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Im lauten Getümmel einer Großstadt, am Rand einer dicht befahrenen Straße, gesäumt von riesigen Beton- und Glasbauten, steht ein Mann auf dem Gehwegpflaster. Er wirkt ernst und heruntergekommen. Kein Schirm schützt ihn vor dem einsetzenden Regen. Lediglich seine Schultern zieht er höher, bis diese eine Linie mit seiner offenbar selbstgestrickten, aber stark verschlissenen Mütze zu bilden scheinen. Den Kragen seines alten Mantels kann er nicht selber hochklappen, um die Kälte des Windes erträglicher zu machen, vielmehr hält er mit beiden Händen und verkrampften Fingern ein großes Pappschild auf dem steht: „Das Ende ist nahe!“
Passanten machen einen Bogen um ihn, wechseln die Straßenseite, tuscheln hinter vorgehaltener Hand oder ignorieren ihn einfach. Manche belächeln ihn, manche ärgert sein Anblick, die meisten aber streifen ihn nur mit abschätzigen Blicken und setzen ihren Weg fort.
Beim Lesen des Bibeltextes kommt mir dieses Bild in den Sinn. Die seltsame Anmutung dieses einsamen Apokalyptikers ergibt sich zum einen aus seinem Umfeld. Mitten im lebendigen Großstadtgewühl, zwischen Shopping-Mall und Frühschoppen bringt jemand die Botschaft vom nahenden Ende. Zum anderen sind es die unzähligen Versuche von Menschen aus früheren Zeiten, die eine ähnliche Botschaft unter das Volk zu bringen suchten und damit genauso scheiterten; nicht zuletzt deswegen, weil das Ende tatsächlich nie eintrat.
Gehören Jesu Endzeitreden ebenfalls in den Bereich apokalyptischer Fieberträume oder einer resignierten und angstbeladenen Weltsicht?
Zunächst fällt mir dazu am Bibeltext etwas auf, was Jesu Worte in einen grundsätzlich anderen Zusammenhang stellt als den kurzen Satz: „Das Ende ist nahe!“, auf dem Pappschild. Jesus spricht auch vom Ende, doch er weist gleichzeitig darüber hinaus. Sein Gleichnis mit dem Feigenbaum, der neu austreibt, und an dem man die kommende Sommerzeit ablesen kann, ist ja genau das Gegenteil von einem Ende im Sinne von Resignation und Hoffnungslosigkeit. Gemeint ist das Ende der Winterzeit, des Abgestorbenseins, der Leblosigkeit. So, wie ein Feigenbaum beginnt, neu zu sprossen, so findet neues Leben seine Bahn, entstehen neue Möglichkeiten, beginnt eine neue Zeit. Jesu Rede vom Ende ist daher eigentlich die Botschaft vom Anfang: „Das Alte vergeht, siehe, Neues wird entstehen (vgl. 2.Kor 5,17).“
Doch das Vergehen des Alten ist ein schmerzender Prozess. Liebgewordene Gewohnheiten und Strukturen verlieren sich, Grundsätzliches kommt ins Wanken, Gewissheiten lösen sich auf. Wie tiefgehend die kommenden Veränderungen sein werden, zeigt Vers 24. Eine Anspielung auf den vierten Schöpfungstag, an dem die Gestirne geschaffen wurden, ihre Bahn und ihre Aufgabe erhielten. In der Ankündigung des Endes brechen diese Strukturen auf. Das Ende der alten Schöpfung ist auch das Ende des Kosmos, das Ende der Zeit, das Ende des Lebens und das Ende unseres Seins. Das macht Angst. Doch auch diesen apokalyptischen Beschreibungen setzt Jesus hoffnungsvolle Bilder entgegen. So, wie Sonne und Mond ihren Glanz verlieren, zeigt sich ein neues Licht. So, wie der Himmel zerbricht, kommt Christus „in den Wolken mit großer Kraft und Herrlichkeit (V.26)“. Und so, wie die Menschen nichts fest- und aneinanderhalten kann, so bringt er sie „vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels (V. 27)“ wieder zusammen zu einer neuen Gemeinschaft.
Jesus ist mehr als ein verzweifelter Apokalyptiker, mehr als ein Mahner in der Wüste und mehr als ein Mann mit Pappschild auf dem das Ende beschworen wird.
Aber gerade deswegen, weil Jesus mehr ist, nicht nur der gemarterte und Gekreuzigte, sondern auch der Auferstandene und Beginn der Neuschöpfung, sollte ich zuhören, was er noch zu sagen hat. Seine Worte sind das Einzige, was bleibt. Das Einzige, was das Alte mit dem Neuen verbindet, das Einzige, was ich bereits hier ergreifen kann, aber im Kommenden erfassen darf.
