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Die Gewalt unter Menschen ist eines der Lebensthemen von Jan Philipp Reemtsma. Er forschte bereits zu ihr, als sie ihn selbst ereilte. 1996 war das, als er, Erbe eines Zigarettenfabrikanten, entführt wurde. 33 Tage wurde er in einen Keller gesperrt, bevor er gegen Lösegeld freikam. Mit Lydia Jakobi spricht er über diese Zeit, über seine Angst, über den Entführer und über die rettende Kraft von Büchern. Heute ist Reemtsma 70 Jahre alt, Sozialforscher, Literaturwissenschaftler und Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung.
Wie sich Gewalt erklären lässt, fragen sich die Menschen immer wieder – Kriege, Massenmorde und andere Gewalttaten. Aktuelle Beispiele: Der Krieg in der Ukraine. Oder auch die Messerattacke in einem Zug in Schleswig-Holstein. Reemtsma kann erzählen, wie die Gewalt die Gesellschaft schon immer prägte, aber auch, wie wir uns heute nicht mehr damit abfinden wollen, wenn sie in unser Leben tritt. Reemtsma sagt: Früher seien Kriege und Gewalt normal gewesen. Heute würden sie skandalisiert – und das sei gut so. Niemals dürfe man sich damit abfinden, gerade jetzt, da in Europa wieder Krieg herrsche.
Lydia Jakobi spricht mit Reemtsma auch über die deutsche Faszination für Krimis und True Crime Podcasts. Reemstma glaubt, die Menschen wollten sich gruseln, immer mit dem Hintergrund, dass sie selbst nicht betroffen seien. Dramatisieren will er das nicht, wenngleich man diese Faszination kritisch hinterfragen könne, auch wegen einer manchmal vorherrschenden Heroisierung von Tätern.
1923 war ein Schicksalsjahr der Weimarer Republik. Mehrere Krisen überlagerten sich. Es gab den Hitler-Putsch. Das Ruhrgebiet wurde besetzt. Eine Hyperinflation fegte das karge Vermögen vieler hinweg, bald ging es nur noch um das tägliche Überleben. Auf dem Höhepunkt konnte man sich für den Lohn des einen Tages am nächsten Tag nicht mal mehr ein Brot kaufen. Dieser Erfahrung trug zur Radikalisierung der deutschen Gesellschaft bei, die schließlich in den Nationalsozialismus mündete.
2023 hat Deutschland auch mit einer Inflation zu kämpfen, außerdem mit Energiekrise, Klimakrise und einem Krieg in Europa. Was lässt sich da aus dem Krisenjahr von 1923 lernen beziehungsweise wo liegen Gemeinsamkeiten und Unterschiede? Darüber spricht Lydia Jakobi mit Jutta Hoffritz, Wirtschaftswissenschaftlerin und Autorin aus Hamburg, die jüngst ein Buch über das Krisenjahr 1923 veröffentlicht hat. Sie hat in ihrer eigenen Familie erfahren, wie die Inflation von damals bis heute nachwirkt.
Hoffritz erklärt, wie es zur Hyperinflation kam. Wie es begann mit Anleihen bei den Bürgern während des Krieges, mit Schulden und Reparationen nach dem Krieg. Dann begann Deutschland, die Notenpressen anzuschmeißen und Geld zu drucken. Was folgte, war Elend bei den Menschen, das bis heute nachwirkt. Es hat Urängste erzeugt. Damals wirkten die Umstände laut Hoffritz wie „Radikalisierungdünger“. Im Jahr 2023 erinnern sich die Deutschen daran, denn auch jetzt stapeln sich die Krisen. Hoffritz erklärt, was die Parallelen sind – und wo sie enden.
Ob Wissen, Arbeit oder Kekse: Der Mensch ist ein teilendes Wesen. Teilen heißt aus Sicht der Evolution Überleben. Keine Erfindung, nicht mal unser Gehirn, wäre in der heutigen Form denkbar, wenn Menschen nicht miteinander kooperiert hätten. Doch angesichts der sich zuspitzenden Verteilungskämpfe scheint es, als müssten wir diese Gabe wieder lernen. "Wenn man Kinder fragt, was sie am liebsten möchten, ist es das Szenario, wo beide Kinder einen Keks kriegen. Schimpansen wäre es eher egal, ob der andere auch einen Keks bekommt", sagt die Neurowissenschaftlerin Franca Parianen. Sie hat zum Thema Teilen und dessen Wert geforscht, darüber geschrieben und tritt dazu auch als Science-Slammerin auf. Lydia Jakobi spricht mit ihr darüber, warum teilen nicht gleich abgeben heißt und warum und wie wir die Begeisterung über den Wert des Teilens neu entdecken sollten.
Das Alleinsein hat keinen festen Platz in unserer Gesellschaft. Wer die Einsamkeit sucht, wird nicht selten schief angeschaut. Die Autorin Sarah Diehl hat nun ein Buch geschrieben, das ein Plädoyer für das Alleinsein und die Einsamkeit ist. In "Die Freiheit, allein zu sein - eine Ermutigung" legt sie dar, warum es aus ihrer Sicht wichtig ist, dass Menschen Räume haben, in denen sie einsam sein können. Das biete Unabhängigkeit und Privatsphäre. Nur wer auch mal allein sei und mit sich im Reinen, könne in der Gesellschaft seinen Platz finden. Diehl geht noch weiter, wenn sie sagt: Wer unfähig sei, allein zu sein, falle nicht selten dem politisch Radikalen anheim.
Für Diehl ist das Alleinsein auch ein wichtiges Mittel auf dem Weg zur Gleichberechtigung der Frauen. Denn während beispielsweise allein umherziehende oder reisende Männer positiv als Abenteurer gälten, gebe es bei Frauen kein vergleichbar positiv besetztes Bild. Überhaupt sei die Geschichte der Frau eine Geschichte des Entzugs am Recht auf Privatsphäre und das Alleinsein. Diehl sagt das mit Blick auf das Rollenverständnis in Familien, in denen Frauen lange allein für Kinder und pflegebedürftige Alte zu sorgen hatten. Sie ermutigt Frauen, allein die Welt zu erkunden und auf Reisen zu gehen.
Egal ob in der Energie- oder der Klimakrise: Die Menschen sollen sich einschränken und verzichten. Waschlappen statt Duschen, nicht mehr in die Sauna gehen, weniger Fleisch, weniger Auto fahren. Können uns die Appelle an die private Lebensführung aus der Krise retten? Und woher kommt die Empörung über eine vermeintliche "Verbotskultur"? Wie viel Verantwortung darf man dem Individuum aufladen, wo kann es vielleicht systemischen Verzicht geben? Fragen wie diese kann der Politik- und Wirtschaftswissenschaftler Philipp Lepenies von der FU Berlin beantworten, der zuletzt ein Buch mit dem Titel "Verbot und Verzicht" veröffentlicht hat.
Egal ob es ums Klima, um Corona oder Diskriminierung geht: Die Moral ist omnipräsent. Doch häufig wird über sie geschimpft. Dann ist von „Gutmenschen“ oder „Moraldiktatur“ die Rede. Der Schriftsteller Jörg Uwe Albig hält dagegen. Er sagt: Ohne Moral würde es keinen zivilisatorischen Fortschritt geben. Stimmt das?
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