Walk & Talk mit Ida
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Walk & Talk mit Ida episodes

  • Kontrolle. Brauchen wir als Menschen Kontrolle?

    Spaziergang 56: Kontrolle. Brauchen wir als Menschen Kontrolle?

    Hallo und herzlich willkommen bei Walk & Talk mit Ida. Die Folge über Kontrolle und Herrschaft, die ich letztes Mal schon angekündigt habe, kommt jetzt trotzdem, obwohl es nicht Sonntag ist. Aber ich habe einfach so Lust auf diese Folge, dass sie jetzt einfach nachgeholt wird. Herzlich willkommen. Wie gesagt, ich freue mich, dass du wieder dabei bist.

    Hallo, heute wieder aus meinem Arbeitszimmer. Mal gucken, Paulchen liegt hier neben mir, vielleicht hörst du ihn ja gleich noch. Warum gibt es diese Folge? Außer dass ich das Thema irrsinnig spannend finde, aber ein Mitspaziergänger hat mich letztens darauf angesprochen. Als es die Folge gab, warum Menschen in Meetings so viel reden und der erste Grund war, den ich dir vorgestellt habe, dass Menschen Angst haben vor Chaos und die Situation beherrschen wollen.

    Und dann ging es in unserem Gespräch um Herrschaft und um Kontrolle und warum das eigentlich so absurd ist, und das hat mich zum Nachdenken gebracht und ich habe mir überlegt, okay, Ida, du guckst doch immer alles aus der Perspektive der Altsteinzeit an, dann guck dir doch auch das mal an.

    Jetzt bin ich auf etwas gestoßen, was mich zwar nicht überrascht hat, aber in der Krassheit doch ein wenig. Und zwar gab es in der Altsteinzeit zwar nicht so etwas wie Herrschaft, denn die Menschen haben in kleinen Gruppen gelebt, hatten sehr viel Freiheit, sehr viel Autonomie. Und wir hatten auch die Möglichkeit, mal die Gruppe zu wechseln, und sowieso waren die Gruppen mobil.

    In diesen 40.000 Jahren in Europa und mittlerweile 300.000 bis 400.000 Jahre, die man in Afrika nachgewiesen hat für den Homo sapiens, und natürlich mehr als eine Million Jahre für die Vorfahren des Homo sapiens, geht man von dieser Lebensweise aus. Schon wirklich seit sehr langer Zeit. Und jetzt habe ich gesagt, Herrschaft gab es nicht, aber es gab Kontrolle.

    Und zwar gab es Kontrolle aus dem Grund, soziale, gesellschaftliche Kontrolle, um Herrschaft zu verhindern. Für uns heute, für die es normal ist, dass es einen Chef gibt, dass es einen Bundeskanzler gibt, dass es Menschen in Positionen gibt, die über dich und dein Schicksal entscheiden können, Lehrer gibt, die dir Noten geben können, die auch eine Form von Herrschaft direkt ausführen.

    Für jemanden, der wie wir aufgewachsen ist, ist es vielleicht eine merkwürdige Idee, dass es in der Altsteinzeit gerade keine Herrschaft gab und dass sogar alle Arten von Kontrolle darauf abgezielt haben, Herrschaft zu verhindern. Das bedeutet, man hatte Gruppen von Menschen, die so klein waren, 25 bis 50 Individuen, dass jeder sich sehr gut kannte und dass jeder übrigens auch die Gruppen in deren Umfeld man gelebt hat, sehr gut kannte.

    Das bedeutet, man hat in kompletter Gleichheit untereinander gelebt. Keiner war besser als der andere. Jeder hat zwingend immer alles geteilt innerhalb der Gruppe, und auch hat man vieles mit den Gruppen um einen herum geteilt. Dieses Miteinander-Teilen kommt übrigens immer noch an vielen Stellen in der Psychologie, vor allem im Marketing, zurück, wenn dir zum Beispiel geraten wird, dass du was verschenkst, kleine Sachen verschenkst, und die Leute dann in der Reziprozität, im Dir-Zurückgeben, dann wesentlich gewillter sind, mit dir ins Gespräch oder ins Geschäft zu kommen.

    Das ist eigentlich unsere urmenschliche Ader, unsere urmenschliche Art und Weise, Dinge zu tun. Und genau diese Reziprozität, das war einer der Schlüssel in der Altsteinzeit. Das heißt, da hat unglaublich viel drauf aufgebaut. Wenn ich Leute in der Altsteinzeit getroffen hätte und ich hätte was gefunden, ich hätte was gesammelt, ich hätte eine besondere Erfahrung, eine besondere Gabe – ja, Paulchen versucht jetzt hier mit auf die Couch zu klettern, mal gucken, was das noch wird.

    Auf jeden Fall, wenn ich eine besondere Gabe hätte oder eine besondere Möglichkeit, an Essen zu kommen, dann war es selbstverständlich, dass ich teile. Das war überhaupt keine Diskussionsmöglichkeit. Sogar genau andersrum. Man weiß das aus ethnologischen Studien, jetzt auch aus unserer modernen Zeit von Jägersammlergruppen. Wenn gute Jäger gejagt haben, erlegt haben, dann mussten sie immer ganz doll aufpassen, dass sie nicht in die Falle geraten sind, nicht genug zu teilen, nicht unterwürfig genug zu sein zu der Gruppe.

    Genau andersrum, als wir das heute aus unserer Gesellschaft kennen, wo der, der besonders viel verdient, der besonders viel Macht hat und so weiter, der besonders erfolgreich ist, nicht nur dass er seinen Erfolg behalten darf, sondern häufig auch noch dafür gelobt wird oder zumindest Ansehen erhält, beneidet wird.

    Und so war es genau anders in der Altsteinzeit. Dafür wurde man nicht nur schief angeguckt, dafür wurde man sogar verurteilt, dafür wurde man sogar aus der Gruppe geschmissen. Das heißt, und wie gesagt, das ist gerade ein Thema für gute Jäger, denn wenn du ein guter Jäger bist und wirklich viel erlegst oder ein großes Tier erlegst, dann ist es zwingend erforderlich, dass du dich a. in der Gruppe einreihst und b. das komplett teilst mit der Gruppe. Genau wie alle anderen ihre Fähigkeiten, ihre Möglichkeiten, ihr Gesammeltes oder Gejagtes teilen.

    Das heißt, da herrscht eine sehr große Kontrolle, eine gesellschaftliche Gruppenkontrolle unter den Menschen untereinander. Und das erinnert mich immer total an die französische Idee der Egalité, Fraternité und Liberté. Vielleicht kennst du das, vielleicht sagt dir das was. Ich bin viel in Frankreich, und wir wissen alle, dass es schiefgegangen ist in Frankreich. Es ist eine sehr schöne Idee, aber wenn man es nicht ganz und massiv durchsetzt, wie eben in der Altsteinzeit, wo keiner den Kopf aus dem Maisfeld strecken durfte. Das ist ein holländischer Spruch. Der wird sofort abgehackt, wer den Kopf aus dem Maisfeld streckt. Und wenn man das nicht ganz, ganz radikal durchsetzt, eine wirklich straffe Kontrolle hat an der Stelle, dann funktioniert diese altsteinzeitliche Gesellschaft nicht.

    Das ist aber, worin wir aufgewachsen sind als Menschen. Eigentlich sind wir mobile Gruppen, die sehr viel Autonomie haben. Jeder Mensch hat viel Autonomie, solange er sich an diese eine Regel hält, nämlich dass alle gleich sind und alle miteinander teilen. Reziprozität nennt sich das Schöne dieses: Ich gebe dir was, du gibst mir was zurück.

    So, und dann ist etwas, ein ganz krasser Umschwung passiert. Dann gab es plötzlich eine sogenannte Neolithische Revolution, die Menschen haben angefangen, Ackerbau zu betreiben. Und plötzlich hat sich eine Sesshaftigkeit eingesetzt, hat sich Ernte eingesetzt, hat sich irgendwann sowas wie Besitz eingesetzt. Es haben sich langsam, das ging auch gar nicht schnell, es haben sich langsam hierarchische Strukturen entwickelt.

    Aus einer Zeit heraus, in der es überhaupt keine Hierarchie gab, in der es keine Hierarchie geben durfte, haben sich hierarchische Strukturen entwickelt. Und alle Versuche später, egal ob das eben dieser französische Versuch war in der französischen Revolution, in der man schön Egalité, Fraternité, Liberté gesagt hat, oder ob es Räte waren, ob es jetzt in der Schweiz war, ob es in Zeiten von hier, zum Beispiel Marx, ob es dann in irgendeinem der kommunistischen Länder war, überall da, wo man versucht hat, Gleichheit darzustellen, durchzusetzen, sind diese Experimente gescheitert.

    Es gibt auch Ideen aus der Philosophie, der republikanischen Philosophie, die auf diese Idee zurückgreifen, dass es keine Herrschaft geben darf. Und doch erleben wir in unserer Welt, Zeit, dass all diese Versuche am Ende doch scheitern und der eine mehr Macht hat als der andere, der eine mehr Geld hat als der andere, und wir sowas wie Ämter, wie Rollen erleben, und es eben Macht und Kontrolle gibt, nicht nur Kontrolle im Sinne von für die Gemeinschaft, mit Sicherheit das eine oder andere auch, aber auch Kontrolle einer Person über mehrere. Ein eindeutig hierarchisches Vorgehen.

    Und das ist, was sich da anscheinend in den Menschen auch festgesetzt hat. Wenn wir wieder zurückgehen zu der Episode, warum redet derjenige in dem Meeting so viel? Diese Idee, dass einer Herrschaft über andere haben kann, etwas, was einem in der Altsteinzeit überhaupt nicht eingefallen wäre. Das hat sich anscheinend auch psychologisch in uns durchgesetzt, weil man es ja dann versucht. Wenn der in dem Meeting die ganze Zeit quatscht und nichts anderes tut als zu reden, dann scheint er ja zu denken, dass er damit Kontrolle und Macht über die anderen haben kann, wenn er bestimmt, was die anderen tun.

    Für uns Menschen eigentlich etwas Komisches, wie du hoffentlich gehört hast, trotz vieler, vieler, vieler Versuche später mehr Richtung Gleichheit zu kommen. Aber ich möchte dir auch von einem Gutversuch erzählen, einem, der geklappt hat bis jetzt, und der kam nicht aus der Politik und kam nicht aus der Philosophie, sondern von einem niederländischen Unternehmer.

    Dieses Unternehmen heißt Buurtzorg, und in dem Buch „Im Grunde gut", von dem ich dir auch schon öfter mal erzählt habe, da wird darüber berichtet, und ich finde das ganz faszinierend und habe mir das mal angeschaut. Und das ist ein Pflegeunternehmen, die häusliche Pflege bieten die an, und die haben sich eigentlich aufgebaut wie tatsächlich in der Altsteinzeit.

    Die Leute im Büro, das ganz kleine Büro, organisiert nur ein paar übergeordnete Sachen, leistet sozusagen Hilfestellung für die Teams. Ansonsten gibt es nur Teams von etwa 25 Mitgliedern, die sowas wie Herrschaft oder Chefs nicht haben, die alles miteinander entscheiden, die Rollen vergeben, aber nicht im Sinne von Herrschaft, sondern nur im Sinne von organisatorisch. Die sich unterstützen.

    In der Altsteinzeit hat auch der eine was besser Steinmesser herstellen können als der andere und so weiter. Da gab es auch sowas wie Rollen mit Sicherheit. Es gibt in diesen Teams Rollen, aber keine Herrschaften. Und die sind unglaublich erfolgreich. In Untersuchungen hat man festgestellt, dass die Leute, die dort arbeiten, sich wesentlich wohler fühlen. Die brauchen nicht mal sowas wie Marketing zu machen, weil die Leute sind so begeistert, die dort arbeiten, die erzählen einfach weiter, was sie tun.

    Und die Arbeit, die sie leisten, die unkonventionell ist, weil sie einfach das machen, was die Leute brauchen in dieser Arbeit, in der Pflege, in der häuslichen Pflege. Dass sie nicht irgendein Schema abarbeiten, was irgendeine Krankenversicherung ihnen auferlegt hat oder der Staat ihnen auferlegt hat, sondern sie machen das, was die Leute da zu Hause, die gepflegt werden, wirklich brauchen. Und das spricht sich halt rum in Windeseile, dass die echt gute Arbeit leisten.

    Und das ist die ganze Philosophie von dem Gründer. Er gibt die ganze Macht ab, er gibt sie an die Teams. Sowas wie Herrschaft in dem Sinne gibt es nicht, sondern die Teams sind komplett eigenständig, die machen ihre eigenen Aufträge, die arbeiten ihre eigenen Aufträge ab, die sorgen dafür, dass das alles organisiert ist, und das finde ich total schön. In dem Moment, in dem man das wirklich von ganzem Herzen lebt, geht auch eine Organisation, ein Arbeiten, ein Leben ohne Herrschaft. Man muss es nur wirklich wollen.

    Und natürlich bleibt ein Stück weit Kontrolle untereinander, die Reziprozität, dieses ich gebe dir, du gibst mir. Wir verteilen untereinander, muss schon eingehalten werden, sonst gibt es ja einen, der mehr hat. Wir Menschen haben da anscheinend schon als sehr soziale Wesen schon immer sehr gute Mechanismen, Kontrollmechanismen entwickelt, um eben Herrschaft zu verhindern.

    So viel zu einer kleinen Philosophie slash Geschichtsidee zum Thema Kontrolle und Herrschaft. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich würde mir nichts sehnlicher wünschen, wenn wir alle nur noch so arbeiten, wie das auch Buurtzorg macht, und wir alle wirklich von ganzem Herzen uns unterstützen und nicht mehr von hunderttausend Regeln geknechtet sind, die wir uns einhalten müssen, sondern einfach grundsätzlich miteinander teilen und füreinander da sind und unterstützen, und das, was zählt, ist, dass es allen gut geht, allen einzelnen Individuen, allen Menschen in der Gruppe, aber auch den Gruppen um uns herum.

    Dass es nicht darum geht, immer mehr anzuhäufen, immer mehr zu besitzen, immer mehr Macht, immer mehr Geld, immer mehr Dinge, sondern wirklich darum, von der Idee von Buurtzorg, dass man gemeinsam in kleinen Gruppen was ganz Tolles erschaffen kann.

    Ich habe jetzt auch gerade gar keine Frage an dich, diese philosophischeren Podcasts sind häufig fragefrei, aber beim nächsten Mal gibt es wieder eine Frage. Dann hoffe ich, dass du wieder mit dabei bist. Ich freue mich auf dich. Ich gehe unglaublich gerne mit dir spazieren, vielleicht merkst du es, und ich freue mich total auf dein Feedback. Und du siehst, wenn man mich auf Themen anspricht, dann arbeite ich mich auch daran ab oder dann lasse ich mich auch eben genauso von dir inspirieren und freue mich darauf.

    Mach's gut. Bis nächstes Mal.

    Literatur:

    Bregman, R. (2021). Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit. Rowohlt.

    Van Schaik, C., & Michel, K. (2023). Mensch sein: Von der Evolution für die Zukunft lernen. Rowohlt.

    Schwartz, R. C., & IFS-Europe e. V. (2024). Das System der Inneren Familie: Einführung in die IFS-Therapie – Ein Weg zu mehr Selbstführung (Erw. Neuausg.). München: Kösel-Verlag.

    Disclaimer:

    Dieser Podcast ist ein virtueller Spaziergang und dient ausschließlich der Information und Inspiration. Die Inhalte stellen keine Psychotherapie, kein Coaching und keine professionelle Beratung dar und ersetzen diese auch nicht. Alle hier formulierten Aussagen sind wissenschaftlich recherchiert. Die entsprechenden Referenzen und Quellen findest du im Anhang der Show Notes zu dieser Folge. Ich übernehme keine Verantwortung für die Richtigkeit der wissenschaftlichen Aussagen oder deren Anwendung. Die Inhalte dieses Podcasts sind nicht als Anleitung zu verstehen, etwas Bestimmtes zu tun, sondern dienen rein der Inspiration und Anregung zum Nachdenken. Bei gesundheitlichen oder psychischen Problemen wende dich bitte an entsprechende Fachkräfte oder Beratungsstellen.

    16 min
  • Brainspotting. Kreativität verbessern durch Starren? (ÜBUNG)

    Spaziergang 55: Brainspotting. Kreativität verbessern durch Starren? (ÜBUNG)

    Hallo und herzlich willkommen zu Walk & Talk mit Ida. Heute sind wir wieder zusammen unterwegs, Paolo und ich, mit dir. Und ich freue mich, dass du mit dabei bist. Heute gibt es, man könnte fast sagen, eine Art Zaubertrack. Zumindest kommt es einem so vor, wenn man das zum ersten Mal hört oder auch macht.

