgart nach Berlin fahren soll. Alles hängt miteinander zusammen. Und diese 18 Monate, das ist so ein gestaffeltes Verfahren. Zuerst muss man den Fernverkehr planen und organisieren, das ist schon relativ komplex. Damit fängt man eben 18 Monate vorher an. Zwölf Monate vorher fängt man dann an, den Regionalverkehr um den Fernverkehr herum zu planen. Das, was man bei Stuttgart 21 immer vergisst, ist der internationale Verkehr, der europäische Verkehr. Den beginnt man eigentlich sogar schon zwei Jahre vorher in Deutschland zu planen.
    SWR Aktuell: Sie berichten für den SWR schon seit Jahren über Stuttgart21. Glauben Sie denn, dass Dezember 2026 nun wirklich der Termin ist, dass es dann wirklich klappen wird?
    Kümmerer: Das ist der legendäre „Blick in die Glaskugel“… Also: Auch auf der Pressekonferenz war die Deutsche Bahn die einzige, die überzeugt davon war, dass sie es auch wirklich schaffen wird. Auch die Projektpartner, wie das Verkehrsministerium und die Stadt Stuttgart haben da ein bisschen skeptisch drauf geblickt. Und auch ich muss natürlich sagen, die Geschichte von Stuttgart 21 lehrt natürlich, dass man da skeptisch bleiben muss. Und dementsprechend. Wer weiß, was bis dahin noch alles passieren kann. Dieser Testbetrieb, dieses Verfahren, was man jetzt wählt, das ist eine Verzweiflungstat der Bahn, das wenigstens mindestens ein Jahr später irgendwie hinzukriegen. Und dementsprechend schaue ich eher skeptisch als optimistisch auf Dezember 2026. Wir können, glaube ich, gespannt sein.
    6 min
  • Freiburgs OB nach der Wahl: "Wir müssen selbstkritisch sein"
    Der parteilose Freiburger Oberbürgermeister Martin Horn sieht nach der Kommunalwahl in Freiburgs Kommunalpolitik "eine große Vielfalt" und übt Selbstkritik.
    In Baden-Württemberg sind viele Städte kommunalpolitisch von den Grünen geprägt. Nach dem Wahl-Sonntag zeigt sich nun: Die Grünen haben sowohl bei der Europawahl als auch auf Kommunalebene viele Stimmen verloren. Auch wenn sie in Städten wie Karlsruhe, Ulm, Heidelberg oder Freiburg nach wie vor die meisten Stimmen einsammeln konnten, fragen sich viele: Wie geht es nun weiter? Was waren die Gründe für die Stimmverluste? Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Kretschmann sieht keinen Handlungsbedarf - zumindest auf seine Person bezogen. Bei der Pressekonferenz in Landesregierung heute in Stuttgart hat er gesagt: "Ich stand überhaupt nicht zur Wahl, es gab auch keine
    Plakate mit mir... Was hat das mit mir zu tun? " - Freiburgs OB Martin Horn dagegen gibt sich im Gespräch mit SWR Aktuell-Moderatorin Vanja Weingart durchaus selbstkritisch: Die Menschen besser erreichen zu müssen, weniger um sich selbst zu kreisen in der Politik, so Horn, das seien für ihn Erkenntnisse aus der Wahl.
    7 min
  • Jugend testet: Gymnasiasten aus Tuttlingen prämiert für Dämmstoff-Test
    Zwei Gymnasialschüler gewinnen einen der Hauptpreise bei „Jugend testet“ für ihre Arbeit über Dämmstoffe:
    Dämmstoffe - sie schützen uns vor Hitze oder Kälte und bestenfalls auch noch vor Lärm. Die Auswahl ist groß und damit die Frage: Welchen nehmen, welche sind umweltfreundlich und gut, am wirkungsvollsten? Dieser Frage sind zwei Schüler nachgegangen, ein 16- und 17-Jähriger vom Immanuel-Kant-Gymnasium im schwäbischen Tuttlingen: Witalij Plett und Maddox Srey-Och. Sie haben sich damit beim Wettbewerb Jugend-testet 2024 der Stiftung Warentest beteiligt - und einen der Hauptpreise gewonnen. Im Gespräch mit SWR Aktuell-Moderatorin Petra Waldvogel erklären sie, was genau getestet wurde - Akustik, Dämmwirkung, Umweltverträglichkeit und noch mehr - und warum sich zwei junge Menschen für Dämmstoffe interessieren.
    6 min
  • Mainzer OB: "Kinderbetreuung sichern, Wohnungsbau antreiben, Wirtschaftsstandort ausbauen"
    Dass Kommunalpolitik sich in vielerlei Hinsicht unterscheidet von Landes- oder Bundespolitik, ist klar. Es geht oft um die praktische Umsetzung, man ist nah an den Leuten, da steht die Parteipolitik nicht so im Vordergrund. Auch eine Tatsache: in großen Städten wählen die Bürgerinnen und Bürger oft anders als auf dem Land.
    Allerdings: Der Trend, dass die Volksparteien weiter verlieren und die AfD gewinnt, hat sich auch bei den Kommunalwahlen verstetigt. Schaut man auf die Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz, auf Mainz, erkennt man auch einen anderen Trend wieder: Es reicht nicht mehr für das Ampelbündnis im Stadtrat.
    Nino Haase, Oberbürgermeister von Mainz und parteilos, antwortet im Gespräch mit SWR Aktuell-Moderatorin Katja Burck auf die Frage, wie es nun ohne Mehrheit für das jetzige Bündnis von Grünen, SPD und FDP im Stadtrat weitergehen soll. Eine seiner Kern-Aussagen darüber, was Politik hier leisten soll: „eine gute Kinderbetreuung sichern, den Wohnungsbau antreiben, den Wirtschaftsstandort ausbauen“.
    5 min

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