ERF Plus - Bibel heute

Das Vaterunser


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Jesus betet. Das tut er immer wieder. Er zieht sich zurück und betet, ganz für sich allein, zum Beispiel auch nach der Speisung der Fünftausend, in der Fassung von Matthäus. Matthäus schildert diese Szenerie in seinem Evangelium so: Erst gibt er durch ein Wunder 5000 Menschen Essen. Dann schickt er seine Jünger los, sie sollen mit einem Boot über den See Genezareth fahren. Sie tun es, die Volksmenge bleibt aber erst einmal bei Jesus. Schließlich schickt er auch sie weg und steigt allein auf einen Berg, um für sich zu sein und um zu beten, ganz allein.

Der Sohn Gottes spricht mit seinem Vater. Für ihn gehört das zum normalen Tagesablauf. Und die Jünger sehen wohl auch immer wieder, wie intensiv er mit seinem Vater spricht. Auch hier im Lukasevangelium, Kapitel 11, betet Jesus wieder. Als er aufgehört hat, bittet ihn einer seiner Jünger, er solle ihn und die anderen das Beten lehren. Ich glaube, die Jünger waren beeindruckt davon, wie Jesus mit seinem Vater sprach. Wahrscheinlich haben sie gespürt, dass das Gebet für Jesus eine Kraftquelle war. Das wird einige Zeit später im Garten Gethsemane deutlich, als Jesus im Gebet Kraft für den schweren Weg bekommt, der vor ihm liegt, den Weg zum Kreuz und in den Tod.

Aber so weit ist es jetzt noch nicht. Die Jünger wollen also wissen, wie man beten soll. Das ist eine wirklich gute Frage, die ich mir auch schon öfter gestellt habe. Wie soll ich jetzt beten? Was soll ich Gott sagen? Hört er auf mich? Oder wird er wütend, weil ich dummes Zeug rede? Oder vielleicht selbstsüchtig nur für mich bete? Es gibt Menschen, die haben Angst zu beten. Das habe ich selbst schon erlebt. Weil sie zu unsicher sind, und Gott ihnen so weit weg und riesig erscheint.

Wahrscheinlich war das vor 2000 Jahren, als Jesus hier auf der Erde sichtbar lebte, auch nicht anders. Die Menschen wollten zu Gott kommen, mit ihm reden. Aber wie? Die Jünger möchten, dass Jesus ihnen zeigt, wie man betet; der Sohn Gottes musste es ja am besten wissen. Und Jesus erklärt es ihnen. Durch ein Gebet, das wir heute als Vaterunser kennen. Es wird in vielen Gottesdiensten jede Woche gebetet. Es ist ein Muster, ein Beispielgebet. Das ganz viel aussagt, über Gott und über uns Menschen.

Es beginnt mit einer direkten Anrede: Vater! So sollen wir Menschen den allmächtigen Gott nennen. Vater, das klingt vertraut. Der Vater ist Teil der Familie, er soll seine Frau und seine Kinder beschützen und leiten, so steht es in der Bibel. Und Gott will für die Menschen ein liebender, beschützender Vater sein. Und er ist noch mehr: menschliche Väter zeugen ihre Kinder. Und Gott hat jeden einzelnen Menschen geschaffen, hat bestimmt, wie er aussieht, wie er spricht, wie sein Wesen ist. Er ist wirklich der Vater aller Menschen. Der Apostel Paulus nennt ihn im Brief an die Epheser den Vater von allem, was lebt und existiert (Epheser 3,14.15).

Und mit dieser vertrauten Anrede darf ich zu Gott kommen und zu ihm sprechen. Zu diesem Vater darf ich Vertrauen haben. Er ist nicht weit weg, er ist ganz nah. Eben wie ein Vater, der auf seine Kinder hört. Jeder kann zu ihm kommen und so zu ihm reden, ganz vertraut und intim. Jesus selbst sagt das, also muss es stimmen.

Das Gebet geht nach der Anrede so weiter: „Dein Name werde geheiligt“. Geheiligt: das heißt herausgehoben, abgesondert. Etwas Besonderes.

Das erinnert mich an das wohl wichtigste Gebet im Judentum. Das „Schma Jisrael“, zu deutsch: „Höre Israel“. Es steht im 5. Buch Mose, Kapitel 6, Vers 4:

„Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer.“

Fromme Juden tragen diese Worte u. a. in einer kleinen Kapsel an der Stirn, zwischen den Augen, damit sie es nie vergessen. Im 5. Buch Mose steht auch, dass diese Worte ein Merkzeichen zwischen den Augen sein sollen.

