Populismus ist einer der prägenden Begriffe unserer Gegenwart. Doch erklärt er die politischen Entwicklungen liberaler Demokratien heute überhaupt noch? In diesem Kommentar argumentiere ich, dass der Begriff seine analytische Schärfe verloren hat. Ursprünglich beschrieb er vor allem eine neue Form politischer Kommunikation nach der Finanzkrise von 2008. Heute verdeckt er jedoch häufig mehr, als er erklärt. Statt linke und rechte Bewegungen pauschal unter demselben Etikett zusammenzufassen, sollten wir die gesellschaftlichen Ursachen ihres Erfolgs und ihre sehr unterschiedlichen politischen Ziele in den Blick nehmen. Wer Populismus lediglich moralisch verurteilt, verkennt die tiefer liegenden Krisen liberaler Demokratien. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die Veränderungen unserer politischen Ordnung zu verstehen – nicht nur ihre Sprache, sondern ihre gesellschaftlichen Grundlagen.