    Aber das Coole ist, dass es da wirklich sehr gute Untersuchungen mittlerweile zu gibt. Die verlinke ich dir natürlich, auch das Buch von dem Autor, der das Ganze herausgefunden hat, kann man sagen, der das entdeckt hat, besser gesagt. Und ja, lass dich mal überraschen, es ist eine Möglichkeit, deine Kreativität extrem zu boosten oder auch eine andere Eigenschaft, die du gerne möchtest. Und zwar, wenn du es geübt hast, tatsächlich on the spot.

    Ja, im wörtlichsten Sinne. Ich fange einfach mal am Anfang an. Der Psychotherapeut David Grand hat viel EMDR gemacht. Das ist eine Technik, bei der man durch Bewegung der Augen Traumata verarbeitet. Wir machen aber heute keine Traumaverarbeitung, aber da kommt es auf jeden Fall her ursprünglich.

    Und mit den Augen kann man echt crazy stuff machen, wenn es ums Gehirn geht. Das mit den Augen und dem EMDR, das habe ich dir, glaube ich, auch schon mal erzählt. Irgendwann in einer anderen Folge. Auch eine Psychologin hat das rausgefunden, als sie im Wald spazieren war oder im Park, glaube ich, mit ganz vielen Bäumen, und gemerkt hat, dass sie immer so hin und her guckt und ihr das hilft.

    Diese Technik hat Herr Grand benutzt und ihm ist aufgefallen, dass an manchen Stellen, wenn er die Patienten hin und her gucken lässt, die in ihren Augen wie so wiebeln – da passiert was. Die blinken dann ganz viel an immer der gleichen Stelle oder die Augen machen so eine kleine Ausweichbewegung an genau der Stelle oder sowas.

    Irgendwas fiel ihm immer wieder bei den Patienten auf und dann hat er mal ausprobiert, was passiert, wenn er sie mal genau dort hingucken lässt. In diesem Augenwinkel sozusagen. Und hat da ganz tolle Erfolge in der Trauma-Arbeit gemacht. Das ist auch, wie gesagt, schon untersucht und mit anderen Sachen wie EMDR verglichen und wirklich gute Resultate.

    So, jetzt hat aber dieser Herr Grand mit seinen Patienten das ganz viel ausprobiert und geübt. Und zufällig gehörten zu seinen Patienten ganz viele Schauspieler und andere Künstler, die zum Beispiel Theaterstücke schreiben und solche Geschichten. Wo du wirklich Kreativität brauchst. Aber keine Sorge, ich bringe dir das so bei, das ist nicht nur für Kreativität.

    Wenn du zum Beispiel jemand bist, der nicht gerne Excel-Tabellen bearbeitet, und du musst eine Excel-Tabelle bearbeiten, dann wird dir hoffentlich dieser Trick auch helfen. Er hat nämlich herausgefunden, dass es nicht nur Augenpositionen gibt, die helfen, um zum Beispiel Trauma zu verarbeiten, sondern – und das ist jetzt richtig cool – es gibt auch Augenpositionen, die positive Dinge aktivieren.

    Ja, Traumaverarbeitung ist ja auch was Positives, ist aber jetzt erstmal sehr anstrengend und du solltest es nur mit einem Therapeuten machen und so weiter. Da geht es jetzt nicht drum. Es geht um eine positive Aktivierung. Zum Beispiel deiner Kreativität oder irgendeiner anderen positiven Sache, wie zum Beispiel Akkuratheit, wenn du halt wie ich jetzt nicht so ein ganz akkurater Mensch bist im Allgemeinen und dann mal sehr lange Excel-Tabellen bearbeiten musst, wo du ganz, ganz ordentlich sein musst. In welche Richtung das Ganze jetzt geht, dieser Trick kann sehr viel helfen.

    Ich erkläre dir gleich, was ich dazu sagen sollte. Es gibt ja immer mal wieder ganz nette Mitspaziergänger, die im Auto mit mir spazieren gehen. Die gerade Auto fahren, während sie hier zuhören. Und falls du gerade im Auto sitzt, dann tu mir den Gefallen und probiere es jetzt nicht aus. Du musst nämlich einige Zeit auf eine feste fixe Stelle gucken und das ist beim Autofahren keine gute Idee.

    Auch nicht an der Ampel, du solltest nämlich was länger dorthin gucken. Wahrscheinlich sogar was länger, als so eine klassische Ampelphase dauert. Zu deiner Sicherheit bitte im Auto nicht machen. Wenn du zu Hause bist oder eben jetzt wirklich mit mir am Spazieren bist, draußen in der Natur, kannst du das überall machen.

    Es ist so ein bisschen wie Menschen, die auf Ziegen starren oder wie hieß dieser Film? Und nein, es gibt ja noch so eine schöne Analogie dabei. Ich weiß gar nicht, ob Analogie das richtige Wort ist. Eine Namensähnlichkeit, bevor ich mich hier in irgendwelchen Spezialwörtern verstricke. Eine Namensähnlichkeit. Das Ganze heißt nämlich Brainspotting. Und ja, jetzt wirst du es dir wahrscheinlich schon denken können. Es gab mal so einen Film, der hieß Trainspotting, wenn ich das richtig weiß. Nein, damit hat es wirklich nichts zu tun.

    Nachdem wir jetzt hoffentlich alle Probleme aus dem Weg geschafft haben, nämlich, dass du im Auto nicht probierst Brainspotting zu machen, auch nicht für kreative Spots, und dass wir hier keine Trainspotting-Sachen machen. Ich erkläre dir einfach mal zur Inspiration, wie das funktioniert. Und wenn du Bock hast, dann probiere es aus. Warum mache ich das jetzt am Samstag und nicht am Montag? Weil ich gerade die Fortbildung dafür habe. Ganz simple Geschichte und einfach Lust habe, das direkt jetzt mal mit dir zu teilen.

    Und ich glaube, Montag kommt dann noch ein anderer Trick aus dem Brainspotting, der genauso fantastisch ist. Jetzt heute erstmal der Kreativ-Trick-Spot. Was machst du, wenn du jetzt definitiv mehr Kreativität brauchst, zum Beispiel weil du von deinem Chef die Aufgabe bekommen hast, eine unglaublich umwerfende neue Präsentation zu machen, die so ganz anders ist als alles andere, was du vorher gemacht hast und du denkst, du mein Gott, wie soll ich das hinkriegen? Wir probieren das jetzt mal zusammen. Ich bin jetzt hier im Wald. Ich bleibe jetzt mal hier stehen und habe hier ganz viele Bäume um mich herum und das ist super praktisch, weil ich ja gleich versuchen werde, einen Punkt zu finden, den ich mir anschaue. Ich bewege nicht meinen Kopf, sondern nur meine Augen. Und da ist es total praktisch, wenn es ganz viele Bäume gibt, so dass ich immer schön was zum Fokussieren habe und auch was, was ein bisschen näher dran ist und ein bisschen weiter weg.

    Jetzt kann ich mir nur vorstellen, dass du nicht deinen Laptop mit in den Wald nimmst, um dort deine Präsentation auszuarbeiten. Solche verrückten Sachen mache, glaube ich, vor allem ich. Nein, du, weiß ich nicht, ob du das auch machst. Du kannst es aber eben auch ganz einfach zu Hause oder im Büro machen. Da hast du ja auch ganz viele Möglichkeiten, Dinge anzuschauen. Das kann ja auch einfach ein kleiner Fleck an der Wand sein oder die Nase auf dem Porträt, das bei dir an der Wand hängt, oder was auch immer. Es geht ja einfach nur darum, einen Punkt zu finden, an dem deine Augen hängen bleiben sozusagen, dein Blick hängen bleibt.

    Dann fangen wir jetzt mal an. Du darfst dir jetzt erst einmal vorstellen, was du da gerne machen möchtest und was für eine Art von Person das besonders gut hinkriegt. Wenn das jetzt jemand ist, der besonders akkurat sein soll, weil du jetzt die nächsten drei Stunden dieses Excel-Sheet machen musst, dann wäre jemand, der akkurat ist, besonders gut. Und wenn du was super Kreatives machen musst, dann stellst du dir jemanden vor, der besonders kreativ ist. Und du stellst ihn dir einfach mal mit ganz, ganz vielen Eigenschaften, die der hat, vor.

    Das kann so ein ganzer Charakter sein, der da jetzt in deinem Kopf entsteht. Du kannst es auch aufschreiben, wenn du möchtest. Und wenn du das gemacht hast, in all den Details, dann machen wir erstmal was ganz Wichtiges, damit du am Ende auch eindeutig du selber bist. So ein Kreativspot, der kann sehr, sehr hilfreich sein, aber du willst wahrscheinlich nicht den Rest deines Lebens irgendein mega krass kreativer Mensch sein, weil du bist ja du.

    Und das Wichtigste ist, dass du du bist. Und selbst wenn du dieser super kreative Mensch im Laufe der Zeit werden willst, dann doch bitte von deinem Du aus und jetzt nicht einfach irgendwo reingehopst. Wie gesagt, diese Technik ist sehr mächtig. Pass bitte gut auf. Das heißt, du hast dir jetzt vorgestellt, wo du hin willst und jetzt kommt erstmal der Du-selber-Spot.

    Das ist der Ort, an dem du dich ganz besonders du selber fühlst. Und zwar ohne dass du versuchst, dich besonders gut zu fühlen oder besonders kreativ oder besonders akkurat oder irgendwas. Sondern nur, wo fühle ich mich ganz besonders ich selber? Das kann zum Beispiel daran liegen, dass du da einfach wirklich ausgeglichen bist, gerade entspannt und das Leben gerade so läuft. Und da gehst du nochmal richtig tief rein. Wo fühlst du es in deinem Körper? Wie fühlt sich das an? Ist es ein Kribbeln? Ist es ein Loslassen? Ist es ein relaxtes Lächeln, das auf deinem Gesicht entsteht?

    Genau. Und dann guckst du dich im Raum um, wieder ohne den Kopf zu bewegen, und findest den Punkt, an dem du dich ganz besonders du selber fühlst. Und das ist dein Du-selber-Spot, und da kommst du am Ende wieder drauf zurück. Aber zuerst gehen wir natürlich in deinen Kreativ- oder Akkurat- oder was-auch-immer-Spot. Ich gebe dir jetzt mal drei wichtige Erkenntnisse mit auf den Weg dafür:

    Erstens: Du wirst nicht ein komplett neuer Mensch. Das wird nicht passieren. Was aber passiert ist, dass es in dir ein Potential gibt, das du in diesem Moment nicht auslebst. Auch wenn ich im Allgemeinen so überhaupt kein akkurater Mensch bin, bin ich in der Lage, auch akkurate Dinge zu tun. Es ist für mich halt nur anstrengend und mit diesem Spotting ist es dann leichter. Und genauso steckt in jedem von uns auch ein kreativer Part und so weiter. Du wirst nicht zu einem anderen Menschen. Es holt nur einen Teil von dir nach vorne, der vielleicht sonst eher versteckt ist.

    Gut, in diesen Charakter hineinschlüpfen, so gut du kannst. Das hilft übrigens auch schon. Und jetzt guckst du dich wieder im Raum um. Denk daran, dass du weder deinen Körper noch deinen Kopf bewegst und nur deine Augen, damit die Augen wirklich in die verschiedensten Ecken gehen.

    Probier auch mal wirklich alles aus: oben, unten, links, rechts, näher dran, weiter weg. Das ist natürlich hier im Wald auch besonders einfach für mich, weil manche Bäume einfach näher dran stehen, andere weiter weg und das kann fast der gleiche Winkel sein. Aber wenn es ein bisschen weiter weg ist, dann ist der vielleicht genau richtig.

    Und dann finde ich den Spot, den Winkel, den meine Augen dann haben, an dem ich ganz besonders in diesem Charakter bin. In dem Charakter, in dem du jetzt – den Teil von dir, den du finden möchtest. Das ist die beste Umschreibung. Ich labere übrigens die ganze Zeit. Du solltest das definitiv machen, ohne dass ich die ganze Zeit dabei labere. Ich muss dir ja nur irgendwie eine Anleitung geben.

    Wenn du den gefunden hast, dann guckst du den an und schaffst es immer tiefer, dieses Gefühl in dir, in deinem Körper zu spüren, in deinen Gedanken zu spüren. Nimm mal an, du möchtest tatsächlich jemand ganz Kreatives sein und erwachen immer mehr vielleicht Sachen in dir, in deinem Körper, wo du denkst: Oh wow, ich fühle mich so richtig kreativ, ich kann sofort loslegen, irgendwie krass um die Ecke zu denken, über den Tellerrand, weiß ich nicht, irgendwelche anderen verrückten Dinge machen, die eben dein Charakter, dein Teil von dir kann.

    Und genau, je länger du auf diesen Punkt guckst, umso mehr schlüpfst du in diesen Teil von dir. Und dann würde ich sagen, kannst du loslegen mit deiner super kreativen neuen Präsentation oder was auch immer du da machen willst, Produktgestaltung. Oder eben, wenn du auch mal gerade einen akkuraten Charakter brauchst für drei Stunden Excelwork oder die Steuerunterlagen, irgend sowas, dann eben mit deinem akkuraten Charakter.

    Und jetzt ist ganz wichtig: wieder du selber werden. Wenn die Arbeit durch ist – ganz oft sind wir ja nur so ein bisschen in dem Charakter drin und das verfliegt sich von selber wieder, wenn wir irgendwie jemand ruft: Hallo Ida, kannst du mir mal gerade helfen? Und dann bin ich wieder komplett ich selber.

    Aber zur Sicherheit kann ich dir nur – nee nicht nur empfehlen – dir befehlen sozusagen: Es immer mit deinem Selbst-Spot abzuschließen. Der Spot, an dem du dich ganz besonders du selber gefühlt hast, nochmal zurückgehen an die Stelle, wo du gestanden hast. Das solltest du dir am besten auch merken. Oder Stuhl, auf dem du gesessen hast. Und wieder genau an die Stelle schauen, wo dein Selbst-Spot ist. Genau, weil ansonsten ist das Ganze nicht sicher. Ist übrigens alles in dem Buch beschrieben daher. Ich wiederhole jetzt nur, was in dem Buch steht. Das ist kein Ida-Ding. Das ist tatsächlich von dem Herrn Grand, auch in seinem Buch so beschrieben. Ich fasse es dir hier nur ein bisschen zusammen und mache es dir ein bisschen lebhaft.

    Aber auf diese Weise kann man ganz, ganz coole Sachen machen, ganz tolle Teile von sich nach vorne bringen. Und jetzt gibt es nochmal – ich habe ja die letzten Tage so viel über das System der internen Familie gesprochen – und jetzt will ich nochmal auch was Positives, weil es war so viel über Konflikt und über polarisierte Teile und sonst was. Aber es gibt ja auch ganz, ganz, ganz viele Teile, wenn man von dem System der inneren Familie ausgeht, die eben gesund sind, die fit sind, die niemals traumatisiert waren, niemals Beschützerrollen gemacht haben, die völlig fit und gesund sind und ganz tolle Eigenschaften haben.

    Und meiner Meinung nach – das ist aber jetzt meine Interpretation, die eben aus dem Buch von Richard Schwartz so in Zusammenarbeit mit dem Brainspotting Buch – wenn man das so ein bisschen zueinander legt und das, was Herr Grand da sagt, dann glaube ich, dass das einfach diese ganz tollen, niemals traumatisierten Teile sind, die unglaubliche Fähigkeiten haben.

    Die stecken alle in dir drin. Das ist so das ganz Wundervolle daran. All diese Teile sind in dir, alle diese Fähigkeiten sind in dir und die Frage ist einfach nur, wie du sie aktivierst. Ach Gott, jetzt habe ich schon hier Zungenkollaps. Gut, wie du sie aktivierst und da ist eben diese Creative Spot Methode so genial.

    Und wie gesagt, nicht nur für Kreative, sondern auch für alle anderen Teile in dir, die du positiv aktivieren möchtest. Genau, solltest du ansonsten Interesse an der Brain Spotting Methode haben. Ich weiß, dass es auch in Deutschland da Therapeuten zu gibt. Ganz tolle Methode. Genau, aber das solltest du immer nur mit einem Therapeuten machen, wenn es um irgendwelche Traumaverarbeitung oder Ähnliches geht.

    Das ist mir auch ganz wichtig, hier jetzt nochmal zu sagen. Ja, lese dir das Buch durch, wenn du Bock hast. Oder ja, nimm hier meine kleine Anleitung. Und meine Frage ist jetzt passend dazu: Ist dir schon mal aufgefallen, dass wenn du eine bestimmte Art von Arbeit machst, entweder ganz akkurat oder ganz kreativ oder irgendwas anderes, eine bestimmte Art von Arbeit, die du nicht immer machst, die nicht so dein Standardcharakter ist, sondern die eben so eine bestimmte Eigenschaft von dir ist, die du manchmal eben entfalten kannst. Ob du dann auch häufig so in eine Richtung guckst?

