Wiarda wundert sich

Wiarda wundert sich

By Jan-Martin WiardaScienceEducation
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Wiarda wundert sich episodes

  • Wiarda wundert sich_33_Kroemer
    Der Fragensteller-Podcast mit Jan-Martion Wiarda

    WOVON WILL BERLIN IN ZEHN JAHREN LEBEN? Nicht vom Länderfinanzausgleich, sagt Heyo Kroemer. Berlin müsse sich entscheiden, wo und wie es wissenschaftlich und wirtschaftlich an die Spitze wolle. Im Biomedizinbereich habe die Stadt dafür hervorragende Voraussetzungen, sagt der Vorstandsvorsitzende der Charité im Gespräch mit Jan-Martin Wiarda. Doch im Vergleich mit führenden Standorten in Süddeutschland fehle es der Berliner Politik an Ambition.

    Kroemer ist seit 2019 Chef der Charité und seit Juli auch Sprecher der Berlin University Alliance (BUA), des Exzellenzverbundes von FU, HU, TU und Charité. In einer neuen Folge von "Wiarda wundert sich" spricht er darüber, was aus dem wissenschaftspolitischen Aufbruch Berlins der Zehnerjahre geworden ist – und wie die Stadt zu neuem Ehrgeiz kommt.

    Beispiel BUA: Sie hat ihren Titel als Exzellenzverbund verteidigt und laut Kroemer ihre sieben Jahre dauernde Organisations- und Findungsphase hinter sich. Doch bei der letzten Exzellenz-Begutachtung sei eine Frage besonders hängen geblieben: "Warum haben Sie aus dieser Berlin University Alliance politisch nicht mehr gemacht?" Kroemers Folgerung: Die BUA müsse sich stärker in gesellschaftliche Debatten einmischen, einige zentrale Herausforderungen auswählen und dafür die besten Köpfe ihrer vier Einrichtungen zusammenbringen.

    Die Spitzenwissenschaftler von FU, HU, TU und Charité unter einem Dach: Wird damit die den Berliner Universitäten verhasste Idee einer Berliner Superuni wiederbelebt? Kroemer winkt ab. Ihm schwebt keine neue Oberstruktur vor, eher ein Forum, das je nach Thema die passende Expertise bündelt. Bislang sei das nur eine Überlegung. Die wissenschaftliche Breite dafür sei in Berlin einzigartig.

    Wie dringend die gesellschaftlichen Fragen sind, zeigt für Kroemer auch das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der die AfD auf 44 Prozent kam und nach dem Amt des Ministerpräsidenten greifen will. Kroemer warnt zwar davor, daraus gleich einen internationalen "Ansehensruin" Deutschlands abzuleiten. Ihn frappiere aber die "ubiquitäre politische Hilflosigkeit" angesichts einer Entwicklung, die keineswegs aus heiterem Himmel gekommen sei. Wie die Politik jetzt reagieren sollte, sieht Kroemer allerdings anders, als manche vielleicht erwarten würden.

    Ein solches Thema könnte für Kroemer die weitere Entwicklung der künstlichen Intelligenz und ihre Folgen für Gesellschaft und Politik sein. Kroemer hat für die Leopoldina an einem Papier über agentische KI im Gesundheitswesen mitgeschrieben. Erkennt die KI etwa einen Herzinfarkt, könnte sie selbstständig das zuständige Team verständigen, freie Ressourcen prüfen, die Diagnostik koordinieren, die Dokumentation vorbereiten und den Behandlungsverlauf überwachen. Solche Abläufe hält Kroemer schon heute für technisch vorstellbar. Und was bleibt dann eigentlich noch für den Arzt? Krömers Antwort fällt überraschend optimistisch aus.

    Dazu kommt die Demografie: Innerhalb von etwas mehr als zehn Jahren werde rund ein Drittel der Beschäftigten im Gesundheitssystem in Rente gehen, rechnet Kroemer vor. Zugleich werde eine alternde Bevölkerung mehr medizinische Leistungen benötigen. Ein Drittel weniger Personal bei gleichzeitig mehr Behandlungsbedarf – Kroemer setzt deshalb auf Digitalisierung und KI, um diese Lücke zumindest teilweise aufzufangen.

    Doch Deutschland sei zu langsam. KI entwickle sich teilweise "mit Zeitkonstanten von Stunden", Gesetze und Verordnungen dagegen in Monaten und Jahren. Europa schaue zudem oft zuerst auf Risiken und verhindere damit Innovationen, die Patienten nutzen könnten.

    Für Kroemer wiederholt sich hier ein Muster: Deutschland kenne viele seiner großen Herausforderungen seit Jahrzehnten, handle aber oft erst, wenn der Veränderungsdruck unabweisbar werde. Das gelte für Demografie, Rente und Gesundheit. Nun wachse der Druck durch schwache Staatsfinanzen, wirtschaftliche Probleme und die geopolitische Lage. Entsprechend lautet auch Krömers Antwort auf die Frage, was er sich wünschen würde, wenn er nur einen Wunsch an die Politik frei hätte: Mehr Entscheidungsmöglichkeiten für die Institutionen selbst, weniger Bürokratie – "more freedom to operate".

    Warum Kroemer Deutschland bei der Gesundheitssicherheit weit hinter anderen Ländern sieht, wo er im Krankenhauswesen tatsächlich sparen würde – und vor welcher politischen Reaktion auf den AfD-Erfolg er warnt: auch darüber spricht er in der neuen Folge von "Wiarda wundert sich".

    38 min
  • Wiarda wundert sich_32_Herr Lehrerin
    Der Fragensteller-Podcast

    DIE KINDER SIND NUN MAL DA. Sie kommen aus der Ukraine, aus Syrien, Rumänien oder Moldawien, manche können lesen und schreiben, andere kaum, manche haben jahrelang eine Schule besucht, andere fast nie. Wenn sie in Deutschland ankommen, landen viele von ihnen zunächst in einer Willkommensklasse. Aber wie gut funktioniert dieses System? Wie bringt man Kindern gemeinsam Deutsch bei, deren Voraussetzungen kaum unterschiedlicher sein könnten? Und wie viel Gelassenheit braucht es, damit Schule unter solchen Bedingungen funktioniert?

