Das große Ganze von MDR AKTUELL

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Das große Ganze von MDR AKTUELL episodes

  • Rechte der Natur: Wenn Wälder klagen könnten

    Was wäre, wenn Wälder, Berge oder Küstenlandschaften generell eigene Rechte hätten? Was wäre, wenn sie ihre Rechte selbst vor Gericht einklagen könnten? Dieses Gedankenspiel beschäftigt immer mehr Naturschützer, Philosophen, Bürgerinitiativen und Juristen. Auch den Philosophen Tilo Wesche treibt das um. Der Professor für Praktische Philosophie an der Karl von Ossietzky Universität Oldenburg hat gerade ein Grundlagebuch mit dem Titel „Die Rechte der Natur“ herausgebracht. Er sagt, das Problem sei nicht, dass Menschen die Natur nutzten. Es werde aber der Eindruck erweckt, Naturgüter gehörten niemandem, bevor sie von Menschen angeeignet würden. Aber auch, dass Naturgüter kostenlos seien, so als ob die Natur ein Selbstbedienungsladen sei. Ecuador hat 2008 als weltweit erstes Land die Natur als Rechteinhaberin in seiner Verfassung anerkannt, Initiativen in weiteren Ländern folgten. Wesche erklärt, dass es weltweit 200 Fälle gebe. Man dürfe sich das aber nicht so vorstellen, dass es ein Wesen gebe in einem Fluss, den Bergen oder im Wald. Stattdessen übertrage man die Rechte an die Natur, die man den Menschen selbst zuspreche. Wesche plädiert dafür, der Natur Eigentumsrechte zu verleihen. Ein Beispiel: Die Sprösslinge auf einem Feld sollen nicht nur dem bestellenden Bauern gehören, sondern auch dem Feld. Schließlich, so Wesche, leiste die Natur durch ihre Ökosystemdienstleistungen ebenso einen Beitrag zur Wertschöpfung wie Menschen durch Arbeit.Und hier der Link zum MDR-Podcast „Die Fascho-Jägerin?! – Der Fall Lina E. und seine Folgen“.

    38 min
  • KI und Co.: Mensch als Gott oder Sklave?

    Elon Musk arbeitet an Verlinkungen zwischen KI und dem menschlichen Gehirn, ChatGPT und andere Repräsentanten des KI-Booms könnten unser Leben und die Welt grundlegend verändern. Welchen Platz hat der Mensch in dieser neuen Welt? Darüber spricht Lydia Jakobi mit dem Philosophieprofessor Stefan Lorenz Sorgner und dem Filmemacher Philipp von Becker. Die beiden haben zusammen eine Streitschrift mit dem Titel „Transhumanismus“ geschrieben. Der Begriff meint unter anderem, dass wir durch die neuen Möglichkeiten selbst in die Evolution des Menschen eingreifen können. Sorgner blickt optimistisch auf die aktuellen Entwicklungen, von Becker warnt dagegen vor den Folgen.

    Im Streitgespräch geht es um die künftige Rolle des Menschen, um genetische Modifikationen an Embryonen, um Sinn und Unsinn der Ausrottung von bestimmten Krankheiten. Es geht um Künstliche Intelligenz und die Frage, welche Hoffnungen in der technischen Verschiebung menschlicher Grenzen stecken. Und darum, was das alles mit Silicon-Valley-Fantasien zu tun hat.

    54 min
  • Toxische Männlichkeit und Frauenhass

    Was ist ein Mann und was eine Frau? Was können, wollen und sollen sie sein? Diese Fragen sind alles andere als banal. Denn wenig wird in unserer Gesellschaft so gereizt verhandelt wie die Rolle der Geschlechter. Da geht es mal um MeToo, mal um frauenfeindliche Hassrede oder auch um hypermaskuline Staatsoberhäupter wie Putin. Der Literatur- und Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit schreibt seit den 70er Jahren über Männer- und Frauenbilder. Mit seinem Werk „Männerphantasien“ schuf er damals das Kultbuch einer ganzen Generation.

    Lydia Jakobi spricht mit Theweleit über das Phänomen toxischer Männlichkeit. Theweleit sagt, die Geschichte toxischer Männlichkeit reiche Jahrtausende zurück. In der deutschen Geschichte hebt der Schriftsteller unter anderem den Militarismus des Kaiserreichs und den Faschismus hervor. Theweleit sagt, toxische Männlichkeit entstehe, wenn Männer zur Härte erzogen würden und kein eigenes Innenleben entwickeln könnten, also den Umgang mit eigenen Emotionen und Bedürfnissen nicht lernten. Ihr Inneres fülle sich dann mit Angst, die sich unter anderem in Aggressionen gegen Frauen äußere. Damit einher gehe meist ein eliminatorischer Drang, das „Andere“, was man nicht aushalte, auszulöschen – sei es das Christentum, der Islam, der Feminismus, die politische Linke oder gleich ganze Nationalitäten. Universell sei bei toxischer Männlichkeit auch das Bedürfnis nach klaren Hierarchien und Autoritäten sowie die Ablehnung der Demokratie. Queerness, Gendern, die Gleichberechtigung der Geschlechter – all das wird als Bedrohung wahrgenommen.

