In dieser Episode von Design Perspectives geht es um eine zentrale Frage aktueller Systemgestaltung: Welche Rolle spielt Design, wenn Systeme zunehmend autonom handeln und gleichzeitig menschliche Entscheidungen weiterhin entscheidend bleiben?
Host Philipp Thesen spricht mit Matthias Staubach, Head of User Experience Siemens Smart Infrastructure Buildings Products, über UX in sicherheitskritischen Infrastrukturen,
in denen Hardware, Software und Daten eng miteinander verzahnt sind. Anhand von Beispielen aus den Bereichen Smart Buildings und Fire Safety wird deutlich, dass Design hier weit über Interface-Gestaltung hinausgeht: Es strukturiert komplexe Entscheidungsprozesse und trägt dazu bei, dass Systeme auch unter realen Bedingungen verständlich und zuverlässig bedienbar bleiben.
Design für sicherheitskritische Systeme: Einfachheit unter realen Risikobedingungen
Die Systeme, an denen Siemens arbeitet, etwa im Bereich Fire Safety, sind hochkomplex und werden von sehr unterschiedlichen Nutzergruppen bedient: von Techniker*innen über Facility Manager bis hin zu Laien im Ernstfall. Design bedeutet hier nicht Vereinfachung im klassischen Sinne, sondern die Reduktion von Komplexität unter realen Risikobedingungen. Entscheidend ist, dass Nutzer auch unter Stresssituationen verstehen, was zu tun ist – und welche Konsequenzen ihre Entscheidungen haben.
UX als Systemdesign: zwischen Hardware, Daten und Infrastruktur
Im industriellen Kontext ist UX untrennbar mit physischen Produkten verbunden. Sensoren erzeugen kontinuierlich Daten, die über Cloud-Systeme und Anwendungen verfügbar gemacht werden. Design gestaltet diese Zusammenhänge und sorgt dafür, dass Informationen im richtigen Moment zugänglich sind. UX wird damit weniger zur Gestaltung einzelner Interfaces als zur Orchestrierung komplexer Systeme.
KI als Beschleuniger – aber nicht als Ersatz für Design und Domänenwissen
Künstliche Intelligenz verändert die Entwicklung industrieller Systeme grundlegend, wirkt in diesem Kontext jedoch vor allem als Beschleuniger, nicht als Ersatz für Gestaltung. Entscheidend bleibt das Domänenwissen: Nur wer versteht, wie Systeme tatsächlich genutzt werden, kann sinnvolle Lösungen entwickeln. Der eigentliche Wettbewerbsvorteil liegt dabei weniger in der Technologie selbst als in der Qualität und Nutzung der verfügbaren Daten.
Autonome Systeme brauchen Vertrauen: Human in the Loop bleibt zentral
Auch mit zunehmender Automatisierung bleibt der Mensch entscheidend – insbesondere dort, wo Konsequenzen bewertet werden müssen. Konzepte wie „Human in the Loop“ (aktive Entscheidung) und „Human on the Loop“ (reines Monitoring) zeigen, wie sich die Rolle des Menschen verschiebt. Während Systeme zunehmend eigenständig handeln, wird Design zum entscheidenden Faktor dafür, Vertrauen, Kontrolle und Transparenz sicherzustellen.
Matthias Staubach – Head of User Experience Siemens Smart Infrastructure Buildings Products
LinkedIn: http://www.linkedin.com/in/matthiasstaubach
🗣 Host:
Philipp Thesen – Designer, Strategieberater und Professor für Mensch-System-Interaktion an der Hochschule Darmstadt
Siemens: https://www.siemens.com/
Siemens Smart Infrastructure: https://www.siemens.com/smart-infrastructure
🎧 Design Perspectives – der Podcast des German Design Council.
Wie können wir Design als Hebel für Transformation und wirtschaftlichen Erfolg nutzen? Darüber sprechen wir mit Persönlichkeiten aus Design, Markenführung und Architektur. Sie geben Einblicke, wie Transformation, Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg im Unternehmen Hand in Hand gehen können. Interessant, informativ, inspirierend.
00:00 – Einführung und Vorstellung Matthias Staubach
01:40 – Smart Infrastructure: Produkte zwischen Hardware und Software
03:40 – Nutzergruppen und Anforderungen in sicherheitskritischen Systemen
06:30 – UX jenseits von Consumer Tech: Einfachheit und Konsequenzen
07:00 – Automatisierung und die Rolle des Menschen
10:30 – Das autonome Gebäude: Szenarien und Funktionsweise
13:00 – Daten als Grundlage für Industrial AI
15:50 – KI, Domänenwissen und die Grenzen der Automatisierung
18:00 – Wo findet UX in autonomen Systemen statt?
19:30 – Aufbau und Rolle des globalen UX-Teams
21:40 – Interfaces, Designsysteme und regulatorische Anforderungen
24:00 – Warum Domänenwissen Design unersetzlich macht
27:45 – Anforderungen an zukünftige Designer
31:00 – Design-Belief: weniger Interfaces, mehr Wirkung
35:00 – Fazit und Abschluss