    Mir ist es tatsächlich schon aufgefallen, bevor ich das Buch Brainspotting gelesen habe, und fand das immer ganz spannend, dass ich bei bestimmten Arten von Arbeiten, wenn ich dann am Computer sitze und mich gerade mal entspannen will, immer in die gleiche Ecke gucke. Bei eher akkuraten Arbeiten in die eine Ecke, bei eher kreativen Arbeiten in eine andere Ecke und so weiter. Aber immer wieder an die gleiche.

    Und ja, deshalb bin ich total begeistert von dem Buch und nutze das auch tatsächlich für mich selber. Und kann dir, ja, das Buch und die Brainspotting Methode empfehlen – wie gesagt, immer, immer, immer nur für positive Sachen und immer nur in Verbindung mit deinem Personal Spot.

    Bitte, bitte mach das sicher, denn die Methode ist genial und unglaublich mächtig. Okay, ich wünsche dir einen wunderschönen Tag noch, einen wunderschönen Spaziergang. Ich freue mich auf dich morgen. Morgen, wenn alles klappt, gibt es wieder mal endlich mal wieder eine philosophische Folge. Und wenn alles richtig gut klappt, dann ist die zum Thema Kontrolle.

    Mal gucken, wirst du sehen, wie die Folge morgen da ist. Genau. Ich wünsche dir einen schönen Tag. Mach's gut. Bis morgen.

    Literatur:

    Grand, D. (2015). Brainspotting: Wie Sie Probleme, Traumata und emotionale Belastungen gezielt auflösen (A. Pott, Übers.). VAK Verlags GmbH.

    Grand, D. (2013). Brainspotting: The revolutionary new therapy for rapid and effective change. Sounds True.

    Corrigan, F. M., & Grand, D. (2013). Brainspotting: Recruiting the midbrain for accessing and healing sensorimotor memories of traumatic activation. Medical Hypotheses, 80(6), 717–724.    

    D'Antoni, F., Matiz, A., Fabbro, F., & Crescentini, C. (2022). Psychotherapeutic techniques for distressing memories: A comparative study between EMDR, Brainspotting, and body scan meditation. International Journal of Environmental Research and Public Health, 19(3), 1142. https://doi.org/10.3390/ijerph19031142   

    Grand, D. (2015). Case study, a cure for the yips: Brainspotting and performance blocks. Psychotherapy Networker, 39(2), 56-67.    

    Hildebrand, A., Grand, D., & Stemmler, M. (2017). Brainspotting—the efficacy of a new therapy approach for the treatment of posttraumatic stress disorder in comparison to eye movement desensitization and reprocessing. Mediterranean Journal of Clinical Psychology, 5(1), 1–17.    

    Palsimon, J. R. (2022). The preliminary efficacy and clinical applicability of Brainspotting among Filipino women with severe post traumatic stress disorder. Archives of Psychiatry and Psychotherapy, 24(1), 54–64. https://doi.org/10.12740/APP/143015

    Disclaimer:

    Dieser Podcast ist ein virtueller Spaziergang und dient ausschließlich der Information und Inspiration. Die Inhalte stellen keine Psychotherapie, kein Coaching und keine professionelle Beratung dar und ersetzen diese auch nicht.

    Alle hier formulierten Aussagen sind wissenschaftlich recherchiert. Die entsprechenden Referenzen und Quellen findest du im Anhang der Show Notes zu dieser Folge.

    Ich übernehme keine Verantwortung für die Richtigkeit der wissenschaftlichen Aussagen oder deren Anwendung. Die Inhalte dieses Podcasts sind nicht als Anleitung zu verstehen, etwas Bestimmtes zu tun, sondern dienen rein der Inspiration und Anregung zum Nachdenken.

    Bei gesundheitlichen oder psychischen Problemen wende dich bitte an entsprechende Fachkräfte oder Beratungsstellen.

    19 min
  • Konflikte 3. Konflikte in mir selber?

    Spaziergang 54: Konflikte 3. Konflikte in mir selber?

    Hallo und herzlich willkommen zu Walk & Talk mit Ida. Schön, dass du wieder dabei bist. Heute nochmal ganz gemütlich bei mir aus dem Arbeitszimmer, weil es nämlich unglaublich spät geworden ist heute Abend. Und ich glaube, ich hatte einfach keine Lust auf einen Nachtspaziergang, obwohl ich die ansonsten ganz gerne mache. Aber bei so Nieselwetter im Dunkeln ist das… Naja, meine persönliche Ausrede.

    Aber ich habe dir nochmal eine Folge mitgebracht, wieder zum Thema Konflikt, weil das ist einfach ein großes Thema, ein unglaublich wichtiges Thema, meiner Meinung nach. Und nachdem ich beim letzten Mal die Frage besprochen habe, ob Konflikt überhaupt was Schlechtes ist, und festgestellt habe, dass es im Grunde eigentlich etwas Gutes ist, wenn wir schaffen, diesen Konflikt gut zu lösen, denn diese Lösung sorgt dafür, dass etwas Wunderbares daraus entstehen kann, dass unglaublich viel Mehrwert entstehen kann.

    Und wir haben festgestellt, dass Konflikte im Grunde unvermeidlich sind, denn Interessenskonflikte gibt es immer irgendwie, und seien es noch so kleine. Bei der Folge gestern haben wir dann darüber gesprochen, oder habe ich erzählt, dass die Konflikte, die wir draußen erleben – die wir mit anderen Menschen erleben, die unangenehm sind – dieser Streit, dieses passiv-aggressive Rumgepampel, diese Eiszeiten zwischen einander, aber auch bis zu Kriegen, dass die meiner Meinung nach mit einem Streit im Inneren der Menschen zu tun haben. Denn – und das ist meine Conclusion – wenn wir alle komplett entspannt sind, wenn wir alle voller Mitgefühl sind füreinander, wenn wir neugierig sind auf die Ideen der anderen, wenn wir klar sind in uns selbst, wenn wir mutig sind und all diese anderen wunderbaren Dinge, dann würde es überhaupt nicht zum Streit kommen. Dann würden wir jede Art von Interessenkonflikt direkt lösen.

    Und ich habe schon von dem Backend-Developer erzählt, der eher so auf der akkuraten, pedantischen Seite ist. Und ich habe von dem chaotischen UX-Designer gesprochen. Bitte, das sind alles nur fiktive Gestalten. Ich habe auch schon unglaublich kreative Backend-Developer und unglaublich pedantische UX-Designer erlebt. Nur weil man Backend-Developer ist oder UX-Designer, braucht man nicht in der Schublade zu sein. Ich finde es nur, trotz allen Schubladendenkens jetzt, sehr schön, das nochmal daran zu erklären.

    Ich gehe nicht mehr ganz so tief auf die IFS-Grundideen mit Selbst und Teilen ein. Das haben wir jetzt schon oft genug besprochen, denke ich. Wenn du Lust hast, hör dir die Folge von gestern nochmal an oder die Folge "Teile", die ich vor einiger Zeit aufgenommen habe.

    Ich möchte jetzt eigentlich mit diesem inneren Streit nochmal ganz genau das erklären. Denn im Grunde ist es das, was all die anderen Konflikte, die Probleme draußen, erklären kann, wenn man eben diese Sichtweise des Systems der inneren Familie mitgeht. An der Stelle: Es gibt ganz viele Möglichkeiten, das zu interpretieren. Das ist nur eine, mit der ich versuche, dich zu inspirieren, da sie für mich so unglaublich einleuchtend ist.

    Diesen Konflikt im Inneren nennt man im System der inneren Familie Polarisierung. Ein Pol, das kann ein sogenannter Exile, ein verstoßener Teil sein – ein Teil, der ein Trauma oder eine Bürde, wie man auch sagt, trägt. Ich werde ihn jetzt in dieser Folge Exile auch tatsächlich nennen, das ist der englische Begriff dafür. Och, und ihr hört Paulchen da draußen bestimmt, haben wir doch Tiergeräusche wieder drin. In diesem Fall ein jammernder Pauli, der mit mir raus will und mit dem ich gleich auch nochmal ganz kurz in den Nieselregen gehe. Na gut. Pauli ist sowieso sehr sprachsam, den hört ihr da bestimmt.

    Nochmal zurück. Ich werde diesen traumatisierten, wahrscheinlich noch sehr jungen Teil Exile nennen, wie man das im Englischen tut, weil ich den Begriff sehr gut und kurz finde. Und zusätzlich gibt es die beschützenden Teile, die Manager und Brandbekämpfer.

    Und ich möchte jetzt mal erstmal tiefer auf diesen akkuraten Backend-Developer eingehen, unseren Max. Da erinnerst du dich bestimmt dran. Und dieser Max war als Kind ein unglaublich liebevolles, kreatives Kind. Der hat gerne gebastelt, Sachen gemacht. Und das Resultat war – vielleicht weil seine Mutter auch schon Ähnliches erlebt hat in der Kindheit – ich gehe immer davon aus, die Menschen machen sowas nicht aus bösem Willen, grundsätzlich nicht. Das sind auch Teile in denen, die sie dazu treiben. Aber gut, er erlebt, dass seine Mama ihm immer wieder sagt: "Das musst du ordentlich machen. Du bist nicht gut genug, wenn du nicht ordentlich bist. Hier ist ein ordentlicher Haushalt, hier wird das ordentlich gemacht." Und bei seiner Mama ist es auch immer alles blitzeblank, und alles ist gewienert und geschrubbt und alles ist immer an der richtigen Stelle.

    Dieses kreative Kind ist da natürlich ein Dorn im Auge, und dadurch entsteht bei Max in ihm – das ist nicht absichtlich, weder von der Mutter noch von Max – entsteht ein Manager, der ihm hilft, der diesem jetzt verletzten kleinen Kind, was da ist, was so süß gebastelt hat, und die Mutter freut sich überhaupt nicht über das Gebastelte, sondern will einfach nur, dass ganz akkurat alles aufgeräumt und weggeräumt ist. Der entwickelt einen Manager, der ihm immer und immer und immer sagt: "Du musst das ganz, ganz, ganz ordentlich machen. Und wenn du das nicht ordentlich machst, ganz akkurat machst, bis ins Pedantische hinein, dann wirst du wieder geschimpft. Dann kommt wieder die Person und schimpft dich." Und er will dieses kleine Kind beschützen. Der ist nicht böse, dieser Manager.

    Das ist natürlich verdammt anstrengend, wenn du ein liebevolles, kreatives Kind bist. Wenn du das vielleicht von deinem Innersten heraus bist und du wirst jetzt von deinem inneren, eigenen Manager konstant darauf gedrillt, unglaublich akkurat zu sein. Weil du Angst hast. Das kleine Kind hat Angst, und der Manager versucht mit aller Kraft, mit aller Macht zu verhindern, dass das nochmal passiert, dass dieses Kind wieder in diese Angst hineinkommt, in diese Verletzung. Dann wird das irgendwann zu viel. Das ist so anstrengend, das schafft man gar nicht. Und da kommt sein Brandbekämpfer.

    Das ist die andere Art von helfendem Teil, von beschützendem Teil, und der hilft jetzt dem Menschen, damit auch diesem Kind, das einfach nicht mehr kann vor lauter Akkuratheit, macht abends die Flasche Wein auf und schafft es durch diesen Alkohol mal runterzukommen. Es ist nicht richtig, es ist nicht gut, aber dieser Teil weiß es nicht besser. Auch da ist es der Fall.

    Und was passiert, nachdem Max sich abends entspannt hat? Vielleicht was Kreatives gedacht hat, was Kreatives gemacht hat, sogar in seinem Alkoholrausch. Dann ist der Manager umso saurer auf ihn. "Siehst du, was da abends passiert ist?" Vielleicht standen morgens die Weinflaschen noch rum. Der Manager ist durchgedreht am Morgen. Sein innerer akkurater Manager ist komplett durchgedreht. Der ist stinksauer auf diesen Brandbekämpfer, auf den anderen helfenden Teil. Und das nennt man jetzt die Polarisierung. Diese beiden stehen im Kampf miteinander. Und das wird immer schlimmer. Umso mehr sich der akkurate Manager aufregt, umso mehr braucht er seinen Brandbekämpfer, um dann auch wieder runterzukommen, um irgendwie mit diesem Druck klarzukommen.

    Und das sind, wie gesagt, nur ganz simple Beispiele. Es gibt Hunderttausende von möglichen Managern, von möglichen Brandbekämpfern. Ich habe mir jetzt einfach die zwei ausgesucht, weil a) glaube ich, dass es gar nicht so selten vorkommt, diese Kombi, und b) glaube ich, dass man sie sehr gut nachvollziehen kann.

    Und das ist die Polarisation, und das wird immer schlimmer. Vielleicht kannst du dir das vorstellen. Umso akkurater, umso krasser der Manager wird, umso mehr er probiert, das Leben im Griff zu halten, umso mehr braucht er abends auch die Entspannung, und umso mehr trinkt er. Und umso mehr er trinkt, umso mehr er vielleicht auch mal ausgeht, umso mehr er da locker wird, umso saurer wird wieder der Manager.

    Und da kannst du dir vorstellen, dass wenn plötzlich jemand kommt, der UX-Designer – wir nennen ihn mal Tom – der kreativ die Zettel überall hinklebt, die Post-its, wie er gerade will, dass dieser Manager unglaublich sauer wird. "Da ist ja schon wieder einer, der hier Chaos stiftet. Wenn wir das zulassen, fällt es vielleicht noch auf uns ab. Unser System, werde ich, Max, bestraft." Dieser Manager ist in Aufruhr. Dieser akkurate, pedantische Manager, der immer wieder es gut versucht hat. Der seine Skripts achtmal korrigiert hat. Der auf jeden, jeden noch so kleinen Code-Detail, jeder Code-Review geachtet hat. Der das aber nicht böse meint. Bitte, ich weiß. Ich habe selber mit sehr akkuraten Menschen zusammengearbeitet. Und es gibt da wirklich – natürlich gibt es sehr unterschiedliche Menschen – aber kein Mensch meint irgendetwas böse. Das sind wirklich Teile, die da arbeiten.

    Und jetzt trifft er eben auf Tom. Und das Interessante dabei ist, Tom war als Kind auch, genauso wie Max, ein liebevolles, vielleicht auch ein bisschen lebendiges und vor allem auch super kreatives Kind. Er ist nun im anderen Elternhaus aufgewachsen, und in dem Elternhaus war jeder irgendwie kreativ. Der eine war Schauspieler, der andere war Maler, der dritte Sänger. Und dann war da dieses kreative Kind, und die Eltern waren völlig überzeugt, dass der professioneller Maler wird. Schon mit zwei Jahren waren die Bilder so geil, die haben sie unter Freunden ausgestellt. Jeder hat das Kind gelobt, und das war dem viel zu viel.

    Gut Gedachtes kann dazu führen – kann, muss nicht immer, kann – dazu führen, dass man eben unter Druck gerät. Und unser Tom hat etwas ganz anderes entwickelt. Tom hat dadurch, dass er so getrietzt, so angefeuert, aber so unter Druck gesetzt wurde von seinen Eltern, diese kreative Art auszuleben, hat er zwei Manager bekommen, die beide versuchen, ihm zu helfen.

    Der eine sagt: "Weißt du was, wenn ich chaotisch bin und nichts zu Ende bringe, am Ende kein Bild zu Ende mache, immer alles auf den letzten Drücker mache, alles doch nicht gut genug mache, dann muss ich auch keine Hochleistung bringen. Dann kann mich auch niemand mehr enttäuschen, kann ich keinen enttäuschen, ich bin sowieso eine Enttäuschung, dann ist auch alles durch." Das ist sein Sabotage-Manager. Und der hat am Ende dafür gesorgt, dass er so chaotisch ist, dass er… Malerkarriere, alles, nix. Aber er hat es immerhin geschafft. Er ist UX-Designer geworden. Er hat seine Kreativität noch ein Stück weit ausgelebt. Aber echt kreativ? Das hat der Sabotage-Manager nicht zugelassen. Dass er wirklich seine echte Kreativität auslebt. Und er ist kein professioneller Maler geworden.

    UX-Designer sind was Tolles. Bitte, bitte, bitte, bitte. Wer auch immer das hört von UX-Designern. Ich liebe UX-Designer. Das ist jetzt gerade ein schönes Beispiel. Heißt nicht, dass du so bist. Aber der wollte eigentlich vielleicht auch selber Maler werden, zumindest, professioneller. Das hat er als Kind noch nicht verstanden. Aber unter dem Druck ist er eingegangen, und zum Glück hat er wenigstens noch eine Seite als UX-Designer, die ein wenig Kreativität zulässt.

    Dann hat er aber einen anderen, nämlich der, der jetzt sauer ist auf das ganze Chaos. Der sagt: "Hey, was ist denn mit dir los? Warum kriegst du nichts gebacken? Andere schaffen das doch auch. Warum bist du so unorganisiert? Ist doch alles scheiße. Du kannst das doch." Und so weiter und so fort.

