Durch den Psalm bekommen wir einen tiefen Einblick in König Davids Gedanken und seine Gefühlswelt. Wie man so schön sagt: in sein Herz. Das finde ich sehr spannend! Denn David wird von Gott selbst in der Bibel als Mann nach seinem Herzen beschrieben – nachzulesen in 1. Samuel 13,14 und in Apostelgeschichte 13,22.
Mein persönlicher Wunsch ist es ebenfalls, mein Herz immer mehr nach Gott auszurichten. Wenn Sie das auch verspüren, können wir heute vielleicht einige Erkenntnisse aus diesem Psalm für unser Leben mitnehmen. Die Psalmen Davids finde ich grundsätzlich sehr authentisch und ehrlich. Ich lese, wie David seine Gefühle und Gedanken beschreibt. Parallel dazu versuche ich, in der Bibel die Lebenssituation dazu herauszufinden. Natürlich kann ich diese nicht mit letzter Gewissheit feststellen, aber gerade bei diesem Psalm 55 spricht viel dafür, dass David folgende Lebenssituation darin beschreibt:
Verrat, Schuld und innerer Konflikt
Absalom, sein Sohn, hat sich gegen ihn gestellt. Er versucht, seinen Vater als König zu stürzen und das Volk gegen ihn aufzubringen. David muss vor seinem eigenen Fleisch und Blut aus Jerusalem fliehen! Davids enger Vertrauter und Freund Ahitofel wechselt die Seiten und fällt ihm in den Rücken – nachzulesen in 2. Samuel 15–17.
Was für eine unerträgliche Situation! Welche Ungerechtigkeit David hier widerfährt! Ich persönlich glaube aber, dass in dieser Situation noch ein ganz anderes Thema aufkommt: der eigene, innere Konflikt! War ihm diese Situation nicht von Gott selbst durch den Propheten Nathan angekündigt worden? „Ich, der HERR, sage dir: Aus deiner eigenen Familie lasse ich Unglück über dich kommen.“ (2. Samuel 12,11)
Nachdem David mit und durch Batseba auf vielen Ebenen gesündigt hatte, war das die Ankündigung Gottes als Konsequenz. Nachzulesen im 2. Samuel, Kapitel 12. Ich kann nur ahnen, wie diese Gedanken an David gefressen haben: Bin ich nicht selbst schuld an all dem Unglück? Habe nicht ich versagt und das Ganze erst hervorgebracht?
Auch ich persönlich kenne ein solches Gefühls- und Gedankenchaos aus meinem Leben! Die Gefahr dabei ist, sich in Schuldgefühlen, Scham und Frustration zu verlieren – am Ende aus genau diesen Gedanken heraus vielleicht sogar vor Gott zu fliehen. Ist das nicht die natürlichste Reaktion? Schauen wir, wie David damit umgeht:
Dass die Situation ihn bis ins Mark erschüttert, wird auf jeden Fall sehr deutlich: In Vers 6 beschreibt David eine fast nicht mehr zu ertragende Bedrängnis. Vielleicht sind Sie auch schon einmal bis ins Mark erschüttert worden. Vielleicht auch von einem engen Freund oder einer sehr nahestehenden Person betrogen worden. So etwas kann einem den Boden unter den Füßen wegziehen! „Das Grauen droht mich zu ersticken“ beschreibt David hier deutlich seinen Zustand.
Ab Vers 13 beschreibt David weiter, wie schwer ihn dieser Vertrauensbruch enttäuscht. Sehr ehrlich bringt er nicht nur seine Ohnmacht und Trauer zum Ausdruck, sondern dann auch seinen Zorn: Vers 16: „Der Tod soll meine Feinde wegraffen! Lebendig sollen sie ins Totenreich hinabfahren!“
Ich finde sehr faszinierend, dass David hier gegenüber Gott offensichtlich überhaupt keine Hemmungen hat, seine Gefühle auszudrücken. Völlig ungeschminkt „haut er seine Empfindungen raus!“ Diese Gefühle und Gedanken kenne ich auch nur zu gut! – aber bin ich auch so ehrlich gegenüber Gott? Was mir auch auffällt ist, dass Gott offenbar ganz selbstverständlich Davids Ansprechpartner für diese Themen ist. Er kommt unverblümt und ohne Fassade zu Gott. Unabhängig davon, ob David selbst sogar vielleicht ursprünglich schuld an der ganzen Situation ist.