    Und hier der Link zum Podcast "Bromance Daddys" vom Hessischen Rundfunk.

    42 min
  • Asyl: Verabschiedet sich die EU von ihren Werten?

    Die EU-Innenminister haben einen Asylkompromiss auf den Weg gebracht. Geplant ist eine rigidere Migrationspolitik an den Außengrenzen, inklusive haftähnlichen Bedingungen in Aufnahmeeinrichtungen und Asyl-Schnellverfahren. Befürworter sprechen von einem „Meilenstein“ und einer „historischen Einigung“, Hilfsorganisationen dagegen von „menschenfeindlicher Politik“. Auch Deutschland trägt den Kompromiss mit. Die Einigung fällt in die Zeit des Untergangs eines Flüchtlingsbootes vor der griechischen Küste, bei dem wohl Hunderte Menschen gestorben sind. Seit 2014 sind Schätzungen zufolge mehr als 26.000 Menschen auf dem Weg über das Mittelmeer ertrunken.

    Darüber spricht Lydia Jakobi in dieser Folge mit Naika Foroutan. Sie ist Direktorin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung sowie Professorin an der Humboldt-Universität in Berlin. Als Essayistin schreibt sie außerdem über die postmigrantische Gesellschaft. Und sie hat eine eigene Fluchtgeschichte. Foroutan sagt, der Asylkompromiss stehe Europa nicht gut zu Gesicht: „Die normative Selbsterzählung Europas hat große Brüche bekommen.“ Europäische Werte wie Demokratie, Menschenrechte, Frieden und freien Grenzen stünden zur Debatte, wenn Europa nun als Festung gebaut werde. Die EU erliege einer Illusion, dass mit einer rigideren Grenzpolitik der Migrationsdruck und die Zahl der Toten im Mittelmeer sänken. Und sie mache sich von Diktatoren in ihrem Umfeld abhängig. Die geplanten Aufnahmeeinrichtungen bezeichnet sie als „Gefangenenlager“. Foroutans Fazit zum Asylkompromiss: „Ein naiver Plan.“ Sie plädiert für eine Alternative, einen gewagten Plan mit offeneren Grenzen.

    Jakobi und Foroutan sprechen außerdem über die deutsche Asylpolitik der vergangenen Jahre, die aktuelle Rolle Polens und Ungarns und die Suche nach einer besseren Lösung. Foroutan sagt, Europa verliere viel, wenn es Migration nicht mehr zulasse. Migranten brächten auch Potenziale in jene Länder, in die sie gingen. Und Foroutan vermutet, dass auch weniger der dringend benötigten Fachkräfte kommen, wenn Europa sich Migration von Geflüchteten so massiv verschließe.

    43 min
  • Haben wir in Deutschland eine Klassenjustiz?

    Für diese Podcast-Folge haben wir Olaf Sundermeyer eingeladen, einen exzellenten Kenner der linken und rechten Szene. Seit Jahren recherchiert der Investigativ-Journalist zu politischer Gewalt. Lydia Jakobi spricht mit ihm über das Urteil gegen Lina E. und das ständige Vergleichen von linken und rechten Gewalttaten. Sundermeyer sagt, die Vergleiche führten zu nichts, seien mitunter Ausdruck falscher Solidarität mit den Tätern. Jeder Fall müsse für sich betrachtet werden. Es gebe in einem Rechtsstaat keine Legitimation für politische Gewalt, egal von welcher Seite.

    Auf linken Demonstrationen ist immer wieder der Vorwurf der "Klassenjustiz" zu hören. Im Podcast wird erklärt, wie alt dieser Vorwurf schon ist und warum es dafür keine Belege gibt. Sundermeyer kritisiert jedoch, dass Verfahren nach politischen Gewalttaten viel zu lange dauern. Er sieht im Umgang mit Extremisten deutliche Unterschiede in den einzelnen Bundesländern. Während man in Brandenburg einen konsequenten Kurs gegen Rechtsextremismus verfolge, sei man in Sachsen lange zu nachsichtig gewesen. Generell findet Sundermeyer, dass sich erst nach dem Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke politisch etwas bewegt habe.