    Einer, der davon erzählen kann, nennt sich "Herr Lehrerin". Seinen wirklichen Namen verrät er nicht, weil er seinen Job weiter in Ruhe machen möchte. Er ist Quereinsteiger und unterrichtet seit vier Jahren Deutsch in einer Willkommensklasse. Jetzt hat er ein Buch über seinen Schulalltag geschrieben: "Komm, ist Spaß, Herr Lehrerin. Der ganz normale Ausnahmezustand vom Schulalltag zwischen den Kulturen".

    In einer neuen Folge von "Wiarda wundert sich" erzählt Herr Lehrerin von einem System, das Zuwanderung noch immer ein Stück weit als Ausnahme behandelt. Von Willkommensklassen, die räumlich und organisatorisch am Rand der Schulen liegen. Von Kindern, deren Familien Schule aus ganz anderen Gründen fernbleiben, als Debatten über "Schulverweigerer" vermuten lassen. Und von Lehrkräften, die jeden Tag neu entscheiden müssen, welche Regeln unbedingt gelten – und welche man besser nicht zum alles entscheidenden Prinzip erhebt.

    Herr Lehrerin sagt, ihn fasziniere an seiner Arbeit gerade das Unberechenbare. Er habe "ein bisschen Sinn für den ganzen Wahnsinn". Für die unterschiedlichen Biografien und Sprachverwirrungen, für überraschende Begegnungen und auch für die Absurditäten eines Systems, das es den Kindern manchmal unnötig schwer mache.

    Beispiel Unterrichtsplanung: In der Sprachdidaktik, sagt Herr Lehrerin, gebe es genaue Vorstellungen davon, wann welche grammatische Form eingeführt werden sollte. Das Perfekt, erzählt er, sei demzufolge eigentlich erst später vorgesehen. Für ihn kollidiere das mit dem Alltag. Schließlich redeten die Kinder jeden Morgen darüber, was sie am Tag zuvor erlebt hätten. "Das Kind hat doch ein Recht auf Vergangenheit", sagt er. Und auch ein Anfänger könne sagen: "Ich habe Döner gegessen."

    Viel von seinem Umgang mit den Kindern lässt sich daran ablesen. Regeln sind wichtig, aber eben nicht wichtiger als die Kinder. Und manchmal hilft Improvisation mehr als das Festhalten am Plan.

    Das gilt auch für Gewalt und Sprache. Bei regelmäßiger Gewalt, Rassismus oder Antiziganismus müsse man klar einschreiten, sagt Herr Lehrerin. Aber wer aus jedem Streit und jedem Schimpfwort eine pädagogische Großintervention mache, komme nicht mehr zum Unterrichten. Würde er bei bestimmten Kraftausdrücken "Zero Tolerance" praktizieren, schreibt er in seinem Buch, bliebe vor allem: "Zero Unterricht".

    Dann sind da Kinder, die während der Schulzeit zu Behördenterminen mitmüssen, weil ihre Eltern kein Deutsch sprechen – mitunter sogar auf Verlangen der Behörden. Auch darin zeigt sich für Herr Lehrerin ein Widerspruch in den Diskussionen über Schuldistanz: Wie überzeugend vermittelt der Staat den Kindern eigentlich wirklich, dass er sie unbedingt in der Schule haben will?

    Herr Lehrerin spricht durchgehend liebevoll über seine Schülerinnen und Schüler. Dabei ist er weder naiv noch zynisch. Er setzt klare Grenzen, bleibt aber neugierig auf ihre Eigenheiten, ihre Geschichten und ihren Witz. Von der verbreiteten Klage darüber, wie schwierig Kinder und Jugendliche heute seien, hält er wenig: "Es sind nun mal die Kinder, die jetzt da sind."

    Dazu passt die Geschichte vom "Gucci-God": Weil Caps im Unterricht verboten sind, verweisen einige Jungen auf das Kopftuch einer Mitschülerin, das diese aus religiösen Gründen tragen darf, und erklären kurzerhand, sie glaubten an den "Gucci-God". Ihre Kappen dürfen sie trotzdem nicht aufbehalten. Herr Lehrerin erzählt die Episode nicht als Kulturkampf, sondern mit einem Schmunzeln. Vielleicht, sagt er, müsse man nicht jede Beobachtung sofort zum gesellschaftspolitischen Großproblem erklären.

    Und diese Haltung prägt sein Buch. "Komm, ist Spaß, Herr Lehrerin" ist gerade kein Buch darüber, wie schlimm alles geworden ist. Ihn nerve dieses "wahnsinnig Problemorientierte", sagt Herr Lehrerin. Sein Pseudonym verdankt er übrigens seinen Schülerinnen und Schülern, bei denen irgendwann "Herr Lehrerin", "Frau Lehrerin" und "Frau Herr Lehrerin" durcheinandergingen. Die gewisse Unernsthaftigkeit darin gefalle ihm. Wer als Lehrkraft sein Selbstwertgefühl davon abhängig mache, dass jede Stunde funktioniere, sei schnell deprimiert. "Wenn man sich ein bisschen auf das Chaos einlässt, dann geht's."

    Ein Podcast über Willkommensklassen, die Widersprüche des Schulalltags und die Kunst, Probleme ernst zu nehmen, ohne sich von ihnen die Freude an den Menschen verderben zu lassen.

    Und wenn er einen einzigen Wunsch an die deutsche Bildungspolitik frei hätte? Keine Strukturreform, kein Förderprogramm. Herr Lehrerin wünscht sich: "mehr gute Laune".

    34 min
  • Wiarda wundert sich_31_Greiff
    Der Fragensteller-Podcast mit Jan-Martin Wiarda

    BALD IST WIEDER PISA. Am 8. September zeigt sich, ob Deutschlands 15-Jährige den jahrelangen Leistungsabstieg stoppen konnten – oder weiter zurückfallen. Wie gut können sie lesen, rechnen oder naturwissenschaftliche Zusammenhänge verstehen? Wie groß ist die Gruppe der besonders Leistungsschwachen? Und wo steht Deutschland nach einem Vierteljahrhundert PISA?

    Einer kennt die Ergebnisse schon, darf aber noch nicht darüber reden: Samuel Greiff, Psychologe, Bildungsforscher und Professor an der Technischen Universität München. Als Leiter des Zentrums für internationale Bildungsvergleichsstudien verantwortet er die deutsche Durchführung von PISA.