    Und jetzt kannst du dir vorstellen, dass auch zwei Manager, die eigentlich beide proaktiv von vornherein arbeiten, die eigentlich beide das Kind beschützen wollen – der kritisierende Manager wahrscheinlich, weil er das Kind antreiben wollte, diese Exzellenz, diese kreative Exzellenz zu leisten, die die Eltern verlangt haben, denn dann würde er gefallen, würde er im positiven Sinne Lob kriegen, würde der Druck vielleicht aufhören. Der andere, der ihn sabotiert, und damit ihn beschützen will. Und die beiden, die haben eine krasse Polarisierung jetzt in Max miteinander.

    Aber jetzt hoffe ich, kannst du dir vorstellen, dass Max, der alles nicht so eng sieht – weil ich mache ja eh alles nicht richtig – aber ein bisschen Kreativität ist ja drin. "Ich klebe die Post-its jetzt mal, wie ich Bock habe, weil ist ja ganz nett", von Tom. Und Max, unglaublich akkurater Manager, sich erstmal in die Haare kriegen. Der mehr oder weniger Sabotage-Typ von Tom sorgt dafür, dass alles nicht so ganz ordentlich ist, weil mal was vergessen wurde. Und Max findet das ganz schrecklich. "Wie kann jemand so sein? Wie kann jemand so unordentlich sein?"

    Aber jetzt kommt der Kritiker-Manager – der die ganze Zeit auch da ist bei Tom – raus und sagt: "Ha, guck mal, da ist noch einer, der dich kritisiert", und fährt voll hoch. Das heißt, der Streit in Tom wird noch heftiger. Er wird mit Sicherheit sauer sein auf Max, wie er auf die Idee kommt, ihn zu kritisieren. Auf der anderen Seite ist Max aber auch angegriffen durch die immer noch vorhandene Kreativität von Tom, die in ihm diesen Schmerz triggert, dass er eigentlich auch mal kreativ war, aber alles von diesem krassen Manager runtergedrückt wird. Und dann wird es wahrscheinlich noch heftiger runtergedrückt und noch heftiger runtergedrückt.

    Naja, bei Max kommt dann der Alkohol durch. Naja, und bei Tom die beiden Manager, die sich bekriegen. Und das geht immer weiter. Einmal in Max selber, einmal in Tom selber. Und jetzt, ich hoffe, dir das hilft, die Folge von gestern noch besser zu verstehen, dass eben diese Teile, die schon da waren, sich jetzt gegenseitig bekriegen, auch eben untereinander, Max und Tom. Und die in einen riesigen Streit geraten, der überhaupt nicht nötig ist.

    Und was ich noch so unglaublich ironisch finde dabei, und so habe ich die natürlich auch erschaffen, meine beiden Personen, dass sie eigentlich beide liebevolle, kreative Kinder waren. Und beide aber eben in einer anderen Umgebung andere Art von Traumata dann eben entsprechend erlebt haben, andere Ecke von Traumata. Und der eine hat seine Kreativität komplett verloren, der andere verlor zumindest mal seine kreative Exzellenz. Beide haben das verloren, und beide sind mit Managern bzw. Manager-Brandbekämpfer-Kombinationen jetzt kombiniert, die ihnen das Leben zur Hölle machen.

    Und zum Glück gibt es einen Ausweg laut Richard Schwartz, und es ist, wenn das Selbst – diese Qualitäten von Mitgefühl, von Mut, von Neugier, von Verbindung, all diese wunderbaren von Klarheit und so weiter – wenn diese, wenn man schafft, das Selbst mit diesen Qualitäten seinen eigenen Teilen helfen zu lassen. Das heißt, da ist auch kein anderer, der Max helfen kann. Da ist auch kein anderer, der Tom helfen kann, als Tom selber. Klar, ein Therapeut – und das kann ich dir auch nur empfehlen – such dir einen tollen Therapeuten, egal aus welcher Therapierichtung er kommt. Das muss sich nur für dich gut anfühlen, wenn du möchtest. Ich hoffe, dazu kann ich dich ein wenig inspirieren.

    Dich damit zu beschäftigen. Aber kein Therapeut kann dein Problem lösen. Das – und meiner Meinung nach kannst du das nur selber. Und deshalb kann man zwar unterstützen, dass Streits gelöst werden, aber vor allem dann, meiner Meinung nach, wenn man es schafft, dass die Leute sich auf sich besinnen und ihre eigenen Grabenkämpfe im Inneren, ihre eigenen Polarisationen, angehen.

    Soweit dazu. Genau, wenn du irgendwelche Fragen hast, dann darfst du mir natürlich immer Fragen stellen. Du hast ja schon gemerkt, das System der inneren Familie begleitet uns immer mal wieder, weil es unglaublich schön erklärt, was da in Menschen passiert, was vorgeht, meiner Meinung nach. Aber wie gesagt, es gibt sehr viele therapeutische Ideen in der Psychologie, sehr viele Erklärungen. Das hier ist tatsächlich nur eine davon.

    So, eine sehr lange Folge. Morgen wird es kürzer. Morgen habe ich eine ganz spannende Idee, die ich dir mitbringen will aus meiner aktuellen Weiterbildung.

    Mach's gut. Bis morgen.

    Literatur:

    Ury, W. (2024). Possible: How we survive (and thrive) in an age of conflict. HarperCollins.

    Schwartz, R. C., & IFS-Europe e. V. (2024). Das System der Inneren Familie: Einführung in die IFS-Therapie – Ein Weg zu mehr Selbstführung (Erw. Neuausg.). München: Kösel-Verlag.

    Schwartz, R. C., & Morissette, A. (2022). Kein Teil von mir ist schlecht: Mit dem Modell des inneren Familiensystems (IFS) Trauma heilen und zur Ganzheit zurückfinden. München: Kösel-Verlag.

    Disclaimer:

    Dieser Podcast ist ein virtueller Spaziergang und dient ausschließlich der Information und Inspiration. Die Inhalte stellen keine Psychotherapie, kein Coaching und keine professionelle Beratung dar und ersetzen diese auch nicht.

    Alle hier formulierten Aussagen sind wissenschaftlich recherchiert. Die entsprechenden Referenzen und Quellen findest du im Anhang der Show Notes zu dieser Folge.

    Ich übernehme keine Verantwortung für die Richtigkeit der wissenschaftlichen Aussagen oder deren Anwendung. Die Inhalte dieses Podcasts sind nicht als Anleitung zu verstehen, etwas Bestimmtes zu tun, sondern dienen rein der Inspiration und Anregung zum Nachdenken.

    Bei gesundheitlichen oder psychischen Problemen wende dich bitte an entsprechende Fachkräfte oder Beratungsstellen.

    20 min
  • Konflikte 2. Verursache ich selber meine Konflikte?

    Spaziergang 53: Konflikte 2. Verursache ich selber meine Konflikte?

    Hallo und herzlich willkommen bei Walk & Talk mit Ida. Schön, dass du wieder dabei bist. Heute lade ich dich wieder hierher in mein Arbeitszimmer ein, und falls es wieder Hintergrundgeräusche gibt von Tieren oder Menschen, dann ist das diesmal meine Familie und Pauli. Wer weiß, vielleicht gibt es auch hier Tiergeräusche.

    Es gibt ja ein paar Mitspaziergänger, die die sehr, sehr, sehr cool finden, und ich übrigens auch. Ich freue mich immer über Tiergeräusche. Mal schauen, ob man Pauli im Hintergrund nochmal hört. Ja, herzlich willkommen, und heute möchte ich das Thema Konflikte ein wenig weiter besprechen, denn ich glaube, das ist etwas, was wir ja irgendwie immer im Leben um uns haben, immer erleben.

    Meine These vom letzten Mal war ja, dass Konflikte an sich nicht das Problem sind, dass Konflikte allgegenwärtig sind, einfach weil es immer unterschiedliche Interessen zwischen Menschen geben wird oder zwischen Menschen und Säbelzahntigern. Der eine hat Hunger, der andere möchte nicht gefressen werden, oder was auch immer. Und dass wir, wenn wir wirklich in uns ruhen, wenn wir ganz und gar voll sind mit Mitgefühl, mit Ruhe, mit Klarheit, mit Verbindung zwischen uns, mit einem Positiven, wenn wir wirklich ganz und gar in uns, in unserem Selbst ruhen würden, dann würden wir die Konflikte alle schnell und gut lösen und zu unser aller Positiven. Wir würden da neue Möglichkeiten finden und so weiter.

    Was ist dann aber der Grund, dass Konflikte so oft eskalieren? Weil wenn wir tatsächlich einfach Interessenkonflikte hätten und die zu unserer allerbesten lösen, dann würden wir ja nie in die Situation kommen, dass wir uns wirklich streiten, dass wir uns anschreien, dass wir uns nachher fragen, was das alles soll, dass wir vielleicht auch passiv-aggressiv sind. All diese Dinge, die man so aus dem täglichen Leben kennt. Ob das mit dem Ehepartner ist, mit den Kindern, mit den Eltern, mit dem Chef, mit dem Team, mit den Kollegen, wo auch immer her, oder wie es auch in größerer Art in Kriegen und Konflikten ist, die hier auf der Welt herrschen. Unglaublich viel negativer Konflikt sage ich mal, der auch ganz, ganz viel zerstören kann. Aber wo kommt der denn dann eigentlich her?

    Das möchte ich gerne nochmal zurückführen auf das System der inneren Familie von Richard Schwartz, einfach weil es mir immer unglaublich hilft, Dinge zu verstehen. In seinem System der inneren Familie – Richard Schwartz ist ein Psychotherapeut aus den USA und er hat dieses System entwickelt, was mittlerweile gerade in den USA unglaublich viel eingesetzt wird und für mich einfach sehr, sehr verständlich ist.

    In seinem System gibt es das Selbst. Das ist einfach Qualitäten. Im Buddhismus würde man es die Buddha-Natur nennen, hier in Europa vielleicht die Seele in der christlichen Religion. Und diese Idee der Seele, die ist kein Teil, sondern die ist einfach das, was da ist in uns, und die wird gekennzeichnet von den Qualitäten, die ich vorhin schon genannt habe, von Mitgefühl, von Ruhe, von Neugierde, von Mut, aber auch von Verbundenheit und noch einigen mehr.

    Zusätzlich haben wir ganz, ganz viele Teile, und ich sage absichtlich ganz viele, denn das ist ein ganz großer Blumenstrauß. Das sind nicht nur zwei oder drei, sondern er geht davon aus, dass wir ganz viele Teile haben und dass die meisten unserer Teile völlig gesund und intakt sind und uns jeden Tag helfen, unser tägliches Leben zu meistern, ganz tolle Dinge zu machen. Es gibt aber auch Teile, die uns den großen Gefallen getan haben, als wir in einer schwierigen Situation waren, diese Erinnerung, dieses Trauma auf sich zu nehmen. Und diese Teile nennt er Exiles oder auf Deutsch Verstoßene.

    Und weil diese verstoßenen Teile sehr reaktiv sein können, uns sehr, sehr belasten können, gibt es wieder andere Teile, die die Aufgabe unseres Beschützers übernommen haben. Das können Teile sein, die als Manager unser Leben managen, damit diese verstoßenen Teile überhaupt nicht zum Vorschein kommen, oder es sind Teile, die eine Art Feuerwehr, eine Feuerbekämpferfunktion haben. Das heißt, in dem Moment, dass uns alles zu viel wird, dass diese verstoßenen Teile nach oben kommen, dann greift der Brandbekämpfer ein und kümmert sich darum. Dabei sind diese Teile häufig noch in kindlichen Situationen und sind nicht unbedingt praktisch für unser heutiges Leben.

    Ein Teil, der irgendwann mal etwas Gutes für uns getan hat – stell dir vor, du wurdest als kleines Kind irgendwann von deiner Mama geschimpft, dass du immer alles rumliegen lässt, dass du nicht gut genug aufräumst, obwohl du doch eigentlich ein unglaublich kreatives Kind warst und das genossen hast, Dinge zu basteln und zu machen. Aber deiner Mama hat das nicht gefallen, und aus ihrer Perspektive war das falsch. Warum auch immer, brauchen wir jetzt nicht darauf einzugehen. Und daraufhin hast du eben auch so einen Manager entwickelt, der dafür sorgt, dass du ein unglaublich akkurates, angepasstes Kind wirst. Das sind nur Beispiele, davon gibt es hunderttausend andere.

    Und immer dann, wenn trotzdem dieser verstoßene Teil sich meldet oder dir alles zu viel wird, hast du zum Beispiel auch noch einen Brandbekämpfer, der dann sagt: "Ach komm, nimm doch mal eine Flasche Wein, dann geht es dir nachher besser." Das heißt, du hast schon mal mindestens drei Teile von dieser fiktiven Person kennengelernt. Und wir nennen diese Person auch mal den Akkuraten, denn im alltäglichen Leben ist er irrsinnig akkurat. Und jetzt arbeitet er zum Beispiel als Softwareentwickler in einer Firma und ist so ein ganz Akkurater, der die Sachen ganz ordentlich macht, seine Post-its immer schön ordentlich dran klebt, fast schon pedantisch. Aber er ist ein sehr guter Mitarbeiter, er ist sehr intelligent, er ist sehr aufgeräumt, er macht sehr gute Sachen, guten Code.

    Und dann kriegen die einen neuen UX-Designer im Team. Agiles Team. Jeder hat so seine Aufgabe. Er ist Backend-Developer und der Neue, der ist UX-Designer. Und dieser UX-Designer, der ist unglaublich kreativ. Vielleicht erinnerst du dich dran – der Akkurate war als Kind auch unglaublich kreativ, hat das aber durch das, was er erlebt hat und das, was sich bei ihm als Manager eingestellt hat, komplett abgelegt.

    Diese zweite fiktive Person, ich nenne ihn mal den Kreativen, der kommt jetzt hin, hat unglaublich viele tolle Ideen, ist auch ein ganz toller Mitarbeiter, ist auch ein total toller Teamkollege, genau wie übrigens der Akkurate, der bis jetzt im Team immer seine Rolle hatte, der immer seinen Weg gefunden hat, der unglaublich hilfsbereit ist. Das sind beides tolle Menschen. Jemand, der die beiden kennt, würde niemals denken, dass die – dass die einzeln zumindest – unglaubliche Konfliktmenschen sind.

    Jetzt treffen die aber aufeinander, und da reicht dann vielleicht ein kleiner Interessenunterschied über die Post-its, die da krumm und schief auf die Tafel geklebt werden. Ich sag mal was – es entfacht am Ende ein vielleicht fachlich getriebener Streit, der vielleicht gar nicht fachlich ist, sondern damit zu tun hat, dass der Akkurate mit dieser kreativen Bildführung da an dem Whiteboard nicht zurechtkommt. Kann sein. Und wahrscheinlich reagiert der Kreative durch seine Teile getriggert auch stark auf den Akkuraten. Vielleicht hat er so oft von Menschen gesagt gekriegt, du bist nicht gut genug, lebt das aber trotzdem immer noch aus, seine kreative Ader.

    Gesagt, das ist alles fiktiv. Worauf ich hinaus will, ist dir zu sagen: Dadurch, dass in den Menschen ein Konflikt herrscht – der Akkurate will gar nicht immer nur akkurat sein. Der ist nicht glücklich damit, dass seine verschiedenen Teile sich auch noch gegenseitig bekämpfen. Der eher kreative verstoßene Teil, der will eigentlich raus, der will eigentlich selber wieder kreativ sein. Der Manager-Teil hat unglaublich Angst, Ärger zu kriegen, wenn dieser Kreative da unten wieder raus darf. Und der, dem das alles zu viel wird und der dann zur Flasche greift, auf den ist der Manager natürlich auch tierisch sauer, weil in dem Moment, dass er zur Flasche greift und der Alkohol wirkt, dann wird er vielleicht auch wieder ein bisschen kreativer oder er macht Sachen, die nicht unglaublich akkurat sind. Das heißt, da herrscht ein tierischer Kampf in diesem Menschen. Und genauso herrscht ein Kampf in dem kreativen Menschen, aus welchen Gründen auch immer. In uns allen herrschen die verschiedensten Konflikte.

    Aber das Aufbrennen, dass das ein richtiger Streit wird zwischen den beiden, das ist normalerweise eben begründet durch diese inneren Konflikte, die die Leute schon in sich haben. Wie gesagt, würden beide komplett in ihrer Ruhe sein, in ihrem Mitgefühl, in ihrer ehrlichen Neugierde für den anderen, in ihrem Mut, auch auf den anderen zuzugehen, in ihrer Klarheit über sich und über die Situation, dann würde die Frage, ob die Post-its gerade geklebt werden müssen oder schief, entweder gar nicht aufkommen, oder es wäre tatsächlich ein Interessenskonflikt und die beiden würden eine gute Lösung für beide Seiten finden. Das wäre das, und dann wäre es gar kein Streit.