Hinwendung zu Gott und Vertrauen
Ich glaube, dass genau darin ein Schlüssel liegt: Wie oft habe ich schon bei anderen Menschen über jemanden geschimpft. Das Ergebnis ist dann aber maximal, dass ich mal Luft ablassen kann oder den anderen vor anderen schlecht reden kann. Vielleicht sogar, von meiner eigenen Unzulänglichkeit ablenke. Im Unterschied dazu kommt David zu Gott – zu dem gerechten Richter. Er kommt mit all der Ungerechtigkeit, aber auch in Annahme der eigenen Schuld zu seinem Herrn. Und in seiner Gegenwart bzw. in seinem Licht sieht manches plötzlich anders aus! Er hatte ja persönlich den vergebenden Gott kennen gelernt. Sein Handeln hatte zwar Konsequenzen nach sich gezogen, jedoch nicht den Bruch mit seinem Schöpfer. Gott war damals trotz seiner unsäglichen Schuld barmherzig gewesen. Aus dieser Erfahrung heraus wohl wendet David sich in dieser schweren, von vielen Gefühlen und Gedanken getriebenen Situation nicht von Gott ab, sondern gerade zu ihm hin. Und das verändert alles: Ab Vers 17 gibt es nämlich eine Wendung: Als hätte sich Gott David gezeigt oder zu ihm gesagt: „Hab Mut und Geduld! Ich kümmere mich darum! – denk dran: ich mache keine Fehler.“ Zum Ende hin des Psalms ändert sich die Blickrichtung Davids komplett. Weg von den Ungerechtigkeiten, der Schuld und den Problemen – weg von seiner eigenen Hilflosigkeit – hin zu seinem Gott – hin zum Problemlöser.
Vielleicht ist das genau der Kern, der David zu dem Mann nach dem Herzen Gottes macht: Er war bestimmt kein sündloser Mensch – ganz im Gegenteil! Auch kannte er tiefe Ängste und Sorgen! Fast bis zum Zusammenbruch. Auch kannte David Zorn und ungerechte Gedanken. Ein Mensch mit allem, was das Menschsein ausmacht! Ein Mensch wie Sie und ich…
Und doch kommt er offensichtlich mit all diesen Dingen zu seinem Schöpfer. Er ist bereit, Schuld zuzugeben und seine Gedanken und Gefühle in dessen Hand loszulassen. Das Ganze mündet dann am Ende in den einen und entscheidenden Satz: „Ich aber vertraue auf dich!“
Dieses „aber“ macht für mich genau diesen Unterschied! Ich habe Angst – Trauer – Schuld. Diese Ungerechtigkeit, dieser Schmerz! Ich könnte alle gegen die Wand drücken!!! Das ist meine Wirklichkeit gerade – Gott! Vielleicht ist das sogar gerade Ihre Alltagswirklichkeit?
Ich aber vertraue (trotzdem) auf dich!
Jesus als Zugang zum barmherzigen Gott
Das, was David in Gott damals schon persönlich erlebt hat, ist für uns heute für alle Welt sichtbar und zugänglich geworden – für jeden Menschen zu haben, der sich danach ausstreckt:
Dieser barmherzige Gott ist in Jesus Christus auf diese Welt gekommen, um uns den Vater zu zeigen. Zu ihm können und dürfen wir kommen, wie David es vorgemacht hat. Ehrlich, ohne Angst und Scham. Egal in welcher Situation und was passiert ist!
Ich mache Ihnen Mut dazu und wünsche Ihnen von Herzen, dass auch Sie solche Erfahrungen mit Gott machen, wie David sie in Psalm 55 beschreibt!
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