    Was PISA leisten kann, beschreibt Greiff in einer neuen Folge von "Wiarda wundert sich" mit einem Bild: "Im Dunkeln sehen alle Bildungssysteme gleich aus." Die Studie habe das Licht angeknipst. Plötzlich sei sichtbar geworden, wo Deutschland international stand, wie andere Staaten Bildung organisierten – und wie sich die Kompetenzen der Jugendlichen über die Zeit entwickelten.

    Der erste PISA-Schock traf Deutschland Ende 2001 mit voller Wucht: Beim Lesen, Rechnen und in den Naturwissenschaften fanden sich die deutschen Jugendlichen fast durchgängig im letzten Drittel der 32 Teilnehmerländer wieder, mehr als jeder fünfte gehörte beim Lesen zur Risikogruppe. Vor allem aber beendete PISA die Selbstgewissheit, Deutschland habe eines der besten Schulsysteme der Welt. Der Schock setzte ungeahnte Reformkräfte frei. Bis 2015 habe sich Deutschland "in die Spitzengruppe vorgearbeitet", sagt Greiff.

    Vom Aufstieg zum Rückfall

    Seitdem geht es aber wieder abwärts – und längst nicht nur bei PISA. Beim IQB-Bildungstrend 2021, der Viertklässler in Deutsch und Mathematik testete, lagen die Kinder je nach Kompetenzbereich ein Viertel- bis ein halbes Schuljahr hinter dem Stand von 2016. Bei den Bildungstrends 2022 und 2024 waren die Neuntklässler an der Reihe. 2022 stiegen zwar ihre Englischleistungen, doch die Deutschkompetenzen gingen binnen sieben Jahren je nach Bereich grob um ein bis zwei Schuljahre zurück. In Mathematik, Biologie, Chemie und Physik lagen die 2024 getesteten Jugendlichen je nach Fach etwa ein halbes bis ein Schuljahr hinter dem Stand von 2018.

    Könnten erneut schwache PISA-Ergebnisse überhaupt noch einen Schock wie 2001 auslösen? Oder hat sich Deutschland längst an solche Befunde gewöhnt? Greiff warnt vor einem Ritual: Eine neue Studie erscheint, die Zahlen sind ernüchternd, die Empörung ist groß, Bildung wird kurz zum wichtigsten Thema des Landes – "da machen wir im Endeffekt genauso weiter wie zuvor“.

    Das wäre fatal, sagt Greiff. Schließlich gehe es nicht nur um Ranglisten und Kompetenzpunkte. Es gehe darum, ob junge Menschen über die grundlegenden Fähigkeiten verfügten, die sie bräuchten, um sich aktiv und selbstbestimmt in der Gesellschaft zu bewegen. Damit gehe es "um nicht weniger als die Zukunftsfähigkeit unseres Landes“.

    Viele Probleme seien seit Jahren bekannt, mögliche Ansätze ebenfalls. Greiff greift dafür einen Satz auf, den er selbst als etwas plattgetreten bezeichnet: "Wir haben keine Erkenntnis, sondern ein Umsetzungsproblem." Eine Diagnose, die nicht dadurch falsch wird, dass sie seit Jahren wiederholt wird. Dabei meint Greiff kein schlichtes Versagen der Schulen: Es fehlten Zeit, Ressourcen und die Räume, in denen Forschung, Politik, Bildungsadministration und Praxis Erkenntnisse gemeinsam in Veränderungen übersetzen könnten.

    "Dauerhaft dranbleiben ist noch viel schwieriger"

    Greiff spricht über frühe Förderung, Lernstandserhebungen und die Zusammenarbeit zwischen Forschung, Politik und Schulen. Über Kanada, wo Daten nicht vor allem der Kontrolle dienten, sondern als Grundlage genutzt würden, um Unterricht zu verbessern. Und über Deutschland, wo Veränderungen oft bis ins Letzte geplant würden, bevor jemand ins Handeln komme.

    Umgekehrt wünscht sich Greiff nach neuen PISA-Ergebnissen keinen hektischen Aktionismus und auch nicht das nächste befristete Modellprojekt. Deutschland habe nach dem ersten PISA-Schock bewiesen, dass es aufholen könne. Doch "wirklich dauerhaft dranbleiben ist noch viel schwieriger". Genau diese Kontinuität zeichne die PISA-Spitzenstaaten aus.

    Ein Podcast über Bildungsdaten, politischen Veränderungswillen und einen Leistungsabstieg, an den man sich nicht gewöhnen darf.

    47 min
  • Wiarda wundert sich_30_Siggelkow
    Der Fragensteller-Podcast mit Jan-Martin Wiarda

    SEINE Kindheit, erzählt Bernd Siggelkow, war "Existenzkampf": Der Vater wollte keine Kinder, die Mutter verließ die Familie, als Siggelkow sechs war, die Großmutter war schwer krank, zu Hause gab es Gewalt und emotionale Kälte. Dann stellte ihm ein Jugendpastor eine Frage, die sein Leben veränderte: "Weißt du eigentlich, dass es jemanden gibt, der dich liebt?"

    Aus dem Jungen von St. Pauli wurde ein Pastor, aus dem Pastor ein Kämpfer gegen Kinderarmut. Anfang der Neunziger Jahre kam Bernd Siggelkow nach Berlin. In Hellersdorf, damals, wie er sagt, dem kinderreichsten Bezirk Europas, gründete er 1995 die Arche. Angefangen habe alles mit 20 Kindern in seinem Wohnzimmer, sagt Siggelkow in einer neuen Folge von "Wiarda wundert sich".

    31 Jahre später umfasst die Arche 37 Einrichtungen in Deutschland, dazu Standorte im Ausland, 400 Angestellte – und jeden Tag 11.000 Kinder. Gewollt habe er diese Expansion nie, sagt der inzwischen 62-Jährige. Im Gegenteil: "Ich möchte die Arche lieber schließen." Denn dass sie immer weiter wachse, sei kein Grund zur Freude, sondern ein Warnsignal: "Der Erfolg der Arche ist der Misserfolg der Gesellschaft und der Politik."

