ERF Plus - Bibel heute

Aufblick zu Gottes Gnade


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ne Pilgergruppe ist unterwegs Richtung Jerusalem. Sie wollen im Tempel, im „Heiligtum“ (wie sie sagen) Gott feiern, ihm danken, ihm die Ehre erweisen. Stunde um Stunde laufen sie auf staubigen Pfaden, den Wanderstab in der Hand, die Tasche mit ein wenig Verpflegung umgehängt. Ihr Blick geht die meiste Zeit auf den Weg, wie man das beim Wandern macht: Die Augen auf Steine und Wurzeln gerichtet, die nächste Kurve, das verdorrte Gras links und rechts, die Mitwanderer vor ihnen, Schwärme von Insekten spielen in der Sonne. Ab und zu schaut jemand auf, ob man weit vorne schon das nächste Etappenziel erkennen kann. Doch das lässt auf sich warten … Jemand stimmt ein Lied an. Es ist ein bekannter Chorus, den die Pilger immer wieder anstimmen auf ihren langen Fußmärschen: „Ich hebe meine Augen auf zu dir, der du im Himmel wohnst…“

Die Augen aufheben, zu Gott – das ist es, worauf es ankommt, immer wieder! Nicht nur beim Pilgern. Denn wir sehen auf unseren Wegen so vieles, das unseren Blick gefangen nimmt. Pausenlos schauen wir umher und bleiben an allem Möglichen hängen. Man hat herausgefunden, dass unsere Wahrnehmung ganz überwiegend von dem bestimmt wird, was wir sehen. Nur etwa 30 % macht das aus, was wir hören, schmecken, fühlen oder riechen. Die visuelle Wahrnehmung – also unser Sehen – macht über 70 % dessen aus, was unser Gehirn aufnimmt. Und was sehen wir nicht alles! Ich sehe Hindernisse, die im Weg liegen. Dinge, die ich unbedingt haben will. Ich sehe Streit und Ärger. Erschöpfung und das „Ich kann nicht mehr“-Gefühl. Was ich nicht habe. Ich sehe den ganzen „Kleinkram“ des Alltags, der mich umtreibt. Dazu der Stress mit dem Nachbarn. Oder den Terminen. Die schrecklichen Bilder aus den Kriegsgebieten. Andererseits übersehen wir Wichtiges. Hören weg. Verweigern Hilfe. Können gleichgültig und kalt sein. Wir verheddern uns so leicht in dem, was wir alles zu sehen kriegen. Und sehen dann viel schwarz. Der Blick ist gebeugt, auf den Weg, auf den Bildschirm, in den Terminplan, die Liste der Aufgaben. Hoffentlich stimmt dann einer ein Lied an. Und hoffentlich kann ich einstimmen: „Ich hebe meine Augen auf zu dir, der du im Himmel wohnst…“

Diese Strophe ist nicht bloß eine Aufforderung: Kopf hoch! Nicht bloß eine Einladung zum Aufblicken. Sondern sie lässt geschehen, was hier gesungen wird. Ich richte meinen Blick nach oben, zu Gott. Und es ist überhaupt kein Widerspruch, dass wir Menschen mit unseren Augen Gott ja nicht sehen können. Das wussten die alten Israeliten natürlich auch, dass unsere Augen nicht dafür gemacht sind, den ewigen, heiligen Gott zu sehen. Sie wussten, dass es in ihrer Bibel sogar heißt, dass sterben muss, wer Gott direkt zu sehen bekommt.[1] Überhaupt können wir die wirklich wichtigen Werte unseres Lebens gerade nicht sehen mit den Augen in unserem Kopf: Liebe z. B. kann ich nicht sehen. Nur Zeichen von Liebe kann ich sehen, die Blumen, den Brief – oder spüren: Beim Kuss. Hoffnung kann ich auch nicht sehen. Vertrauen auch nicht. Oder den berühmten „gesunden Menschenverstand“, auf den sich ein Mann berufen hat, der nur glauben wollte, was er auch sehen kann. Was Albert Einstein zu dem ironischen Kommentar veranlasst hat: „Dann kommen Sie doch mal nach vorne und legen Sie ihren gesunden Menschenverstand hier auf den Tisch!“ Es geht nicht. Der berühmte Satz aus dem „Kleinen Prinzen“ ist schon wahr: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Im Psalm 123 geht es darum, Gott in den Blick zu bekommen. Auf ihn zu hoffen. Sich nach seinem Segen und seiner Hilfe auszustrecken. Sich an ihm zu orientieren. Dafür gibt es ein wunderbares Wort, das wir im Deutschen haben: Zu-ver-sicht. Das heißt wörtlich genommen: Etwas dazu sehen. Etwas sehen, was nicht alle sehen können. Unabhängig von der Sehkraft unserer Augen und der Frage, ob wir eine Brille brauchen. Wer Zuversicht hat, hat ein „Mehr“ an Sicht. Er sieht etwas hinzu zu dem, was vor Augen ist. Wer seine Augen aufhebt zu Gott, der bekommt Zuversicht. Sieht Gott hinzu zu dem, was alle sehen – und das verändert alles!

So singen sich die Wanderer Zuversicht zu: „Ich hebe meine Augen auf zu dir, der du im Himmel wohnst…“ Sie vergleichen diese Haltung mit dem aufmerksamen, gespannten Blick des Sklaven auf seinen Herrn bzw. der Magd zu ihrer Herrin. Wie in allen Gesellschaften des Altertums gehörten auch in Israel Sklavinnen und Sklaven ganz selbstverständlich zum Alltag reicher Familien dazu. Möglicherweise waren Mitglieder der Pilgergruppe selbst welche? Von Sklavinnen und Sklaven wird erwartet, dass sie genau auf die Anweisungen ihrer Herrschaft achten. Dass sie ihnen gleichsam jeden Wunsch von den Augen ablesen oder aus kleinen Handbewegungen deuten. So aufmerksam, so bewusst, so erwartungsvoll wollen die Reisenden auf Gott schauen und achten. Warum? Weil sie sich von ihm Gnade erhoffen. Das ist ihre Bitte, ihre Sehnsucht: Dass Gott uns gnädig sei! Sie hoffen auf Befreiung von der so oft erlittenen Verachtung. Davon (wie die Basis-Bibel übersetzt) „wie Dreck behandelt zu werden“. Sie rufen Gott an, dass er sie „ansehe“, dass er sie zu angesehenen, wertgeschätzten Menschen mache. Das ist Gnade, wenn Gott uns ansieht, uns ansieht mit Augen der Liebe!

[1] 2Mose 33,20

Autor: Pfarrer Andreas Friedrich

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