Wenn ich in diesen Tagen die Nachrichten verfolge, dann kann mir leicht der innere Friede verloren gehen: da ist der Krieg in der Ukraine, die kriegerischen Unruhen im Nahen Osten, der Bürgerkrieg im Sudan, politische Spannungen, die Klimakrise usw. Weltweit scheinen Unruhe und Angst geradezu zu wachsen.
Im letzten Jahrhundert hat die Welt zwei Weltkriege erlebt. Und Historiker haben festgestellt, dass es seit dem zweiten Weltkrieg keinen weltweiten „kriegsfreien“ Zeitraum gab, sondern es seit 1945 in jedem Jahr irgendwo auf der Welt bewaffnete Konflikte oder Kriege gegeben hat: den Chinesischen Bürgerkrieg, den Koreakrieg, den Indochinakrieg, zahlreiche Unabhängigkeitskriege, Bürgerkriege in Afrika und Lateinamerika, den Nahostkonflikt, Afghanistan, den Iran-Irak-Krieg u. v. m. Und aktuell zählen Historiker über 50 kriegerische Konflikte weltweit.
Doch vielleicht brauche ich gar nicht in die Welt zu schauen. Viele Menschen erleben nicht-friedliche Situationen in ihrer Familie, ihrer Partnerschaft und Ehe oder in ihrer Nachbarschaft. Und da ist vielleicht die Frage, wie es mit dem Arbeitsplatz weitergeht. Oder die Sorge um die Zukunft der Kinder. Vielleicht die eigene Erschöpfung nach Jahren voller Umbrüche.
Nicht von ungefähr rangiert der Wunsch nach Frieden deshalb bei den meisten Umfragen ganz oben. Ich wünsche mir Frieden – einen Frieden, der tiefer reicht als das kurze Aufatmen zwischen zwei Schlagzeilen.
In einer Zeit genau solcher Unruhe spricht Jesus seine Worte aus dem Johannesevangelium:
„Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“
Es ist der Abend vor seiner Kreuzigung, als Jesus seine Jünger ermutigt. Denn sie ahnen, dass etwas Schweres auf sie zukommt.
Jesus spricht mit ihnen ein letztes Mal in langen Abschiedsworten – mit Worten voller Wärme und Zuwendung. Er weiß, dass ihre Welt schon in Kürze zusammenbrechen wird.
Und ausgerechnet in diese innere und äußere Unruhe spricht Jesus über Frieden.
Nicht als Theorie, sondern als Geschenk. Ein Friedenswort mitten im Sturm.
Und dabei unterscheidet er, erstens, seinen Frieden von dem Frieden, den die Welt gibt:
1. Der Friede, den die Welt gibt
„Nicht wie die Welt ihn gibt“ – das ist ein spannender Gegensatz.
Denn auch die Welt redet viel vom Frieden. Schon zur Zeit von Jesus sprach die damalige römische Weltmacht von der „Pax Romana“, dem römischen Frieden. Dieser angebliche Frieden wurde jedoch mit dem Schwert und militärischer Stärke den besiegten Völkern aufgezwungen.
Das ist der Friede, „wie die Welt ihn gibt“.
Bei diesem Frieden geht es meist nur um die Abwesenheit von Konflikten, manchmal um Abkommen, um Grenzlinien, um Diplomatie. Oder im persönlichen Bereich vielleicht um den persönlichen Ausgleich, nach dem Motto: „Ich brauche meine Ruhe.“
Das alles ist verständlich und wichtig.
Aber dieser Frieden ist und bleibt zerbrechlich. Denn der Frieden, den die Welt gibt, hängt immer an Bedingungen: Solange der Vertrag hält. Solange ich genug verdiene. Solange die anderen sich entsprechend verhalten. Solange ich gesund bin. Und wenn dann etwas bricht – ein Vertrag, eine Beziehung, eine Sicherheit – dann bricht auch der Frieden – wie eine dünne Eisschicht über unruhigem Wasser.
Das habe ich zuletzt weltweit während der Pandemie erlebt. Als plötzlich viele Sicherheiten schwankten. Ich spürte: dieser äußere Friede – die gewohnte Ordnung, das Planbare – ist so brüchig, kann so schnell ins Wanken geraten.
Doch, und das ist das Hoffnungsvolle dieser Zusage von Jesus: Sein Friede ist, zweitens, anders. Völlig anders. Es ist …
2. Der Friede, den Jesus gibt
„Meinen Frieden gebe ich euch“, sagt Jesus.