    Im Gespräch mit Jan-Martin Wiarda erzählt Bernd Siggelkow von Kindern, die nach der Schule in die Arche kommen, ihren Lieblingsmitarbeiter umarmen, essen, Hausaufgaben machen, spielen, reden, Ferien erleben. Von Hausbesuchen, Elternarbeit, Krisen, Todesfällen, von jungen Erwachsenen, die als Kinder in die Arche kamen und heute ihre eigenen Kinder dorthin bringen. Das Wort "Betreuung" sei bei ihm verboten. Die Arche wolle nicht betreuen, sondern "langfristig in das Leben der Kinder investieren".

    Das Motto, das die Arbeit der Arche in diesem Jahr begleitet, lautet: "Bildung durch Beziehungen." Für Siggelkow geht es immer auch um Bildung. Aber nicht zuerst um Basiskompetenzen, Vergleichsarbeiten, Digitalisierung oder Ganztag, sondern um Essen, Vertrauen, Verlässlichkeit und Beziehung. Bildungsarmut beginnt für Siggelkow dort, wo Bildung vom Einkommen der Eltern und vom Förderverein der Schule abhängt. "Wir waren ja mal das Land der Dichter und Denker und wir verdummen immer mehr", sagt Siggelkow. Ein Satz, der typisch ist für ihn: direkt und drastisch, ohne Angst vor Zuspitzungen.

    Wenn man Siggelkow fragt, wie Schule sein müsste, dann sagt er nicht nur: irgendwie anders, sondern bringt ein Beispiel nach dem anderen. Kinder, die mit abstrakten Aufgaben nichts anfangen können, aber sofort rechnen, wenn es um neun Euro und drei Freunde geht. Social Media als Lebenswelt. Skandinavien als Vorbild. Und Kinder, die in Deutschlands Schulen "wie Könige" behandelt werden sollten. "Wir haben keine Bodenschätze in Deutschland, aber wir haben Kinder", sagt er. "Und dann lasst uns doch verdammt nochmal in diese Kinder so investieren", dass sie Zukunft haben.

    Wie passt es, dass einer wie Siggelkow jetzt ausgerechnet für die CDU ins Berliner Abgeordnetenhaus einziehen will? Alles, was er sage, sei werteorientiert und müsse in jede Partei passen, antwortet er. Ob die CDU "die sozialste Partei" sei, stellt Siggelkow selbst in Frage. "Aber heute bin ich das soziale Gewissen in der CDU." Er habe 31 Jahre lang "Klartext" geredet und werde sich nicht den Mund verbieten lassen. Eher im Gegenteil: Siggelkow sagt, er werde auch in der eigenen Partei "ein sehr unbequemer" sein. In der Politik fehlten Menschen "aus der Praxis, aus der Basis"; es brauche eine "Politik 2.0", in der Politiker nicht "Staatsoberhaupt", sondern "Staatsdiener" seien – und wieder lernten, dem Volk "aufs Maul" zu schauen.

    Ein Podcast über Kinderarmut, Bildungsarmut und Beziehung – und über einen, dem das Mahnen nicht mehr reicht.

    39 min
  • Wiarda wundert sich_29_Bruhn
    Der Fragensteller-Podcast mit Jan-Martin Wiarda

    NEIN, sagt Zarah Bruhn, in die Politik habe sie nie gewollt. Dann kam der Anruf aus dem Forschungsministerium: Ob sie nicht die Rahmenbedingungen für soziale Innovationen verbessern wolle? Bruhn, Mit-Gründerin des Sozialunternehmens "SocialBee", hatte jahrelang aus erster Hand erlebt, wie schwer es Geflüchteten und Migranten gemacht wird, in Deutschland Arbeit zu finden – und wie groß zugleich die Hürden für Unternehmen sind, sie einzustellen. Also sagte sie zu.

    Wenig später saß Bruhn als Beauftragte für soziale Innovationen im damaligen BMBF. "Ich kam da an, hatte zwei Schnurtelefone und auf meinem Tisch ganz viele Aktenordner und Umlaufordner", erzählt sie in einer neuen Folge von "Wiarda wundert sich". Sie habe eine "neue Dimension von Bürokratie" erlebt. Mehr Verständnis dafür habe sie nicht entwickelt. Wohl aber eine noch größere Sensibilität dafür, wie sehr Bürokratie "den Alltag von Deutschland aufhält".

    Heute ist Bruhn Innovationsmanagerin bei SPRIND.Society, dem neuen Bereich der Bundesagentur für Sprunginnovationen für gesellschaftliche Durchbrüche. Es geht um Sozialstaat, Bildung, Demokratie, Staatsmodernisierung und um Start-ups, die nicht nur nette Projekte machen, sondern laut Bruhn das Leben von "Millionen Menschen" verbessern und dem Staat "Milliarden" sparen sollen.

    Reichlich hochgesteckte Ziele. Zu hoch? "Wir müssen groß denken, auch in gesellschaftlichen Fragen", sagt Bruhn und spricht von "gesellschaftlichen Moonshots". Was das konkret heißt? Bruhn erzählt von Bürgerfrust, der nicht einfach nur gesammelt, sondern bearbeitet werden soll. Von KI-gestütztem Mathematikunterricht, der Lehrkräften zeigt, wo einzelne Kinder beim Rechnen hängenbleiben. Und von Plattformen, die den Sozialstaat aus Sicht der Bürgerinnen und Bürger neu denken: einfacher, verständlicher, weniger einschüchternd.

    Eines der ersten großen Projekte von SPRIND.Society geht an diesem Montag in die nächste Phase: der von SPRIND.Society und Bundesdigitalministerium gestartete Bürger-Hackathon "Deutschland, was geht?". Auf der gleichnamigen Website können Bürgerinnen und Bürger ab heute den "Deutschland-Report" einsehen. Aus 28.000 Einreichungen zu Bürokratiefrust hat SPRIND zentrale Thesen extrahiert, die jetzt zur Abstimmung stehen. Im Anschluss gibt es einen Wettbewerb: Tech-Teams reichen zu den meistgewählten Bürgerproblemen ihre Lösungsideen ein.

    In drei Jahren, sagt Zarah Bruhn, hätte sie gern die ersten drei "Impact-Unicorns" für Deutschland: Sozialunternehmen, die nicht nur einzelne Lebensgeschichten verändern, sondern ganze Systeme. Ist das der Optimismus, den das Land braucht – oder schon zu viel des Guten?

