Wissen schafft Sprache

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By Verena HofstätterScienceEducation
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Wissen schafft Sprache episodes

  • S3E5 Wieso hört man mit vier Ohren besser?
    Sprache ist der Kitt, der uns Menschen zusammenhält. Doch was, wenn Sprache nicht nur zusammen bringt, sondern auch auseinander? Kommunikation ist manchmal ein richtiger Kraftakt. Doch warum kommt es so oft zu Missverständnissen? Und warum verstehen wir uns so oft "falsch"? Genau diese Fragen wollen wir im heutigen Beitrag beantworten.

    Wie wir miteinander reden, sagt wie wir zueinander stehen. Stellen wir uns folgende Situation vor. Ein Pärchen steht mit dem Auto an einer Ampel. Die Frau sitzt am Steuer und der Mann sagt: “Du, die Ampel ist grün!” Da antwortet die Frau: “Fährst du oder fahre ich?” Was ist hier schiefgelaufen?

    Dazu hat der deutsche Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun das sogenannte “Vier-Ohren-Modell” entwickelt. Für ihn besteht eine Kommunikationssituation immer aus drei Teilen: einer Senderin oder einem Sender, einer Nachricht, und einem Empfänger oder einer Empfängerin. Anders formuliert: Eine Äußerung kann auf vier verschiedenen Ebenen interpretiert werden. 
    Für dieses vierseitige Modell kombiniert Schulz von Thun zwei andere bekannte kommunikationspsychologische Modelle. Zum einen bezieht er sich auf die Annahme des Wiener Psychologen Paul Watzlawick, der davon ausgeht, dass das, was wir sagen, neben einem Inhaltsaspekt immer auch einen Beziehungsaspekt hat. Zum anderen bezieht er sich auf den Sprachtheoretiker Karl Bühler. Dieser hatte sprachlichen Zeichen bereits in den 1930 Jahren drei unterschiedliche Funktionen zugeschrieben. Auch er ging davon aus, dass ein sprachliches Zeichen immer in Beziehung zum Sender, zur Empfängerin und zu den Gegenständen und Sachverhalten steht. Dabei hat das Zeichen eine Ausdrucksfunktion, eine Appellfunktion und eine Darstellungsfunktion.

    Diese beiden Sichtweisen auf sprachliche Kommunikation verknüpft Schulz von Thun nun in einem gemeinsamen Modell, mit Ohren und Schnäbeln. Jede Äußerung enthält vier Botschaften:
    • Auf der Sachebene vermittelt der Sender Sachinformationen. Über die Farbe der Ampel zum Beispiel. 
    • Auf der Appellebene kommuniziert er, was er bei der Empfängerin erreichen möchte. Er formuliert einen impliziten Wunsch, eine Handlungsanweisung. Dass sie losfährt zum Beispiel.
    • Auf der Ebene der Selbstoffenbarung gibt der Sender etwas von sich preis. Zum Beispiel dass er es eilig hat, weil er ein wichtiges Meeting hat.
    • Auf der Beziehungsebene schließlich bringt er zum Ausdruck, wie er zur Empfängerin steht. Vor allem dieserAspekt wir häufig durch Tonfall, Mimik und Gestik vermittelt. Gut möglich, dass an der Ampel genau hier das Problem lag. Denn das, was ein Sender in eine Botschaft hineinsteckt, ist oft nicht das, was eine Empfängerin aus ihr heraushört.
    Genauso wie der Sender mit jeder Nachricht auf allen vier Ebenen gleichzeitig kommuniziert, nimmt die Empfängerin auch jede Nachricht gleichzeitig mit all ihren vier Ohren auf.
    Natürlich ist das Ampel-Beispiel etwas überspitzt dargestellt. Doch es verdeutlicht, wodurch Störungen und Konflikte in der Kommunikation zustande kommen. Nämlich wenn Sender und Empfängerin diese vier Ebenen unterschiedlich deuten und gewichten.
    So ist es durchaus denkbar, dass er mit seinem “Es ist grün.” das Gewicht auf die Appellebene gelegt hat. Mit ihrer Antwort zeigt die Fahrerin allerdings, dass sie seinen Einwurf als Bevormundung auffasst. Ein klassischer Fall von Mansplaining würden wir heute wohl sagen. “Fährst du oder fahre ich?”

    “Reine” Sachinformation gibt es in der Kommunikation nicht. Wir können nicht nur auf der Sachebene kommunizieren und die anderen Ebenen ausblenden. Weder auf der Senderseite noch auf der Empfängerinnenseite. Appell, Selbstoffenbarung und Beziehung schwingen immer mit.

    Sprechen an sich ist immer eine gesellschaftliche Handlung. Und handeln hießt hier eben informieren, appellieren, offenbaren und Beziehungen pflegen. Das kann anstrengend sein. Es kann also nicht schaden, anderen gut zuzuhören, und sich immer vor Ohren zu führen, dass miteinander reden immer auch bedeutet miteinander zu leben. Und das ist eben nie einfach.


    Quelle:

    Das Kommunikationsquadrat (Schulz v. Thun Institut)
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    Die Musik im Intro dieser Staffel stammt von lemonmusicstudio.
    11 min
  • S3E4 Warum sprechen Frauen höher als Männer?
    Frauen und Männer klingen anders. Das wissen wir. Doch was, wenn der Klang unserer Stimme nicht angeboren ist, sondern dadurch beeinflusst wird, wo wir leben und wie wir unser Leben gestalten (können)?

    Im Biologieunterricht lernen wir, dass Buben in der Pubertät in den sogenannten Stimmbruch kommen. Mit dem Kehlkopf wachsen auch die Stimmbänder. Dadurch verändert sich der Klang ihrer Stimme. Wie gesagt: Frauen und Männer klingen anders. Das wissen wir. Und die Biologie ist dafür verantwortlich. Oder etwa nicht?

    So einfach ist die Sache tatsächlich nicht. Menschen in anderen Ländern sprechen anders als hier in Mitteleuropa. Sogar bei ein und derselben Person lassen sich Unterschiede in der Tonhöhe feststellen, wenn sie von einer Sprache in eine andere wechselt. Mehr noch: Nicht nur unterschiedliche Sprachen, sondern auch unterschiedliche Dialekte ein und derselben Sprache führen zu einem anderen Klang. 

    Wenn also die Menschen so unterschiedlich klingen, wenn sogar ein und derselbe Mensch unterschiedlich klingen kann, kann für diese Unterschiede nicht mehr nur die Biologie verantwortlich gemacht werden.

