ERF Plus - Bibel heute

Das Verbot des Zinsnehmens und die Einlösung von Schuldsklaven


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Auf den ersten Blick geht es im heutigen Bibeltext um den Umgang mit Finanzen, Zinsen, Schulden und gar Sklaverei in einer altorientalischen Gesellschaft. Dem zweiten Blick offenbart sich ein anderes, auch für uns heute direkt relevantes Thema, nämlich die Frage nach Barmherzigkeit gegenüber Mitmenschen und der Gleichwertigkeit aller Menschen vor Gott.

Im damaligen Israel besaßen Familien als Erbrecht Land zur Selbstversorgung. Dieses Land konnte nicht verkauft werden, weil es im Grunde Gott selber gehörte und den Menschen im Rahmen des Auftrags zur „Bebauung und Bewahrung“ der Schöpfung nur anvertraut war.

Nun konnte es aber passieren, dass jemand – aus welchen Gründen auch immer – „verarmt und nicht mehr bestehen kann“, so lesen wir in Vers 35. Diese Notsituation sollte nicht ausgenutzt werden. Jeder kann in solch eine Lage kommen und dann soll mit ihm nicht unbarmherzig verfahren werden. Der Versuchung, diesem israelitischen Bruder jetzt Waren mit Preisaufschlag zu verkaufen oder ihm Geld mit hohen Zinssätzen zu leihen, sollte man widerstehen. Zinsen konnten in der Antike bis zu 60% betragen und führten häufig zum vollkommenen wirtschaftlichen Zusammenbruch des Schuldners.

Solche Form von Zinsen waren Israeliten untereinander und in der Folge auch der Kirche Jesu Christi verboten. Auch Martin Luther wetterte mit Leidenschaft gegen die Erscheinung des Wuchers, der Ausnutzung der Notlage von Menschen, um sich selbst zu bereichern. Trotzdem setzte sich aber im Lauf der Jahrhunderte der Zins durch, wenn auch in einer anderen Form, nämlich als Investitionszins. Es geht hierbei aber nicht um eine Notlage, sondern um die Ermöglichung einer wirtschaftlichen Unternehmung, die ohne fremdes Geld nicht möglich wäre. Diese Investition in die Zukunft sollte dem Unternehmer so viel Gewinn verschaffen, dass er davon den Eigentümer des geliehenen Geldes entschädigen konnte. Denn diesem, dem Eigentümer des Geldes, war ja tatsächlich ein Schaden entstanden: Solange das Geld verliehen war, konnte er nicht selbst darauf zugreifen und das Geld für seine eigenen Wünsche einsetzen. Der Zins belohnt also den Geldverleiher dafür, dass er den Wunsch, sich etwas Schönes zu gönnen, aufgeschoben hat.

Da Juden zwar untereinander auf Zinsen verzichteten, aber ihnen Zinsgeschäfte mit Christen möglich waren, wurden sie quasi in die Rolle der Geldleiher gedrängt, da ihnen viele andere Berufe durch die damaligen Zunftrechte verboten waren.

Nach der Reformation beflügelte die Abkehr vom grundsätzlichen Zinsverbot die Wirtschaft der evangelischen Landesteile und auch auf katholischem Gebiet fand das Zinsverbot immer seltener Anwendung, bis es schließlich 1830 durch Papst Pius VIII offiziell aufgehoben wurde.

In unserem Text geht es aber um nicht um unternehmerisches Handeln, sondern um die konkrete Not eines Menschen und die Ungeheuerlichkeit, dies durch hohen Zins und Wucher auszunutzen.

„Ich bin der HERR, euer Gott, der euch aus Ägyptenland geführt hat, um euch das Land Kanaan zu geben und euer Gott zu sein“, so lesen wir in Vers 38.

Alle verdanken ihr Leben, ihr Land und ihre Freiheit auf gleiche Weise Gott. Das gemeinsame Stehen vor dem Angesicht Gottes, das gemeinsame „Sich-Gott-in-allem-Verdanken“ schafft eine Gleichheit und eine Solidarität, die durch Zinswucher nicht verletzt werden darf.

Für den Fall, dass es zu einem wirtschaftlichen Totalzusammenbruch eines Bruders kommt – also im schlimmsten Fall der Fälle, so lesen wir ab Vers 39, dann ordnet der Bruder sich (und seine Familie) einem wirtschaftlich erfolgreichen Israeliten unter. Vielleicht würden wir heute sagen: Er begibt sich unter die Hand eines Insolvenzverwalters. Dieser soll sicherstellen, dass der Schuldner gut versorgt und behandelt wird, damit er durch seine Arbeit für die Begleichung seiner Schulden aufkommen kann. Nicht wie ein unfreier Sklave, sondern wie ein geringfügig Beschäftigter soll er behandelt werden.

Wie lange er dort arbeiten musste, darüber gibt es verschiedene Angaben. Nach dem 2. Buch Mose, Kapitel 21,2 und dem 5. Buch Mose, Kapitel 15,12 sind es sieben Jahre, unser Text spricht vom Zeitraum bis zum Erlassjahr, das nur alle 49 Jahre begangen werden sollte, und von dem nicht ganz klar ist, wie und ob es in der Geschichte Israels praktisch angewandt wurde.

Eines aber ist klar: Das Ziel ist immer die Barmherzigkeit mit dem in Not Geratenen und seine Freiheit. Er und seine Familie sollen „zu seiner Sippe und wieder zu seiner Väter Habe (also seinem Grund und Boden), kommen, wie es in Vers 41 heißt.

Warum aber sollen Israeliten einander nicht zu Sklaven machen, wie lautet die Begründung? Letztlich, so die Begründung Gottes in Vers 42 und 43, sind alle Israeliten auf gleiche Weise Knechte Gottes, da Gott sie aus Ägyptenland in die Freiheit geführt hat. Wie kann dann ein Sklave, ein Knecht den anderen versklaven, in Unfreiheit bringen? Statt in Not geratene Mitmenschen mit Härte und Lieblosigkeit zu behandeln, solle man sich darum sorgen, wie man von Gott Empfangenes weiterreicht und selber sein eigenes Handeln vor den Augen Gottes rechtfertigen kann. So sollte man den Auftrag, sich zu fürchten vor deinem Gott aus Vers 43 wohl verstehen.

Unser heutiges Bibelwort kennt kein Wort der Verurteilung des in Not geratenen Bruders. Gott rechnet mit der Möglichkeit von Zusammenbrüchen in unserem Leben. Für Menschen, die Jesus Christus nachfolgen, lautet daher die erste Frage nicht, wie es denn bloß zu dieser „dummen Situation“ kommen konnte. Nachfolgern Jesu stellt sich die Frage: „Wie kann ich jetzt in dieser Situation eine echte Hilfe sein, dass der Andere wieder auf die Beine kommt?“

Hier soll uns das schlichte Hören auf die Worte Jesu Mut machen: „Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will,“ wie wir es im Evangelium nach Matthäus, Kaptiel 5 Vers 42 lesen.

Jesus fordert uns auf, die Not zu sehen und nicht das Versagen. Wir dürfen den „Bruder oder die Schwester im Glauben“ achten und dabei lernen, an den Gelegenheiten, uns überlegen zu fühlen, vorbeizugehen. Und dann gilt es zu helfen, … wo es uns möglich ist und so gut es uns möglich ist.

Autor: Holger Bauer

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