    In jedem Fall ist Bruhn sehr konsequent, was die Dimensionen ihrer Pläne und Wünsche angeht. Und wenn sie nur einen Wunsch hätte? Dann würde sie beim Bildungsföderalismus und dessen Reform ansetzen. Bildung sei für sie "die wichtigste und die größte Sprunginnovation in die Zukunft".

    40 min
  • Wiarda wundert sich_28_Wacker Sliwka
    Der Fragensteller-Podcast mit Jan-Martin Wiarda

    BRAUCHT BADEN-WÜRTTEMBERG eine Neue Sekundarschule? Also eine neue Schulart, in der Haupt- und Werkrealschulen, Realschulen und Gemeinschaftsschulen zusammengeführt werden – neben dem Gymnasium als zweiter Säule? Klingt nach der nächsten Schulstrukturdebatte im Südwesten. Doch meine Gäste Anne Sliwka und Albrecht Wacker sagen: Hinter dem Vorschlag steckt mehr. Und genau das macht diese Folge von "Wiarda wundert sich" auch für Zuhörer außerhalb Baden-Württembergs spannend.

    "Es geht ganz klar um eine Schulmodernisierungsdebatte", sagt Sliwka, Professorin für Schulpädagogik an der Universität Heidelberg, international vergleichende Bildungsforscherin und Mitglied der aus Wissenschaft, Schulpraxis und Schulverwaltung bestehenden Arbeitsgruppe "Neue Sekundarschule", die das Konzept ausgearbeitet hat. Seit Jahren beschäftigt sie sich mit der Frage, was gute Schulen und erfolgreiche Schulsysteme ausmacht – in Deutschland, aber auch im Vergleich mit Ländern wie Kanada, Estland oder Singapur. "Der Punkt ist nicht, wie wir die Schule nennen, sondern wie sie organisiert ist."

    Wacker, Professor für Schulpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und ebenfalls Mitglied der Konzept-AG, ergänzt: "Wir brauchen eine Qualitätsdebatte." Es gehe um die Erreichung von Standards, "aber es geht auch um die geeigneten Schulstrukturen, die dies ermöglichen". Genau hier wird es auch für den Rest der Bildungsrepublik interessant: Wie lange kann Bildungspolitik so tun, als ließen sich sinkende Leistungen, wachsende Heterogenität, Lehrkräftemangel und Bildungsungleichheit bearbeiten, ohne auch über die Strukturen und Rahmenbedingungen an den Schulen zu sprechen?

    Was die Wissenschaftler vorschlagen: Anstelle der in Baden-Württemberg besonders kleinteiligen Schulstruktur solle es nach der vierjährigen Grundschule künftig zwei gleichwertige Schularten geben – das neunjährige Gymnasium und die Neue Sekundarschule. Also ein Zwei-Säulen-Modell, wie es so ähnlich schon in anderen Bundesländern existiert. Allerdings mit einem besonderen Qualitätsversprechen: verbindlicher Ganztag, multiprofessionelle Teams, professioneller Umgang mit Heterogenität, starke berufliche Orientierung und zugleich verlässliche Wege bis zum Abitur.

    Der Zeitpunkt ist politisch brisant. Im März waren Landtagswahlen in Baden-Württemberg; die Arbeitsgruppe hatte sich schon deutlich vorher gegründet, die Koalitionsunterhändler kannten das Konzept. Doch im Koalitionsvertrag taucht die Neue Sekundarschule nicht auf. Vom Tisch sei das Thema deshalb nicht, beteuert Wacker. Die Werkrealschule verliere weiter an Bedeutung, die G9-Rückkehr verändere das System, und irgendwann werde die Strukturfrage neu aufbrechen.

    In einer neuen Regionalstudie haben Wacker und Kollegen exemplarisch für die Landkreise Calw, Ludwigsburg, Reutlingen und Tübingen durchgerechnet, was das für Kommunen und Schulträger bedeuten würde: Aus 89 heutigen Standorten von Werkrealschulen, Realschulen und Gemeinschaftsschulen könnten etwa 65 Neue Sekundarschulen entstehen; weil viele Fusionen auf bestehenden Schulcampus möglich wären, würde die Zahl der tatsächlichen Standorte nur geringfügig zurückgehen. Eine Neue Sekundarschule könne Konkurrenz reduzieren und Ressourcen stärker auf Schul- und Unterrichtsqualität lenken, sagt Wacker.

    Sliwka verweist auf internationale Beispiele, auf Schulsysteme, die Bildungsentscheidungen länger offenhalten und zugleich leistungsstark sind. Das Argument, stärkere Schüler würden in heterogeneren Lernumgebungen automatisch ausgebremst, hält sie für "unterkomplex". Entscheidend sei, wie Schulen pädagogisch, personell und organisatorisch aufgestellt seien. "Wir müssen darüber sprechen, wie Schulen im Jahr 2040 aussehen, damit Deutschland seinen Wohlstand halten kann, damit Deutschland seine Demokratie sichern kann." Und sie macht die Debatte noch grundsätzlicher: "Wenn wir das Versprechen der sozialen Mobilität aufgeben, dann geben wir auch den Glauben an die Demokratie auf."

    Ein Podcast über eine baden-württembergische Reformidee, die zur gesamtdeutschen Bildungsfrage führt: ob unsere Schulen noch zur Zukunft passen, auf die sie junge Menschen vorbereiten sollen.

    49 min
  • Wiarda wundert sich_27_Rauch Niendorf
    Der Fragensteller-Podcast mit Jan-Martin Wiarda

    In dieser Folge von "Wiarda wundert sich" spricht Jan-Martin Wiarda mit zwei Frauen, die aus sehr unterschiedlichen Rollen auf das Wissenschaftssystem blicken und doch ähnliche Fragen stellen: Wie können Universitäten gerechter, offener und weniger hierarchisch werden? Was muss sich ändern, damit Machtmissbrauch nicht länger als Einzelfallproblem behandelt wird, sondern als strukturelle Herausforderung? Und warum ist es so schwer, an Hochschulen genau jene demokratischen Prinzipien zu verwirklichen, die sie nach außen verteidigen?