    Ich glaube, dass immer dann, wenn etwas in Streit ausbricht, es am Ende die internen Konflikte sind, die uns überhaupt in die Situation bringen. So, und dann können wir mal schauen, ob das Ganze auch auf eine größere Gruppe anwendbar ist. Das machen wir aber nicht mehr heute. Und können uns auch anschauen, inwieweit zum Beispiel Gruppenkonflikte zwischen Teams und ähnlichem auf eine ähnliche Dynamik zurückzuführen sind.

    Und du kannst dir schon vorstellen, dass ich dich jetzt natürlich fragen werde: Wann hast du schon mal in deinem Leben gemerkt, wenn du in einem Streit bist oder vielleicht wenn du drüber reflektierst – da ist die Chance größer, dass es dir dann auch auffällt – dass der Streit unter anderem deshalb so groß geworden ist, dass es überhaupt zum Streit gekommen ist, statt dass es einfach eine kleine, vielleicht völlig simple Interessensunterschied war, weil in dir was getriggert wurde? Dass du gar nicht auf den Interessenskonflikt, der da vor dir lag, reagiert hast, sondern einen Kampf ausgeführt hast, einen Krieg ausgeführt hast, einen Streit ausgeführt hast, der schon ganz lange in dir herrscht und der vielleicht durch dich selber getriggert wird.

    Ja, mal gucken, ob dir das bei dir selber auffällt. Ich muss sagen, seit ich mich mit dem System der inneren Familie beschäftige, fällt mir das bei mir sehr oft auf. Heißt das gleich, ich kann das lösen? Nein. Ich habe auch genug Konfliktsituationen, die mir schon ganz oft seitdem passiert sind und wo ich immer wieder denke: Yes, hätte ich vermeiden können, wenn meine Teile nicht so reaktiv gewesen wären in dem Moment und meine Handlung nicht übernommen hätten. Aber mich stachelt es nur im Positiven an, mit diesen Teilen zu arbeiten und dafür zu sorgen, dass da Ruhe einkehrt und Frieden einkehrt in mein eigenes System, dass alle Teile ganz tolle Aufgaben machen können, statt sich gegenseitig zu bekämpfen.

    Und mit diesem hoffnungsvollen Gedanken hoffe ich, dass ich dir auch weiterhelfen kann. Du bekommst von mir in den Shownotes nochmal das Buch von William Ury, "Possible", und gleichzeitig auch das Buch von Richard Schwartz, "No Bad Parts", auch in der deutschen Übersetzung. Denn ich glaube, dass wenn man genau die Ideen aus diesen Büchern zusammenführt, dann kommt man auf das, was ich dir gerade erzählt habe.

    Ich wünsche dir noch einen wunderschönen Tag und freue mich, beim nächsten Mal wieder mit dir spazieren zu gehen. Mach's gut!

    Literatur:

    Ury, W. (2024). Possible: How we survive (and thrive) in an age of conflict. HarperCollins.

    Schwartz, R. C., & IFS-Europe e. V. (2024). Das System der Inneren Familie: Einführung in die IFS-Therapie – Ein Weg zu mehr Selbstführung (Erw. Neuausg.). München: Kösel-Verlag.

    Schwartz, R. C., & Morissette, A. (2022). Kein Teil von mir ist schlecht: Mit dem Modell des inneren Familiensystems (IFS) Trauma heilen und zur Ganzheit zurückfinden. München: Kösel-Verlag.

    Disclaimer:

    Dieser Podcast ist ein virtueller Spaziergang und dient ausschließlich der Information und Inspiration. Die Inhalte stellen keine Psychotherapie, kein Coaching und keine professionelle Beratung dar und ersetzen diese auch nicht.

    Alle hier formulierten Aussagen sind wissenschaftlich recherchiert. Die entsprechenden Referenzen und Quellen findest du im Anhang der Show Notes zu dieser Folge.

    Ich übernehme keine Verantwortung für die Richtigkeit der wissenschaftlichen Aussagen oder deren Anwendung. Die Inhalte dieses Podcasts sind nicht als Anleitung zu verstehen, etwas Bestimmtes zu tun, sondern dienen rein der Inspiration und Anregung zum Nachdenken.

    Bei gesundheitlichen oder psychischen Problemen wende dich bitte an entsprechende Fachkräfte oder Beratungsstellen.

    15 min
  • Konflikte. Bringen Konflikte uns Menschen voran?

    Spaziergang 52: Konflikte. Bringen Konflikte uns Menschen voran?

    Hallo und herzlich willkommen bei Walk & Talk mit Ida. Heute mit ganz vielen Blättern bei mir und Pauli. Wir laufen hier gerade zurück zum Ort.

    Und ich hatte dir ja versprochen, dass ich dir mal erzähle, was mich in diesem Buch "Possible" von William Ury so geflasht hat, dass ich tatsächlich drei Tage am Nachdenken war und gar keinen Podcast aufnehmen konnte.

    Ich bin mittlerweile so weit, dass ich eine Chance habe, dir das zu erklären.

    Und im Endeffekt hat es ganz viel mit mir und meiner Einstellung zu Konflikten zu tun. Nämlich, ich war immer der Meinung, dass Konflikte etwas Schlechtes sind. Deshalb habe ich mich auch immer unglaublich engagiert in der Konfliktlösung. Denn wenn wir alle wieder uns verstehen und eine gute Lösung gefunden haben, dann ist alles besser.

    So weit, so gut. Dann kommt William Ury daher und sagt: Konflikte sind etwas Gutes. Sie sorgen für Kreativität, sie sorgen für neue Ideen, sie sorgen dafür, dass wir uns weiterentwickeln. Und ich dachte mir so: Wow, wieso sollen Konflikte etwas Gutes haben? Das war wirklich für mich total schwer anzunehmen.

    Und er erklärt es auch tatsächlich sogar aus Gründe altsteinzeitlicher Perspektive. Wie gesagt, das hat mich komplett geflasht, sowas in einem Mediationsbuch zu finden.

    Und was sagt er da drin? Er sagt, dass es Konflikte immer und überall gibt. Konflikte sind unvermeidlich, denn nicht jeder Mensch ist exakt gleich und nicht jeder Mensch will dasselbe.

    Dazu kommt, dass wir auch oft genug Konflikte in uns haben. Ich habe ja schon über die verschiedenen Teile gesprochen, aus dem System der inneren Familie gesprochen. Und auch da kommt es ja sehr oft in die Situation, dass sich Teile untereinander mit Konflikten überziehen. Das heißt, selbst wenn ich nicht einen zweiten Menschen habe, aber natürlich wie jeder Mensch nicht ohne irgendeine Form von Erlebnissen und Traumata aufgewachsen bin, dann gibt es Konflikte in mir.

    Gut, dann habe ich noch andere Menschen draußen, mit denen ich mit Sicherheit – ja, da sind irgendwelche Hunde unterwegs. Es ist gerade total viel los hier im Wald. Andere Menschen, mit denen ich in Konflikt geraten kann. Und Konflikt heißt dabei nicht unbedingt Krieg oder Streit. Das kann einfach gerade mal eine andere Idee über etwas sein. Das kann etwas anderes an Bedürfnissen sein oder an dem, was man möchte. Und selbst wenn ich keinen anderen Menschen habe, um eine Meinungsverschiedenheit zu haben, dann habe ich immer noch zum Beispiel einen angreifenden Säbelzahntiger oder nur ein Vulkanausbruch oder irgendetwas anderes, was dafür sorgt, dass ich mich damit auseinandersetzen muss.

    Das heißt, einer Art von Konflikt kann ich gar nicht aus dem Weg gehen. Und die Frage ist also nicht, ob wir keine Konflikte haben, sondern nur, wie wir damit umgehen.

    Lassen wir sie eskalieren und Kriege werden? Lassen wir sie Streits werden? Leben wir jahrelang in Hass nebeneinander? Reden wir vielleicht nie wieder miteinander, obwohl das mein Kollege ist? Oder ich rede nur mit ihm, wenn es gar nicht anders geht?

    Oder sorge ich mit meiner inneren Einstellung und vielleicht auch mit etwas Hilfe von außen dafür, dass der Konflikt sinnvoll gelöst wird? Dass sich also neue Möglichkeiten ergeben, wir über den Tellerrand schauen und schauen, was wir denn wirklich wollen und brauchen. Es ist natürlich beim Konflikt mit einem ausbrechenden Vulkan etwas schwieriger. Da muss ich fliehen, mit dem kann ich so schlicht diskutieren. Aber gerade wenn es unter Menschen ist oder in mir selber, ein Konflikt von verschiedenen Meinungen – vielleicht kennst das mit dem Engelchen und dem Teufelchen oder dem einen und dem anderen Berater, der auf dir auf der Schulter sitzt. Alles sind eine Form von Konflikten.

    Und umso bewusster wir damit umgehen, umso mehr wir es schaffen, uns nicht hineinziehen zu lassen, sondern uns das Ganze auch mal von außen anzuschauen, umso mehr wir es schaffen, auf unser Gegenüber zuzugehen ohne selber etwas – vielleicht sogar ohne überhaupt etwas zu verlieren, weil wir feststellen, dass wir zwar denken, dass wir einen Konflikt haben, aber am Ende einfach Interessen haben, die sich vereinen lassen.

    Und genau so kommt man dann weiter. Deshalb sagt William Ury, daraus entsteht Kreativität. Es zwingt mich dazu, nachzudenken. Es zwingt mich dazu, über meine eigenen Bedürfnisse und Interessen überhaupt mal nachzudenken. Hätte ich keine Konflikte, müsste ich nie über meine Interessen nachdenken, nie über meine Bedürfnisse nachdenken. Müsste ich nie kreative Lösungen finden, die vielleicht nicht nur mich, sondern uns alle weiterbringen.

    Und ja, es hat ganz, ganz viel mit meiner eigenen Vergangenheit zu tun, dass ich da, denke ich, ein Problem mit hatte mit dieser Aussage. Und es hat tatsächlich jetzt fast drei Wochen gedauert, bis ich wirklich meinen Weg dahin gefunden habe.

    Aber auch das ist ja eine Konfliktlösung – ein Konflikt in mir zwischen dem Teil, der Konflikte total doof findet und denkt, das ist einfach nur Mist und dürfen gelöst werden, und dem Teil, der jetzt plötzlich gehört hat: Oh, Konflikte sind auch ein Potenzial zur Entwicklung, sind ein Potenzial für kreative Lösungen, sind ein Potenzial dafür, dass es uns allen besser geht am Ende, wenn wir sie denn sinnvoll lösen.

    Ja, das zu dem Thema des Buches "Possible" von William Ury, das ich dir immer noch echt von Herzen empfehlen kann, gerade wenn du dich für Themen rund um Mediation und Gesprächsführung interessierst. Aber auch in allen anderen Fällen ist es unglaublich inspirierend. Ich werde dir bestimmt noch öfter mal ein Thema davon mitnehmen, und gerade das Thema Konflikt betrifft uns ja wirklich alle.

    Ja, und damit komme ich zur Frage des Tages: Nämlich, wie spürst du, woran merkst du sozusagen, dass du in dir einen Konflikt hast?

    Was das genau auf sich hat, werde ich dir bei der nächsten Folge erzählen, warum das so wichtig ist, zu spüren, ob es in einem selber einen Konflikt gibt zwischen verschiedenen Teilen – wie gesagt, der eine Berater auf der linken Schulter, der andere auf der rechten.

    Wie ist das bei dir? Wo merkst du das? Krummelt es im Bauch? Oder merkst du wirklich das Gespräch im Kopf zwischen den beiden Teilen? Oder woran merkst du, woran erkennst du, dass in dir gerade ein Konflikt tobt?

    Ja, damit verabschiede ich mich, wünsche dir einen wunderschönen Tag und freue mich darauf, morgen wieder mit dir spazieren zu gehen.

    Literatur:

    Ury, W. (2024). Possible: How we survive (and thrive) in an age of conflict. HarperCollins.

    Disclaimer:

    Dieser Podcast ist ein virtueller Spaziergang und dient ausschließlich der Information und Inspiration. Die Inhalte stellen keine Psychotherapie, kein Coaching und keine professionelle Beratung dar und ersetzen diese auch nicht.

    Alle hier formulierten Aussagen sind wissenschaftlich recherchiert. Die entsprechenden Referenzen und Quellen findest du im Anhang der Show Notes zu dieser Folge.

    Ich übernehme keine Verantwortung für die Richtigkeit der wissenschaftlichen Aussagen oder deren Anwendung. Die Inhalte dieses Podcasts sind nicht als Anleitung zu verstehen, etwas Bestimmtes zu tun, sondern dienen rein der Inspiration und Anregung zum Nachdenken.

    Bei gesundheitlichen oder psychischen Problemen wende dich bitte an entsprechende Fachkräfte oder Beratungsstellen.

    8 min
  • 90 Sekunden. Sind deine Emotionen nach 90 Sekunden weg)

    Spaziergang 51: 90 Sekunden. Sind deine Emotionen nach 90 Sekunden weg?

    Hallo und herzlich willkommen bei Walk & Talk mit Ida. Schön, dass du wieder dabei bist. Wir gehen heute wieder im Westerwald spazieren zusammen und heute geht es im Infoteil wieder um ein Thema rund um Stress. Wir haben ja schon öfter darüber gesprochen. Heute möchte ich über die 90-Sekunden-Regel sprechen.

    Die ist von einer Wissenschaftlerin aufgestellt worden, einer Neurowissenschaftlerin. Die gute Frau heißt Jill Bolte-Taylor und ihre 90-Sekunden-Regel besagt, dass die ersten 90 Sekunden, wenn du einen Schreck bekommst – sagen wir mal, in irgendeiner anderen Folge hatten wir schon diese Schlange im Laub, die Schlange in den Büschen – du siehst diese Schlange und du erschrickst und etwa 90 Sekunden lang bist du so überflutet mit Neurobotenstoffen und ähnlichem, dass, sagt sie, diese Reaktion im Grunde mehr oder weniger automatisch abläuft.

    Diese Flucht oder Kampf oder im krassesten Falle Freeze – würde man auf Deutsch vielleicht eher so als Todstellmechanismus übersetzen – dass das so krass abläuft, dass du da ihrer Meinung nach wenig Kontrolle darüber hast. Danach allerdings setzt die Interpretation ein. Das ist ihre Meinung. Und dann sind es nicht mehr diese chemisch ausgelösten Emotionen, sondern dann sind es vor allem Gefühle und Interpretationen von dem, was du da gesehen hast.

    Diese Schlange ist ja jetzt nur eine Möglichkeit. Das kann ja auch der Brief vom Finanzamt sein oder die E-Mail vom Chef oder ein Kommentar, das ein Kollege gerade gemacht hat, oder die blöde Bemerkung im Meeting oder irgendwas anderes, was dich jetzt emotional triggert. Ob das mit Wut ist, ob das mit Angst ist, in welche Richtung auch immer, mit Trauer – das ist jetzt erst einmal nicht so ganz relevant, gerade bei Wut und Angst gehen ja auf jeden Fall ähnliche Mechanismen los.

    Es ist nicht ganz so einfach, das zu beurteilen. Sie als Neurowissenschaftlerin hat sich das komplett aus der biochemischen Ecke angeschaut und da war das für sie relativ klar. Aus der Sicht der Psychosomatik – ich mache ja psychosomatische Physiotherapie – wenn man das mehr aus der Richtung anschaut, aus einer psychologischeren Richtung, dann kann man das gar nicht so eindeutig sagen. Je nachdem wie stark der Reiz ist und wie traumatisiert du vielleicht schon mit diesem Thema bist.

    Wenn du schon ganz, ganz, ganz viele schlechte Erfahrungen mit deinem Chef hattest oder du gerade in einer allgemein sehr schwierigen Situation bist und das jetzt nochmal obendrauf kommt oder du vielleicht aus deiner Kindheit schon viele Erlebnisse rund um Personen hattest, an die dein Chef dich eben auch erinnert, dann kann es sein, dass diese Reaktion, die du dann zum Beispiel auf die E-Mail vom Chef hast, tatsächlich diese 90 Sekunden dich auch biochemisch komplett überflutet, kann man sagen.

    Diese Hormone überfluten einen und auch die Emotion beherrscht einen dann. Wenn das Ganze aber etwas ist, was dich schon triggert aber nicht bis aufs Äußerste, dann kann man da häufig – haben die wissenschaftlichen Studien ergeben. Du weißt ja, du findest die Studienlinks immer unten bei mir in den Shownotes. Die Studien haben ergeben, dass man häufig auch schon wesentlich schneller und wesentlich früher, wenn man es schafft, die Kognition einzuschalten oder andersrum vom Körper aus schafft, diese emotionale körperliche Reaktion zu dämpfen, dann kann man wesentlich früher als die 90 Minuten schon eine etwas klarere Sicht drauf haben, würde ich mal sagen.

    Zu merken, okay, da ist jetzt die E-Mail vom Chef und ja, das ist erstmal nicht angenehm, was da drin steht, oder beziehungsweise das, was da drin steht, macht etwas mit mir, was nicht angenehm ist. Das ist ja eher die korrekte Idee dann, aber ich kann dann auch hingehen und sagen, okay, aber es ist jetzt erstmal nur die E-Mail vom Chef und ich darf mich jetzt entspannen und ich darf da auch eine andere Interpretation dran geben als die reine Furcht oder die reine Wut.