Und Jesus redet im Text eben nicht nur vom Ende und vom Neuanfang, sondern mahnt auch zur Wachsamkeit. Was bedeutet das? Ich verstehe das Wachbleiben so, dass ich mich als Christ nicht in dieser Welt einrichte, mich nicht ihren Regeln unterwerfe, mich nicht selbstgefällig zurücklehne und so tue, als käme es nur auf mich an. Kurz: Ich bin dazu aufgerufen, mein Leben und diese Welt als etwas Vorläufiges anzusehen. Alles, was ich tue und lasse, soll in der Erwartung des kommenden Christus und des neuen Lebens geschehen. Das hat nichts mit Weltentsagung zu tun, sondern vielmehr damit, Gottes Wort in dieser Welt zu leben, Liebe zu üben, zu erhalten und zu bewahren, zu helfen und zu gestalten. Nunmehr aber nicht in dem Bewusstsein, dass ich diese alte Welt und mein Leben festhalten könnte, sondern mit Blick auf das Kommende soll ich mich an dem orientieren, was Bestand haben wird. Und das ist Gottes Wort, seine Gebote, seine Zusagen, seine Liebe.
Jesu Mahnung zur Wachsamkeit heißt demnach einerseits nicht an den Zuständen dieser Welt zu verzweifeln, andererseits aber auch nicht, sich eine angenehme Nische zu suchen, um sich darin einzurichten. Es zählt allein, ob ich in Beziehung zu ihm mein Leben führe. Und das ist ein „Full-Time-Job“. Was diese Beziehung anbelangt, soll ich nicht ruhen, nicht nachlassen, nicht aufgeben, nicht bequem werden – nein, ich soll wachsam sein. Nicht zuletzt, weil das Ende unmittelbar bevorsteht. Nicht in dem Sinn, dass es dafür schon ein fixes Zeitfenster gäbe, sondern vielmehr in dem Sinn, dass für mich das Ende doch schon seit meiner Geburt in Sicht ist. Wie viel Zeit mir noch bleibt, weiß ich nicht. Daher gilt für mich tatsächlich: „Das Ende ist nahe!“ Deshalb will ich wach bleiben und mein Heil nicht im Gegenwärtigen suchen oder vor diesem Jetzt resignieren. Vielmehr bringt der Blick über die Alte Welt hinaus das Potential, in ihr zu wachsen.
Nach Jesu Endzeitrede beginnt seine Passion – sein persönliches Ende. Sein Leiden aber ist nur der letzte Schritt zur Auferstehung. Bin ich bereit, diesen Weg mitzugehen?
Autor: Ralf Krumbiegel
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By ERF - Der Sinnsender5
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Im lauten Getümmel einer Großstadt, am Rand einer dicht befahrenen Straße, gesäumt von riesigen Beton- und Glasbauten, steht ein Mann auf dem Gehwegpflaster. Er wirkt ernst und heruntergekommen. Kein Schirm schützt ihn vor dem einsetzenden Regen. Lediglich seine Schultern zieht er höher, bis diese eine Linie mit seiner offenbar selbstgestrickten, aber stark verschlissenen Mütze zu bilden scheinen. Den Kragen seines alten Mantels kann er nicht selber hochklappen, um die Kälte des Windes erträglicher zu machen, vielmehr hält er mit beiden Händen und verkrampften Fingern ein großes Pappschild auf dem steht: „Das Ende ist nahe!“
Passanten machen einen Bogen um ihn, wechseln die Straßenseite, tuscheln hinter vorgehaltener Hand oder ignorieren ihn einfach. Manche belächeln ihn, manche ärgert sein Anblick, die meisten aber streifen ihn nur mit abschätzigen Blicken und setzen ihren Weg fort.
Beim Lesen des Bibeltextes kommt mir dieses Bild in den Sinn. Die seltsame Anmutung dieses einsamen Apokalyptikers ergibt sich zum einen aus seinem Umfeld. Mitten im lebendigen Großstadtgewühl, zwischen Shopping-Mall und Frühschoppen bringt jemand die Botschaft vom nahenden Ende. Zum anderen sind es die unzähligen Versuche von Menschen aus früheren Zeiten, die eine ähnliche Botschaft unter das Volk zu bringen suchten und damit genauso scheiterten; nicht zuletzt deswegen, weil das Ende tatsächlich nie eintrat.
Gehören Jesu Endzeitreden ebenfalls in den Bereich apokalyptischer Fieberträume oder einer resignierten und angstbeladenen Weltsicht?