    Natürlich haben Männer aufgrund ihrer Kehlkopfentwicklung andere “natürliche” Voraussetzungen. Ihre sogenannte Stimmgrundfrequenz liegt bei nur ca. 100 Hertz. Das heißt ihre Stimmritze öffnet und schließt sich etwa 100 Mal pro Sekunde. Die Stimmgrundfrequenz von Frauen liegt bei etwa 170 Hertz. Bei ihnen schließt und öffnet sich die Stimmritze also deutlich öfter. Dabei überschneiden sich die individuellen Tonhöhenspektren in der Regel aber sehr stark. Wenn Männer eine etwas höhere Grundfrequenz haben, klingen sie wie Frauen, die eine etwas niedrigere Grundfrequenz haben und umgekehrt. Dieser Überschneidungsbereich beträgt jeweils 50%. Das heißt das höhere männliche Stimmspektrum ist gleichzeitig das niedrigere weibliche.

    Und dennoch: Frauen sprechen häufig höher als sie es natürlicherweise machen würden. Männer hingegen tiefer. Wir beobachten also, dass sich Männer und Frauen stimmlich mit Absicht voneinander abgrenzen, indem sie sich in jenen Tonhöhenbereich zurückziehen, der sich nicht mit dem jeweils anderen Geschlecht überschneidet.
    Das zeigen zum Beispiel Studien, die die Stimmen von Frauen aus unterschiedlichen Ländern vergleichen. Von den in den 1990er Jahren untersuchten Frauen hatten Japanerinnen mit 225 Hertz die höchste Stimmgrundfrequenz. Schwedinnen und Niederländerinnen lagen mit 196 bzw. sogar nur 191 Hertz weit darunter.

    Auch in der Musik werden Stimmen heute nach Geschlecht eingeteilt. Dadurch entsteht der Eindruck, als wären Männer- und Frauenstimmen grundsätzlich verschieden. Der bereits erwähnte — und beträchtliche — Überschneidungsbereich wird ignoriert. Das war allerdings nicht immer so. Erst ab dem 19. Jahrhundert wird die Stimme genderisiert. Bass, Bariton und Tenor werden männlich, Alt, Mezzosopran und Sopran werden weiblich. Die weibliche Singstimme wird zusätzlich durch mehr Beweglichkeit von der männlichen unterschieden.

    Dabei geht der Trend abseits der Bühne in zahlreichen westlichen Kulturen seit einiger Zeit in die entgegengesetzte Richtung. Eine Stimmfeldmessung mit rund 5.000 Erwachsenen und Kindern aus Deutschland ergab, dass deutsche Frauen heute viel tiefer sprechen als noch vor zwei Jahrzehnten. Während sich Männerstimmen in ihrer Tonlage kaum verändert haben, ist die Stimmgrundfrequenz bei Frauen von rund 220 auf nunmehr knapp 170 Hertz gesungen. Damit unterscheiden sich Männer und Frauenstimmen nicht mehr wie früher um eine ganze Oktave, sondern nur mehr um eine Quinte.
    Die Forscher*innen gehen nicht davon aus, dass biologische oder hormonelle Faktoren für diese Entwicklung verantwortlich sind. Viel eher vermuten sie, dass sich Frauen stimmlich an neue Rollenbilder anpassen.

    Unsere Stimme ist also eigentlich gar nicht so natürlich, wie wir denken. Ihr Klang hängt zu einem großen Teil davon ab, wo, wozu und vor allem vor wem wie sie verwenden. Unsere Stimme ist damit weit weniger Teil oder Ausdruck unserer Persönlichkeit. Sie ist konstruiert und dabei unterliegt sie einem enormen gesellschaftlichen Druck. Die Art und Weise, wie wir unsere Stimme einsetzen, in welchen Tonlagen wir sprechen, wie viel oder wenig Bewegung wir in sie bringen, all das hängt weitgehend nicht von unseren anatomischen Voraussetzungen ab., sondern von den Voraussetzungen in unserem Umfeld.

    Doing gender durch Stimme — also die Art und Weise wie wir durch Stimme vermeintlich typische männliche oder weibliche Attribute verkörpern quasi, und dadurch die Asymmetriezwischen den Geschlechtern weiter aufrechterhalten — ist trotz allem auch heute immer noch gang und gäbe.


    Quellen:

    LIFE-Studie (Uniklinikum Leipzig) | Genderlinguistik (Koffhoff/Nübling, 2018) | Frauenstimme und Zeitgeist (Berliner Zeitung) | Comeback der Mädchenstimme (Deutschlandfunk)
    Musik:

    Edda Moser (s), Queen of the Night; Bavarian State Opera Orchestra, Wolfgang Sawallisch, cond.EMI, recorded August 1972: https://archive.org/details/ActIiDerHoelleRachemoserSawallisch
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    14 min
  • S3E3 Die Welt in anderen Farben (Reihe: SprachGeschichten)
    Das ist Raluca. Sie ist meine erste Gästin hier im Podcast. Sie spricht fünf Sprachen und kann noch weitere verstehen. Heute erzählt sie mir davon, was es für sie bedeutet, mehrsprachig zu sein.

    Raluca stammt aus Rumänien, ist aber aufgrund ihrer Migrationsgeschichte mit Deutsch aufgewachsen. Die Sprache ihrer Mutter, Rumänisch, hat sie sich erst wieder mühsam zurück erkämpfen müssen. Schlecht informierte Erziehungsratschläge, therapeutische Interventionen, der Abstand zu vielen rumänischsprachigen Familienmitgliedern und das Gefühl, in Rumänisch nicht ernst genommen zu werden - all das hat ihr in der Vergangenheit den Zugang zur Sprache erschwert. Heute möchte sie das ändern.

    Seit ihrem dritten Lebensjahr lebt Raluca in Deutschland. Zu Hause spricht sie mit ihrer Familie (fast) nur Deutsch, weil man ihrer Mutter damals empfohlen hat, auch im Privatleben die Mehrheitssprache zu verwenden. In der Schule lernt sie Englisch und Französisch als Fremdsprachen. Während ohne Probleme Englisch spricht, tut sie sich mit der französischen Sprache noch schwer, weil sie die Verwandtschaft zum Rumänischen noch nicht erkennt. Die Brücke zum Rumänischen kann Raluca erst mit einer anderen romanischen Sprache schlagen: Italienisch. Diese Sprache verbindet sie mit ihrem rumänischen Vater, der in Italien lebt.

    Nach der Schule beginnt Raluca ein Studium in der Fächerkombination Französisch—Italienisch. Sie plant einen Auslandsaufenthalt in Frankreich, muss diesen aber aus persönlichen Gründen abbrechen. Ihre Beziehung zur französischen Sprache leidet darunter. Zurück an der Uni zu Hause wechselt sie von der Sprachkombination auf Sprachwissenschaft. Anfang 2020 beginnt Raluca ein Auslandssemester in Padua (Italien) - mitten im weltweiten Chaos der Coronapandemie. Italien hat es damals besonders stark getroffen. Gemeinsam mit ihrer bolivianischen Mitbewohnerin bleibt Raluca die ersten drei bis vier Monate in ihrer WG. Da ihre Mitbewohnerin aber kaum Italienisch spricht, sucht sie andere Wege, um mit der italienischen Sprache in Kontakt zu kommen. Die Freundschaften die sie damals geknüpft hat, halten zum Teil bis heute.