    Besonders interessant und wichtig ist das, wenn du dazu neigst ganz, ganz schnell zu antworten. Das kann man bei E-Mails dann ein bisschen einfacher hinten raus schieben. Aber stell dir mal vor, Thema Teamarbeit, du bist in einem Meeting und da sagt jemand etwas, was dich triggert. Was dann helfen kann, ist tatsächlich erstmal durchatmen.

    Natürlich macht es am meisten Sinn, wenn du deine alten Erfahrungen, die dich dann vielleicht dazu bringen, dass es dich so stark triggert, anfängst zu verarbeiten. Natürlich. Aber kein Mensch ist perfekt. Jeder hat seine eigenen Erfahrungen und jeder Mensch wird durch Dinge getriggert. Das heißt, du sitzt in dem Meeting und du bist jetzt nun mal getriggert und dann kann es tatsächlich helfen, erst mal zu gucken, wo bin ich hier eigentlich. Okay, ich bin hier im Meeting. Okay, was mache ich hier eigentlich? Ich sitze hier in der Runde mit Kollegen und ja, ich spüre die Wut in mir oder ja, ich spüre die Angst in mir, aber ich darf versuchen – ich weiß, wie schwer das ist – ich darf versuchen, jetzt dem Ganzen eine Perspektive zu geben. Inwieweit es denn überhaupt Sinn macht, jetzt meine krasse Reaktion darauf loszulassen.

    Wie gesagt, ich weiß, wie schwer das ist, aber mit der 90-Sekunden-Regel im Kopf, dass jetzt erstmal 90 Sekunden du potenziell sehr viele Stresshormone im Blut hast und auch wissend, dass es nochmal eine zweite Stressreaktion gibt, die dich so die nächste halbe Stunde etwa packen wird, kannst du vielleicht trotzdem diese 90 Sekunden vorbeigehen lassen? Vielleicht sagt ja jemand anders was, vielleicht redet der Kollege erstmal einfach weiter und du schaffst es, dich mal auf deinen Atem oder auf deine Füße zu konzentrieren. Wie gesagt, zu schauen, wo bin ich denn hier eigentlich?

    Und das finde ich das Spannende an dieser 90-Sekunden-Regel. Sie ist nicht ganz korrekt. Biochemisch ganz gute Zusammenfassung, dass die Halbwertszeit dieser biologischen Hormone, die da in deinem Blut dann rumschwirren, nach 90 Sekunden ungefähr erreicht ist und du, dass diese biochemische Reaktion etwas abnimmt. Und wenn du weißt, okay, ich halte jetzt diese 90 Sekunden durch, das sind anderthalb Minuten, ich probiere entsprechend was durchzuatmen, ich probiere meine Füße zu denken – vielleicht ist das eine Inspiration für dich, um mal selber zu schauen, wie du mit solchen Situationen umgehst, in denen die Emotionen dich vielleicht erst mal etwas übermannen.

    Und wie gesagt, der beste Weg ist, denke ich immer noch persönlich, ist langfristig durch welche Therapieform auch immer dir zuträglich ist, dir zuspricht, zu versuchen, die Auslöser – damit zu arbeiten, kann ich vielleicht am besten sagen. Aber in dem Moment, in dem Moment, in dem du da drin steckst, vielleicht hilft dir ja dieses Wissen über diese 90-Sekunden-Regel dieser Neurowissenschaftlerin, dass du etwas entspannter mit der Situation umgehen kannst und dann vielleicht auch nicht das Kommentar zurückgibst, was du vielleicht sonst tun würdest.

    Wer weiß, wozu dich diese 90-Sekunden-Regel über diese biochemischen Abbauprodukte in deinem Blut inspirieren kann. Das war es vom Infoteil über diese 90-Sekunden-Regel.

    Und ja, die Frage heute ist natürlich passend: Woran merkst du, dass du gerade total getriggert bist?

    Ich merke das, indem ich so ein ganz komisches Gefühl in der Brust bekomme und dann entweder irgendwie bei Angst teilweise anfange zu hyperventilieren, ganz viel zu atmen. Oder wenn ich wütend werde, dann habe ich an einer ähnlichen Stelle ein Gefühl, körperlich erstmal, das ich wahrnehmen kann. Und dann will ich was unbedingt sagen, will ich reagieren, will ich mich verteidigen.

    Und in beiden Fällen merke ich das ganz oft erstmal körperlich und daran kann ich es sehr gut erkennen. Und das hilft mir tatsächlich, wenn ich an der Stelle etwas spüre, dass ich dann erstmal innehalte und gucke, okay, wow, jetzt passiert gerade was. Und jetzt darf ich das erst mal so stehen lassen im besten Moment. Hey, mir passiert das oft genug und ich schaffe das oft genug nicht. Bitte, bitte interpretiere das jetzt nicht so, als ob ich das dauernd schaffen würde.

    Aber mir hilft tatsächlich diese Erkenntnis sehr, dass die krasse emotionale biochemische Reaktion nach einer gewissen Anzahl Sekunden wieder sackt. Und wenn ich es irgendwie schaffe, diese Zeit sinnvoll zu überbrücken, mein Kopf danach wahrscheinlich spätestens dann besser funktioniert und ich anders darauf reagieren kann, als wenn ich das sofort tue.

    Genau. Die Frage an dich: Wo merkst du das denn? Was ist so dein erstes Zeichen in deinem Körper oder in deinen Gedanken oder wo auch immer? Wo merkst du es, dass du gerade getriggert bist?

    Ja, damit würde ich sagen, ich verabschiede mich von dir. Ich freue mich, wenn du morgen wieder mitkommst auf unseren Spaziergang und bis bald.

    Literatur:

    Gross, J. J. (2002). Emotion regulation: Affective, cognitive, and social consequences. Psychophysiology, 39(3), 281-290.

    Gunnar, M. R., & Quevedo, K. (2007). The neurobiology of stress and early adversity: Developmental considerations. Dialogues in Clinical Neuroscience, 9(3), 360-367. 

    Kober, H., Mende-Siedlecki, P., Kross, E., Weber, J., Mischel, W., Hart, C. L., & Ochsner, K. N. (2010). Prefrontal-striatal pathway underlies cognitive regulation of craving. Proceedings of the National Academy of Science of the United States of America, 107(33), 14811-14816. 

    Kohn, N., Heasman, J., Wende, J., & Morawetz, C. (2014). Emotion regulation: A meta-analysis of fMRI cognitive reappraisal studies. Social Cognitive and Affective Neuroscience.

    Morawetz, C., Bode, S., Baudewig, J., & Heed, T. (2017). Neural correlates of cognitive reappraisal in mood and anxiety disorders: A meta-analysis of fMRI studies. Biological Psychiatry.

    Taylor, J. B. (2006). My Stroke of Insight: A Brain Scientist's Personal Journey. Viking. 

    Taylor, J. B. (2021). Whole Brain Living: The Anatomy of Choice and the Four Characters That Drive Our Life. Hay House, Inc. 

    Wikipedia. (n.d.). Adrenaline.

    Disclaimer:

    Dieser Podcast ist ein virtueller Spaziergang und dient ausschließlich der Information und Inspiration. Die Inhalte stellen keine Psychotherapie, kein Coaching und keine professionelle Beratung dar und ersetzen diese auch nicht.

    Alle hier formulierten Aussagen sind wissenschaftlich recherchiert. Die entsprechenden Referenzen und Quellen findest du im Anhang der Show Notes zu dieser Folge.

    Ich übernehme keine Verantwortung für die Richtigkeit der wissenschaftlichen Aussagen oder deren Anwendung. Die Inhalte dieses Podcasts sind nicht als Anleitung zu verstehen, etwas Bestimmtes zu tun, sondern dienen rein der Inspiration und Anregung zum Nachdenken.

    Bei gesundheitlichen oder psychischen Problemen wende dich bitte an entsprechende Fachkräfte oder Beratungsstellen.

    11 min
  • Weitermachen. Walk & Talk mit Ida hat 1/2 Geburtstag :-)

    Spaziergang 50: Weitermachen. Walk & Talk mit Ida hat 1/2 Geburtstag :-)

    Hallo und herzlich willkommen bei dieser runden sozusagen Geburtstagsfolge von Walk & Talk mit Ida. Schön, dass du wieder mit dabei bist. Geburtstag, weil wir sind auf der Halbzeit von dem, was ich mir mal vorgenommen habe, mit Walk & Talk mit Ida auf jeden Fall zu schaffen von unseren Spaziergängen. Ich hatte den Plan, 100 Podcasts, 100 Folgen in 100 Tagen zu machen.

    Und heute geht es ein bisschen um den Podcast. Ich habe dir aber auch ein Infoteil mitgebracht, nämlich die Frage, wie macht man denn so ein Recap am besten, wenn man sich ein kleines Projekt vorgenommen hat, so wie ich mit meinem Podcast hier. Ich habe das Buch Tiny Experiments gelesen. Den Link dazu bekommst du natürlich wieder in den Shownotes. Paulchen futtert hier neben mir Gras.

    Falls du ihn futtern hörst, dann spielt mein Hund gerade ein bisschen Kuh. Das macht er gerne. Aus irgendeinem Grund liebt er Gras. Aber Tiny Experiments hatte ich dir schon mal vorgestellt in einer anderen Folge. Du bekommst es wieder in den Shownotes, wie gesagt. Und in diesem Buch geht es ganz viel darum, einfach mal was auszuprobieren. Statt groß zu planen und ewig viel Zeit und Geld zu investieren, einfach mal machen.

    Einfach mal ausprobieren, mal gucken, wie es funktioniert. Und genau das habe ich dadurch als Inspiration auch endlich gemacht mit meinem Podcast, den ich fast schon jahrelang geplant hatte und nie dazu gekommen bin. Und mit der Inspiration hat es dann geklappt. Und sie beschreibt in dem Buch eine Methode, wie man ganz pragmatisch solche kleinen Experimente oder auch größere Experimente, immer dann, wenn du dir eine Challenge stellst, wie man das dann auch sinnvoll bewertet, sowohl zum Beispiel nach einem Viertel der Zeit als auch nach der Hälfte der Zeit und so weiter und erst recht, wenn man diese Challenge gemacht hat, fertig ist und sich überlegt, ob man das Ganze weitermachen soll.

    Die Methode ist mega simpel und es geht einfach darum festzustellen, möchte ich das Ganze weitermachen? Möchte ich jetzt nochmal in 50 Folgen weitermachen? Hat mir das denn überhaupt Spaß gemacht? Hat mir das was selber gebracht? Oder möchte ich das Ganze aufhören, wäre das vielleicht die letzte Folge von Walk & Talk mit Ida, oder möchte ich etwas verändern.

    Diese drei Möglichkeiten hat man. Und das ist eigentlich total simpel, finde ich. Und ich habe mir jetzt in den letzten Wochen schon angewöhnt, mehr Dinge auf diese Weise zu beurteilen. Und es hat mir unglaublich geholfen, weil es eben gerade so simpel ist. Deshalb mache ich das jetzt gerade mal hier mit dem Podcast und vielleicht gibt dir das auch eine Inspiration, das bei einigen deiner Sachen, die du so an Experimenten im Leben machst oder auch anderen Dingen, anzuwenden. Ich glaube, man kann das für so ziemlich alles anwenden.

    Die erste Frage wäre: Continuum. Möchte ich das weitermachen? Auf jeden Fall. Ich habe gemerkt, ich war die letzte Woche im Urlaub und ich hatte sogar meine Podcast-Sachen mitgenommen. Ich hatte nur tatsächlich wenig Zeit, weil ich nämlich auf die Schwäbische Alb gefahren bin, um dort mich in der Urzeit, in der Steinzeit, umzuschauen. Ich habe mir Höhlen angeschaut und Museen und war da ganz glücklich, dass mein Sohn mich hier begleitet hat.

    Ich hatte viel weniger Zeit als gedacht und dadurch kam in den ersten Tagen keine Podcast-Folge zustande. Und danach habe ich es tatsächlich geschafft, meine Podcast-Sachen da, wo ich übernachtet habe, zu vergessen. Oder sie zumindest nicht zurückzufinden, weil ich sie ganz enthusiastisch mitgenommen habe an dem Tag, als wir nach Ulm gefahren sind.

    Auf jeden Fall musste ich mir jetzt neue Podcast-Sachen bestellen hier von meinen mobilen Podcast-Sachen. Und ich habe gemerkt, dass es mir das wert ist. Ich hätte einfach aufhören können und sagen, okay, schön gewesen. Aber nee, das ist es mir auf jeden Fall wert. Und deshalb habe ich jetzt neue Podcast-Sachen.

    Die funktionieren auch. Und das ist auf jeden Fall schon mal grundsätzlich ein Continuum. Und damit kommen wir auch zum zweiten, nämlich dem Quit-Signal. Nein, es ist auf gar keinen Fall ein Quit. Ich werde das weitermachen. Und diese zwei Sachen sind simpel.

    Und dann kommt die Frage, ob ich da noch was dran verändern möchte. Pivot oder Change oder wie auch immer du das nennen möchtest. Oder einfach Veränderung. Und ich habe gemerkt, gerade in den letzten Wochen, dass es mir manchmal einfach so im Alltag schwerfällt. Habe ich, glaube ich, letzte Woche Samstag auch schon ein bisschen drüber erzählt. Um es wirklich jeden Tag zu machen. Und ich habe noch keine so richtig gute Lösung gefunden dafür, muss ich sagen. Das ist was, was ich in den nächsten Wochen ausprobieren werde. Ich werde wieder probieren, es jeden Tag zu machen.

    Weil eigentlich ist es das, was ich machen will. Und was mir auch echt Spaß gemacht hat. Und ich habe mehr als genug Themen. Und bin selber total inspiriert von den Büchern, die ich die letzten Tage gehört habe und auch von dem, was ich auf der Schwäbischen Alb erlebt habe. Und mich hat das Thema Altsteinzeit natürlich mal wieder total gepackt. Und deshalb werde ich, habe ich mir überlegt auch – da fliegen Gänse vorbei, müssen, glaube ich, welche sein – ein riesiger Schwarm Gänse, der hierüber fliegt. Hörst du sie?

    Ach, fantastisch. Ein riesiges V am Himmel. Es wird Herbst. Mal gucken, wenn die jetzt näher kommen, vielleicht sehe ich, was es für welche sind. Wenn es überhaupt Gänse sind, aber ich wüsste jetzt nichts anderes. Ach, wie schön.

    Jahreszeiten ändern sich und ich werde versuchen, meinen Podcast, um zurück aufs Thema zu kommen, eigentlich genauso weitermachen, wie ich am Anfang geplant hatte. Und ich gebe mir dafür zwei Wochen. Ich schaue mal, wie es in den nächsten zwei Wochen läuft und mache in zwei Wochen nochmal die Überlegung: Continue, Quit oder Change. Und dann überlege ich mir, wenn es wieder immer mal wieder Tage gibt, an denen es ausfällt, ob ich zum Beispiel nur drei Folgen pro Woche mache oder vier oder was ich dann denke, was funktioniert. Und mir da dann auch irgendwas überlege, sodass du dich ein bisschen darauf verlassen kannst, wann wir zusammen spazieren gehen.

    Ein ganz einfaches Muster, wenn man anfängt, etwas zu tun, das über mehrere Tage tut und einfach mal so eine kleine Recap für sich macht. Immer mit der Frage, hat mir jetzt alles gefallen, mache ich einfach ganz genau so weiter? Möchte ich das Ganze stoppen, hat mir das nichts gebracht oder wenig gebracht? Habe ich mich dabei vielleicht unwohl gefühlt? Oder eben, möchte ich daran etwas verändern? Ist das grundsätzlich schon das, was ich machen will, aber ich habe in diesen Tagen, in diesen Wochen, je nachdem, wie lange du das machst, einfach gelernt, dass manche Dinge besser funktionieren als andere und ich möchte meine Challenge anpassen.

    Damit kommen wir zur Frage des Tages, nämlich wie merkst du bei dir selber, dass etwas für dich nicht ganz stimmt? Wann ist was unstimmig? Und wie merkst du das in dir? Und dann vielleicht noch auch die Frage, was tust du dann damit? Man kann einfach sagen, ich ignoriere das oder ich verdränge das oder man kann damit was machen, vielleicht auch sogar objektiv offen mit umgehen.

    Das wäre dann auch so genau dieser Prozess, den ich dir jetzt beschrieben habe, zum Beispiel. Lass dir das doch mal durch den Kopf gehen, wenn du Lust hast. Wie merkst du an dir selber, dass irgendwas ein bisschen unstimmig ist und wie gehst du dann damit um?