    Geraldine Rauch war vier Jahre lang Präsidentin der TU Berlin. Nach ihrer nicht erfolgreichen Wiederwahl kehrte sie Anfang April auf ihre Professur für medizinische Biometrie an der Charité zurück. Lisa Niendorf ist Erziehungswissenschaftlerin an der Humboldt-Universität, Influencerin und Autorin des SPIEGEL-Bestsellers "Universal gescheitert". Als "FrauForschung" hat sie allein auf Instagram über 84.000 Follower.

    Im Interview mit Jan-Martin Wiarda erzählen die beiden, wie sie sich kennengelernt haben: durch einen Artikel über Niendorfs Buch und eine E-Mail aus dem Präsidialamt der TU Berlin. Rauch erinnert sich, sie habe den Text gelesen und gedacht: "Wow, genau mein Thema." Als sie dann erfahren habe, dass sich offenbar noch keine Uni-Präsidentin bei Niendorf gemeldet habe, sei für sie klar gewesen: "Das muss sich ändern."

    Aus dem ersten Kontakt wurde schnell ein intensiver Austausch über Macht, Veränderung und die Kultur an Hochschulen. Niendorf sagt, beide verbinde unter anderem "eine große Leidenschaft zu fluchen" – vor allem aber eine ähnliche Art, über Konflikte zu sprechen. Rauch sagt, beide hätten, obwohl sie aus unterschiedlichen Kontexten kämen, sehr überlappende Erfahrungen mit dem Hochschulsystem gemacht.

    Das Gespräch führt die beiden von Machtmissbrauch und prekären Karrieren über fehlende Mitbestimmung und Diversität bis zur Wissenschaftskommunikation in politisch rauer werdenden Zeiten.

    Rauch blickt zurück auf ihre Amtszeit an der TU Berlin: auf erreichte Veränderungen, massive Widerstände und die Grenzen von Reformen in einem System, das Macht oft lieber verteidigt als hinterfragt. "Wir reden auf jeden Fall über ein ganzes System", sagt sie zum Thema Machtmissbrauch. Es sei zu einfach, nur von "den bösen Tätern" und "den armen Opfern" zu sprechen.

    Niendorf beschreibt Rauchs Präsidentschaft von außen als Beispiel dafür, wie schnell Frauen in Leitungspositionen medial festgelegt würden: "Sie wurde irgendwie immer als zu laut, zu aktivistisch, zu fordernd, zu politisch irgendwie dargestellt." Zugleich habe sie Rauch als Beleg dafür wahrgenommen, "wie Leitung auch anders gehen kann".

    Auch Rauchs Social-Media-Skandal kommt zur Sprache. Die damalige Präsidentin hatte auf der Plattform X unter anderem einen Beitrag mit einem "Gefällt mir" markiert, auf dem türkische Demonstranten dem Ministerpräsidenten Israels, Benjamin Netanjahu, Hakenkreuze auf die Brust gemalt hatten. Es hagelte Antisemitismus-Vorwürfe und Rücktrittsforderungen, Rauch bat um Entschuldigung. Im Podcast sagt sie dazu: "Dieses Hakenkreuz habe ich eben nicht gesehen." Seitdem habe sie sich aus den sozialen Medien zurückgezogen.

    Am Ende landet das Gespräch beim aktuellen Fiasko an der TU Berlin: beim erneut geschlossenen Hauptgebäude, bei Brandschutzmängeln, Sanierungsstau, gesperrten Büros, hunderten Lehrveranstaltungen, die verlegt werden müssen oder ausfallen. Ob sie froh sei, die Verantwortung für die TU-Baumisere los zu sein, fragt Jan-Martin Wiarda. Geraldine Rauchs Antwort hören Sie in dieser neuen Folge von "Wiarda wundert sich".

    48 min
  • Wiarda wundert sich_26_DigitalSchoolStory
    Der Fragensteller-Podcast mit Jan-Martin Wiarda

    DIE DEBATTE über Jugendliche und Social Media klingt oft, als gebe es nur zwei Lager: verbieten oder laufen lassen. Elliot Belmadani, Abiturient aus Bremen, findet genau das falsch. Natürlich gebe es Gefahren, sagt er im Gespräch mit Jan-Martin Wiarda. "Aber wir brauchen auch trotzdem Befähigung, ein reines Verbot bringt es nicht."

    Belmadani ist bildungspolitisch engagiert, unter anderem in der Bundesschülerkonferenz, in der Kampagne "Uns geht’s gut?" zur mentalen Gesundheit von Jugendlichen und in der Gesamtschülervertretung Bremen. In der öffentlichen Auseinandersetzung, sagt er, werde zwar inzwischen mehr mit Jugendlichen gesprochen als früher. Nur folge daraus oft wenig. Jugendliche dürften ihre Meinung sagen – "und aus dieser Meinung resultiert nichts".

    Genau darum geht es in dieser Folge von "Wiarda wundert sich": um die Frage, wie eine Debatte über Social Media, Schutz, Regulierung und Eigenverantwortung aussehen muss, wenn Jugendliche darin nicht nur Gegenstand, sondern Gesprächspartner sind. Neben Belmadani sitzt Nina Mülhens mit in der Runde, Mitgründerin des gemeinnützigen Bildungs-Start-ups DigitalSchoolStory. Erwachsene hätten selbst nicht gelernt, souverän mit Social Media umzugehen, sagt sie. Die eigene Unsicherheit werde dann schnell auf Jugendliche übertragen. "Angst ist ein Verstärker von Unsicherheit."

    Belmadani beschreibt eine Position, in der sich viele Jugendliche wiederfinden dürften: Ja, Social Media berge Risiken. Nein, ein pauschales Verbot sei keine überzeugende Antwort. Entscheidend sei ein fairer, differenzierter Diskurs über Vor- und Nachteile, Schutzbedarfe und Freiheitsräume. Natürlich brauche es Schutz und Altersgrenzen, sagt auch Mülhens. Aber ein Verbot allein löse das Problem nicht. Auch dann könnten Jugendliche über weitergereichte Geräte oder fremde Logins Zugang bekommen. Und im schlimmsten Fall gingen sie gerade nicht mehr zu ihren Eltern, wenn ihnen online etwas Belastendes widerfahre, weil sie wüssten: Eigentlich durften sie dort gar nicht sein.