    Das Leben zwischen Deutsch und Rumänisch ist aber nicht immer leicht. Der Einbürgerungsprozess in Deutschland vor ein paar Jahren war für Raluca lang und langwierig. Sie hat die Einbürgerung als regelrechten Kampf empfunden, der sie emotional noch weiter vom Rumänischen entfernt hat. Aktuell braucht Raluca wieder den Kontakt zur rumänischen Sprache und Kultur. Sie erzählt, dass sie bisher nur ein paar Mal in Rumänien war. Diesen Frühling war sie zum ersten Mal seit langem in der Hauptstadt Bukarest. Dort konnte sie sogar Verwandte treffen und ihre Verbindung zu Land und Sprache stärken. Sogar Grammatik möchte sie üben.

    Raluca spricht Rumänisch, Deutsch, Englisch und Italienisch und kann andere romanische Sprachen zumindest verstehen. Das soll aber nicht alles bleiben. Ich habe sie gefragt, welche Sprachen sie in Zukunft noch gerne lernen möchte. Am liebsten würde sie gerne Norwegisch lernen, weil sie als Kind kurz dort gewohnt hat, bevor sie nach Deutschland gekommen ist. Auch für das irische Gälisch kann sie sich begeistern. Oder Arabisch oder Farsi. Raluca braucht bestimmt bald noch viel mehr Farben für ihr Sprachenportrait.
    Was bedeutet Mehrsprachigkeit für Raluca?

    Mit jeder Sprache lerne ich noch einmal anders über unsere Welt, unser Denken oder uns selbst zu denken. Die Wahrnehmung verändert sich. [...] Es gibt auch andere Perspektiven. [...] Das macht einfach neugierig auf Sprache. [...] Je mehr Sprachen wir können, desto mehr sehen wir die Welt auch in verschiedenen Farben.
    Liebe Raluca, das hast du sehr schön ausgedrückt. Vielen Dank für deine Geschichte und dass du uns an deiner Sprachbiographie hast teilhaben lassen. Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft und noch viele bunte Flecken auf deinem Sprachenportrait. 

    Ralucas Sprachenportrait und eine Vorlage für eigene Portraits findet ihr hier bei mir im Blog.

    Raluca findet ihr im Internet:
    • auf Instagram und Twitter
    • ihren Podcast "Worldwide Vielfalt" auf Spotify, Apple Podcasts oder YouTube
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    27 min
  • S3E2 Wie kommen die Dinge zu ihren Namen?
    Woher wissen wir, wie Dinge heißen? Können wir die Namen der Dinge aus dem Wesen der Dinge herleiten? Eine uralte Frage, die wir schließlich im 20. Jahrhundert beantwortet haben. Oder etwa nicht? In der zweiten Folge der dritten Staffel beschäftigen wir uns mit der Frage: Wie kommen die Dinge zu ihren Namen? Oder anders: Warum ist ein Tisch ein Tisch?

    Die Dinge beim Namen nennen. Einfacher gesagt, als getan. Die Frage, die sich hier nämlich stellt, ist nicht nur: Kenne ich den Namen der Dinge? Sondern auch: Ist das auch der richtige Name für das Ding?Warum ist ein Tisch ein Tisch? Verweist die Benennung Tisch auf das Wesen eines Tisches? Sagen wir Tisch zu einem Tisch, weil uns der Klag des Wortes, an die Form, die Beschaffenheit oder die Funktion eines Tischs erinnert? Mit dieser Frage beschäftigen sich Menschen bereits seit der Antike.

    Im 4. Jahrhundert vor Christus verfasste der antike Philosoph Platon seinen berühmten Dialog “Karatylos”; und setzte damit den Grundstein für die europäische Sprachphilosophie. Nach typischer platonischer Manier ließ er in einer Art fiktivem Gespräch drei Personen auftreten: Seinen Lehrer Sokrates, den Philosophen Kratylos und dessen Freund Hermogenes.Den Männern geht es darum zu erörtern, welche Beziehung zwischen den Dingen in der Welt und ihren Namen bestand. Sowohl Kratylos als auch Hermogenes sind sich in einer Sache einig. Irgendwann einmal muss irgendwer oder irgendwas den Dingen einen Namen gegeben haben. Das reicht ihnen, um zu folgern, dass grundsätzlich alles auf der Welt seinen “richtigen” Namen trägt. Worauf sie sich jedoch nicht einigen können, ist, wie die Namen den Dingen zugeordnet sind.

    Auf der einen Seite steht Kratylos und postuliert eine natürliche Beziehung zwischen den beiden (Physei-These).  Auf der anderen Seite steht Hermogenes, der die entgegengesetzte Auffassung vertritt: Er geht davon aus, dass sich Dinge und Namen einander willkürlich zuordnen lassen (These-These).
    Aus heutiger Sicht mutet der Dialog etwas veraltet an. Kein Wunder, schließlich ist er bereits über 2.000 Jahre alt.

    In den Grundlagenwerken zur Linguistik steht heute Ferdinand de Saussure an der Tagesordnung. Der Schweizer Forscher zählt zu den Begründern der modernen Sprachwissenschaft. In seinen Vorlesungen an der Universität Genf hat er eine allgemeine Theorie der Sprache als Zeichensystem entwickelt. Für ihn besteht Sprache aus Zeichen mit zwei Seiten: Lautbild und Vorstellung.

    Er bezieht im antiken Streit deutlich Position. Sprachliche Zeichen seien nicht mit den Dingen an sich verbunden, sondern nur mit unseren Vorstellungen davon. Die Form des Lautbildes sei dabei willkürlich. Für ihn ist die Zuordnung zwischen Lautbild und Vorstellung arbiträr. Dass wir heute [baʊ̯m] Baum sagen, wenn wir Baum meinen, liegt daran, dass wir uns als Sprachgemeinschaft auf diesen Namen geeinigt haben. 

    Auch wenn sich Saussures Zeichentheorie weitgehend durchgesetzt hat, gibt es in der Sprache Zeichen, die weit weniger abstrakt sind, als Saussure uns glauben lässt. In der Sprachwissenschaft wird diese Ähnlichkeit zwischen Form und Bedeutung eines sprachlichen Zeichens mit Ikonizität bezeichnet.

    Sprache ist also nicht immer willkürlich. Egal ob wir sie sprechen, gebärden, schreiben oder zeichnen. Aber auch wenn wir von Zeit zu Zeit von der Form eines sprachlichen Zeichens auf dessen Bedeutung schließen können — auf das Wesen den Bedeutung, auf das Wesen der Dinge in der Welt kommen wir dadurch nicht.

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    14 min
  • S3E1 Geht Deutsch nur deutsch?
    Das Fenster wird bei ihm zum Tageleuchter, das Kloster zum Jungfernzwinger und die Natur zur Zeugemutter. Nicht nötig, zu erklären, warum sich diese Wörter schlussendlich nicht durchgesetzt haben. In dieser ersten Episode der dritten Staffel fragen wir uns: Geht Deutsch nur deutsch? Oder anders: Wie viele "deutsche" Wörter verträgt die deutsche Sprache?