„Der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer.“ Das heißt: Gott ist der Herr von allem, was lebt. Auch von uns Menschen, egal, ob wir an ihn glauben oder nicht. Er ist der Herr, es gibt keinen anderen Gott. Er ist einzig, herausgehoben, heilig. Der Name Gottes ist einzigartig, wie Gott selbst. Und wenn seine Geschöpfe das anerkennen, heiligen sie ihn. Heiligen heißt verehren, sich unterordnen. Anerkennen, dass Gott wirklich der Herr ist.

Das fällt leider oft sehr schwer. Ich kenne das jedenfalls. Zu häufig will ich mein eigener Herr sein. Und das ist ein sehr menschliches Problem, seit Adam und Eva. Die wollten nämlich auch das machen, was ihnen gefiel, nicht, was Gott ihnen gebot. Und aßen vom Baum der Erkenntnis. Die erste Sünde. Eine Katastrophe, die die Trennung von Gott begründete.

Aber Jesus sagt, dass jeder Mensch zu Gott, dem Vater kommen kann. Jederzeit. Dazu gehört allerdings auch, sich ihm unterzuordnen, anzuerkennen, dass er der Herr meines Lebens ist. Mein Herr. Ein liebender Herr, dem ich vertrauen kann, deshalb kann ich ja Vater zu ihm sagen. Er ist kein Tyrann, sondern er sorgt für alle, die zu ihm kommen. Gibt Kraft und Trost, schenkt Freude. Und gibt Wegweisung. Zeigt, was ich tun soll. Durch sein Wort, die Bibel.

Seinen Namen sollen die Menschen also heiligen. Und sein Reich soll kommen. Reich heißt im biblischen Sinn an dieser Stelle Königsherrschaft. Damit ist aber kein Staat gemeint, wie Deutschland oder die USA. Das Reich Gottes ist zum einen die Gemeinschaft aller Menschen, die an ihn glauben und sich ihm unterordnen. Diese Gemeinschaft soll immer größer werden, das bedeuten die Worte „dein Reich komme“. Aber nicht nur das. Jesus spricht an anderer Stelle vom zukünftigen Reich Gottes. Er wird nämlich wieder zurückkommen auf die Erde. Dieses Mal nicht als normaler Mensch, geboren in einem Stall. Sondern als König der ganzen Welt. Als Herrscher der Heerscharen, vor dem jedes Knie sich beugen wird. Auch dieses Reich soll kommen. „Maranatha, komme bald“, das sagen Juden wie Christen. Sie alle hoffen, dass dieser König bald kommt. Und das drückt auch das Vaterunser-Gebet aus.

„Gib uns unser täglich Brot“: eine sehr verständliche Bitte. Alle Menschen brauchen etwas zu essen. Und dass wir in Deutschland mehr als genug zu essen haben, das ist eine sehr neue Entwicklung. Sogar noch vor 100 Jahren war das für viele ärmere Menschen auch in Deutschland nicht selbstverständlich. Ein Grund, Gott sehr dankbar zu sein, finde ich.

 

Gott bitten, dass er unsere Sünden vergibt. Jeder Mensch sündigt, sagt die Bibel, es gibt keinen, der gerecht ist, auch nicht einen. Selbst wer in Gedanken sündigt, zum Beispiel seinem Nächsten etwas Böses wünscht, sündigt. Also, ich habe Vergebung nötig, wie alle Menschen. Aber vergebe ich auch dem, der an mir schuldig geworden ist? Jesus fordert mich in diesem Gebet heraus, wirklich selbst zu vergeben. Das ist immer Arbeit, nie leicht, aber Gott will, dass wir vergeben, damit er uns auch vergeben kann.

„Und führe uns nicht in Versuchung“, betet Jesus noch. Manchmal ist die Versuchung groß:  Auch, wenn ich andere sehe, die erfolgreich sind, kann mich das in Versuchung führen, neidisch zu werden.

Ich soll aber Gott bitten, dass er es nicht zulässt, dass ich in Situationen gerate, die mich überfordern, dass ich zusammenbreche, verzweifle, den Glauben verliere.

Gott ist mein Vater, der es gut mit mir meint. Jesus Christus will für jeden die Kraftquelle sein, immer und überall.

Autor: Jens Wellhöner

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