    Was Befähigung konkret heißen kann, zeigt das 2020 gegründete DigitalSchoolStory. Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 bis 13 übersetzen dabei Unterrichtsinhalte in kurze Videos im Stil sozialer Medien wie TikTok oder Instagram. Die Methode wird an Schulen, Berufsschulen und Hochschulen eingesetzt und wurde vom Fraunhofer-Institut FIT wissenschaftlich evaluiert. Finanziert wird DigitalSchoolStory aus Schulbudgets, über Fördervereine, Stiftungen, Unternehmen und Ministerien. Bis Ende 2025 hat das Projekt bundesweit rund 16.500 Schülerinnen und Schüler erreicht, an rund 140 Schulen ist DigitalSchoolStory nach Angaben von Mülhens bereits präsent. Das reichlich ehrgeizige Ziel bis 2030: eine Million Schülerinnen und Schüler.

    Belmadani hat DigitalSchoolStory selbst als Neuntklässler durchlaufen. Sein Thema damals: quadratische Ergänzungen. Klingt erst einmal wenig social-media-tauglich. Doch seine Gruppe machte daraus ein Kurzvideo über einen Speerwurf, die Parabelform der Flugbahn und die Frage, wo der Scheitelpunkt liegt. Entscheidend sei nicht nur das Video am Ende gewesen, sagt Belmadani, sondern der Weg dorthin: diskutieren, visualisieren, streiten, verstehen. "Wenn man über was diskutiert, dann braucht man einfach ein tieferes Verständnis, als wenn man es einfach nur aufnimmt."

    Für Belmadani folgt daraus ein doppelter Ansatz: Plattformen stärker regulieren – und Jugendliche befähigen. Der Digital Services Act der EU müsse konsequent durchgesetzt werden, sagt er. Zugleich dürfe man nicht so tun, als verschwinde das Problem, wenn Jugendliche nur lange genug ferngehalten würden. "Dann sind das die Menschen, die später in die Gesellschaft rausgehen und dann auf einmal mit dieser ganzen Welt konfrontiert sind."

    Für seine Abiturvorbereitung habe er viel mit digitalen Lernvideos gearbeitet, erzählt Belmadani, besonders mit längeren Erklärformaten. Soziale Medien könnten Bildung niedrigschwelliger, jugendlicher und zielgruppengerechter zugänglich machen.

    Für Mülhens ist Schule deshalb ein möglicher Ort, an dem Jugendliche nicht nur Regeln lernen, sondern Verantwortung übernehmen. Nicht, indem Lehrkräfte sich zurückziehen, sondern indem sie stärker begleiten. Bei DigitalSchoolStory entstehe am Ende zwar ein digitales Produkt. Der eigentliche Kern aber sei analog: miteinander arbeiten, argumentieren, aushalten, dass andere eine andere Idee haben.

    Belmadani bringt bei DigitalSchoolStory inzwischen ehrenamtlich die Praxisstimme aus Schülerperspektive ein und ist Co-Host des Projekt-Podcasts "Lunchbox". Besonders interessiert ihn, wie Gruppenarbeit so gestaltet werden kann, dass Diskussionsfähigkeit, Aushalten anderer Meinungen und demokratische Kompetenzen stärker eingeübt werden.

    Ein Podcast über Social Media, Schule und die Frage, warum Jugendliche in der Auseinandersetzung mehr sein müssen als Schutzobjekte – und warum sie mehr brauchen als Verbote: nämlich Räume, in denen sie lernen, Verantwortung zu übernehmen.

    39 min
  • Wiarda wundert sich_25_Mueller
    Der Fragensteller-Podcast

    SILKE MÜLLER liebt Schule – und hält das System zugleich für grundlegend falsch konstruiert. 2024 hat die langjährige Schulleiterin der Waldschule ihrem Job den Rücken gekehrt. Nicht, weil sie das Lehrerinnensein satt hatte, wie sie sagt, sondern weil sie ihren Kampf für digitale Ethik, für Bildungsgerechtigkeit und gesellschaftliche Transformation anders habe führen wollen: als Publizistin, als Keynote-Speakerin – und als Bestsellerautorin.

    Müllers neues Buch heißt "Schule gegen Kinder". Der Titel sei schon zugespitzt, räumt sie im Gespräch mit Jan-Martin Wiarda ein, aber nur mit Alarmismus komme man noch weiter. Ihre Kritik ist so weitreichend wie umfassend: von der frühen Sortierung der Kinder nach der vierten Klasse über eine Reformpolitik, die sich in "Reförmchen" erschöpft, bis hin zu einem Bildungssystem, in dem Innovation oft nur gegen Widerstände und auf eigene Überlastung hin möglich sei. Erfolgreiche Einzelschulen – ihre eigene Schule wurde mehrfach als digitaler Vorreiter prämiert – seien deshalb eher Ausnahmen und kein Beleg dafür, dass das Gefüge funktioniere.

    "Wenn man dann noch beobachtet, wie sich Kinder verändern, wie sich Kindheit verändern, wie sich übrigens auch Eltern und deren Begleitung verändern, wie wenig sich das System dabei verändert, dann hat mir das begonnen, ziemlich große Bauchschmerzen zu machen", sagt Müller. Besonders deutlich wird Müller bei der Frage, was Schule heute leisten müsste – und oft nicht leisten kann: Beziehung, Orientierung, Gespräch. "Das ist ein Armutszeugnis, dass ich genau das, was ich bieten müsste: Orientierung im Gespräch, Orientierung durch Werte, Vermittlung durch Erfahrung, dass ich die nicht habe und nicht geben kann."

    Die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz sieht Müller als "Dolchstoß" für Schule und Unterricht, wie sie sind – und ist froh darüber. Auch wenn völlig unklar ist, wie es weitergeht. Nein, Müller will nicht beruhigen, sondern bewegen. "Wenn man einen Alarm absetzt, dann kommen Rettungsdienste", sagt sie.

    Ein Podcast über ein System Schule, das sich zu lange selbst genügt hat – und darüber, warum sich das jetzt ändern muss. JMW.

    38 min
  • Wiarda wundert sich_24_Krach
    Der Fragensteller-Podcast

    MIT DEM MANN, auf dessen Amt er es abgesehen hat, teilt Steffen Krach ein Hobby. Wie Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner spielt auch der SPD-Spitzenkandidat leidenschaftlich gern Tennis. Auch gegeneinander? "Würde ich sofort machen", sagt er und fügt süffisant hinzu: "Aber nur, wenn kein Stromausfall ist."