    Abgeschafft oder nicht. Die Pandemie ist gekommen, um zu bleiben. Zumindest im sprachlichen Sinne. Laut dem Leibniz-Institut für deutsche Sprache bescherte uns Corona bereits mehr als tausend neue Begriffe. Booster, Lockdown, Homeoffice und Co. setzen aber nicht nur Querdenkerinnen zu. 

    Aber nicht nur Corona geht Sprachpurist*innen auf den sprichwörtlichen germanistischen Zeiger.
    Natürlich, das Erfinden neuer Wörter macht irrsinnigen Spaß. Und das sollte es auch. Schließlich lebt eine Sprache vom Einfallsreichtum ihrer Sprecher*innen. Durch das Pochen auf “deutsche” Begriffe kann man aber auch über das Ziel hinausschießen.

    Einer der wohl berühmtesten deutschen Sprachbewahrer war Philipp von Zesen und Joachim Heinrich Campe. Ihnen verdanken wir unter anderem den Augenblick, den Abstand, den Kreislauf, die Rechtschreibung und das Tagebuch. Doch ihre Bemühungen waren lediglich gut gemeinte Irrlichter im Vergleich zu dem, was nach ihm kam.

    mit der deutschen Reichsgründung 1871 nimmt eine systematische Verdeutschung Fahrt auf. Deutsch wird zum tragenden Symbol der neu gefunden politischen Einheit. Die Sprache der deutschen Kulturnation sollte ihre “Deutschheit” nach innen und nach außen widerspiegeln.

    Die deutsche Sprachgeschichte ist also auch eine Geschichte vom Verdeutschen der deutschen Sprache. Dabei ist fremdsprachiges Wortgut im Deutschen aber weder neu noch ein Zeichen für sprachlichen Verfall.
    Zählt man die Fremdwörter in einem ganz normalen Zeitungsartikel, kommt man auf einen Anteil von rund 8%. Davon sind im Schnitt nur 4% der Wörter englischen Ursprungs. st das tatsächlich mehr als es in früheren Epochen war? Ist es nicht. Die deutsche Sprachgemeinschaft ist sehr gut darin, “am Zahn der Zeit zu sprechen”. Was vor hundertfünfzig Jahren noch en vogue war, sagt heute niemand mehr.

    Dem Booster, dem Lockdown und dem Homeoffice wird es ergehen wie dem Trottoir und dem Lavoire. Wir werden sie verwenden, solange wir sie brauchen. Wenn sie sich bewähren, werden wir sie eindeutschen. Wenn nicht, werden sie die Generationen nach uns einfach wieder ersetzen. Geplant oder gar vorgeschrieben muss das alles nicht werden. Es ist wie mit dem alten Sprichwort: Sprache passiert, während wir Pläne für sie schmieden.

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    12 min
  • Reisewörterbuch: Griechisch
    Mit unserem Reisewörterbuch jetten wir Folge für Folge durch die Länder und sammeln ein paar deutsche Wortsouvenirs aus anderen Sprachen. Letzte Etappe: Griechisch.

    Es wäre eine Sisyphusarbeit, eine vollständige Liste aller Gräzismen im Deutschen anfertigen zu wollen. Genauso wie der alte Sagenkönig von Korinth hätten wir mit dieser Arbeit wohl bis in alle Ewigkeit zu tun. Zur schier unendlichen Zahl der aus dem Altgriechischen übernommenen Wörter gesellen sich all jene Wörter, die einen Zwischenstopp im Lateinischen gemacht haben, bis sie ins Deutsche gelangt sind.

    Da wäre zunächst einmal das Atom, das lange Zeit als kleinster Baustein aller Materie galt. So will uns zumindest die Bedeutung des griechischen Adjektivs ἄτομος átomos glauben machen. Atomos bedeutet nämlich unteilbar. Die Teilchenphysik hat sich seit der Antike zwar weiterentwickelt, der irreführende Name allerdings blieb.

    Auch mit Bakterien muss sich die Wissenschaft häufig plagen. Das griechische βακτήριον baktērion bezeichnet eigentlich ein Stäbchen. Nicht unpassend für die umgangssprachlichen Bazillen. Stäbchenförmige Bakterien wurden auf Latein tatsächlich bazillus genannt. Bakterien kommen aber in allen möglichen Formen: kugelförmig, wendelförmig, mit Sielen, mit Anhängen, in langen verzweigten Fäden oder auch völlig unförmig.

    Die kleinsten Bakterien sind nur 0,1 Mikrometer groß. Das sind gerade einmal 0,00000001 Meter. Die heutige Definition des Meters selbst gibt es erst seit 1983. Ein Meter ist die Länge, die ein Lichtstrahl in einem 299.792.458-sten Bruchteil einer Sekunde zurücklegt. Sprich: mit Lichtgeschwindigkeit. Das Wort für diese Länge gibt es aber schon seit der Antike. Das altgriechische μέτρον metron stand für nichts anderes als das Maß. Was für eine Idee, die Sache mit der Lichtgeschwindigkeit! Das Wort ἰδέα idéa ist auch altgriechisch und bedeutete Gestalt. Vor der Idee mit der Lichtgeschwindigkeit hatten die Menschen natürlich viele andere Einfälle, wie sich ein Meter bestimmen lassen könnte. Zunächst vermaß man den Erdmeridianquadranten, dann Spektrallinien in Kadmium und Krypton. Das Edelgas Kryptonhat selbst einen griechischen Namen. κρυπτός kryptós bedeutet  verborgen. Keine schlechte Namenswahl für ein chemisches Element, das zu den seltensten der Erde gehört.

    Verborgen bleiben uns im Alltag auch die meisten unserer Körperorgane. Erst chirurgische Eingriffe legen sie uns in die Hand. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: denn χειρουργία cheirurgía bedeutete im Altgriechischen Handarbeit. Das chirurgische Besteck wird aber nicht Organ genannt, obwohl Organ ja eigentlich auch nichts anderes bedeutet als Werkzeug. Mit oder ohne Handarbeit, die moderne Medizin rettet unaufhörlich Menschenleben. Das deutsche Wort Sarg ist deswegen trotzdem nicht überflüssig geworden. Oder kommt das etwa auch aus dem Griechischen? Aber natürlich. Sargist eine Verkürzung des griechischen sarkophagos. Zerlegt man diesen Begriff in seine beiden Bestandteile, wird einem ob des makaberen sprachlichen Bildes gleich anders zumute: σάρξ sárx steht nämlich für Fleisch und φαγεῖν phagein für essen. Der Sarg als Fleischfresser also.