    Und damit sage ich wie immer bis morgen, denn ich hoffe jedes Mal, dass ich auch tatsächlich am nächsten Tag dazu komme, den Podcast aufzunehmen und will das auch überhaupt nicht ändern. Deshalb wünsche ich dir noch einen wunderschönen Nachmittag und Abend in diesem Herbsttag.

    Bis morgen

    Literatur:

    Le Cunff, A.-L. (2025). Tiny experiments: How to live freely in a goal-obsessed world. Avery/Penguin Random House

    Disclaimer:

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    Alle hier formulierten Aussagen sind wissenschaftlich recherchiert. Die entsprechenden Referenzen und Quellen findest du im Anhang der Show Notes zu dieser Folge.

    Ich übernehme keine Verantwortung für die Richtigkeit der wissenschaftlichen Aussagen oder deren Anwendung. Die Inhalte dieses Podcasts sind nicht als Anleitung zu verstehen, etwas Bestimmtes zu tun, sondern dienen rein der Inspiration und Anregung zum Nachdenken.

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    10 min
  • Spiegeln. Kann ich durch spiegeln Verhandlungen gewinnen?

    Spazierung 49: Spiegeln. Kann ich mit spiegeln Verhandlungen gewinnen?

    Hallo und herzlich willkommen zu Walk & Talk mit Ida. Wir sind schon wieder hier in der Nacht unterwegs. Tagsüber habe ich irgendwie gerade wenig Zeit für unseren Spaziergang. Aber ich versuche das trotzdem abends nachzuholen. Ich hoffe, du magst Nachtspaziergänge. Falls es übrigens mal keine Folge gibt, dann ist tatsächlich den ganzen Tag das Leben dazwischen gekommen. Ich habe trotzdem dann an dich, an uns, an den Spaziergang gedacht, aber das hat nicht funktioniert, den aufzunehmen.

    Deshalb, ich komme immer wieder zurück, egal wenn ich mal zwischendurch eine Pause habe. Hoffentlich immer möglichst kurz, denn es macht mir wirklich unglaublich viel Spaß, hier mit dir spazieren zu gehen. Und das ist schließlich mein Hobby, bei dem du hier dabei sein darfst. Ich möchte das wirklich weitermachen.

    Bitte nicht wundern, wenn ab und an eine Folge fehlt, das hat irgendwelche praktischen Gründe.

    Zu unserem Thema von heute: Wir haben schon über ein Mediationsthema gesprochen oder eine Idee aus der Mediation. Und heute möchte ich dir mal eine Idee mitbringen, die mehr so aus dem Verhandlungsbereich kommt. Und zwar stammt die aus dem Buch "Never Split the Difference" von Chris Voss, und das ist ein geniales Buch.

    Es ist fast schon, wie soll ich das jetzt diplomatisch ausdrücken? Vielleicht so: Bevor du nächstes Mal eine Gehaltsverhandlung machst oder irgendeine andere Verhandlung, muss ja nicht unbedingt Gehalt sein, lies vorher dieses Buch. Jeder, der das Buch nicht gelesen hat, hat einen unfairen Nachteil. Das ist vielleicht die diplomatischste Aussage. Das Buch ist Dynamit, wenn man sich das Recht überlegt, wenn es ums Thema Verhandeln geht.

    Chris Voss war sehr, sehr lange einer der Hauptunterhandler des FBI, wenn es um Hostage-Situationen geht, um Geiselnahmen, und hat das sowohl in den USA als auch international sehr häufig gemacht. Das heißt, da standen im Allgemeinen Menschenleben auf dem Spiel, und da lernt man das Verhandeln doch vielleicht noch mal etwas anders, als wenn es nur um den Wirtschaftsbereich oder Mediation geht, wo man versucht, möglichst nett da miteinander zu sitzen, zu reden und eine schöne Win-Win-Situation zu finden.

    Aber wenn es um das Leben von Menschen geht, dann sollte es zwar trotzdem in irgendeiner Form um Win-Win gehen, aber – never split the difference – da kann man einfach keinen Wert in der Mitte finden. Man will ja keine halben Menschen zurückhaben. Und deshalb hat er sehr, sehr kluge Techniken in seinem Buch beschrieben.

    Er sagt, er hat sich sehr viel in der Psychologie abgeguckt. Ich merke da auch immer wieder aus meinen beiden Techniken, die ich gelernt habe, die Solution-Focused Brief Therapy und die andere, die ihr gut kennt hoffentlich mittlerweile, das System der inneren Familie, aus diesen beiden Bereichen habe ich da auch viel zurückerkannt in dem Buch.

    Aber gut, mein Geschwärme über dieses Buch geht jetzt schon drei Minuten lang, insofern hoffe ich, dass du verstanden hast, dass ich dir dieses Buch wirklich wärmstens ans Herz lege. Es gibt es als Hörbuch und natürlich zum Lesen. Hörbuch gibt es auch sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch, genau wie das Paperback.

    Ich höre lieber die englische Fassung, die ist sehr gut gesprochen. Die deutsche war etwas gewöhnungsbedürftig, aber wenn dir Deutsch lieber ist, du solltest wirklich alles richtig gut verstehen können. In dem Buch kommt es auch darauf an, dass man sich wirklich die Tricks abguckt. Und deshalb habe ich dir jetzt einen Trick mitgebracht, der total einfach ist und unglaublich viel mit menschlicher Psychologie zu tun hat.

    Wir Menschen sind, wenn wir keine Reaktion, keine direkte Reaktion des anderen bekommen, häufig geneigt, selber weiterzureden. Wenn ich irgendwo hinkomme und jemandem eine Frage stelle und der gibt darauf nur eine kurze Antwort, dann versuche ich ihm das noch mal zu erklären oder versuche in irgendeiner Form mich zu erklären. Wir Menschen können nicht so gut häufig mit losen Enden umgehen oder mit Dingen, die nicht ganz geklärt sind.

    Da neigen wir Menschen dazu zu reagieren. Und genau darauf basiert diese Technik.

    Stell dir vor, dein Chef kommt rein und will irgendwas Werides von dir, und du wiederholst einfach nur ganz ruhig und sachlich seine letzten drei Worte. Oder, wenn das nicht die wichtigsten waren, weil er unglaublich ausschweifend ist, dann die drei wichtigsten Worte. Es gibt ja auch gleich noch ein Beispiel, aber das ist doch eigentlich relativ simpel, oder?

    Du schreist nicht zurück, du sagst die nicht mal irgendwie aggressiv oder irgendwas. Ganz ruhig und entspannt mit leicht fragendem Ton. Und dann bleibst du still. Und wenn du es schaffst selber, diese Pause, diese Ruhe, die danach erst mal folgt, durchzuhalten, dann hast du eine extrem große Chance, dass er anfangen wird zu reagieren und sich selbst zu rechtfertigen für das, was er vorher gesagt hat.

    Praktisch, oder?

    Dann brauchst nicht du dich zu rechtfertigen auf Basis dessen, was er gesagt hat, sondern wahrscheinlich fängt er an, sich selbst zu rechtfertigen.

    Ein Beispiel, weil ein Bekannter das ausprobiert hat bei seinem Chef, und da wir ja hier viel auch über Arbeit reden, wollte ich dir gerne ein Beispiel aus der Arbeitswelt präsentieren. Und da ich ja selber gerade so tiefenentspannt nicht in einer Firma bin, konnte ich das schlecht ausprobieren in der Arbeitswelt. Aber tatsächlich, ein Bekannter hat das ausprobiert in einem Arbeitsumfeld in einem klassischen, und er war in einer total stressig hektischen Situation. Und dann kommt der Chef ganz gemütlich rein und sagt, so, der andere Kollege, der ihm eigentlich hätte helfen sollen, und er, der Chef, sie gehen jetzt auf eine Feier, weil die sei wichtig, und der Kollege würde da jetzt Piano spielen.

    Und was macht mein Bekannter? Ihn angucken und ihm direkt zurücksagen: Ihr geht Piano spielen?

    Woraufhin der Chef ihn anguckt, nicht so genau weiß, was er sagen soll, er stand da und fing an, sich zu rechtfertigen. Das sei jetzt so geplant.

    Und mein Bekannter konnte ihn ganz entspannt zurück angucken, und er fing immer weiter an, sich, der Chef fing immer weiter an, sich zu rechtfertigen, warum sie das jetzt so gemacht haben.

    Natürlich gab es da, das war eine stressige Situation, in der der Bekannte stand, und der Chef dann auch eingesehen, dass das nicht so klug war, wenn jetzt er den anderen Kollegen und sich selber aus der Mannschaft zieht.

    Aber du siehst, es braucht keine Antwort. Man muss nicht sagen: Ja, was soll das? Und ich finde das doof, dass ihr jetzt da hingeht. Oder so.

    Nö, ist überhaupt nicht nötig. Hätte höchstens vielleicht sogar noch für Diskussionen oder Stunk gesorgt.

    Und einfach nur die letzten drei Worte oder eben die wichtigsten drei Wörter, die das zusammenfassen, zurückspiegeln. So heißt die Technik übrigens auch: Mirroring, spiegeln.

    Und das ist eine unglaublich mächtige Technik. Basiert auf ganz simplen menschlichen Bedürfnissen danach, doch dann noch mal zu reagieren. Und wenn du es schaffst, diese wichtigsten drei Wörter zurückzugeben, dabei entspannt zu bleiben und die Ruhe danach auszuhalten, dann wirst du sehen, wie die Magie anfängt zu wirken.

    Und wenn du das ein paar Mal ausprobiert hast, dann wirst du mir wahrscheinlich zustimmen, dass es ein geradezu unfairer Vorteil ist, wenn man dieses Buch gelesen hat und diese Techniken anwenden kann.

    Geht übrigens auch im Privatumfeld, nicht nur im Geschäftsumfeld. Geht nicht nur bei Verhandlungen, sondern in allen Situationen, in denen man Gespräche führt.

    Chris Voss demonstriert einige dieser Techniken auch zum Beispiel an der Situation, dass er sich ein neues Auto kaufen will. Da hat er dann noch ein paar andere Tricks, aber es ist alles richtig schön erklärt in dem Buch.

    Du findest es in den Shownotes. Probier den Trick doch einfach mal aus, wenn nächstes Mal jemand mit irgendeiner Nonsens-Sache zu dir kommt.

    Damit – ich überlege gerade, ob mir dazu eine sinnvolle Frage zum Abschluss einfällt. Aber ich glaube, gerade ich bin nicht so gemütlich müde hier heute Abend, laufe durch diese herbstlichen Blätter, bin froh, dass da hinten noch ein paar Straßenlampen leuchten und ich nicht ganz tief reingelaufen bin in den Wald.

    Nö, ich glaube gerade fällt mir einfach gar keine Frage dazu ein. Morgen gibt es, denke ich, wieder eine Frage.

    Ich wünsche dir einen wundervollen Abend. Mach's gut, bis morgen.

    Literatur:

    Never Split the Difference: Negotiating as if Your Life Depended on It Taschenbuch – 23. März 2017 Englisch Ausgabe   von  Chris Voss  (Autor), Tahl Raz  (Autor)

    Voss, C., & Raz, T. (2017). Kompromisslos verhandeln: Die Strategien und Methoden des Verhandlungsführers des FBI. München: Ullstein Taschenbuch.

    Disclaimer:

    Dieser Podcast ist ein virtueller Spaziergang und dient ausschließlich der Information und Inspiration. Die Inhalte stellen keine Psychotherapie, kein Coaching und keine professionelle Beratung dar und ersetzen diese auch nicht.

    Alle hier formulierten Aussagen sind wissenschaftlich recherchiert. Die entsprechenden Referenzen und Quellen findest du im Anhang der Show Notes zu dieser Folge.

    Ich übernehme keine Verantwortung für die Richtigkeit der wissenschaftlichen Aussagen oder deren Anwendung. Die Inhalte dieses Podcasts sind nicht als Anleitung zu verstehen, etwas Bestimmtes zu tun, sondern dienen rein der Inspiration und Anregung zum Nachdenken.

    Bei gesundheitlichen oder psychischen Problemen wende dich bitte an entsprechende Fachkräfte oder Beratungsstellen.

    12 min
  • Meeting Kontrolle. Kann Angst vor Kontrollverlust Meetings sprengen?

    Spazierung 48. Meeting Kontrolle. Kann Angst vor Kontrollverlust Meetings sprengen?

    Hallo und herzlich willkommen bei Walk & Talk mit Ida. Heute, durch starken Regen draußen, lade ich dich ein in mein Arbeitszimmer. Ich habe es ausprobiert: wenn es draußen stark regnet, dann ist es wirklich total laut und du verstehst mich kaum mehr. Deshalb werden wir ab jetzt, gerade im Winterhalbjahr, ab und an mal gemütlich in meinem Arbeitszimmer sitzen.

    Und wenn es vom Wetter her passt, gehen wir zusammen draußen spazieren im Westerwald. Heute möchte ich mal anfangen, die psychologischen Aspekte von unkonstruktiven und unproduktiven Meetings zu beleuchten. Das mache ich wieder aus der Idee von dem System der inneren Familie heraus. Das habe ich schon mal ein bisschen mit dir besprochen und ich werde es aber auch heute nochmal erklären, denn mir ist wichtig, dass du jeden Spaziergang mit mir zusammen einzeln genießen kannst und nicht immer erstmal alle Folgen gehört haben musst, bis du hierher kommst.

    Ich hatte jemanden mal kennengelernt und über den Podcast gesprochen und gesagt, ich will was über Meetings machen. Und er sagte: Boah, wir haben hier auf unserer Behörde so schrecklich viele Meetings, die so sinnlos sind und die zu nichts führen, und da hätte man auch ein Memo schreiben können. Denn wenn ich in das Meeting gehe, dann sitzt da einfach nur einer und redet die ganze Zeit. Und das hätte ich mir auch komplett sparen können.

    Und dann dachte ich mir: Ja, das nehme ich gleich mal mit. Da gibt es nämlich verschiedenste Gründe, warum sowas auftritt, dass jemand im Meeting die ganze Zeit nur redet. Und ich möchte dir hier mal den ersten Grund, nämlich die Angst vor dem Chaos, heute erklären und hoffe, dich dazu zu inspirieren, dass du diese Menschen, die das machen, mit Mitgefühl betrachten kannst.

    Denn Mitgefühl ist eines der größten Stärken der Menschen. So wie wir gemacht sind als soziale Wesen, und Meetings eigentlich zur Stärke und zur Kultur des Menschen gehören. Wenn wir uns nicht so viel verständigen könnten, miteinander abstimmen könnten und es nicht über Jahrhunderttausende geübt hätten, dann wären wir wahrscheinlich gar nicht so weit gekommen, wie wir sind.

    Aber auch Mitgefühl ist eine unserer großen Stärken, und vielleicht schaffst du es mit mehr Mitgefühl auf diese Menschen zu schauen, die da sitzen und die ganze Zeit nur reden.

    Heute, inspiriert von jemandem aus einer Behörde, die Frage: Warum ist da jemand, macht ein Meeting, das völlig sinnlos ist und redet dann noch die ganze Zeit? Mit der Angst vor dem Chaos.

    Stell dir vor, du hast irgendwann in deinem Leben mal erlebt, dass du einen Kontrollverlust hast, dass da um dich herum Chaos ist und du damit nicht zurechtkommst. Das kann zu verschiedensten Zeitpunkten im Leben gewesen sein, das kann man gar nicht sagen. Das muss nicht die Kindheit oder Jugend gewesen sein, auch wenn es das häufig ist.

    Und dieses Erlebnis formt im Menschen eine Art Rucksack mit Erinnerungen, mit auftretenden Gedanken. Die können Gedanken, Gefühle, körperliche Symptome auslösen. Und im System der inneren Familie, in der man davon ausgeht, dass jeder Mensch ganz, ganz viele Teile hat, aber dass jeder Teil von sich aus immer gut ist und Gutes will – dass so ein Teil so lieb ist, diesen Rucksack, nenne ich es mal, mit diesen unverdauten Erinnerungen und diesem unverdauten traumatischen Erlebnis sozusagen mitzunehmen. Und diese Art von Teil, der diesen Rucksack trägt, den nennen wir dann Exile.

    Weil er durchaus im System, im Menschen, in dem es sehr viele Teile gibt, zu starken Reaktionen führen kann in dem Moment, wo dieser Rucksack, diese Bürde getriggert wird. Wo man wieder in eine Situation kommt, in der man Angst hat, die Kontrolle zu verlieren.

    Damit das möglichst nicht passiert oder wenn es passiert, es möglichst wenig Schaden auslöst, gibt es andere Teile im System der inneren Familie. Die einspringen, die nur Gutes wollen für den Menschen, dessen Teil sie sind. Sie werden zu Managern oder zu Brandbekämpfern. Manager kümmern sich proaktiv um Probleme, so wie auch in Firmen. Brandbekämpfer sind reaktiv, so wie wir es auch aus dem täglichen Leben kennen.