    39 min
  • Vier-Tage-Woche und Co: Sofa statt Arbeit

    Die Faulheit hat einen schlechten Ruf. Man soll arbeiten und leisten. Aber das gesellschaftliche Bild, das dahintersteht, ändert sich. Studien zeigen, dass viele Menschen der Arbeit einen geringeren Stellenwert in ihrem Leben einräumen. Begriffe wie Work-Life-Balance werden wichtiger. Es wird über die Vier-Tage-Woche debattiert. Und sie wird getestet in mehreren Ländern.

    Auch die Publizistin und Soziologin Nadia Shehadeh plädiert dafür, häufiger auf dem Sofa zu bleiben und sich dem Leistungsethos zu entziehen. In dieser Folge spricht Lydia Jakobi mit ihr darüber, warum Faulheit so einen schlechten Ruf hat und ob wir ein Recht auf Faulheit brauchen. Shehadeh sagt, der Mensch brauche auch die Ruhe und die Unproduktivität. Für sie hat das Thema noch weitere Dimensionen. Es geht ihr auch um Menschen in schwierigen und schlecht bezahlten Jobs – und um die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Shehadeh erklärt, warum für sie die Vier-Tage-Woche ein Schritt in die richtige Richtung wäre. Aber es bleiben auch Fragen: Kann eine Leistungsgesellschaft funktionieren, wenn man nur ein bisschen mitmacht? Oder sollten wir die Leistungsgesellschaft gleich ganz abschaffen?

    41 min
  • Klima, Migration, Krieg: Die Krisen stapeln sich

    Die Welt befindet sich gefühlt in einem permanenten Ausnahmezustand. Nach der Corona-Krise kamen Krieg und Inflation. Die Klima-Krise ist schon lange da. Armut auch. Ebenso wie die weltweite Armutsmigration. Und die Spaltung westlicher Gesellschaften scheint voranzuschreiten. Die Krisen häufen sich, das erzeugt Unsicherheiten bei den Menschen. Lydia Jakobi hat auf der Leipziger Buchmesse mit Stephan Lessenich darüber gesprochen. Er ist Soziologe und seit 2021 Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung.

    Lessenich sagt, die derzeitige Lebensweise in westlichen Gesellschaften überstrapaziere die Ressourcen unseres Planeten und zerstöre andernorts Lebensgrundlagen. Wir in den reichen Ländern ignorierten das gern. Doch die Krisen der Welt kämen immer mehr auch hier an. Die hiesige Gesellschaft lebe nun in einem „nervösen Zeitalter“, die Entwicklungen beschleunigten sich. Viele Menschen ahnten, dass sich die bisher eingeübten Lebensweisen so nicht fortführen lassen würden, obwohl sie sich das wünschten. Seit der Finanzkrise 2008/2009 hätten die Krisen auch ein neues Niveau. Sie stoßen demnach in die Mitte unserer Gesellschaft vor und sind im Alltag spürbarer. Und Lessenich ergänzt: Die Krisen sind existenzieller, sie steigern sich und verstärken sich gegenseitig. Leider scheitere die Menschheit bei der Lösung der Krisen und verschlimmere die Lage. Noch dazu suggeriere man sich kollektiv, das man handle, ändere aber in den Grundsätzen wenig. Fatalismus, Zynismus, Possibilismus seien die Reaktionsmuster.

    Lessenich sagt, der Umgang mit den Krisen unserer Zeit müsse sich fundamental verändern: „Die Dinge sind so, wie sie sind, aber sie müssen nicht so sein.“

    47 min
  • KI und Chat GPT: Die Ethik des Virtuellen

    ChatGPT und andere KI-Programme scheinen gerade die Welt zu revolutionieren. Man kann den Eindruck gewinnen, dass da eine Entwicklung im Gang ist, die uns geradezu überrollt. Ist das so und was passiert da gerade? Darüber spricht Lydia Jakobi mit Judith Simon. Sie ist Philosophin, Professorin und Expertin für Ethikfragen rund um Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Als solche sitzt sie auch im Deutschen Ethikrat.

    Simon sagt, ChatGPT mache die KI erstmals einer breiten Masse zugänglich. Die KI habe zwar noch keine eigentliche Intelligenz und auch keine Emotionen. Sie simuliere das aber schon ganz gut. Simon verspürt Unwohlsein und eine gewisse Überforderung bei der Geschwindigkeit, mit der die Entwicklung gerade voranschreitet. Etwas mehr Zeit zur Reflexion wäre gut, findet sie. Denn: Die Entwicklung von KI birgt viele Ethikfragen. Dabei geht es laut Simon um das Miteinander von Menschen und KI, genauso um die Ethik bei der Fortentwicklung der Technik.