    Ich krieg die Krise. Beziehungsweise haben wir die eigentlich schon lange. Die altgriechische κρίσις krísis bezeichnete ursprünglich eine Meinung oder Entscheidung. Das Verb krínein stand für trennen oder unterscheiden. Das Ende aller Krisen ist und bleibt aber eine Utopie. Gemeinsam mit der altgriechischen Verneinung οὐ ou wird der τόπος tópos, also ein Ort oder eine Stelle, zu einem Nicht-Ort, etwas, was nicht sein kann. So wie Stillstand. Oder um es mit griechischen Worten zu sagen: Pause. Die παῦσις paūsis ist nämlich eine griechische Rast.

    Damit kehrt auch das Lehrwerk aus der späten Sommerpause zurück. Ab der nächsten Episode — ach ja, Episode war natürlich auch einmal Griechisch. Epeisódion steht dort für das noch Dazukommende. Also, kommt auch ihr dazu und hört selbst. In zwei Wochen geht es hier weiter mit einer geballten Ladung an Wissen, die Sprache schafft.
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    6 min
  • Reisewörterbuch: Slawische Sprachen
    Mit unserem Reisewörterbuch jetten wir Folge für Folge durch die Länder und sammeln ein paar deutsche Wortsouvenirs aus anderen Sprachen. Dritte Etappe: die slawischen Sprachen.

    Wenn wir die Grenzen aus den deutschsprachigen Gefilden nach Osten hin überqueren, kommen wir? Genau, nach Polen. Denn daher stammt auch das Wort Grenze. Vom polnischen granica. Von Österreich aus wird man über die granicaallerdings zuerst nach Tschechien gelangen.  Und zwar über eine hranice.

    In Tschechien kann man praktisch ohne Dolmetscher auf Lepschi gehen, wie man hier im germanischen Süden so schön sagt. Tschechische Namen sind an Wiener Türklingeln keine Seltenheit. Auch der Nachname Lepschi ist nicht ungewöhnlich. Zieht man um die Häuser, an denen diese Türklingeln angebracht sind, geht man sprichwörtlich auf Lepschi. Lepší bedeutet auf Tschechisch nichts anderes als besser. Auf Lepschi gehen tun wir also dann, wenn ein mühsamer Tag nur dann besser wird, wenn wir uns abends trinkend und tanzend vergnügen.Vergnügt man sich trinkend in einem fremden Land, hilft wohl auch ein Dolmetscher nicht gegen das betrunkene Gelalle. Dem Dolmetscher liegt vermutlich das türkische tilmaç zugrunde, die Bezeichnung für einen Vermittler zwischen zwei Parteien, die unterschiedliche Sprachen sprechen. Wie passend, dass das Wort erst durch slawische Vermittlung in Deutsche gelangt ist.

    Apropos, slawisch. Das ist auch der Schlawiner. Der klingt zwar im ersten Moment eher harmlos, hat aber einen äußerst rassistischen Nachgeschmack. Der Name kommt von einer Bezeichnung für slowenische Hausierer, die damals als besonders gerissen galten. Da hilft es auch nicht, dass wir in Wien daraus verniedlichend einen Schlawuzi machen.

    Redet einer also von Schlawinern heißt es Dalli, dalli! Der Zuruf, der sich im Deutschen mit der Bedeutung schnelleingebürgert hat, geht auf das polnische dalej zurück. Die erste Steigerungsform von weit, also weiter!Bei einem gemütlichen Picknick ist das Vernügen nach einem anstrengenden Tag vermutlich ungefährlicher. Und was gehört so alles zu einer gelungene Jause? Ein bisschen Quark und Obst mit Sahne? Quark zur Jause? Aber klar doch, das vergorene Milchprodukt hat in so ziemlich jeder westslawischen Sprache eine äußerst ähnliche Entsprechung. Bringt man das ursprüngliche altslawische Wort mit dem kirchenslawischen Wort творъ (tvorŭ) in Verbindung, weiß man auch worin der Frischkäse zubereitet wurde. творъ (tvorŭ) bedeutet nämlich Form. Und diese liegt auch  dem italienischen formaggio oder den französischen fromage zugrunde. Aber dort waren wir diesen Sommer ja schon.

    So ein Topfen aber auch! Den würden wir nämlich in Österreich zur Jause essen. Und müssten mit dem Namen auch nicht einmal so weit reisen. Denn der Topfen kommt vermutlich nur vom althochdeutschen topho, aus dem sich auch unser modernes Wort Tupfen herleitet. Käse aus geronnen Milchtupfen quasi.

    Wie süß, fast so süß, wie der Schmetterling, der sich auf unserer Sahne niederlässt. Den nennen wir übrigens so, weil smetana auf Tschechisch Sahne bedeutet und es doch tatsächlich Menschen gibt, die an Hexen glauben, die in Schmetterlingsgestalt fliegen, um Milch und Sahne zu stehlen, die wir eigentlich zur Herstellung von Butter benötigen. Wer’s nicht glaubt, übersetzt das Tier einfach mal ins Englische. Auch dort nennt man es gemeinhin butterfly.

    Die Jause selbst haben wir natürlich auch entlehnt. Und zwar aus dem Slowenischen. Die slowenische Mittagsmahlzeit, die júzina, geht auf das urslawische Wort für Süden zurück, *jugъ (jugu). Das deutsche au in der slowenischen júzina sagt uns, dass das Wort bereits im 12. oder 13. Jahrhundert nach Österreich gewandert sein muss. Na brack.

    Das Brack ist aber germanischen Ursprungs. Und steht für Ausschussware. Etwas, was man natürlich auf keinen Fall in seiner Jause haben möchte.
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    6 min
  • Reisewörterbuch: Französisch
    Wörter reisen, seit es Sprache gibt. Lasst uns gemeinsam nachsehen, woher sie kommen. Mit unserem Reisewörterbuch jetten wir Folge für Folge durch die Länder und sammeln ein paar deutsche Wortsouvenirs aus anderen Sprachen. Zweite Etappe: Frankreich.

    Wer beim Wort Gallizismus nur an Asterix und Obelix denkt, irrt. Wenn auch nur zum Teil. Auch Gallizismen kommen aus dem heutigen Frankreich. Allerdings handelt es sich dabei nicht um Menschen, sondern um Wörter oder Wendungen. Die meisten französischenstammigen Wörter sind für uns alte Bekannte. Kein Wunder. Die Sprache der alten französischen Könige (im Maskulin) hat den deutschen Wortschatz maßgeblich beeinflusst. Bereits im Mittelalter sprach man an den Höfen Europas in erster Linie Französisch. Noch heute sprechen wir von Bordüren, Haute Couture, Dessous, Eau de Parfum, und womit man sich sonst noch so gerne ziert und dekoriert.