Sein Friede ist nicht das Ergebnis kluger Verhandlungen, sondern das Geschenk seiner Gegenwart. Es ist der Friede eines Herzens, das sich von Jesus gehalten weiß – mitten in Angst, Schmerz, Unsicherheit.
Der größte Unterschied liegt in der Quelle: Der Friede der Welt kommt von außen, der Friede Jesu kommt von innen. Er wächst dort, wo ich mich ihm anvertraue. Es ist derselbe Friede, den Jesus selbst hatte, als er im Sturm schlief, während die Jünger panisch wurden.
Es ist derselbe Friede, mit dem er ans Kreuz ging, wissend, dass das Böse nicht das letzte Wort hat.
Es ist der Frieden bei der Küchenarbeit, wenn ich sie mit Jesus erledige. Wie bei der Dame, die über ihrer Küchenzeile einen Zettel hängen hatte mit den Worten: „Hier findet Gottesdienst statt.“
Der Friede kurz vor der OP auf dem Krankenbett einer Intensivstation – wenn ich mit Gott spreche – oder weiß, dass gerade andere in der Gemeinde für mich beten.
Der Friede in einem hektischen Büro oder mitten im Maschinenlärm einer Fabrik – wenn ich weiß, dass Jesus nur ein Gebet von mir entfernt ist.
Dieser Friede ist nicht laut und spektakulär, sondern still, tragfähig, unerschütterlich.
Ich denke an eine Krankenpflegerin, die Christin ist, die mal sagte: „Ich kann einem Patienten manchmal nicht den Schmerz nehmen – aber ich kann ein Stück Frieden hineintragen.“
Und das tat sie – immer wieder. Mit einem Lächeln, einem Händedruck, einer sanften Berührung. Ihre ruhige, zugewandte Art ließ ihre Patienten sofort, manchmal unbewusst, spüren: Hier ist jemand verankert in etwas Tieferem. Sie konnte es vielleicht nicht in fromme Worte fassen, aber sie brachte diesen leisen Frieden mit, den man nicht machen kann. Und den sie von dem hatte, der gesagt hat: „Meinen Frieden gebe ich Euch.“ Einen Frieden, der nicht von Umständen abhängt.
3. Ein Friede, der Mut macht
Wenn Jesus hier sagt: „Euer Herz erschrecke nicht und verzage nicht“, dann ist das nicht nur eine fromme Aussage. Denn er rechnet realistisch mit Angst. Diesen Frieden zu erleben, meint nicht, dass ich mich nicht mehr fürchte. Sondern dass Angst nicht das letzte Wort behält.
Der Friede Jesu ist kein Verdrängungsmechanismus – er ist Mut inmitten der Angst.
„Ich gehe hin zum Vater, und ihr sollt euch freuen“, sagt Jesus.
Er bereitet die Jünger auf seinen Abschied vor – und doch verspricht er ihnen, weiter mit ihm verbunden zu sein. Sie werden in Zeiten, wo er nicht mehr zu sehen ist, etwas Übernatürliches erleben. Sie werden einen Frieden erfahren, der „höher ist als ihre Vernunft.“ Den „Shalom“, wie Juden damals sagten – und den sie sich bei jedem Gruß zusagten.
Es ist Jesus, der diesen Frieden schenkt, selbst in der Nacht vor Golgatha.
Wenn Sie diesen Satz hören – „Euer Herz erschrecke nicht“ – dann dürfen Sie ihn ganz persönlich nehmen. Jesus spricht ihn auch heute – über den Sorgen dieser Welt, über den Fragen unserer Zeit, über unserer Angst und Unsicherheit: „Fürchte dich nicht. Ich bin da.“
Ich wünsche Ihnen, dass Sie diesen Satz mitnehmen in den heutigen Tag, denn so werden Sie zum Friedensstifter eines Friedens, der nicht von der Welt kommt, aber in der Welt seinen Platz hat.
Eines Friedens, der mitten im Streit ganz leise bleibt und doch stark.
Eines Friedens, der mutig macht, gerade weil Sie wissen, dass Sie nicht allein unterwegs sind.
Denn Menschen, die diesen Frieden geschenkt bekommen haben, gehen mit diesem Frieden zurück in ihre Welt – zu den Menschen, zu den Aufgaben, zu den offenen Fragen.
Deshalb, um es mit dem letzten Satz von Jesus zu sagen: „Steht auf und lasst uns von hier weggehen.“
Der Friede von Jesus ist kein Rückzugspunkt. Er ist Ausgangspunkt.
Er beginnt in Ihnen und mir – und breitet sich aus.
Autor: Pastor Andreas Hildebrandt
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