    Diese Teile sind ganz normale Teile, gute, richtige Teile eines Systems. Im System der inneren Familie, in der Therapie mit dem System der inneren Familie geht man davon aus, dass es neben dem Selbst – man könnte das vielleicht auch einfach als eine Art Seele sehen, im IFS heißt es Selbst – neben diesem Selbst, das kein Teil ist und gekennzeichnet wird von Qualitäten wie Mut, wie Neugierde, wie Mitgefühl, Ruhe, dass von diesen Qualitäten und noch mehr Qualitäten gekennzeichnet wird, gibt es eben die Teile. Und die Teile beeinflussen sehr, sehr häufig unser Verhalten.

    Wie gesagt, es gibt sehr viele Teile, ganz viele davon sind ganz liebe, unterstützende Teile. Und auch die Teile, die wir als schwierig erfahren, sind liebe, unterstützende Teile. Es sind Manager, es sind Brandbekämpfer oder eben Exiles, die die Bürde tragen in ihrem Rucksack.

    Soviel zur kurzen Einführung zum System der inneren Familie.

    Und jetzt kommen wir mal auf die Frage: Was ist, wenn ich da tatsächlich diesen Kontrollverlust erlebt habe? Das ist unser erster Grund, warum jemand ein Meeting ansetzt und dann die ganze Zeit redet. Oder er kommt in ein Meeting, das er nicht mal selbst angesetzt haben muss in diesem Falle, und redet einfach die ganze Zeit.

    Wir werden in den nächsten Wochen noch das System, das Angst vor Blamage hat, kennenlernen übrigens, und das System, das Angst vor Bedeutungslosigkeit hat. Alles Gründe, warum Menschen das ganze Meeting sprengen, indem sie die ganze Zeit reden. Aber heute geht es um die Angst vor dem Chaos, nur damit du eine Idee hast. Es gibt da noch mehr Gründe, warum Menschen sowas machen. Die besprechen wir aber noch wann anders.

    Wenn ich einen Teil in mir habe, der diese Bürde trägt mit dieser Kontrollverlustangst, dann kann es sein, dass ich einen proaktiven Manager habe. Und dieser Manager, der sorgt dafür, dass ich von Anfang an eine überdetaillierte Agenda mache. Dass ich total penibel bin. Dass ich keine Lücke zulasse. Dass ich alles komplett durchplane. Weil Chaos ist mein größter Feind, davor habe ich Angst. Ich tue alles, um dafür zu sorgen, dass nichts schief gehen kann. Dass ich alles unter Kontrolle habe.

    Wenn ich Angst vor Kontrollverlust habe, dann werde ich im Grunde einen Manager haben, der darauf reagiert, indem er ein Kontrollfreak ist. Gut, das klingt negativ. Manager sind nicht negativ. Wie kann ich es besser sagen? Der ein Kontrollfreak Mensch. Ich habe einen Teil in mir – es ist echt schwer, dafür gute Worte zu finden, du siehst, wie sehr ich da rumeiere. Der Manager meint es gut. Er ist ein Kontrolltyp, dieser Manager.

    Und tut alles, dass dieses Meeting nicht schief gehen kann. Unter anderem, notfalls eben die ganze Zeit reden. Er hat das Meeting so unter Kontrolle und denkt, wenn ich die ganze Zeit durchrede, die ganze Zeit alles im Griff habe, dann kann eben nichts aus der Kontrolle laufen, dann kann kein Chaos entstehen, vor dem ich Angst habe. Kannst du dich da ein bisschen reindenken, ein bisschen reinfühlen?

    Wenn ich ganz tolle Angst vor Chaos habe, dann tue ich alles, um dieses Meeting zu beherrschen, zu kontrollieren, um meine eigene Angst nicht nach oben kommen zu lassen.

    Das Zweite ist dann die Rolle des Brandbekämpfers. Die beiden können übrigens gemeinsam auftreten. Der Manager sorgt von Anfang an schon dafür, dass möglichst kein Grund ist für Chaos. Sollte doch irgendetwas rauskommen, was ich als Chaos empfinde, kann es sein, dass ich noch heftiger versuche, die Situation zu kontrollieren.

    Es kann aber auch sein, dass ich gar nicht so sehr einen Manager habe, der hier arbeitet. Ich bin erstmal ganz entspannt und alles ist ganz locker. Und dann kommt eine Situation, in der ich das Gefühl habe, dass es chaotisch wird. Das kann sein, dass einfach jemand eine andere Meinung hat oder die Regeln, die ich am Anfang aufgestellt habe, da will jemand was anderes machen. Jemand hat einen alternativen Vorschlag, eine alternative Methode, irgendetwas passiert und das triggert in mir die Angst vor dem Chaos.

    Und in dem Moment, dass ich getriggert werde und dieser Exil beginnt – der Teil mit dem Rucksack, der Teil mit der Angst – sich zeigt, sich meldet, dann springt der Brandbekämpfer ein. Der will helfen. Das ist niemand, der den anderen schaden möchte. Das ist, was häufig, wenn man in so einem Meeting sitzt und da ist einer, der entweder von Anfang an oder irgendwann zwischendurch auf die Idee kommt, das ganze Meeting zu beherrschen, die ganze Zeit Dinge zu regeln, die ganze Zeit Dinge zu kommandieren, zu machen, zu tun, zu beherrschen, die ganze Zeit zu reden – kommt man als Teilnehmer in so einem Meeting schnell auf die Idee, dass derjenige vielleicht was Schlechtes will, dass der denkt, die anderen sind verkehrt, die anderen sind doof, dies oder jenes.

    Im Normalfall ist das gar nicht unbedingt so. Ist das gar nicht unbedingt so, sondern derjenige hat Angst. Und deshalb sage ich, wir dürfen mit Mitgefühl auf diesen Menschen schauen, da positiv drauf schauen, wissen, dass er mit sich selber kämpft. Diese Leute kämpfen nicht gegen dich, die kämpfen nicht gegen die Gruppe, die kämpfen mit sich selber in dem Moment. Und ich finde, das verdient unser größtes Mitgefühl, dass diese Menschen so hart mit sich gerade kämpfen.

    Das heißt, egal ob es ein Manager ist, der von vornherein versucht, das System zu beherrschen, weil er Angst hat vor Chaos, oder ein Brandbekämpfer, der dann einspringt, wenn irgendwas sich so ändert, dass diese Angst nach oben kommt und er danach das Meeting beherrscht – in beiden Fällen versuchen nur diese Teile das eigene innere System zu beschützen.

    Insofern hoffe ich, dass dir das ein bisschen was über Menschen erklärt, die Angst vor dem Chaos haben, und du in Zukunft tatsächlich mit mehr Mitgefühl in so einem Meeting sitzen kannst. Das heißt nicht, dass das gut ist. Das heißt nicht, dass das richtig ist, dass die Meetings so laufen. Ich versuche dich hier vor allem zu inspirieren, eine andere Haltung einzunehmen.

    Sagen wir mal, wenn du sowieso schon drin sitzt, und auf der anderen Seite, vielleicht erkennst du ein kleines bisschen von diesem Menschen mit Angst vor dem Chaos in dir. Und vielleicht hilft dir meine Erklärung auch ein kleines bisschen, anders auf dich selber zu schauen, mit Mitgefühl auf dich selber zu schauen, auf den Kampf, der da in dir ist, auf diese harte Arbeit, die deine Teile in dir machen. Heißt nicht, dass das gut und richtig ist und dass nicht jeder Mensch sich weiterentwickeln darf, aber all die Teile im Menschen wollen Gutes für das System.

    Und damit komme ich zu meiner Frage des Tages. Und die Frage ist: Wann hast du schon mal bemerkt in dir, dass du es geschafft hast, entspannt zu bleiben? Da ist was, das triggert dich. Vielleicht ist es Chaos, vielleicht ist es eines der anderen Sachen, die wir noch besprechen werden, wie Angst vor Bedeutungslosigkeit, Angst vor Blamage und ähnliches. Aber du hast es geschafft, entspannt zu bleiben. Und woran hast du das gemerkt? Dass es diesmal anders war. Dass du diesmal viel entspannter warst als sonst in einer ähnlichen Situation.

    Und mit diesem hoffentlich positiven Gedanken an diese entspannte Situation und daran, wie du sie erkennst, würde ich sagen, ich wünsche dir noch einen wundervollen Tag und wir sehen uns morgen. Mach's gut!

    Literatur:

    Schwartz, R. C., & IFS-Europe e. V. (2024). Das System der Inneren Familie: Einführung in die IFS-Therapie – Ein Weg zu mehr Selbstführung (Erw. Neuausg.). München: Kösel-Verlag.

    Schwartz, R. C., & Morissette, A. (2022). Kein Teil von mir ist schlecht: Mit dem Modell des inneren Familiensystems (IFS) Trauma heilen und zur Ganzheit zurückfinden. München: Kösel-Verlag.

    Disclaimer:

    Dieser Podcast ist ein virtueller Spaziergang und dient ausschließlich der Information und Inspiration. Die Inhalte stellen keine Psychotherapie, kein Coaching und keine professionelle Beratung dar und ersetzen diese auch nicht.

    Alle hier formulierten Aussagen sind wissenschaftlich recherchiert. Die entsprechenden Referenzen und Quellen findest du im Anhang der Show Notes zu dieser Folge.

    Ich übernehme keine Verantwortung für die Richtigkeit der wissenschaftlichen Aussagen oder deren Anwendung. Die Inhalte dieses Podcasts sind nicht als Anleitung zu verstehen, etwas Bestimmtes zu tun, sondern dienen rein der Inspiration und Anregung zum Nachdenken.

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    15 min
  • Jung denken. Kannst du dich wieder jung denken?

    Spaziergang 47: Jung denken. Kannst du dich wieder jung denken?

    Hallo und herzlich willkommen bei unserem gemeinsamen Spaziergang. Schön, dass du wieder dabei bist. Heute geht es wieder um ein Thema, das mit jünger werden zu tun hat. Ja, tatsächlich, meistens wird man ja eher älter. Aber eine Technik, um in gewisser Weise wieder eher jünger zu werden, hatte ich dir ja schon vorgestellt, mit der kleinen Übung, die du auch am Montag von mir bekommen hast.

    Und heute geht es um eine rein mentale Geschichte. Du musst nicht mal üben. Du darfst dich nämlich in deine Jugend zurückversetzen. Ja, tatsächlich. Je nachdem wie alt du bist, so etwa 20 Jahre in die Vergangenheit. Aber nicht so, als ob du jetzt plötzlich nur in nostalgischen Erinnerungen schwelgst, sondern du darfst Musik anmachen aus der Zeit, du darfst dir Fotos angucken, Künstler angucken aus der Zeit, alles Mögliche. Und du darfst - das ist das Schönste - dich so verhalten wie damals.

    Wenn du gerne getanzt hast, dann geh tanzen, geh springen, geh singen, was auch immer du damals gerne gemacht hast. Und mit ein bisschen Glück wirst du Stück für Stück tatsächlich auf deine Art jünger. Das hat man ausprobiert und das ist schon 1981 gewesen. Die Studie ist total alt, aber ich finde sie so unglaublich gut, dass ich dir trotzdem heute davon erzähle, weil es nämlich einfach so einfach und schön ist.

    Man hat eine Gruppe von - das waren damals Männer, acht Männer - zusammen in ein, sagen wir, ein großes Ferienhaus. Wäre heute wahrscheinlich das Äquivalent. Ich glaube, das war ein umgebautes Kloster. Aber das spielt nicht so viel dabei. Und man hat alles dekoriert wie 22 Jahre früher. 1981, das heißt, das war dann 1959. Das heißt, man hat Musik aus der Zeit gespielt, überall waren Poster von Filmen von der Zeit, von der Deko her war es wie in der Zeit. Alles dort hat die Leute komplett an die Zeit erinnert.

    Und jetzt darfst du dir vorstellen, die Leute, diese acht Männer, die da hingegangen sind, die waren 70, 80, 90 Jahre alt und hatten auch die entsprechenden Gebrechen. Man war nicht mehr so gut zu Fuß oder der Hüfte und im Rücken und überall. Viele liefen am Stock und nachdem sie fünf Tage in diesem Kloster - aber wie gesagt, stell dir einfach eine Art Ferienhaus vor - waren, waren sie wesentlich fitter. Man hat sie natürlich vorher untersucht, man hat sie nachher untersucht und man hat festgestellt, dass sie irgendwann mal angefangen haben, Fußball zu spielen.

    Weil 20 Jahre vorher oder 22 Jahre vorher hat man das ja auch gemacht. Und da sind die Krücken weggeflogen sozusagen und man hat gemeinsam Sport gemacht. Etwas, was man sich vorher gar nicht vorstellen hätte können. Danach, um das Ganze gut zu untersuchen, hat man eine ähnliche Gruppe - gleiche Altersgruppe, gleiche Beschwerdenbilder - in denselben Ort geschickt, aber mit einer Deko und Musik und allem, die zur, naja, dann 1981 gepasst hat.

    Die modernste Musik, die modernsten Farben, die modernsten Poster, sodass die Leute wirklich diese fünf Tage komplett im Jahr 1981 verbracht haben und eben nicht im Jahr 1959. Das Resultat: Bei den Leuten hat sich gar nichts geändert.

    Wenn du deine Jugenderinnerungen auspackst, die Bands hörst, die du damals gehört hast, die Lieder mitsingst und mittanzt und vielleicht auch noch ein altes T-Shirt rauskramst, was du damals anhattest, dann könnte es sein, dass du dich auch insgesamt fitter und jünger fühlst.

    Mir ist das als Physiotherapeutin aufgefallen häufig, weil man kriegt das - zumindest vor, das war vor 15 Jahren, war das auch schon lange her, meine ersten Patienten damals - da kriegte man so eine Akte in die Hand gedrückt und da stand ein Geburtsdatum drauf und das konnte man ja dann einsortieren. Es war vielleicht jemand, der war so alt wie die eigene Mutter oder vielleicht jemand, der war genauso alt wie ich.

    Und dann kam der Mensch hinein. Und häufig, gerade bei meinen Patienten, war ich total überrascht, wie entweder sie deutlich älter mir vorkamen als dieses Geburtsdatum oder überraschend jung. Gleiches Geburtsalter und die Leute waren so unterschiedlich, so massiv unterschiedlich. Und ich hatte immer das Gefühl, dass man es auch so an diesen klassischen Problemen sieht.

    Die, die eher wesentlich jünger rüberkamen, die hatten eher eine Sportverletzung oder sowas. Und die, die mir wesentlich älter vorkamen, die hatten ganz oft so die Klassiker: Rücken, Nacken, sehr gestresst und waren nicht gut in ihrer Haut. Und von ihrem Leben waren häufig nicht glücklich im Leben. Und da scheint schon was dran zu sein, wie jung oder alt man mit dem gleichen Geburtsdatum ist, je nachdem wie man sich fühlt.

    Und was sorgt dafür, dass du dich wieder jünger fühlst? Na, im besten Falle, wenn du dich an die Studie erinnerst, dass du dich identifizierst mit der Art und Weise, wie du damals warst - nur mit dem Vorteil, dass du jetzt wesentlich mehr Erfahrung hast. Ist doch eigentlich herrlich, oder?

    Ich denke immer, ich fühle mich sowieso immer viel jünger als ich bin. Ich bin Anfang 40 und ich finde es herrlich, Anfang 40 zu sein, weil ich fühle mich körperlich und geistig wie, weiß ich nicht, Ende 20. Aber ich habe die Erfahrung von Anfang 40. Das ist fantastisch. Naja gut, so viel dazu.

    Ich kann es dir nur empfehlen. Und daher würde ich sagen, die Frage des Tages ist dann passenderweise: Was sorgt dafür, dass du dich auf positive Weise jünger fühlst und woran erkennst du das dann, dass du dich auf gute Weise jung und fit fühlst?

    Und damit wünsche ich dir noch einen schönen Abend, einen wunderbaren Tagesausklang und freue mich, dich morgen hier wieder mit dabei zu haben.

    Literatur:

    Langer, E. J. (2009). Counterclockwise: Mindful health and the power of possibility. Ballantine Books.

    Langer, E. J. (1989). Mindfulness. Addison-Wesley.
    Dispenza, J. (2014). Du bist das Placebo: Bewusstsein wird Materie. Koha-Verlag.

    Disclaimer:

    Dieser Podcast ist ein virtueller Spaziergang und dient ausschließlich der Information und Inspiration. Die Inhalte stellen keine Psychotherapie, kein Coaching und keine professionelle Beratung dar und ersetzen diese auch nicht.

    Alle hier formulierten Aussagen sind wissenschaftlich recherchiert. Die entsprechenden Referenzen und Quellen findest du im Anhang der Show Notes zu dieser Folge.

    Ich übernehme keine Verantwortung für die Richtigkeit der wissenschaftlichen Aussagen oder deren Anwendung. Die Inhalte dieses Podcasts sind nicht als Anleitung zu verstehen, etwas Bestimmtes zu tun, sondern dienen rein der Inspiration und Anregung zum Nachdenken.

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    8 min

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