Der Fragensteller-Podcast
DIE KINDER SIND NUN MAL DA. Sie kommen aus der Ukraine, aus Syrien, Rumänien oder Moldawien, manche können lesen und schreiben, andere kaum, manche haben jahrelang eine Schule besucht, andere fast nie. Wenn sie in Deutschland ankommen, landen viele von ihnen zunächst in einer Willkommensklasse. Aber wie gut funktioniert dieses System? Wie bringt man Kindern gemeinsam Deutsch bei, deren Voraussetzungen kaum unterschiedlicher sein könnten? Und wie viel Gelassenheit braucht es, damit Schule unter solchen Bedingungen funktioniert?
Einer, der davon erzählen kann, nennt sich "Herr Lehrerin". Seinen wirklichen Namen verrät er nicht, weil er seinen Job weiter in Ruhe machen möchte. Er ist Quereinsteiger und unterrichtet seit vier Jahren Deutsch in einer Willkommensklasse. Jetzt hat er ein Buch über seinen Schulalltag geschrieben: "Komm, ist Spaß, Herr Lehrerin. Der ganz normale Ausnahmezustand vom Schulalltag zwischen den Kulturen".
In einer neuen Folge von "Wiarda wundert sich" erzählt Herr Lehrerin von einem System, das Zuwanderung noch immer ein Stück weit als Ausnahme behandelt. Von Willkommensklassen, die räumlich und organisatorisch am Rand der Schulen liegen. Von Kindern, deren Familien Schule aus ganz anderen Gründen fernbleiben, als Debatten über "Schulverweigerer" vermuten lassen. Und von Lehrkräften, die jeden Tag neu entscheiden müssen, welche Regeln unbedingt gelten – und welche man besser nicht zum alles entscheidenden Prinzip erhebt.
Herr Lehrerin sagt, ihn fasziniere an seiner Arbeit gerade das Unberechenbare. Er habe "ein bisschen Sinn für den ganzen Wahnsinn". Für die unterschiedlichen Biografien und Sprachverwirrungen, für überraschende Begegnungen und auch für die Absurditäten eines Systems, das es den Kindern manchmal unnötig schwer mache.
Beispiel Unterrichtsplanung: In der Sprachdidaktik, sagt Herr Lehrerin, gebe es genaue Vorstellungen davon, wann welche grammatische Form eingeführt werden sollte. Das Perfekt, erzählt er, sei demzufolge eigentlich erst später vorgesehen. Für ihn kollidiere das mit dem Alltag. Schließlich redeten die Kinder jeden Morgen darüber, was sie am Tag zuvor erlebt hätten. "Das Kind hat doch ein Recht auf Vergangenheit", sagt er. Und auch ein Anfänger könne sagen: "Ich habe Döner gegessen."
Viel von seinem Umgang mit den Kindern lässt sich daran ablesen. Regeln sind wichtig, aber eben nicht wichtiger als die Kinder. Und manchmal hilft Improvisation mehr als das Festhalten am Plan.
Das gilt auch für Gewalt und Sprache. Bei regelmäßiger Gewalt, Rassismus oder Antiziganismus müsse man klar einschreiten, sagt Herr Lehrerin. Aber wer aus jedem Streit und jedem Schimpfwort eine pädagogische Großintervention mache, komme nicht mehr zum Unterrichten. Würde er bei bestimmten Kraftausdrücken "Zero Tolerance" praktizieren, schreibt er in seinem Buch, bliebe vor allem: "Zero Unterricht".
Dann sind da Kinder, die während der Schulzeit zu Behördenterminen mitmüssen, weil ihre Eltern kein Deutsch sprechen – mitunter sogar auf Verlangen der Behörden. Auch darin zeigt sich für Herr Lehrerin ein Widerspruch in den Diskussionen über Schuldistanz: Wie überzeugend vermittelt der Staat den Kindern eigentlich wirklich, dass er sie unbedingt in der Schule haben will?
Herr Lehrerin spricht durchgehend liebevoll über seine Schülerinnen und Schüler. Dabei ist er weder naiv noch zynisch. Er setzt klare Grenzen, bleibt aber neugierig auf ihre Eigenheiten, ihre Geschichten und ihren Witz. Von der verbreiteten Klage darüber, wie schwierig Kinder und Jugendliche heute seien, hält er wenig: "Es sind nun mal die Kinder, die jetzt da sind."
Dazu passt die Geschichte vom "Gucci-God": Weil Caps im Unterricht verboten sind, verweisen einige Jungen auf das Kopftuch einer Mitschülerin, das diese aus religiösen Gründen tragen darf, und erklären kurzerhand, sie glaubten an den "Gucci-God". Ihre Kappen dürfen sie trotzdem nicht aufbehalten. Herr Lehrerin erzählt die Episode nicht als Kulturkampf, sondern mit einem Schmunzeln. Vielleicht, sagt er, müsse man nicht jede Beobachtung sofort zum gesellschaftspolitischen Großproblem erklären.
Und diese Haltung prägt sein Buch. "Komm, ist Spaß, Herr Lehrerin" ist gerade kein Buch darüber, wie schlimm alles geworden ist. Ihn nerve dieses "wahnsinnig Problemorientierte", sagt Herr Lehrerin. Sein Pseudonym verdankt er übrigens seinen Schülerinnen und Schülern, bei denen irgendwann "Herr Lehrerin", "Frau Lehrerin" und "Frau Herr Lehrerin" durcheinandergingen. Die gewisse Unernsthaftigkeit darin gefalle ihm. Wer als Lehrkraft sein Selbstwertgefühl davon abhängig mache, dass jede Stunde funktioniere, sei schnell deprimiert. "Wenn man sich ein bisschen auf das Chaos einlässt, dann geht's."
Ein Podcast über Willkommensklassen, die Widersprüche des Schulalltags und die Kunst, Probleme ernst zu nehmen, ohne sich von ihnen die Freude an den Menschen verderben zu lassen.
Und wenn er einen einzigen Wunsch an die deutsche Bildungspolitik frei hätte? Keine Strukturreform, kein Förderprogramm. Herr Lehrerin wünscht sich: "mehr gute Laune".