    Womit Steffen Krach, im Podcast "Wiarda wundert sich" zu Gast, zielsicher auf Wegners bislang größten Fehltritt angespielt hat: den Samstagmorgen im Januar, als Hunderttausende plötzlich ohne Strom und Heizung waren, der Regierende trotzdem Tennis spielen ging und danach zunächst behauptete, er habe sich den ganzen Tag im Büro eingeschlossen.

    Steffen Krach wiederum hat seine eigenen Probleme im langsam Fahrt aufnehmenden Wahlkampf. Das historisch schlechte Abschneiden der SPD bei den baden-württembergischen Landtagswahlen zum Beispiel oder der Balanceakt, den es erfordert, Wechselstimmung zu erzeugen, wenn die eigene Partei gleichzeitig Wegners Koalitionspartner ist und in den Umfragen zurückliegt. Wie er damit umgeht, erzählt er im Gespräch mit Jan-Martin Wiarda.

    Der 46-Jährige Krach ist ein Berlin-Rückkehrer. Die Politikszene der Hauptstadt kennt ihn als langjährigen Staatssekretär für Wissenschaft zwischen 2014 und 2021. In diese oft als "Goldene Zeit" der Berliner Wissenschaft bezeichneten Jahre fielen Projekte wie die Berlin University Alliance, die Fusion des Berlin Institute of Health mit der Charité und der Aufbau neuer Forschungsstrukturen. Besonders wichtig ist Krach bis heute die Gründung des Deutschen Herzzentrums an der Charité. "Das war ein langer Kampf", sagt er rückblickend.

    Hat die Stadt auch Lust auf Krach?

    Nach sieben Jahren im Berliner Senat wechselte Krach 2021 zurück in seine Geburtsstadt Hannover und wurde Regionspräsident der Region Hannover mit rund 1,2 Millionen Einwohnern. Dort war er unter anderem für Nahverkehr, Gesundheitsversorgung und berufsbildende Schulen zuständig. Was treibt ihn wieder nach Berlin? "Ich habe über 20 Jahre hier gelebt, hier geheiratet, meine Kinder sind hier geboren", sagt er. Die Familie sei inzwischen wieder in die Hauptstadt gezogen, und er habe "Lust auf diese Stadt".

    Hat die Stadt auch Lust auf Krach? Es komme darauf an, sagt er, die richtigen Themen im Wahlkampf zu setzen. Als wichtigste Punkte nennt er bezahlbaren Wohnraum, Sicherheit, wirtschaftliche Entwicklung und die Funktionsfähigkeit des Staates. "Es sind bestimmte Dinge dysfunktional in dieser Stadt", sagt er. Dass die SPD derzeit nicht vorne liegt, sieht er als Ansporn: "Mich reizt schon so eine Ausgangssituation, dass alle glauben, man hat keine Chance."

    Und was ist mit Bildung und Wissenschaft? Im Wahlkampf, sagt Krach, würden diese Politikfelder vermutlich keine große Rolle spielen. Aber dafür eine "entscheidende", wenn er Regierender Bürgermeister sei: Für die Zukunftsfähigkeit der Stadt sei die Wissenschaftspolitik zentral.

    Zwischen Lavieren und klarer Kante

    Es ist dieses Einerseits-Andererseits, das sich an verschiedenen Stellen durch das Gespräch zieht. Auffällig wird das besonders, wenn Krach, der sonst so gern zuspitzt, plötzlich ins Lavieren kommt. Die Kürzungen bei den Hochschulen täten weh, sagt er, schiebt aber angesichts einer SPD-Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra sofort hinterher, das sei "kein Vorwurf an die handelnden Personen" angesichts der schwierigen Haushaltslage. Dennoch: "Die Wissenschaft hat gelitten, die Kultur hat auch gelitten, und das sind zwei Bereiche, die zu den absoluten Stärken Berlins gehören."

    Sein Ziel für die nächste Legislaturperiode sei, "dass wir diese Bereiche wieder stärken". Dass Berlin in der Exzellenzstrategie nicht mehr die meisten Cluster habe erringen können, habe ihm "schon wehgetan". "Hier ist Bayern an Berlin vorbeigezogen. Das müssen wir wieder ändern." Gerade in der Wissenschaft seien die Chancen im Moment riesig, auch international weiter nach vorn zu kommen. Auch bei der künftigen Rolle der Wissenschaft im Senat legt er sich nicht fest. Ob Forschung wieder enger an die Senatskanzlei angebunden werden solle wie früher, lasse sich jetzt nicht sagen, "da gibt es verschiedene Varianten".

    Umso klarer zeigt Krach in der Bildungspolitik Kante. Kein Wunder, hier kann er gegenüber einer CDU-Bildungssenatorin voll aufspielen. Das größte Problem, sagt er, sei der Mangel an ausgebildeten Lehrkräften und der bauliche Zustand mancher Schulen. Sehr deutlich spricht sich der Vater dreier Jungs im Kita- und Grundschulalter für ein Handyverbot an Grundschulen aus. Handys hätten dort "nichts zu suchen." Und ein Social-Media-Verbot für Jugendliche? "Ich bin dafür, wäre auch offen, ob man das jetzt bis 14 oder bis 16 macht." Aber natürlich müsse die Frage beantwortet werden, wie man ein solches Verbot effektiv umsetze.

    Ein Gespräch über Krachs Zeit in Hannover, sein Faible für die Wissenschaftspolitik, verloren gegangenes Vertrauen in den Hochschulen – und seinen festen Vorsatz, "über 20 Prozent zu holen und Platz eins zu haben".

    Nein, zu wenig demonstratives Selbstbewusstsein kann man Krach nicht vorwerfen. Auch nicht beim Tennis. "Ich glaube", sagt der Herausforderer von Kai Wegner, "ich würde ihn schlagen – genauso wie bei der Wahl am 20. September."

    34 min

About Wiarda wundert sich

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Der Fragensteller-Podcast mit Jan-Martin Wiarda, Journalist für Bildung und Wissenschaft, als Fragensteller und jeweils einem Gast oder einer Gästin als AntwortgeberIn.

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