Zunächst fällt mir dazu am Bibeltext etwas auf, was Jesu Worte in einen grundsätzlich anderen Zusammenhang stellt als den kurzen Satz: „Das Ende ist nahe!“, auf dem Pappschild. Jesus spricht auch vom Ende, doch er weist gleichzeitig darüber hinaus. Sein Gleichnis mit dem Feigenbaum, der neu austreibt, und an dem man die kommende Sommerzeit ablesen kann, ist ja genau das Gegenteil von einem Ende im Sinne von Resignation und Hoffnungslosigkeit. Gemeint ist das Ende der Winterzeit, des Abgestorbenseins, der Leblosigkeit. So, wie ein Feigenbaum beginnt, neu zu sprossen, so findet neues Leben seine Bahn, entstehen neue Möglichkeiten, beginnt eine neue Zeit. Jesu Rede vom Ende ist daher eigentlich die Botschaft vom Anfang: „Das Alte vergeht, siehe, Neues wird entstehen (vgl. 2.Kor 5,17).“
Doch das Vergehen des Alten ist ein schmerzender Prozess. Liebgewordene Gewohnheiten und Strukturen verlieren sich, Grundsätzliches kommt ins Wanken, Gewissheiten lösen sich auf. Wie tiefgehend die kommenden Veränderungen sein werden, zeigt Vers 24. Eine Anspielung auf den vierten Schöpfungstag, an dem die Gestirne geschaffen wurden, ihre Bahn und ihre Aufgabe erhielten. In der Ankündigung des Endes brechen diese Strukturen auf. Das Ende der alten Schöpfung ist auch das Ende des Kosmos, das Ende der Zeit, das Ende des Lebens und das Ende unseres Seins. Das macht Angst. Doch auch diesen apokalyptischen Beschreibungen setzt Jesus hoffnungsvolle Bilder entgegen. So, wie Sonne und Mond ihren Glanz verlieren, zeigt sich ein neues Licht. So, wie der Himmel zerbricht, kommt Christus „in den Wolken mit großer Kraft und Herrlichkeit (V.26)“. Und so, wie die Menschen nichts fest- und aneinanderhalten kann, so bringt er sie „vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels (V. 27)“ wieder zusammen zu einer neuen Gemeinschaft.
Jesus ist mehr als ein verzweifelter Apokalyptiker, mehr als ein Mahner in der Wüste und mehr als ein Mann mit Pappschild auf dem das Ende beschworen wird.
Aber gerade deswegen, weil Jesus mehr ist, nicht nur der gemarterte und Gekreuzigte, sondern auch der Auferstandene und Beginn der Neuschöpfung, sollte ich zuhören, was er noch zu sagen hat. Seine Worte sind das Einzige, was bleibt. Das Einzige, was das Alte mit dem Neuen verbindet, das Einzige, was ich bereits hier ergreifen kann, aber im Kommenden erfassen darf.
Und Jesus redet im Text eben nicht nur vom Ende und vom Neuanfang, sondern mahnt auch zur Wachsamkeit. Was bedeutet das? Ich verstehe das Wachbleiben so, dass ich mich als Christ nicht in dieser Welt einrichte, mich nicht ihren Regeln unterwerfe, mich nicht selbstgefällig zurücklehne und so tue, als käme es nur auf mich an. Kurz: Ich bin dazu aufgerufen, mein Leben und diese Welt als etwas Vorläufiges anzusehen. Alles, was ich tue und lasse, soll in der Erwartung des kommenden Christus und des neuen Lebens geschehen. Das hat nichts mit Weltentsagung zu tun, sondern vielmehr damit, Gottes Wort in dieser Welt zu leben, Liebe zu üben, zu erhalten und zu bewahren, zu helfen und zu gestalten. Nunmehr aber nicht in dem Bewusstsein, dass ich diese alte Welt und mein Leben festhalten könnte, sondern mit Blick auf das Kommende soll ich mich an dem orientieren, was Bestand haben wird. Und das ist Gottes Wort, seine Gebote, seine Zusagen, seine Liebe.
Jesu Mahnung zur Wachsamkeit heißt demnach einerseits nicht an den Zuständen dieser Welt zu verzweifeln, andererseits aber auch nicht, sich eine angenehme Nische zu suchen, um sich darin einzurichten. Es zählt allein, ob ich in Beziehung zu ihm mein Leben führe. Und das ist ein „Full-Time-Job“. Was diese Beziehung anbelangt, soll ich nicht ruhen, nicht nachlassen, nicht aufgeben, nicht bequem werden – nein, ich soll wachsam sein. Nicht zuletzt, weil das Ende unmittelbar bevorsteht. Nicht in dem Sinn, dass es dafür schon ein fixes Zeitfenster gäbe, sondern vielmehr in dem Sinn, dass für mich das Ende doch schon seit meiner Geburt in Sicht ist. Wie viel Zeit mir noch bleibt, weiß ich nicht. Daher gilt für mich tatsächlich: „Das Ende ist nahe!“ Deshalb will ich wach bleiben und mein Heil nicht im Gegenwärtigen suchen oder vor diesem Jetzt resignieren. Vielmehr bringt der Blick über die Alte Welt hinaus das Potential, in ihr zu wachsen.
Nach Jesu Endzeitrede beginnt seine Passion – sein persönliches Ende. Sein Leiden aber ist nur der letzte Schritt zur Auferstehung. Bin ich bereit, diesen Weg mitzugehen?
Autor: Ralf Krumbiegel
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