    Simon ist bei allen Bedenken keine Anhängerin von Untergangsszenarien, die in der Diskussion gerade auch eine große Rolle spielen. Vielmehr sieht sie durchaus positive Aspekte. KI könne Verbesserung in allen Lebensbereichen bringen. Als Beispiele nennt sie die Medizin, öffentliche Meinungsbildung und die Verwaltung. Dem gegenüber stünden aber Schattenseiten. Solche Systeme könnten diskriminieren, die Privatsphäre verletzen und intransparent arbeiten. Deswegen brauche es Regeln. Simon findet auch: „Bestimmte Entscheidungen sollten vielleicht nicht an Maschinen delegiert werden.“

    34 min
  • Artenkiller Mensch

    Der Klimawandel bestimmt seit Jahren große Teile der öffentlichen Debatte. Es geht um Extremwetter, Naturkatastrophen und die fehlenden Antworten der Politik. Wenig geht es darum, dass parallel dazu die Natur um uns herum verstummt. Artensterben – das Thema steht nicht so sehr im Vordergrund wie andere. Dabei erleben wir ein Massensterben.

    "Vom Verschwinden der Arten" – so heißt ein Buch, das im April erscheinen soll. Geschrieben haben es die Journalistin Friederike Bauer und die Biologin Katrin Böhning-Gaese. Im Podcast spricht Lydia Jakobi mit Böhning-Gaese. Diese leitet das Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum in Frankfurt am Main und ist Professorin an der Goethe-Universität Frankfurt. Sie sagt: Wir haben schon zahllose Ökosysteme verloren, ohne, dass dies große Aufmerksamkeit erregt hätte. Dass einige Arten aussterben, sei normal und immer so gewesen. Wie viele Arten derzeit betroffen seien, sei aber beispiellos. Dafür gebe es einen Grund: den Menschen.

    Aber woher kommt die Gleichgültigkeit vieler Menschen? Böhning-Gaese sagt, der Prozess gehe langsam und leise vor sich. Viele Menschen seien auch überfordert mit der Entwicklung – oder hätten den Kontakt zur Natur ganz verloren. Dabei gebe es durchaus Möglichkeiten, die Biodiversität zu erhalten. Man müsse diesen Weg nur konsequent gehen. Dazu gehöre es unter anderem, große Gebiete unter Naturschutz zu stellen. Deutschland müsse hier Vorreiter sein. Und Böhning-Gaese sagt: Wenn wir die Arten schützen, erhalten wir nicht nur die Biodiversität, sondern auch unsere eigene Gesundheit und unser Glück.

    43 min
  • Friedensnobelpreisträgerin über Putins Russland und die Ostdeutschen

    Mit dem Krieg in der Ukraine ist etwas eingetreten, das über Jahrzehnte unvorstellbar schien: ein Territorialkrieg in Europa mit tausenden getöteten Soldaten, mit zivilen Opfern, mit Kriegsverbrechen, Flüchtlingen und ohne greifbare Lösung.

    Irina Scherbakowa ist Historikerin, Germanistin, Übersetzerin und Teil von Memorial. Die russische Menschenrechtsorganisation setzt sich seit Ende der 1980er-Jahre dafür ein, über die Repressionspolitik der ehemaligen Sowjetunion aufzuklären. 2021 wurde sie in Russland verboten. Im vergangenen Jahr erhielt Scherbakowa mit Memorial den Friedensnobelpreis.

    In diesem Podcast spricht Autorin Lydia Jakobi mit Scherbakowa über das Russland unter der Herrschaft von Wladimir Putin. Die Historikerin und russische Exilantin sagt, Diktatur verunstalte die Menschen. So hat sie es in Sowjetzeiten erfahren und erlebt es heute wieder. Sie warnt vor einer gefährlichen Geschichtsvergessenheit und wirft Putin vor, Geschichte zu verfälschen. Er nutze keine Fakten, sondern Mythen, die Menschen von Geschichte hätten. Gegen solche Mythen anzukämpfen, sei sehr schwer.

    Lydia Jakobi fragt auch nach der besonderen Russlandnähe der Ostdeutschen. Die Historikerin sagt, das Leben in Unfreiheit in der DDR habe tiefe Spuren in der Gesellschaft hinterlassen. Die Angst vor der Sowjetunion zeige sich heute in der Einstellung der Ostdeutschen zum Krieg in der Ukraine. Scherbakowa sprach von einer Sorge, dass Russland nie zu besiegen sei. Und genau darauf poche Putin: Die Menschen sollten wieder Angst vor Russland haben.

    41 min

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