ERF Plus - Bibel heute

Der Prophet als Wächter über Israel


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Versuchen Sie mal, sich in die Situation zu versetzen, dass Sie einen mehr als herausfordernden Auftrag erhalten und halsstarrige Menschen zu einer massiven Lebensveränderung bewegen müssen. Verweigerung hätte schwerwiegende Konsequenzen für beide Seiten - fast wie eine Todesstrafe. Was Gott hier dem Propheten androht, ist unglaublich. Und ein zuvor ergangener Hinweis, dass fremde Völker viel eher für Gottes Botschaft offen sind als Israel, ist für Hesekiel gewiss keine Ermutigung. Da hilft es auch nicht, wenn Gott ihn vorab bittet, die Schriftrolle mit den Worten Gottes zu essen und diese im Mund des Propheten süß schmeckt. Aber das wäre die Wirkung von Gottes Wort - übertragen gesagt.

Doch was könnte das für eine Wirkung auf andere Völker haben, wenn Gottes Volk durch seinen Gehorsam zeigt, was und wer der Gott Israels ist?

Gelobt sei die Herrlichkeit des HERRN an ihrem Ort!,“ heißt es in diesem Bibeltext. Dort, wo Gott verehrt wird, wird Israel zum Lob Gottes finden. Aber wie, wenn sie Unrecht tun, wenn sie so leben, als gäbe es Gott nicht?

Hesekiel sieht sich für seine Botschaft auf übernatürliche Weise plötzlich unter die Menge der Verbannten versetzt. Hier muss er erst einmal verdauen, was ihm zugemutet und von Gott samt drastischen Konsequenzen für das Volk, aber auch für ihn selbst genannt wird. Selbst anfangs gerecht gelebt zu haben, bewahrt nicht vor Konsequenzen späteren Unrechts.

Worte wie: „Ich hab´ es ja nicht gewusst, man hat es mir nicht gesagt,“ wären keine Ausrede für Israel, nur weil der Prophet sich verweigert. Vielmehr heißt es: „Denn weil du ihn nicht gewarnt hast,“ spricht Gott zu Hesekiel, „wird er um seiner Sünde willen sterben, und seine Gerechtigkeit, die er getan hat, wird nicht angesehen werden; aber sein Blut will ich von deiner Hand fordern.

Viele nicht einfache Fragen wirft dieser Text auf.

Diesen Text als biblische Botschaft einzuordnen, kann mir Kopfschmerzen bereiten, der ich an einen Gott der Liebe glaube. Und ich mag gar nicht daran denken, diesen Text in unser heutiges Christsein so zu übertragen. Mancher mag dabei einen unerklärlichen Druck verspüren, jedem Menschen, der ihm über den Weg läuft, den Glauben warnend schildern zu müssen, als wäre er verpflichtet, es einem Johannes, dem Täufer, gleich zu tun, der die Bevölkerung zur Buße aufrief.

Ganz anders hört sich das Wort Jesu aus der Bergpredigt an, dass es nicht meine Worte, sondern meine Werke sind, die Menschen in meinem Umfeld dazu bringen, Gott zu loben. Und Gottes Langmut und Geduld gewährt Menschen den Raum zur Umkehr – so Paulus. Oder sollte ich besser sein Wort an Timotheus wählen, zur Zeit und zur Unzeit Gottes Lehre weiterzugeben? Oder ist alles eine Frage der Verhältnismäßigkeit zwischen Wort und Tat?

Und was ist, wenn ich es vielleicht verpasst oder die Attraktivität der Botschaft durch Fehlverhalten vermasselt habe? Bin ich dann schuldig an dem verlorenen Seelenheil anderer? Besser lasse ich die Kirche im Dorf und den Hesekiel in seiner Situation.

Ob er oder andere Propheten – sie hatten einzigartige Aufträge, die Sie und ich nicht kopieren sollten. Spezielle Berufungen lassen sich auch nicht von einem Prinzip her übertragen, so als müssten wir das Wort Gottes zu allen Zeiten und in allen Umständen herausposaunen, vielleicht wie jener selbsternannte Verkündiger, der sich im Verkehrsstau auf die Autobahn stellte und anfing zu predigen.

Gewiss, Petrus empfiehlt, bereit zu sein, über unsere Hoffnung zu sprechen, über das Was und Warum – vielleicht auch dann, wenn ich innerlich mit mir ringe, ob oder ob nicht?

Aber was können Sie und ich hier aus diesem Text mitnehmen?

Ein wenig mehr gewinne ich aus dem Hesekieltext, wenn ich bedenke, dass Propheten des Alten Testaments auch ein Wächteramt hatten. Wachen sollten sie, nicht über die Fehler des Volkes, sondern über die Botschaft. Ein Sprachrohr Gottes sollten sie sein. Eine Schlüsselfunktion hatten sie für das ganze Volk Israel und durch deren gelebten Glauben auch für andere Völker.

Vergessen wir nicht, dass wir heute auf eine ganze Bibel zurückgreifen können, während dem Volk Israel das eine oder andere Prophetenbuch nicht mal schriftlich vorlag. Sie, die Israeliten, waren viel mehr von der Treue eines hörenden, wachsamen und gehorchenden Propheten abhängig als heute eine christliche Gemeinde von einem einzelnen Verkündiger.

Berufung könnte das Stichwort sein, das mir hier im Verständnis entscheidend weiterhilft. Berufen, sagt Paulus, sind Christen zu Werken, die Gott im Voraus bereitet hat. Ob mit kleinen oder größeren Aufgaben – unter Jesu Führung kann ich einen entscheidenden Beitrag für andere leisten, ihnen zum Segen und Gott zur Ehre.

Vielleicht ist es ein genereller oder einzelner Dienst, eine freundliche Tat, ein guter Gedanke meines Herzens, die dem Menschen, den Gott Ihnen über den Weg schickt, entscheidende Hilfe, Rat, Anstoß, Kraft oder Ermutigung ist. Und auch ich selbst spüre es dann, dass Gottes Absicht vollgespickt ist mit Hoffnung und Lebensmut – ganz im Sinn seiner ursprünglichen Botschaft, dem Evangelium, der guten Nachricht.

Autor: Pastor Michael Maas

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