    Über die streng vertraulichen Wege, auf denen alle jenseits der Bourgeoisie zu ihrer Macht und ihrem Reichtum kamen, durfte meist nur ein Sekretär Bescheid wissen, der seinen Verpflichtungen in einem Büro nachkam. Das vulgärfranzösische bure stand ursprünglich für einen groben Wollstoff. Dieser wurde zur Herstellung von Mönchskutten verwendet. Und diese Kutten wiederum dienten den Schreiblingen als Schreibunterlage auf Holztischen. Vom Stofftuch, über den Tisch mit Stofftuch hin zum Schreibtisch und schließlich auch — und im Deutschen sogar nur — zum Raum mit Schreibtisch. Das Büro hat bereits eine steile Karriere hingelegt. Dafür steht im Deutschen der Sekretär sowohl für die Person, als auch für das Möbelstück. Seine Bezeichnung leitet sich vom französischen Wort secret ab, einem französischen Geheimnis also. Und diese Geheimnisse sollten mit allen Mitteln verschwiegen und wollten — ebenfalls mit allen Mitteln — gewusst werden.

    Wenn die Adelsleute in ihre Salons luden, wimmelte es nur so von feiner Gesellschaft. Hier wurde gelacht und getanzt, bis sich die Balken bogen. Oder zumindest bis sich die adlige Zusammenkunft in die nächste Intrige verwickelt hatte.  Oder ist dieser Ausdruck vielleicht doppelt gemoppelt? Solcherart hinterhältige Machenschaften gehen nämlich über das Italienische auf Latein zurück. Dort verstand man unter intrīcāre nichts anderes als verwickeln oder verwirren.

    Groß, größer und noch mehr war in diesen Zirkeln die Devise. Mit der ursprünglichen Bedeutung vom französischen Verb deviser hatten diese Machtspielchen allerdings nichts gemein. Die Bedeutung abteilen erinnert noch an die alte Wappenkunst. Dort bezeichnete die sogenannte Devisa ein abgeteiltes Feld auf einem Wappen, auf das eine Inschrift platziert wurde.

    Der Wahlspruch der französischen Revolution “Liberté, égalité, fraternité” stellt die alte Gesellschaftsordnung — zumindest zeitweise — auf den Kopf. Das wütende Großbürgertum hatte irgendwann genug vom ausladenden Lebensstil des Adels. Sie verlangen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Frauenrechte waren damals noch nicht en vogue. Also nicht in Mode, die ja auch in Wellen kommt, in Wogen quasi.

    Die Revolution selbst könnte französischer nicht sein. Die spätlateinische revolutio stand noch für die Umlaufbewegungen der Gestirne, für das Zurückwälzen der Planeten um die Sonne. In Frankreich gab man dem lateinischen Fachausdruck bereits im Spätmittelalter eine allgemeinere Bedeutung. Was für ein Omen für die folgenden tiefgreifenden macht- und gesellschaftspolitischen Veränderungen im Europa des auslaufenden 18. Jahrhunderts.

    Gesellschaftspolitische Umwälzungen geschehen nur selten ohne das sprichwörtliche Blutvergießen. Während der Revolution nahm man es damit allerdings mehr als Ernst. Nicht nur der König und seine Frau mussten ihre Köpfe unter der wohl berühmtesten Fallbeilmaschine der Welt lassen: der Guillotine. Und die kommt zur Abwechslung einmal nicht aus dem Lateinischen. Sondern von ihrem eifrigsten Verfechter: Joseph-Ignace Guillotin. Das Ziel des französischen Mediziners war es, den Vollzug der Todesstrafe zu humanisieren. Dass man aufgrund seines Vorschlags, eine bereits in Vergessenheit geratene Köpfmaschine mit Fallbeil nachzubauen, diese Maschine selbst — wer hätte es gedacht — für immer und ewig mit seinem Namen verbinden würde, hatte er nicht erwartet. Doch als genau das geschah, gab es kein Zurück mehr. Rien ne va plus! Nichts geht mehr. Was für ein Malheur, mag sich Mensieur Guillotine damals gedacht haben. Und in der Tat. Denn das malheur steht im Französischen für eine schlechte Stunde, eine mal heure eben.

    Die Eskapaden, die unbesonnenen Handlungen oder heimlichen Fluchten, gab es bereits im Italienischen und im Spanischen. Sowohl scappata als auch escapada sind auf das vulgärlateinische Verb excappare zurückzuführen, das sich aus der Vorsilbe für ab (ex) und dem Wort für Kopfbedeckung oder Mönchsgewand zusammensetzt: cappa. Das Mönchsgewand ablegen also. Ein wunderbarer Euphemismus für besonders leidenschaftliches Verhalten.

    Der Boulevard stammt ursprünglich aus dem Niederländischen. Das niederländische bulwerc erinnert an das deutsche Bollwerk. Und auch er französische Name der heutigen Prachtstraßen lässt noch erahnen, wie diese entstanden sind. Nämlich aus eingeebneten Stadtmauern, die zuvor ringförmig um eine Stadt herum gebaut worden waren. In Frankreich lassen sich Boulevards sehr einfach von Avenues und Alleen unterscheiden. Während Boulevards immer der Richtung ehemaliger Stadtmauern folgen, führen Avenues vom Stadtkern geradewegs — also ohne Krümmung — in die banlieus, den Vororten. Das lateinischsprachige Vorbild advenire unterstreicht die Funktion dieser Hauptverkehrsstraßen. Es bedeutet nämlich herankommen. Alleen kommen vom französischen Verb für gehen (aller). Was nicht von ungefähr kommt, denn diese baumbestandene Wege waren ursprünglich  Fußgehenden vorbehalten.

    Und jetzt habe ich doch tatsächlich Lust, mir mein schönes Sommerkleid anzuziehen und in den Schönbrunner Schlossgärten herumzuschlendern, ich meine: zu flanieren. Auch das könnte französischer nicht sein. Aber Achtung: Nicht immer ist alles Gold, was glänzt. Oder französisch, wenn es französisch aussieht.

    So wie beim Friseur. Der geht zwar tatsächlich auf das Verb friser zurück, was so viel bedeutet wie sich kräuseln. Die Verbindung zur Tätigkeit eines Haarpflegers ist also durchaus gegeben. Die Berufsbezeichnung haben wir uns aber selbstausgedacht. Einfach ein -eur hinten dran, wie es im Französischen typisch ist, und schon fühlt man sich wie am französischen Hof. Ziemlich gefinkelt oder? Auch den Salon, bei dem wir unsere Reise heute begonnen haben, ist eigentlich gar nicht Französisch. Das dem Salon zugrunde liegende sala für Hof, Haus oder Gebäude stammt nämlich aus dem Langobardischen und ist somit germanischen Ursprungs. Und damit mehr Deutsch als Französisch. Also hütet euch vor einer Blamage. Die übrigens auch nicht französisch ist. Das deutsche Substantiv hat sich zwar aus dem französischen Verb blamer — also tadeln — gebildet. Das Nomen auf der Endung -age ist in Frankreich allerdings nicht gebräuchlich. Eine Peinlichkeit? Mitnichten. So sind sie nun mal die Sprachen. Sie wandeln — durch die Welt und dabei auch sich selbst. Wie heißt es noch so schön: C’est la vie!
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    9 min
  • Reisewörterbuch: Italienisch
    Wörter reisen, seit es Sprache gibt. Lasst uns gemeinsam nachsehen, woher sie kommen. Mit unserem Reisewörterbuch jetten wir Folge für Folge durch die Länder und sammeln ein paar deutsche Wortsouvenirs aus anderen Sprachen. Erste Etappe: Italien.

