Im Morgengrauen des 22. Mai 1843 kletterten in der kleinen Stadt Independence im US-Bundesstaat Missouri etwa eintausend Männer, Frauen und Kinder auf ihre weiß bedachten, von Ochsen gezogenen Planwagen, oder bestiegen ihre Pferde, und brachen auf. Wohin es ging? Immer nach Westen. Durch die Prärie, über die Rocky Mountains bis an den Pazifik. Im Gefolge des ersten, großen Oregon-Trecks: 5000 Stück Vieh, Rinder. Und die Angst, vor Überfällen der Indianer. Die war allerdings unbegründet, viel größer war die ganz alltägliche Gefahr, vom Pferd zu fallen, im Fluss zu ertrinken oder von einer Schlange gebissen zu werden. In den Oregon Blue Mountains, gar nicht mehr weit vom Ziel, blieb der Zug stecken. Die Pioniere mussten erst einen Pfad durch den Wald schlagen und verloren fast ihren gesamten Besitz. Anfang Oktober hatten die Siedler nach rund 3500 beschwerlichen Kilometern ihre neue Heimat erreicht, das fruchtbare Willamette Valley im Nordwesten des Kontinents. Jeden Sommer sollten nun weitere große Trecks folgen. Insgesamt zogen 350.000 Menschen über den Oregon-Trail. Dann wurden Eisenbahnschienen verlegt, die Ära der Planwagenzüge ging zu Ende. Was blieb: ein nationaler Mythos. Von der Eroberung des Wilden Westens durch weiße Siedler, von Abenteuer und Freiheit, Wagemut und Pioniergeist. Der Planwagen wurde zur Ikone, die Lagerfeuerromantik zum Sehnsuchtsbild. Erst in den 1980er Jahren lenkte eine kritische Geschichtsschreibung den Blick auf die Kehrseite der vermeintlichen zivilisatorischen Zähmung der Wildnis: ökologische Zerstörung, desolate Indianerreservate, verlassene Geisterstädte, tragisch gescheiterte Existenzen.