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Das Weinstocksgleichnis spricht davon, dass wir nicht nur Almosenempfänger vor Gott sind, sondern dass wir selbst mittun dürfen und einsetzen sollen, was wir an Gaben empfangen haben. Kein Bereich unseres Lebens soll dem göttlichen Leben entzogen sein, so dass alles in uns zu mehr Schönheit, zu mehr Fülle und mehr Strahlkraft gelangen kann. In unserem ganzen Sein dürfen wir etwas von der Schönheit, Kraft und Güte Gottes offenbaren.
Wenn Jesus von sich als dem Hirten spricht, dann meint er nicht, dass es einen klugen, intelligenten Vortsteher gibt und dahinter oder darunter diejenigen, die ihm sozusagen hinterhertrotteln! Nein, das Verhältnis, das Jesus hier vor den Augen seiner Zuhörer entfaltet, ist ein vertrautes und anspruchsvolles. Die Schafe kennen die Stimme des Hirten, und sie folgen ihm, weil sie wissen, dass sie ihm blind vertrauen können. Und der Hirte ist kein bezahlter Angestellter, der nur seinen Job tut. Auch er weidrum kennt seine Schafe und gibt alles für sie, auch sein Leben. Es ist ein enges Vertrauensverhältnis, das uns hier vorgestellt wird! Von Unterwerfung oder demutsvoller Unkenntnis weit entfernt! Auch wir sind eingeladen, Hirte für andere zu werden, indem wir der Spur dieses Hirten folgen.
Es ist eine ungeheure Horizonterweiterung, die Jesus den Jüngern hier in der Begegnung und in der Berührung mit seinem Auferstehungsleib schenkt.
Schon im irdischen Leben Jesu zeigt sich, dass unser Leib zu einer größeren Herrlichkeit, ja, man könnte sagen, zur Schwerelosigkeit, berufen ist.
Wir sind wirklich zur Herrlichkeit berufen - aber nicht ohne unseren Leib!
„Herr, zeig uns den Vater!“, so hat Philippus Jesus gebeten.
Und nirgends als im Leiden und im Kreuz wird so deutlich, wer der Vater ist. „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab.“, so deutet Paulus dieses Geschehen, für das es kein aussprechbares Wort gibt. Aber der Sohn ist kein Opfer, das nur erleidet, was andere ihm zufügen, der Rohheit und Gewalt ausgeliefert, wie sie schlimmer nicht sein können. Die Passion nach Johannes, die wir heute gehört haben, zeigt Jesus, wie er diesem Leiden entgegentritt und es durchträgt, in Freiheit und Souveränität, wie er der Kohorte von 200 bewaffneten entgegengeht, wie er vor Kaiphas dem Diener die Wahrheitsfrage zumutet, obwohl er selbst der Befragte sein müsste und wie er vor Pilatus dessen Macht relativiert. Jesus trägt, im wahrsten Sinne des Wortes, alles, was ihm widerfährt und trägt es für uns. Es gibt keine größere Würde, als wenn einer sein Leben für einen anderen verschenkt.
„Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht auf die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. (...) Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen.
Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen.“ (Evangelium nach Johannes vom 5.Sonntag der Fastenzeit)
In diese wenigen Worte ist das ganze Leiden Jesu hineinverdichtet, die Not und die Erschütterung am Ölberg, das Nicht-Erkanntwerden von den Eigenen, aber auch das physische Leiden bis in die letzte Faser seines Leibes hinein. Diese wenigen Verse enthalten aber auch das ganze Vater-Unser, das Jesus nicht nur mit den Lippen betet. Das ganze Leben und das ganze Sterben ist wie ein dargelegtes Vater-Unser. Das Ja zum Vater muss in jedem Augenblick des Leidens aktualisiert werden, damit aus dem Weizenkorn, das stirbt, neues Leben entsteht. Und wenn wir so ein Weizenkorn werden, kann der Hunger der Welt durch unsere liebende Existenz gestillt werden.
Im Gespräch mit Nikodemus erinnert Jesus an die Schlange in der Wüste, die durch Mose erhöht wurde, um beim Aufblick zu ihr das Volk Israel vor den lebensvernichtenden Giftschlangen der Wüste zu retten, und Jesus fügt hinzu: „ [...] so muss der Menschensohn erhöht werden!“. Es ist eine Andeutung des Todes am Kreuz und es ist auffällig wie Johannes hier, anders als die drei anderen Evangelisten, die Ankündigung des Leidens mit der Erhöhung verbindet. Er hebt damit hervor, dass das Kreuz das Heilszeichen ist, dem alle Kraft und alle Liebe zur Rettung, Vergebung und Heilung entspringt, das Zeichen, in dem das Heil an uns sich vollzieht, auch im Handeln der Kirche in den Sakramenten. Für uns darf die Fastenzeit eine Zeit sein, dieses Zeichen des Heiles neu zu entdecken.
Jesus heilt den ganzen Menschen. Am letzten Sonntag haben wir von der Heilung eines Mannes gehört und heute hören wir von der Heilung einer Frau. Jesus heilt Mann und Frau, er heilt an Leib und Seele und er heilt an verschiedenen Orten, zuerst in der Synagoge, dann im Haus des Simon Petrus in Kafarnaum. Und dieses Haus wird, als es Abend geworden war, zum Sammelplatz für alle Gebrochenen, für alle, die an etwas leiden, das sie niederdrückt und ihr Leben hemmt. Dieser Platz wird zum Hoffnungszeichen für Befreiung und Heilung, die auch heute durch die Kirche geschenkt werden soll, so wie einer der Initiatoren im „Manifest Mission“ seinen Traum von Kirche formuliert hat: „Ich träume davon, dass die Kirche der Ort ist, wo alle die, die in der Welt beschämt werden, die ihr Gesicht verloren haben, Zuflucht finden.“
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