    Sommer, Sonne, Strand und Meer. Wir Österreicher·innen trauern heute noch dem politischen Ungeschick unserer imperialen Vorfahr·innen nach, das uns 1918 mit dem Verlust von Triest unseren Zugang zur Adria gekostet hat. Heute liegt die majestätische Hafenstadt in Italien. Unserem Lieblingsurlaubsland.
    Nur leider haben wir sehr wenig Gespür für die Sprache unserer südlichsten Nachbar·innen. Wir suhlen uns morgens in Jesolo, essen Gnocchi und gönnen uns nach dem Abendmahl noch eine Tasse Espresso. 
    Dabei ist Italienisch gar nicht so schwer. Die deutsche Sprache ist schließlich voll davon. Vor allem in der Küche. Neben Pizza, Pasta und Spaghetti hat es noch so einige andere Wortvagabunden Richtung Norden verschlagen.
    Auch die kleinen grünen Zucchini kommen hierzulande auf die Teller. Nur hat sich bei uns die italienische Pluralform im Singular eingebürgert. Denn eigentlich müssten wir von einem Zucchino sprechen. Die Verkleinerungssilbe -ino macht aus der italienischen zucca nämlich einen Kürbis im Miniformat.
    Gemüsefans kommen auch bei Brokkoli und Blumenkohl auf den Geschmack. Auch die grünen Blüten des Brokkoli sitzen eigentlich auf einem Plural. Der Singular broccolo hat sich aus dem italienischen Wort für Schössling gebildet. Das Kompositum Blumenkohl klingt im ersten Augenblick nun gar nicht italienisch. Erst wenn man es ins Österreichische übersetzt, fällt die Verwandtschaftsbeziehung auf. Der österreichische Karfiol ahmt nämlich die italienische cavolfiore nach. Eine Kohlblume eben.
    Der Karfiol darf allerdings nicht mit der Kartoffel verwechselt werden. Und die Kartoffel nicht mit dem Trüffel. Auchwenn sich die beiden sowohl ähnlich sehen als auch sprachlich nahe stehen. Die Kartoffel wurde früher nämlich Tartuffel genannt. Das kommt daher, weil sie häufig für den viel edleren tartufo gehalten wurde, und in der italienische Verkleinerungsform tartufolo als “kleiner Trüffel” gehandelt wurde.
    Für alle, die es eilig haben, reicht aber auch ein schneller Salat. Vielleicht aus Mozzarella oder Rucola? Manchmal hält doppelt nämlich besser. Das scharfe Kreuzblütengewächs wurde hierzulande zunächst als Raukeverspeist, das man damals schon an das piemontesische ruca angelehnt hatte. Nachdem die alte Rauke schließlich in Vergessenheit geraten war, brachte erst der italienische Name im Diminutiv erneut ordentlich Pep auf den Salatteller. 
    Auch der kugelige Mozzarella aus dem Süden darf auf keiner Speisekarte mehr fehlen. Das Abtrennen der einzelnen Käseportionen von der Gesamtmasse, im Italienischen mit mozzare bezeichnet, brachte dem Frischkäse seinen tückischen Namen ein. Hut ab vor allen, die den Mozzarella noch nie falsch geschrieben haben.
    Der fertige Salat wäre aber auch ohne Rucola und Mozzarella italienisch. Das italienische salata, eine ältere Nebenform von insalata, leitet sich vom lateinischen sal ab, einer Zutat, die in keinem Salat fehlen darf: dem Salz.
    Wer es lieber süß mag, greift vermutlich eher zum Marzipan. Jaja, hier scheiden sich die Geister, oder die Geschmäcker. Sowohl die Sache als auch das Wort wurden im 16. Jahrhundert aus Italien eingeführt. Woher die Italiener·innen das Wort hatten, weiß man heute nicht so genau. In Venedig, wo das Zuckerwerk aus dem Nahen Osten eintrudelte, soll man mit marzapane auch die Schachteln bezeichnet haben, die man für den Transport des Zuckerwerks verwendet hat.
    Auch die Schachtel selbst stammt übrigens aus Italien. Über Tirol wanderte die italienische Dose mit Deckel, die scatola in die deutschsprachigen Gebiete. Das zusätzliche zwischen a und t in Schachtel verdanken wir aber den Baiern mit i, also den Sprecher·innen der bairischen Dialekte.
    Also nehmt eure spaghetti, euren cavolfiore, euer marzapane, packt es in eure scatola und bezahlt das Ganze an der Kassa. Denn auch die stammt aus dem Italienischen.
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    6 min
  • S2E14 Erstspracherwerb: Erste Sätze (Teil 4)
    Heute reden wir wieder einmal ein bisschen über Grammatik. Ich weiß ja, wie lieb ihr sie habt. Und zwar schauen wir uns an, wie Kinder beim Sprechenlernen zu ihren ersten eigenen Sätzen kommen. Denn wie sich herausstellt, haben Kinder bereits früh ein sehr gutes Verständnis für die Architektur  deutscher Sätze. Und das wiederum zeigt sich sogar in ihren kindlichen und zunächst noch unvollständigen Sätzen.

    Der Erwerb produktiver syntaktischer Fähigkeiten setzt erst relativ spät ein. Das gilt allerdings nur für die produktive Seite. Nicht für die rezeptive. Mit sieben Monaten erkennen Kinder bereits Funktionswörter im Sprachstrom — zum Beispiel Präpositionen wie mit, auf, bis — , was ihnen dabei hilft, grammatikalische Kategorien zu bilden. Da sich ihre Aufmerksamkeit stark am Sprachrhythmus orientiert, gelingt es ihnen bereits mit neun Monaten syntaktische Einheiten wahrzunehmen, es ist ihnen also klar, welche Wörter in einem Satz zusammengehören. 
    Später dann, ab ca. 16 Monaten, gelingt es Kindern, Wörter einer bestimmten Wortart zuzuordnen. Mit 18 Monaten ist das implizite kindliche Grammatikwissen so weit ausgeprägt, dass es Kindern auffällt, wenn jemand beim Sprechen gegen grammatische Regeln verstößt.
    Aus diesen Daten schließen einige Forscher·innen, dass Kinder bereits vor ihrem zweiten Geburtstag über ein umfangreiches rezeptives grammatisches Wissen verfügen.Dieses Wissen zeigt sich schließlich auch in der kindlichen Sprache.

    Laut Rosemarie Tracy nähern sich Kinder zwischen einem und etwa dreieinhalb Jahren schrittweise in vier wichtigen Entwicklungsphasen dem zielsprachigen — also in unserem Fall deutschsprachigen — System.

    Meilenstein I
    Der erste Meilenstein liegt in etwa zwischen 10 und 18 Monaten. Die meisten Kinder fangen um den ersten Geburtstag herum an zu sprechen. Zunächst sind das nur relativ wenige einzelne Wörter, wobei sich der Wortschatz in dieser Phase noch sehr langsam vergrößert.

    Meilenstein II
    Der zweite Meilenstein folgt dann irgendwann zwischen 18 und 24 Monaten. In der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahres haben die meisten Kinder genug einzelne Wörter in ihrem produktiven Wortschatz, um diese Wörter auch miteinander kombinieren zu können. Grundsätzlich beginnen Kinder in allen Sprachen mit Zweiwortäußerungen. Die Äußerungen werden dann immer länger, je älter die Kinder werden. Die ersten Wörterkombinationen klingen vielleicht wie Brot essen oder Tür zu. An diesen Beispielen hören wir sehr deutlich, dass einerseits natürlich noch sehr viele Wörter (Artikel, Präpositionen und so weiter) fehlen. Andererseits sehen wir aber auch, dass sowohl Verben wie essen in der Infinitivform und sogenannte Verbpartiklenwie zu am Ende der Äußerung stehen.

    Exkurs Satzbau
    Das Besondere am Deutschen ist, dass die finiten Verben in einem Hauptsatz immer an zweiter Position stehen, in einem Nebensatz aber immer an letzter Position. Ein Beispiel:
    Die Kinder essen zu Mittag, bevor wir in den Park gehen.

    Genau diese variable Verbstellung kann nun auch zur Erklärung kindlicher Mehrwortäußerungen in dieser Phase des Syntaxerwerbs herangezogen werden. Wenn man nun nämlich weiß, dass das gebeugte Verb auf Deutsch sowohl an zweiter als auch an letzter Position vorkommen kann, klingen Sätze wie Mama auch Durst hat gar nicht mehr so falsch.
    Meilenstein III
    Der dritte Meilenstein wird meist in einem Alter zwischen 24 und 36 Monaten erreicht. Man erkennt diesen Sprung in der Entwicklung daran, dass Kinder in diesem Alter anfangen, gebeugte Verben in einfachen Sätzen an die zweitePosition zu stellen. Gleichzeitig tauchen nun auch andere Wortklassen auf, die bis jetzt meist ausgelassen wurden: Artikel (der, die, das, ...), Präpositionen (auf, mit, zu, ...), Modalverben (müssen, können, wollen, ...).Die Kinder haben grundsätzlich verstanden, dass das Verb, wenn es gebeugt ist, an Position zwei gehört, produzieren aber auch immer wieder Sätze, in denen sie das gebeugte Verb am Ende lassen.

    Meilenstein VI
    Den vierten Meilenstein erreichen Kinder etwa ab 30 Monaten. Und zwar dann, wenn sie beginnen, komplexe Sätze zu äußern. Sätze mit auffälliger Satzstellung, Passivsätze und so weiter. Typisch für diese Phase sind vor allem Nebensätze mit einer Konjunktion (dass, weil, ...). Häufig lassen Kinder hier anfangs zwar noch die Konjunktionen aus. Interessant ist aber, dass sie die außergewöhnliche, aber für das Deutsche typische Verbletztstellung nur selten verletzen. Belegen lässt sich diese Schlussfolgerung in der Forschung unter anderem an sogenannten Füllsilben. Dabei handelt es sich um unterschiedliche  Platzhalter, die an der Stelle zielsprachlicher Wörter stehen.

    Ein Beispiel:

    [nnnn] so LAUT is als Antwort auf eine Warum-Frage. Das [nnnn] am Anfang steht hier für die Konjunktion weil. > Weil es so LAUT is.

    Kinder haben offenbar eine besondere Sensibilität für die typischen deutschen Satzmuster, und sie orientieren sich an dem, was sie hören, und zwar auch schon dann, wenn sie noch gar nicht alle Satzpositionen selbst füllen können.
    Eine ähnlich clevere Idee, Lücken in Sätzen zu ergänzen, kann man übrigens auch bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern beobachten. Diese wählen oft richtige Füllwörter, anstelle von Füllsilben, und zwar einfach aus einer anderen Sprache.

    Ein Beispiel:

    Das darf man if man will, wo es das deutsche wenn, durch das englische if ersetzt. Das darf if/wenn man will. 

    Handelt es sich bei diesen Prozessen um eine angeborene Logik? Sind Grammatikstrukturen von Geburt an in unseren Köpfen, in unseren Genen angelegt? 
    Nein, denn dann müssten alle Kinder der Welt am Ende die gleiche Grammatik, und damit die gleiche Sprache sprechen. Spracherwerbsverläufe sind zwar immer und überall stabil und systematisch. Das zeigen zahlreiche einzelsprachliche Studien. Doch im Vergleich zwischen verschieden Sprachen zeigen sich Erwerbsunterschiede.

    Ein Beispiel:

    Englischsprachig aufwachsende Kinder kombinieren Verb und Objekt in ihrer ersten Äußerungen genau andersherum als deutschsprachige Kinder. Statt Objekt—Verb, kombinieren Kinder auf Englisch Verb—Objekt. Statt Hut nehmen oder Hund füttern, also take hat oder feed doggie.  

    Die Art und Weise wie sich diese Verläufe generalisieren lassen, deuten jedoch darauf hin, dass Kinder eine besondere Sensitivität für die sprachlichen Strukturen ihrer Erstsprachen haben.  Diese zusammen mit dem kindlichen Fokus auf diese anderen para- und nicht-sprachlichen Merkmale, scheinen die idealen Voraussetzungen dafür zu sein, dass der kindliche Spracherwerb auf die einoder andere Weise und in den aller, allermeisten Fällen erfolgreich zur Zielsprache führt. 

    Unsere menschlichen Sprachen sind allesamt unheimlich komplex. Manche würden vielleicht sogar sagen, sie sind wahnsinnig kompliziert. Doch Menschenkinder sind sprachbegabte Wesen. Sie wollen kommunizieren und so Beziehungen zu all den großen Menschen um sie herum aufbauen und stärken. 
    Unsere Aufgabe ist es nicht, ihnen Wort für Wort und Regel für Regel dieser Sprachen beizubringen. Unsere Aufgabe ist es stattdessen, unser Kinder mit Sprache zu umgeben, sie teilhaben zu lassen an der Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten, die uns dank Sprache zur Verfügung stehen. Unsere Aufgabe ist es, mit unseren Kindern zu kommunizieren. Und zwar so als wären sie genau die kompetenten kleinen Sprachwesen, die sie in Wirklichkeit auch sind.
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    Nach- und Weiterlesen : Kindlicher Spracherwerb (Kauschke 2012) | Frühe Sprachentwicklung (Rohlfing 2019) | Wie Kinder Sprache lernen (Tracy 2008) 
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